Religiöse Motive in Graham Greene's Romanen "Monsignor Quixote", "The Heart of the Matter" und "The Power and the Glory"


Examensarbeit, 1995

107 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
I.1 Greenes Oeuvre
I.2 The 'Catholic Novelist'
I.3 Der Begriff 'religiöse Motive'
I.4 Der Aufbau dieser Arbeit

II. Stationen in der Biographie Graham Greenes
III. The Power and the Glory
III.1 Mexiko: Revolution, Restauration und Religion
III.2 Handlung und Kurzanalyse
III.3 Religiöse Motive
III.3.1 Der "whisky priest"
III.3.2 Der Leutnant und der "whisky priest"
III.3.3 Padre José
III.3.4 Bigotte Charaktere
III.3.4.1 Luis' Mutter
III.3.4.2 Die Frau im Gefängnis

IV. The Heart of the Matter
IV.1 Die britische Kolonie Sierra Leone
IV.2 Handlung und Kurzanalyse
IV.3 Religiöse Motive
IV.3.1 Major Scobie
IV.3.1.1 Selbsteinschätzung
IV.3.1.2 Kritik an der katholischen Kirche
IV.3.1.3 Beziehung zu seinen Mitmenschen
IV.3.1.4 Beziehung zu Gott
IV.3.2 Father Rank
IV.3.3 Louise

V. Monsignor Quixote
V.1 Das moderne Spanien
V.2 Handlung und Kurzanalyse
V.3 Religiöse Motive
V.3.1 Der Glaube
V.3.2 Ideologische Konvergenz
V.3.3 Das Mysterium des Glaubens
V.3.4 Die Liebe Gottes und die Liebe der Menschen
V.3.5 Parallelen zu The Power and the Glory

VI. Abschließende kritische Betrachtung der religiösen Motive in Greenes Romanen

VII. Ausgewählte Literatur
VII.1 Werke von Graham Greene
VII.2 Werke anderer Autoren

I. Einleitung

In diesem einleitenden ersten Kapitel soll zunächst kurz auf Greenes Lebenswerk als Künstler und Zeitzeuge im Gesamtzusammenhang seiner schriftstellerischen Arbeit allgemein eingegangen werden, um dann auf spezifisch religiöse und katholische Aspekte zu sprechen zu kommen. Schließlich erfolgt die Klärung des Begriffs "religiöse Motive" und eine Einführung in den Aufbau dieser Arbeit.

I.1 Greenes Oeuvre

Graham Greene war über 60 Jahre lang ein sehr produktiver und erfolgreicher Autor. Er veröffentlichte fünfundzwanzig Romane, drei Bände mit Kurzgeschichten, acht Theaterstücke, vier Reisebücher, zwei Biographien und viele kritische Essays und Leserbriefe. Er verfaßte ferner vier Kinderbücher und drei autobiographische Werke. Seine Leidenschaft als Jugendlicher war die Poesie; sein erstes veröffentlichtes Buch war daher eine Gedichtsammlung mit dem Titel Babbling April (1924). Ein amerikanischer Schriftsteller nannte ihn einmal wegen seiner Kreativität und seines Erfolges "Britain's chief literary export" (Mortimer, 1993, S. 7).

Graham Greene ist aber nicht nur einer der erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, er ist wohl auch der am weitesten Gereiste. Seine Reiseerlebnisse hat er oft in seine Romane einfließen lassen.

So war er unterwegs im unerforschten Liberia und im revolutionären Mexiko. Er war als Geheimagent im Zweiten Weltkrieg in Sierra Leone stationiert und reiste 1948 in das zerstörte und von den vier Alliierten besetzte und verwaltete Wien, um dort Anregungen für den Film The Third Man zu bekommen. Er war in Prag, als die Kommunisten dort in einem Staatsstreich 1948 die Macht erlangten. Greene hielt sich in den 50er Jahren mehrmals für einige Monate in Südostasien, insbesondere Indochina, auf, um über die blutigen Bürgerkriege dort zu berichten. 1953 erfuhren die englischen Zeitungslesern durch ihn über die Hintergründe der "Mau Mau"-Rebellion gegen die britische Kolonialherrschaft in Kenia. Andere entfernte Reiseziele Greenes waren unter anderem Kuba, Haiti und Belgisch-Kogo.

Schon allein vor dem Hintergrund dieser (unvollständigen) Auflistung seiner abenteuerlichen Reisen wird verständlich, warum Greene in einem Interview mit Marie-Francoise Allain sagte:

G.G.: I'm at least a hundred and ten years old!

A.: Why a hundred and ten?

G.G.: I've taken this figure at random, but it seems to me impossible to have lived through all I have in seventy-six years. (Allain, 1991, S. 186)

Greenes literarische Werke und seine dort reflektierten Erlebnisse als Abenteurer und Journalist machen ihn nicht nur zu einem herausragenden Schriftsteller, sondern auch zu einem bedeutenden Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts. So meint auch Mortimer: "No future social historian can afford to neglect his work." (1993, S. 7).

I.2 The 'Catholic Novelist'

Eine Arbeit über den katholischen Konvertiten Graham Greene mit einer religiösen Thematik zu verbinden liegt nahe. Zumindest seine fünf Romane Brighton Rock (1938), The Power and the Glory (1940), The Heart of the Matter (1948), The End of the Affair (1951) und A Burnt-Out Case (1960) werden in der Literatur häufig als Catholic novels bezeichnet. Religiöse Motive im allgemeinen und katholische im besonderen beeinflussen hier den Handlungsablauf und die Charaktere.

Greene selbst versuchte stets, den Einfluß der Religion und des Katholizismus auf seine Arbeit herunterzuspielen: in Anlehnung an Francois Mauriacs Unterscheidung in katholische Schriftsteller einerseits, die die Verbreitung des Katholizismus als Zweck ihrer Arbeit verstehen, und schriftstellerisch tätige Katholiken andererseits, die weder ihren Glauben verbergen noch an ihm hängen, rechnete sich Greene zur zweiten Gruppe (Evans, 1967, S. ix). Er unterteilt seine Romane daher auch nicht in katholische und nicht-katholische, sondern in novels und entertainments, wobei die novels die ernsten Seiten des Lebens zum Thema haben und die entertainments die weniger ernsten. Die oben genannten fünf Romane wären nach der von Greene bevorzugten Terminologie dann zu den novels zu zählen. An ihrer Thematisierung religiöser Motive ändert dieser "Etikettenwechsel" aber natürlich nichts.

In den sechziger und siebziger Jahren verlagerte sich der moralische Schwerpunkt der schriftstellerischen Arbeit Greenes von der eng umgrenzten katholischen auf eine breitere humanistische Basis:

As he drifted away from any specifically doctrinal loyality, so his fiction ceased to dwell on Catholic themes and adopted as its moral territory a wider, more inclusive world: the secular and existential world of alienated 20th century man. (Holderness, 1993, S. 261)

Der Roman Monsignor Quixote (1982) ist in diesem Sinne ein Schritt in die Vergangenheit: Katholizismus, Glaube- und Glaubenszweifel und die Konflikte, denen sich ein überzeugter Christ in der modernen Umwelt ausgesetzt sieht, bilden die diesem Roman zugrundeliegende thematische Struktur.

I.3 Der Begriff 'religiöse Motive'

Mit dem Thema "religiöse Motive" sollen in dieser Arbeit folgende Fragestellungen verbunden sein:

(1) Welche verschiedenen religiösen oder quasi-religiösen Weltanschauungen sind in den drei Romanen vertreten? Wie werden sie beschrieben? In welcher Beziehung stehen sie zueinander?
(2) Inwieweit werden Menschen durch ihre religiösen Anschauungen beeinflußt? Inwiefern hat Religion und Religiosität einen Einfluß auf das Denken und Handeln der Charaktere? Wo und wie interpretieren Romanfiguren Ereignisse vor dem Hintergrund ihres religiösen Bezugsrahmens?
(3) Welche christlichen Werte und Wertvorstellungen spielen eine Rolle? Wo tauchen Dogmen auf? Welche Bedeutung haben diese für die Romane? Wie werden sie in den Romanen dargestellt und gegebenenfalls beurteilt?
(4) Wo und zu welchem Zweck finden sich in diesen Romanen Bezüge zur Bibel? Wo lassen sich solche Bezüge herstellen?
(5) Wie läßt sich das Sprechen und Tun einzelner Charaktere vor einem religiösen, christlichen und/oder katholischen Hintergrund beurteilen?
(6) Welche religiösen Ansichten des Autors Graham Greene treten in den Romanen zutage? Wie bringt er diese in die Romane ein? Gibt es Bezüge zu religiösen Motiven in anderen Werken Greenes?

