Der hermeneutische Zirkel bei Hans-Georg Gadamer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
18 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Die Idee des hermeneutischen Zirkels in der neueren Hermeneutik

2. Gadamers Auffassung des hermeneutischen Zirkels
2.1 Kritik an Schleiermachers differenzierter Betrachtung
2.2 Heideggers ontologische Wende
2.3 Gadamers Heidegger-Adaption und seine Erweiterung

3. Kritik des Verstehenszirkels
3.1 Allgemeine Kritik an der hermeneutischen Perspektive und Methode
3.2 Bedeutungsvarianten des hermeneutischen Zirkels
3.3 Sechs Interpretationsdilemmata

4. Ist Stegmüllers Kritik haltbar?

5. Literaturverzeichnis

1. Die Idee des hermeneutischen Zirkels in der neueren Hermeneutik

Der hermeneutische Zirkel, ursprünglich aus der antiken Rhetorik stammend, ist seit Anfang des 19. Jahrhundert in der neueren Hermeneutik ein vielfach betrachtetes Thema. In der philosophischen Hermeneutik sprechen als erster Friedrich Ast[1] und im Anschluss an ihn Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher[2] von der „Zirkelstruktur des Verstehens“ oder auch vom „hermeneutischen Zirkel“ als einem hermeneutischem Grundprinzip. Im Allgemeinen bezeichnet dieser originär das Verhältnis zwischen der Auslegung der Teile und des Ganzen etwas Auszulegendem und bezieht sich auf das Verstehen an sich. Bei der Interpretation muss zum einen das Ganze betrachtet werden, um das Einzelne zu verstehen, das Ganze kann jedoch nur verstanden werden, wenn das Einzelne verstanden wird. Somit stehen Ganzheit und Teile beispielsweise eines auszulegenden Textes in einem Zirkelverhältnis. Dies lässt sich auch anhand folgender formaler Struktur illustrieren: Das Verständnis von A setzt die Kenntnis von B voraus, das Verständnis von B aber setzt wiederrum die Kenntnis von A voraus[3]. Der Zirkel enhält also eine Paradoxon: nämlich das, was verstanden werden soll, muss schon vorher irgendwie verstanden worden sein.

Der Charakter und die Reichweite der Zirkelbewegung wurden in der hermeneutischen Philosophie der Gegenwart unterschiedlich definiert: bei Schleiermacher kommt es zu einer inhaltlichen Wendung hin zum Verhältnis zwischen einem Teil des Bewusstseins– und Handlungslebens einer Person sowie der Ganzheit ihres Lebens, des sozialen Milieus oder der historischen Epoche, wohingegen der traditionelle Begriff von Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer wiederaufgenommen wurde.

Der Fokus dieser Betrachtung liegt zum einen auf der Beschreibung und kurzen Skizzierung der gadamerschen Philosophie des Verstehenszirkels und seiner argumentativen Entwicklung. Gadamer kann als Brennpunkt wesentlicher Positionen des hermeneutischen Zirkels in der neuzeitlichen Philosophie verstanden werden, da er in der Kritik und Adaption insbesondere von Schleiermacher und Heidegger sein eigenes Konzept erarbeitet. Zum anderen soll diese Position mit grundsätzlichen – logischen oder inhaltlichen – Problemen, welche der hermeneutische Zirkel aufwerfen kann, kritisch abgeglichen werden, wie z.B. seiner vermeintlichen Unauflösbarkeit oder ob es sich hierbei überhaupt um einen Zirkel handelt.

2. Gadamers Auffassung des hermeneutischen Zirkels

Gadamers Analyse beginnt mit der Kritik der sich ändernden Bedeutung des hermeneutischen Zirkels in der neuzeitlichen Philosophie[4]. Er reduziert die Geschichte des Verstehenszirkels auf die wichigen, weil inhaltlich konträren Positionen Schleiermachers und Heideggers, um seine eigene Position, gleichsam im Kontrast und in Anlehnung an diese, herauszuarbeiten. Für ihn ist es logisch gesehen klar, dass ein Zirkel vorliegt[5]. In Anlehnung an Heidegger beschreibt er den für das Verstehen seiner Meinung nach notwendigen Zirkel folgendermaßen: „So läuft die Bewegung des Verstehens stets vom Ganzen zum Teil und zurück zum Ganzen. Die Aufgabe ist, in (konzentrischen) Kreisen die Einheit des verstandenen Sinnes zu erweitern. Einstimmung aller Einzelheiten zum Ganzen ist das jeweilige Kriterium für die Richtigkeit des Verstehens.“[6].

2.1 Kritik an Schleiermachers differenzierter Betrachtung

Schleiermacher betrachtet den hermeneutischen Zirkel differenziert, nach seiner subjektiven und objektiven Seite hin. Beide werden durch die komparative (vergleichende) und divinatorische (im Sinne von: unmittelbar ahnend oder einfühlend) Methode präzisiert. Erst indem beide Seiten betrachtet werden, kann sich das Verstehen vollenden. Gadamer sieht in der differenzierten Betrachtung eine zu isolierende Beschreibung des Verstehens und somit eine „Verflachung ins Methodische“[7]. Denn einerseits sollte man die subjektive Seite nicht – wie es Schleiermacher tut – als ein Hineinversetzen in die seelische Verfassung des Autors durch einen divinatorischen Akt verstehen, sondern als ein Hineinversetzen in dessen Meinung. Verstehen würde in diesem Kontext dann die „Teilhabe am gemeinsamen Sinn“ bedeuten[8]. Er korrigiert damit die für ihn falsche Bestimmung der subjektiven Seite des hermeneutischen Zirkels. Andererseits aber behauptet vor allen Dingen die These von der objektiven Seite ein „geschichtliches Bewusstsein von universalem Umfang“, einer allgemein zu verstehenden Geschichte an sich[9]. Dementsprechend kann das Werk eines Literaten nur im Zusammenhang mit der entsprechenden literarischen Gattung verstanden werden. Dieses Verständnis des hermeneutischen Zirkels, als Möglichkeit des Verstehens von Universalität hält Gadamer für einen inhaltlichen „Bruch“ mit der (traditionellen) Hermeneutik[10]. Entschieden inhaltlich bestimmt wurde die Hermeneutik vor aber auch nach Schleiermacher, indem es um die „Vermittlung zweier (Anm. des Verfassers: unterschiedliche) Traditionselemente“ ging, beispielsweise der Antike und des Christentums.

