Neoliberalismus und Soziale Arbeit - Über wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen im Licht einer kritischen Theorie der Sozialen Arbeit


Diplomarbeit, 2003
86 Seiten, Note: 1,3

Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Soziale Arbeit

Soziale Arbeit und Wirtschaftspolitik

Das Konzept der Lebensweltorientierung

Alltag, Alltagswelten und Lebenswelt

Die Notwendigkeit eines kritischen Alltagskonzepts

Neoliberalismus

Neoliberalismus - Definition, Geschichte und Strömungen

Moderne Ökonomie und Neoklassik: die weltweite Vorherrschaft

Ceteris-paribus-Methode und Grundannahmen der Ökonomie

Neoliberalismus in Deutschland: Die »Neue Soziale Marktwirtschaft«

Skizze einer Kritischen Komponente der Theorie der Sozialen Arbeit

Die Soziologie Bourdieus, Paradigmen und Ökonomie

Alltagserkenntnis und wissenschaftliche Erkenntnis

Subjektivismus und Objektivismus

Landstrassen und der doppelte Platz der Regel

Doxische Grundlagen der Erkenntnis

Habitus und Feld

Doxa, Paradigma und die Komplizenschaft zwischen Habitus und Feld

Paradigmenwechsel

Ökonomisches, kulturelles, soziales Kapital und die Illusion der Chancengleichheit

Komplizen der Sachzwänge - Kritik der Theorie und Praxis des Neoliberalismus

Die neoliberale Doxa, Inhalt und Kritik

Ein »starker Diskurs«

Neoliberalismus als Lernstoff

Neoliberale in Politik und Gesellschaft

Werturteile und erkenntnistheoretischer Fundamentalismus

Zusammenfassung und Perspektiven

Literatur

1 Einleitung

Die vorliegend Arbeit hat die notwendige Ergänzung einer Theorie der Sozialpädagogik durch eine kritische Gesellschaftstheorie zum Thema, was am Beispiel des sozialpädagogischen Konzepts der Lebensweltorientierung (LWO) aufgezeigt wird. Es geht dabei um die Funktionsbestimmung der Sozialen Arbeit in der heutigen Gesellschaft. Grundannahme ist, dass die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unseres Alltags heute von der sogenannten neoliberalen Globalisierung geprägt werden. Man könne das Radio nicht anschalten, ohne dass vom »globalen Dorf«, von »Globalisierung« usw. die Rede sei, sagt der französische Soziologe Pierre Bourdieu[1] (vgl. 1998b: 65). »Das sind Begriffe, die nach nichts aussehen, die aber eine ganze Philosophie im Schlepptau führen, eine ganze Weltsicht, welche Fatalismus und Schicksalsergebenheit erzeugt.« (a.a.O.).

Mit neoliberaler Globalisierung kann vereinfacht die Entstehung und Herstellung eines einheitlichen kapitalistischen Weltmarkts bezeichnet werden. Durch Zollsenkungsrunden und Fortschritte in der Informationstechnik wurden ökonomische Grenzen weltweit weitgehend eingerissen. Märkte sind grenzenlos geworden (vgl. Rodenstock 2001: 30). Dies hat unter anderem Auswirkungen auf die Soziale Arbeit und ihre Rahmenbedingungen.

Mit dem Begriff »Soziale Arbeit« bezeichnet der Tübinger Erziehungswissenschaftler Hans Thiersch[2] wissenschaftsgeschichtlich die Zusammenführung der Linien Sozialpädagogik einerseits und Sozialarbeit andererseits. In der Sozialen Arbeit vermischen sich traditionelle gesellschaftliche Aufgaben im Zusammenhang von Armut, Verelendung und Ausgrenzung mit generellen Angeboten der Beratung und Unterstützung von Menschen. Ein modernes Wissenschaftsverständnis von Sozialer Arbeit beschäftigt sich nach Thiersch mit der Verknüpfung von sozialen Problemen und Aufgaben der Lebensbewältigung, mit Sozialethik/Sozialpolitik sowie den Strukturen personenbezogener Dienstleistungen und Interventionsformen (vgl. Füssenhäuser 1998: 29). Organisatorisch ist die Soziale Arbeit an die Rahmenbedingungen des Sozial-/ bzw. Wohlfahrtsstaats angebunden und kann somit als »wohlfahrtsstaatlich mitkonstituierende Profession«[3] bezeichnet werden. Soziale Arbeit im Verständnis dieser Arbeit ist damit eine öffentliche Aufgabe, die weitgehend von der Gemeinschaft (in Form des Staates) getragen werden muss, da bestimmte Aufgaben nicht vom Wettbewerb auf dem Markt geregelt werden können. In neoliberalen Argumentationen wird die Übertragung des Marktwettbewerb auch auf soziale Aufgaben vorgeschlagen.[4]

Die Soziale Arbeit als Teil des Sozialstaats bewegt sich in der Praxis zwischen verschiedenen Spannungsfeldern. Sie wurde und wird von unterschiedlichen Seiten kritisiert.In (neo-)marxistischen Argumentationen lautet der Vorwurf an die Soziale Arbeit, dass sie hauptsächlich der Stabilisierung der bürgerlich-liberalen Ideologie dient. Sie stütze den Kapitalismus, indem sie die Funktion der Pflege einer „Reservearmee an Industriearbeitern“ erfülle und somit zur Reproduktion der kapitalistischen Klassenherrschaft beitrage. Außerdem diene sie der Unterdrückung und Disziplinierung der Arbeiterklasse.[5] Sozialarbeit erfüllt in dieser Sichtweise die Funktion der Integration der Arbeiterklasse in die bestehende kapitalistische Gesellschaft und verhindert die von Marx vorhergesagte proletarische Revolution. Der soziale Frieden soll durch die Soziale Arbeit im Sinne des Kapitals gesichert werden ohne die Grundwidersprüche des Systems aufzuheben. Die »Ideologie des Sozialstaats« mit der Sozialen Arbeit als konstitutivem Bestandteil wird somit als Legitimationsgrundlage und funktional notwendiger Bestandteil des herrschenden kapitalistischen Systems betrachtet (vgl. Hollstein 1980: 190).

Auch von neoliberaler Seite steht die Soziale Arbeit in der Kritik. Die Wohlfahrtsverbände seien mit rund einer Million Mitarbeiter eine gewaltige Wachstumsbranche. Sie haben am „Millionenheer der Armen“ ein schlichtes Beschäftigungs- und Umsatzinteresse, so Peter Gillies (2000: 51). Je bedrohlicher die gesellschaftliche Lage aussehe, desto höher sei die Nachfrage nach wohlfahrtsstaatlichen Leistungen: Das Heer der Helfer, Betreuer, Beauftragten, Sozialarbeiter, Pädagogen definiere durch seinen Armutsbegriff seine Arbeitsplätze: »Das Personalangebot schafft sich seine Nachfrage.« (a.a.O.).[6]

Gleichzeitig wird von neoliberaler Seite der Sozialstaat in seiner jetzigen Form als Ganzes kritisiert. Das öffentliche Sozialsystem werde zur Umverteilung von oben nach unten genutzt. Der deutsche Sozialsaat sei zu einer gigantischen Umverteilungsmaschine geworden, deren Schöpfer das Gute mit dem Gutgemeinten verwechselten (vgl. Rodenstock 2001: 105). Da Hilfeleistungen nicht individuell zugerechnet werden, bestehe für Mitglieder kollektiver (öffentlicher) Sozialsysteme[7] der Anreiz, möglichst viel für sich herauszuholen. Die Ehrlichen seien in unserem Staat die Dummen (a.a.O.: 129): »Wer Leistungen des Gesundheitssystems vorsichtig und mit Rücksicht auf die Kosten sparsam in Anspruch nimmt, spart nicht für sich, sondern für die anderen.«[8] (Rodenstock 2001: 98). Es fehle der Wettbewerb um die jeweils kostengünstigste Lösung (vgl. Rodenstock 2001: 70). Der Sozialstaat müsse stärker als früher auf seine Treffsicherheit achten, da ihm bislang die Courage, »Mitnahmeeffekte auszuschalten, also Trittbrettfahrer und Spesenritter des Sozialsystems zurückzudrängen« fehle. (a.a.O.: 106f). Eine erneuerte Soziale Marktwirtschaft müsse für Regelungsmechanismen sorgen, die eine Ausbeutung von Solidarität verhindern (a.a.O.: 41). Auf dem Arbeitsmarkt müsse Geringqualifizierten mit einem Mix von Anreiz und Sanktionen der Weg in den Job gebahnt werden. Parallel dazu seien die Löhne zu hoch, so dass es sich für Unternehmen nicht rechne, Arbeitsplätze zu schaffen (a.a.O.: 54f). Außerdem sei das Lohnabstandsgebot zwischen Einkommen aus Arbeit und aus Nichtarbeit von der Politik über Jahre missachtet worden, wodurch die Leistungsbereitschaft gravierend unterminiert würde (vgl. Gillies 2000: 50). Sozialhilfeempfänger-Familien hätten durch Nichtarbeit ein gleich hohes oder gar höheres Einkommen als arbeitende Familien (a.a.O. 16). Der »Stundenlohn« beim Sozialamt entspräche im Jahr 2000 einem Bruttolohn von 20,35 DM, wohingegen Niedriglöhne in der Industrie mit rund 14 DM deutlich darunter lägen (vgl. Rodenstock 2001: 104).

