Das sprachliche Zeichen - Position in der Peirce'schen Zeichentypologie und Bestimmung des Wertes im System


Seminararbeit, 1999
18 Seiten, Note: 1

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Inhalt

Einleitung

1. Allgemeine Zeichenbedingungen und die Struktur des sprachlichen Zeichens

2. Die Peirce’sche Zeichentypologie
2.1. Die Zeichendefinition nach Peirce
2.2. Drei Typen von Zeichen

3. Das sprachliche Zeichen in der Peirce’schen Zeichentypologie Unterscheidungs- und Zuordnungsprobleme

4. Syntagma und Paradigma Der Wert des sprachlichen Zeichens im Sprachsystem

Schluß

Literaturverzeichnis

Einleitung

Kommunikation - das Wort stammt aus dem Lateinischen, communicatio, und bedeutet Mit- teilung. Genauer gesagt „jede Form von wechselseitiger Übermittlung von Information durch Zeichen“ (Bußmann: 392). Ohne diese Informationsübermittlung wäre jeglicher Umgang der Lebe- wesen untereinander undenkbar, und dies gilt nicht nur für das menschliche Zusammenleben, da die Sprache „zum entscheidenden definierenden Kriterium für den Menschen geworden“ (Linke: 2) ist, sondern auch für die instinktiven Abläufe, die im Reich der Tiere beobachtbar sind. So ist Kommuni-kation, die demnach nicht nur aufgrund von Sprache im eigentlichen Sinn, sondern allgemein mittels Gebrauch von Zeichen stattfindet, also in nahezu allen Bereichen des täglichen Lebens zu jeder Zeit beobachtbar.

Wohl nicht zuletzt diese Tatsache führte schließlich auch zu der nicht unumstrittenen Behauptung Watzlawicks: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (zit. in Linke: 29). Basis für diese These bil-det eine Vorstellung von Kommunikation nicht nur als intendierter Handlung, sondern auch als unbe-wußtem Vorgang, der auch stattfindet, wenn er erstens nicht beabsichtigt und zweitens nicht einmal registriert wird. Mit anderen Worten besteht also eine Kommunikation nach Watzlawicks Vorstel-lung nicht nur aus verbalen, also mündlich geäußerten oder schriftlich übermittelten Zeichen, son-dern auch aus non-verbaler sowie para-verbaler Informationsübermittlung aufgrund von z.B. Mimik und Gestik (nonverbal) bzw. Stimme und in gewissem Sinne auch Kleidung (paraverbal).

Alles sinnlich Wahrnehmbare also, das in irgendeiner Form, sei es beabsichtigt oder unbeabsichtigt, auf etwas anderes verweist, gilt nach diesem Kommunikationsbegriff als Zeichen. (Vgl. Linke: 29)

Aufgabe der Semiotik, die allgemein als Zeichentheorie bzw., nach Guirauds Definition, „als die Wissenschaft, die sich mit den Zeichensystemen beschäftigt“ (zit. in Nöth: 4) gilt, ist es nun, diese verschiedenen Zeichentypen, sowie die Systeme, denen sie angehören oder, genauer, die durch sie erst konstituiert werden, zu untersuchen. Während sich nun die Semiotik aber mit allen drei oben an-geführten Zeichentypen beschäftigt, gibt es darüber hinaus eine Wissenschaft, die ausschließlich die Beobachtung sprachlicher, also verbaler Zeichen zur Aufgabe hat, die Linguistik. Anzumerken ist hierbei allerdings, daß der Begriff Linguistik in diesem Zusammenhang lediglich einen Teilbereich der Semiotik benennt, eben den, der sich insbesondere mit den sprachlichen Zeichen beschäftigt, und nicht in „Anlehnung an den engl./frz. Sprachgebrauch, wo lingiustics/la linguistique den Gesamt-bereich der Sprachwiss. bezeichnet“ (Bußmann: 458) als Synonym für die Sprachwissenschaft an sich zu betrachten ist.

Nicht zuletzt deshalb also, daß unter „semiotischer Perspektive [...] die Sprachwissenschaft eine Teildisziplin der Semiotik“ (Linke: 17) ist und darüber hinaus „paradigmatisch [...] für die Analyse anderer Zeichensysteme“ (Linke: 17) behandelt werden kann, soll die Beobachtung des sprachlichen Zeichens auch den Mittelpunkt der folgenden Untersuchung bilden. Das Ziel besteht dabei darin, erstens die Position des sprachlichen Zeichens innerhalb einer der für die Semiotik grundlegendsten Zeichentheorien, nämlich der nach Ch. S. Peirce, zu ermitteln und zweitens zu verdeutlichen, wie der Wert dieses Zeichens innerhalb des Sprachsystems, dem es angehört, bestimmt werden kann.

Hierzu wird zunächst ein Überblick über grundlegende Voraussetzungen, die ein Zeichen zum Zeichen machen, gegeben, sowie die für das sprachliche Zeichen charakteristische Struktur aufge- zeigt. Im Anschluß daran folgt, nach einem knappen Überblick über die allgemeine Definition aller Zeichen nach Peirce, eine Skizzierung seiner Zeichentypologie, durch die dann eine Einordnung des vorher beschriebenen sprachlichen Zeichens sowie die Schilderung eventuell dabei auftretender Pro-bleme ermöglicht werden soll. Nach diesen, den allgemeinen Charakter des sprachlichen Zeichens betreffenden Punkten dient eine grobe Darstellung des ihm übergeordneten Systems sowie den darin enthaltenen Komponenten, die eine Bestimmung seines Wertes ermöglichen, zur Abrundung der Untersuchung, der abschließend eine knappe Zusammenfassung der ermittelten Ergebnisse folgen wird.

1. Allgemeine Zeichenbedingungen und die Struktur des sprachlichen Zeichens

Grundsätzlich ist von einem Zeichen die Rede, wenn gesagt werden kann „aliquid stat pro aliqou“ (Linke: 18), wenn also irgend etwas für etwas anderes steht und damit erstens für den Zeicheninter-preten wahrnehmbar ist und zweitens Stellvertretercharakter hat. Zwischen dem eigentlichen Zeichen und dem, was dieses Zeichen meint bzw. was es bezeichnet, muß darüber hinaus eine Verbindung herrschen, um ein Zeichen überhaupt als solches erkennbar zu machen. Diese Verbindung wird als „Referenzbezug“ (Linke: 25) bezeichnet und kommt erst durch den Zeichenbenutzer zustande, wenn nämlich dieser den type, also die virtuelle Vorstellung eines Zeichens in einem token, also einem aktuellen Zeichen, für das der type das Muster darstellt, konkretisiert (vgl. Linke 26-28).

