Der Prozess der Wortwahl. Funktionieren Wortproduktion und -erkennung als "mirror images"?


Referat (Ausarbeitung), 1999
21 Seiten, Note: 1

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Inhalt

Einleitung

1. Wortproduktion
1.1. Überaktivierung
1.2. Lemma und Wortform
1.3. Modelle für den Wortproduktionsprozess
1.3.1. Trittsteinmodell
1.3.2. Wasserfall- oder Kaskadenmodell
1.3.3. Interaktives Aktivierungsmodell

2. Worterkennung
2.1. Die Bedeutung von Schätzungen
2.1.1. Grundlegende Probleme
2.1.2. Zwei Teile des Worterkennungsprozesses
2.1.2.1. Einteilung des Sprachflusses in Wörter
2.1.2.2. Identifizierung der Wörter
2.2. Modelle für den Worterkennungsprozess
2.2.1. Kohortenmodell
2.2.2. Interaktives Aktivierungsmode

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Ein Sprachbenutzer muss folgende Informationen über ein Wort seiner Sprache haben: die phonologische Repräsentation, die graphematische Repräsentation, Angaben über den syntaktischen Rahmen und die semantische Bedeutung“ (Schwarz: 84). Diese Informationen sind im mentalen Lexikon gespeichert und müssen bei der Sprachbenutzung gleichzeitig verarbeitet werden. Versucht man sich eine Vorstellung von der Funktion bzw. dem Aufbau des mentalen Lexikons zu verschaffen, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie diese drei Komponenten, also lexikalische und grammatische Bedeutung eines Wortes sowie seine Lautung bzw. Schreibung zusammenwirken. Um diese Frage klären zu können, ist es notwendig, die für die sprachliche Konversation grundlegenden Prozesse, nämlich Wortproduktion einerseits und Worterkennung andererseits, näher zu untersuchen. Im Rahmen des Themas ‘Wortwahl’ bedeutet dies also erstens den Vorgang, der im mentalen Lexikon des Sprechers abläuft, bevor er ein Wort äußert, und zweitens die Auswahl des richtigen Wortes im mentalen Lexikon des Hörers, nachdem er verschiedene Sprachsegmente, die dieses Wort bilden, aufgenommen hat.

Ein Sprecher muss sich immer zuerst über den Inhalt dessen, was er sagen will, klar werden, bevor er fähig ist, diesen Inhalt in Laute zu kleiden. Deshalb kann man grob festhalten, dass bei der Wortproduktion zuerst die Bedeutung des Wortes und dann seine Lautung ausgewählt wird. Bei dem Prozess der Worterkennung jedoch tritt die Wahl der entsprechenden Lautung vor die der Bedeutung, da man beim Hören anfangs in erster Linie mit den phonologischen Informationen eines Wortes konfrontiert wird und die Bedeutung erst später erschließt. Macht man sich diese Tatsachen bewusst, könnte man zu der Annahme kommen, dass die beiden Prozesse genaue Spiegelbilder voneinander darstellen. Da das Konzept der jeweiligen Abfolge von Bedeutung und Lautung aber nur den äußeren Rahmen dieser doch relativ komplexen Vorgänge darstellt, kann nicht vorausgesetzt werden, dass alle daran beteiligten Faktoren wirklich gleich sind und einfach in umgekehrter Reihenfolge ablaufen. Genau wie dies z.B. auch für die Muskeln beim Treppen Auf- und Absteigen nicht zutrifft (vgl. Aitchison 1994: 197).

Im folgenden soll deshalb die Frage geklärt werden, wie der Prozess der Wortwahl beim Sprecher einerseits, beim Hörer andererseits genau abläuft und damit auch, ob die Vorstellung von Wortproduktion und Worterkennung als „mirror images“ (Aitchison 1994: 197)

bekräftigt werden kann. Hierzu wird im ersten Teil auf die Wortproduktion eingegangen, wobei zunächst die Frage im Mittelpunkt steht, ob man bei der Wortwahl verschiedene Alternativen von Wörtern aktiviert. Im Anschluss daran werden die beiden grundlegenden, an der Wortwahl im Rahmen der Wortproduktion beteiligten Mechanismen, nämlich die Auswahl des Lemma einerseits und die der Wortform andererseits, genauer gesagt ihre Verbindung zueinander beleuchtet, woraufhin schließlich die Betrachtung dreier Modelle für den Wortproduktionsprozess einschließlich ihrer jeweiligen Vor- und Nachteile folgt. Der zweite Teil widmet sich dann der Worterkennung, wobei zunächst auf die große Bedeutung, die dem Vorgang des Schätzens im Worterkennungsprozess zukommt, eingegangen wird. Im Rahmen dessen werden sowohl grundlegende Faktoren, die das Hörverstehen problematisieren, erörtert als auch die beiden, die Worterkennung determinierenden Teile, nämlich die Einteilung des Sprachflusses in Wörter und die Identifizierung dieser segmentierten Wörter, ausführlicher behandelt. Abschließend soll auch hier noch die Vorstellung zweier für die Beschreibung des Worterkennungsprozesses möglicher Modelle sowie die Darlegung ihrer Vorzüge und Mängel erfolgen.

1. Wortproduktion

1.1. Überaktivierung

Um die an der Wortproduktion beteiligten Prozesse nachvollziehen zu können, muss zuerst die grundlegende Frage geklärt werden, ob bei der Wahl eines Wortes verschiedene Alternativen gegeneinander abgewägt werden. Diese Suche nach dem einen treffenden Wort aus einer Vielzahl anderer, fast gleich gut geeigneter Wörter ist in bestimmten Situationen unerlässlich. Beispielsweise ist es bei Ansprachen zu besonderen Anlässen wie einer Hochzeit oder einer Beerdigung durchaus wichtig, die richtigen Worte zu wählen. Und auch ein Dichter ist sicherlich immer bemüht, die besten Wörter aus der Unmenge von alternativen Kandidaten auszuwählen. Auf diese Tatsache bezog sich auch Samuel Coleridge, als er sagte „that prose consisted of ‘words in their best order’, but poetry of ‘the best words in the best order’“ (Aitchison 1994: 198).