2.2 Heideggers ontologische Wende

Bei Heidegger erhält der hermeneutische Zirkel seine inhaltliche Bedeutung zurück, indem dem Zirkel ein ontologisch positiver Sinn zugesprochen wird, den Gadamer - in heideggerscher Manier - als „Vorstruktur des Verstehens“ bezeichnet[11]. Sprich, der Verstehenszirkel beinhaltet „die positive Möglichkeit ursprünglichsten Erkennens“[12], wenn der Auslegungsprozess entschlossen sachgemäß vollzogen und nicht bedingt durch willkürliche Einfälle irritiert wird. Die situative Vorurteilstruktur des Verstehens stellt also ein ontologisch positives Merkmal des Verstehens dar, durch die das Verstehen ausgearbeitet wird. Ontologisch bedeutet bei Gadamer meist universal. Der Zirkel ist deshalb universal, weil jedes Verstehen durch Vorurteile bedingt ist. Die Vorurteile können verstanden werden als „transzendentale `Bedingungen des Verstehens´“[13]. Insgesamt bedeutet dies also, dass die Wahrheitssuche aufgrund von Sinnerwartungen oder Antizipationen erfolgt.

Wie kann der Prozess des Verstehens im Kontext der Vorurteilsstruktur näher beschrieben werden? Das Vollziehen der Auslegung, kann als ein Entwerfen begriffen werden, indem das Ganze – entsprechend einem angenommenen Sinn – erwartungsvoll vorweggenommen wird. Das Verstehen besteht nun darin, den Vorentwurf ständig zu revidieren, anhand dessen, was sich dem erwarteten Sinn entgegenstellt. Die Aufgabe des Verstehens stellt also einen beständigen Prozess des Neu-Entwerfens dar – der selbstredend konkurrierende Auslegungen nebeneinander zulässt – indem die Vormeinungen auf ihre Legitimation hin überprüft werden. Entscheidend ist aber hierbei, sich der „eigenen Voreingenommenheit“[14] bewusst zu sein. Das qualitativ Neue an Heideggers Betrachtung des hermeneutischen Zirkels besteht nach Gadamer gerade darin, dass die Auslegung vom Vorverständnis dauerhaft geprägt ist. Der Zirkel stellt also nicht bloß eine rein formale Beziehung dar, mit dem das Auslegen angemessen beschrieben werden kann, sondern das Ganze etwas Auszulegendem wird ahnend vorweggenommen und nachfolgend im Einzelnen ausgearbeitet.

2.3 Gadamers Heidegger-Adaption und seine Erweiterung

Gadamer übernimmt die heideggersche Ausarbeitungsidee von Vorurteilen. Wie gesehen besagt sie, dass Vorurteile nicht beseitigt, sondern anerkannt und ausgearbeitet werden sollen. Aber in diesem Zusammenhang ist Gadamers Position bezüglich der heideggerschen Forderung das Verstehen sachangemessen auszuarbeiten, problematisch. Denn Gadamer bezweifelt, die sachangemessene Bestätigung durch die Vorurteilsstruktur[15]. Dies bleibt nach Grondin ein offener und ungeklärter Widerspruch in Gadamers Hermeneutik. Denn später relativiert Gadamer - in Anlehung an Heidegger - seine erste Einschätzung. Das Kriterium der Sachangemessenheit wird durch verstehende Entwürfe möglich. Antizipationen sollen durch kritisch reflektiertes Verstehen bewusst gemacht werden.

Für Gadamer ist aber eigentlich die wesentlich kritische Frage der Hermeneutik überhaupt, nicht so sehr die, ob es sich um einen Zirkel handelt, sondern die Frage nach der Trennung von richtigen und falschen Vorurteilen. Dies hängt eng zusammen mit der Frage, wie man zu sachangemessenen Vorentwürfen kommt. Zwar kann es hier kein eigentliches Kriterium geben – das ja gerade der Historismus geliefert hat und Gadamer vehement als rein reduzierte Methodik sowie als metaphysisches Kriterium kritisiert –, so doch aber Indizien. Das entscheidende Indiz ist für ihn die Produktivität des Zeitenabstandes [16] . Konkret bedeutet dies, dass sich Interpretationsansätze durch den geschichtlichen Rückblick bewähren müssen. An der Überlieferung und der Rezeptionsgeschichte eines Werkes, die beide unter dem Begriff der Wirkungsgeschichte zusammengefasst werden, lässt sich ein Prinzip herleiten, von dem sich alles Verstehen bestimmen lässt[17]. Das Bewusstsein bzw. Bewusstmachen dieser Wirkungsgeschichte als – nach Gadamer – Notwendigkeit, die sich aus der Forderung nach Sachangemessenheit ergibt, bildet den Hintergrund alles Erkennbaren. Dieses sogenannte wirkungsgeschichtliche Bewusstsein bezeichnet einerseits ein spezifisches Bewusstsein, welches das eigene konstitutiert und andererseits die Klärung der Geschichtlichkeit durch die Ausarbeitung der Vorurteilsstruktur. Allerdings ist diese mögliche Aufklärung begrenzt, da sie persönlichen aber vor allen Dingen allgemeinen Grenzen unterliegt. Dieser Ausarbeitungsprozess stellt also dementsprechend eine nie endbare Aufgabe dar.