So hat ein Zeichenbenutzer also eine allgemeine Vorstellung davon, wie beispielsweise ein Vogel auszusehen hat, die in unzähligen Situationen immer wieder neue Aktualisierung erfahren kann. Die-se Vorstellung stellt den type dar und ermöglicht es dem Zeichenbenutzer jegliche Arten

von Vogel, der die dem type entsprechenden Merkmale besitzt1, als solche zu erkennen. Sieht der Zeichenbe-nutzer nun beispielsweise eine Amsel auf einem Baum sitzen und bezeichnet diese, indem er einen Bezug zwischen virtuellem und aktuellem Zeichen herstellt, als Vogel, so ist dieses Wort ‘Vogel’, das sich hier auf den spezifischen Vogel, die Amsel, bezieht, das token, also die konkrete Verkör-perung der abstrakten Vorstellung bzw. des types von einem Vogel. Ein Zeichen gilt also nur als solches, wenn es sich durch einen, mittels seines Benutzers hergestellten Bezug auf ein von ihm konkret Bezeichnetes richtet. Die drei Komponenten, auf denen Kommunikation demzufolge grund-sätzlich beruht, wurden von Ch. Morris in dem sogenannten semiotischen Dreieck zwischen Zeichen, Bezeichnetem und Zeichenbenutzer zusammengefaßt (vgl. Linke: 25- 26). Nachdem also die grundsätzlichen Voraussetzungen, die ein Zeichen in einer konkreten Situation als solches erscheinen lassen, deutlich geworden sind, soll nun näher auf die eigentliche Struktur eines sprachlichen Zeichens eingegangen werden.

Das wichtigste strukturelle Merkmal des sprachlichen Zeichens stellt seine Bilateralität dar. Die Bezeichnung bilateral meint eine Zweiseitigkeit des Zeichens, die auf seiner Zusammensetzung aus einem gedanklichen Inhalt und einer Zeichenform beruht (vgl. Linke: 30). Obwohl eine ähnliche Zeichendefinition schon bei Aristoteles zu finden ist, der das Zeichen allerdings als dreigliedrig, näm-lich bestehend aus Laut, Wortinhalt und bezeichneter Sache, die sich außerhalb des Zeichens befin-det, ansah (vgl. Nöth: 5), lieferte Ferdinand de Saussure in seinem sprachwissenschaftlichen Grund-lagenwerk Cours de linguistique générale von 1916 (vgl. Bußmann: 864) die bis heute in der Lingu-istik populärste Theorie des sprachlichen Zeichens (signe). So setzt sich dieses bei Saussure aus einer Bezeichnung / einem Bezeichnenden (signifiant bzw. image acoustique) und einem Bezeich-neten (signifié bzw. concept) zusammen (vgl. Linke: 30-31), während der Bezug zur außerhalb lie-genden bezeichneten Sache (chose) vernachlässigt wird (vgl. Nöth: 6). Bei der Saussure’schen Zei-chentheorie scheint jedoch die Anmerkung wichtig, daß der Begriff signifié im Sinne von ‘Bezeich-netes’ nicht wie im semiotischen Dreieck mit einem aktualisierten Zeichen, also einem token, gleich-zusetzen ist, sondern im Sinne eines Teils der dem sprachlichen Zeichen zugrunde liegenden Struktur als Ausdruck für die abstrakte Vorstellung, also den type, verstanden werden muß. Darüber hinaus ist zu sagen, daß das signifiant, also die eigentliche Ausdrucksseite des sprachlichen Zeichens nicht nur, wie der Ausdruck image acoustique implizieren könnte, eine gesprochene, sondern auch eine geschriebene Zeichenform meinen kann. Dabei kommt es ganz darauf an, ob man von einem Sprach- oder einem Schriftsystem ausgeht: „Man spricht dann, wenn spezifisch von der lautlichen Seite der Sprache die Rede ist, vom ‘Lautbild’, analog ist für die schriftliche Seite vom ‘Schriftbild’ die Rede.“ (Linke: 32)

Neben der Bilateralität spielen bei der Strukturbeschreibung des sprachlichen Zeichens die Be- dingungen eine große Rolle, unter denen die beiden Seiten des Zeichens, signifiant und signifié, zusammenwirken, nämlich Assoziativität, Arbitrarität und Konventionalität. Unter Assoziativität versteht man im Zusammenhang mit dem sprachlichen Zeichen die Tatsache, daß die beiden das Zei-chen konstituierenden Teile als „unterschiedliche, aber miteinander verbundene Gedächtnisinhalte“ (Linke: 35) im Gehirn des Zeichenbenutzers gespeichert sind. Sie sind also psychischer Natur und müssen dem Zeichenbenutzer, will er den Referenzbezug zu einer außersprachlichen Sache (chose) (vgl. Nöth: 6) herstellen, beide gleichermaßen zur Verfügung stehen.2

Das darüber hinaus für den Bezug der beiden Teile zueinander wichtige Moment der Arbitrarität meint die Tatsache, daß Zeichenform und Zeicheninhalt zwar voneinander abhängig sind, daß aber die Verbindung, die zwischen ihnen besteht, völlig willkürlich und unmotiviert ist und daß sich beide folglich nicht voneinander herleiten lassen (vgl. Linke: 33).

Aus dieser Arbitrarität ergibt sich schließlich das dritte für die Relation zwischen signifiant und signifié bedeutende Kriterium, die Konventionalität. So muß die Verbindung der beiden Teile jeweils festgelegt sein, um das Zeichen auch für andere verständlich zu machen. Ein Zeichenbenutzer, der ‘Baum’ sagt, muß in seinem Gedächtnis auch das normalerweise mit diesem Wort assoziierte Kon-zept von einer großen Pflanze, die aus Stamm, Ästen und Blättern besteht, verbinden und nicht etwa beispielsweise die Vorstellung von einem kleinen Gewächs mit Stiel, Blättern und bunten Blüten, da in diesem Fall die Verständigung nicht gelingen könnte. Konventionalität bedeutet also, daß die von Natur aus willkürliche Zuordnung von Bezeichnendem und Bezeichnetem trotz ihrer Arbitrarität nicht von jedem Zeichenbenutzer beliebig vorgenommen werden kann, sondern konventionalisiert und damit stabil sein muß (vgl. Linke: 33-34).

