Emile Durkheim - Der Selbstmord (Ein Buchkommentar)


Rezension / Literaturbericht, 2004

13 Seiten, Note: 2.1


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INHALT

A. Einleitung

B. Wesentlicher Inhalt
I. Grobe Zusammenfassung des Werks
II. Inhalt der Einführung
III. Das erste Buch
IV. Das zweite Buch
V. Das dritte Buch

C. Kontext
I. Autorenkontext
1. Biographie Durkheims
2. Durkheims wissenschaftliche Position
3. Einordnung des Werks in Durkheims Leben
II. Rezeptionskontext
1. Durkheims verkannter Einfluss
2. Schwächen der Selbstmord-Studie

D. Persönliche Würdigung
I. Die negative Grundstimmung
II. Selbstmord als gesellschaftliches Problem
III. Durkheims Frauenbild

E. Literaturverzeichnis

A. Einleitung

Emile Durkheims „Der Selbstmord“ ist wohl wie ihr Verfasser ein Klassiker der Soziologie. Zum Autor und zum Buch gibt es unzählige viele Informationen, welche einen schnell den Überblick verlieren lassen.

Dieser Buchkommentar soll Licht in die Verwirrung bringen, indem er den wesentlichen Inhalt wiedergibt und anschließend den Kontext zu Durkheim selbst herstellt. Der Autorenkontext ist gerade bei diesem Werk sehr wichtig, da das Buch Ausdruck der wissenschaftlichen Entwicklung Durkheims ist; nach jahrelangem Heranarbeiten setzt er mit der Selbstmord-Studie seine wissenschaftliche „Vision“ praktisch um.

Nach der Berücksichtigung des Autors soll das Werk im Rezeptionskontext untersucht werden, um seine Wirkung auf die Sozialwissenschaften zu ergründen. Dabei werden anschließend noch einige Kritiken, die im Laufe der Zeit entstanden sind, wiedergegeben. Mit der persönlichen Würdigung will ich den Kommentar abrunden.

B. Wesentlicher Inhalt

I. Grobe Zusammenfassung des Werks

Emile Durkheim wirft in der Einführung seines Buchs „Der Selbstmord“ den Anspruch auf, im weiteren empirisch nachzuweisen, dass Selbstmord ein Ausdruck sozialer Verhältnisse sei. Er wendet sich damit gegen die gemeinhin vorherrschende Annahme, Suizid sei ausschließlich individuell verursacht und damit eher als Forschungsgegenstand der Psychologie zu behandeln.

Im weiteren ist sein Werk in drei Bücher eingeteilt. Das erste Buch liefert Durkheims Beweise zur Abhängigkeit des Selbstmords vom sozialen Umfeld, während im zweiten Buch nach der Erklärung dieser Erkenntnis gesucht wird. Im dritten Buch verarbeitet Durkheim seine Untersuchungen, fasst Ergebnisse zusammen und zieht Schlüsse für die bestehende Gesellschaft.

II. Inhalt der Einführung

Zuallererst stellt Durkheim eine Definition des Begriffs Selbstmord auf, welche eine empirische Untersuchung ermöglichen soll. Er begegnet der alltagssprachlichen, scheinbar klar definierten und abgegrenzten, Definition mit Skepsis und strebt an, eine wissenschaftliche Definition des Phänomens voranzustellen. Durkheim versteht den Selbstmord nicht als Willen zum Tod, sondern als den Verzicht auf Leben, womit er den Schwerpunkt der Beobachtung vom Motiv auf das Handeln des Opfers verlagert. Er gelangt schlussendlich zu folgender Definition:

„Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt, auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens bereits im voraus kannte.“

Anschließend folgt eine Definition der sozialen Selbstmordrate und die Feststellung, dass diese im Gegensatz zur Sterblichkeitsrate eine sehr hohe Konstanz besitzt, welche jeder Gesellschaft in jedem Augenblick ihrer Geschichte eigen ist. Dieses Phänomen zu erklären und damit den sozialen Charakter des Selbstmords zu beweisen erklärt sich Durkheim dann zum Ziel.