Es gibt also Gelegenheiten, in denen ein Sprecher bewusst das am besten geeignete Wort auswählt. Nun stellt sich aber die Frage, ob, wie aus dem Zitat hervorgeht, dieser Auswahlprozess in alltäglichen Sprachsituationen nicht stattfindet. Trifft es zu, dass, wie Coleridge sagt, für Prosawerke und damit für die Sprache der täglichen Konversation im allgemeinen die beste Anordnung der Wörter vorrangige Bedeutung hat und die hundertprozentig korrekte Wahl der Wörter eher zweitrangig ist, oder, anders ausgedrückt, dass hier also eben nicht „the best words“ nötig sind, sondern auch eine zweitrangige Alternative ihren Zweck erfüllt? Spontan würde man diese Frage wohl bejahen. Schließlich besteht der Zweck der Sprache im Alltag ja meist darin, sich irgendwie verständlich zu machen, und dafür scheint es hinreichend zu sein, einfach das zu sagen, was einem gerade in den Sinn kommt, ohne vorher irgendwelche Entscheidungen fällen zu müssen. Beschäftigt man sich nun aber genauer damit, tauchen dennoch Hinweise darauf auf, das diese Annahme falsch ist.

Die Vermutung, dass auch in der Alltagssprache unterbewusst durchaus Entscheidungen zwischen verschiedenen Alternativen getroffen werden, wurde erstmals im 19. Jahrhundert von dem amerikanischen Philosophen William James geäußert:

And has the reader never asked himself what kind of a mental fact is his intention of saying a thing before he has said it ? It is an entirely definite intention... But as the words that replace it arrive, it welcomes them successively and calls them right if they agree with it, it rejects them and calls them wrong if they do not. (Zit. in Aitchison 1994: 198)

James nimmt also an, dass im Zusammenhang mit der Intention, die ein Sprecher verfolgt, im mentalen Lexikon dieses Sprechers mehrere Wörter aktiviert werden, von denen manche dazu geeignet sind, diese Intention zu repräsentieren, und andere nicht.

Es gibt nun verschiedene Arten von Versprechern, die gleichsam als Indizien für die Richtigkeit dieser Annahme dienen können. Ein Beispiel dafür sind sogenannte blends, also Verschmelzungen von jeweils zwei Wörtern zu einem, wie in dem Satz ‘It’s quite ebvious that you disagree.’. Hier sind die beiden Wörter obvious und evident, die in ihrer Bedeutung so weit übereinstimmen, dass sie gleich gut in den Satz passen, zu einem Wort, nämlich ebvious, verschmolzen. Derartige Versprecher treten recht häufig auf, besonders, wenn die miteinander verschmolzenen Wörter sich nicht nur semantisch decken, sondern auch Laute gemeinsam haben. So z.B. slightest und least, wie in ‘Not in the sleast. ’ , oder baggage und luggage, wie in ‘My buggage is too heavy.’ .

Obwohl blends meist aus zwei gleich gut geeigneten Wörtern bestehen, kommt es auch vor, dass eines der Wörter weniger gut oder in einem bestimmten Fall vielleicht auch gar nicht geeignet ist. So wollte z.B. ein Sprecher, als er Noshville sagte, eigentlich nur die Stadt Nashville nennen, die aber dann mit der hier ungeeigneten Stadt Knoxville, die ebenfalls in Tennessee liegt und deshalb mit der ursprünglichen Intention in Verbindung steht, verschmolzen ist. Weitere Beispiele für blends dieser Art wären taquua, das aus dem eigentlich gemeinten tequila und dem nicht geeigneten kahlua entstanden ist, sowie Greeceland, bei dem sich Greenland eingeschmuggelt hat, obwohl nur Iceland gemeint war. All diese Beispiele zeigen also, dass es bei der Wortwahl anscheinend normal ist, mehrere Wörter aus der Umgebung des gesuchten Wortes aufzurufen, was sogar so weit gehen kann, dass auch ungeeignete Wörter, die aber mit dem Thema in Verbindung stehen, aufgerufen werden.

Neben den blends liefert auch das Phänomen des blocking, gleichsam des Blockierens eines gesuchten Wortes durch ein anderes, Hinweise auf eine Überaktivierung von Wörtern bei der Wortproduktion. So kommt es nicht selten vor, dass man ein gesuchtes Wort genau kennt, dass sich aber statt dieses Wortes ein anderes in den Vordergrund drängt. Ein Beispiel hierfür liefert ein Experiment, bei dem ein Hai auf einem Bild benannt werden sollte. Da der Versuchsperson kurz zuvor das Wort whale vorgespielt worden war, war es ihr unmöglich, den Hai auf dem Bild zu benennen. Das Wort shark ist also gleichsam durch das Nachbarwort whale verdrängt worden. Auch hier zeigt sich wieder eine gewisse Art von Überaktivierung alternativer Wörter, da zwei Wörter, die eng zusammenhängen, gleichzeitig aktiviert wurden, wobei sich aber in diesem Fall das falsche Wort durchgesetzt hat.

Darüber hinaus kann Überaktivierung durch Freudsche Fehlleistungen nachgewiesen werden. Diese Versprecher kommen zustande, indem geheime Gedanken oder Befürchtungen ungewollt geäußert werden. Ein Beispiel dafür liefert der Satz ‘The beach was flowing with pebbles. ’. Die eigentliche Intention des Sprechers bestand hierbei darin zu sagen, dass der Strand von Wasser überflutet ist. Beim Anblick der vielen Kiesel an eben diesem Strand wurde jedoch das Wort pebbles unbewusst aktiviert, das daraufhin das Wort Wasser unterdrückte. Ein weiteres Beispiel wäre der Satz ‘I bought eels and snake ’. Hier war skate das eigentlich gesuchte Wort. Bei dem Gedanken an Aale wurde jedoch versehentlich snake geäußert, das überdies dem Zielwort in der lautlichen Struktur sehr ähnelt. Wiederum als Beispiel, bei dem u.a. die Laute Einfluss auf die Wortwahl haben, stellt die Äußerung ‘And now, in confusion... ’ dar, mit der der Sprecher eine ergebnislose Konferenz beenden wollte. Statt aber mit conclusion ein abschließendes Resümee einzuleiten, äußerte er mit confusion einen diesem Wort ähnlich klingenden Begriff, der wohl die allgemeine Situation zum gegebenen Zeitpunkt treffend umschrieb. Auch hier sieht man also, dass unbewusst aufgrund von Themen, Dingen, Situationen usw., über die man gerade nachdenkt bzw. in denen man sich gerade befindet, mehr Wörter aktiviert werden als man eigentlich benötigt. Und, wo im normalen Wortwahlprozess die ungewollten Wörter unterdrückt werden, unterdrückt der Sprecher hier versehentlich die falsche der beiden aktivierten Möglichkeiten.