2. Die Peirce’sche Zeichentypologie

2.1. Die Zeichendefiniton nach Peirce

Die grundsätzlichen Bedingungen, die ein Zeichen erst zum Zeichen machen, sowie die dem sprachlichen Zeichen zugrunde liegende Struktur sind nun deutlich geworden. Der nächste Schritt besteht deshalb darin, die verschiedenen Zeichen aus einem neuen Blickwinkel der Zeichentheorie zu betrachten bzw. einen völlig anderen Aspekt, der für die Zeichenbetrachtung eine Rolle spielt, anzu-sprechen. Stellvertretend hierfür steht die von Ch. S. Peirce entwickelte Zeichentypologie, die inner-halb seiner, im Zeitraum von 1931-1958 entstandenen Collected Papers (vgl. Bußmann: 679) ver-öffentlicht wurde.

Diese neue Typologie der Zeichen nach Peirce gründet auf einer Zeichendefinition, die sich in einem entscheidenden Punkt von der Saussure’schen Analyse der Zeichenstruktur unterscheidet. So wird ein Zeichen bei Peirce, dessen Definition sich auf alle Zeichenarten bezieht und nicht nur auf das sprachliche beschränkt ist, nicht als bilateral betrachtet, sondern es ist vielmehr als „triadische Relation“ (Nöth: 10) anzusehen. Analog zum Zeichenverständnis des Aristoteles besteht das Peirce’sche Zeichen aus drei Komponenten: dem Repräsentamen, dem Interpretant und dem Objekt. Hierbei entspricht das Repräsentamen in etwa dem Saussure’schen signifiant, es stellt also den be-zeichnenden Teil des Zeichens dar. Der Interpretant kann mit Saussures signifié, also der Vorstel-lung von der zu bezeichnenden Sache gleichgesetzt werden, und unter Objekt versteht Peirce die be-zeichnete Sache selbst. (Vgl. Nöth: 10-11)

Genau dieses Objekt ist es nun aber, das die Peirce’sche Zeichendefinition von der Saussures und schließlich auch von der Aristotels’ unterscheidet. Zwar findet es sich mit der Bezeichnung pragma bzw. chose auch bei Aristoteles bzw. Saussure wieder, diese betrachten es jedoch nicht als integrier-ten Teil des Zeichens, sondern als eine außerhalb der Sprache liegende Komponente, die für die grundsätzliche Zeichendefinition keine oder eine bestenfalls untergeordnete Rolle spielt. Macht man sich demgegenüber die Bedeutung, die Peirce der Komponente des Objekts zuschreibt, bewußt, läßt sich erkennen, daß er die zu bezeichnende Sache, die für ihn „ihrerseits als Zeichen des zu interpre-tierenden Zeichens gilt“ (zit. in Nöth: 11), fest in den Zeichenbegriff integriert und es innerhalb sei-ner Zeichentheorie gerade die „Objektrelation“ (Nöth: 12) ist, die für die Definition der Zeichentypen entscheidend ist.

Wie nun Peirce bei der Gruppierung der Zeichen nach dem Kriterium ihrer jeweiligen Objektrelation vorgegangen bzw. zu welchen Ergebnissen er durch diese Methode gekommen ist, soll im folgenden erläutert werden.

2.2. Drei Typen von Zeichen

Auf Grundlage der Definition verschiedener Objektrelationen unterscheidet Peirce in der Haupt- sache zwischen drei Typen von Zeichen: „The most fundamental [division of signs] is into Icons, Indices, and Symbols.“ (Zit. in Nöth: 12). Hierbei ist jedoch zu sagen, daß eine Abgrenzung zwi- schen den Zeichentypen Symbol und Ikon durchaus nicht neu ist, da sie „implizit schon immer unter-schieden wurden“ (Nöth: 13). Der einzig wirklich neue Aspekt, der durch Peirce’ Untersuchungen Einzug in die Semiotik gefunden hat, ist das indexikalische Zeichen.

Betrachtet man sich die drei Zeichentypen nun genauer, ergeben sich folgende für den Bezug der Zeichen zu dem durch sie jeweils bezeichneten Gegenstand charakteristische Merkmale. So kann man festhalten, daß bei einem Ikon die Beziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem „auf einem Abbildverhältnis, d.h. auf Ähnlichkeiten“ (Linke: 19) beruht. Dieses Abbildverhältnis kann sich sowohl optisch, wie z.B. bei Skulpturen, Bildern oder auch „bei den meisten Piktogrammen“ (Linke: 19), als auch akustisch, z. B. bei der „Imitation von Geräuschen, Lautmalerei u.a.“ (Nöth: 12) manifestieren. Die einzige Voraussetzung, die nötig ist, um Ikone als Zeichen zu verstehen, ist folglich die Kenntnis der Abbildungstechniken (vgl. Linke: 21) an sich sowie der Dinge, die sie dar-stellen bzw. abbilden. So muß man also beispielsweise wissen, wie eine Glocke aussieht, um das Bild einer Glocke auf dem Klingelschalter an der Haustür als solche zu erkennen und das Zeichen richtig zu interpretieren, oder man muß wissen, wie sich das Bellen eines Hundes anhört, um es bei einer entsprechenden Tonbandaufnahme auch als Bellen bzw. als Ikon für das echte Bellen eines Hundes identifizieren zu können.

Im Vergleich dazu sind für das Erkennen und das richtige Interpretieren eines Symbols völlig andere Kenntnisse nötig, was einzig und allein darauf zurückzuführen ist, daß sich hier das Verhält- nis zwischen Zeichen und Bezeichnetem grundlegend von der Objektrelation des Ikons unterscheidet. So beruht diese beim Symbol nicht auf Ähnlichkeit, sondern ist im Gegenteil völlig unmotiviert und damit willkürlich, was bedeutet, daß die Gestalt des Symbols in keiner Weise durch die Gestalt des dazugehörigen Objekts begründet ist. Um das Symbol trotzdem als Zeichen nutzbar zu machen, muß seine Objektrelation konventionalisiert werden und darüber hinaus den Zeichenbenutzern bekannt sein. Mit anderen Worten kann das Symbol also nur dadurch als Zeichen fungieren, daß es „durch eine Regel oder Übereinkunft der Zeichenbenutzer zu seinem Objekt in Beziehung gebracht“ (Nöth: 12) wird. So kann also zum Beispiel das Wort ‘Tisch’ nur deshalb als symbolisches Zeichen für einen realen Tisch gelten, weil die Buchstabenfolge T I S C H im deutschen Sprachraum auf eben diesen Gegenstand festgelegt wurde. Besonders offensichtlich wird die Willkürlichkeit bzw. Arbi-trarität der Objektrelation beim Symbol, wenn man sich bewußt macht, daß dem gleichen Gegen-stand in verschiedenen Sprachen auch verschiedene Symbole zugeordnet sind. Beispielsweise wird das, was im Deutschen ‘Löffel’ heißt, im Englischen mit spoon bezeichnet, während ihm im Franzö-sischen das Symbol cuiller zukommt.

