"The Time is out of Joint" - Neues Weltbild, neues Selbstbild in William Shakespeares Hamlet


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
25 Seiten, Note: 1

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Inhalt

Einleitung

1 Das 16. Jahrhundert - Treffpunkt zweier Welten ?
1.1 Die Elisabethaner und ihr Geisterglaube
1.2 Moderne Tendenzen oder Das Ende der „ordered existence“
1.2.1 Neue Autoritäten
1.2.2 Gefährdung des Gottesgnadentum
1.2.3 Emanzipation des Bürgertums
1.2.4 Suche nach neuem Wissen

2 Hamlet - Ein Opfer seiner Zeit
2.1 Problem und (un-)mögliche Lösungen
2.2 Flucht nach innen

3 Rachetragödie ohne Rache ?

Literaturverzeichnis

Einleitung

„For anything so o’erdone is from the purpose of playing, whose end, both at the first and now, was and is to hold, as ‘twere, the mirror up to nature, to show virtue her own feature, scorn her own image, and the very age and body of the time his form and pressure.“ (III.ii.19-24)[1]

Mit seinem Diskurs über die Tugenden der Schauspielerei weist Hamlet innerhalb des Dramas auf ein Prinzip hin, das der Kunst im allgemeinen schon seit der Antike zugrunde liegt. So gilt nämlich seit Plato und Aristoteles das Prinzip der Mimesis, also der möglichst genauen Nachahmung der Lebenswirklichkeit, als oberstes Gebot der darstellenden und bildenden Künste sowie insbesondere auch der Literatur.

Genau wie Hamlet also die Schauspieler als „the abstract and brief chronicles of the time“ (II.ii.522) bezeichnet, fungiert auch die Literatur in unterschiedlich starkem Maße als Spiegel der Zeit, in der sie entstanden ist. Dabei hat sie einen wesentlich konkreteren Charakter und ist somit vielfach auch aufschlußreicher als die bloße Geschichtsschreibung, da sie nicht nur gleichsam beschreibend darstellt, sondern dem Leser die Möglichkeit gibt, anhand der Abbildung einzelner, konkreter Sachverhalte eigenständig Abstraktionen über die Verhältnisse der jeweiligen Zeit herzustellen.

Betrachtet man nun vor diesem Hintergrund die Feststellung Hamlets „The time is out of joint.“ (I.v.188), die er nach der Konfrontation mit dem Geist seines Vaters gegen Ende des ersten Akts macht, drängt sich die Vermutung auf, daß sich dieser Ausspruch nicht nur auf seine konkrete Situation bezieht, sondern auf den Zustand der gesamten elisabethanischen Periode, in der das Stück entstanden ist, abstrahiert werden kann.

Nun ist es freilich nichts Neues, daß die Zeit seit Beginn des 16. Jahrhunderts, also seit der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit, in England von gewaltigen Umbrüchen und einschneidenden Neuerungen geprägt war. Allein schon die Tatsache beispielsweise, daß man, ausgehend von den Entdeckungen des Kopernikus, allmählich das vertraute Bild des geozentrischen Planetensystems nach Ptolemäus gegen ein heliozentrisches austauschen mußte, wodurch die Erde und damit auch der Mensch der zentralen Stellung im Universum beraubt wurde, läßt die Formulierung zu (und dies hier sogar im wörtlichen Sinne), die Zeit sei „aus den Fugen“[2]. Aber auch, wenn die Verhältnisse der Zeit, in der Shakespeare seine Stücke schrieb, nach jahrhundertelangen, intensiven wissenschaftlichen Nachforschungen dem heutigen Leser nicht mehr fremd sein dürften, erscheint es lohnenswert, ein Stück, das zweifellos zu den bedeutendsten Werken der englischen Literatur zählt, auf seinen historischen Hintergrund hin zu untersuchen.

Ziel dieser Arbeit ist es also, herauszuarbeiten, inwieweit Hamlet dem Leser Hinweise auf die Gesellschaft im 16. Jahrhundert bzw. ihr Welt- und Selbstbild liefert, oder, anders ausgedrückt, ob und inwieweit das Stück als Spiegel der Zeit fungiert. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt dabei jedoch auf Strömungen bzw. Entwicklungen, die in dieser Zeit neu aufkommen. Zunächst soll deshalb anhand des Geisterglaubens der Elisabethaner, so, wie er im Text zutage tritt, sowie anhand einiger Beispiele für moderne Tendenzen, die sich im Text zeigen, der allgemeine Charakter der Zeit skizziert werden. Der zweite Abschnitt wendet sich dann explizit dem Protagonisten des Stückes zu. Dabei soll der Versuch unternommen werden, erstens das Problem, das durch die im ersten Abschnitt dargelegte Situation für Hamlet entsteht, aufzuzeigen, und zweitens die Konsequenzen, die sich dadurch für Hamlet und sein Welt- und Selbstbild ergeben, deutlich zu machen. Der letzte Abschnitt schließlich wird sich im Hinblick auf eine Zusammenfassung des Erarbeiteten auf die Vorgehensweise Shakespeares bezüglich der Konzeption des Hamlet bzw. auf den eigentlichen Charakter des Stückes konzentrieren.

1 Das 16. Jahrhundert - Treffpunkt zweier Welten ?

1.1 Die Elisabethaner und ihr Geisterglaube

Da mit dem 16. Jahrhundert in England die Neuzeit beginnt, wäre es naheliegend, zu vermuten, daß zu dieser Zeit die mittelalterliche Weltsicht durch eine neue, modernere abgelöst wird. Dies ist jedoch so nicht der Fall. Zwar trifft es zu, daß zu Beginn der englischen Renaissance gleichsam zwei Welten, eine alte und eine moderne, aufeinandertreffen, dies aber nur insofern, daß eine „division of ideas into ‘subversive’ and ‘orthodox’“ (Shuger: 2) zu beobachten ist. So gibt es durchaus neue Strömungen, die sich jedoch erst allmählich herausbilden, während viele der alten, aus dem Mittelalter übernommenen Überzeugungen noch teilweise über beträchtliche Zeiträume hinweg weiter existieren, bevor sie ganz von den modernen Sichtweisen überlagert werden. Daher erscheint es treffender, zu sagen, daß im England des 16. Jahrhunderts Altes und Neues nicht aufeinandertrifft, sondern vielmehr nebeneinander besteht.

Auch in Hamlet ist diese Situation, die von Ernst Bloch als „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ bezeichnet wurde (Pfister: 43), deutlich zu erkennen. Als Beispiel hierfür scheinen sich besonders der Auftritt des Geistes zu Beginn des ersten Aktes bzw. die Reaktionen, die dieser hervorruft, anzubieten.

Zunächst ist dabei festzuhalten, daß der allgemeine Glaube, die Seelen Verstorbener könnten aus dem Fegefeuer zur Erde zurückkehren, dem römischen Katholizismus des späten Mittelalters entstammt. Diese Überzeugung existierte zwar zunächst in der frühen Neuzeit weiter, wurde aber mit Fortschreiten der Reformation immer mehr abgelehnt, so daß die Kirche zur Entstehungszeit des Hamlet schon lange davon Abstand genommen hatte (vgl. Matheson: 383ff.). Dennoch wird anhand der Äußerung des Geistes

I am thy father’s spirit, Doomed for a certain term to walk the night, And for the day confined to fast in fires, Till the foul crimes done in my days of nature Are burnt and purged away. (I.v.9-13) deutlich, daß er hier diesen mittelalterlichen Glauben verkörpert.