Darüber hinaus kritisieren Neoliberale, dass ein dichtes Netz von tariflichen und gesetzlichen Regulierungen verhindere, dass nötige Arbeit getan werde. Vorschriften über Arbeits- und Ruhezeiten, über Kündigungen, Mindestlöhne, den Ladenschluss sowie eine Vielzahl von Einschränkungen wirken wie Arbeitsverbote, so der Vorwurf: »Diese Regulierungen werden vordergründig als soziale Schutzmaßnahmen definiert, wirken aber in Wahrheit unsozial - arbeitsplatzvernichtend.« (Gillies 2000: 22). Solche neoliberalen Positionen, die soziale Sicherungssysteme diffamieren - so meine These - führen in der wirtschaftspolitischen Praxis zu einer zunehmenden Brüchigkeit und Unsicherheit von Lebensverhältnissen, wodurch die betroffenen Menschen zu potentiellen Klienten der Sozialen Arbeit werden.

Der Neoliberalismus setzt dem Anspruch nach auf freie Individuen statt auf »kollektive Bevormundung«. Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, statt sie auf die Gemeinschaft abzuschieben, sei ein Wesensmerkmal menschlicher Freiheit, so die neoliberale Sichtweise (vgl. Rodenstock 2001: 72). Das findet seine Entsprechung im Ansatz der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit, der Menschen als eigenverantwortliche Subjekte ihres Lebens betrachtet. Soziale Arbeit fängt dort an, wo der einzelne Klient steht und unterstützt ihn in seinen Ressourcen und Fähigkeiten (vgl.: Thiersch 1992: 23).

In dieser Arbeit möchte ich am Beispiel des Konzepts der Lebensweltorientierung Zusammenhänge zwischen Sozialer Arbeit und Neoliberalismus aufzeigen. Dazu ist es nötig, die geistige Strömung der Neuen Sozialen Marktwirtschaft als aktuelle Form des Neoliberalismus in Deutschland inhaltlich und strukturell zu fassen, und gleichzeitig ihre vorherrschende Stellung aufzuzeigen.

Meine Grundannahme ist, dass die Sozialpädagogik mit dem Paradigma der Lebensweltorientierung eine kritische Komponente braucht (siehe Abschnitt2.2.2, S.15). Ansonsten trägt sie über die Anerkennung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher »Selbstverständlichkeiten« lediglich zur Reproduktion und Stabilisierung neoliberaler kapitalistischer Rahmenbedingungen bei. In dieser Arbeit soll deshalb auch die Vorherrschaft wirtschaftsliberalen Gedankenguts in Politik und Gesellschaft aufgezeigt und kritisiert werden. Vorwürfe von liberaler Seite, der Sozialstaat fördere eine Versorgungsmentalität müssen jedoch ernst genommen werden, ohne die kollektive Absicherung gegen soziale Risiken grundsätzlich in Frage zu stellen. Soziale Sicherheit wird in Deutschland auch von neoliberaler Seite als »bedeutendste gesellschaftliche Errungenschaft des vergangenen Jahrhunderts« bezeichnet (Rodenstock 2001: 85):

»Wenn Menschen sich weniger um ihr Einkommen bei Krankheit, Arbeitslosigkeit oder im Alter sorgen müssen, sind sie befreiter, können mehr leisten und gehen auch eher wirtschaftliche Risiken ein. Insoweit flankiert das Soziale die Freiheit, begünstigt die freie Entfaltung und gibt den Menschen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.« (Rodenstock 2001: 85)

Solche Aussagen gilt es mit der Realität und den Folgen neoliberaler Politik in der Praxis zu vergleichen. Vielfältige Untersuchungen zeigen, dass seit Beginn der neoliberalen Politik Anfang der 80er Jahre weltweit die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht.[9] Darüberhinaus legitimieren Neoliberale auch soziale Probleme in Folge liberaler Wirtschaftspolitik als für die dynamische Entwicklung der Wirtschaft notwendige »Schöpferische Zerstörung« (Gillies 2000: 95). Für die meisten Menschen sieht die neoliberale Politik beinahe wie eine zwangsläufige natürliche Entwicklung aus, die auch von Fachleuten der Ökonomie als Sachzwang dargestellt wird. Das liegt unter anderem an der Vorherrschaft kapitalorientierter Positionen in den Medien und an der »faktischen Monopolstellung kapitalorientierter Wirtschaftswissenschaft« an den Universitäten (vgl. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik o.J).[10]

Die grundlegende These dieser Arbeit ist, dass die Sichtweise der modernen ökonomischen Theorie geändert werden muss, als Voraussetzung dafür dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Alltags der Menschen gerechter und sicherer gestaltet werden können. Ansonsten kann Soziale Arbeit mit einem lebensweltorientierten Ansatz nur versuchen, das Geschirr zu kitten, das die liberalen Ökonomen zerschlagen haben (vgl.: Bourdieu 1998a: 54). Pierre Bourdieu stellt einen geeigneten theoretischen Rahmen für eine ergänzende kritische Komponente des Lebenswelt-Ansatzes und eine fundierte Neoliberalismus-Kritik zur Verfügung.

Thiersch (1992: 47) vergleicht das Handeln der Menschen im Alltag mit einer Theaterbühne. Die Alltäglichkeit stellt die Vorderbühne dar, auf der nach bestimmten Handlungs- und Verstehensmustern gehandelt wird. Hier ist klassisch auch der Arbeitsplatz der Sozialen Arbeit. Bestimmt werden die Handlungsmuster des Alltags jedoch von dahinterliegenden Bedingungen und Strukturen (Bühnenbild, Requisiten, Regieanweisungen usw.). Im Konzept der Lebensweltorientierung sind das gesellschaftliche, ökonomische und politische Strukturen und Bedingungen, die dem historischen Wandel unterworfen sind (vgl. Füssenhäuser 1998: 31). Thiersch (1992: 47) nennt u.a. Individualisierung und die ungleiche Verteilung von Lebensressourcen.

In dieser Arbeit soll aufgezeigt werden, wie die Vorderbühne des Alltags durch das liberale (bzw. neoliberale) Paradigma der ökonomischen Wissenschaft beeinflusst wird. Es geht um die Sprache auf der Bühne, das Bühnenbild, aber auch dahinterliegende Regieanweisungen, Lichteffekte und den Rhythmus der Hintergrundmusik. Es soll durch diesen anschaulichen Vergleich jedoch keineswegs unterstellt werden, dass es einen Regisseur gibt, der alles steuert. Vielmehr führen die Akteure auf der Bühne mit ihrem jeweiligen individuellen Habitus ein Eigenleben. Es gibt aber Einflüsse, denen man sich kaum entziehen kann, wie einem oft unbewusst übernommenen Rhythmus oder Takt, der beinahe das gesamte Feld[11] durchzieht.

Um die These dieser Arbeit belegen zu können muss einerseits die Vorherrschaft liberaler bzw. neoliberaler Theorien in der Wissenschaft und Politik aufgezeigt werden, andererseits müssen problematische Gesichtspunkte und Grundannahmen dieser Theorien kritisiert werden. Dabei geht es um Werturteile und das Menschenbild aber auch um problematische wissenschaftliche Vorgehensweisen und Schlussfolgerungen. Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut:

In Kapitel 2 steht die Soziale Arbeit im Mittelpunkt. Mit Bezug auf Bourdieu wird der Zusammenhang zwischen Sozialer Arbeit und langfristigen Wirkungen von Wirtschaftspolitik (in Form sozialer Probleme) dargestellt. Die Notwendigkeit einer kritischen Komponente der Theorie der Sozialen Arbeit wird aufgezeigt.

Das Kapitel 3 ist dem Thema Neoliberalismus gewidmet. Die Geschichte dieser Denkrichtung sowie ihre Umsetzung in Politik werden beschrieben. Die aktuelle Strömung der neoliberalen Politik in Deutschland wird umrissen: die Strömung »Neue Soziale Marktwirtschaft«.

In Kapitel 4 wird mit Hilfe der theoretischen Werkzeuge Bourdieus die Skizze einer kritischen Komponente des sozialpädagogischen Konzepts der Lebensweltorientierung aufgezeigt. Eine kritische Komponente der Lebensweltorientierung wehrt sich gegen eine vorschnelle Genügsamkeit mit den gegebenen Verhältnissen, wie sie den Menschen im Alltag erscheinen (vgl. Grunwald/Thiersch 2001: 1140). Das Kernthema dieser Arbeit ist der in diesem Kapitel vorgestellte Ansatz einer Kritik der im Alltag zur Selbstverständlichkeit gewordenen liberalen ökonomischen Theorien, auf die sich die gesamten Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft stützen. Diese Theorien, so die Annahme, führen in der Praxis zu einer zunehmenden Brüchigkeit und Unsicherheit der Lebensverhältnisse. Mit daraus entstehenden Folgeproblemen muss sich die Soziale Arbeit beschäftigen. In Politik, Medien und Öffentlichkeit werden bislang keine grundlegenden alternativen Sichtweisen zur vorherrschenden Wirtschaftspolitik angeboten, die über den von den Neoliberalen kritisierten Sozialstaat in seiner bestehenden Form hinausweisen.

Anlässlich der Pressevorstellung des Buches »marktwirtschaft.de« (Gillies 2000) forderte der Politiker und Unternehmer Lothar Späth einen »handfesten Streit« um die Zukunft unserer Gesellschaft.[12] Auch deshalb sollen in Kapitel 4 die von Späth vertretenen Ideen aufgezeigt und weitere Anhänger dieser Position genannt werden.