Eine wieder andere Objektrelation und damit auch ein anderes Wissen zur Erkennung und korrekten Deutung des Zeichens ist beim dritten Zeichentyp, dem Index, zu erkennen. So gilt ein Zeichen dann als Index, „wenn es in einem Folge-Verhältnis zum Bezeichneten oder Gemeinten steht“ (Linke: 19). Während also Ikone und Symbole als wirkliche Zeichen gelten, kann man von einem Index eher als Anzeichen bzw. Symptom für etwas sprechen, woraus sich folgern läßt, daß zum Erkennen eines Index in erster Linie Erfahrungswissen nötig ist, also gleichsam das Wissen um Ursache und Wirkung bestimmter Dinge. Beispiele für derartige Zeichen, die in einem „Wenn- Dann-Verhältnis“ (Linke: 20) zu ihren Objekten stehen, wäre Rauch für Feuer, Lachen für Freude, Weinen für Traurigkeit (oder Freude), Telefonklingeln für einen Anruf oder Fieber für Krankheit. Besonders beliebt ist die Anwendung indexikalischer Zeichen in der Werbung (vgl. Nöth: 29-31). Hier werden nämlich, im Gegensatz zur natürlichen Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem, in der die oben genannten Beispiele stehen, künstliche Objektrelationen hergestellt, um entweder die guten Eigenschaften, die irgendeine Sache besitzt, auf das jeweilige Produkt, für das geworben werden soll, zu übertragen oder um zu zeigen, welche positiven Dinge sich für den Benutzer eines bestimmten Produktes ergeben. So impliziert beispielsweise ein Werbeplakat für fettarme Produkte, auf dem eine gutgebaute und gutaussehende Sportlerin abgebildet ist, daß der Genuß der betreffenden Produkte schlank, schön und sportlich macht. So wird die ansprechende Erscheinung der Frau zum Index für die guten Eigenschaften der Diätprodukte, da Schlankheit und Schönheit angeblich durch Konsu-mierung dieser Produkte erreicht werden können und damit gleichsam das auf den Genuß der betref-fenden Lebensmittel folgende Symptom darstellen. Man sieht also, wie leicht durch indexikalischen Zeichengebrauch „ein Lernprozeß bei den Konsumenten eingeleitet werden kann“ (Nöth: 33).

Darüber hinaus, und auch das bestätigt die Primitivität der Fähigkeiten bzw. die geringe geistige Anstrengung, die benötigt werden, um Indexe zu deuten, ist indexikalischer Zeichengebrauch als einziger auch im Tierreich beobachtbar und sogar, wie z.B. durch den Versuch mit dem Pawlow’schen Hund bewiesen wurde, für Tiere erlernbar. (Vgl. Nöth: 25-34)

Stellt man nun die Frage, nach welchem grundlegenden Kriterium Peirce bei dieser Einstufung der verschiedenen Zeichentypen vorgegangen ist, ergibt sich nach Betrachtung der jeweiligen Cha- rakteristika, daß wohl vor allem der „Arbitraritätsgrad“ (Nöth: 17), durch den sich die Objektrela- tion der drei Zeichentypen bestimmt, für die Gruppierung ausschlaggebend gewesen sein muß. So hatte Peirce auch wirklich das Arbitraritätskriterium im Auge, als er „drei Stufen in der Objektrela- tion von Zeichen“ (Nöth: 16) unterschied. Auf der ersten Stufe steht demnach das Ikon, da es, wie gezeigt wurde, nicht willkürlich, sondern allein durch ein Abbildverhältnis mit seinem Objekt in Verbindung steht. Auf der zweiten Stufe findet sich der Index, da er das bezeichnete Objekt zwar nicht haargenau abbildet, aber dennoch durch die Ursache-Wirkung-Beziehung eng an dieses gebun-den bzw. von ihm abhängig ist. Auf die dritte Stufe schließlich stellt Peirce das Symbol, das offen-sichtlich völlig willkürlich mit seinem Objekt verbunden ist und sich dadurch gleichsam regelrecht auf Arbitrarität manifestiert.

Mit dieser Zeichentypologie scheint Peirce also ein umfassendes und universelles Mittel zur eindeutigen Bestimmung jeglicher Arten von Zeichen aufgrund ihrer Objektrelation sowie der darauf beruhenden Arbitrarität gefunden zu haben. Welcher Zeichengruppe nun das sprachliche Zeichen im speziellen zuzuordnen ist und welche Schwierigkeiten sich bei der Zuordnung und Interpretation mancher Zeichen trotz der klaren Kriterien, nach denen die Zeichen typisiert werden, ergeben kön-nen, soll deshalb im folgenden näher erläutert werden.

3. Das sprachliche Zeichen in der Peirce’schen Zeichentypologie - Unterscheidungs- und Zuordnungsprobleme

Ausgehend von der das Sprachzeichen betreffenden Definition Saussures, der diesem neben Bilateralität auch Assoziativität, Konventionalität und vor allem Arbitrarität zuschreibt, kann die Einordnung des sprachlichen Zeichens in die Peirce’sche Typologie wohl nicht mehr schwer fallen. So muß es nämlich aufgrund seiner hohen Arbitrarität, also des unmotivierten Bezugs zwischen signifiant und signifié sowie aufgrund der damit zusammenhängenden Konventionalität, die dem Zeichenbenutzer seinen Gebrauch bzw. seine Erkennung erst ermöglicht, als symbolisches Zeichen betrachtet werden.

Diese Zuordnung scheint zunächst ziemlich offensichtlich und eindeutig zu sein. Bei näherer Be-trachtung erkennt man jedoch, daß bei Typisierung sowohl von Symbolen als auch bei der anderer Zeichenarten Schwierigkeiten und Unsicherheiten auftreten können. In der Gruppe der Symbole er-scheinen erste Komplikationen bei der Untersuchung onomatopoetischer Wörter. Diese bilden nämlich offensichtlich bestimmte Geräusche ab bzw. versuchen sie realitätsgetreu wiederzugeben, weshalb Nöth die Lautmalerei auch als Beispielbereich für rein ikonische Zeichen anführt (vgl. 12). Nimmt man beispielsweise das Wort ‘Kuckuck’, so erkennt man, daß dieses eindeutig onomatopoetischen, also lautmalerischen Charakter hat. Es bildet Laute ab und muß deshalb als Ikon behandelt werden. Andererseits gibt es aber mehrere Indizien, die recht zweifelsfrei dafür sprechen, daß dieses Wort und damit auch alle anderen lautmalerischen Wörter keine Ikone sind, sondern zu den Symbolen gehören.