Als letztes Indiz für die Überaktivierung sei schließlich noch der sprachliche Output von Schizophrenen genannt. Dieser weist nämlich oft eine unendliche Kette von Bedeutungsassoziationen auf, denen ein normaler Sprecher nahezu keinen Sinn entnehmen kann. Diese Beobachtung erklärt sich dadurch, dass das Gehirn bei der Schizophrenie in so hohem Maße übererregt ist, dass der jeweilige Sprecher nicht mehr unterscheiden kann, welche der unzähligen aktivierten Wörter relevant und welche für das, was er sagen möchte, eher zweitrangig sind.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass durch die Untersuchung von Versprechern mehrere Indizien dafür gegeben sind, um die Aktivierung verschiedener Alternativen auch in der Alltagssprache relativ sicher nachweisen zu können. Macht man sich nun aber den Prozess dieser Überaktivierung bei der Wortwahl bewusst, stellt sich unmittelbar die Frage, wie es dem Menschen eigentlich möglich ist, mit dieser ungeheuren Menge an zusätzlichen Begriffen umzugehen bzw. ein Wort, das er sucht, zu finden. Zur Klärung dieser Frage soll deshalb im folgenden der grundlegende Ablauf der eigentlichen Wortwahl untersucht werden. (Vgl. Aitchison 1994: 197ff.)

1.2. Lemma und Wortform

Nicht selten kommt es vor, dass man sich als Sprecher in der Situation befindet, ein Wort, das man sucht, genau zu kennen, aber gleichzeitig nicht in der Lage zu sein, es auszusprechen. Anders ausgedrückt ist sich der Sprecher in solchen Situationen der Bedeutung eines Wortes bewusst, dessen lautliche Struktur ihm aber verborgen bleibt. Besonders häufig tritt dieses Phänomen bei Namen auf, aber auch bei selten gebrauchten Wörtern ist es zu beobachten. Versucht man eine Erklärung dafür zu finden, drängt sich zwangsläufig die Vermutung auf, dass lexikalische Selektion und phonologische Encodierung völlig verschiedene Prozesse sind. Denn wie ist es sonst möglich, dass man über einen Teil des Wortes verfügen kann, während ein anderes gleichsam unerreichbar ist ?

Wäre diese Vermutung korrekt, müsste der Wortwahlprozess grundsätzlich in mindestens zwei verschiedene Operationen eingeteilt werden, nämlich in die Auswahl der abstrakten Bedeutung und der Wortklasse, die zusammen das Lemma bilden, einerseits und die Suche nach den passenden Lauten, also der Wortform, andererseits. Und tatsächlich kann dies, ähnlich wie es bei der Überaktivierung der Fall war, recht eindeutig durch die Untersuchung verschiedener Versprechertypen bewiesen werden.

Grundsätzlich kann man für eine derartige Untersuchung drei verschiedene Typen von Versprechern als Indizien heranziehen. Als Beispiele für den ersten Typ dienen Sätze wie ‘The white sheep of the family.’ oder ‘They’ve ended the third week of their strike.’. Hier beruht der Fehler jeweils auf der Auswahl der Bedeutung, da statt white eigentlich black und statt ended started die ursprünglich intendierten Wörter waren. Aufgrund ihrer engen Verbindung im mentalen Lexikon wurden aber versehentlich jeweils die Wörter gewählt, die mit den eigentlichen Zielwörtern Gegensatzpaare bilden bzw. die Co-Hyponyme darstellen, mit denen die intendierten Wörter unter Koordination verknüpft sind.

Der zweite Versprechertyp wird an den Beispielen ‘A reciprocal question.’ und ‘The audience survey map.’ deutlich. Hier sollte statt reciprocal rhetorical, statt audience ordinance geäußert werden. Man sieht also, dass der Fehler hier in der Auswahl der lautlichen Struktur liegt. Die Vorstellung von der Bedeutung ist zwar korrekt vorhanden, aber aufgrund der ähnlich klingenden Lautung am Wortanfang bzw. -ende und des ähnlichen Wortrhythmus werden schließlich die falschen Wörter artikuliert bzw. die richtigen Bedeutungen falsch repräsentiert.

Den dritten Typ von Versprechern schließlich, bei dem die Wortwahl sowohl auf der Ebene der Bedeutung als auch auf der der Lautung missglückt, zeigen die Sätze ‘You’re a destructive influence.’ und ‘Look at this badger. ’. Statt destructive war eigentlich disruptive intendiert, statt badger beaver. Damit weist dieser Versprechertyp darauf hin, dass die Trennung zwischen Lemma und Wortform nicht absolut ist, da hier der Fehler diese Teile beide gleichzeitig betrifft.

Insgesamt kann man jedoch festhalten, dass die Beispiele eindeutig beweisen, „daß Wortformen und Wortbedeutungen nicht im Sinne de Saussures untrennbar wie zwei Seiten eines Blattes, sondern unabhängig voneinander repräsentiert werden“ (Schwarz: 85). Darüber hinaus wird auch deutlich, dass bei der Wortwahl die äußere Spezifikation eines Wortes, wie z.B. gegensätzliche Farben, der gleiche Wortanfang oder auch gleiche Bedeutung und

Lautung auf einmal, richtig gewählt, die detaillierten Merkmale, mit denen diese Spezifikation bei der Wortwahl versehen werden, aber falsch sein können. Nachdem nun der grundlegende Ablauf der Wortwahl bzw. die Faktoren, die dabei eine wichtige Rolle spielen, klar geworden sind, stellt sich als nächstes die Frage, wie die beiden an der Wortwahl beteiligten Operationen, nämlich Wahl des Lemma und Finden der Wortform, vor sich gehen und wie sie miteinander verknüpft sind. Mit anderen Worten kann nun gefragt werden, wie der Prozess der Wortproduktion genau abläuft. (Vgl. Aitchison 1994: 201f.)

