Existiert eine moralische Entwicklung bei E. Urys Nesthäkchen im Sinne L. Kohlbergs?


Hausarbeit, 2003

18 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

KAPITEL 1 KOHLBERGS MODELL VOM MORALISCHEN URTEIL
1.1 MORALISCHE DILEMMATA
1.2 DIE ENTWICKLUNG DES STUFENMODELLS
1.3 DIE EINZELNEN STUFEN DES MODELLS
1.3.1 DIE PRÄKONVENTIONELLE EBENE
1.3.2 DIE KONVENTIONELLE EBENE
1.3.3 DIE POSTKONVENTIONELLE EBENE

KAPITEL 2 ELSE URYS NESTHÄKCHEN
2.1 DIE AUTORIN
2.2 DIE NESTHÄKCHEN- SERIE
2.3 DAS BESONDERE AN DEN NESTHÄKCHENBÜCHERN
2.4 DIE VORLIEGENDEN ORIGINALAUSGABEN
2.4.1 NESTHÄKCHEN UND IHRE PUPPEN
2.4.2 NESTHÄKCHEN UND DER WELTKRIEG

KAPITEL 3 NESTHÄKCHENS MORALISCHE ENTWICKLUNG
3.1 NESTHÄKCHENS ENTWICKLUNGSSTAND IM VORSCHULALTER
3.2. NESTHÄKCHENS ENTWICKLUNGSSTAND IN DER VORPUBERTÄT

KAPITEL 4 SCHLUSSFOLGERUNG

LITERATURVERZEICHNIS

Einleitung

Else Urys 10bändige Serie „Nesthäkchen“ über das Leben der Arzttochter Annemarie Braun aus Berlin wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Zeit vor und während des 1. Weltkriegs bis 1925 geschrieben und gehört bis heute zu den bekanntesten Vertretern deutscher Mädchenlektüre. Eine Auflage von bis heute sieben Millionen Exemplaren und die mittlerweile dritte Wiederholung der ZDF Verfilmung Nesthäkchen zeugen von der andauernden Popularität des Stoffes.

Die seit 1945 immer wieder überarbeiteten Erstauflagen der Nesthäkchen- Reihe zeugen vom typischen Frauenbild und -Erziehung des Bildungsbürgertums um die Jahrhundertwende, wenngleich den Protagonistinnen niemals der Wille gebrochen werden muss, wie es etwa beim „Trotzkopf“ der Fall ist, um sie gesellschaftsfähig zu machen.

Inwiefern aber erlangt die Protagonistin, das Nesthäkchen, moralische Reife und wodurch? Wie fortschrittlich ist Else Urys Werk, wenn man es unter Lawrence Kohlbergs Modell des moralischen Urteilens betrachtet? Diese Frage soll Thema der vorliegenden Arbeit sein.

Um Else Urys Werk dabei gerecht zu werden, dienen hier die ungekürzten Erstauflagen als Untersuchungsgrundlage. Da eine Betrachtung aller zehn Bände den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, stehen der erste Band „Nesthäkchen und ihre Puppen“ (wahrscheinlich vor dem 1. Weltkrieg entstanden) und der 4., nach 1945 verbotene Band „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ (wahrscheinlich 1916 entstanden) stellvertretend für die gesamte Serie.

Nach einer kurzen Einführung in Kohlbergs „Modell des moralischen Urteils“ und einem kurzen Überblick über das Schicksal der Autorin und die gesamte Nesthäkchenserie wird der Inhalt der Nesthäkchenbände auf eine moralische Entwicklung der Protagonisten hin untersucht werden.

Kapitel 1 Kohlbergs Modell vom moralischen Urteil

1.1 Moralische Dilemmata

Ist eine moralische Entscheidung gefordert, so gerät der Mensch unter den Zwang, das Problem zu lösen. Man spricht von einem moralischen Dilemma. Er kann sich nur zugunsten einer Seite entscheiden, kann sich der Entscheidung nicht entziehen oder einen Kompromiss finden. Zudem muss die Lösung von ihm als gerecht und angemessen betrachtet werden. Moralische Konfliktsituationen zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie nicht von einer übergreifenden Instanz, sondern von jedem Individuum für sich gelöst werden müssen.

Zunächst muss identifiziert werden, worin das Dilemma besteht, welche die im Widerspruch stehenden Optionen sind und welche Vorrang vor der anderen erhalten soll. Für diesen Prozess werden geistige Leistungen herangezogen, Informationen müssen verknüpft werden, damit Zusammenhänge erstellt, Zentrales und Peripheres unterschieden werden kann. Dabei wird auf bereits Erfahrenes und früher schon einmal Durchdachtes aus anderen Entscheidungssituationen zurückgegriffen. Moralische Urteile drücken Lehren aus, die der Mensch im Laufe seines Lebens gemacht hat.

Beobachtet man Kinder, Jugendliche und Erwachsene in ihren moralischen Urteilen, so lässt sich daher ein Unterschied basierend auf Alter, Lebenserfahrung und vorher erlebten Konfliktsituationen feststellen. Da sich einzelne Elemente bestimmter Handlungssituationen immer wiederholen, kann der Mensch im Kindes- und Jugendalter durch Konfrontation mit verschiedensten Situationstypen Erfahrungen sammeln, übertragen, anpassen und gegebenenfalls korrigieren.

Er durchläuft einen Prozess von der fertig übernommenen in der Praxis erfahrenen Moralvorstellung der Erwachsenen bis hin zum Verständnis derselben und einer Entwicklung von individuellen Moralvorstellungen.