Allein schon durch die Darstellung des Geistes wird also impliziert, daß der Glaube an derartige Erscheinungen auch im 16. Jahrhundert durchaus noch vorhanden war. Diese Vermutung bestätigt sich noch durch die Bemühungen Bernardos und Marcellus’, Horatio von der Existenz des Geistes zu überzeugen. So wird hier eindeutig Whitmores Feststellung „the average Elizabethan ghost is as real as any other participant in the drama“ (zit. in DeLuca: 149) untermauert.

Dennoch enthält das Stück auch deutliche Hinweise darauf, daß der aus dem Mittelalter übernommene Geisterglaube nicht von allen Elisabethanern geteilt wurde. Offensichtlich wird dies etwa durch Marcellus’ Worte „Horatio says ‘tis but our fantasy“ (I.i.23). Horatio, der ein gelehrter Humanist, ein „scholar“ (I.i.42), ist, steht metaphysischen Erscheinungen, wie etwa Geistern, also eher skeptisch gegenüber. Dies zeigt sich auch, wenn er den Geist, als dieser ihm zum zweiten Mal erscheint, als „illusion“ (I.i.128), also als etwas zwar Wahrnehmbares, aber Unwirkliches bezeichnet, und schließlich, wenn er sagt, daß er dem Volksglauben über die Erscheinungszeit der Geister nur „zum Teil“ Glauben schenkt („So have I heard and do in part believe it.“ (I.i.166).

Dadurch könnte man in Horatio einen Anhänger des in dieser Zeit etwa durch Montaigne propagierten Skeptizismus sehen. Während es jedoch zu den Überzeugungen dieser philosophischen Richtung gehört, alles Wissen anzuzweifeln und selbst die Sinneserfahrung für trügerisch zu halten (vgl. Hirschberger: 67), überrascht es, wenn Horatio, als ihm der Geist zum ersten Mal erscheint, äußert

[...], I might not this believe

Without the sensible and true avouch

Of mine own eyes. (I.i.56-58),

da er hier allein aufgrund der Tatsache, daß er den Geist sehen kann, von seinem anfänglichen Unglauben abzugehen scheint. Hierdurch tritt er vorübergehend nicht mehr als Skeptiker auf, sondern mutet eher wie ein früher Vertreter des Empirismus an, der in England vor allem durch die Philosophie Bacons aufkam. Während nämlich der Skeptizismus grundsätzlich alles in Frage stellt, stützt sich der Empirismus ausschließlich auf die Sinneserfahrung, die „alles bestimmt, was Wahrheit ist, Wert, Ideal, Recht, Religion“ (Hirschberger: 188).

So zweifelt Horatio also einerseits die grundsätzliche Existenz von Geisterwesen an, während er andererseits einen protestantischen Geisterglauben vertritt, indem er dem Geist erstens Realität zugesteht, ihm aber zweitens die Identität als wirklichem Geist des toten Königs Hamlet abspricht und ihm diabolische Absichten unterstellt.[3] Dies wird deutlich, als er Hamlet warnt

What if it tempt you toward the flood, my lord, Or to the dreadful summit of the cliff That beetles o’er his base into the sea, And there assume some other, horrible form, Which might deprive your sovereignty of reason And draw you into madness ? (I.iv.69-74).

Darüber hinaus zeigt sich die Tatsache, daß Horatio noch stark im konservativen Glauben verwurzelt ist, dadurch, daß er das Auftreten des Geistes und damit auch den Stern, dessen Erscheinen mit dem des Geistes einher geht („When yond same star that’s westward from the pole“, I.i.36)[4], als Vorzeichen für kommende Unruhen im Staat deutet, da schließlich auch schon in der Antike die Sterne nahendes Unheil ankündigten (vgl. I.i.67-69 und I.i.112-125).[5]

Am Beispiel des Geistes offenbart sich also nicht nur die Tatsache, daß in der elisabethanischen Gesellschaft fundamentale Glaubensdifferenzen bestehen, da es sowohl Anhänger des alten Katholizismus als auch Vertreter der protestantischen Lehre gibt, und schließlich auch solche, die alles bisher Überlieferte anzweifeln. Darüber hinaus wird nämlich am Beispiel Horatios deutlich, daß, wohl gerade aufgrund dieses Nebeneinanders verschiedener Theorien, sogar innerhalb einer einzigen Person unterschiedliche Denkmodelle miteinander konkurrieren konnten.

1.2 Moderne Tendenzen oder Das Ende der „ordered existence“

1.2.1 Neue Autoritäten

Nachdem also an einem konkreten Beispiel deutlich wurde, inwieweit sich die Situation der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ im England des 16. Jahrhunderts aus dem Stück ableiten läßt bzw. inwieweit sie sich in ihm widerspiegelt, sollen nun einige Beispiele folgen, die insbesondere auf allgemeine moderne Tendenzen in dieser Zeit hinweisen.

Die Auswirkungen, die die erste dieser Tendenzen hat, konnten bereits am Beispiel Horatios abgelesen werden. Durch die Tatsache nämlich, daß er sich nicht im Klaren darüber ist, wie er die Geistererscheinung letztendlich zu deuten hat, zeigt sich, daß ihm die entsprechenden Vorgaben zur Deutung einer solchen Situation innerhalb des Zeitalters, in dem er lebt, fehlen. Anders ausgedrückt spiegelt das Zweifeln Horatios das Ende der „ordered existence“ (Parker: 81).

Im Gegensatz zur Neuzeit, in der sich der Mensch plötzlich mit bisher unbekannten Situationen und Theorien auseinandersetzen muß, war die Welt des Mittelalters noch ein „orderly and rational place“ (Parker: 81) gewesen. Auch das Weltbild der Elisabethaner gründete zunächst noch auf dieser Ordnung. So sind heute Begriffe wie frame of order für das Weltganze, degree für die Rangstufung innerhalb desselben oder chain of being für das übergeordnete Muster, das alle Elemente bzw. Glieder dieser Rangstufung harmonisch verbindet, charakteristisch für das konservative elisabethanische Weltbild (vgl. Suerbaum 1989, 475ff.).

Einen Hinweis auf die in diesem Sinne geordnete Welt des Mittelalters liefert beispielsweise Rosenkranz, indem er darlegt, wie sich das Ende eines Königs auf die gesamte restliche Welt auswirken müsse

The cess of majesty

Dies not alone, but like a gulf doth draw

What’s near it with it; (III.iii.15-17).

Dadurch zeigt sich, daß er fest in dem Glauben vieler Elisabethaner verwurzelt ist, die Beeinträchtigung eines Gliedes führe zwangsläufig zur Störung der gesamten chain of being.

Daneben ließe sich hier auch Polonius nennen, der seinem Sohn zahlreiche Verhaltensregeln mit auf den Weg nach Frankreich gibt („And these few precepts in thy memory“, vgl. I.iii.58-80) und deren Einhaltung für so fundamental wichtig hält, daß er seinen Diener Reynaldo damit beauftragt, Laertes’ Verhalten auszuspionieren. Dieses Vorgehen ordnet ihn eindeutig der alten Welt zu, denn, wie Parker es ausdrückt, „Life by rule is a medieval custom.“ (84).