I.4 Der Aufbau dieser Arbeit

Der Behandlung der einzelnen Romane ist eine Biographie Greenes vorangestellt. Viele religiöse Motive in den drei Romanen lassen sich besser verstehen und machen häufig auch erst dann einen Sinn, wenn sie sich in einen biographischen Gesamtzusammenhang einordnen lassen. Ohne hieraus eine Arbeit über den Zusammenhang von Fiktion und Realität bei Graham Greene machen zu wollen, findet man gerade im Themenbereich Religion bei Graham Greene einige interessante und aufschlußreiche Verbindungen zwischen Werk und Wirklichkeit, d.h. zwischen den Romanen und der Lebensgeschichte des Autors.

Greenes Biographie ist aber nicht nur für das religiöse Verständnis seines Werkes von Bedeutung. Sie stellt vielmehr einen zeitgeschichtlich interessanten Einstieg für jede Arbeit über diesen Autor dar und kann darüber hinaus nicht nur wegen des abgedeckten Zeitraums (1904-1991) nachfolgenden Generationen exemplarisch ein Leben im Europa des 20. Jahrhundert veranschaulichen. Seine Lebensgeschichte hat Greene selbst in zwei Autobiographien (1972; 1981) zusammengefaßt. Ausführlicher noch hat der von Greene autorisierte amerikanische Biograph Norman Sherry diese umfangreiche Aufgabe in bisher zwei Bänden (1990; 1994) bewältigt und in ihnen die ersten fünfzig Lebensjahre des britischen Autors auf etwa 1400 Seiten dargestellt. Leopoldo Durán geht in seiner Biographie (Graham Greene: Friend and Brother; 1994) vor allem auf Greenes Lebensabend ein.

Aus Platzgründen werden bei der Biographie Schwerpunkte gesetzt. Auf seine Kindheit und Jugend, seine Konversion zum Katholizismus und die Lebensabschnitte, in denen er die Romane The Power and the Glory, The Heart of the Matter und Monsignor Quixote schrieb, soll ausführlicher eingegangen werden.

Der Biographie Graham Greenes schließt sich die Behandlung der einzelnen Romane an, die abweichend vom Titel der Arbeit in der Reihenfolge ihrer zeitlichen Entstehung bearbeitet werden, also zuerst The Power and the Glory (1940), dann The Heart of the Matter (1948) und schließlich Monsignor Quixote (1982). Aus Gründen der Übersichtlichkeit beschränken sich die Quellenangaben bei Bezugnahme auf den jeweils vorgestellten Roman auf die Angaben der Seitenzahl.

Hier werden jeweils im ersten Teil relevante landeskundliche und gesamthistorische Hintergrundinformationen gegeben, da meines Erachtens ohne sie die Romane (einschließlich ihrer religiösen Motive) nicht richtig und vollständig verstanden werden können.

Anschließend werden die Romane selbst unter der Überschrift "Handlung und Kurzanalyse" vorgestellt. Hier geht es darum, die wichtigsten Personen, ihre Beziehungen zueinander und die Handlungsstrukur, in die sie involviert sind, darzulegen. Die "Kurzanalyse" soll als Vorbereitung auf den sich dann jeweils anschließenden dritten Teil ("Religiöse Motive") dienen. In ihr werden deshalb hauptsächlich diejenigen Textstellen vor dem Hintergrund des ganzen Romans betrachtet, in denen Religion und religiöse Werte im weiteren Sinne eine Rolle spielen.

In einem dritten Schritt ("Religiöse Motive"), der den Kern dieser Arbeit ausmacht, werden die drei Romane jeweils im Hinblick auf die eigentliche Themenstellung bearbeitet: die in den Romanen vorkommenden religiösen Motive werden dargestellt, zueinander in Beziehung gesetzt und vor dem Hintergrund der Sekundärliteratur und anderer Quellen (Bibel, Katechismus, etc.) analysiert. Ferner sollen hier Gemeinsamkeiten und Unterschiede der religiösen Motive zwischen den drei Romanen angesprochen werden.

Die Gliederung der Analysen der religiösen Motive erfolgt für The Power and the Glory und The Heart of the Matter nach den relevanten Romanfiguren. Hier weisen die religiösen Haltungen und Überzeugungen der Charaktere eine sehr individuelle und komplexe Struktur auf, die eine Betrachtung in nach Personen getrennten Kapiteln nahelegt. Für die Bearbeitung der religiösen Aspekte in Monsignor Quixote hingegen wurde eine Aufteilung entlang der für diesen Roman relevanten religiösen Motive selbst gewählt, was aus zweierlei Gründen nahelag: erstens ist die religiöse Thematik hier sowohl qualitativ als auch quantitativ weniger stark entwickelt als in den beiden anderen Romanen. Dieser späte Roman Greenes ist mindestens ebensosehr entertainment wie novel im Sinne der oben beschriebenen Unterscheidung. Zweitens werden die religiösen Motive dieses Romans hauptsächlich in Rede und Gegenrede, also im Kontrast zueinander, entwickelt, was eine zusammenhängende Analyse angemessen erscheinen läßt.

Den Schluß dieser Arbeit bildet ein Kapitel über positive wie negative Kritiken an Greenes Darstellung religiöser Motive in den drei Romanen.

II. Stationen in der Biographie Graham Greenes

Henry Graham Greene wurde am 2. Oktober 1904 in Berkhamsted (circa eine Zugstunde nördlich von London) als viertes von später insgesamt sechs Kindern geboren. Sein Vater Charles Henry Greene war Lehrer und später Schuldirektor an der Berkhamsted School, die auch Graham (ab 1912) und seine Geschwister besuchten. Seine Mutter Marion Raymond Greene kümmerte sich um die Beköstigung der Bewohner des der Berkhamsted School angegliederten Internats St John.

Mit acht Jahren - Graham war gerade eingeschult worden - begann er, Gedichte von G.W. Thornbury und Alfred Noyes zu lesen. Auch Märchenbücher (z. B. Andrew Lang Fairy Books) und Abenteuerromane interessierten ihn sehr: "One of the advantages of being the son of the headmaster was, he recalls, that on holidays the thousands of books in the school library were available, 'only waiting to be explored'." (Sherry, 1990, S. 17).

Als dreizehnjähriger zog er in das Internat St John ein. Das Trauma, welches er dort erlebte, trieb ihn in zahlreiche mehr oder weniger ernst gemeinte Selbstmordversuche, in einen Fluchtversuch von Zuhause und schließlich in eine psychoanalytische Therapie.

Greene machte das völlige Fehlen von Individualität und Intimität in dem Internat zu schaffen: die nur unzureichend durch Sichtblenden abgetrennten einzelnen Betten und Toilettenräume, die nicht abschließbaren Türen, die obligatorischen Spaziergänge in Dreiergruppen. "I think I always needed privacy. The promiscuity, the total absence of solitude - there was the horror." (Allain, 1991, S. 34).

Der junge Greene wurde zum verachteten Außenseiter. Er war seinen Mitschülern körperlich unterlegen und lispelte. Er drückte sich vor dem Schulsport und war in keiner Sportmannschaft wie die meisten seiner Schulkameraden (Sherry, 1990, S. 70).

Der entscheidende Grund für diesen Alptraum aber war Greenes Rolle als Sohn des Schuldirektors: "I was like the son of a quisling in a country under occupation." (Greene, 1972, S. 54-55). Verschlimmert wurde seine Situation noch dadurch, daß er nicht willens war, sich der Opposition seiner Mitschüler gegen seinen Vater anzuschließen: "I was surrounded by the forces of resistance, and yet I couldn't join them without betraying my father and my brother." (Greene, 1972, S. 55). Andererseits aber wollte er seine Schulkameraden auch nicht vor dem Vater verraten. Sein damaliges Dilemma beschreibt Greene als "conflict of loyalties, loyalties to my age-group, loyalty to my father and brother" (Greene, 1972, S. 60).