Gadamer erweitert die heideggersche Position um den Begriff des Vorgriffs der Vollkommenheit, der allerdings eher zur generellen Frage nach der Aufgabe von Hermeneutik überleitet. Als eine inhaltliche Bedingung allen Verstehens, besagt der Begriff, „daß nur das verständlich ist, was wirklich eine vollkommene Einheit von Sinn darstellt“[18]. Anders formuliert bedeutet dies: der Sinn eines Textes, der keine Einheit darstellt, wird bezweifelt. Es bedeutet darüber hinaus, dass die Auslegung geleitet wird „von transzendenten Sinnerwartungen […], die aus dem Verhältnis zur Wahrheit des Gemeinten entspringen“[19]. Die Bestimmung des Vorgriffs der Vollkommenheit meint also zweierlei: zum einen bildet der Sinn etwas Auszulegendem eine Einheit, zum anderen entspricht er der (vollkommenen) Wahrheit. In dessen Folge stellt also das Sachverständnis für Gadamer analog zu Heidegger die erste hermeneutische Bedingung dar, von dem sich bestimmt, „was als einheitlicher Sinn vollziehbar wird“[20].

Zusammenfassend kann man sagen, dass es Gadamer insgesamt um das Erkunden des wirkungsgeschichtlichen Bewusstseins geht. Es betrifft den Nachweis des universalen und spezifisch hermeneutischen Charakters der Welterfahrung. Nach ihm bedeutet Verstehen nicht wie bei der vorheideggerschen Hermeneutik [21] das nachträgliche und deshalb rein reproduktive Verstehen eines fremden Sinngehalts, sondern ein Selbst-, ein Sichverstehen. Der (auszuarbeitende) Sinn wird auf die eigene Situation angewandt. Verstehen ist dementsprechend nicht wie bei Schleiermacher ein allmähliches Besserverstehen, sondern ein persönliches „Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen“[22]. Im Gegensatz zum von Gadamer heftigst kritisierten historizistischen, methodisierenden oder auch psychologisierenden Ansatz wird bei ihm die Bedeutsamkeit (der Situation) des interpretierenden Subjekts betont.

Genau an diesem Punkt seiner Argumentation fällt die Bestimmung des Verstehens durch den dialogischen Ansatz: Vestehen ist nicht so sehr die Erfassung eines Sinngehalts, als vielmehr der Vollzug eines Gesprächs[23]. Dieses Merkmal des Gesprächs führt zur gadamerschen Sprachhermeneutik. Verstehen bei Gadamer meint Sprachverstehen, welches aus einer sich entwickelnden Tradition resultiert zu der man selbst immer dazugehört. Die Sprache vollzieht sich also im Gespräch. In einem Dialog gibt es nur Fragen und Antworten, die wieder neue Fragen aufwerfen. Dieser Prozess stellt sich dementsprechend als stetiger dar. Da Worte aber nicht das erschöpfen können, was an geistigem Potential vorhanden ist, bedeutet das innere Wort bei Gadamer vor allen Dingen das Gespräch. Sprachlichkeit des Verstehens meint also in erster Linie die Suche nach der Sprache als Ausdruck für unser Innerstes[24]. Das innere Gespräch soll, um Sprache richtig verstehen zu können immer mitvollzogen werden. Dieser Prozess des Mitvollzugs begründet die Universalität der Hermeneutik. Trotz der theoretischen Unklarheit des „Universalitätsbegriffes“ bei Gadamer meint dieser – nach Auffassung Grondins – die Universalität der Sprachdimension, als wesentliches Element unseres Weltverständnisses.

3. Kritik des Verstehenszirkels

Es stellt sich nun die Frage, ob der hermeneutische Zirkel ein unproblematisches und in sich geschlossenes Prinzip für die Hermeneutik darstellt oder ob nicht insbesondere logische Schwierigkeiten in seinem Umgang auftreten. Stegmüllers Betrachtung des hermeneutischen Zirkels soll stellvertretend für logisch orientierte Kritiken einige Schwierigkeiten dieses Prinzips aufzeigen. Er versteht den Verstehenszirkel als den rationalen Kern der Auszeichnungsthese[25] der Geisteswissenschaften, wobei er eine Einteilung der Wissenschaften aus wissenschaftstheoretischen Gründen für zweifelhaft hält. Um das Phänomen des hermeneutischen Zirkels besser verstehen zu können, wirft er sowohl die Frage, was denn eigentlich mit diesem gemeint ist, als auch was sich unter dessen (vermeintlicher) Unauflösbarkeit verstehen lässt, auf.