Erstens ist speziell bei dem Wort ‘Kuckuck’ zu sagen, daß es allein schon deshalb ein Symbol sein muß, da es in erster Linie eine bestimmte Art von Vogel bezeichnet. Die Tatsache, daß die Be- zeichnung dieses Vogels mit den Lauten, die dieser von sich gibt, identisch ist, scheint eher Zufall zu sein, aber keineswegs ein Kriterium dafür, um dieses Wort als Ikon, also als Abbild zu betrachten. Während dieses Argument jedoch eher von der Situation abhängt, in der man das Wort gebraucht, hier also nicht als Abbild für den Laut, sondern als Bezeichnung für den Vogel, gibt es darüber hinaus weitere Indizien, die belegen, daß onomatopoetische Wörter Laute nicht wirklich ab-, sondern vielmehr nur versuchen, sie nachzubilden, daß sie also nicht den Abbildungscharakter der Ikone besitzen und deshalb zu den Symbolen zu zählen sind.

So ist es zweitens möglich, onomatopoetische Wörter durch eindeutige symbolische zu ersetzen, ohne daß die Ausdruckskraft der Sprache dadurch Schaden nimmt, was umgekehrt jedoch nicht gelingt (vgl. Linke: 23). Beispielsweise könnte man die Wörter ‘wauwau’ und ‘kikeriki’ in dem Satz „Hunde machen ‘wauwau’, und der Hahn macht ‘kikeriki’“ durchaus problemlos durch die Wörter ‘bellen’ bzw. ‘kräht’ ersetzen: „Hunde ‘bellen’, und der Hahn ‘kräht’.“. Der Satz „Das ständige ‘Bellen’ der Hunde und das laute ‘Krähen’ des Hahnes strapazierten seine Nerven.“ hingegen, wäre in der Form „Das ständige ‘Wauwau’ der Hunde und das laute ‘Kikeriki’ des Hahnes strapazierten seine Nerven.“ zumindest für die durchschnittliche Ausdrucksfähigkeit eines normalen Erwachsenen undenkbar. Diese Tatsache also, daß Ikone sehr wohl in Symbolen enthalten sein können, Symbole in Ikonen jedoch nicht, mit anderen Worten, daß also Symbole auch ikonischen Charakter haben3 und somit den lautmalerischen Bereich eines Wortes abdecken können, während dies bei Ikonen umgekehrt nicht der Fall ist, impliziert, daß lautmalerische Wörter zu den Symbolen zu zählen sind.

Als drittes Indiz für den symbolischen Charakter onomatopoetischer Wörter schließlich sei folgende Beobachtung genannt: „Die meisten Wörter, die heute (synchron) als onomatopoetische gelten könnten, sind historisch (diachron) gesehen keine“ (Linke: 23). Während nämlich das heutige, eindeutig symbolische Wort ‘Jammer’ ursprünglich auf die „Nachbildung eines Schmerzenslautes“ (Mackensen: 45) zurückgeht, also einmal ein lautmalerisches Wort gewesen ist, hat das heute als onomatopoetisch geltende Wort ‘Kuckuck’ seinen Ursprung in dem althochdeutschen Wort ‘gauh’ (Mackensen: 47), das wiederum mit dem Laut des Kuckucks wenig gemein hat und insofern nicht als lautmalerisch betrachtet werden kann.

Es hat sich also gezeigt, daß onomatopoetische Wörter zwar versuchen einen Laut abzubilden, aber dennoch eher zu den Symbolen gezählt werden müssen. Neben der Lautmalerei gibt es jedoch noch weitere Wörter, die bei der Einordnung in die Peirce’sche Zeichentypologie Schwierigkeiten be-reiten. So führt Nöth zum Beispiel die „metaphorisch gebrauchten Wörter“ (15) an, die seiner Mei-nung nach ikonische Zeichenfunktion haben. Dazu ist zu sagen, daß eine Metapher zwar den „bildl. Ausdruck für e. Gegenstand [...], e. Eigenschaft oder e. Geschehen“ (Wilpert: 568) darstellt und gleichsam als „Ersetzung“ (Göttert: 47) des eigentlichen, symbolischen Wortes dient, daß aber das metaphorische Wort, auch wenn es bildlich verwendet wird, dennoch nicht selbst das Abbild dessen, auf das es verweist, ist. Sagt z. B. ein Mann zu seiner Angebeteten: „Du bist die Sonne meines Lebens.“, so steht das Wort ‘Sonne’ metaphorisch und damit bildlich für Freude, Glück etc., wobei diese Metapher jedoch nicht verstanden werden könnte, wäre nicht die Relation des Zeichens ‘Sonne’ zu seinem Objekt konventionalisiert. ‘Sonne’ wird also als Bild verwendet, stellt aber des-wegen keinesfalls ein Abbild seines Objekts dar, und kann deshalb, egal ob es metaphorisch einge-setzt wird oder nicht, wohl nicht als Ikon gelten.

Anders sieht es jedoch, und auch darauf weist Nöth hin, bei Wörtern aus, die in Lernsituationen von einem Lehrer gebraucht werden. Spricht der Lehrer nämlich ein Wort vor, um es dann von einem Schüler nachsprechen zu lassen, liefert er durch sein Vorsprechen ein „akustisches Bild“ des Objekts (vgl. 15). Er bildet das geschriebene Wort also mittels von Lauten genau nach, so daß man hier durchaus von einem Ikon sprechen kann. Derart gebrauchte Wörter haben also immer ikonischen Charakter, obwohl sie eigentlich zum rein symbolischen Zeichentyp gehören.

Besonders deutlich werden Zuordnungsprobleme darüber hinaus, wenn man versucht die Bestandteile von Grafiken, Landkarten etc. (vgl. Linke: 21) eindeutig als Ikone oder Symbole zu identifizieren, da hierbei der Bereich des Ikonischen insofern ausgeweitet wird, daß zwar fast ausschließlich Ikone zur Darstellung verwendet werden, daß man diese aber nicht mehr ohne weiteres aus sich selbst heraus versteht, sondern auf Erläuterungen durch Wörter, also symbolische Zeichen angewiesen ist.