Verrat war es aber gerade, der dem jungen Graham Greene das Leben zur Hölle machte: einer seiner wenigen Freunde, ein Junge namens Wheeler, schloß sich seinen Feinden an. Sherry (1990, S. 87) vermutet, mit Bezug auf autobiographische Motive in Greenes späteren Romanen, daß Wheeler hierbei auch sehr persönliche Dinge ausplauderte, so daß Greene nun vor seien Peinigern völlig bloßgestellt war.

Nach einem Fluchtversuch, der allerdings nur wenige Stunden dauerte, und Greenes Geständnis einiger Selbstmordversuche gaben Greenes Eltern ihren Sohn im Sommer 1921 in die Obhut des Londoner Psychoanalytikers Kenneth Richmond und seiner Frau Zoe. Jeden Morgen um elf Uhr mußte Greene Kenneth Richmond den Traum erzählen, den er in der Nacht zuvor gehabt hatte. Greene verbindet sehr positive Erinnerungen mit seiner etwa sechsmonatigen Therapie, auch wenn diese nur sehr eingeschränkt etwas mit Psychoanalyse zu tun haben:

My life with him [Kenneth Richmond] did me a world of good, but how much was due to the analysis and how much to the breakfasts in bed, the quiet of Kensington Gardens, the sudden independence of my life I would not like to say, nor whether the analysis went deep enough. (Greene, 1972, S. 74)

Sherry (1990, S. 107) sieht Richmonds Verdienst vor allem darin, Greene zu mehr Eigenständigkeit und Kritikfähigkeit an bis dahin vorbehaltlos akzeptierten Institutionen und Gepflogenheiten motiviert zu haben. Er sieht hier die Grundlagen gelegt für eines der Leitmotive in Greenes Romanen: "disloyalty as a principle".

Nach dem Abschluß seiner Schulausbildung in Berkhamsted schrieb sich Greene im Herbst 1922 am Balliol College in Oxford ein. In dieser Zeit schrieb er Kurzgeschichten, Gedichte und Dramen. Er gab die Zeitschrift Oxford Outlook heraus und reiste nach Irland und Deutschland. Seine Universitätsausbildung schloß Greene im Sommer 1925 ab.

Während seiner Zeit in Oxford, im Juli 1924, begann Greene, Russisches Roulette zu spielen. Als Hauptmotiv gibt er Langeweile an: "I found myself craving for the adrenalin drug" (Greene, 1972, S. 94). In den Weihnachtsferien 1924 spielte er das letzte Mal. Selbst das Spiel mit dem Tod begann, langweilig zu werden.

Im März 1925 lernte Greene in Oxford die neunzehnjährige Vivien Dayrell-Browning, eine engagierte Katholikin, kennen. Sie war es, die den religiös desinteressierten Greene ("to me religion went no deeper than the sentimental hymns in the school chapel"; Greene, 1972, S. 118) in Richtung Katholizismus führte. Aus einem rein intellektuellen Interesse für den Glauben seiner (inzwischen) Verlobten wuchs innerhalb weniger Monate ein - wenn auch schwacher - Glaube an Gott: "I became convinced of the probable existence of something we call God [...]" (Greene, 1972, S. 120). Im Februar 1926 schließlich konvertierte er. Neben seinem gewandelten religiösen Bewußtsein war für diesen Schritt auch der Wunsch verantwortlich, die streng katholische Vivien zu heiraten. Die Hochzeit fand am 15. Oktober 1927 in London statt.

Nach seinem Examen in Oxford arbeitete Greene einige Wochen bei der British American Tobacco Company (B.A.T.) und anschließend, von November 1925 bis März 1926, als Volontär beim Nottingham Journal. Im Frühjahr 1926 schließlich wurde er als Redakteur ("sub-editor") bei der Times eingestellt. In seiner freien Zeit schrieb Greene und veröffentlichte 1929 seinen ersten Bestseller, The Man Within. Im Dezember 1929 verließ Greene die Times, um sich auf seine Karriere als Autor konzentrieren zu können. Es folgten die Romane The Name of Action (1930) und Rumour at Nightfall (1931), die sich allerdings als Mißerfolge erwiesen.

Im Dezember 1932 erschien Greenes Roman Stamboul Train. Sherry erkennt in diesem Erfolgsroman Greenes Wandlung von einem romantischen zu einem der Realität verpflichteten Autor: "Stamboul Train was a landmark in Graham Greene's career as a novelist, for in writing it he discovered his true talent - his ability to observe." (Sherry, 1990, S. 407).

Auf die Romane It's a Battlefield (1934) und England Made Me (1935) folgte 1938 Brighton Rock, Greenes erster von Kritikern als Catholic novel bezeichneter Roman. Religion im allgemeinen und der Katholizismus im besonderen beeinflussen Leben und Handeln der Charaktere in diesen Romanen.

In Brighton Rock Greene made an attempt to restore this religious sense to the novel. In doing so, he makes his criminal characters risk not only arrest and imprisonment, as in the usual thriller, but also eternal damnation. The stakes are raised, and Greene exploits the dramatic advantage this offers. (O'Prey, 1988, S. 67)

Auch als professioneller Autor gab Graham Greene seinem Fernweh nach: 1935 durchwanderte er mit seiner Cousine Barbara von Sierra Leone aus das bis dahin noch unerforschte Hinterland Liberias. Das 1936 veröffentlichte Reisebuch trägt den daher passenden Titel Journey without Maps.

Im Januar 1938 folgte seine Reise nach Mexiko. Sherry sieht für diese lebensgefährliche Reise Greenes in das revolutionäre mittelamerikanische Land zwei Hauptgründe: erstens das Interesse des Katholiken Graham Greene an der Situation der katholischen Kirche in einem erklärtermaßen atheistischen Staat (Sherry, 1990, S. 695) und zweitens das Entfliehen vor persönlichen Problemen: vor seiner Arbeit als Schriftsteller, vor dem Scheitern des von ihm als Herausgeber geleiteten Magazins Night and Day und vor dem wohlbehüteten Leben eines Londoner gentleman (Sherry, 1990, S. 660).

In seinem Reisebuch The Lawless Roads (1939) beschreibt Greene unter anderem sehr detailliert seine Reise durch die radikal anti-klerikalen mexikanischen Bundesstaaten Tabasco und Chiapas, in denen sich auch die Handlung des Romans The Power and the Glory (1940) abspielt.

Greene fand sich in seinem religiösen Glauben durch seine Erlebnisse in Mexiko bestätigt und bestärkt. Auf die Frage "When did you begin to 'feel'your faith?" antwortete Greene Jahre später in einem Interview:

I recognized the first inroads during my visit to Mexico in 1938. [...]; when one has been with believers who suffered for their faith - the masses said in secret in Chiapas, and Tabasco, where there were no longer either churches or priests - this endowed the Church with such grandeur, the fidelity of the believers assumed such proportions that I couldn't help being profoundly moved. (Allain, 1991, S. 154-155)

Parallel zu The Power and the Glory schrieb Greene den Thriller The Confidential Agent innerhalb von sechs Wochen im April und Mai 1939 "because I thought war was coming and wanted money in the bank" (Sherry, 1994, S. 15).

Ab April 1940 arbeitete Greene für sechs Monate beim Ministry of Information. Hier schrieb er unter anderem die populäre Kurzgeschichte The Lieutenant Died Last als Propaganda gegen Nazi-Deutschland. Von Februar 1940 bis August 1941 war Greene auch Literaturredakteur (literary editor) bei der Wochenzeitschrift The Spectator.