Im abschließenden fünften Kapitel werden noch einmal zusammenfassend Vorschläge von Bourdieu zur Neoliberalismuskritik mit Bezug auf eine kritische Komponente der Theorie Sozialer Arbeit aufgegriffen.

In dieser Arbeit wurde im Bewusstsein der »Männerstruktur der Sprache« (Pusch 1984) aus Gründen der besseren Lesbarkeit auf eine inklusive Schreibweise verzichtet.

2 Soziale Arbeit

In diesem Kapitel wird zunächst der Zusammenhang zwischen Sozialer Arbeit und Wirtschaftspolitik aufgezeigt (2.1). Es zeigen sich dabei auch schon Verbindungen zur Wirtschaftstheorie. Das ökonomische Modell, in dem es nur Individuen gibt, findet seine Entsprechung zunehmend in einer Wirtschaftspolitik, die einerseits kollektive soziale Sicherungssysteme ablehnt und andererseits Menschen für ihr Schicksal alleine verantwortlich macht. Im Abschnitt 2.2 wird das Konzept der Lebensweltorientierung umrissen und die Notwendigkeit einer kritischen Komponente herausgestellt..

2.1 Soziale Arbeit und Wirtschaftspolitik

Pierre Bourdieu fordert, Wirtschafts- und Sozialpolitik zu verknüpfen und zu erforschen, welche sozialen Folgekosten die heutige Wirtschaftspolitik langfristig nach sich zieht (vgl. 1998a: 54).

Mit den Widersprüchen der gesellschaftlichen Welt und dem menschlichen Leiden[13] seien vor allem »Sozialarbeiter«[14] konfrontiert. Durch neoliberale Politik ziehe sich der Staat immer mehr aus einer Anzahl von Bereichen des öffentlichen Lebens zurück. Dazu zählen Wohnungsbau, Fernsehen und Radio, Schulen, Krankenhäuser und vieles mehr. Dies sei ein Hauptgrund für die Verzweiflung vieler Sozialarbeiter (vgl. Bourdieu 1998b: 12). Analog dazu werde der Sozialwissenschaftler gewöhnlich nur gerufen, um die von Wirtschaftlern angerichteten Schäden zu beheben. Er erinnert bei dieser Gelegenheit daran, dass die Soziologie auf jener politischen Entscheidungsebene eingreifen müsse, die immer häufiger Ökonomen überlassen wird (vgl. Bourdieu 1998a: 54).

»Die menschlichen Leiden, die durch neo-liberale Politik verursacht werden (wie wir es in der Studie `Das Elend der Welt´ beschrieben haben), müssen dargestellt und mit der Sozialpolitik der Unternehmen (Entlassungen, Art der Anstellungsverträge, Gehälter), ihren wirtschaftlichen Ergebnissen (Profite, Produktivität) und den typischen sozialen Indizien wie Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten, Alkoholismus, Drogenkonsum, Selbstmord, Vergehen und Verbrechen, Vergewaltigungen und ähnlichen in Beziehung gesetzt werden.« (Bourdieu 1998a: 54f)

Erst auf dieser Grundlage könne man die Frage nach den gesellschaftlichen Kosten wirtschaftlicher Gewalt stellen, und erst dann könne man das Fundament zu einer anderen ökonomischen Wissenschaft legen[15]:

»Es wäre eine Ökonomie, die endlich berücksichtigen würde, was Wirtschaftsführer und -wissenschaftler bei ihren phantastischen Berechnungen alles außer Acht lassen - Berechnungen auf deren Basis die Politiker uns regieren wollen.« (a.a.O.)

Man müsse deshalb über die Beschränkungen einer ökonomischen Theorie nachdenken, die vergesse, das in Rechnung zu stellen, was als »soziale Kosten« beschrieben wird. Alle kritischen sozialen Kräfte müssten heute auf einer Gesamtrechnung ökonomischer Entscheidungen bestehen, und die Einbeziehung sozialer Kosten fordern (vgl. Bourdieu 1998b: 48).

Es geht Bourdieu dabei zunächst auch darum, langfristige Folgen durch strukturelle Veränderungen auf Basis bestimmter ökonomischer Theorien zu analysieren. Solche liberalen, beziehungsweise neoliberalen Theorien fordern eine »Wiederkehr des Individualismus« (a.a.O.: 18). Durch sie wurde in der Gesellschaft ein Klima geschaffen, das den Rückzug des Staates und die Unterordnung unter die Werte der Ökonomie begünstigt, so der Vorwurf Bourdieus. Es handele sich dabei um eine Art »sich selbst verwirklichender Prophezeiung« (siehe: »self-fulfillng prophecy« in Kapitel4.1.6, S.47), die darauf abziele, die philosophischen Fundamente des Wohlfahrtsstaats und den Begriff von kollektiver Verantwortung (im Fall eines Arbeitsunfalls, bei Krankheit oder Not) zu zerstören. Es handele sich auch um eine »Rückkehr zum Individuum«, die es ermögliche, »das Opfer zu tadeln«, das für sein Unglück allein verantwortlich sei, und ihm »unter dem Deckmantel der endlos beschworenen Notwendigkeit, die Unternehmenskosten zu senken«, Selbsthilfe zu predigen (a.a.O.).

Neoliberale dagegen argumentieren, dass (wirtschaftliche) Freiheit Alternativen schaffe und zu einer Vielfalt von Lebenschancen führe. Die Entfesselung der Freiheit sei daher das Ziel einer Neuen Sozialen Marktwirtschaft (vgl. Rodenstock 2001: 36): »Es dürfte kein Weg daran vorbeiführen, dass die Deutschen im 21. Jahrhundert ihre kollektiv organisierten Systeme zurückfahren und damit ihre Bevormundung drosseln«, meint Rodenstock (a.a.O.: 79). Die vor allem ökonomisch verstandene Freiheit geht einher mit der von Bourdieu erwähnten «Rückkehr zum Individuum«: Das Pendant zur Freiheit sei die Verantwortung, schreibt Rodenstock (a.a.O.: 34): »Wer die Freiheit nutzt, muss auch die Folgen seiner Wahl tragen.«

2.2 Das Konzept der Lebensweltorientierung

Das Konzept der Alltags- bzw. Lebensweltorientierung ist eine der Theorieströmungen, die das Verständnis und die Entwicklung der Sozialen Arbeit sowohl in der Theorie als auch in der Praxis seit den 70er Jahren in (West-) Deutschland maßgeblich mitbestimmt hat (vgl. Füssenhäuser 1998: 9). Das Konzept beeinflusste sozialpolitische Rahmenbedingungen und Gesetzesvorlagen, wie zum Beispiel das KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz). Es liegt dem 8. Jugendbericht zugrunde (BMJFFG 1990), der als eine Zusammenfassung der Reformbemühungen und Veränderungen in der Sozialen Arbeit seit den 70er Jahren gelesen werden kann (vgl. Füssenhäuser 2000: 9).

Das Konzept der Lebensweltorientierung entstand auch aus der zunehmenden Unzufriedenheit über die steigende Steuerung und Kontrolle menschlichen Lebens,[16] die seit den 50/60er Jahren parallel zum Ausbau des Erziehungs- und Bildungswesens stattfand (vgl. Füssenhäuser 1998: 9f). Es kann als Gegenbewegung zu einer zunehmenden Institutionalisierung, Spezialisierung und Professionalisierung verstanden werden (a.a.O.: 10). Das Konzept lehnt jedoch nicht Spezialisierung ab oder legitimiert den Abbau von Fachdiensten, der heute oft mit dem Hinweis auf Sparzwänge proklamiert wird. Es geht im Konzept der Lebensweltorientierung um die Klärung des Verhältnisses spezieller Aufgaben in lebensweltlich gegebenen Problemzusammenhängen einerseits und andererseits um einen Blick über den Tellerrand eng bestimmter Problembereiche hinaus ( a.a.O.).

Das Feld der Sozialen Arbeit besteht nach Cornelia Füssenhäuser (1998: 4) aus den drei Bereichen Wissenschaft, Praxis und Ausbildung. Seit ihren Anfängen findet Soziale Arbeit im Spannungsfeld von Theorie und Praxis, von (wissenschaftlichem) Disziplinwissen und (beruflichem) Professionswissen statt (vgl. Füssenhäuser/Thiersch 2001: 1877).

Als Profession handelt die Soziale Arbeit unmittelbar in der heutigen gesellschaftlichen Realität. Sie beschäftigt sich mit den Lebensbewältigungsaufgaben von Individuen im Alltag ihrer unmittelbaren Lebenswelt. Diese Lebenswelt kann als das Gegebene und Selbstverständliche aufgefasst werden (vgl. Füssenhäuser 1998: 15) und ist durch das Prinzip des „und-so-weiter“ gekennzeichnet (a.a.O.: 14). Das heißt, Menschen bewegen sich in ihrem gewohnten Alltag und Veränderungen werden weitgehend vermieden. In diesem gegebenen Umfeld der AdressatInnen setzt das Konzept der Lebensweltorientierung an. Soziale Arbeit hat den Anspruch, bei der Klärung von Lebensgestaltungsaufgaben zu unterstützten und zu beraten.

Soziale Arbeit als wissenschaftliche Disziplin bezieht sich auf die Fortschreibung der (akademischen) Sozialen Arbeit und den entsprechenden Forschungsdiskurs.[17] Hier lässt sich die vorliegende Arbeit verorten.