Aber nicht nur die Grenze zwischen Symbolen und Ikonen ist schwer zu ziehen, auch bei symbolischen und indexikalischen Zeichen kann es zu Überschneidungen kommen. Als ein Beispiel hierfür führt Peirce Demonstrativpronomen wie ‘dieses’ und ‘das’ an, sowie Relativpronomen wie ‘der’ oder ‘dessen’, was er damit begründet, daß erstere die Aufmerksamkeit des Hörers auf das be- troffene Objekt lenken und damit eine Verbindung seines Gehirns mit diesem Objekt hevorrufen, während letztere syntaktisch auf ihr Bezugswort verweisen (zit. in Nöth: 15). So können also Wörter, die eigentlich Symbole darstellen, durch bestimmten, situationsgebundenen Gebrauch syntaktisch zu Indexen werden, indem sie nicht mehr auf ein außersprachliches Objekt verweisen, sondern auf ein anderes Wort desselben Satzes, in dem sie auftauchen. Hierdurch stellen sie den Index bzw. die Ursache dafür dar, daß der Hörer seine Aufmerksamkeit auf das betreffende Wort richtet.

Man sieht also, daß es nicht nur genuine Zeichen, wie Peirce solche Symbole, Ikone und Indexe nennt, die „ohne Überschneidung nur eine einzige Objektrelation“ (zit. in Nöth: 17) haben, gibt, sondern daß eine solch genaue Zuordnung meistens eher schwierig bis unmöglich ist. Der Grund hierfür liegt aber in erster Linie darin, daß Zeichen in bestimmten Situationen unterschiedlich ge- braucht sowie auch unterschiedlich interpretiert werden können. Dies wurde am Beispiel des Wortes ‘Kuckuck’, das sowohl als Bezeichnung des Vogels als auch als Nachahmung des für ihn typischen Lautes gebraucht werden kann, sowie im Fall der in Lernsituationen gebrauchten Symbole und der Symbole, die in Form von Personal- und Demonstrativpronomen zu Indexen werden, besonders deutlich. Nöth bringt diese Problematik auf den Punkt, indem er sagt: „In bezug auf ein bestimmtes Objekt und einen bestimmten Interpretanten gibt es nur noch eindeutige Lösungen.“ (16).

Nachdem also nun das sprachliche Zeichen zwar nicht ganz eindeutig, aber doch seinem grundsätzlichen Charakter nach zweifelsfrei innerhalb der Peirce’schen Zeichentypologie der Gruppe der Symbole zugeordnet werden konnte, soll im nächsten Kapitel abschließend eine Betrachtung dieses Zeichens innerhalb des Sprachsystems und damit in Verbindung mit anderen sprachlichen Zeichen sowie verschiedener Situationen folgen.

4. Syntagma und Paradigma - Der Wert des sprachlichen Zeichens im Sprachsystem

Das sprachliche Zeichen ist Teil des Sprachsystems. Unter diesem System versteht man im allge-meinen „die interne Ordnung sprachlicher Elemente [...] untereinander sowie ihren Funktionszusam-menhang auf allen Beschreibungsebenen“ (Bußmann: 716). Dies bedeutet erstens, daß sich das Sys-tem der Sprache aus Bausteinen wie Lauten, Wörtern, Phrasen, Sätzen usw. zusammensetzt, die wie-derum durch bestimmte festgelegte Regeln verknüpft und kombiniert werden können. Kurz gesagt stellt es also eine Verbindung sowohl der gesamten Bausteine als auch der gesamten Regeln einer Sprache dar. Eine derartige Betrachtung der Sprache geht auf Saussure zurück, der das System einer Einzelsprache als langue, den individuellen Sprachgebrauch, in dem die Bausteine und Regeln dieses Systems konkret benutzt werden, als parole und schließlich den Wert des sprachlichen Zeichens, womit seine Position innerhalb des Sprachsystems gemeint ist, als valeur bezeichnete (zit. in Linke: 36).

Zweitens weist die in der obigen Definition enthaltene Formulierung „Funktionszusammenhang [der Elemente] auf allen Beschreibungsebenen“ darauf hin, daß die sprachlichen Zeichen auf ver- schiedene Weise zusammenhängen und sie damit auch auf verschiedenen Ebenen bzw. nach unter- schiedlichen Gesichtspunkten, z. B. phonetischen, grammatischen, semantischen usw., untersucht werden können. Es gibt also genau genommen nicht nur ein System, in dem das Sprachzeichen einen bestimmten Wert hat, sondern mehrere Werte eines Zeichens und somit auch mehrere Systeme.

Will man nun die Frage klären, wie der Wert eines einzelnen sprachlichen Zeichens innerhalb die-ser Systeme aus Bausteinen und Regeln zu ermitteln ist, muß man sich dessen bewußt sein, daß „die sprachlich relevanten Eigenschaften und der Stellenwert sprachlicher Elemente nur bestimmt werden können, wenn ihre Beziehungen zu den anderen Elementen des Systems betrachtet werden“ (Linke: 36). Dies bedeutet also, daß man den Wert des sprachlichen Zeichens nicht an dem Zeichen selbst ablesen kann, sondern untersuchen muß, wie es sich zu anderen Sprachzeichen innerhalb des Sys-tems verhält.

Zunächst stellt sich jedoch die Frage, was genau man eigentlich unter dem Wert eines sprach- lichen Zeichens versteht. Hierzu seien zwei Beispiele gegeben, an denen die Bedeutung dieses Aus- drucks besonders gut sichtbar wird. Betrachtet man nämlich erstens die Verwendung des franzö- sischen Wortes porc im Vergleich zu der des englischen Wortes pork, macht man folgende Beobach-tung. Während frz. porc, also Schwein, nämlich sowohl für das Tier als auch für das Fleisch dieses Tieres steht, bezeichnet im Gegensatz dazu das engl. Wort lediglich das Fleisch, für das Tier selbst jedoch wird das Wort pig verwendet. Es zeigt sich also, daß dem französischen Wort für Schwein zwei Verwendungsarten zukommen, während das analoge englische Wort nur eine dieser beiden Verwendungen abdeckt und für die andere ein zweites Wort benötigt wird. So hat also das englische Wort, da es nur eine Sache bezeichnet, einen anderen Wert bzw. eine andere Position als das franzö-sische, in dem zwei Bedeutungen enthalten sind.4