Um das Verhalten des Polonius nun aber in Bezug zur Manifestation moderner Tendenzen im Stück zu setzen, könnte man einerseits so argumentieren, daß Shakespeare durch die Art, wie er die Figur angelegt hat, die alte Lehre, die diese zu vertreten scheint, als in der Neuzeit unpassend und ungeeignet darstellen wollte. So ist es nämlich kaum zu bestreiten, daß Polonius überwiegend als einfältiger Narr gezeichnet wird. Beispiele hierfür liefern nicht nur Hamlets zahlreiche Äußerungen über ihn („The great baby you see there is not yet / out of his swaddling clouts.“, II.ii.381/382; „Who was in life a foolish prating knave.“, III.iv.216), sondern etwa auch die Szene, in der er meint, die Ursache für Hamlets Wahnsinn erkannt zu haben. So wird hier zunächst durch seine rhetorisch überspitzte Aufforderung „Give first admittance to th’ambassadors. / My news shall be the fruit to that great feast. (II.ii.51/52) deutlich, wie übertrieben wichtig er sich nimmt, während er sich im folgenden durch sein Versprechen „I will be brief.“ (II.ii.92) innerhalb seines nicht enden wollenden Exkurs über die Wichtigkeit der „brevity“ vollends lächerlich macht (vgl. II.ii.85-108). Andererseits aber gibt es durchaus auch Hinweise dafür, daß Polonius, den Fisher sogar als „representative humanist“ (46) bezeichnet, nicht nur ein altmodischer Narr, sondern auch ein durchaus (selbst-)kritischer Beobachter ist. So scheint er, wenn er äußert

[...], it is as proper to our age

To cast beyond ourselves in our opinions

As it is common for the younger sort

To lack discretion. (II.i.115-118),

zwar einerseits die allzu ungestüme Jugend (und damit vielleicht auch das allzu ehrgeizige Streben der Zeit nach neuem Wissen) anzuklagen, aber andererseits auch seine eigene Generation wegen ihrer Überschätzung des alten, überlieferten Wissens bzw. wegen ihres Mangels an Flexibilität bezüglich der neuen Strömungen zu kritisieren. Wie immer man die Figur des Polonius aber auch bewertet, deutlich wird in jedem Fall, daß im 16. Jahrhundert das Ende der alten Ordnung begonnen hat, oder, wie Parker sagt, „The absolutes of the middle ages were gone, or at least no longer absolute, by Shakespeare’s time. (84).

Zur Abkehr von der „ordered existence“ gehört jedoch nicht nur die allmähliche Negierung des alten Weltbildes von Analogien und Hierarchien, sondern auch die Emanzipation gegenüber alten Autoritäten, insbesondere gegenüber Aristoteles. Diese Entwicklung - die antiken Autoren sind zwar noch im Gespräch, die allgemeine Lehre konzentriert sich jedoch immer mehr auf moderne Autoren, insbesondere aus Italien und Frankreich, wie Machiavelli oder Castiglione - hält z.B. Gabriel Harvey in seinem Essay „Revolution at Cambridge“ fest (vgl. 181ff.).

Innerhalb des Stückes manifestiert sich diese Tendenz etwa durch die Tatsache, daß Laertes sich in Frankreich ausbilden läßt, und, in schwächerem Maße, auch durch Claudius’ anerkennende Bewunderung der Franzosen bezüglich ihrer Reitkünste (vgl. IV.vii.80-89).

1.2.2 Gefährdung des Gottesgnadentum

Während die Abkehr von den konventionellen Autoritäten eine moderne Tendenz auf der Ebene der Kultur im allgemeinen markiert, also letztendlich Auswirkungen auf alle Lebensbereiche mit sich bringt, machen sich neue Strömungen auch im Speziellen, in Bereichen wie Religion und Politik, bemerkbar. So geriet in einer Zeit, in der die geordnete Welt des Mittelalters mehr und mehr Vergangenheit wurde, selbst die höchste Position, die ein Mensch innerhalb des frame of order innehaben konnte, nämlich die des Königs, in Gefahr.

Welche Auswirkungen eine Gefährdung des Königs nach konservativem elisabethanischen Glauben haben konnte, wurde bereits durch Rosenkranz’ Ausführungen deutlich gemacht. Nun konstituiert sich die Sonderstellung des Königs aber nicht allein dadurch, daß er gleichsam den Kopf des body politic verkörpert (vgl. Suerbaum 1989: 498ff.), sondern auch durch den Glauben, daß er durch Gott, der ihn gesalbt hat, bzw. durch Gottes Gnade in sein Amt erhoben wurde.

Die Tatsache nun, daß der Glaube an das Gottesgnadentum und damit zwangsläufig auch die bisher unantastbare Stellung des Königs in der elisabethanischen Zeit immer mehr in Frage gestellt wurden, läßt sich auch an der Entwicklung in Hamlet erkennen. Zwar spielt das Stück nicht in der Erbmonarchie England, sondern in Dänemark, „which both in theory and practice was an elective kingdom“ (Sjögren: 223), aber auch hier stützt sich der König in erster Linie auf das Gottesgnadentum. Dies wird insbesondere deutlich, als Claudius Gertrude mit den Worten zu beruhigen sucht

Do not fear our person.

There’s such divinity doth hedge a king

That treason can but peep to what it would,

Acts little of his will. (IV.v.124-127).

Darüber hinaus kommt es hier zwar nicht zu einer Absetzung des Königs, wie etwa in dem, in dieser Hinsicht geradezu revolutionären Richard II. Dennoch wird Claudius kurzzeitig durch den aus Frankreich zurückkehrenden Laertes, der nur das eine Ziel hat, nämlich den Tod seines Vaters zu rächen, mit dieser Gefahr konfrontiert. Dies geht soweit, daß sich der Leser durch die Beobachtung der Ereignisse bei Laertes’ Rückkehr stark an die Geschehnisse in dem früheren Stück Shakespeares erinnert fühlt. So läßt die Nachricht des Boten in Hamlet

The ocean, overpeering of his list,

Eats not the flats with more impiteous haste

Than your Laertes, in a riotous head,

O’erbears your officers. The rabble call him lord,

And, as the world were now but to begin,

Antiquity forgot, custom not known,

The ratifiers and props of every word,

They cry ‘Choose we ! Laertes shall be king !’

Caps, hands, and tongues applaud it to the clouds:

‘Laertes shall be king ! Laertes king !’ (IV.v.101-110)

erstens an den Bericht Salisburys über das allzu schnelle Überwechseln des Volkes auf die Seite Bolingbrokes in Richard II

To-day, to-day, unhappy day too late,

O’erthrows thy joys, friends, fortune and thy state;

For all the Welshmen, hearing thou wert dead,

Are gone to Bolingbroke, dispers’d and fled. (III.ii.71-74)

sowie an Bolingbrokes entschlossenes Vorhaben „In God’s name, I’ll ascend the regal throne.“ (IV.i.113) denken.

Sicherlich ließe sich hierzu einwenden, daß man aufgrund der Tatsache, daß Laertes keine revolutionären Absichten hat, sondern lediglich den Mörder seines Vaters stellen will, nicht von der Darstellung moderner Tendenzen sprechen kann. Dadurch aber, daß sich gleichsam zusätzlich die Stimme des Volkes, das ohnehin statt Claudius lieber Hamlet als Regenten sähe, gegen den König erhebt, erscheint eine solche Assoziation durchaus legitim.