2.2.1 Alltag, Alltagswelten und Lebenswelt

Konkrete Aufgabe der Sozialen Arbeit ist die Hilfe bei der Lebensbewältigung.[18] Lebensweltorientierung als Konzept der Sozialen Arbeit kann zunächst als »Orientierung an den AdressatInnen Sozialer Arbeit in der ihnen eigenen Selbstdeutung von Bedingungen und Verhältnissen sowie ihren Schwierigkeiten und Möglichkeiten« (Füssenhäuser 1998: 9) charakterisiert werden. Ziel und Mittelpunkt des Konzepts ist die Stärkung der Lebensräume und der sozialen Bezüge der AdressatInnen, sowie ihrer Selbsthilfemöglichkeiten. Dies hat Auswirkungen auf die Art der Interventionen (Praktisches Handeln, Strategien) und auf die Institutionen der Sozialen Arbeit. (a.a.O.).

Thiersch unterscheidet zwischen den Begriffen »Alltag«, »Alltagswelten« und »Lebenswelt«.[19] Der Alltag ist der Ort, an dem das Kleine, Alltägliche und Unscheinbare zählt. Es ist der Ort der täglichen Routine, die Welt des „Jedermann“ (vgl. Füssenhäuser 1998: 11). Menschen orientieren sich in den Gegebenheiten des Alltags am vordergründig Notwendigen und Anliegenden. Alltag ist somit auf konkrete alltägliche und pragmatische Handlungen bezogen. Alltagswelten sind unterschiedliche Situationen und Konstellationen (Familie, Beruf, usw.) in denen alltäglich gehandelt wird. Es geht um gesellschaftliche Bezüge aus der Sicht der Akteure. Für die strukturelle, gewissermaßen „objektive“ Betrachtung dieser Alltagswelten verwendet Thiersch den Begriff Lebenswelt. Sowohl der subjektivistische Begriff der Alltagswelt (aus Sicht der Akteure) als auch der objektivistische Begriff der Lebenswelt (aus Sicht der Beobachter) sind mit dem Begriff des »Feldes« von Pierre Bourdieu vergleichbar.[20]

Der Alltagsbegriff ist im Gegensatz zur Lebenswelt dialektisch.[21] Er umfasst auf der beschreibenden Ebene gesellschaftliche Strukturen einerseits sowie ihre Bewertung auf der normativen Ebene andererseits. Der Alltag wird unterschiedlich erfahren und charakterisiert. Im negativen Sinn beschreibt der Alltag die Erfahrung von Enge, Borniertheit, Beschränkung, Unveränderbarkeit, das Routinehafte, die Durchsetzung von Ordnung um der Ordnung Willen. Veränderung und Wandel wird verhindert. Auf der anderen Seite kann dies auch positiv erfahren werden. Der Alltag ist das Verlässliche und Vertraute. Routine entlastet und gibt Sicherheit.

Thiersch charakterisiert damit die Dialektik des Alltags. Einerseits zeichnet sich die erfahrene Welt durch Monotonie, Enge, Ausgrenzung, Sorge und Abwehr von Veränderungen aus. Andererseits steht die erfahrene Welt für Verlässlichkeit wodurch Selbständigkeit, Kreativität und Handeln ermöglicht wird (vgl. Füssenhäuser 1998: 11f).

Die Definition der Alltagswelt bei Thiersch zeigt Parallelen zum Ansatz von Bourdieu. Die Alltagsvernunft der Akteure ist demnach auf die gegebenen momentanen Verhältnisse abgestimmt (vgl. Schwingel 1995: 74). So entsteht eine Deckungsgleicheit zwischen den objektiven gesellschaftlichen Strukturen des Feldes (der Alltagswelt) und den von den Akteuren einverleibten Strukturen und Routinen (vgl. Bourdieu 1987: 50). Diese Routinen der Alltagswelt können auch als Teil des Habitus der Akteure bezeichnet werden. Der Begriff »Habitus« beinhaltet die vielschichtige Bedeutung von Anlage, Haltung, Erscheinungsbild, Gewohnheit und Lebensweise (vgl. Schwingel 1995: 54).

Die Deckungsgleichheit bzw. Abgestimmtheit zwischen Feld und Habitus in der Alltagswelt bezeichnet Bourdieu auch als »Komplizenschaft« (vgl. Schwingel 1995: 74). Einerseits entlasten die Routinen den Menschen, wodurch Handeln, Produktivität und Kreativität ermöglicht werden, andererseits schränken sie die Menschen auch ein: Veränderungen werden abgewehrt; die verlässliche bekannte Ordnung wird um der Ordnung Willen aufrechterhalten. Die unmittelbare Lebenswelt in dieser Ordnung der heutigen gesellschaftlichen Realität steckt den Rahmen für das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit ab. Hier beschäftigt sie sich mit den Lebensbewältigungsaufgaben von Individuen im Alltag.

2.2.2 Die Notwendigkeit eines kritischen Alltagskonzepts

Einem verkürzten Konzept der Lebensweltorientierung könnte der Vorwurf gemacht werden, nur Symptome zu bekämpfen, statt Ursachen sozialer Problemlagen in den Blick zu nehmen. Es geht in dem Konzept jedoch nicht um eine vorschnelle Genügsamkeit von Menschen in ihren Verhältnissen, so wie sie sich in der heutigen Lebenswelt darstellen. Die Potentiale des Konzepts sind noch nicht ausgeschöpft und können weiter und in neuen Formen genutzt werden, so Grunwald/Thiersch (2001: 1138).

Soziale Arbeit benötigt eine kritische Gesellschaftstheorie, um die Wirklichkeit nicht nur phänomenologisch zu beschreiben und unreflektiert stehen zu lassen, sondern kritisch zu hinterfragen und zu dekonstruieren (vgl. Füssenhäuser 2000: 11). Es geht um eine immer wieder notwendige »Dekonstruktion« des Gegebenen im Namen der Hoffnung auf andere, bessere Optionen (vgl. Grunwald/Thiersch 2001: 1140). Dazu greift Thiersch auf Überlegungen von Karel Kosik und Pierre Bourdieu zurück. Er zielt dabei auf die Analyse der gesellschaftlichen Strukturen, die durch zunehmende Brüchigkeit und Verunsicherung in den Lebensverhältnissen gekennzeichnet sind (vgl. Füssenhäuser 1998: 36).

Neben einer Analyse der modernen Gesellschaft geht es Thiersch um die Frage der einer Gesellschaft zugrundeliegenden sozialen Gerechtigkeit[22]. Den Begriff »Gerechtigkeit« versteht er im Zusammenhang des gleichen Zugangs zu Ressourcen und der Chance auf Partizipation für alle[23] (vgl. Füssenhäuser 1998: 33). Fragen nach Gleichheit und Ungleichheit können dabei nicht alleine im Zusammenhang mit den Lebensverhältnissen in reichen Industrienationen betrachtet werden. Es geht ebenso um internationale Gerechtigkeit.[24] Für die vorliegende Arbeit ist vor allem Thierschs Bezugnahme auf Bourdieu von Bedeutung. In neueren Überlegungen bezieht er sich auf Bourdieus Begriff der »Doxa«. Der Begriff bezeichnet in diesem Zusammenhang die durch Routinen und Selbstverständlichkeiten geprägte Welt, in der ein Mensch handelt.[25] Diese scheinbare Realität kann und muss nach Thiersch aufgebrochen und die als selbstverständlich angenommenen strukturellen Vorgaben müssen kritisiert werden (vgl. Füssenhäuser 2000: 13).[26]

Wenn Lebensweltorientierung bedeutet, Probleme so anzugehen, wie sie sich in der Lebenswelt zeigen, dann muss sie wegen ihrer Anwaltschaft für die AdressatInnen folglich auch die Grenzen ihrer Zuständigkeit erweitern. Es geht also nicht mehr alleine um Einmischung auf regionaler und lokaler Ebene, sondern auch um politische Strukturprogramme (vgl. Thiersch 1992: 35). Lebensweltorientierung als Wissenschaft kann somit auch als normativ-kritisches Konzept verstanden werden, das die gegebenen Umstände, Macht- und Unterdrückungsstrategien nicht tabuisiert und das Gegebene im Namen der Hoffnung auf bessere Optionen immer wieder dekonstruiert (a.a.O.: 1140).

Eine kritische Komponente der Lebensweltorientierung der Sozialen Arbeit, die gesellschaftliche Strukturen hinterfragt, kann zunächst nur in der theoretischen Reflexion ansetzen. Daraus erwachsen Fragen bezüglich des Theorie-Praxis-Verhältnisses und der politischen Einmischung von Intellektuellen. Soziale Arbeit als Profession hat meines Erachtens die Aufgabe, im konkreten Alltag der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse ihre Klientel zu unterstützen. Strukturelle Macht- und Unterdrückungsstrategien müssen dagegen von einem normativ-kritischen wissenschaftlichen Konzept lebensweltorientierter Sozialer Arbeit kritisiert werden.

3 Neoliberalismus

Wenn man die Gesellschaft mit Thiersch symbolhaft als Theaterbühne betrachtet, dann handeln die Menschen in ihrem Alltag auf der Vorderbühne. Die These dieser Arbeit ist, dass der Neoliberalismus die dahinterliegenden Kulissen, das Bühnenbild und den Takt der Musik prägt und somit zum unhinterfragten Teil des Alltags der Menschen geworden ist. In diesem Kapitel soll deshalb der Neoliberalismus näher betrachtet werden. Es geht in Abschnitt 3.1 zunächst um die Geschichte und Begrifflichkeit, sowie verschiedene Strömungen und Vertreter der neoliberalen Denkrichtung als politischer Wirtschaftslehre. In Abschnitt 3.2 wird die Verbindung zur modernen ökonomischen Theorie als theoretischem Fundament des Neoliberalismus aufgezeigt. Die Vorherrschaft des wirtschaftsliberalen Paradigmas wird anhand verschiedener Quellen belegt. In Abschnitt 3.3 werden die wissenschaftlichen Grundannahmen und Methoden der modernen ökonomischen Theorie dargestellt, wobei auf grundlegende Probleme der vorherrschenden Herangehensweise der ökonomischen Theorie hingewiesen wird. Im Abschnitt 3.4 wird schließlich die Strömung der Neuen Sozialen Marktwirtschaft als aktueller Ausdruck des Neoliberalismus in Deutschland vorgestellt.