III. Das erste Buch

Das erste Buch illustriert die Untersuchung verschiedener nicht-sozialer Faktoren, welche in der damaligen Zeit großen Einfluss auf die Selbstmordforschung hatten und führt zu dem Schluss, dass diese außergesellschaftlichen Faktoren keinen Einfluss auf die Selbstmordrate haben und dass jede gesellschaftliche Gruppe ihre eigene Tendenz zum Selbstmord hat. Folgende Untersuchungen bezüglich des Selbstmords werden durchgeführt:

a) Eine Überprüfung, wie er mit Geisteskrankheit zusammenhängt: Geisteskrankheit ist keine eigenständige Geisteskrankheit, da es keine Geisteskrankheit gibt, die sich nur auf einen Bereich des Geistes auswirkt. Des weiteren ist Selbstmord kein besonderes Stadium des Irreseins. Auch Neurasthenie, ein Stadium zwischen geistig gesund und krank, scheidet als Ursache aus. Geisteskrankheit hat keinen unmittelbaren Zusammenhang mit Selbstmord, kann jedoch ein einzelnen Fällen dessen Auslöser sein.
b) Eine Überprüfung, ob er im Zusammenhang mit der Rasse steht und ob er erblich ist: In verschiedenen Ländern, in denen Menschen gleicher Rasse leben, gibt es oft verschiedene Selbstmordraten. Selbstmord tritt bei Männern häufiger auf als bei Frauen, müsste im Zuge einer Vererbung allerdings an beide Geschlechter in gleichem Maße vererbt werden. Somit sind beide Thesen widerlegt.
c) Die Klärung, wie er mit kosmischen Faktoren zusammenhängt: Die Selbstmordrate ist weder auf das Klima noch auf die Temperatur zurückzuführen, doch steigt sie in den ersten sechs Monaten des Jahres an und ist u.a. auch gegen Ende der Woche größer. Daraus schließt Durkheim, dass die Selbstmordrate steigt, wenn sich das Leben in der Gesellschaft intensiviert. Damit ist der erste Zusammenhang der Selbstmordrate zu sozialen Faktoren hergestellt.
d) Einfluss von Nachahmung auf die Selbstmordrate: Diese ist nicht festzustellen.

IV. Das zweite Buch

Da die außergesellschaftlichen Faktoren anscheinend keinen Einfluss auf die Selbstmordrate haben, geht Durkheim von nun an von sozialen Einflüssen aus und führt die Untersuchung mit dieser Annahme weiter. Er stellt fest, dass die statistisch erfassten, individuellen Gründe für Suizid im Verhältnis zueinander gleichmäßig ansteigen, wenn die Selbstmordrate insgesamt ansteigt. Daraus schließt er, dass die Ursachen für Selbstmord von einem allgemeinen Zustand der Gesellschaft abhängen. In diesem Buch geht es ihm nun darum, die möglichen vorherrschenden Zustände, die die Selbstmordrate beeinflussen, zu klassifizieren.

Dies will er mit erreichen, indem er bestimmte Ursachen festsetzt, von ihnen auf ihre Wirkung schließt und darauf hin die Selbstmordbetrachtet, wenn siech diese Faktoren ändern. Außerdem untersucht er dabei die Selbstmordrate nach ihrem Auftreten in spezifischen sozialen Millieus, welche unterschiedliche Selbstmordraten aufweisen. Von den sozialen Beschaffenheiten der verschiedenen Millieus will er auf allgemeine Ursachen schließen.