3.1 Allgemeine Kritik an der hermeneutischen Perspektive und Methode

Zunächst stellt sich für ihn die Bezeichnung des Phänomens insgesamt als falsch dar, weil man weder von dem bestimmten Zirkel sprechen kann, da es sich um kein klar umrissenes Phänomen handelt, noch wird der Ausdruck des Verstehens[26] korrekt verwendet, da der Verstehenszirkel „nichts für irgendeine Form des Verstehen Spezifisches“[27] darstellt. Darüber hinaus erscheint ihm das Bild des Zirkels als unangebrachter Ausdruck, weil es sich hierbei um keinen Zirkel handelt. Obwohl Stegmüller explizit sowohl die hermeneutische Entstehungsgeschichte als auch die Hermeneutik als Ganzes für die Betrachtung des Verstehenszirkels ausblenden will, bringt er einen Exkurs zu allgemeinen logischen Schwierigkeiten im Umgang mit hermeneutischer Literatur. Formal und wissenschaftstheoretisch schwierig hält er die bildhaft-metaphorische Sprache der Hermeneutik, die ihre Bilder fälschlicherweise als präzise Begriffe interpretiert, aber auch die Verwischung von Objekt- und Metaebene[28] (eines auszulegenden Werkes), die Unklarheit des Status von hermeneutischen Schlüsselbegriffen, wie der Begriff des Vorurteils oder des Verstehens. Zur Illustration seiner Argumentation soll beispielsweise der Begriff des Vorurteils dienen: es kann sich nicht um den Alltagsbegriff handeln, da dieser bloß negativ und nicht wie bei Gadamer auch positiv verwendet wird. Auch kann es sich bei dem Begriff nach Stegmüller um keinen terminus technicus handeln, da seine explizite Definition fehlt. Schließlich – so Stegmüller – könnte man argumentieren, dass sich solch ein Begriff einer scharfen Defintion entzieht und damit dadurch die definitorische Unschärfe gerechtfertigt sei. Allerdings wäre dann aber auch unklar, welche Theorie diese Einschätzung begründen könnte. Darüber hinaus sind für ihn häufig vorkommende psychologistische Bezeichnungen einiger Hermeneutiker, die er nicht benennt und schließlich die Beispielanalysen am weitaus problematischsten, welche in der Hermeneutik zur Verdeutlichung dienen sollen, sich aber hauptsächlich nur auf die Interpretation religiöser Texte beziehen.

Ungeachtet der vermeintlichen Richtigkeit der vorgebrachten Kritik kann man Stegmüllers z.T. nicht klar explizierte und polemische Kritik an der Terminologie der Hermeneutik insgesamt als nicht weiter begründete (persönliche) Stellungnahme beurteilen, die sich eines anderen Wissenschaftsbildes bedient. Die eigentliche Schwierigkeit im Umgang mit dieser Kritik betrifft vor allen Dingen sein Hinweis sich bloß mit dem hermeneutischen Zirkel kritisch auseinandersetzen zu wollen und eine generelle Kritik der Hermeneutik zu ersparen, die er dann dennoch vornimmt. Es scheint, als soll seine exkursorische Kritik eine Art Vorschuss auf das für ihn eigentliche Problem des hermeneutischen Zirkels leisten.

3.2 Bedeutungsvarianten des hermeneutischen Zirkels

Der wohl wesentliche Aspekt Stegmüllers kritischer Ausarbeitung stellt die differenzierte Betrachtung des hermeneutischen Zirkels dar. Es werden sechs verschiedene Bedeutungen der Wendung des hermeneutischen Zirkels hervorgehoben[29], weil sie bestimmte Arten von heterogenen – z.T. wissenschaftstheoretischen – Schwierigkeiten für die betreffenden Wissenschaften aufwerfen und sich als Interpretationsdilemmata darstellen[30]. Bereits hier wird deutlich, was sich durch Stegmüllers gesamte Kritik durchzieht: der hermeneutische Zirkel bezeichnet im wesentlichen allgemeine und grundsätzliche Interpretationsprobleme aller Disziplinen, welche sich als Schwierigkeiten hinter der Idee des Verstehenszirkels verbergen. Denn hinsichtlich der Auszeichnungsthese der Geisteswissenschaften durch den hermeneutischen Zirkel lässt sich nach Stegmüller kein expliziter Grund dafür finden, warum dieses allgemeine Bild des Zirkels – welches er auch nur als solches versteht – nicht auch auf metatheoretische Phänomene, insbesondere auch auf solche anwendbar ist, die naturwissenschaftliche Phänomene betreffen. Vorweggenommen werden soll, dass die ersten vier Dilemmata in ihrem Geltungsbereich nicht nur auf genuin geisteswissenschaftliche Phänomene anwendbar sind, sondern grundsätzliche Probleme aller Wissenschaftsdisziplinen betreffen. Lediglich das letzte, das Dilemma der Unterscheidung von Hintergrundwissen und Fakten hingegen betrifft ein Problem, welches spezifisch für die historische Erkenntnis ist. Im Folgenden sollen die unterschiedlichen Dilemmata kurz hinsichtlich dessen vorgestellt werden, was Stegmüller unter ihnen versteht, ob und inwiefern es geisteswissenschaftliche Probleme sind und schließlich ob sie unaufhebbar sind.

3.3 Sechs Interpretationsdilemmata

Der erste Problembereich, den der hermeneutische Zirkel aufwerfen kann wird als eigensprachliches Interpretationsdilemma bezeichnet, welches in den Geisteswissenschaften auftauchen kann, es aber nicht notwendig muss. Darunter ist zu verstehen, dass man bei der Interpretation eines Textes, der in der Sprache des Interpreten formuliert ist von der Intention des Autors ausgehen muss, – dies wird auch durch den wissenschaftstheoretischen Terminus “Oberhypothese” bezeichnet – welche sich im Interpretationsverlauf als falsch herausstellen kann. Aufgabe ist es nun eine widerlegte Oberhypothese durch eine geeignetere zu ersetzen. Die Schwierigkeit, also das eigentliche Interpretationsdilemma besteht nun darin, dass eine korrekte Oberhypothese nur durch das Verständnis des Textes aufgestellt werden kann, dieses Verständnis allerdings kann nicht ohne verfügbare Oberhypothese erlangt werden.[31] Dieses Dilemma ist für Stegmüller nicht unüberwindbar, sondern durch die Überprüfung konkurrierender Interpretationshypothesen aufhebbar[32]. Das – für Stegmüller – „radikale“ Gegensatzpaar „unüberwindbar“ vs. „überwindbar“ wird somit durch die Alternative der „Prüfung am Einzelfall“ relativiert.