3.1 Neoliberalismus - Definition, Geschichte und Strömungen

Der Neoliberalismus kann als die wirtschaftspolitische Form einer Wirtschaftstheorie bezeichnet werden, die heute fast weltweit akzeptiert und oft mit dem Namen Neoklassik bezeichnet wird[27] (vgl. Brodbeck 2000: VII).

Die »neo«- klassische Wirtschaftstheorie basiert auf Arbeiten der schottischen Moralphilosophen, die im Hauptwerk von Adam Smith »Der Wohlstand der Nationen« (1776) ihren »klassischen« Ausdruck fand (vgl.: Kurz 1993, Brodbeck 2000: VII). Das zentrale Element im Werk von Smith ist die Vorstellung von einer »unsichtbaren Hand« des Marktes, die die Handlungen der Menschen leitet und besagt, dass es im Ergebnis allen Menschen nutzt, wenn alle egoistisch handeln.

»Wir erwarten uns unser Abendmahl nicht von der Wohltätigkeit des Fleischers, Brauers oder Bäckers, sondern von deren Bedacht auf ihre eigenen Interessen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschlichkeit, sondern an ihre Eigenliebe.«

Adam Smith[28]

Im 19. Jahrhundert wurde die »klassische Theorie« durch die sogenannte Grenznutzenschule[29] ergänzt. Die von nun an »neoklassische Theorie« genannte Schule wurde bis in die Gegenwart auf vielfache Weise verfeinert und mathematisiert (vgl. Brodbeck 2000: VII, VGWL3: 1516).

Ungeachtet einer bunten Vielfalt von Einzeltheorien sind die den Theorien zugrundeliegenden Begriffe selbst kaum je ein Thema. »Sie fungieren als allgemeiner theoretischer Rahmen, der selbstverständlich akzeptiert wird. Sie sind exakt das, was Thomas S. Kuhn als Paradigma bezeichnet.« (Brodbeck 2000: VII). Trotz aller theoretischen Veränderungen, »Revolutionen« und »Konterrevolutionen«[30] blieben die eigentlichen Grundlagen des Denksystems der ökonomischen Wissenschaft unangetastet (vgl. a.a.O.).[31]

Der Begriff des Neoliberalismus bezieht sich im engeren (theoretischen) Sinne auf eine politische Wirtschaftslehre, die vor allem mit den Namen der Ökonomen Friedrich August von Hayek (Nobelpreis 1974[32] ) und Milton Friedman (Nobelpreis 1976) verbunden ist.[33] Im weiteren (politisch-praktischen) Sinne bezieht sich der Begriff des Neoliberalismus auf ein ordnungspolitisches Programm (vgl. Sottoli 1998). Es wird heute im ersten Sinne auf Ebene der Nationalstaaten eine weitgehend offene Wirtschaft angestrebt, die auf Basis von wettbewerbsfähigen Exporten in den Weltmarkt integriert ist. Dazu dienen Maßnahmen, die auf Preisniveau-Stabilität (makroökonomische Stabilität), Wirtschaftswachstum, Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung gerichtet sind. Beim Neoliberalismus als ordnungspolitischem Programm im weiteren Sinne steht vor allem die Reduzierung der Rolle des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft im Mittelpunkt. Statt dessen wird der private Sektor aufgewertet und der Markt als zentrales Allokations- und Regelungsmuster errichtet (vgl. a.a.O). Neoliberale Politik wird von ihren Anhängern hauptsächlich als Gegensatz zu staatlichen, beziehungsweise gesetzlich verankerten Regulierungen gesehen. Diese werden von liberalen Ökonomen oft mit realsozialistischer Planwirtschaft in Verbindung gebracht (vgl. Giersch 1991: 15f).

Der Liberalismus in seiner wirtschaftlichen Ausprägung wird auch »Kapitalismus« genannt (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 1997:19). Der Begriff des »Neoliberalismus« (der als Bezeichnung für den zeitgenössischen Kapitalismus charakterisiert werden kann) tauchte erstmals im Jahre 1938 auf einer von Louis Rougier organisierten Konferenz liberaler Kräfte in Paris auf, die unter dem Namen »Colloque Walter Lippmann« bekannt wurde (vgl. Ptak 2000: 195 FN 4).

Die Diskussion über die Modernisierung des Liberalismus ging in den frühen 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wesentlich von Deutschland und Österreich aus, aber auch in England, Frankreich und Italien etablierten sich neoliberale Schulen. Daraus entwickelten sich zwei wesentliche Strömungen des Neoliberalismus, die in der Gegenwart von Bedeutung sind: Zum einen die angelsächsische Variante aus der Wiener Schule und der Chicagoer Schule (oft pauschal als »Chicago-Schule« bezeichnet) und zum anderen der deutsche Weg des Ordoliberalismus aus der Freiburger Schule und anderen. Der Ordoliberalismus ist mit dem Begriff der »Sozialen Marktwirtschaft« verbunden, der auch dazu verwendet wird, den deutschen »Sonderweg des Ordoliberalismus« positiv vom angelsächsischen Weg abzugrenzen (vgl. Ptak 2000). Die Einteilung in zwei Hauptrichtungen stellt nach Ralf Ptak nur ein grobes Raster dar, um bestimmte Grundtendenzen darzustellen. Die Rezeption der jeweiligen Richtung folgt in letzter Zeit immer weniger den regionalen Ursprüngen.[34] In jüngerer Zeit gewinnen vor allem extreme Interpretationen des angelsächsischen Neoliberalismus in Deutschland zunehmend an Einfluß (a.a.O.), worauf in Abschnitt3.4(S.25) noch einmal Bezug genommen wird.

International vermischten sich die neoliberalen Linien von Friedrich August von Hayek und Milton Friedman mit einem erneuerten Neokonservativismus in der Politik (Reagan/USA, Thatcher/GB, Kohl/Westdeutschland) und führten Anfang der 80er Jahre zu einer »Renaissance der Neoklassik« in der ökonomischen Theorie.[35] Neoliberale Ökonomen[36] kamen an Schlüsselpositionen internationaler Entwicklungs- und Finanzinstitutionen (Weltbank, Internationaler Währungsfond) und beeinflussten maßgeblich die weltmarktorientierten Entwicklungsstrategien in Entwicklungsländern seit Beginn der 80er Jahre (vgl. Sottoli 1998: 548f).[37]

Die neoliberale Umstrukturierung ist nicht nur rein wirtschaftlicher Natur. Sie bringt bedeutende Umwandlungen hinsichtlich des Beziehungssystems zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft mit sich. Es handelt sich dabei zum Beispiel um die zunehmende Privatisierung des Bildungs- und Gesundheitswesens. Umwandlungsprozesse nach neoliberalem Muster sind deshalb mit dem Widerstand vielfältiger Interessengruppen konfrontiert, die aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen von den neoliberalen Reformen betroffen sind. Einerseits werden durch neoliberale Politik (auf nationaler Ebene) überkommene wirtschaftliche und machtpolitische Strukturen aufgelöst. Andererseits wird der Neoliberalismus wegen seiner gesellschaftlichen Kosten kritisiert, die - so der Vorwurf - in überdurchschnittlichem Maße von einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen übernommen werden (a.a.O.: 549). Diese sozialen Kosten als Folge neoliberaler Politik, die auch die Soziale Arbeit betreffen, will Bourdieu analysieren (vgl. 1998a: 55).

Eine umfassende wissenschaftliche Kritik an den theoretischen Grundlagen des Neoliberalismus steht bisher noch aus (vgl. Goldschmidt 2000: 179). Dem Ansatz von Hayek theoretisch beizukommen ist nach Goldschmidt (a.a.O.) »im Unterschied zu den praktischen Konsequenzen seiner Position - keineswegs trivial«, da er sich eines »beachtlichen theoriehistorischen und erkenntnistheoretischen Instrumentariums« bedient.[38]

3.2 Moderne Ökonomie und Neoklassik: die weltweite Vorherrschaft

Das wirtschaftswissenschaftliche Paradigma der Neoklassik wird heute vielfach mit dem Begriff der »modernen Wirtschaftstheorie« gleichgesetzt (vgl. Neumann 1994: 255). Sein Wissensstoff wird an allen großen Universitäten der Welt gelehrt (vgl. Hanusch 1993: 113). Hieran kann man die weltweite Vorherrschaft dieses Lehrsystems bezüglich der Definition von Wirtschaft erkennen.[39] Nach Etzioni (1996: 12) dominiert dieses Paradigma nicht nur in der Ökonomie, sondern spielt auch in allen anderen Sozialwissenschaften eine große Rolle. Zusammenfassend könne man sogar sagen, dass das neoklassische Paradigma Teil der modernen Geisteshaltung geworden sei und die Art und Weise prägt, in der die Menschen sich und die Welt sehen (a.a.O.: 421f). Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die neoklassische Wirtschaftstheorie eine weltweite Vormachtstellung erlangt. Dies hat nach Hanusch (1993: 113f) in mehrfacher Hinsicht unheilvolle Konsequenzen für das Feld der ökonomischen Wissenschaft (und damit auch der Ökonomie) gehabt:

»Zum einen bleibt heute jedem jüngeren, aufstrebenden Wissenschaftler, wenn er zügig Karriere machen möchte, eigentlich nichts anderes übrig, als sich mit Fragestellungen der Neoklassik zu beschäftigen. Andernfalls kann es geschehen, dass sich für ihn sehr schnell kaum überwindbare Hindernisse bei der Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse auftun. Zum anderen bedingt dieser Umstand natürlich einen großen Andrang von Wissenschaftlern in der neoklassischen Ökonomik. Dieser scheint sogar so hoch zu sein, dass ihr allmählich die interessanten und relevanten Fragen ausgehen. Dies wiederum hat zur Folge, dass sich mehr und mehr höchstqualifizierte Forscher lediglich mit Randproblemen auseinandersetzen.«

Was Hanusch hier anspricht, kann auch als die Dialektik zwischen dem Feld der ökonomischen Wissenschaft und den Ökonomen bezeichnet werden. Die meist neoklassisch ausgebildeten Ökonomen prägen an ihrem späteren Arbeitsplatz in der Gesellschaft das Feld, das ihre Wissenschaft wiederum positivistisch beschreibt.