1.3. Modelle für den Wortproduktionsprozess

1.3.1. Trittsteinmodell

Als erste Möglichkeit, den Prozess der Wortproduktion zu beschreiben, erscheint das Trittsteinmodell. Hierbei wird der Sprecher als Überquerer eines Flusses dargestellt, der auf jedem Stein kurze Zeit verweilt, bevor er den nächsten betritt. Übertragen auf die Wortproduktion hieße das, dass der Sprecher auf dem ersten Stein das Lemma auswählt, dem dann auf dem zweiten die Wortform angehängt wird. Man sieht also, dass die beiden Phasen der Wortwahl in diesem Modell nicht interagieren, da die erste bereits abgeschlossen ist, bevor die zweite beginnt. Betrachtet man dies nun z.B. an dem Wort beaver, stellt sich der Wortproduktionsprozess so dar, dass der Sprecher auf dem ersten Stein das Lemma BEAVER aufnimmt. Dieses Lemma ist gleichsam die Vorstellung von einem kleinen, wilden Tier, die aber noch nicht in Worte gefasst ist. Daraufhin geht der Sprecher zum zweiten Stein über, wo dem Lemma BEAVER schließlich die Wortform beaver angehängt wird.

Dieses Modell ist jedoch in hohem Maße unvollkommen und muss weiter ausgearbeitet werden. So wäre z.B. ein Wegweiser am Absprungspunkt des ersten Steins nötig, um dem Sprecher anzuzeigen, wohin er als nächstes gehen muss. Im Falle des Beispiels beaver wäre dieser Wegweiser durch einen phonologischen ‘area code’ repräsentiert, der etwa anzeigen müsste, dass das gesuchte Wort zweisilbig ist, mit b- beginnt und mit -er endet. Darüber hinaus müsste das Moment der Überaktivierung berücksichtigt werden, also die dem Zielwort benachbarten Wörter müssten ebenfalls im Modell erscheinen.

Dies leistet das Trittsteinmodell mit Einengung, bei dem die in der ersten Phase der Wortproduktion aktivierten Alternativen, im Falle des Wortes beaver also beispielsweise OTTER, BADGER, RABBIT usw., ebenfalls erscheinen und dann immer weiter eingeengt werden, bis in einer späteren Phase BEAVER übrig bleibt. Bei der Wahl der Wortform findet dann erneut eine Einengung möglicher Alternativen, wie z.B. beaker, badger, beggar usw., statt, bis schließlich die Wortform beaver übrig bleibt, die sich mit BEAVER zum gesuchten Wort verbinden kann.

Oberflächlich gesehen scheint die Wortproduktion durch ein solches Trittsteinmodell nun hinreichend repräsentiert zu sein. Genauer betrachtet weist dieses Modell jedoch einen schwerwiegenden Mangel auf. So können nämlich Fehler, die dem gesuchten Wort sowohl in der Bedeutung als auch in der Lautung ähneln, wie z.B. badger statt beaver, mit diesem Modell nicht erklärt werden, da hier die einzelnen Schritte nicht interagieren. Diese Art von Fehler lässt aber deutlich vermuten, dass die Erinnerung an alle im ersten Schritt aktivierten Alternativen bei der Wahl der Wortform noch verfügbar ist. So wird also ein anderes Modell nötig, das diesen Faktor mit einschliesst. (Vgl. Aitchison 1994: 203f.)

1.3.2. Wasser- oder Kaskadenmodell

Ein Modell, das neben den Elementen des erweiterten Trittsteinmodells, also sowohl Wegweiser als auch graduelle Einengung, auch die Möglichkeit einschließt, dass der Sprecher noch bei der Wahl der Wortform über die vorher gewählte Bedeutung bzw. die für sie existierenden Alternativen nachdenken kann, stellt das Wasserfall- oder Kaskadenmodell dar. Hier fließt die Information wie in einem Wasserfall von oben nach unten, wobei alle Information, die in der ersten Phase aktiviert wurde, in der nächsten noch vorhanden ist. Die Stufen überlappen sich also so, dass die Wahl der Bedeutung noch nicht abgeschlossen ist, wenn die Laute ausgewählt werden. Ein Modell dieser Art kann demzufolge das Zustandekommen eines Fehlers wie badger statt beaver problemlos erklären. So trat hierbei nämlich nicht nur das Lemma BEAVER in die nächste Phase über, sondern alle Lemmata, die die Information kleines, wildes Tier trugen, wie z.B. BADGER, RABBIT und OTTER, und die jedes aufgrund seines spezifischen ‘area codes’ für die Aktivierung zahlreicher möglicher Alternativen sorgten. Bei der phonologischen Auswahl entstanden dann u.a. zwei Wörter, die gleich gut geeignet waren, nämlich badger und beaver, von denen letztendlich das falsche ausgewählt wurde.

Ein weiterer Vorteil dieses Modells liegt darin, dass es das Moment der Überaktivierung bei der Wortwahl erklärt. Denn es zeigt deutlich, dass der Sprecher in beiden Phasen viel mehr Möglichkeiten aktiviert als nötig wären. Genauso jedoch, wie es bei den Trittsteinen der Fall war, weist auch dieses Modell einen entscheidenden Mangel auf: „Waterfalls can’t flow backwards.“ (Aitchison 1994: 204). Dass aber bei der Wortproduktion nicht nur die phonologische Auswahl semantische Bestätigung benötigt, sondern dass auch die Semantik durch Informationen aus der Phonologie Präzisierung erfährt, wird durch den Vorgang des Vorsagens evident. Stellt man beispielsweise jemandem die Aufgabe, so viele Waldtiere wie möglich aufzulisten, wird er vermutlich nur wenige nennen können. Gibt man ihm aber den Hinweis, dass es weitere Tiere gibt, die mit b- beginnen, wird er der Liste höchstwahrscheinlich sehr schnell beaver und badger hinzufügen. Hier werden also nicht wie normalerweise bei der Wortproduktion Laute durch Bedeutungen, sondern umgekehrt neue Bedeutungen durch Lauthinweise aktiviert. Um dieses Phänomen erklärbar zu machen, benötigt man demzufolge ein Modell, in dem die Informationen sowohl vorwärts als auch rückwärts fließen können. (Vgl. Aitchison 1994: 204ff.)