Das fremdsprachliche Interpretationsdilemma hingegen, welches ebenfalls nicht notwendig in den Geisteswissenschaften auftauchen muss, unterscheidet sich vom ersten dadurch, dass ein zu interpretierender Text in einer dem Interpreten fremden Sprache abgefasst ist[33]. Am Beispiel der ausgestorbenen Sprache ergibt sich der angebliche Zirkel dadurch, dass der Text vor dem Hintergrund der damaligen Lebenspraxis interpretiert werden muss, diese allerdings dem Interpreten bereits bekannt sein muss, um die Sprache wiederum zu verstehen. Nach Stegmüller handelt es sich hierbei erneut um keinen Zirkel, sondern um ein Dilemma, welches dadurch zu lösen ist, indem man andere Relikte als Texte oder tradierte Bräuche heranzieht, die von dieser Zeit berichten. Zwar beschränkt sich diese Problematik auf die interpretierenden Geisteswissenschaften, allerdings kann dieser Schwierigkeitstyp auch aufgrund seiner formalen Struktur in anderen Wissenschaften auftreten.

Das Problem des theoretischen Zirkels als dritte Bedeutungsvariante des hermeneutischen Zirkels bezeichnet den Umgang mit Funktionsbegriffen. Die Problematik besteht im Verständnis eines theoretischen Terms, der das Verstehen der Theorie voraussetzt in welcher der Term vorkommt. Ohne näher zu beschreiben warum, besteht nach Stegmüller hier die Gefahr eines vitiosen Zirkels aus welchem seine Unaufhebbarkeit folgen könnte. Dieses Problem kann in jeder Wissenschaft auftauchen, die theoretische Begriffe verwendet.

Das vierte Dilemma, das der Standortgebundenheit des Betrachters – Historiker oder Interpret – lässt sich auf zweifache Weise verstehen. Zum einen dadurch, dass jede Interpretation ein Vorverständnis voraussetzt aus dem der Interpret niemals ganz herauskommen kann, da er Vor-Urteile benutzt, die prinzipiell unüberprüfbar für ihn sind. Stegmüller bezweifelt allerdings die Möglichkeit eines Beweises dieser These. Zum anderen kann man Standort aber auch unter dem kuhnschen wissenschaftstheoretischen Terminus „Paragidma“ verstehen[34]. Das (wissenschaftliche) Paradimga eines Interpreten hat in diesem Kontext nur die Aufgabe eines nicht kritisch überprüften Instrumentes. Der hermeneutische Zirkel wird hier also allgemein als Unaufhebbarkeit der Standortgebundenheit oder des Vorverständnissess des Interpreten aufgefasst. Analog hierzu fasst Stegmüller die Verfügbarkeit einer Theorie[35] für das Vorverständnis des Interpreten auf. Daraus würde folgen, bedingt durch die (vermeintliche und nicht weiter begründete) „Theorienschwäche“ der Geisteswissenschaften, dass der hermeneutische Zirkel gar kein spezifisch geisteswissenschaftliches Phänomen darstellt, im Gegenteil. Der Term „Zirkel“ hat für Stegmüller in diesem Kontext bloß metaphorische Bedeutung.

Das Bestätigungsdilemma als weitere Bedeutungsvariante des hermeneutischen Zirkels betrifft die Möglichkeit jedes Argument der Hypothese eines Interpreten durch ein Gegenargument der Alternativhypothese eines anderen Interpreten zu kontern[36] – beide Thesen sind dabei falsifizierbar. Wesentlich ist hier, dass nicht aufgrund objektiver Kriterien, sondern aufgrund eines subjektiven Gefühls des Interpreten die Entscheidung für eine Interpretation gefällt wird, wobei nicht-experimentelle Naturwissenschaften ebenfalls davon betroffen sein können.

Das sechste und letzte Interpretationsdilemma, das der Unterscheidung von Hintergrundwissen und Fakten enthält für Stegmüller ein Problem, welches ausschließlich für die (historischen) Geisteswissenschaften typisch ist. Da der Interpret bereits bei der Faktenbeschreibung sein in die Deutung gelegtes Hintergrundwissen aus der Beschreibung holt, ist es für ihn nur plausibel, warum das Interpretationsverfahren wie ein Zirkel erscheint. Exemplarisch wird dafür ein Fall illustriert, bei dem sich die Fakten (beobachtbare Daten) nicht klar vom Hintergrundwissen trennen lassen, da kein Kriterium zu ihrer Unterscheidung gebracht wird. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht wären dies im Falle des Hintergrundwissens beispielsweise allgemeine Gesetzeshypothesen. Es handelt sich also bei dem Hintergrundwissen um kein nomologisches Wissen, wie beispielsweise vergleichbar in den Naturwissenschaften. Dieses Dilemma hält Stegmüller für die am meisten gebrauchte Bedeutung, welche sich hinter der These von der Unaufhebbarkeit des hermeneutischen Zirkels verbirgt, wobei er den Zirkel in diesem Kontext hier für unaufhebbar hält.

4. Ist Stegmüllers Kritik haltbar?

Stegmüllers Kritik ist insgesamt nicht deutlich genug ausgearbeitet. Sie spart mit Begründungen und weiterführenden Beispielen, insbesondere im Zusammenhang mit den logischen Schwierigkeiten im Umgang mit hermeneutischer Literatur, was grundsätzlich einen kritischen Umgang mit seiner Analyse erschwert. Zudem ist es fraglich, ob der Begriff des Dilemmas das Problem des hermeneutischen Zirkels so lösen kann, wie es auf den ersten Blick erscheint. Doch diese kritische (aber z.T. polemische) Betrachtung enthält einige interessante Gesichtspunkte, die in der hermeneutischen Literatur so explizit nicht zu finden sind und damit der näheren Betrachtung bedürfen. Daher soll im Folgenden eine Konfrontation wesentlicher Ideen seiner Kritik mit der Hermeneutik Gadamers erfolgen. Insgesamt lässt sich Stegmüllers Ausarbeitung auf vier Kernthesen reduzieren: zum einen, (i.) der hermeneutische Zirkel ist nichts für die Form des Verstehens Spezifisches, dies führt (ii.) zum hermeneutischen Schlüsselbegriff des Verstehens und dem damit verbundenen Begriff des Vorurteils, desweiteren (iii.) die Auszeichnung des hermeneutischen Zirkels als Interpretationsdilemma(ta) und schließlich (iv.) zur (vermeintlichen) Unaufhebbarkeit des hermeneutischen Zirkels oder der Dilemmata.