Mit Bourdieu kann die moderne Wirtschaftstheorie als »legitimes Kulturkapital« bezüglich der Definition von Wirtschaft bezeichnet werden.[40] Ebenso wie die ökonomische Wissenschaft prägen die in der modernen Ökonomie ausgebildeten Ökonomen mit diesen Theorien auch alle anderen Felder, in denen sie wirken (Politikberatung, Schulen, Banken, Wirtschaftsorganisationen, Medien). Viele dieser Felder haben eine Multiplikatoren-Funktion.

3.3 Ceteris-paribus-Methode und Grundannahmen der Ökonomie

In diesem Abschnitt wird auf methodologische Probleme der modernen Wirtschaftstheorie eingegangen.

Die grundlegenden Erklärungsprinzipien des neoklassischen Paradigmas sind der methodologische Individualismus, die Rationalität und die Gleichgewichtsorientierung (vgl. VGWL3: 1516). Der methodologische Individualismus besagt, dass im Modell nur Individuen in den Blick genommen werden. Das können je nach Modell einzelne Menschen, Firmen oder ganze Staaten sein.

Der methodologische Individualismus und die Idee des Gleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage (bzw. »kaufkräftiger Nachfrage«) dienen dazu »empirisch gehaltvolle Hypothesen« abzuleiten (vgl. Neumann 1994: 256). Letztere seien „prinzipiell falsifizierbar“, und müssen sich in »empirischen Tests« bewähren. Insoweit stelle die Neoklassik eine »positive Wissenschaft«[41] dar (a.a.O.). Zur Kritik an der Neoklassik beziehe ich mich in diesem Abschnitt deshalb auch auf den Philosophen Karl Popper, der dem Positivismus zugerechnet werden kann.

Der Gegenstand der Wirtschaftstheorie ist die Beschreibung, Erklärung und Vorhersage der wahrscheinlichen Wirklichkeit. Die Sätze der Theorie sind analytisch und empirisch. Die wirtschaftliche Wirklichkeit ist laut Joachim Starbatty zu komplex, um sie gedanklich vollständig zu erfassen. Deshalb bedient sich die Volkswirtschaftslehre der vereinfachten Modellbildung und sogenannter Ceteris-paribus-Modelle (vgl. Starbatty 2000: 27ff). Die »Ceteris-Paribus-Klausel« wurde von Alfred Marshall (1842-1924) eingeführt. Unter der Annahme insgesamt konstanter Bedingungen wird in einem (mathematischen) Modell[42] jeweils eine Variable verändert und deren Wirkung durchgespielt (vgl. Oltmanns 1993). Die Ceteris-Paribus-Klausel dient in der Theorie der gedanklichen Ausschaltung von allen Einflüssen, die in einem Modell nicht erfasst werden. Dies kann jedoch durch Abhängigkeiten und Rückkopplungen zwischen erfassten und nicht erfassten Variablen zu weitgehenden Fehlschlüssen führen (vgl. VGWL, Bd 1: 378). Bourdieu (1998b: 62) kritisiert diese Art mathematischer Ökonomie. Viele Ökonomen seien tief überzeugt von Modellen, die nie auch nur in Verlegenheit kamen, sich einer experimentellen Prüfung unterziehen zu müssen (vgl. a.a.O.: 115).

Ausführlich beschäftigen sich die Ökonomen Horst Hanusch und Thomas Kuhn (1998: 44ff) mit dem Problem der Ceteris-paribus Modelle: Wissenschaftliche Theorien können keine Allgemeingültigkeit beanspruchen. Sie gelten nur, sofern sichergestellt ist, dass die in ihnen enthaltenen Angaben in der Realität wenigstens annähernd erfüllt sind. Die Anwendbarkeit einer Theorie setze einen gewissen empirischen Gehalt voraus, den man überprüfen könne. Wenn eine Theorie dieser Überprüfung nicht standhalte, gelte sie als falsifiziert (a.a.O.: 44).[43] Es kann letztlich keinen empirischen Beweis für die Richtigkeit und Wahrheit einer Theorie geben. Selbst wenn eine Theorie empirisch schon bestätigt wurde, kann in der Realität immer ein Fall auftreten, der die Theorie widerlegt.

Nach diesem »Popper-Kriterium solle man nicht nach Fakten suchen, die eine Theorie stützen, sondern diese ganz gezielten Versuchen der Falsifizierung aussetzen. Die Möglichkeit des Scheiterns einer Theorie sei dabei umso größer, je mehr Realitätsbezug und Informationsgehalt sie besitzt (a.a.O.: 45):

»Allerdings existieren mittlerweile in der Volkswirtschaftslehre eine Reihe von Theorien, die gegen solche Falsifizierungsversuche als quasi immun gelten. Sie beruhen zumeist auf Annahmen, die so realitätsfern und idealisierend formuliert sind, dass man fast nie eine reale Situation finden wird, auf die sie zutreffen könnten.« (Hanusch/Kuhn 1998: 45)

Diese Immunisierung der Theorie gegen Kritik liege in erster Linie in der Anwendung der Ceteris-paribus-Klausel, so Hanusch/Kuhn (a.a.O.). Wenn man auf die Ceteris- Paribus-Klausel zurückgreife, ergebe sich einem stets die Möglichkeit zu argumentieren, dass diese nicht erfüllt war, sobald eine Theorie nicht mit der Realität übereinstimmt. Also könne dies noch nicht als Beweis für ihre endgültige Falsifikation gelten (a.a.O.). Da es in der Ökonomie zudem kaum möglich sei, Theorien unter Laborbedingungen zu testen, die genau den Annahmen des benutzten Modells entsprächen, müsse die Ceteris-paribus-Klausel letztlich dazu führen, dass ökonomische Theorien gegenüber Falsifizierungen immun werden. Die theoretische Legitimierung des neoliberalen Freihandels und Wettbewerbs als wohstandssteigernd[44] lässt sich nicht unter Laborbedingungen testen und mit alternativen Modellen vergleichen. Darauf wird in Abschnitt4.2.2.1(S.66) noch einmal ausführlicher eingegangen.

Auf die Ceteris-paribus-Klausel bezieht sich auch Starbatty (2000: 113f). Da Wenn-dann-Beziehungen nur dadurch als widerlegt gelten können, wenn keine unerwarteten Größen von außen (exogene Größen) auftreten, müsse man prüfen, ob im Falle falscher Prognosen unerwartete exogene Größen aufgetreten seien. In diesem Falle Folge aus der Widerlegung der Prognose nicht unmittelbar die Widerlegung der Theorie (a.a.O.: 114). Auch Milton Friedman,[45] bezieht sich implizit auf die Ceteris-paribus Klausel wenn er sagt, seine Ideen seien nie konsequent umgesetzt worden (vgl. Heuser 1993: 102).

Vereinfachte ökonomische Modelle können so im Prinzip nicht widerlegt werden, es sei denn, man kritisiert die mangelnde Abbildung der komplexen Wirklichkeit auf der konstitutiven und methodischen Ebene der Theorie. Das umfasst die Kritik am Objektivismus der modernen Ökonomie mit der »Illusion absoluter Erkenntnis« bezüglich des Marktes, sowie die Kritik am Subjektivismus der Ökonomie, die den Menschen als »homo oeconomicus« auffasst.[46]

Auf einen wichtigen Mangel der modernen Ökonomie, der wohl bei den meisten der heutigen Theoretiker in Vergessenheit geraten ist, weist Nicholas Georgescu-Roegen hin. Das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage in den neoklassischen Marktmodellen, so stellte der Ökonom fest, kommt »nur unter der phantastischen Annahme zustande, dass die Marktteilnehmer ihren Lebensunterhalt bereits haben. Wenn die Menschen aber nicht, wie in der Theorie, zwischen Arbeit und Freizeit, sondern zwischen Arbeit und Verhungern wählen müssen, sieht das Bild ganz anders aus.« (Piper 1993: 98).

Damit steht die gesamte theoretische Basis der Forderung nach freien Märkten in der Politik auf wackligen Füßen, wenn man im Modell das Ideal von freien und gleichberechtigten Individuen, deren Lebensunterhalt gesichert ist, als Variable einsetzt (Ceteris paribus, d.h.: »unter sonst gleichen Bedingungen«), und dies auf eine Praxis überträgt in der ganz andere Bedingungen herrschen.