1.3.3. Interaktives Aktivierungsmodell

Der Mangel des Wasserfall- oder Kaskadenmodells, der im einseitigen Informationsfluss liegt, ist in dem so genannten interaktiven Aktivierungsmodell aufgehoben. Dieses Modell beruht auf dem Prinzip eines Stromkreises, in dem die Elektrizität ständig zwischen verschiedenen Punkten hin- und herfliesst. Wiederum übertragen auf die Wortproduktion bedeutet dies, dass der Informationsfluss startet, indem in der semantischen Komponente des Modells ein semantisches Feld aktiviert wird. Bevor nun eine endgültige Selektion stattfindet, fließt die Information weiter zum spezifischen ‘area code’ eines jeden aktivierten Wortes und von dort aus zu der phonologischen Komponente, wo entsprechend den Hinweise des ‘area codes’ eine Vielzahl von Lauten aktiviert wird. Danach kehrt der Informationsfluss wieder zur Semantik zurück, wo zu den verschiedenen Lautstrukturen passende, neue Bedeutungen aktiviert werden. Dieser Ablauf wiederholt sich immer wieder, wobei die relevanten Verbindungen immer stärker aktiviert und die ungewollten nach und nach abgeschwächt werden; „the rich get richer, and the poor get poorer“ (Aitchison 1994: 206), bis schließlich ein Wort gewinnt, das dann aus dem Kreis herausspringt. Wie jedoch diese letztendliche Entscheidung über das eine gesuchte Wort genau getroffen wird, ist noch unklar. Man nimmt beispielsweise an, dass ein Wort einen bestimmten Aktivierungsgrad erreichen oder ein Wort stärker als die anderen aktiviert werden muss. Darüber hinaus vermutet man, dass verschiedene Wörter auch verschiedene Aktivierungsgrade benötigen. So sollen häufig gebrauchte Wörter durch niedrigere, eher seltene Wörter durch höhere Aktivierung herausgefiltert werden. Dies sind jedoch nur Spekulationen, die bis jetzt nicht sicher nachgewiesen werden können.

Somit scheint also ein, wenn auch noch immer sehr grobes und lückenhaftes, aber dennoch nützliches Modell zur Beschreibung des Wortproduktionsprozesses gefunden zu sein. Die Fragen, die sich nun stellen, sind deshalb, wie Menschen Wörter erkennen und ob bei diesem, angeblich spiegelbildlich zum gezeigten Wortproduktionsprozess verlaufenden Worterkennungsprozess wirklich ähnliche oder sogar die gleichen Faktoren beteiligt sind wie bei der Wortproduktion. (Vgl. Aitchison 1994: 206ff.)

2. Worterkennung

2.1. Die Bedeutung von Schätzungen

2.1.1. Grundlegende Probleme

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man die Frage stellen, weshalb überhaupt angenommen wird, dass die Worterkennung in irgendeiner Hinsicht problematisch sein könnte. Schließlich muss man etwas Gehörtes doch nur mit den Einträgen im mentalen Lexikon vergleichen, um seine Bedeutung zu erfahren. Ganz so einfach wie das Nachschlagen in einem Lexikon ist die Worterkennung jedoch nicht. Im Gegenteil treten schon beim einfachen Hinhören auf etwas Gesagtes grundlegende Probleme auf. So ist es beispielsweise eine Tatsache, dass man in einer normalen Unterhaltung gar nicht jedes Segment hören kann, da die Sprache dafür viel zu schnell abläuft. Darüber hinaus zeichnet sich ein Sprachsignal durch eine hohe Varianz aus, was bedeutet, dass ein Laut, je nachdem welche Nachbarlaute ihn umgeben, radikal verändert werden kann. Ein weiteres Problem besteht darin, dass einzelne Lautsegmente nicht aus der Sprache herausgetrennt werden können, da sie mit ihren Nachbarlauten verschmelzen. Wo Vokale gerade noch separiert werden können, ist dies bei Konsonanten unmöglich. Auch die Varianz der verschiedenen Dialekte, die von Menschen aus unterschiedlichen Gebieten gesprochen werden, stellt ein Problem dar. Und schließlich ist auch die Tatsache, dass wir „in a noisy world“ (Aitchison 1994: 210) leben, dafür verantwortlich, dass ganze Wortbrocken vom Lärm der heutigen Zeit verschluckt werden. Macht man sich diese Vielzahl problematischer Faktoren, die das Hörverstehen beeinträchtigen können, bewusst, so drängt sich die Frage auf, wie man unter diesen Umständen überhaupt etwas verstehen kann.

Die Antwort darauf ist recht simpel, da ein Großteil der Worterkennung aus Schätzungen der Hörer besteht: „They actively reconstruct both the sounds and the syntax of an utterance in accordance with their expectations.“ (Aitchison 1989: 205). So werden die entstehenden Leerstellen einfach dadurch ausgefüllt, dass der Mensch das Gehörte mit dem Wort in seinem mentalen Lexikon gleichsetzt, das aufgrund des Kontextes am besten zu passen scheint. Deshalb war es z.B. in einem Experiment nicht schwierig, die Sätze ‘Paint the fence and the ?ate.’, ‘Check the calendar and the ?ate. ’ und ‘Here’s the fishing gear and the ?ate.’ zu vervollständigen. Der gegebene Kontext machte die problemlose Schätzung von gate, date und bait möglich. Welche Auswirkungen es jedoch auf das Verstehen haben kann, wenn der Kontext fehlt, zeigte sich an dem Beispielsatz ‘In mud eels are, in clay none are.’. Da dies eine sehr ungewöhnliche Äußerung ist und so gleichsam der Kontext fehlte, waren die Versuchspersonen nicht dazu in der Lage das Gesagte zu wiederholen, sondern brachten statt dessen sehr wirre und stark voneinander abweichende Sätze wie ‘In muddies sar in clay nanar.’, ‘In my ders en clain.’ u.a. zustande. Diese Beispiele zeigen deutlich, wie unerlässlich Schätzungen für die Worterkennung sind. Im folgenden soll deshalb geklärt werden, wie solche Schätzungen eigentlich gemacht werden bzw. wie der Worterkennungsprozess aufgebaut ist. (Vgl. Aitchison 1994: 209f.)