Auf diesem Weg gelangt er zu vier verschiedenen sozialen Typen des Selbstmords:

a) Der egoistischer Selbstmord: Je mehr die Integration von Gruppen, denen ein einzelner angehört, nachlässt, desto mehr gewinnt das individuelle Ich gegenüber dem sozialen Ich an Gewicht. Somit hat das Individuum weniger Rückhalt während einer Krise und begeht schneller Selbstmord.
b) Der altruistische Selbstmord: Je stärker ein Individuum sozial in eine Gruppe eingebunden ist, d.h. je schwächer das individuelle Ich ist, desto weniger wird das eigene Leben geachtet. Diese Entpersonalisierung kann zum Suizid führen. Durkheim unterteilt diese Art des Selbstmords in drei verschiedene Typen, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann.
c) Der anomische Selbstmord: Er tritt in wirtschaftlichen Krisen- oder Hochzeiten auf, wenn a) die Relation zwischen den gewohnten Bedürfnissen und den verfügbaren Mitteln der Menschen nicht mehr stimmt, d.h. wenn das Individuum nicht mit seiner sozialen Position zufrieden ist, und b) ein Zustand fehlender Regulierung sozialer Ordnung herrscht.
d) Der fatalistische Selbstmord: Er entsteht aus einem Übermaß an Reglementierung.

Durkheim merkt an, dass diese unterschiedlichen Ursachen auch im Zusammenspiel auftreten können.

V. Das dritte Buch

Durkheim nutzt seine Ergebnisse, um direkte Kritik an den damaligen bzw. den heutigen zivilisierten Gesellschaften zu üben, in dem er auf den Zusammenhang zwischen dem anormalen Anwachsen der Selbstmordzahlen und dem allgemeinen Elend, der tiefen Verwirrung unter den Menschen hinweist. Dies haben laut ihm gemeinsame Ursachen.

Da der Staat, Religionsgemeinschaften und die Familie allerdings nicht mehr in der Lage sind, den egoistischen Selbstmord durch Integration zu heilen, könnte diese Funktion durch die Berufsgruppe wahrgenommen werden. Sie hat aufgrund des großen Anteils des Berufslebens am Leben heutzutage den größten Einfluss auf das Individuum. Des weiteren könnten er und der anomische Selbstmord, welcher verstärkt durch die schwindende Moral und dadurch fehlende Regulierung auftritt, durch eine engere Vernetzung der Verbände bekämpft werden.

Zur Stärkung der Moral schlägt Durkheim die berufliche Dezentralisierung vor, um örtliche Gruppen zu schaffen, die moralischen Einfluss haben, den der Staat nicht haben kann. Diese sieht er in einer entsprechenden Reform der Fachverbände verwirklicht.

C. Kontext

I. Autorenkontext

1. Biographie Durkheims

David Emile Durkheim wird am 15. April 1858 im[1] /[2] /[3] lothringischen Epinal als Sohn eines Rabbiners geboren. Da er nicht wie sein Vater und auch sein Großvater Rabbiner werden will, besucht er nach der Absolvierung des Louis-Le-Grand Gymnasiums ab 1879 die Ecole Normal Supérieure in Paris. Die hierfür zweimalig gescheiterte Aufnahmeprüfung gibt ihm das Gefühl, mehr arbeiten zu müssen und dient sein ganzes Leben lang als Leistungsantrieb.

1882 legt Durkheim sein philosophisches Staatsexamen ab und wird vorübergehend als Lehrer in der Provinz beschäftigt. Anschließend bekommt er ein Stipendium, 1885/1886 in Deutschland zu studieren und wird nach seiner Rückkehr durch Veröffentlichungen über seine Auslandserfahrungen bekannt. Wie schon zuvor hat Durkheim auch in Deutschland Kontakt zu bekannten Akademikern, besonders zu den Sozialisten Gustav Schmoller und Karl Bücher.

Im Jahre 1887 wird er in Bordeaux zum ersten Dozenten in Soziologie an einer französischen Hochschule ernannt. In den folgenden Jahren entstehen die meisten seiner Werke: „Über soziale Arbeitsteilung“ (1893), „Die Regeln der soziologischen Methode“ (1895) und „Der Selbstmord“ (1897).