1.2.3 Emanzipation des Bürgertums

Die soeben geschilderte Problematik geht offensichtlich sowohl mit neuen Strömungen im religiösen Bereich (die von Gott geschaffene Hierarchie, der von Gott gesalbte König und damit auch die Autorität Gottes selbst werden nicht mehr als absolut angesehen) als auch mit daraus resultierenden politischen Neuerungen (die hierarchische Ordnung wird angegriffen) einher. Die Ursache dafür ist in einem, sich neu entwickelnden Selbstbewußtsein des Bürgertums zu sehen, das nicht länger hinter dem Adel zurückstehen wollte.

Besonders offensichtlich wird diese Entwicklung etwa in Thomas Dekkers Stück The Shoemaker’s Holiday, wo es dem Schuhmacher Simon Eyre gelingt, in das Amt des Bürgermeisters aufzusteigen. Dekker macht dabei nachdrücklich deutlich, wie groß der Stolz der Handwerker auf sich und ihr Gewerbe ist. Zum Beispiel, wenn er Eyre sagen läßt

Am I

not Simon Eyre ? Are not these my brave men, brave

shoemakers, all gentlemen of the gentle craft ? Prince am

I none, yet am I nobly born, as being the sole son

of a shoemaker. (III.i.48-52).

Betrachtet man nun Shakespeares Stück im Hinblick auf diese Entwicklung, läßt sich, neben dem bereits aufgezeigten Aufbegehren des Volkes gegen Claudius, das Verhalten des Totengräbers als Hinweis auf die Emanzipation des Bürgertums gegenüber dem Adel sowie auf eine allgemeine Entwicklung hin zum Individualismus, die diesem Emanzipationsprozeß zugrunde liegt, nennen. So nimmt der Totengräber zwar eine sehr niedrige Position auf der sozialen Leiter ein, aber die Äußerung

And the more pity

that great folk should have countenance in this world

to drown or hang themselves more than their even-

Christian. [...] There is no ancient gentle-

men but gardeners, ditchers, and grave-makers. (V.i.26-30)

drückt einerseits seine Kritik an den Privilegien des Adels und damit an der sozialen Ungleichheit der Menschen im allgemeinen aus und erinnert andererseits durch die Betonung der Ehre und Würde, die in seinem Gewerbe liegen, stark an das Selbstbewußtsein eines Simon Eyre.

Darüber hinaus wird durch den Dialog des Totengräbers mit Hamlet deutlich, daß er dem gelehrten Adligen in Schlagfertigkeit und Argumentationsfähigkeit ebenbürtig ist, während ebenfalls gebildete Höflinge (Polonius, Osric, Rosenkranz und Güldenstern) im Gespräch mit Hamlet immer wieder klar unterliegen. So merkt Hamlet z.B. an „How absolute the knave is ! We must speak by / the card, or equivocation will undo us.“ (V.i.135/136). Außerdem bringt der Totengräber Hamlet, den er zwar nicht als den Dänenprinzen, zweifellos aber als Angehörigen des Adels erkennt, keinerlei Respekt entgegen. Dies zeigt sich beispielsweise, wenn er auf Hamlets Frage, wie lange der Sieg König Hamlets über Fortinbras zurückliege, antwortet „Cannot you tell that ? Every fool can tell / that.“ (V.i.144/145). Den wohl offensichtlichsten Hinweis auf die zunehmende Behauptung des Bürgertums liefert jedoch Hamlets Beobachtung

[...], this three years I have took note of it, the age

is grown so picked that the toe of the peasant comes so

near the heel of the courtier he galls his kibe. (V.i.137-139)

Diese Beispiele weisen also darauf hin, daß sich das Individuum seit dem 16. Jahrhundert durch Aufwertung der eigenen Person immer stärker gegen die hierarchische Ordnung stellte und die Gleichheit der Menschen immer stärker betont wurde. Letzteres zeigt sich im Stück etwa auch, wenn sogar Hamlet als Adliger auf allgemeine Bedürfnisse des Menschen hinweist („For every man hath business and desire“, I.v.130) und aufzeigt, daß alle Menschen, ob König oder Bettler, letztendlich dem Kreislauf der Natur unterworfen sind („Nothing but to show you how a king may go a / progress through the guts of a beggar.“, IV.iii.29/30).

Durch Aufstreben des Bürgertums und Betonung der Gleichheit aller Menschen spiegeln sich in Hamlet so erste Tendenzen des 16. Jahrhunderts hin zu einer Entwicklung, die in der Zeit der Aufklärung dann im durch Locke vertretenen Liberalismus gipfelt. So ist nämlich nach Locke der Staat nicht „von Natur“ gegeben, sondern er entspringt ausschließlich aus dem Willen der Individuen, weshalb der Individualismus für ihn von besonderer Bedeutung ist (vgl. Hirschberger: 216f.).

1.2.4 Suche nach neuem Wissen

Zusammenfassend läßt sich für alle soweit aufgezeigten modernen Tendenzen des 16. Jahrhunderts festhalten, daß sie gleichsam in Wechselwirkung zu einer grundlegenden Umstrukturierung des menschlichen Denkens stehen, so daß sie einerseits aus dieser Umstrukturierung hervorgegangen sind und sie andererseits weiter vorantreiben. Gemeint ist damit die mit der Neuzeit aufkommende Tendenz des Individuums, neues Wissen über sich selbst und die Welt erlangen zu wollen, bisherige Theorien zu hinterfragen und tiefer in das Wesen der Dinge einzudringen.

Mit Abstand am deutlichsten spiegelt sich diese grundlegende Neuerung wohl in dem Stück Doctor Faustus des Shakespeare’schen Zeitgenossen Christopher Marlowe wider. Unter der Prämisse „Wissen ist Macht“ strebt Faust hier nach der Erkenntnis aller Dinge und hat dabei nicht einmal Skrupel, seine Seele zu verkaufen, um sein Ziel zu erreichen.

Bei Shakespeare läßt sich das neue Streben nach Wissen freilich nicht in solch drastischer Weise erkennen, dennoch kann man auch hier anhand einiger Stellen einen Bezug zu dieser Entwicklung zumindest erahnen. So weist beispielsweise Hamlet mit den Worten „There are more things in heaven and earth, Horatio, / Than are dreamt of in your philosophy.“ (I.v.166/167) den humanistisch gelehrten Horatio darauf hin, daß es jenseits des Humanismus bzw. über dessen Lehren hinaus noch unentdecktes Wissen gibt. Auch Hamlets verzweifelter Ausspruch

[...], there is

something in this more than natural, if philosophy could

find it out. (II.ii.365-367)

impliziert, daß die zeitgenössische philosophische Lehre nicht hinreichend ist, um alle Phänomene zu erklären, und man folglich nach neuen Erkenntnissen suchen muß, um die Welt zu verstehen. Ebenso läßt es sich deuten, wenn er über das Schicksal seines Vaters, der, mit Sünden beladen, in den Tod gegangen ist, sagt

And how his audit stands, who knows save heaven ?

But in our circumstances and course of thought,

‘Tis heavy with him. (III.iv.82-84).

Dadurch betont er nämlich einerseits, daß König Hamlet nach protestantischem Glauben aufgrund seiner Sünden wohl kaum ein mildes Urteil von Gott zu erwarten habe. Andererseits weist aber seine Formulierung „in our circumstances and course of thought“ darauf hin, daß diese Denkweise nicht zwingendermaßen absolut sein muß, sondern daß es durchaus auch andere, vielleicht fortschrittlichere oder aufgeklärtere geben kann.