2.1.2. Zwei Teile des Worterkennungsprozesses

2.1.2.1. Einteilung des Sprachflusses in Wörter

Um Schätzungen über Lautung und Bedeutung eines Wortes machen zu können, ist es als erstes nötig, das Wort überhaupt aus dem Sprachfluss herauszuhören bzw. zu erkennen, wo es beginnt und wo es endet. Der erste Teil des Worterkennungsprozesses besteht also in der Einteilung des aufgenommenen Sprachflusses in Wörter oder, anders ausgedrückt, in der Analyse der Schallwellen. Grundsätzlich muss gesagt werden, dass keine allgemeine Einigkeit darüber herrscht, wie dies genau vor sich geht. Dennoch gibt es Faktoren, die als Anhaltspunkte für derartige Schätzungen relativ sicher feststehen bzw. nach denen ein Wort

ziemlich eindeutig aus der Vielzahl von Schallwellen heraussegmentiert werden kann, da man durch sie eine grobe Vorstellung von der Struktur eines Wortes bekommt. So kann z.B. im Englischen der Rhythmus als Startpunkt der Segmentierung dienen. Wie nämlich an dem Beispiel ‘Be alert! Your country needs lerts!’ deutlich wird, erwartet man, dass sich im Englischen erstens starke und schwache Silben abwechseln und zweitens dass Wörter mit einer betonten Silbe beginnen. So erklärt es sich, dass das Wort alert, bei dem die Betonung nicht wie erwartet auf der ersten, sondern auf der zweiten Silbe liegt, fälschlicherweise in den unbestimmten Artikel a und das nicht existierende Wort lert segmentiert wird.

Als weitere Hilfen zur Segmentierung dienen phonetische Hinweise. So werden im Englischen z.B. [p], [t] und [k] am Wortanfang häufig stark aspiriert und können dadurch diesen leichter erkennbar machen. Darüber hinaus werden innerhalb von Wörtern Vokale besser erkannt als Konsonanten, wobei betonte Vokale besonders gut zu hören sind. Dies kann dadurch bewiesen werden, dass sie bei Verhörern meist erhalten bleiben, wie beispielsweise das [o] aus dem falsch verstandenen Wort coffee, welches als [o] in dem statt dessen geschätzten Wort hockey wieder auftrat. Auch gilt es als sichere Tatsache, dass bestimmte Vokale, nämlich [i], [u] und [a] weniger stark variieren als andere. So können sie recht eindeutig identifiziert und der Rest eines Wortes um sie herum aufgebaut werden. Als letzter Hinweis gebender Faktor sei schließlich genannt, dass Konsonanten sich gewöhnlich ihrer natürlichen Klasse zuordnen lassen. So gehören z.B. [s] und [∫] beide zur Gruppe der stimmlosen Reibelaute und können daher leicht miteinander verwechselt werden. Eine Verwechslung der Laute [s] und [b] dagegen ist relativ unwahrscheinlich, da [b] ein stimmhafter Verschlusslaut ist, also zu einer anderen Klasse gehört als [s] und demzufolge auch völlig anders klingt.

Zwar stellen diese Faktoren nur vage Ausgangspunkte für den Hörer dar, dennoch können sie ihm als grundlegende Hinweise zur Ableitung der groben Struktur der Wörter dienen. Gerade die Tatsache aber, dass die durch die genannten akustischen Signale geschaffene Basis für Schätzungen so grob ist, bringt ein erneutes Problem mit sich. So gibt es im mentalen Lexikon des Hörers meist nicht nur ein oder zwei, sondern eine ungeheure Vielzahl von Wörtern, die mit dieser groben Struktur übereinstimmen, was die Frage aufwirft, wie bei der Eingrenzung dieser Wortfülle auf das eine relevante Wort vorgegangen wird bzw. wie der Hörer dieses eine Wort als das richtige identifiziert. (Vgl. Aitchison 1994: 211f.)

2.1.2.2. Identifizierung der Wörter

Grundsätzlich gibt es in der Forschung zwei verschiedene Theorien zur Worterkennung: erstens die Theorie der seriellen und zweitens die der parallelen Verarbeitung. Die Theorie des seriellen Worterkennens geht davon aus, dass geeignete Wörter, also Wörter, die in die bei der Segmentierung des Sprachflusses gewonnene, grobe Basisstruktur passen, nacheinander getestet werden. Diese Annahme stützt sich jedoch allein auf die Tatsache, dass innerhalb des mentalen Lexikons häufig gebrauchte Wörter leichter zu finden sind als weniger gebräuchliche. Belegt werden kann diese Tatsache durch zahlreiche Beispiele, wie etwa ein Experiment, in dem die Versuchspersonen das Wort cat schneller fanden als panther oder cheetah. Unter den Vertretern der seriellen Theorie gibt es für diese Beobachtung unterschiedliche Deutungen und infolge dessen auch verschiedene Mutmaßungen darüber, wie das mentale Lexikon im Hinblick auf die Wortwahl organisiert ist.

So wird z.B. angenommen, dass die Wörter in Form von Stapeln gespeichert sind, innerhalb derer die gebräuchlichsten Wörter ganz oben liegen. Eine andere Hypothese, nämlich die „‘double storage’ hypothesis“ (Aitchison 1994: 213), geht davon aus, dass häufig gebrauchte Wörter zweimal gespeichert sind, und zwar einmal in einem separaten Teil des mentalen Lexikons, der beim Hören zuerst überprüft wird, und ein zweites Mal zusammen mit allen anderen Wörtern im Hauptspeicher. Aufgrund dessen aber, dass sich diese Modelle nur auf die eine genannte Tatsache, nämlich den Häufigkeitseffekt, stützen, die zudem, wie noch gezeigt wird, auch anders erklärt werden kann, ist es insgesamt fraglich, ob die Theorie der seriellen Verarbeitung überhaupt aufrecht erhalten werden kann.

Als viel wahrscheinlicher ist hingegen die Theorie des parallelen Worterkennens anzusehen. Sie besagt, dass die geeigneten Wortkandidaten gleichsam wie bei einem Pferderennen gleichzeitig gegeneinander antreten. Die Vermutung, die dieser Theorie zugrunde liegt, geht davon aus, dass bei der Worterkennung ebenso wie bei der Wortproduktion unterbewusst weit mehr Möglichkeiten erwogen werden als eigentlich nötig wären. Mit anderen Worten setzt also das parallele Modell eine Überaktivierung möglicher Kandidaten voraus. Ähnlich wie bei der Wortproduktion gibt es auch hier mehrere Indizien, die für eine solche Überaktivierung sprechen.

Allein schon die Geschwindigkeit, mit der die Worterkennung während einer normalen Konversation abläuft, kann als Nachweis für parallele Verarbeitung dienen. Denn ohne gleichzeitigen Zugriff auf eine Vielzahl von Wörtern, die zur Selektion bereitstehen, scheint ein solch schnelles Erkennen kaum erklärbar. So kamen z.B. auch Feldmann und Ballard zu folgendem Ergebnis: „The assumption of a strict serial search through the entire lexicon becomes untenable when the size of the lexicon is compared to the speed and efficiency of word recognition.“ (zit. in Lively et al.: 293f.). Im Zusammenhang damit wird deutlich, dass der Häufigkeitseffekt, der manchen Wissenschaftlern als Beleg für die serielle Theorie dient, mittels der parallelen Verarbeitung ebenso gut, wenn nicht sogar besser erklärbar ist. So könnte es z.B. sein, dass häufiger gebrauchte Wörter schneller aktiviert werden als andere oder einfach stärker repräsentiert sind.