Anschließend arbeitete er für den englischen Geheimdienst Secret Intelligence Service SIS/MI6. Nach seiner Ausbildung zum Geheimagenten brach er im Dezember 1941 von Liverpool aus in einem Schiffskonvoy zu seiner zweiten Reise nach Freetown (Sierra Leone) auf, dem Schauplatz seines Romans The Heart of the Matter (1948). 1935 kam er mit seiner Cousine hauptsächlich hierher, um seine Langeweile zu kurieren, um Abenteuer zu erleben. Nun betrat er das Land als Agent des englischen Geheimdienstes mit dem Auftrag, Gegenspionage gegen den Weltkriegsgegner Deutschland und das mit diesem liierte Vichy-Frankreich zu betreiben. "Greene was back. For a second time he was to lose his heart to West Africa." (Sherry, 1994, S. 99).

In The Heart of the Matter findet sich eine Vielzahl von Parallelen zu dem Leben, welches Greene in Sierra Leone führte. So hat die bizarre Küchenschabenjagd während eines Lehrgangs in Lagos (Nigeria) tatsächlich stattgefunden (Sherry, 1994, S. 109) und Major Scobies Haus in Freetown deckt sich mit der Beschreibung von Greenes eigenem Domizil dort. Wie Scobie mußte auch Greene portugiesische Frachtschiffe, die von Angola aus kommend in Freetown zwischenankerten, auf Industriediamanten und deutsche Spione hin untersuchen (Greene, 1981, S. 94).

Während seiner Dienstzeit in Sierra Leone schrieb Greene 1942 den Thriller The Ministry of Fear. Greene selbst hält diesen Roman, der im London zu Zeiten des blitz spielt, für seinen besten Unterhaltungsroman (entertainment) (Greene, 1981, S. 78).

Er kehrte am 1. März 1943 mit dem Flugzeug nach England zurück und arbeitete von nun an im SIS-Hauptquartier in London mit dem Auftrag, die britische Gegenspionage in Portugal und den portugiesischen Kolonien zu koordinieren (Sherry, 1994, S. 167-169). Über dreißig Jahre später erschien der Roman The Human Factor (1978), in dem der unspektakuläre Büroalltag Greenes als Agent im Innendienst den biographischen Hintergrund bildet (Greene, 1981, S. 227-230).

Greenes Vorgesetzter und Freund war Kim Philby, "der berühmte Doppelagent und Maulwurf des KGB" ("Der Spion mit Teddy", 1995, S. 172). Auch nach dessen Enttarnung und Flucht ins Moskauer Exil hielt Greene Kontakt zu Philby. Sherry sieht hierfür zwei mögliche Gründe: Greene habe aus echter Freundschaft oder im Auftrag der britischen Regierung gehandelt, die über Greene und den offiziell verdammten Philby einen black channel nach Moskau habe öffnen wollen (1994, S. 488-496).

Im Frühsommer 1944 quittierte Greene seinen Dienst beim secret service und ließ sich für die letzten Monate seiner Dienstzeit in die Propagandaabteilung (Political Intelligence Department) des Außenministeriums versetzen. Von August 1944 bis 1948 war er außerdem als Verleger (publisher) in dem Verlagshaus Eyre & Spottiswoode tätig.

1946 begann Greene seinen Roman The Heart of the Matter, seinen dritten katholischen Roman. Greene war mit diesem Buch nicht zufrieden: "It was to prove a book more popular with the public, even with the critics, than with the author." (Greene, 1981, S. 93). Er glaubt, seine Erlebnisse in Afrika nur unzureichend in den Roman eingearbeitet zu haben und führt dies unter anderem auf erzähltechnische Defizite zurück: "A dozen such technical questions tormented me as they had never done before the war when the solutions had always come quickly." (Greene, 1981, S. 92). So brauchte Greene bis zum Sommer 1947, um diesen Roman fertigzustellen. Am 27. Mai 1948 wurde das Buch schließlich in England veröffentlicht.

Obwohl The Heart of the Matter von katholischer Seite teilweise stark kritisiert wurde und in Irland gar für einige Monate verboten war, war der Roman Greenes bisher größter (geschäftlicher) Erfolg: die erste und zweite Auflage waren jeweils nach wenigen Tagen vergriffen; das Buch belegte in den englischen und amerikanischen Bestsellerlisten wochenlang einen der ersten Plätze.

Im Herbst 1949 schrieb Greene das gleichnamige Schauspiel zu diesem Erfolgsroman, welches sich allerdings schon bei den Proben als Fehlschlag erwies und daher nie aufgeführt wurde. Sein zweites Bühnenstück (The Living Room) wurde dagegen 1952 mit großem Erfolg in Stockholm uraufgeführt.

Als seine Frau Vivien und die beiden Kinder aus London aus Angst vor Bombenangriffen evakuiert waren, begann Greene 1939 ein Verhältnis mit seiner Londoner Vermieterin Dorothy Glover. In den schweren Bombennächten 1940/41 fand er in Dorothy, was er bei der ängstlichen und zerbrechlichen Vivien vergeblich suchte: eine starke, unabhängige Frau, die sich als Luftschutzwartin (air-raid warden) auszeichnete: "From the first raid, she was courageous, oh yes, and showed no fear of any kind." (Sherry, 1994, S. 60). Seiner Schwester Elisabeth beschrieb er 1942 in einem Brief seine innere Zerrissenheit über seine geteilte Liebe zu seiner Frau Vivien und seiner Geliebten Dorothy:

Things can be hell I know. The peculiar form it's taken with me the last four years has been in loving two people as equally as makes no difference, the awful struggle to have your cake and eat it, the inability to throw over one for the sake of the other ... . (Sherry, 1994, S. 145)

Greene hatte gehofft, daß der Krieg diesen Konflikt für ihn lösen würde. Erst in den Londoner Bombennächten, dann als Geheimagent in Afrika hatten Greene daher (wieder einmal) seinen Tod herbeigesehnt. In ihm sah er den einzigen Ausweg aus seinem Dilemma. Insofern war das Ende des Krieges für ihn kein Grund zur Freude (Greene, 1981, S. 92-93).

Die Verbindung zu The Heart of the Matter und Scobies Liebe zu seiner Frau Louise einerseits und Helen andererseits ist hier offensichtlich. Wie der Autor Graham Greene glaubt auch Scobie, seine Beziehungsprobleme und die daraus resultierenden Gewissenskonflikte nur durch den eigenen Tod lösen zu können. Sherry (1994, S. 234; S. 282-283) sieht in The Heart of the Matter gar die fiktional aufgearbeitete Darstellung der damaligen Probleme Greenes auf einem anderen Kontinent. In The Heart of the Matter habe er die Tiefen seines eigenen depressiven und schuldgeplagten Charakters untersucht. Greene selbst sei Scobie und als lebende Vorbilder für Louise und Helen habe er Vivien und Dorothy vor Augen gehabt. Greene stützt diese Analyse: "Scobie was based on nothing but my own unconscious." (Greene, 1981, S. 94).

Dieser gordische Knoten wurde paradoxerweise erst durch Greenes Liebe zu einer dritten Frau zerschlagen: seit April 1947 unterhielt er zu der verheirateten Amerikanerin Catherine Walston eine Beziehung, über die Sherry schreibt: "It entirely changed his life. He would know his greatest love and greatest torment: the lightness of being and the dark night of the soul." (1994, S. 215). Eindeutige Anspielungen auf diese Liebesbeziehung tauchen in dem 1951 veröffentlichten Roman The End of the Affair auf (Sherry, 1994, S. 379), in dem Greene seine Erfahrungen im vom blitz heimgesuchten London mit seiner Gefühlswelt zu Beginn der fünfziger Jahre kombiniert.

Im November 1947 verließ Greene um Catherines willen seine Familie, im Juni 1948 auch seine langjährige Geliebte Dorothy Glover.

Im Winter 1950/51 hielt Greene sich zum ersten Mal in Südostasien auf, zuerst in Malaya, dem Westteil des britischen Protektorats Malaysia, wo ein blutiger Kleinkrieg einer kommunistischen chinesischen Guerilla gegen die Regierung und die britischen Schutztruppen entbrannt war. Anschließend flog er in das ebenfalls bürgerkriegserschütterte Vietnam, in dem Ho Chi Minhs Vietminh einen mörderischen Krieg gegen die französischen Kolonialherren führte. Sherry vermutet nach intensiven Recherchen, daß Greene auf seinen Reisen durch Indochina Berichte für den englischen Geheimdienst über die politische und militärische Entwicklung des französischen Engagements dort anfertigte (Sherry, 1994, S. 486ff.). Auch während seiner späteren Reisen und in seinen Kontakten zu politischen Führern wie Fidel Castro, General Omar Torrijas, Salvador Allende und Daniel Ortega scheint Greene stets in Verbindung zu "the old firm" gestanden zu haben ("Der Spion mit Teddy", 1995, S. 173).