Auch Polonius’ Vorsatz

[...], I will find

Where the truth is hid, though it were hid indeed

Within the centre. (II.ii.157-159)

scheint eine Anspielung auf die Tendenz, alles von Grund auf erforschen zu wollen, zu sein. So will er zur Auffindung der Ursache für den Wahnsinn anscheinend in das Innerste der Seele Hamlets vordringen, wobei „centre“ im wörtlichen Sinne hier wohl eher den Mittelpunkt der Erde meint, die ja wiederum nach mittelalterlichem Glauben das Zentrum des Universums bildete. Den offensichtlichsten Hinweis auf bisher unerforschtes Wissen im Text liefert jedoch die Formulierung Ophelias „Lord, we know what we are, but know / not what we may be.“ (IV.v.43/44), da hier auf die „basic uncertainty regarding the future of man“ (Burge, 68) angespielt wird.

Nachdem nun die grundlegende Situation der damaligen Zeit, nämlich das Nebeneinander alter und neuer Vorstellungen, sowie einige der damals neu aufkommenden Tendenzen und Strömungen dargelegt und ihre Spiegelungen im Text aufgezeigt wurden, soll im folgenden untersucht werden, welche Auswirkungen dieses Umfeld auf Hamlet sowie auf sein Welt- und Selbstbild hat.

2 Hamlet - Ein Opfer seiner Zeit

2.1 Problem und (un-)mögliche Lösungen

Um die Konsequenzen, die die aufgezeigte Beschaffenheit des 16. Jahrhunderts auf Hamlet hat, deutlich machen zu können, scheint es unumgänglich, sich zunächst einmal das Problem, vor das Hamlet gestellt ist, vor Augen zu führen. Konkret wird dieses Problem zweifellos durch den Geist und seine Forderungen. Günther geht sogar soweit, zu behaupten, Hamlets Welt geriete nicht erst durch den Racheauftrag „aus den Fugen“, sondern bereits durch das bloße Erscheinen des Geistes (vgl. 41). Diese These wird um so einleuchtender, macht man sich bewußt, daß Hamlet in Wittenberg, einem „Zentrum aufklärerisch-rationaler Skepsis (Günther: 41), studiert hat und Geistererscheinungen folglich ebenso ungläubig gegenübersteht wie Horatio. Diese Skepsis wird denn auch deutlich, wenn er bezüglich des Berichtes über den Geist äußert „’Tis very strange.“ (I.ii.220) und daraufhin seine Informanten, Horatio, Bernardo und Marcellus, einer detaillierten Befragung bezüglich des Erscheinungsbildes des Geistes unterzieht (vgl. I.ii.225-242).

Als der Geist ihm dann erstmals erscheint, zeigt sich, daß Hamlet, wie es auch bei Horatio zu beobachten war, der protestantischen Lehre bezüglich des Geisterglaubens folgt, indem er in dem Geist eine Höllengestalt vermutet. So befragt er ihn

Be thou a spirit of health or goblin damned,

Bring with thee airs from heaven or blasts from hell,

Be thy intents wicked or charitable,

Thou comest in such a questionable shape

That I will speak to thee. (I.iv.40-44).

Hierin wird aber auch offensichtlich, daß er sich, anders als Horatio, der negativen Absicht des Geistes nicht sicher ist, so daß er sich auf dessen Wink einläßt. Nachdem der Geist ihm sein Anliegen vorgetragen hat, verschwindet Hamlets Mißtrauen dann auch zunächst völlig, und er versichert Horatio „Touching this vision here, / It is an honest ghost, that let me tell you.“ (I.v.137/138). Darüber hinaus schwört er nachdrücklich, den Tod seines Vaters ohne Rücksicht auf alles, was er gelernt hat, also ohne Rücksicht auf jegliche herrschende Moral und damit auf sein Gewissen, zu rächen

Remember thee ?

Yea, from the table of my memory

I’ll wipe away all trivial fond records,

All saws of books, all forms, all pressures past

That youth and observation copied there,

And thy commandment all alone shall live

Within the book and volume of my brain,

Unmixed with baser matter. (I.v.97-104).

Dadurch wird deutlich, daß Hamlet, obwohl alles, was der Geist des Vaters ihm aufgetragen hat, seinen bisherigen Überzeugungen widerspricht, er nicht fähig ist, sich gegen den Vater und die alte Welt, die dieser hier verkörpert, aufzulehnen (vgl. Matheson: 385).

Kurze Zeit später jedoch gerät Hamlet erneut in Zweifel darüber, ob der Geist ihn nicht doch in die Verdammnis treiben will

The spirit that I have seen

May be a devil, and the devil hath power

T’assume a pleasing shape, yea, and perhaps

Out of my weakness and my melancholy,

As he is very potent with such spirits,

Abuses me to damn me. (II.ii.596-601).

Hamlets Problem besteht also, nachdem er nach anfänglicher Skepsis bezüglich der Existenz von Geistern eines Besseren belehrt wurde, in einem „Nebeneinander zweier Moralsysteme“ (Erzgräber: 105). Schenkt er nämlich dem Geist Vertrauen, ist es seine Pflicht als Sohn, seinen ermordeten Vater zu rächen. Andererseits darf er dem Geist nach protestantischem Glauben grundsätzlich nicht vertrauen, da er diabolische Absichten verfolgt.

Zur Lösung dieses Problems bleiben Hamlet nach seiner folgerichtigen Feststellung „The time is out of joint. O, cùrsed spite, / That ever I was born to set it right !“ (I.v.188/189) deshalb nur drei Möglichkeiten: Ausüben der Rache, Selbstmord oder stoisches Erleiden seiner Situation, ohne zu handeln (vgl. McElroy: 543). Betrachtet man diese Lösungen jedoch genauer, erscheinen sie für den Leser letztendlich ebenso als unmöglich durchführbar wie für Hamlet selbst.

So hindert ihn an einer Ausführung des Racheauftrags nicht nur der soeben geschilderte Zweifel bezüglich der Identität des Geistes, sondern wohl auch die Tatsache, daß Privatrache zur elisabethanischen Zeit nicht mehr in dem gleichen Maße gerechtfertigt werden konnte, wie dies noch im Mittelalter der Fall gewesen war.[6] Die Rache zu vollziehen und dem Geist Vertrauen zu schenken, hieße also, sich ganz der Welt des Mittelalters mit ihrem Glauben an das Fegefeuer und dem Ehrenkodex der Rache als Vergeltung allen Übels hinzugeben. Folglich kann dies für den humanistisch gebildeten und protestantisch geprägten Hamlet nicht die Lösung seines Problems darstellen.

Als weitere mögliche Lösung zieht Hamlet den Selbstmord in Betracht. Wie wenig ihm an seinem Leben noch liegt, wird z.B. deutlich, wenn er Polonius versichert

You cannot , sir, take from me anything that I

will not more willingly part withal - except my life,

except my life, except my life. (II.ii.215-217).

So erscheint es ihm zunächst das Einfachste zu sein, sein Leben und damit seine unerträgliche Situation zu beenden.

To die, to sleep -

No more - and by a sleep to say we end

The heartache and the thousand natural shocks

That flesh is heir to. ‘Tis a consummation

Devoutly to be wished. To die, to sleep -

To sleep - perchance to dream. Ay, there’s the rub. (III.i.60-65).