Neben der allgemeinen Geschwindigkeit der Worterkennung gibt es auch zahlreiche Experimente, deren Ergebnisse für die Theorie der parallelen Verarbeitung sprechen. Unter anderem sind hier Versuche mit Wortpaaren, also Wörtern, die eine größere Anzahl von Lauten am Wortanfang gemeinsam haben, zu nennen. Ein solches Wortpaar bilden beispielsweise captain und captive. Bei einem Experiment, in dem den Versuchspersonen auf einem Bildschirm die Wörter BOAT oder GUARD, die jeweils mit einem der Wörter des Wortpaares thematisch in Verbindung standen, aufgezeigt wurden, während sie die Sequenz capt- hörten, zeigte sich, dass sie sowohl BOAT als auch GUARD gleich schnell als in ihrer Sprache existierende Wörter identifizierten. Diese Beobachtung weist eindeutig darauf hin, dass zu Anfang beide Wörter, also sowohl captain als auch captive aktiviert wurden.

Eine andere Art von Versuchen, die Belege für Überaktivierung liefern, stellen so genannte gating -Experimente dar. Dabei hören die Versuchspersonen ein immer länger werdendes Stück eines Wortes, das es zu erkennen gilt. An irgendeiner Stelle wird das Wort jedoch durch ein ‘ gate ’ abgeschnitten. Bei derartigen Experimenten zeigt sich, dass zu Beginn, wenn nur wenig Information über das Wort vorhanden ist, eine große Bandbreite von Möglichkeiten genannt wird, die dann mit zunehmender Fülle an Informationen über das Wort immer weiter abnimmt. Auch hierbei findet also zunächst eine Überaktivierung statt.

Daran nun, dass beim Worterkennen wie bei der Wortproduktion eine Überaktivierung möglicher Kandidaten stattfindet und somit die parallele Theorie zur Beschreibung der Wortidentifikation eindeutig geeigneter ist als die serielle, dürfte kein Zweifel mehr bestehen.

Somit bleibt abschließend nun die Frage, wie sich der eigentliche Worterkennungsprozess unter Berücksichtigung des Aspektes der parallelen Wortverarbeitung beschreiben lässt. (Vgl. Aitchison 1994: 212ff.)

2.2. Modelle für den Worterkennungsprozess

2.2.1. Kohortenmodell

Im Hinblick auf alle bis jetzt über den Worterkennungsprozess gewonnenen Erkenntnisse lässt sich sein Ablauf folgendermaßen beschreiben: Sobald der Hörer einen Teil des Wortes aufgenommen hat, aktiviert er unterbewusst in seinem mentalen Lexikon alle Begriffe, die sich mit dem, was er gehört hat, decken. Je mehr Informationen ihm zur Verfügung stehen, desto schneller kann er eine Entscheidung über das letztlich richtige Wort fällen.

Dieser Prozess von der Aufnahme einiger Wortsegmente über die Aktivierung einer Vielzahl von Wörtern bis hin zur Einengung der Wortüberfülle lässt sich mittels des so genannten Kohortenmodells verdeutlichen. Dieses beruht auf der Vorstellung, dass jedes Mal, wenn ein Hörer eine Anzahl von Lautsegmenten aufschnappt, eine ganze Armee möglicher Wortkandidaten im mentalen Lexikon aufmarschiert. Hört also z.B. jemand die Lautfolge sta-, werden alle Wörter aktiviert, die mit sta- beginnen wie stagger, stack, static, stalactite usw. Durch hinzukommende Informationen, sei es aufgrund weiterer Lautsegmente des Wortes, die man zu hören bekommt, sei es durch den Kontext, in dem das Wort steht, wird die anfangs aktivierte Armee bzw. Kohorte immer weiter eingeengt bis schließlich das gesuchte Wort übrig bleibt.

Die Vorteile des Kohortenmodells liegen darin, dass es drei wichtige Faktoren der Worterkennung mit einschließt. Erstens werden viel mehr Wörter aktiviert als wirklich nötig wären. Zweitens gebraucht der Hörer jede Art von Information - syntaktische wie semantische -, um zu einer Entscheidung zu gelangen, und drittens fällt die Entscheidung über ein Wort sehr schnell, meistens schon, wenn das Wort noch nicht fertig ausgesprochen wurde.

Somit scheint dieses Modell zunächst also durchaus für die Darstellung des Worterkennungsprozesses geeignet zu sein. Bei näherer Betrachtung entdeckt man allerdings einen Mangel, der bei der Worterkennung zu schwerwiegenden Problemen führen kann. So setzt dieses Modell unversehrte akustische Signale am Wortanfang voraus. Es ist demnach nur in der Lage, so genannte wort-initiale Kohorten zu aktivieren. Fällt also eine falsche Entscheidung über den Anfang eines Wortes bzw. fehlen die ersten Laute des gehörten

Wortes gänzlich, wie es z.B. bei dem ?ate -Experiment1, das sich somit mittels des

Kohortenmodells nicht erklären lässt, der Fall ist, wird mit ziemlicher Sicherheit eine völlig falsche Kohorte aktiviert werden. Ein weiteres Modell, das auch die Möglichkeit fehlender Anfangslaute berücksichtigt, ist nötig. (Vgl. Aitchison 1994: 216ff.)