Aufgrund seines Ansehens kommt er 1902 an die Sorbonne-Universität nach Paris, wo er seine Theorien der Soziologie als Professor weiter verfeinert und 1912 sein Standardwerk „Die elementaren Formen des religiösen Lebens veröffentlicht. Nachdem Durkheim seinen Sohn André, einer der beiden Kinder, die er mit Kouise Dreyfus hatte, im ersten Weltkrieg stirbt, kommt er nicht mehr zur Ruhe und stirbt 1917 ebenfalls.

2. Durkheims wissenschaftliche Position

Durkheim vertritt die Ansicht, soziale Differenzierung sei das Strukturprinzip moderner Gesellschaften. Diese Strukturierung habe nicht nur in der Wirtschaft, sondern in allen Lebensbereichen Einzug gehalten. Geschichtlicher Wandel sozialer Differenzierung und gesellschaftlicher Arbeitsteilung steht in Verbindung mit der wachsenden Verdichtung der Bevölkerung.

Soziale Tatbestände sind äußerlich, da sie dem Menschen nicht angeboren sind und damit anerzogen werden müssen. Somit herrscht von Geburt an ein sozialer Zwang. Laut seiner historischen Analyse gibt es zwei Gesellschaftstypen, in denen dieser Zwang unterschiedlich ausgeübt wird:

a) Ältere, weniger gegliederte Gesellschaften: Es herrscht eine mechanische Solidarität, welche aufgrund der gesellschaftlichen Integration, der Einheit gemeinsamer Anschauungen und Gefühle der direkten Zwang auf die Individuen ausübt.
b) Neuere, reichgegliederte Gesellschaften: Es herrscht eine organische Solidarität, die auf der gegenseitigen Abhängigkeit beruht aber trotzdem noch ein Mindestmaß an Integration benötigt.

Der Übergang zu den neueren Gesellschaften ist auf die zunehmende Konkurrenz um Lebensbedingungen zurückzuführen, welche eine Gefahr für die Solidarität bedeutet. Arbeitsteilung sorgt für eine Beschränkung dieser Konkurrenz und sichert damit die Solidarität.

Der äußere Zwangscharakter der Gesellschaft, das moralisch verpflichtend wirkende Kollektivbewusstsein führt Durkheim zu der Annahme, soziale Tatsachen seien wie Dinge zu behandeln, anstatt sie lediglich als Summe vieler individueller psychologischer Zustände zu betrachten. Er bricht damit das Dogma, gesellschaftliche Tatbestände auf individuelle Vorgänge zu reduzieren.[4]

Durkheim vertritt die Ansicht, dass die sozialwissenschaftliche Forschung als erklärende Wissenschaft empirisch-analytisch vorgehen sollte. Dies bedeutet, er greift sich wie in naturwissenschaftlichen Verfahren bestimmte Variablen, eben die sozialen Dinge, heraus, um mit diesen zu experimentieren und letztendlich eine anfangs aufgestellte Theorie zu beweisen.

Wie in der Selbstmord-Studie sehr deutlich wird, geht es ihm darum, gesellschaftliche Abläufe und Zustände anhand ihrer äußerlich erkennbaren Merkmale zu Gesetzesaussagen zu verallgemeinern. Anhand der Kenntnis der Bedingungen sozialer Effekte will er konkrete Probleme der Gesellschaft, in der Selbstmord-Studie die hohen Selbstmordraten, lösen und einen Sollzustand, wie z.B. den der wenigen Selbstmorde, erreichen. Dies ist das gebräuchliche Vorgehen der heuristischen, der erklärenden, Wissenschaften.[5]

3. Einordnung des „Selbstmords“ in Durkheims Leben

„Der Selbstmord“ entstand in Anlehnung an die beiden anderen großen Werke, die Durkheim während seiner Zeit in Bordeaux schrieb. Nachdem er in „Über soziale Arbeitsteilung“ soziale Differenzierung als Strukturprinzip moderner Gesellschaften festlegte, schuf er mit „den Regeln der soziologischen Methode“ ein methodisches Manifest, das eine Grundvoraussetzung für „den Selbstmord“ war. Sein erster methodischer Grundsatz lautet, soziales lasse sich nur durch soziales erklären.