Mit der Auffassung verbunden, dass es sich bei dem Zirkel um nichts dem Verstehen Spezifisches handelt, ist die Einschätzung Stegmüllers, der Zirkel sei kein klar umrissenes Phänomen, in dem Sinne, das man von dem (bestimmten) Zirkel sprechen kann. Dies hängt natürlich mit seinem Begriff des Verstehens zusammen. Der Begriff des Verstehens bildet in der Hermeneutik einen wesentlichen Bestandteil. Nach Stegmüller wird dieser Ausdruck aber in der Hermeneutik falsch verwendet. Denn „das Wort „Verstehen“ [ Anm. des Verfassers: kann] wegen seiner zahlreichen Bedeutungen und Bedeutungsschattierungen überhaupt nichts leisten, wenn wir einen Aufschluß über die Natur der einzelnen Wissenschaften und ihr Verhältnis zueinander gewinnen wollen“[37]. Die in der Hermeneutik überkommene Definition richtet sich hierbei - seiner unbegründeten Auffassung zufolge - nach der Diltheys. Demzufolge Verstehen aus dem Gegensatzpaar Erklären – Verstehen[38] abzuleiten ist. Diese Gegenüberstellung hält er allerdings für höchst unglücklich gewählt, da es sich um zwei disparate Begriffe handelt, deren Bedeutungen aber zum Teil ineinander übergreifen. Der Begriff des Verstehens bei Gadamer allerdings hält sich nicht an diese Definition. Die Kritik Stegmüllers kommt in diesem Falle nicht zum tragen. Verstehen wird aus der Vorurteilsstruktur heraus begriffen und entfaltet. So stellt sich das Verstehen als ein genereller „Vorgang des Konstruierens“ heraus, der „selber schon dirigiert ist von einer Sinnerwartung“[39] und sich nicht bloß auf die Geisteswissenschaften beschränkt. Gadamer stellt also weder auf die Zirkularität des Verstehens, noch auf eine allzu besondere Auszeichnung der Geisteswissenschaften ab, sondern auf die Trennung von richtigen und falschen Vorurteilen.

Auch der bei Heidegger und Gadamer mit dem Verstehen verbundene Begriff des Vorurteils ist – nach Meinung Stemüllers – ähnlich unklar definiert. Allerdings hat Stegmüller in seiner Analyse doch deutlich übersehen, dass dieser Begriff bei beiden Autoren eine recht klar definierte Position in der Hermeneutik einnimmt aus der die explizite Definition klar werden kann. Vor-Urteile sind Antizipationen im Verstehensprozess, die im weiteren Verlauf revidiert werden können. Zudem stellt sich aber auch die Frage, ob die Diskussion Stegmüllers um den Begriff des Vorurteils nicht ein bloß terminologisches Problem darstellt? Richtige und falsche Vorurteile im Sinne Gadamers können in Stegmüllers wissenschaftstheoretisch geprägter Sprache auch als zu testende Konzeptionen verstanden werden. Den Prozess, den er beschreibt kann mit dem der Produktivität des Zeitenabstandes als Indiz zur Trennung von Vorurteilen bei Gadamer verglichen werden, welcher als Korrekturinstrument bzw. Korrektiv dient.

Wie lässt sich ein Vergleich zwischen den einzelnen Interpretationsdilemmata und dem hermeneutischen Zirkel erstellen? Der hermeneutische Zirkel wird bei Stegmüller als Dilemma aufgefasst. Er stellt kein allgemeines hermeneutisches Prinzip dar, noch ein allgemeines Verstehensprinzip, sondern ist eine Wendung für konkrete und höchst spezifische Schwierigkeiten im (disziplinübergreifenden) wissenschaftlichen Erkenntnisprozess. Ist Stegmüllers Kritik zu Recht angebracht oder verfehlt (auch) er den wesentlichen Punkt? D.h. trifft seine Qualifikation als Dilemma die Idee des Zirkels besser? Nach Geldsetzer stellt der hermeneutische Zirkel eine unzulässige logische Metapher dar und Stegmüllers Auszeichnung des Zirkels als Dilemma wird dementsprechend „dem Sachverhalt ebenfalls nicht gerecht“[40]. Unzulässig, weil unlogisch ist die Metapher deshalb, weil das Verhältnis von Sinnganzem und Bedeutungselement kein logisches Verhältnis von Beweisgrund und Ableitung“[41] abbildet, sondern ein einzelnes Bedeutungselement ein „integrierender Bestandteil des Ganzen und das Ganze die Einheit des verschiedenen Einzelnen“[42] ist. Das problematische an diesem Zirkel ist für ihn auch, dass sich „aus dem Zirkelargument keine Widerlegung einer bestimmten Interpretation herleiten läßt“[43]. Diese Unmöglichkeit der Falisfikation (als notwendiges poppersches Kriterium) scheint vor wissenschaftstheoretischem Hintergrund als unzulässig. Beide Gründe sprechen klar gegen die Idee des hermeneutischen Zirkels.