Für Theoretiker der Neuen Sozialen Marktwirtschaft deckt der Markt dagegen auch den Bereich »sozialer Komponenten« ab. Starbatty (2000: 134) dazu:

»Oft wird die Volkswirtschaftslehre als eine Wissenschaft angesehen, die allein auf den Markt (Preismechanismus) setze und dabei die soziale Komponente übersehe. In Wirklichkeit ist es so, dass Volkswirtschaftler zeigen wollen, dass auf Dauer keine sozialen Leistungen finanziert werden können, wenn sie sich gegen den Markt richten; sie wollen zeigen, dass man die Wirkungsweise des Marktes verstehen muss, um sozial handeln zu können.«[47]

3.4 Neoliberalismus in Deutschland: Die »Neue Soziale Marktwirtschaft«

Mit dem Begriff »Neue Soziale Marktwirtschaft« (NSM) bezeichne ich eine wirtschaftspolitische geistige Strömung, die sich für eine neoliberale Wirtschaftspolitik auf der politischen Handlungsebene und für möglichst freie Märkte auf der strukturellen Ebene der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einsetzt. Zu dieser Strömung zähle ich Ökonomen, Politiker und Unternehmer sowie Wirtschaftsinstitute und Arbeitgeberverbände, deren Ziel die Modernisierung der Sozialen Marktwirtschaft im Kontext der Strukturveränderungen durch die wirtschaftliche Globalisierung ist.[48]

Die Strömung der Neuen Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland formiert sich seit Ende der 90er Jahre. Sie hat kein einheitliches Konzept außer der Forderung nach freien Märkten. Der wirtschaftspolitische Grundsatz lautet: »Im Zweifel muss es immer heißen: Vorfahrt für den Markt.« (Rodenstock 2001: 29). »Markt aber herzlich« ist dabei die Devise (a.a.O.: 2001: 190). Wissenschaftlich gestützt wird die Neue Soziale Marktwirtschaft vor allem von Ökonomen, die in der Tradition des »Ordoliberalismus« stehen. Der Ordoliberalismus ist das theoretische Konzept hinter der »alten« sozialen Marktwirtschaft.[49] Daneben zeigt sich vor allem auf makroökonomischer institutioneller Ebene[50] die theoretische Bezugnahme der Neuen Sozialen Marktwirtschaft auf den sogenannten »Monetarismus«.[51] Als wichtigste populärwissenschaftliche Vertreter der Neuen Sozialen Marktwirtschaft beziehe ich mich in dieser Arbeit auf den Berliner Wirtschaftsjournalisten Peter Gillies[52] und den Unternehmer Randolf Rodenstock[53]. Beide haben Bücher veröffentlicht, in denen sie neoliberales Gedankengut in allgemeinverständlicher Sprache darstellen.

Da es in »weiten Teilen der Bevölkerung am Verständnis und an der Akzeptanz von Marktwirtschaft und unternehmerischen Grundpositionen mangelt«, so der Unternehmer Randolf Rodenstock (2001: 12), trat im Oktober 2000 die »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft« (INSM) an die Öffentlichkeit, um für das Anliegen einer Neuen Sozialen Marktwirtschaft zu werben. Mit einem Etat von jährlich jeweils 20 Millionen DM über fünf Jahre finanziert der Arbeitgeberverband Gesamtmetall mit seinen 16 Landesverbänden das Projekt (vgl. Keller 2000). Wissenschaftlich begleitet wird die INSM vom unternehmernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, das der Ökonom Gerhard Fels leitet (vgl. Der Tagesspiegel 2000). Randolf Rodenstock schrieb das Grundlagenbuch der Initiative in einfacher verständlicher Sprache. Inhaltlich wurde er dabei von Peter Gillies und Gerhard Fels beraten (vgl. Rodenstock 2001: 13). Die Initiative ist kein branchenspezifischer Interessenverband und will auch keine Wahlen gewinnen. »Ihr geht es vielmehr um einen Klimawechsel in unserer Gesellschaft« (Tietmeyer 2000: 3). Sogenannte Botschafter sollen für das Anliegen der Initiative werben. Mitglieder aller im Bundestag vertretenen Parteien, außer der PDS sind darunter, ebenso wie der Vorsitzende der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster.

In dem von Peter Gilles (2000) verfassten Buch »marktwirtschaft.de«, das von dem Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik herausgegeben wird, werden Anliegen und Ziele einer Neuen Sozialen Marktwirtschaft für das 21. Jahrhundert dargestellt. Die Positionen der Neuen Sozialen Marktwirtschaft lassen sich inhaltlich als aktuelle »deutsche Spielart des Neoliberalismus« charakterisieren. Den Neoliberalismus bezeichnet der Tübinger Ökonom Joachim Starbatty[54] (1994: 239) als eine »weltumspannende geistige Bewegung«. Zu dieser »Bewegung« zählt Starbatty alle Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, »die öffentlich für eine freiheitliche, auf der Grundlage der Marktwirtschaft fußende Gesellschaftsordnung eintreten.« Organisatorischer Ausdruck der weltweiten neoliberalen Strömung sei die Mont Pèlerin-Gesellschaft, die auf Anregung Friedrich August von Hayeks nach dem zweiten Weltkrieg gegründet wurde.[55] Sie sollte die Tradition freiheitlichen europäischen Denkens fortführen und gleichzeitig deutsche Wissenschaftler aus der geistigen und persönlichen Isolierung herausführen, so Starbatty (vgl. a.a.O).

Theoretisch verwurzelt ist die Strömung der Neuen Sozialen Marktwirtschaft in der modernen Volkswirtschaftslehre. Ein Kerngedanke ist die Idee von Adam Smith, dass das egoistische Handeln von Individuen am Markt über die »unsichtbare Hand«[56] letztlich der gesamten Gesellschaft nutzt: »Allen [Unternehmern bzw. Individuen, T.K.] ist aber gemeinsam, dass sie - gewollt oder ungewollt - durch ihr Tun der Gesellschaft nutzen.« (Rodenstock 2001: 23). »Sozial« bedeutet in dieser Sichtweise, dass das Ergebnis des Handelns, und sei es noch so egoistisch motiviert, der gesamten Gesellschaft nutzt. Dazu ist der Wettbewerb nötig, so Rodenstock (2001: 23).

Während die theoretischen Wurzeln der Neuen Sozialen Marktwirtschaft bis zum »Stammvater der Volkswirtschaftslehre« Adam Smith zurückreichen (vgl.: Starbatty 1994: 139), stellt Friedrich August von Hayek die Verbindung zum »klassischen« Neoliberalismus dar. Vertreter der Neuen Sozialen Marktwirtschaft beziehen sich häufig auf marktwirtschaftliche Ideen und philosophische Vorstellungen des neoliberalen Ökonomen (vgl. Gillies 2000: 44, Rodenstock 2001: 36, Starbatty 2000:11; 85). Hayek selber lehnte das Beiwort »sozial« im Begriff der »Sozialen Marktwirtschaft« ab, weil er darin ein »Einfallstor für antimarktwirtschaftliche Tendenzen« sah[57] (vgl. Starbatty 1994: 239).

Um die Entwicklung von Märkten zu beschreiben, bedient sich die Neue Soziale Marktwirtschaft zudem der aus dem Zusammenhang gerissenen Theorie des österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter.[58] Dessen Begriffe »Pionierunternehmer« und »schöpferische Zerstörung« werden zur Legitimation negativer Folgen des angestrebten verschärften wirtschaftlichen Wettbewerbs (auch auf dem Arbeitsmarkt) herangezogen. So meint Gillies (2000: 95) über negative Begleiterscheinungen des Wettbewerbs:

»Den Missmut der Zivilisationskritik erregt er [der Wettbewerb, T.K.] durch die schöpferische Zerstörung: Jeder Newcomer auf dem Markt richtet seine Energien darauf, den jeweiligen Wettbewerber zu entthronen, wohl wissend, dass ihm selbst irgendwann das gleiche Schicksal bevorstehen könnte.«

Diese Markttheorie wird auch auf »Unternehmer der eigenen Arbeitskraft«, angewendet. So meint Horst Siebert (2000), Vorsitzender des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: »Bei uns werden Arbeitslose immer noch diskriminiert: Die Gesetze schützen Job-Besitzer vor Wettbewerb durch Außenstehende.« Es stellt sich die Frage, inwieweit neoliberale Politik (»Flexibilisierung des Arbeitsmarktes«) und moderne Wirtschaftstheorien als Teil der gesellschaftlichen Strukturen zu einer zunehmenden Brüchigkeit und Verunsicherung in den Lebensverhältnissen beitragen.[59]

Zusammenfassend kann gesagt werden: Die Strömung Neue Soziale Marktwirtschaft hat folgende tragende Säulen:

1. Wirtschaftspolitisch wurzelt sie im Ordoliberalismus und Monetarismus.[60]

2. Wirtschaftstheoretisch bezieht sie sich auf die moderne liberale Volkswirtschaftslehre (»Neoklassik«)

3. Es wird häufig auf Ideen des Ökonomen F. A. v. Hayek bezüglich des Begriffs des Sozialen (vgl. Gillies 2000: 44), der Gesellschaft und funktionsfähiger Märkte Bezug genommen.