In der Studie „Der Selbstmord“ nimmt Durkheim die Auseinandersetzung mit dem Zustand und der Beschaffenheit der Gesellschaft wieder auf. Seine Gesellschaftskritik entstand zu einer Zeit, in der sich Frankreich in einer tiefen sozialen Krise befand. Er sah in den vorhandenen Wissenschaften keinen ausreichenden Ansatz zur Lösung der unstabilen Verhältnisse, welche auf den ständigen Wechseln von politischen Regimen zurückzuführen waren.

Mit der Selbstmordstudie will Durkheim die Notwendigkeit der Soziologie als Wissenschaft beweisen. Des weiteren fügt sie sich in seine weiteren Ziele, dem Aufstellen einer Diagnose der modernen Gesellschaft und der Entwicklung einer neuen Moral, ein. Im Grunde ist erst „Der Selbstmord“ die Umsetzung der in vorherigen Werken formulierten Ideen Durkheims von den sozialen Dingen.

II. Rezeptionskontext

1. Durkheims verkannter Einfluss

„In Deutschland hat Emile Durkheim stets im Schatten von Karl Marx und Max Weber gestanden. Zu Unrecht, kann man doch bei keinem anderen Klassiker besser lernen, was soziologisches Denken heißt. Im anglo-amerikanischen Raum werden die Studenten stets mit Durkheim in die Stärken und die Schwächen unseres Fachs eingeweiht, [...]“[6]

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich ist Werk und Wirken Emile Durkheims oft verkannt worden und wird es noch heute. Durkheim hat entscheidenden Einfluss auf die Etablierung der Soziologie zu einer eigenständigen Wissenschaft und auf deren Institutionalisierung gehabt. Seine Soziologie wurde letztendlich zur französischen Soziologie im allgemeinen. Trotzdem ist es in auch Frankreich üblich, Durkheim nicht zu zitieren, sondern auf andere große Soziologen zu verweisen. So wird z.B. die Sicht, moderne Gesellschaften als funktional differenziert zu sehen, meist Niklas Luhmann zugeordnet.[7]

Natürlich können gerade in Durkheims Selbstmord-Studie viele Schwächen seiner empirischen Methode aufgezeigt werden, doch sind wohl gerade deren Stärken der entscheidende Faktor, der den Einfluss Durkheims auf das Vorgehen zahlloser empirischer Untersuchungen und auf die Bildung der Metatheorie der Soziologie erklärt. Auch wenn Durkheims Einfluss nicht sehr offensichtlich ist, so stehen heute wohl alle professionellen Soziologen auf seinen Schultern.[8]

2. Schwächen der Selbstmord-Studie

Neben des im Laufe dieses Kommentars wohl deutlich gewordenen Einflusses Durkheims wissenschaftlicher Position und Selbstmord-Studie auf die Soziologie im allgemeinen, möchte ich im folgenden auf einige Schwächen der Studie eingehen.