Ein weiteres, allgemeineres Beispiel kann die Beschreibung der Verwendungsarten verschiedener Verben liefern. So gibt es nämlich Verben, die nicht nur ein Subjekt benötigen, um einen gramma-tisch wohlgeformten Satz zu bilden, sondern die darüber hinaus weitere, sie ergänzende Teile for-dern. Betrachtet man beispielsweise die Verben ‘laufen’, ‘entdecken’ und ‘legen’, wird deutlich, daß ‘laufen’ schon allein durch die Ergänzung mit einem Subjekt einen grammatisch korrekten Satz bildet („Er läuft.“), daß im Vergleich dazu ‘entdecken’ neben dem Subjekt ein Objekt fordert („Er entdeckt einen Baum.“) und daß schließlich ‘legen’ außer Subjekt und Objekt durch eine adverbiale Bestim-mung ergänzt werden muß („Er legt den Löffel auf den Tisch.“). Da also das erste Verb, ‘laufen’, nur einen zusätzlichen Teil fordert, kann es als einwertig bezeichnet werden, während das zweite, ‘entdecken’, als zweiwertig und das dritte, ‘legen’, da es sowohl Subjekt als auch Objekt und ad-verbiale Bestimmung benötigt, um zu einem vollständigen Satz zu werden, als dreiwertig gilt.

Nachdem nun deutlich geworden ist, was man unter dem valeur eines sprachlichen Zeichens versteht, soll abschließend gezeigt werden, auf welche Weise sich ein solcher Wert aufgrund seiner Beziehungen zu anderen Elementen des Sprachsystems bestimmen läßt. Hierzu ist zu sagen, daß diese Beziehungen auf zweierlei Arten zum Ausdruck kommen: erstens innerhalb eines Syntagmas und zweites innerhalb eines Paradigmas (vgl. Linke: 37-39).

Unter einem Syntagma versteht man eine lineare „Verkettung von Einzelzeichen zu komplexen Einheiten“ (Linke: 37-38), während ein Paradigma eine „Austauschklasse“ (Linke: 38) darstellt. Genauer gesagt bedeutet dies, daß innerhalb eines Syntagmas unterschiedliche sprachliche Elemente miteinander kombiniert werden, während in einem Paradigma sprachliche Zeichen gleicher Art und Funktion (in einem entsprechenden Syntagma) gegeneinander austauschbar sind. So kann ein Syn-tagma gleichsam als Ebene des Miteinandervorkommens von Sprachzeichen gesehen werden, wobei das Paradigma sozusagen die Ebene des Statteinandervorkommens von sprachlichen Elementen ist.

Ein Syntagma kann sowohl aus einem einfachen Wort bestehen als auch aus einem vollständigen Satz bis hin zu komplexen Texten (vgl. Linke: 38). Beispielsweise stellt der Satz „Der April ist einer von zwölf Monaten.“ ein Syntagma dar, weil die Worte in Kombination miteinander vorkommen. Betrachtet man im Vergleich dazu den Satz „Der November ist einer von zwölf Monaten.“, erkennt man, daß die Worte ‘April’ und ‘November’ in beiden Syntagmen die gleiche Position einnehmen und deshalb gegeneinander austauschbar sind. Sie gehören als zu einem Paradigma und zwar in diesem Fall zu einem semantischen, da ‘April’ und ‘November’, genau wie ‘Januar’, ‘Februar’, ‘März’ usw. verschiedene Monate benennen. Sie gehören also zu dem semantischen Paradigma „Monatsnamen“ und haben dadurch, zumindest in den beiden genannten Syntagmen denselben Wert.

Ein weiteres Beispiel liefern die oben bereits genannten Verben ‘laufen’, ‘entdecken’ und ‘legen’, die, wie sich zeigte, nicht denselben Wert haben. Auch die unterschiedliche Wertigkeit dieser drei Verben läßt sich mittels der Analyse syntagmatischer und paradigmatischer Beziehungen belegen. So zeigt sich nämlich, daß ‘laufen’ in dem Syntagma „Der Mann läuft.“ weder durch ‘entdecken’ („Der Mann entdeckt wen/was [?].“), noch durch ‘legen’ („Der Mann legt wen/was [?] wohin [?].“) austauschbar ist, da im zweiten Fall offensichtlich ein Objekt und im dritten sowohl ein Objekt als auch eine adverbiale Bestimmung fehlen. Die Verben gehören also nicht zu demselben Paradigma wie ‘laufen’ und haben infolgedessen auch andere Werte.

Schon diese wenigen Beispiele verdeutlichen, wie es mit Hilfe „syntagmatischer und paradigma-tischer Analyse“ (Linke: 39) möglich ist, die Strukturen und Beziehungen der sprachlichen Elemente innerhalb verschiedener Sprachsysteme offenzulegen und so auch die unterschiedlichen Werte der Sprachzeichen zu ermitteln.

Schluß

Den Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung bildete die Erkenntnis, daß Kommunikation nur mit Hilfe der Benutzung von Zeichen stattfinden kann. Basierend auf dieser Tatsache wurde eine detaillierte Betrachtung des sprachlichen Zeichens sowohl in Abgrenzung zu anderen an der Kommu-nikation beteiligten Zeichentypen als auch unter Berücksichtigung seiner

Beziehungen zu weiteren Elementen des Sprachsystems durchgeführt, deren Ergebnisse im folgenden noch einmal kurz zusam-mengefaßt werden sollen.

Zunächst bleibt festzuhalten, daß jedes Zeichen, um überhaupt als solches fungieren zu können, auf etwas anderes verweisen muß. Nur, wenn dieser Verweis sichtbar ist, kann ein Zeichenbenutzer den Referenzbezug zwischen Zeichen und Bezeichnetem herstellen und das Zeichen somit erkennen und richtig interpretieren. Soviel zu den allgemeinen Bedingungen, die ein Zeichen zu erfüllen hat.

Speziell dem sprachlichen Zeichen kommen, wie gezeigt wurde, nach der Definition durch Saussure einige Charakteristika zu, die es von allen anderen Zeichentypen unterscheidet. Dazu ge- hört einerseits seine grundlegende Bilateralität, also seine zweigeteilte Struktur, die sich aus signifiant und signifié zusammensetzt. Andererseits zeichnet sich das sprachliche Zeichen durch die drei Eigenschaften aus, unter denen diese beiden Teile, also Bezeichnendes und Bezeichnetes, zusam-menwirken: Assoziativität, Arbitrarität und Konventionalität. Die Verbindung von signifiant und signifié ist demnach im Gehirn des Zeichenbenutzers verankert, aber gleichzeitig willkürlich und muß deshalb festgelegt bzw. konventionalisiert sein, um eine Verständigung mittels dieses Zeichen-typs zu ermöglichen.