Seine Erlebnisse während dieser und nachfolgender Reisen nach Indochina hat Greene in seinem Roman The Quiet American (1955) verarbeitet (Sherry, 1994, S. 398ff.). Dieses Buch brachte ihm den Vorwurf des Anti-Amerikanismus ein, war aber dennoch auch in den Vereinigten Staaten ein (Verkaufs-) Erfolg.

In den nachfolgenden Jahren bereiste Greene das Haiti des menschenverachtenden Diktators "Papa Doc" Duvalier und schrieb daraufhin den Roman The Comedians (1966). Er war im revolutionären Kuba, als General Batista seine Macht an Fidel Castro verlor, und schrieb vor diesem Hintergrund die Geheimdienst-Persiflage Our Man in Havanna (1958). 1959 war Greene wieder in Afrika, dieses Mal in einer Leper-Kolonie in Belgisch-Kongo. Seine Erlebnisse dort hat er in dem Roman A Burnt-Out Case (1960) und in dem Reisebuch In Search of a Character (1961) festgehalten.

Seit 1966 wohnte Greene in Antibes an der Côte d'Azur. Sharrock bringt diesen Umzug an die französische Mittelmeerküste mit Veränderungen in Greenes Arbeit als Schriftsteller in Verbindung: Greenes ruhiges und beschauliches Leben dort habe ihn von politischen Thrillern und überwiegend religiös motivierten Romanen, die in der Vergangenheit oft genug Ausdruck seiner eigenen depressiven Stimmung gewesen seien, weg- und zu seichterer Unterhaltungsliteratur hingeführt. Zu diesen zählt Sharrock insbesondere May We Borrow Your Husband? (1967), Travels with My Aunt (1969) und Dr Fischer of Geneva or the Bomb Party (1980). Er spricht von ihnen als "comedies" (Sharrock, 1984, S. 261). J'Accuse: The Dark Side of Nice (1982) ist aber sicherlich nicht das Resultat eines geruhsamen Lebensabends. In diesem von ihm selbst als "Pamphlet" bezeichneten Buch klagt Greene die mafiosen Strukturen in Wirtschaft, Politik und Justiz an der französischen Mittelmeerküste an.

Wie Greenes langjähriger spanischer Freund Leopoldo Durán, ein katholischer Theologe, in seinem Buch Graham Greene: Friend and Brother (1994) ausführlich darstellt, waren es die gemeinsamen, von 1976 bis 1989 alljährlich stattfindenden Reisen in einem Auto durch Spanien, die Greene zu seinem Roman Monsignor Quixote inspiriert haben. Der Charakter dieser Reisen läßt in der Tat auch im Fall dieses Buches auf eine enge Verquickung von Fiktion und Realität durch den Autor Graham Greene schließen:

Our trips through Spain and Portugal had nothing to do with tourism. They were something entirely different. We described them as 'picnics': delightful jaunts in which we took our food with us and ate it in the fresh air of the countryside. Graham christened these excursions 'picnics' from the very first day. (Duran, 1994, S. 120)

Afterwards, we had a long conversation: the Politburo and the Vatican; power, politics and corruption. The Polish Pope: Graham talks about him today with gentleness and understanding. And we also chat about one of our usual topics: Nicaragua and Central America. (ibid., S. 169)

Die in Greenes 1982 erschienenem Buch erwähnten Orte haben die beiden im Laufe der Jahre mindestens einmal besucht: El Toboso in La Mancha, das Heimatdorf Don Quixotes, wo es (wie in Greenes Roman) ein Museum mit von bedeutenden Staatsmännern signierten Ausgaben von Don Quixote gibt (Duran, 1994, S. 142), und das Vallée de los Caídos mit dem monumentalen Mausoleum Francos, das auf Greene ebenso abstoßend wirkte wie auf seine spätere Romanfigur Monsignor Quixote (ibid., S. 126). Oft waren sie in Salamanca, in der Greene sein Interesse an der Lehre des spanischen Dichters, Philosophen und Don Quixote -Exegeten Miguel de Unamuno (*1864, 1936) entdeckte und an dessen Grab er den Entschluß faßte, Monsignor Quixote zu schreiben (ibid., S. 212).

Mehrmals fuhren die Freunde nach Osera (Galicien) und waren dort in dem Kloster zu Gast, in dem der Monsignore in dem Roman an den Folgen seines Unfalls sterben sollte. Als er Durán in dessen Heimatstadt Penedo de Avión unweit von Osera besuchte, erfuhr er von aus Mexiko zurückgekehrten spanischen Emigranten, die es in der Neuen Welt zu Wohlstand gebracht hatten und in ihrer alten Heimat nun den Geldadel repräsentierten (ibid., S. 159-161). Als "Mexicans" tauchen sie in Monsignor Quixote auf und spielen als Käufer einer Marienstatue eine eher unrühmliche Rolle.

Am 2. April 1991 spendete Durán seinem Freund in Vevey (Schweiz) die Sterbesakramente. Am nächsten Tag starb Graham Greene im Alter von 86 Jahren. Wenige Tage vor seinem Tod sagte er zu Durán: "'I understand why you should lament my death, but there is no need for you to be sad. There is reason for sorrow, but not for sadness.'" (ibid., S. 344).

III. The Power and the Glory

Schon der Titel dieses Romans weist auf dessen religiösen Charakter hin, denn er ist ein Zitat aus dem Vaterunser "For thine is the Kingdom , the Power and the Glory, For ever and ever, Amen." (Handley, 1992, S. 10). Der Titel der deutschen Ausgabe ist entsprechend gewählt: Kraft und Herrlichkeit.

III.1 Mexiko: Revolution, Restauration und Religion

Grundlegende Kenntnis über die Entwicklung Mexikos sind für das Verständnis des Romans hilfreich. Sie ermöglichen es, die in diesem Buch angedeuteten politischen und religiösen Umwälzungen in einem größeren Rahmen zu sehen. So wirkt beispielsweise die Besessenheit des sozialistischen Polizeileutnants durch die Kenntnis der Gesellschaftsstrukturen im Mexiko dieser Zeit weniger grotesk und abstrus, sie erhält sogar eine gewisse Berechtigung.

Die Geschichtsbücher zeichnen das Bild eines durch soziale und ethische Umstände sowie durch ausländische Interessen zerrissenen Landes.

Nach der Eroberung des Aztekenreichs durch den Spanier Cortés 1521 verblieb das spätere Mexiko als "Nueva Espana" für genau 300 Jahre im Besitz der spanischen Krone. Unter dem Einfluß der von den Landpfarrern Miguel Hidalgo und José Maria Morelos geführten Bauernarmeen erkannte der spanische Vizekönig 1821 die Unabhängigkeit des nun "Vereinigte Mexikanische Staaten" genannten Landes an.

Doch in dem unabhängig gewordenen Bundesstaat lebte die koloniale Bevölkerungsstruktur fort: an der Spitze standen die Kreolen, weiße Nachfahren europäischer Einwanderer. Ihnen gehörten die riesigen Haciendas. Auf diesen Latifundien arbeiteten die Mestizen (Mischlinge zwischen Indios und Weißen) gegen geringen Lohn. Die mehr oder weniger rechtlosen Indios wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet und bekamen zur eigenen Nutzung nur die schlechtesten Böden.

Infolge des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges (1845-48) verlor Mexiko etwa die Hälfte seines Staatsgebietes. 1857 wurde eine neue Verfassung verabschiedet, die unter anderem eine Bodenreform und die vollständige Trennung von Staat und Kirche sowie die Verstaatlichung des Kirchenbesitzes vorsah. Die katholische Kirche verfügte vor dieser Verfassungsreform über rund die Hälfte allen Grundbesitzes und Vermögens des Landes. Die neue Verfassung löste daher einen Bürgerkrieg zwischen dem konservativen Lager und der Kirche einerseits und einem "progressiven Block" andererseits aus (1857-1861).