Schließlich zum Kriterium der Zirkularität oder Unaufhebbarkeit des Zirkels. Da der Zirkel für Stegmüller nichts Spezifisches darstellt, indem er auf die dilemmatösen Phänomene verweist, stellt sich für ihn auch nicht die Frage, ob dieser ein vitioser ist. Für ihn ist ein Dilemma - nämlich das der Unterscheidung von Hintergrundwissen und Fakten ausgenommen - grundsätzlich zu lösen bzw. aufzuheben. Mit Sicherheit stellt dieses ein großes Problem in den Geisteswissenschaften, insbesondere in der historischen Wissenschaft dar. Was aber ist mit der Unaufhebbarkeit in der Hermeneutik selber? Was sagen Heidegger oder Gadamer zum logischen Status des hermeneutischen Zirkels? Heidegger betrachtet die Unauflösbarkeit des Zirkels oder genauer, ob es sich um einen circulus vitiosus handelt folgendermaßen: „Alle Auslegung, die Verständnis beistellen soll, muss schon das Auszulegende verstanden haben. Man hat diese Tatsache immer schon bemerkt, wenn auch nur im Gebiet der abgeleiteten Weisen von Verstehen und Aulegung, in der philologischen Interpretation. [...] der Zirkel aber ist nach den elemtarsten Regeln der Logik circulus vitiosus. Damit aber bleibt das Geschäft der historischen Auslegung aus dem Bezirk strenger Erkenntnis verbannt. [...] aber in diesem Zirkel ein vitiosum sehen und nach Wegen Ausschau halten, ihnzu vermeiden, ja ihn auch nur als unvermeidliche Unvollkommenheit ›empfinden‹, heißt das Verstehen von Grund aus missverstehen. [...] das Entscheidende ist nicht, aus dem Zirkel heraus-, sondern in ihn nach der rechten Weise hineinzukommen“[44]. Dieses Merkmal stellt also für sich ein notwendiges Merkmal im Verstehensprozess generell dar, dem auch Gadamer beipflichtet. Das Problem einer ernsthaften Kritik des Kriteriums der Unaufhebbarkeit scheint darin begründet zu liegen, dass die Auszeichnung des hermeneutischen Zirkels durch das Dilemma der Idee nicht hinreichend gerecht wird.

5. Literaturverzeichnis

- Diemer, Alwin, Elementarkurs Philosphie. Bd. 2 Hermeneutik. Düsseldorf/Wien: Econ, 1976
- Frank, Manfred, Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher - Hermeneutik und Kritik. Mit einem Anhang sprachphilosophischer Texte Schleiermachers, Frankfurt/M., 1977
- Gadamer, Hans-Georg, Vom Zirkel des Verstehens. In: Ders., Hans-Georg Gadamer, Gesammelte Werke/Hans-Georg Gadamer – Bd. 2 Hermeneutik: Wahrheit und Methode. Tübingen: Mohr, 1986, S.57-65
- Gadamer, Hans-Georg, Wahrheit und Methode: Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik , Tübingen: Mohr, 1960
- Geldsetzer, Lutz, (Stichwort) Hermeneutik. In: Helmut Seiffert und Gerard Radnitzky (Hg.), Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. München: Ehrenwirth, 1989, S. 127-139
- Grondin, Jean, Einführung in die philosophische Hermeneutik, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991
- Heidegger, Martin, Sein und Zeit, Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2001
- Stegmüller, Wolfgang, Die sogenannte Methode des Verstehens. In: Ders., Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytische Philosophie (5. Kapitel). Heidelberg/New York: Springer, 1983, S.414-429
- Stegmüller, Wolfgang, Der sogenannte Zirkel des Verstehens. In: Ders., Das Problem der Induktion: Humes Herausforderung und moderne Antworten. Der sogenannte Zirkel des Verstehens. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1986, S.63-88

[...]


[1] „Das Grundgesetz alles Verstehens und Erkennens ist, aus dem Einzelnen den Geist des Ganzen zu finden, und durch das Ganze das Einzelne zu begreifen [...] Der Zirkel, daß ich a,b,c u.s.w nur durch A u.s.f. erkennen kann, aber dieses A selbst wieder nur durch a,b,c u.s.f. ist unauflöslich, wenn beide A und a,b,c als Gegensätze gedacht werden, die sich wechselseitig bedingen und voraussetzen, nicht aber ihre Einheit anerkannt wird, so daß A nicht erst aus a,b,c u.s.f hervorgeht und durch sie gebildet wird, sondern ihnen selbst vorausgeht [...]. D. Friedrich Ast: Grundlinien der Grammatik, Hermeneutik und Kritik. Landshut: 1808, S. 178 ff. Vgl. auch Alwin Diemer: Elementarkurs Philosophie – Hermeneutik. Düsseldorf/Wien: Econ Verlag 1977, S.54

[2] Da Schleiermacher selbst zu Lebzeiten keine systematische Publikation zur Hermeneutik herausgebracht hat, sei auf die Herausgeberschaft einer seiner Schüler Friedrich Lücke verwiesen: Hermeneutik und Kritik mit besonderer Beziehung auf das Neue Testament. Aus Schleiermachers handschriftlichem Nachlasse und nachgeschriebenen Vorlesungen, 1838 (Nachdruck 1977: F.D.E. Schleiermacher - Hermeneutik und Kritik. Mit einem Anhang sprachphilosophischer Texte Schleiermachers. Hg. von Manfred Frank, Frankfurt/M.)

[3] Ähnlich auch Stegmüller im Zusammenhang mit dem eigensprachlichen Interpretationsdilemma am Beispiel Wittgensteins. Wolfgang Stegmüller: Der sogenannte Zirkel des Verstehens. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1986.

[4] Vgl. sowohl Gadamer 1959 Der Zirkel des Verstehens, S.57ff. und Gadamer 1960, Wahrheit und Methode (wie folgt: WM)

[5] Vgl. Gadamer 1965 WM, S.178

[6] Ebd., S.275

[7] Gadamer 1959, Der Zirkel des Verstehens, S. 59

[8] Gadamer hebt (ungerechtfertigter Weise) die psychologische Interpretation so hervor, dass sie auf Schleiermachers gesamtes Denken verallgemeinert wird. Obwohl er sämtliche inhaltliche Anleihen bei ihm macht, qualifiziert er die Hermeneutik Schleiermachers ab, indem er ihm abspricht ihre einzelnen Bestandteile verstanden zu haben.