Im Gegensatz zu Saussure, der seine Definition ausschließlich auf das sprachliche Zeichen bezog, betrachtet Peirce jegliche Art von Zeichen als triadische Relation zwischen Bezeichnendem, Be-zeichnetem bzw. der Vorstellung, die der Zeichenbenutzer vom bezeichneten Objekt hat, und be-zeichnetem Objekt selbst, wobei er die Objektrelation als entscheidend für die Definition der ver-schiedenen Zeichentypen herausstellte. Infolgedessen erarbeitete er eine Zeichentypologie, in der er zwischen drei Arten von Zeichen, nämlich Ikon, Index und Symbol, unterschied, die er wiederum entsprechend dem Arbitraritätsgrad, den ihre jeweilige Objektrelation aufwies, ordnete. Hierbei ergab sich, daß der Zeichentyp Ikon, der in einem Abbildverhältnis zu seinem bezeichneten Objekt steht, den geringsten Arbitraritätsgrad aufweist, während die Objektrelation des zweiten Zeichen-typs, des Index, durch sein Wenn-Dann-Verhältnis zum Objekt als etwas arbiträrer zu bezeichnen ist. Den höchsten Arbitraritätsgrad nach Peirce besitzt jedoch der dritte Zeichentypus, das Symbol, dem demzufolge auch problemlos das sprachliche Zeichen aufgrund seiner hohen Arbitrarität zuge-ordnet werden konnte.

Bei der Gesamtbetrachtung der Peirce’schen Zeichentypologie stellte sich heraus, daß zwar eine grundsätzliche Unterscheidung der verschiedenen Zeichentypen durch dieses System ermöglicht wird, daß aber, und dies zeigte sich auch bei genauerer Untersuchung bestimmter sprachlicher Zeichen, immer wieder Fälle auftauchen, bei denen eine eindeutige Zuordnung Schwierigkeiten bereitet. So war dies beispielsweise bei der Gruppe der onomatopoetischen Wörter, die zwar zu den Symbolen zu zählen sind, aber aufgrund ihres lautabbildenden Charakters auch als Ikone bezeichnet werden könnten, der Fall. Ein anderes Beispiel für Unterscheidungs- bzw. Zuornungsprobleme stellten Demonstrativ- und Personalpronomen dar, die ebenfalls auf den ersten Blick als Symbole typisiert werden, aber dennoch, wie gezeigt wurde, Indexe darstellen.

Zusammenfassend läßt sich hierzu festhalten, daß es zwar wenige genuine, also eindeutig zuzu- ordnende Zeichen mit nur einer möglichen Verbindung zum betreffenden Objekt gibt, daß aber jedem Zeichen abhängig von der Situation, in der es gebraucht wird, durch ein bestimmtes Objekt und eine bestimmte Vorstellung von diesem Objekt, die im Kopf des Zeichenbenutzers vorhanden ist, nur eine Objektrelation zukommt und es infolgedessen auch, zumindest aufgrund dieses spezifischen Ge-brauchs zweifelsfrei einer der drei Gruppen zugeordnet werden kann.

Betrachtet man schließlich das nun charakterisierte und typisierte sprachliche Zeichen innerhalb des ihm übergeordneten Sprachsystems, erkennt man, daß es zu den anderen Elementen dieses Systems zahlreiche Beziehungen eingehen kann, in denen es verschiedene Positionen einnimmt bzw. wodurch ihm unterschiedliche Werte zukommen. Um diese Werte bestimmen zu können, reicht es nicht aus, die Zeichen als einzelne isoliert zu beleuchten. Vielmehr läßt sich der Wert eines solchen Zeichens nur ermitteln, wenn es innerhalb seiner Verbindungen zu anderen sprachlichen Elementen untersucht wird. Hierbei zeigte sich, daß diese Verbindungen auf zwei verschiedenen Ebenen exi-stieren, nämlich einerseits in einem Syntagma, das sprachliche Zeichen in Kombination darstellt, und andererseits in einem Paradigma also einer Austauschklasse verschiedener Sprachzeichen gleicher Art und Funktion. Grob gesagt kann man demzufolge von sprachlichen Elementen, die derselben Austauschklasse, also demselben Paradigma angehören, und die innerhalb eines Syntagmas pro-blemlos gegeneinander austauschbar sind, ohne die Wohlgeformtheit dieses Syntagmas zu zerstören, als Sprachzeichen desselben Wertes sprechen.

So konnte mittels weniger Beispiele verdeutlicht werden, wie es durch die Analyse syntagmatischer und paradigmatischer Beziehungen möglich ist, den Wert sprachlicher Zeichen, dessen Kenntnis für den Sprachgebrauch und damit für die Kommunikation im allgemeinen unerläßlich ist, unter verschiedenen Gesichtspunkten zu bestimmen.

Literaturverzeichnis

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[...]


1 Zur Bestimmung der typischen Merkmale eines Lebewesens oder Gegenstandes und den damit verbundenen Schwierigkeiten, die in die Bereiche der (Komponential- sowie der Prototypen-) Semantik fallen, vgl. z.B. Linke: 145-159 oder Aitchison: 39-63.

2 Zur umfangreichen Schilderung der Speicherung von Zeichenform und Zeicheninhalt im Gehirn sowie des mentalen Vorgangs, der bei Rückgriff auf diese beiden Komponenten zum Zwecke der Kommunikation abläuft, siehe Aitchison: 64-143 / 197-231.

3 Interessant ist hierbei, daß ein Großteil der heutigen Schriftzeichen aus Bildern entstanden ist, so daß also Symbole ursprünglich einmal Ikone gewesen sind (vgl. Linke: 21).

4 Siehe analog dazu Saussures Beispiel mit den Wörter mouton bzw. mutton (zit. in Linke: S. 36- 37).

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Details

Titel
Das sprachliche Zeichen - Position in der Peirce'schen Zeichentypologie und Bestimmung des Wertes im System
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Grundlagen der Sprachwissenschaft
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
18
Katalognummer
V109490
ISBN (Buch)
9783640115716
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeichen, Position, Peirce, Zeichentypologie, Bestimmung, Wertes, System, Grundlagen, Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Eva-Christina Glaser (Autor), 1999, Das sprachliche Zeichen - Position in der Peirce'schen Zeichentypologie und Bestimmung des Wertes im System, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109490

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