Gleich darauf tun sich jedoch auch bezüglich dieser Lösung Zweifel in Hamlet auf, da es schließlich eine Sünde wäre, seinem von Gott gegebenen Leben mit eigener Hand ein Ende zu setzen („[...] that the Everlasting had not fixed / His canon ‘gainst self-slaughter.“, I.ii.131/132).

Wie unmöglich ein Selbstmord im 16. Jahrhundert war, zeigt schließlich auch das Begräbnis Ophelias. So weisen die Worte des Totengräbers darauf hin, daß einem Selbstmörder normalerweise ein christliches Begräbnis verwehrt ist („Is she to be buried in Christian burial / When she wilfully seeks her own salvation ?“, V.i.1/2), während der Priester unmißverständlich deutlich macht, welche Strafe einem Selbstmörder gebührlich wäre („For charitable prayers, / Shards, flints, and pebbles should be thrown on her.“, V.i.226/227). Schließlich zeigen auch Horatios Worte „I am more an antique Roman than a Dane.“ (V.ii.335), die er äußert, als er aus dem vergifteten Kelch trinken will, wie unangemessen ein Selbstmord in dieser Zeit im Vergleich zur Antike, wo es schon fast eine Tugend darstellte, sich selbst zu töten, ist.

Hamlet sieht also seinen Tod „within the traditional context of the Christian conception of sin and punishment“ (Taylor: 156) und scheut deshalb vor einem Selbstmord zurück. Schließlich kann man nicht wissen, was nach dem Tode kommt („For in that sleep of death what dreams may come“, III.i.66), so daß man lieber das Leben erleidet, als dieses ungewisse Risiko auf sich zu nehmen

Who would fardels bear,

To grunt and sweat under a weary life,

But that the dread of something after death,

The undiscovered country, from whose bourn

No traveller returns, puzzles the will,

And makes us rather bear those ills we have

Than fly to others that we know not of ?

Thus conscience does make cowards of us all; (III.i.76-83).

Dies zeigt, daß Hamlet nicht den Tod an sich fürchtet, sondern vielmehr das „being dead“ (van Tassel: 57).

Gerade die Tatsache aber, daß Hamlet die Möglichkeit des Selbstmordes überhaupt in Betracht zieht, stellt einen weiteren Hinweis auf die modernen Tendenzen, die das Stück widerspiegelt, dar. Indem nämlich Hamlet seine Skepsis gegenüber dem, was nach dem Tod kommt, äußert, und sogar versucht ist, seinem Leben selbst ein Ende zu machen, setzt er sich nicht nur über die gängige Lehre des Protestantismus hinweg, sondern erkennt gleichsam darüber hinaus auch die bisher unangezweifelte Autorität Gottes, der nach protestantischem Glauben allein über Leben und Tod zu richten hat, nicht mehr an. Während also die Ausübung der Rache bedeutete, nach den Prämissen der alten Welt zu handeln, die in der elisabethanischen Zeit immer mehr zurückgedrängt wurden und deshalb nicht mehr tragbar sind, wäre der Selbstmord eine geradezu revolutionäre Tat und ist eben darum ebenso unmöglich.

Die dritte und letzte Möglichkeit, die sich Hamlet bietet, ist die, nichts zu tun und in seiner bisherigen Lage zu verharren. Diese Lösung entspräche zwar am ehesten seiner Erziehung, da er weder durch Mord, noch durch Selbstmord gegen die Gebote Gottes verstoßen müßte. Dennoch gibt es auch hier zwei triftige Gründe, die ein einfaches Erdulden seiner Lage für Hamlet unmöglich machen. So hat erstens Claudius durch den Mord an König Hamlet die, für die Elisabethaner so wichtige Ordnung zerstört. Dies wird explizit deutlich, als der Geist Hamlet den Auftrag erteilt „Revenge his foul and most unnatural murder“ (I.v.25). So weisen die Ausdrücke „foul“ und „unnatural“ nach Erzgräber nämlich auf die lex naturalis hin, auf der das Zusammenleben der Menschen aufbaut und die ihnen das Wissen um Gut und Böse einverleibt (vgl. 109). Die Ordnung im Staat ist also gestört, und für Hamlet erscheint es, wenn nicht unmöglich, so aber doch unerträglich, mit dem Wissen darum weiter zu leben, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Schließlich hat er durch die Aufforderung zur Rache gleichzeitig den Auftrag empfangen, die gestörte Ordnung wieder herzustellen.

Ein weiterer Grund, der ein stilles Erleiden unerträglich erscheinen läßt, ist die Tatsache, daß Claudius Hamlet nicht nur den Vater, und, in einem gewissen Sinne durch die Hochzeit mit ihr, auch die Mutter genommen, sondern, daß er ihn gleichsam seiner Identität als rechtmäßiger König Dänemarks beraubt hat. Zwar handelt es sich, wie bereits erwähnt, bei Dänemark um ein Wahlkönigreich, so daß Claudius’ Herrschaft rein rechtlich durchaus nicht angreifbar scheint. Für elisabethanische Verhältnisse wäre eine solche Situation - der Bruder des Königs tritt statt des mündigen Sohnes die Herrschaft an - jedoch undenkbar (vgl. Sjögren: 224).[7] Außerdem ist es wahrscheinlich, daß, genauso wie Claudius es in seiner heuchlerischen Freundlichkeit tut (vgl. I.ii.108-112), König Hamlet statt seines Bruders eher seinen Sohn als Thronfolger empfohlen hätte.

Konkret zeigt sich Hamlets unerträgliche Situation, wenn er etwa seinen Kopf bzw. seinen Geist und damit sein Inneres als „distracted globe“ (I.v.97) bezeichnet. Diese Metapher kann einerseits, ähnlich wie „The time is out of joint“, wohl abstrakt als Hinweis auf die beschriebene ambige Situation des 16. Jahrhunderts gesehen werden. Andererseits scheint der Ausdruck konkret auf das neue heliozentrische Weltbild hinzuweisen, in dem die Welt dadurch „distracted“, also gleichsam „beunruhigt“ ist, indem sie ihre zentrale Stellung einbüßen mußte.[8] Und schließlich auch, wenn Hamlet sich als „Beggar“ (II.ii.272) bezeichnet und Rosenkranz und Güldenstern seine Situation schildert

I have of late - [...]

[...] - lost all my mirth, forgone all custom

of exercises. And indeed it goes so heavily with my

disposition that this goodly frame the earth seems to

me a sterile promotory. This most excellent canopy,

[...] - why, it

appeareth nothing to me but a foul and pestilent con-

gregation of vapours. (II.ii.295-303),

wird seine für ihn unerträgliche Lage deutlich.

Hamlets Problem läßt sich zusammenfassend also so beschreiben, daß seine Welt in doppelter Hinsicht „aus den Fugen“ geraten ist. Erstens dadurch, daß ihm ein Geist erschienen ist, an dessen mögliche Existenz er ursprünglich nicht geglaubt hatte, und zweitens, indem durch Claudius’ Tat die Ordnung zerstört und ihm seine Identität genommen wurde. Dieses Problem verschlimmert sich dadurch noch, daß ihm, entsprechend der im ersten Kapitel aufgezeigten „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, verschiedene Lösungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, die aber alle aufgrund der herrschenden Moral wiederum als unmöglich erscheinen.