Unter der autoritären Diktatur des General Porfirio Díaz (1876-1910) wurde die Industrialisierung des Landes mit Hilfe ausländischen Kapitals vorangetrieben. Die sozialen Gegensätze zwischen Großgrundbesitzern und der einfachen Landbevölkerung (peónes) wuchsen jedoch weiter und entluden sich 1910 in der Mexikanischen Revolution. Pancho Villa und Emiliano Zapata führten ihre Mestizen- und Indioarmeen zum Sieg über das Etablissement und verabschiedeten 1917 eine Verfassung, die unter anderem das nationale Verfügungsrecht über die Bodenschätze, die Einführung des Achtstundentages, gesetzlich garantierte Mindestlöhne, Streikrecht und die Trennung von Staat und Kirche zum Inhalt hatte.

Präsident Plutarco Elías Calles verschärfte ab 1924 die antiklerikale Politik seiner Vorgänger und führte sein Land so in den blutigen Cristero-Krieg (1926-29), der schließlich das religiöse Leben für Jahre in den Untergrund trieb. Sein Nachfolger im Präsidentenamt, Lázaro Cárdenas, enteignete und verstaatlichte 1936 die Großgrundbesitzer und 1938 die ausländischen Erdölgesellschaften.

In seinem Buch The Lawless Roads (1960) geht Greene speziell auf die politische und religiöse Situation in den entlegenen südöstlichen Bundesstaaten Tabasco und Chiapas zur Zeit seiner Reise 1938 ein.

In Tabasco herrschte bis 1935 Garrido Canabal, der mit Hilfe seiner "Red Shirts" genannten Milizen einen anti-christlichen Staat schuf, in dem es weder Geistliche (erschossen, exiliert oder zwangsverheiratet) noch baulich intakte Kirchen gab (Greene, 1960, S. 14). Garrido war unbestechlich, lehnte jede Form von Nepotismus entschieden ab und verordnete sich und seinem Land Abstinenz, vor allem was den Alkoholkonsum betraf (Sherry, 1990, S.707).

Als Bauern 1938 gegen diesen gottlosen Zustand durch öffentliche Gebete protestierten, wurden sie von der Staatsmacht niedergeschossen. In dem liberaleren Chiapas hatte eine ähnliche Maßnahme des Volkes mehr Erfolg: seit 1937 waren einige Kirchen von der Regierung für Gottesdienste wieder freigegeben (Greene, 1960, S. 232-233).

III.2 Handlung und Kurzanalyse

In dem Roman The Power and the Glory beschreibt Greene die letzten Wochen der achtjährigen Flucht eines katholischen Priesters ("whisky priest") durch die mexikanische Provinz Tabasco, die mit dessen Erschießung durch die Staatsgewalt, vertreten durch einen Polizeileutnant, endet.

Die Handlung beginnt in der Hafenstadt Obregón. Wie Sherry (1990, S. 701-702) anhand von Parallelen zwischen The Lawless Roads und The Power and the Glory herausgearbeitet hat, handelt es sich hierbei tatsächlich um die Stadt Frontera im mexikanischen Bundesstaat Tabasco. Der englische Zahnarzt Dr. Trench trifft hier den Priester, ohne daß weder er noch der Leser sofort um dessen wahre Identität wissen. Er wird lediglich als "small man dressed in a shabby dark city suit, carrying a small attaché case" (S. 9) vorgestellt, der mit einem im Hafen liegenden Boot nach Vera Cruz fahren will und - verbotenerweise - eine Flasche Brandy bei sich hat. Schon in der ersten Szene werden Gottlosigkeit und Menschenverachtung in diesem Land angedeutet: Ein Mann namens Lopez wurde erschossen, und der Polizeichef hält sich dessen Geliebte nun als Mätresse. Der Zahnarzt "verschönert" seine Praxis mit einem Kirchenfenster ("I got it when they sacked the church"; S. 13). Geier scheinen die einzigen Tiere zu sein, die sich in dieser Stadt wohlfühlen.

Als ein Kind nach einem Arzt für seine sterbende Mutter fragt, folgt ihm der seltsame Fremde und verpaßt so sein Boot. Das Buch (sein Brevier), welches er bei dem Zahnarzt vergißt, beseitigt die letzten Zweifel: er ist ein Priester - auf der Flucht in einem kirchenfeindlichen Land.

In der nächsten Szene werden die Verfolger des Priesters vorgestellt: der Polizeileutnant und der Polizeichef. Die Beschreibung ihres äußeren Erscheinungsbildes entspricht ihren unterschiedlichen Charaktereigenschaften, wie sich schnell herausstellt: der Leutnant macht einen sehr gepflegten und ehrgeizigen Eindruck, er ist korrekt gekleidet und von schlanker Statur ("a lean dancer's face"; S. 20); er steht somit im Kontrast zu seiner als schmutzig und verdorben dargestellten Umwelt und seinem fetten, keuchenden Vorgesetzten ("with a pink fat face"; S. 21). Während das einzige Problem des Polizeichefs seine Zahnschmerzen zu sein scheinen, sind schon die ersten Äußerungen des Leutnants von einem unbändigen Haß auf die Kirche geprägt, die seiner Meinung nach den armen Bauern ein schlechtes Gewissen mache, um sie anschließend mit Hilfe des Klingelbeutels zu schröpfen. Um den letzten flüchtigen Priester zu fangen, will der Leutnant in jedem Dorf eine Geisel nehmen und diese erschießen, sollten die Dorfbewohner die Anwesenheit des Priesters nicht der Polizei verraten.

Im weiteren Verlauf des Romans erfährt der Leser von einer frommen Frau, die ihren Kindern allabendlich eine Märtyrergeschichte vorliest, und von dem verheirateten Padre José, der sich aus Schwäche mit dem kirchenfeindlichen Regime arrangiert hat und der nun, auf Staatskosten, mit seiner ehemaligen Haushälterin und jetzigen Ehefrau in der Hauptstadt lebt. Der Leutnant sieht die Rolle Padre Josés darin, den Menschen die Schwäche des christlichen Glaubens vor Augen zu halten (S. 25), oder, wie Padre José über sich selbst sagt: "he was like an obscene picture hung here every day to corrupt children with." (S. 29).

Im folgenden wird die skurrile englische Familie Fellows vorgestellt: Captain Fellows Hauptbeschäftigung scheint es zu sein, mit seinem Motorboot fröhlich pfeifend durch den Urwald zu fahren. Dabei findet er nur das Leben in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs schöner als dieses Urwaldidyll. Seine Frau ist die stets Leidende, die am liebsten über sich, ihre unbedeutenden Sorgen und ihre Kopfschmerzen spricht. Ihre dreizehnjährige Tochter Coral verwaltet de facto die familieneigene Bananenplantage. Sie versteckt den Priester in einer Scheune und versorgt ihn mit Hühnchen und Bier. In dem Gespräch zwischen Coral und dem flüchtigen Priester werden dessen Gründe für die jahrelange Flucht klar: erstens hat er Angst vor seiner Hinrichtung und zweitens sieht er sich als Priester den Gläubigen dieses Landes gegenüber in einer religiösen Verantwortung, zumahl er der letzte Priester in dem Bundesstaat ist (S. 40-41).

Trotz ihrer Sympathie für den Priester glaubt Coral nicht an Gott. Im Unterschied zum Atheismus des Leutnants (s. III.3.2) rührt ihr Unglaube aber eher von einer streng logischen Betrachtungsweise her denn von Haß:

[...] - it [the belief in God] hadn't been any more difficult to accept then [when she was younger] than the giant at the top of the beanstalk, and at the age of ten she had discarded both relentlessly. By that time she was starting algebra. (S. 53)

In den folgenden Szenen wird dem aufmerksamen Leser bewußt, in welch ähnlichen Situationen sich der "whisky priest" und der Polizeileutnant befinden.