[9] Dies würde in letzter Konsequenz bedeuten, den philosophischen Anspruch zu haben, absolute Wahrheit zu erlangen, so dass die eigene Zeitlichkeit vergessen wird (Grondin 1991, Einführung in die philosophisches Hermeneutik).

[10] Gadamers Begriff der Universalität im Kontext des Verstehens wird später noch erläutert.

[11] Ebd, S.61

[12] Heidegger 2001, Sein und Zeit, § 32 Verstehen und Auslegung.

[13] Vgl. Gadamer 1965 WM

[14] Vgl. Gadamer 1959 Der Zirkel des Verstehens, S.61.

[15] Vgl. Grondin 1991, Einführung in die philosophische Hermeneutik, S.145

[16] In diesem Zusammenhang stellt sich nur die Frage, ob der Zeitenabstand immer produktiv genutzt werden kann.

[17] Vgl. Gadamer 1960 WM, S.282

[18] Ebd., S.62f.

[19] Ebd.

[20] Gadamers “Vorgriff der Vollkommenheit” kann durchaus mit dem gleichgesetzt werden, was Geldsetzer unter dem “Kohärenzkriterium” versteht. Dieses dient ihm als Wahrheitskriterium zur Eleminierung alternativer Deutungen. Eine Interpretation ist dementsprechend dann die wahre, welche alles vorhandene Wissen über das (zu interpretierende) Dokument in einen kohärenten, d.h. logisch und inhaltlich stimmigen Zusammenhang bringt und so seinen Sinn konstruiert (Geldsetzer 1989, Hermeneutik, S.136).

[21] Vgl. Grondin 1991, Einführung in die philosophisches Hermeneutik

[22] Vgl. Gadamer 1960 WM, S.280

[23] Vgl. Grondin 1991, Einführung in die philosophisches Hermeneutik , S.152ff.

[24] Ebd.

[25] Warum sich der hermeneutische Zirkel als positive Auszeichnung der Geisteswissenschaften etablieren konnte, vergleicht Stegmüller mit der Anziehungskraft einer Mythologie. Er begründet dies dadurch, dass einerseits der geisteswissenschaftlichen Tätigkeit eine „Art von tragischem Muster“ gegeben wird und sich andererseits der Geisteswissenschaftler in einer besonderen psychischen – ja gleichsam tragischen – Situation befindet, in der er nur das an Verständnis bekommen kann, was er bereits im Akt des Vorverständnisses hineingelegt hat. (Stegmüller 1986, Der sogenannte Zirkel des Verstehens, S.86f.)

[26] Verstehen bei Stegmüller ist durch wissenschaftstheoretische Kriterien bestimmt. Er stellt deterministische und statistische Gesetze und Theorien zur Erklärung sowohl naturwissenschaftlicher und historischer Phänomene der (hermeneutischen) Methode des Verstehens gegenüber. Für ihn liefert diese Methode bloß und u.U. höchstens ein heuristisches Verfahren, um gewisse (psychologische) Hypothesen aufzustellen; sie stellt an sich aber kein Verifikationsverfahren dar. Daher sollte man nach Stegmüller in diesem Kontext auch nicht vom Verstehen, sondern vom Erklären oder von Erklärungen sprechen (Vgl. Stegmüller 1983, Die sogenannte Methode des Verstehens, S. 414f.).

[27] Stegmüller 1986, Der sogenannte Zirkel des Verstehens, S. 64.

[28] Die Staiger-Heidegger-Kontroverse eines Mörike-Gedichtes dient hier als Beispiel dafür, wie „man über ein Gedicht, das in einer [so charakterisierten] Sprache abgefaßt sei, auch wieder nur in einer schwebenden, gleitenden, schillernden Sprache reden könne“ (Stegmüller 1986, Der sogenannte Zirkel des Verstehens, S.65).

[29] Betont wird hierbei die besondere Stellung dieser sechs Dilemmata, wobei kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird.

[30] Ebd., S.68

[31] Ebd. S. 70

[32] Aus der vermeintlichen Unüberwindbarkeit des hermeneutischen Zirkels in dieser Bedeutung würde Wissenschaft an sich unmöglich gemacht, so Stegmüller.

[33] Eine längst ausgestorbene oder vergessene Sprache wäre hier ein extremes Beispiel aber wohl für ein relativ breites Spektrum der historischen Wissenschaft von Bedeutung.

[34] Lässt sich als das Verfügen über eine Theorie verstehen.

[35] Theorie im strengen wissenschaftstheoretischen Sinne.

[36] Stegmüller illustriert diesen Schwierigkeitstyp – ebenso wie das noch folgende letzte Dilemma – anhand eines im Interpretationsprozess zunächst nicht klaren Sinnzusammenhangs eines Vogelweide-Gedichtes und an einem astrophysikalischem (Quasar-) Beispiel (ebd. S. 76 ff.).

[37] Ebd., S.67

[38] Verstehen gilt hierbei als Methode der Geistes- und das Erklären als Methode der Naturwissenschaften.

[39] Gadamer 1986, Vom Zirkel des Verstehens

[40] Vgl. Geldsetzer 1989, Hermeneutik, S.137

[41] Ebd.

[42] Ebd.

[43] Ebd., S.138

[44] Vgl. Heidegger 2001 Sein und Zeit, S. 153

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Der hermeneutische Zirkel bei Hans-Georg Gadamer
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Hermeneutik
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
18
Katalognummer
V108353
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zirkel, Hans-Georg, Gadamer, Hermeneutik
Arbeit zitieren
Christian Loschelder (Autor), 2001, Der hermeneutische Zirkel bei Hans-Georg Gadamer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108353

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