Dies bedeutet, dass der Mensch nur durch praktische Erfahrungen im sozialen Miteinander am Gegenstand lernen kann und nur durch Konfrontation mit Problemen eine notwendige übergreifende Denkstruktur entwickeln kann.

1.2 Die Entwicklung des Stufenmodells

Mit Hilfe eines Fragenkatalogs, der diverse moralische Dilemmata enthält (Moral Judgement Interview) befragt Kohlberg zunächst 72 Jungen aus Chicago zwischen zehn und sechzehn Jahren. (In den nachfolgenden 30 Jahren erfolgen weitere Längsschnitt –Untersuchungen auch in anderen Ländern, um den strukturellen Kern noch sichtbarer machen zu können. Dabei werden diverse Stufen neu definiert oder erweiternd erläutert.)

In diesem Tiefeninterview werden die Befragten mit unterschiedlichen Problemen, bzw. Wertkonflikten konfrontiert, über die sie entscheiden sollen. Nachfragen fordern eine immer tiefer gehende Darlegung und Begründung des Urteils, damit in der Auswertung der moralische Standpunkt des jeweils Befragten nachvollzogen werden kann. Auch wenn das gefällte Urteil technisch mit bewertet wird, so kommt es in erster Linie auf die Begründung des Befragten an, wenn seine Entwicklungsstufe erfasst werden soll. Die wichtigsten Elemente der Argumentation werden herauskristallisiert und zu inter- individuellen Vergleichen herangezogen, um so ein allgemeines Grundmuster erstellen zu können, in welches man dann weitere Versuchspersonen einordnen kann.

Es sind also die Muster, nicht die individuellen Inhalte, welche sich in der Entwicklung verändern und welche im Mittelpunkt der Untersuchung stehen.

Mit Hilfe des beschriebenen Tests und den immer genauer definierten Stellungnahmen der Befragten entwickelt Kohlberg sein Stufenmodell. Die erfassten Denkstrukturen folgen bestimmten Mustern, von welchen auf fünf verschiedene Entwicklungsstufen geschlossen werden kann, in welche wiederum neu Befragte anhand ihrer Begründungen eingeteilt werden können. Die fünf Stufen sind drei Ebenen untergeordnet. Jede Ebene besteht aus einer Vorstufe und einer vollendeten Stufe. Hierbei sollen aber keine Klassifizierungen, die Menschen qualitativ degradieren oder erheben entstehen. Eine Stufe ist vielmehr als ein momentaner Zustand zu verstehen, der hilft, die Welt zu verstehen. Durch Interaktion mit der Umwelt kann der Mensch sich zur nächsten Stufe weiterentwickeln.

Wie Piagets Altersangaben sind auch die Kohlbergs als ungefähre Richtlinie zu betrachten und nicht als Regel; sie sind also ein offenes Kontinuum. Das Stufenmodell des moralischen Urteils setzt sich wie in folgt zusammen:

1.3 Die einzelnen Stufen des Modells

1.3.1 Die präkonventionelle Ebene

Diese Ebene zeichnet sich durch einen Egozentrismus in den moralischen Urteilen aus, der – über zwei Entwicklungsstufen hinweg – nach und nach überwunden wird.

Stufe eins: „Wer die Macht hat, hat das Sagen.“

Kinder dieser Entwicklungsstufe haben den Egozentrismus überwunden und erkannt, dass es noch andere Sichtweisen neben der ihrigen gibt. Im Konfliktfall haben sie die Erfahrung gemacht, dass die Erwachsenen das Sagen haben und meistens Recht behalten. Diese Tatsache wird nicht mehr nur akzeptiert, sondern anerkannt. Die Autorität der Großen ist die Quelle aller Normen, an die man sich besser hält, damit Strafe vermieden wird.

Noch nicht begriffen wird hier die Tatsache, dass Moral eine Wechselbeziehung ist, bei der beide Seiten gerecht miteinander umgehen sollten, weil die Fähigkeit, Perspektiven miteinander zu verbinden noch nicht entwickelt ist.

Stufe zwei: „Wie du mir, so ich dir.“

Fairness und Wechselseitigkeit als Grundlage der Moral werden nun erkannt. Da das Kind viel Wert auf Anerkennung der eigenen Rechte legt, und begriffen hat, dass jeder Mensch dieses Bedürfnis verspürt, herrscht eine zweckdienliche Moral, bei der die Frage des persönlichen Vorteils im Mittelpunkt steht. Man verhält sich gegenüber anderen nicht schlecht, weil man selbst nicht so behandelt werden mag.

Nach dem Motto „Wenn ich fair zu dir bin, musst du auch fair zu mir sein!“ werden die individuellen Bedürfnisse anderer zwar gesehen, aber es bleibt jedem selbst überlassen, sich um die Durchsetzung derselben zu kümmern. Wenn sich jeder um sich selbst kümmert, kommen alle irgendwie auf ihre Kosten.

Kinder, die sich auf Stufe zwei befinden, können noch nicht begreifen, dass auch Entscheidungen zugunsten von gemeinsamen Bedürfnissen getroffen werden können, weil sie nicht in übergreifenden Interessen denken.

1.3.2 Die konventionelle Ebene

Konventionelle Leitlinien, wie Gesetzte und Traditionen werden zum Maßstab der individuellen Entscheidung.

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Existiert eine moralische Entwicklung bei E. Urys Nesthäkchen im Sinne L. Kohlbergs?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V108601
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Existiert, Entwicklung, Urys, Nesthäkchen, Sinne, Kohlbergs
Arbeit zitieren
Silke Diehring (Autor), 2003, Existiert eine moralische Entwicklung bei E. Urys Nesthäkchen im Sinne L. Kohlbergs?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108601

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