So sieht sich Hamlet, der nach Parker ein Produkt aus Humanismus und Reformation verkörpert (vgl. 385), durch die (un-)möglichen Lösungen sowohl mit der alten als auch mit der neuen Welt konfrontiert, gerät gerade dadurch in Zweifel und ist unfähig, sich zum Handeln, in welcher Weise auch immer, zu entscheiden. Hier zeigt sich im Speziellen für Hamlets Situation, was unter 1.2.1 als moderne Tendenz der Zeit dargelegt wurde. In einer Welt voller „Ambiguitäten“ (Erzgräber: 119) fehlen Hamlet die entsprechenden Autoritäten bzw. Richtlinien, nach denen er handeln kann. Traschen faßt diese Problematik in der Frage zusammen „How can he act, when there is no ultimate ground, no absolute from which to act ?“ (518). In dieser Hinsicht erscheint Hamlet gleichsam als „Opfer seiner Zeit“, da er aufgrund der Konfrontation mit den verschiedensten Strömungen zu einer Entscheidung unfähig ist und sich infolgedessen in einer regelrecht ausweglosen Situation befindet, ohne daß er diese verschuldet hätte.[9]

2.2 Flucht nach Innen

Nachdem somit das eigentliche Dilemma Hamlets deutlich geworden ist, soll nun näher betrachtet werden, welche Auswirkungen dieses Problem bzw. die Tatsache, daß es unlösbar erscheint, auf Hamlet hat. Die Antwort auf diese Frage wurde durch die Betrachtung der drei Lösungsmöglichkeiten implizit schon gegeben. So führt Hamlets Passivität nämlich dazu, daß er sich gleichsam in sein Inneres flüchtet und somit über seine Lage sowie über die Welt und den Menschen im allgemeinen reflektiert.

Dies manifestiert sich im Text etwa dadurch, daß er sich der Problematik von Schein und Sein, die am dänischen Hofe als besonders ausgeprägt erscheint, bewußt wird. Das wohl augenscheinlichste Beispiel hierfür liefert Claudius, der durch seine skrupellose Machtergreifung und -erhaltung geradezu als Prototyp des Machiavellisten gezeichnet ist (vgl. Lupton: 59).[10] Für ihn wird es regelrecht zur Existenzgrundlage, nach außen hin anders zu erscheinen als er wirklich ist. Diese Tatsache macht Hamlet mit den Worten

O villain, villain, smiling, damnèd villain ! My tables - meet it is I set it down That one may smile, and smile, and be a villain. (I.v.106-108) deutlich. Auch, wenn Hamlet Ophelia sowie den Frauen im allgemeinen vorwirft I have heard of your paintings too, well enough. God hath given you one face, and you make yourselves another. (III.i.143-145),

wird offensichtlich, daß er nicht mehr von der Gleichsetzung äußerlicher Schönheit mit innerer Tugendhaftigkeit überzeugt ist, die ja im Petrarkismus noch ausführlich gepriesen wurde. Und schließlich weist auch die Szene, in der Hamlet seiner Mutter den Spiegel vorhält, damit sie darin ihr wahres Wesen bzw. ihre innere Substanz erkenne (vgl. III.iv.20/21), auf die Trennung von Äußerem und Innerem hin.

Damit ist eine weitere moderne Tendenz im Stück zu erkennen, da sich in der Problematik von Schein und Sein der von Descartes angenommene Dualismus erkennen läßt.[11] Dieser meint die Trennung von Substanz und Materie und begründet so eine neue Sicht des Menschen und der Welt. Während nämlich für die Antike und das Mittelalter das „Objektive und Reale“ das zuerst gegebene darstellte, wird nach Descartes in der Neuzeit umgekehrt das Objektive durch das Subjektive verdrängt (vgl. Hirschberger: 99). Folglich erlangt Hamlet bei genauer Beobachtung seiner Umwelt also das Bewußtsein, daß nicht alles so ist, wie es von außen scheint, bzw. daß das Äußere nicht zwangsläufig das Innere widerspiegelt.

Auch bezüglich der Bedeutung des Menschen kommt Hamlet durch sorgfältige Reflexion zu für ihn neuen Erkenntnissen. Dies wird vor allem offensichtlich, wenn er an Ophelias Grab feststellt „To what base uses we may return“ (V.i.199) und schließlich zu der Überzeugung kommt „And a man’s life’s no more than to say ‘one’.“ (V.ii.74). Hamlet erkennt also, wie unwichtig der Mensch, der nach dem Tode zu bloßem Staub zerfällt, eigentlich ist. Innerhalb eines Stückes jedoch, das, wie sich gezeigt hat, in nicht geringem Ausmaß auf die neuen Strömungen seiner Entstehungszeit verweist, erscheint diese Erkenntnis in gewissem Sinne rückschrittlich, da sie, wie Pfister feststellt, den „Rückfall in einen mittelalterlichen Diskurs der Nichtigkeit der Dinge“ (76) kennzeichnet.

Zweifellos könnten noch zahlreiche Beispiele dafür genannt werden, in welcher Weise sich Hamlets Welt- und Selbstbild im Laufe des Dramas wandelt. Anführen ließen sich etwa Hamlets selbstanklagende Vergleiche mit Fortinbras, Pyrrhus, dem Schauspieler und indirekt auch mit Alexander, die nach Reedy zu einer „maturity and self-acceptance“ (134) Hamlets führen. Ebenso könnte man die allgemeine Entwicklung erwähnen, daß sich die Elisabethaner allmählich nicht mehr der launischen fortuna ausgesetzt sehen, sondern eine „sinnstiftende Ordnung“ hinter den Dingen erkennen (vgl. Stadter: 23). Dies spiegelt sich im Stück insbesondere dadurch wider, daß Hamlet sein Leben im fünften Akt ganz der providence, also der göttlichen Vorsehung, unterstellt (There is special / providence in the fall of a sparrow.“, V.ii.213/14), wodurch ebenfalls eine Änderung in Hamlets Weltbild offensichtlich wird.

Das für die vorliegende Untersuchung wichtige Moment scheint aber bereits nach diesen wenigen Beispielen deutlich geworden zu sein. So fällt Hamlet nämlich einerseits in einem gewissen Sinne seiner Zeit zum Opfer, hat aber andererseits, gerade durch sein Problem und seine Unfähigkeit, zu handeln, ein für diese Zeit fortschrittliches tieferes Bewußtsein über sich selbst sowie auch über seine Umwelt erlangt.

3 Rachetragödie ohne Rache ?

Bevor nun die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung noch einmal zusammengefaßt werden sollen, scheint es notwendig, einmal kurz darauf einzugehen, wie Shakespeare in diesem Stück, das ja allgemein als Rachetragödie bezeichnet wird, eigentlich vorgeht. Betrachtet man Hamlet nämlich auf das bloße Moment der Rache hin genauer, ist eine Bezeichnung des Stückes als „Rachetragödie ohne Rache“ bei weitem nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

Zwar weist das Stück durchaus typische Merkmale einer Rachetragödie auf, wie z.B. einen Mord vor Beginn der gezeigten Handlung, das Erscheinen eines Geistes oder das Spiel im Spiel (vgl. Erzgräber: 101). Ungewöhnlich ist jedoch, daß die eigentliche Rache im Grunde nie zur Ausführung kommt. Während Laertes nämlich als entschlossener und zielstrebiger Rächer im archaischen Stil auftritt, kann sich Hamlet nach langem Zögern erst in der letzten Szene dazu durchringen, Claudius zu töten, und das auch erst, als dessen Schuld durch den versehentlichen Mord an Gertrude sowie die absichtlich herbeigeführte Ermordung Hamlets selbst offensichtlich geworden ist. So kann man Everett durchaus in der Behauptung zustimmen „In the end he [Hamlet] revenged only himself.“ (118).