Beide werden von ihrer Umwelt und von gesellschaftlichen Umständen stark unter Druck gesetzt: dem Priester droht bei seiner Gefangennahme der sichere Tod, aber auch der Leutnant kann sich einen Mißerfolg seiner Jagd kaum leisten: falls er den Priester nicht bis zu Beginn der Regenzeit fängt, wird er vom Gouverneur dafür zur Rechenschaft gezogen werden (S. 55). Im revolutionären Mexiko der 30er Jahre war hiermit sicher mehr gemeint als ein ordentliches Disziplinarverfahren.

Ferner sind beide Charaktere auf sich allein gestellt. Diese Isolierung bezieht sich einerseits auf ihre Position in ihrem jeweiligen ideologischen Lager und andererseits auf ihre menschlich-soziale Isolierung.

So darf der Leutnant, wie ihm der Polizeichef unverblümt mitteilt, auf keine politische Unterstützung seitens des Gouverneurs hoffen, sollten seine Grausamkeiten von der Bundesregierung in Mexico-City verurteilt werden (S. 56). Der Priester seinerseits ist der letzte Vertreter der katholischen Kirche in diesem Bundesstaat; selbst sein Bischof ist geflüchtet und führt in Mexico-City ein relativ unbeschwertes Leben (S. 131).

Bezüglich der sozialen Isolierung läßt sich sagen, daß es im Verlaufe des Romans keinem von beiden gelingt, eine zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen, obwohl es beiden an gutem Willen nicht mangelt. Der Priester versagt in dieser Hinsicht bei seiner Tochter, der Leutnant bei dem Jungen Luis, der ihm am Ende des Romans vor Verachtung auf sein Pistolenholster spuckt.

Beide Protagonisten haben Verräter und Verrat in ihrer "Partei": der Leutnant seinen Polizeichef, der mehr an Billiard und seinen Zahnschmerzen interessiert ist als an der Verfolgung des Priesters und in einer grotesken Hotelszene mit dem Cousin des Gouverneurs den für die Messe bestimmten Wein des Priesters verzecht. Auf seiten des Priesters verrät Padre José durch seine Schwäche die Ideale der Kirche und auch den "whisky priest" selbst: als dieser von den "Red Shirts" mit einer Flasche Brandy ertappt wird und Unterschlupf sucht, gewährt er ihm diesen nicht, und in der Nacht vor der Hinrichtung seines ehemaligen Amtsbruders weigert er sich, dessen Beichte zu hören.

Schließlich haben beide Protagonisten dasselbe Ziel, dem sie sich aufopferungsvoll und selbstlos widmen: sie wollen die Menschen glücklicher machen (Smith, 1986, S. 86). Ihre Differenzen beginnen aber schon bei der Definition von "Glück": während der sozialistische Polizist hierunter soziales und materielles Glück auf Erden versteht, predigt der Priester, daß nur diejenigen wirkliches Glück erleben werden, die irdisches Leid hinnehmen. Nur so komme man in den Himmel (S. 69-70).

Nach weniger als 60 Seiten ist also klar, worauf die Handlung hinauslaufen wird: auf einen tödlichen "Showdown" zwischen dem Vertreter der katholischen Kirche und dem des sozialistischen Staates. Für beide steht physisch und ideologisch zu viel auf dem Spiel, als daß sich ihr Konflikt friedlich lösen ließe. Greenes Verdienst als Autor ist es, die beiden Antagonisten nicht wie in einem Hahnenkampf aufeinander losgehen und sich zerfleischen zu lassen, sondern ihre konträren Vorstellungen von der Welt und dem Jenseits in einem Dialog vorzubringen. Dieser Dialog wird im Abschnitt III.3.2 eine wesentliche Rolle spielen.

Der Priester sucht auf seiner Flucht auch Schutz in dem Dorf, in dem er mit einer Frau namens Maria unter Alkoholeinfluß und dem Gefühl von Einsamkeit ein Kind gezeugt hat (S.66). Hier erfährt er, daß in seiner alten Gemeinde in Concepción eine Geisel erschossen worden ist, nachdem der Polizei durch seine Nachlässigkeit seine Anwesenheit bekannt geworden war. Er zelebriert eine Messe, wird jedoch durch das Eintreffen der Polizei unterbrochen. Der Polizeileutnant erkennt ihn aber nicht. Er nimmt auch in diesem Dorf eine Geisel und zieht wieder ab. Der Priester verläßt das Dorf, wissend, daß er nun wegen der in der Hand des Leutnants befindlichen Geiseln nirgendwo mehr willkommen sein wird.

Auf seinem Weg in seine Geburtsstadt Carmen lernt der Priester einen Mestizen kennen. Auch dessen unsympatisches Äußeres korrespondiert mit dem Charakter, der sich dahinter verbirgt: hervorstehende gelbe Eckzähne und durchlöcherte Turnschuhe, die den Blick auf gelbe Füße freigeben, "plump and yellow like something which lives underground". Er hat ferner die Angewohnheit, sich ständig unter den Achseln zu kratzen (S. 86). Beide erkennen trotz aller Vertuschungsversuche schnell die wahre Identität des anderen: der Mestize erkennt in dem unscheinbaren, in Bauernkleidern steckenden alten Mann den überall gegen eine hohe Belohnung gesuchten Priester und der Priester sieht in dem Mestizen den biblischen Verräter Judas (S. 91).

Mangels Alternativen sucht der Priester Zuflucht in der Anonymität der Hauptstadt. Hier jedoch wird er wegen Alkoholbesitzes für eine Nacht ins Gefängnis geworfen. Diese Gefängnisszene ist die eindrucksvollste und aussagekräftigste in diesem Buch; die Glaubensstärke des Priesters, seine Menschenliebe und Bescheidenheit kommen hier ebenso zum Ausdruck wie die pharisäerhafte Bigotterie, Härte und Selbstzufriedenheit der Frommen und der Selbstbetrug der Atheisten. Diese Gefängniszelle ist ein Mikrokosmos der Menschheit; auf wenigen Quadratmetern findet der Leser alle Spielarten des Menschseins: christliche Nächstenliebe und körperliche Liebe, Mord und Haß, Bigotterie, Verzweiflung, Bescheidenheit, materielle und körperliche Begierden, Reue und Selbstsicherheit, Sünde und falscher Glaube an die eigene Heiligkeit. Nur ein Typus fehlt: der Verräter, der Judas. Dieser schläft, wie der Priester am nächsten Morgen erfährt, in der Person des ihm schon bekannten Mestizen eine Zelle weiter. Er verrät den Priester wider Erwarten aus Angst um die Belohnung nicht.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis - der Polizeileutnant hat ihn wieder nicht erkannt - beschließt der Priester, aus Tabasco in das sichere Chiapas zu fliehen, also seine Mission als letzter Priester in Tabasco zu beenden. Er kommt wieder an der Bananenplantage der Fellows vorbei, findet diese jedoch verlassen vor. Hier erreicht er seinen menschlich-moralischen Tiefpunkt: völlig alleingelassen und ausgehungert muß er mit einer verkrüppelten Hündin um einen alten Knochen kämpfen.

Das Wetter verschlechtert sich, die Regenzeit kündigt sich an und der Priester ist nicht mehr weit von der rettenden Grenze entfernt. Doch der Leutnant ist ihm weiterhin auf der Spur. Der Priester trifft eine Indianerin, deren Kind bei einem Schußwechsel zwischen der Polizei und dem international gesuchten US-amerikanischen Mörder Calver tödlich getroffen wurde. Selbst in der Einsamkeit der Natur kann der Priester Tod und Verbrechen nicht entfliehen.

Der Priester lernt bei der Indianerin einen Glauben kennen, der, obwohl christlich geprägt, von seinem Katholizismus durch die starke Betonung magischer Elemente abweicht. Als er und die Indianerin auf einem Hochplateau auf eine Ansammlung riesiger Kreuze ("a grove of crosses"; S. 154) treffen, die die Indiander hier aufgestellt haben, denkt er:

No priest could have been concerned in the strange rough group; it was the work of Indians and had nothing in common with the tidy vestments of the Mass and the elaborately worked out symbols of the liturgy. It was like a short cut to the dark and magical heart of the faith - to the night when the graves opened and the dead walked. (S. 154)

Die Indianerin legt ihr Kind unter das höchste Kreuz und bekreuzigt sich "in a curious and complicated pattern which included the nose and ears" (S. 154).