Durkheims eindeutige empirische Bestimmung des Einflusses von Religionsgemeinschaft, Familie oder Wohnort als entscheidende Faktoren für die Selbstmordrate ist laut Maurice Halbwachs, einem ehemaligen Schüler Durkheims, nicht möglich. Auch wenn er grundsätzlich mit der Untersuchung Durkheims übereinstimmt, sind für ihn die unterschiedlichen Lebensstile von Land- und Stadtbewohnern entscheidender als die Integrationskraft von religiösen Gemeinschaften oder von Gemeinschaften im allgemeinen. Diese sind für ihn lediglich auch Ausdruck von verschiedenen Lebensgewohnheiten. Den Anstieg der Selbstmordrate erklärt er mit den gesellschaftlichen Strukturen der modernen Industriegesellschaften und den damit entstandenen Lebensgewohnheiten.[9]

Eine sehr entscheidende Kritik an Durkheims Untersuchung ist meiner Meinung nach seine Sicht, das gesellschaftliche Kollektiv allein als Kollektiv zu sehen und die individuellen Faktoren auszublenden. Gustav Tosti bemerkt, dass Durkheim den Zusammenhang zwischen den Individuen und der Gesellschaft verkennt, in dem er die Tatsache übersieht, dass Gesellschaft sowohl über die Eigenschaften ihrer Individuen als auch über deren Interaktion bestimmt wird.[10]

Ein weiteres Problem stellt Durkheims ungenaue Definition des Begriff der sozialen Integration dar.[11]

Zu Durkheims empirischer Vorgehensweise passt sein Vertrauen in die Naturwissenschaften, welche ebenso auf erklärenden Verfahren beruhen. Dies fällt besonders auf, wenn er sich auf psychiatrische Kenntnisse beruft, wie etwa, wenn er eine Trennung von psychischer Krankheit und Gesundheit vornimmt, um anschließend darin Selbstmordfälle einzuordnen.[12] An sich stellt dies kein Problem dar, da Durkheim genau diese Methode beabsichtigt, ist aus heutiger Sicht aufgrund der inzwischen überholten Erkenntnisse aber nicht mehr akzeptabel.

D. Persönliche Würdigung

I. Die negative Grundstimmung

Könnten Bücher in einer bestimmten Stimmung sein, so wäre Durkheims „Der Selbstmord“ meiner Meinung nach in einer sehr depressiven Stimmung. Dies liegt sicher am Krisenbewusstsein, das sich Durkheim mit seinen Zeitgenossen teilte. „Kulturpessimismus, Klagen über die Unersättlichkeit der Massen und über den Verfall der bisher schützenden Institutionen [...]“[13] waren nur einige der vielen negativen Zeichen der Zeit, in der Durkheim das Buch schrieb. Diese negative Grundstimmung macht es nicht sehr einfach, es zu lesen. Natürlich war eines seiner Ziele, die gesellschaftlichen Missstände zu beheben, was er im dritten Buch ja auch durch konkrete Vorschläge klar macht, doch entsteht durch seine depressive Art nicht viel Hoffnung beim Leser.

II. Selbstmord als gesellschaftliches Problem

Grundsätzlich stimme ich jedoch sehr mit Durkheims Ansicht überein, Selbstmord sei auf soziale Faktoren zurückzuführen. Der Mensch wird zwar als Individuum geboren, ist aber von der ersten Sekunde seines Lebens Gemeinschaftswesen. Er ist daran gewöhnt, nie wirklich allein zu sein. Auch wenn es Einzelgänger gibt, haben auch diese noch ihren festen Platz in der Gesellschaft, das Gefühl, an einem sicheren Ort aufgehoben zu sein.

Ihr Wohlbefinden hängt wie das aller Menschen von dem Gefühl ab, aufgehoben, angenommen und verstanden zu sein. Wird aber ein einzelnes Individuum ausgeschlossen "vom Rest der Welt", egal ob durch tatsächliche oder gefühlte Einsamkeit, so erfährt es Getthoisierung, Segregation oder Isolation. „Das jeweils Besondere, Eigene und Einzige wird in diesem Fall als Makel erfahren und negativ bewertet.“[14] Diese Negativ-Bewertung führt dann wohl zum dem Gefühl, keinen Wert und/oder keine Daseinsberechtigung zu besitzen.[15]