2.2.2. Interaktives Aktivierungsmodell

Genau wie bei dem Prozess der Wortproduktion scheint auch hier die Darstellung der Wortwahl in Form eines interaktiven Aktivierungsmodells die adäquateste Lösung zu sein: Sobald ein paar Sprachsegmente vom Hörer aufgenommen worden sind, beginnt er, mögliche Kandidaten zu aktivieren. Die Aktivierung breitet sich von Wort zu Wort aus, wobei jeder identifizierte Laut mit allen Wörtern Verbindungen eingeht, die einen ähnlichen Laut an derselben Stelle haben. Daraufhin wird jeder aktivierte Kandidat mit seinen möglichen Bedeutungen verknüpft. Wie bei der Wortproduktion beeinflussen sich auch hier Phonologie und Semantik gegenseitig. Aufgrund der bei der Worterkennung wichtigen Schätzungen kommen, wie schon beim Kohortenmodell erwähnt, kontinuierlich neue Informationen, sowohl über weitere Lautung des gesuchten Wortes als auch über den das Wort umgebenden Kontext, hinzu, was bewirkt, dass geeignete Wörter immer stärker aktiviert, ungeeignete immer mehr abgeschwächt werden. Auch hier gilt „the rich get richer and the poor get poorer“ (Aitchison 1994: 219), bis das gesuchte Wort aus dem Kreislauf gleichsam herausspringt.

Dieses Modell schließt alle Vorzüge des Kohortenmodells, nämlich Miteinbeziehung des Aspektes der Überaktivierung, stetiges Hinzukommen und Verwerten von Informationen sowie die Schnelligkeit der Entscheidungsfindung, mit ein. Darüber hinaus hat es ihm gegenüber aber einen entscheidenden Vorteil. Dadurch nämlich, dass sich die Aktivierung in beide Richtungen ausbreitet, die Semantik also somit die Lautung ebenso beeinflusst wie umgekehrt die Laute durch die Bedeutung beeinträchtigt werden, kann das interaktive Aktivierungsmodell undeutliche akustische Informationen an jeder Stelle des Wortes bewältigen und zu jedem Zeitpunkt neue Wortkandidaten in Erwägung ziehen.

Demnach sind durch dieses Modell die wichtigsten Faktoren und Abläufe des Worterkennungsprozesses hinreichend repräsentiert, wobei jedoch gesagt werden muss, dass

es im Ganzen doch sehr vage ist, da viele Details fehlen und es zahlreiche Fragen offen lässt. So z.B., wie die genaue Steuerung der aktivierten Wörter vor sich geht oder durch welchen Mechanismus es festgelegt wird, wann eine endgültige Entscheidung über ein Wort erreicht ist. (Vgl. Aitchison 1994: 218ff.)

Schluss

Im Hinblick auf die Wortproduktion kann man zusammenfassend zunächst festhalten, dass wider allen anfänglichen Erwartungen auch in der alltäglichen Konversation verschiedene alternative Wörter gegeneinander abgewägt werden, was eine Überaktivierung von möglichen Wortkandidaten im mentalen Lexikon bedeutet. Weiterhin wurde festgestellt, dass die beiden grundlegend an der Wortwahl beteiligten Operationen, nämlich die Wahl des Lemma und die der Wortform, zwei völlig verschiedene Prozesse darstellen bzw. dass Wortbedeutung und Wortform unabhängig voneinander repräsentiert sind, dass weiterhin ihre Trennung aber nicht absolut ist. Als einziges für die Darstellung des Worterkennungsprozesses geeignetes Modell erwies sich infolge dessen das interaktive Aktivierungsmodell, bei dem der Informationsfluss in beide Richtung verläuft und das demzufolge auch Versprecher erklären kann, die Fehler sowohl auf der Bedeutungsebene als auch auf der Ebene der Lautung beinhalten.

Bei der Worterkennung wurde zunächst gezeigt, dass bedingt durch unterschiedliche Faktoren beim Hörverstehen oft Lücken auftreten, die dann anhand von Vermutungen über die fehlenden Wörter gefüllt werden müssen. Demzufolge besteht ein Großteil der Worterkennung aus Schätzungen. Im Anschluss daran wurden die verschiedenen Anhaltspunkte, nach denen der Sprachfluss in Wörter eingeteilt und eine Basisstruktur für diese Wörter abgeleitet werden kann, erläutert. Bei der daraufhin untersuchten Identifizierung der Wörter erwies sich die Theorie einer parallelen Verarbeitung mehrerer Wörter, was dem Aspekt der Überaktivierung bei der Wortproduktion gleichkommt, als plausibel. Schließlich stellte sich unter Einbeziehung all dieser Faktoren auch für die Beschreibung des Worterkennungsprozesses das interaktive Aktivierungsmodell als das geeignetste dar.

Da also sowohl Wortproduktion als auch Worterkennung durch dasselbe Modellprinzip darstellbar sind und sie sich allein durch ihre Ausgangspunkte, nämlich Bedeutung einerseits und Lautung andererseits, unterscheiden, kann man abschließend festhalten, dass diese beiden

Wortwahlprozesse, einschließlich der an ihnen maßgeblich beteiligten Faktoren, wirklich, wie anfangs angenommen, spiegelbildlich zueinander zu verlaufen scheinen.

Literaturverzeichnis

Aitchison, Jean. The Articulate Mammal: An Introduction to Psycholingiustics. 3. Aufl. London: Routledge, 1989.

Aitchison, Jean. Words in the Mind: An Introduction to the Mental Lexicon. 2. Aufl. Oxford: Blackwell, 1994.

Feldman, J. A. und D. H. Ballard. „Connectionist Models and their Properties“.

Cognitive Science 6 (1982): 205-254. Zit. in Scott E. Lively, David B. Pisoni und Stephen D. Goldinger. „Spoken Word Recognition: Research and Theory“. Handbook of Psycholingiustics. Hg. Morton Ann Gernsbacher. London: Academic Press, 1994. 265-301.

Fodor, J. A., T. G. Bever und M. F. Garrett. The Psychology of Language. New York: Mc Graw Hill, 1974. Zit. in Jean Aitchison. The Articulate Mammal: An Introduction to Psycholinguistics. 3. Aufl. London: Routledge, 1989.

James, William. The Principles of Psychology. 1. Bd. Cambridge: Harvard UP, 1981. Zit. in Jean Aitchison. Words in the Mind: An Introduction to the Mental Lexicon. 2. Aufl. Oxford: Blackwell, 1994.

Schwarz, Monika. Einführung in die kognitive Linguistik. 2. Aufl. Tübingen: Francke, 1996.

[...]


1 Siehe oben, S. 8.

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Der Prozess der Wortwahl. Funktionieren Wortproduktion und -erkennung als "mirror images"?
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Sprachwandel und mentales Lexikon
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
21
Katalognummer
V109491
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wortwahl, Sprachwandel, Lexikon
Arbeit zitieren
Eva-Christina Glaser (Autor), 1999, Der Prozess der Wortwahl. Funktionieren Wortproduktion und -erkennung als "mirror images"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109491

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