Schließlich erreicht der Priester völlig erschöpft den rettenden Nachbarstaat, wo er sich einige Tage bei den deutschen Geschwistern Lehr, strengen Lutheranern, erholt. In ihrem Verhalten und ihren Ansichten wirken sie sehr puritanisch-calvinistisch und ziemlich weltfremd. Herr Lehr liest drei Wochen alte Magazine. Die mangelnde Aktualität stört ihn nicht. Probleme werden ignoriert und/oder schöngeredet: als man von ihnen verlangt, einen Teil ihres Grundstücks abzugeben, tun sie dies, ohne mit der Wimper zu zucken und sehen nur die Steuerersparnis, die ihnen dieser Schritt bringt. So resümiert der Priester wohl zutreffend über seine Gastgeber:

Mr Lehr and his sister had combined to drive out savagery by simply ignoring anything that conflicted with an ordinary German-American homestead. It was, in its way, an admirable mode of life. (S. 163)

Sie verabscheuen den Luxus in der katholischen Kirche, was natürlich grotesk und makaber wirkt, wenn sie dies zu dem heruntergekommenen, in fremden Kleidern steckenden Priester sagen. Sie lehnen Nebensächlichkeiten ("inessentials"; S. 163) wie Fasten und "fish on Friday" (S. 163) ab. Auch in diesen Punkten ist der alkoholabhängige Priester sicher nicht der richtige Gesprächspartner.

Schon nach wenigen Tagen der relativen Sicherheit (Predigen wird hier "nur" mit maximal vier Wochen Gefängnis bestraft) kehren beim Priester alte Gewohnheiten zurück: er verlangt, für das Taufsakrament bezahlt zu werden, er kalkuliert finanzielle Gewinne und Verluste, er feilscht um Brandy, kurz: er spürt "the old life hardening around him like a habit, a stony cast which held his head high and dictated the way he walked, and even formed his words." (S. 167-168).

Doch dem Priester ist dieses beschauliche Leben nicht lange vergönnt: es erscheint der Mestize, um ihm zu sagen, daß der amerikanische Verbrecher Calver tödlich verletzt sei und einen Seelsorger verlange. Der Priester weiß, daß dies nur ein Trick ist, um ihn wieder in den anderen Staat, Tabasco also, zurückzulocken und dort zu verhaften. Der Mestize kann ihm aber beweisen, daß Calver wirklich im Sterben liegt. Um dem Mörder Calver die Gelegenheit zu geben, seine zahlreichen Sünden zu bereuen, bevor er vor Gott tritt, entschließt sich der Priester dennoch zur Rückkehr. Er geht also um seines Glaubens willen wissentlich in den Tod und wird so zum Märtyrer.

Tatsächlich findet der Priester den sterbenden Verbrecher; dieser ist aber von seiner unwiderruflichen Verdammung überzeugt und zu keiner Beichte zu bewegen. Nach Calvers Tod wird der Priester vom Polizeileutnant verhaftet.

Interessant ist in diesem Zusammenhang der Name des Verbrechers Calver: "Calvary" (deutsch: Golgatha) ist der Hügel vor dem alten Jerusalem, an dem Jesus gekreuzigt wurde. So wie Jesus für die Sünden der Menschen gestorben ist, so gibt der Priester sein Leben für den sündigen Amerikaner.

Auf dem Rückweg in die Hauptstadt, wo der Priester wegen "Verrats" angeklagt werden soll, entwickeln sich zwischen dem Priester, der trotz aller Sünden (oder gerade deshalb?; s. III.3.1) fest an Gott und die Lehre der katholische Kirche glaubt, und dem idealistischen Polizeileutnant, der von seinem sozialistischen Gedankengut überzeugt ist, mehrere Gespräche, auf deren Inhalt unter III.3 näher eingegangen werden soll.

Aus der anklagenden, kirchenverachtenden Polemik des Leutnants wird schließlich eine Diskussion, die von gegenseitiger Achtung geprägt ist. Beide betonen, daß sie menschlich nichts gegeneinander einzuwenden haben. Diese Sympathie geht soweit, daß der Leutnant dem Priester das Sakrament der Buße gestattet und sich sogar um einen Beichtvater, jenen Padre José, kümmert. Dieser, sich seiner Pflicht durchaus bewußt ("'My dear, it's only that ... well ... I am a priest.'"; S. 204), lehnt auf Druck seiner Frau und wohl auch aus Angst ab.

Der Leutnant bringt dem Priester in der letzten Nacht vor dessen Erschießung eine Flasche Brandy in die Zelle. Der Priester seinerseits deutet ihm an, daß er einmal ohne Furcht vor Gott treten könne:

'We have to die some time,' the lieutenant said. 'It doesn't seem to matter so much when.'

'You're a good man. You've got nothing to be afraid of.' (S. 206)

Nachdem der Leutnant gegangen ist, läßt der Priester in einem beichtähnlichen Bewußtseinsstrom sein Leben als flüchtiger "whisky priest" Revue passieren. Aus Angst vor Schmerzen bei seiner Hinrichtung und aus Verzweiflung über seine schweren Sünden weint er. Die letzten in diesem Buch beschriebenen Gedanken des Priesters - am Morgen des Hinrichtungstages - sind aber andere:

Tears poured down his face: he was not at the moment afraid of damnation - even the fear of pain was in the background. He only felt an immense disappointment because he had to go to God empty handed, with nothing done at all. It seemed to him, at that moment, that it would have been quite easy to have been a saint. It would only have needed a little self-restraint and a little courage. He felt like someone who has missed happiness by seconds at an appointed place. He knew now that at the end there was only one thing that counted - to be a saint. (S. 210)

Dieses Resümee seines Wirkens als Priester und Mensch wird unter III.3 noch näher behandelt. Es wird dabei besonders um die Frage gehen, inwieweit er wirklich mit leeren Händen vor Gott treten muß.

In der Nacht vor der Hinrichtung des Priesters hat der Leutnant einen Traum: er ist auf einem langen Flur und sucht verzweifelt nach einer Tür, kann aber keine finden. Eine mögliche (und aus den Umständen heraus auch wahrscheinliche) Interpretation dieses Traums ist, daß sich der Leutnant im Unterbewußtsein seines tragischen Dilemmas bewußt wird: er muß wenige Stunden später die Exekution eines Mannes leiten, den er menschlich so sehr schätzen gelernt hat, daß er für ihn gegen seine eigenen Prinzipien und Gesetze verstoßen hat.

Die Hinrichtung wird nicht direkt beschrieben; sie wird in Szenen, die andere Schwerpunkte als das Schicksal des Priesters haben, eingeflochten, quasi als Nebenhandlung.

So bereitet das englische Ehepaar Fellows seine Abreise nach England vor. Offensichtlich ist ihre Tochter Coral tot, denn beide versuchen, die Themen "Coral" und "Tod" zu meiden, was ihnen aber nur unzureichend gelingt. Ohne ihre Tochter wirken beide wie Kinder in einer fremden Stadt außerhalb der Obhut Erwachsener (S. 211).

Die Hinrichtung des Priesters erwähnen sie nur in wenigen Sätzen. Sie sind zu sehr mit dem beschäftigt, was sie für Probleme halten (Mrs Fellows' "Wehwehchen", die Ansichten der Verwandschaft in England), wobei das Schicksal ihrer Tochter tabuisiert und das des Priesters ignoriert wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Religiöse Motive in Graham Greene's Romanen "Monsignor Quixote", "The Heart of the Matter" und "The Power and the Glory"
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1995
Seiten
107
Katalognummer
V109225
ISBN (eBook)
9783640074068
ISBN (Buch)
9783656249764
Dateigröße
844 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Falls Sie meine Examensarbeit verwenden konnten und aus ihr zitiert haben, schicken Sie mir bitte Ihren Text zu. Vielen Dank.
Schlagworte
Religiöse, Motive, Graham, Greene, Romanen, Monsignor, Quixote, Heart, Matter, Power, Glory
Arbeit zitieren
Michael Münzer (Autor), 1995, Religiöse Motive in Graham Greene's Romanen "Monsignor Quixote", "The Heart of the Matter" und "The Power and the Glory", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109225

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