III. Durkheims Frauenbild

Irritierend, aber zeitgenössisch betrachtet wohl nicht verwunderlich ist Durkheims Frauenbild. So behauptet er unter anderem, die Empfindungsfähigkeit von Frauen sei eher rudimentär entwickelt, weshalb es ihnen leichter sei, außerhalb des gesellschaftlichen Lebens zu stehen.[16] Diese unreife Behauptung passt nicht wirklich zum empirischen Durkheim, da sie einfach als Tatsache in den Raum gestellt wird. Derartige Bemerkungen über Frauen fallen im Buch des öfteren, was es schwer macht, andere Behauptungen Durkheims sehr ernst zu nehmen – wie z.B. einige der Feststellungen über psychische Krankheiten.

E. Literaturverzeichnis

Durkheim, Emile: Der Selbstmord, Suhrkamp 1983

Durkheim, Emile: Der Selbstmord, Luchterhand 1973

Lotz, Dieter: http://www.heilpaedagogik-lotz.de/Text6.htm (14.02.2004)

Taylor, Steve: Durkheim and the study of suicide, 1982

Stack, Steven: A Comparative Analysis of Durkheim’s Theory of Egoistic Suicide: A Comment

Kaesler, Dirk: Klassiker der Soziologie, C.H. Beck 1999

o.V.: http://www.lernrausch.ch/upl/soziologie/Wed-21-May-2003_sog.emile.durkheim.ime.pdf (12.02.2004)

Prof. Dr. Peter A. Berger:

http://www.soziologie.uni-rostock.de/berger/einfuehrung2/Emile_Durkheim_Lebensdaten.pdf (10.02.2004)

Mols/Lauth/Wagner: Politikwissenschaft: Eine Einführung, Schöningh 1984

Hertel, Florian: http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/20022/ (10.02.2004)

[...]


[1] Müller, Hans-Peter: Emile Durkheim, in: Kaesler, Dirk: Klassiker der Soziologie, S.151 ff

[2] o.V.: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/DurkheimEmile/ (10.02.2004)

[3] Prof. Dr. Peter A. Berger: http://www.soziologie.uni-rostock.de/berger/einfuehrung2/Emile_Durkheim_Lebensdaten.pdf (10.02.2004)

[4] o.V.: http://www.lernrausch.ch/upl/soziologie/Wed-21-May-2003_sog.emile.durkheim.ime.pdf (12.02.2004)

[5] Bürklin/Welzel: Methoden und Arbeitsweisen, in: Mols/Lauth/Wagner: Politikwissenschaft: Eine Einführung, S. 307 ff

[6] Müller, Hans-Peter: Emile Durkheim, in: Klassiker der Soziologie, S.150

[7] Müller, Hans-Peter: Emile Durkheim, in: Klassiker der Soziologie, S.165 f

[8] ebd., S.151

[9] Taylor, Steve: Durkheim and the study of suicide, 1982

[10] Tosti , Gustavo, in: American Journal of Sociology, 1898, vol. 4

[11] Stack, Steven: A Comparative Analysis of Durkheim’s Theory of Egoistic Suicide: A Comment

[12] Dörner, Klaus: Einleitung, in: Durkheim, Der Selbstmord, Luchterhand 1973, S.XXI

[13] ebd., S.XI

[14] Lotz, Dieter: http://www.heilpaedagogik-lotz.de/Text6.htm (14.02.2004)

[15] ebd.

[16] Durkheim, Emile: Der Selbstmord, Suhrkamp 1983, S.240 f

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Emile Durkheim - Der Selbstmord (Ein Buchkommentar)
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2.1
Autor
Jahr
2004
Seiten
13
Katalognummer
V108866
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Emile, Durkheim, Selbstmord, Buchkommentar)
Arbeit zitieren
Markus Biggel (Autor:in), 2004, Emile Durkheim - Der Selbstmord (Ein Buchkommentar), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108866

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