Nach dieser Feststellung kommt nun zwangsläufig die Frage auf, weshalb Shakespeare sich hier überhaupt des Rachemotivs bedient, wenn die Erfüllung der Rache anscheinend gar nicht das primäre Ziel des Dramas darstellt. Die Antwort darauf wurde indirekt jedoch innerhalb dieser Untersuchung bereits gegeben. Schließlich lieferten erst der Mord an König Hamlet und der darauf folgende Racheauftrag überhaupt den Anlaß für Hamlets „Flucht nach innen“. Die innere Reflexion des Protagonisten über Welt und Selbst stellt somit das eigentliche Thema des Stückes dar, während die Rache im Grunde nur Mittel zum Zweck ist, um die modernen Tendenzen der Zeit und insbesondere das aufkommende Bewußtsein des Menschen für sich und seine Umwelt aufzuzeigen. Mit anderen Worten erscheint das Rachemotiv als „catalyst by which he [Shakespeare] will activate truth about humanity.“ (Burge: 58).

Zusammenfassend läßt sich deshalb sagen, daß Hamlet seine Funktion als Kunstwerk durchaus erfüllt. In diesem Sinne nämlich, daß das Stück sehr wohl als Spiegel seiner Zeit fungiert. Einer Zeit, die im Vergleich zur geordneten Welt des Mittelalters „out of joint“ ist und in der die grundlegende Frage, die sich der Mensch aufgrund des Aufkommens moderner Tendenzen und der daraus resultierenden „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitgen“ zu stellen hat, nicht „to be or not to be“ sein darf, sondern „What to do or not to do“ (Traschen: 519) lauten muß. So macht Hamlets Schicksal die Situation des Menschen deutlich, der aufgrund der sich ändernden Zeit geradezu gezwungen ist, Fragen zu stellen, eigenmächtig Entscheidungen zu treffen und schließlich die Welt bzw. seine Position innerhalb dieser neu zu definieren.

Literaturverzeichnis

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Harvey, Gabriel. „Revolution at Cambridge“. The Portable Elizabethan Reader. Hg. Hiram Haydn. Harmondsworth: Penguin, 1980. 181-185.

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Sekundärliteratur

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[...]


[1] Alle Hamlet -Zitate wurden entnommen aus Shakespeare, William. Four Tragedies. Hg. T. J. B. Spencer. London: Penguin, 1994.

[2] Zur semantischen Komplexität und Entwicklung des Ausdrucks „The time is out of joint“ vgl. Clayton, Thomas. „ Hamlet I.v.196-197: ‘The time is out of joint’“. Notes and Queries for Readers and Writers, Collectors and Librarians 35.4 (1988): 471-473.

[3] Vgl. hierzu Erzgräber (103f.), der für das 16. Jahrhundert in England drei Positionen bezüglich des Geister- und Dämonenglaubens annimmt, wobei er darlegt, daß die grundsätzliche Gleichsetzung eines Geistes mit dem Teufel dem protestantischen Glauben entspricht.

[4] Auch in Bezug auf den Stern, der Bernardo und Marcellus das Erscheinen des Geistes ankündigt, läßt sich eine neue Strömung des 16. Jahrhunderts erkennen. Folgt man nämlich der Untersuchung Donald W. Olsons, Marilynn S. Olsons und Russell L Doeschers, „The Stars of Hamlet “, in der die Vermutung angestellt wird, es handele sich bei dem Stern „westward from the pole“ um einen im Jahre 1572 entdeckten neuen Stern im Sternbild der Cassiopeia (vgl. 68ff.), kann man die Erwähnung dieses Sterns in Hamlet als Anspielung auf die Fortschritte im Bereich der Astronomie durch Forscher wie Digges oder Brahe deuten.

[5] Bemerkenswert ist hierbei, daß der Glaube an den Einfluß der Sterne und der Natur im allgemeinen auf die Geschehnisse in der Welt zwar aus dem Mittelalter bzw. aus der Antike stammt, sich aber auch über die Renaissance hinaus halten konnte. So sehen noch zu der Zeit der französischen Revolution „Rousseau, Forster, Herder und andere Autoren das revolutionäre Geschehen der Zeit in Bildern und Vergleichen von Naturerscheinungen und Bewegungen des Weltalls (Baeumer: 508).

[6] Stadter liefert in seinem Buch Hyperion to a Satyr eine ausführliche Darstellung des Racheproblems zur elisabethanischen Zeit. Beispielsweise sah man private Rache als „Strafe Gottes“ oder auch als „Mittel zur Vergeltung“. Gerade dadurch blieb sie aber immer in die „göttliche Gerechtigkeit“ eingebunden und wurde wie jede Sünde geahndet (vgl. 19ff.).

[7] Hierzu ist zu sagen, daß das Stück zwar in Dänemark spielt, daß Hamlet aber dennoch zweifellos als „Elisabethan gentleman“ (Parker, 84) dargestellt wird. Indizien dafür liefern beispielsweise Ophelias Aussage über ihn („The coutier’s, soldier’s, scholar’s, eye, tongue, sword“, III.i.152), sowie auch die Zeile, in der Hamlet sich auf die für das konservative elisabethanische Weltbild charakteristische Temperamentenlehre bezieht („But I am pigeon-livered and lack gall“, II.ii.574).

[8] Hierauf weist ebenfalls die Zeile „Doubt that the sun doth move“ (II.ii.116) in Hamlets Liebesbrief an Ophelia hin.

[9] Die Tatsache, daß Shakespeare die Situation auf diese Weise darstellt, legt nahe, daß er selbst noch stark von der typisch elisabethanischen Auffassung, Veränderung müsse grundsätzlich negativ gedeutet werden (vgl. Suerbaum 1996: 101), überzeugt war.

[10] Auch hier zeigt sich die Manifestierung moderner Tendenzen im Stück, da man an Claudius’ Vorgehensweise sehr deutlich die auf den Schriften Machiavellis beruhende „neuzeitliche Trennung von Politik und Moral“ (Hirschberger: 55) beobachten kann.

[11] Vgl. Cefalu, Paul A. „’Damned Custom ... Habits Devil’: Shakespeare’s Anti-Dualism, and the Early Modern Philosophy of Mind.“ELH 67.2 (2000): 399-431. Der Autor diskutiert hier ausführlich die Bezüge des Stückes zu Descartes, ordnet Hamlet aber letztendlich eher dem Behaviorismus als dem Kartesianismus zu.

25 von 25 Seiten

Details

Titel
"The Time is out of Joint" - Neues Weltbild, neues Selbstbild in William Shakespeares Hamlet
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Neues Weltbild/Neues Selbstbild: Dichtung und Kultur der Shakespearezeit
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V109488
ISBN (Buch)
9783640115709
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Time, Joint, Neues, Weltbild, Selbstbild, William, Shakespeares, Hamlet, Weltbild/Neues, Dichtung, Kultur, Shakespearezeit
Arbeit zitieren
Eva-Christina Glaser (Autor), 2001, "The Time is out of Joint" - Neues Weltbild, neues Selbstbild in William Shakespeares Hamlet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109488

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