4. Es wird zur Legitimation der für die wirtschaftliche Entwicklung des Kapitalismus »notwendigen« sozialen Kosten auf Teile der Theorie von Joseph Schumpeter zurückgegriffen.[61]

Inhaltlich gibt es demnach starke Überschneidungen zwischen »klassischen« neoliberalen Wirtschaftstheorien beziehungsweise Philosophien und den Forderungen und Zielen der Neuen Sozialen Marktwirtschaft. In der Neuen Sozialen Marktwirtschaft deutet sich eine aktuelle Synthese der politischen Praxis der beiden neoliberalen Hauptströmungen an. Die Anhänger der Neuen Sozialen Marktwirtschaft streben die Erlangung der geistigen Hegemonie an: »Wer die Neue Soziale Marktwirtschaft auf die Beine stellen will, muss im Grunde genommen die ganze Bevölkerung auf seine Seite bringen.« (Rodenstock 2001: 31). Ziel ist es, in der Öffentlichkeit auf breiter Basis das Verständnis für die Soziale Marktwirtschaft zu fördern und ihre Funktionsweise zu erläutern (vgl. Rodenstock 2001: 12). Dazu gehört auch, den Kenntnisstand der jungen Generation in Bezug auf Wirtschaft zu verbessern und die Ideen einer Neuen Sozialen Marktwirtschaft in Lehrplänen von Schulen verankern (vgl. ASM-Bulletin 1999/2: 5). Die Tübinger Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft hat dazu in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium Baden Württemberg das Projekt »Einmaleins der Sozialen Marktwirtschaft« ins Leben gerufen (ASM-Bulletin 1999/1: 1).[62]

Wirtschaftspolitischer Kerngedanke der Strömung der Neuen Sozialen Marktwirtschaft ist die Aktualisierung des wirtschaftlichen Erfolgsrezeptes der Sozialen Marktwirtschaft.[63] Es ist eng mit dem Namen des Wirtschaftsministers Ludwig Erhard verbunden, der das Konzept nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland unter dem Motto »Wohlstand für Alle« verwirklichte (vgl. Rodenstock 2001: 15ff). Die Marktwirtschaft sei an sich sozial und basiere grundsätzlich auf Leistungs- und Chancengleichheit, schreibt Rodenstock, wobei er nicht darlegt, was er mit »sozial« meint (vgl. 2001: 25). In diesem Satz setzt Rodenstock das Modell einer reinen, freien Marktwirtschaft mit Sozialer Marktwirtschaft gleich: »Das Leitbild der sozialen Marktwirtschaft half, Deutschland aus den Trümmern zu befreien, eröffnete den Weg zur zweitgrößten Handelsmacht der Welt und bescherte seinen Bürgern einen nie dagewesenen Wohlstand« (Gillies 2000: 3).

Das Motto der INSM lautet »Chancen für Alle«. Das Ordnungssystem Erhards soll an die Umfeldbedingungen des 21. Jahrhunderts angepasst werden (vgl. Der Tagesspiegel 2000). Ludwig Erhards Ideal von Gerechtigkeit war dabei die Gleichheit der Chancen, das heißt der Startbedingungen für beruflichen und materiellen Erfolg. Hier zeigen sich Überschneidungen zu Thierschs Gerechtigkeitsvorstellungen des gleichen Zugangs zu Ressourcen und der gleichen »Chance auf Partizipation für alle«. »Chancen für Alle« sei heute mehr denn je das Leitmotiv einer Wirtschaftsordnung, die »unternehmerische Kräfte beflügelt und Leistung honoriert«, betont der Vorsitzende des Kuratoriums der INSM, Hans Tietmeyer (2000: 2). Die Soziale Marktwirtschaft sei weit davon entfernt perfekt zu sein, meint Rodenstock (2001: 28). Menschliche Unzulänglichkeiten wie Faulheit, Schlamperei, Neid, Missgunst, Verantwortungslosigkeit finden sich auf allen Ebenen, bei Politikern, Managern, Gewerkschaftsfunktionären und Verbrauchern (a.a.O. 27f). Aber die Marktwirtschaft könne hier ihre große Stärke ausspielen. Sie könne mit diesen Unzulänglichkeiten leben und kanalisiere sie zu sozial Nützlichem. Schädliches Verhalten falle über kurz oder lang auf und werde von anderen Marktteilnehmern sanktioniert. Deshalb brauche die Soziale Marktwirtschaft nur ein Minimum an Ethik und Regeln (a.a.O.: 28). Der Markt bestrafe nicht-kooperatives Verhalten. Ein perfektes System dagegen benötige den perfekten Menschen.[64] Das haben verschiedenste Diktaturen gezeigt. »Nicht so die Marktwirtschaft. Sie kann damit leben, dass der Mensch nicht perfekt ist und oft eigensüchtig und unmoralisch handelt.«, meint Rodenstock (2001: 28). Diese Sichtweise zeigt deutlich die implizite Bezugnahme auf die »unsichtbare Hand« von Adam Smith.[65] »Soziale Marktwirtschaft« wird im Konzept der Neuen Sozialen Marktwirtschaft mit modernem Kapitalismus gleichgesetzt. Jahrzehnte der Überregulierung haben zu Ausfallerscheinungen im Marktmechanismus geführt. Folge seien niedriges Wachstum, Arbeitslosigkeit, Wohlstandseinbußen und weitere Probleme, fasst Reuter (2001: 16) die Sichtweise der INSM zusammen. »Mehr Markt« gelte als ebenso universelles wie wirksames Mittel, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken: »Als Dosierungsempfehlung gilt die einfache Devise, dass der Weg Richtung >mehr Markt< solange zu beschreiten ist, wie noch wirtschaftliche Probleme vorhanden sind« (Reuter 2001: 16). Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zeigt Schwachpunkte des bestehenden Systems auf. Sie schlägt vor, zu reinen Marktmodellen zurückzukommen und fordert mehr Eigenverantwortung. Die Soziale Marktwirtschaft bringe den meisten Menschen Wohlstand, auch wenn einige »durchs Raster fallen«, weil sie den Anforderungen nicht genügen oder unverschuldet in Not geraten. Es könne kein Zweifel daran bestehen, dass in solchen Fällen die Gesellschaft den Notleidenden helfen müsse. Die Soziale Marktwirtschaft bedürfe deshalb einer Sozialordnung, die die Solidarität mit den wirklich Schwachen regelt, meint Rodenstock (2001: 25). Diese Haltung wird jedoch relativiert:

»Gewiss gehört es zu den sozialstaatlichen Aufgaben, sich Randgruppen zuzuwenden und den Benachteiligten zu helfen. Wenn jedoch die allein erziehende Mutter als Zielperson staatlicher Fürsorge gesellschaftlich höher rangiert als die intakte Familie, entsteht eine neue sozialpolitische Schieflage.« (Rodenstock 2001: 37).

4 Skizze einer Kritischen Komponente der Theorie der Sozialen Arbeit

In diesem Kapitel wird mit Hilfe des Ansatzes von Bourdieu aufgezeigt eine aktuelle kritische Komponente einer Theorie der Sozialen Arbeit skizziert. Diese kritische Komponente wird auf den Neoliberalismus als das in der Gesellschaft »Gegebene und Selbstverständliche« angewendet. Die Selbstverständlichkeiten des Neoliberalismus werden radikal hinterfragt. Im Bild der Theaterbühne heißt das, dass die Entstehung des Bühnenbilds (wirtschaftliche Rahmenbedingungen), die Hintergrundmusik (mehr Wettbewerb) und Regieanweisungen (mehr Eigenverantwortung statt öffentlicher sozialer Sicherungssysteme) kritisch betrachtet werden.

Die Werkzeuge Bourdieus dienen in Abschnitt 4.1 dazu, darzulegen, wie scheinbar selbstverständliches Alltagswissen entsteht und welche Wechselwirkungen es zwischen Alltagswelt und Individuen gibt. Neben Bourdieu wird auf den Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn Bezug genommen, der mit dem Begriff Paradigma das selbstverständliche und anerkannte Wissen in einer wissenschaftlichen Disziplin bezeichnet. Abschnitt 4.2 zeigt die Vorherrschaft neoliberaler Gedanken in der Gesellschaft auf. Neoliberale Grundannahmen, die im Alltag zu gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten geworden sind, werden kritisiert. In Abschnitt 4.3 wird die Gleichsetzung normativer ökonomischer Grundannahmen (Werturteile) mit Wissen aufgezeigt.

4.1 Die Soziologie Bourdieus, Paradigmen und Ökonomie

Bourdieu wendet seine soziologischen Überlegungen auch auf das Feld der Wissenschaft an. Damit unterscheidet er sich grundlegend von vielen anderen soziologischen und vor allem ökonomischen Theorien. Das »erkennende Subjekt«, so fasst Liebau (1987: 35) Bourdieu zusammen, werde nur dann zu Erkenntnis gelangen, wenn es auch seinen eigenen Erkenntnisstandpunkt nicht nur in der Theorie und ihrer Geschichte[66] sondern auch in seiner eigenen gelebten Geschichte und Alltagspraxis systematisch reflektiere. Wer das Ganze erkennen will, muss sich selbst als Teil des Ganzen mit den gegebenen Verhältnissen und Beziehungen betrachten (vgl.: a.a.O.). Wissenschaftler werden jedoch leicht zu der Annahme verleitet, ihr Wissen sei dem Alltagsverstand überlegen (vgl. Bourdieu 1987: 55). Sie weigern sich, sich selbst als mit zu betrachtendes Objekt aufzufassen (a.a.O.: 41). Am Beispiel von Paul. A. Samuelson[67] als einem »Klassiker der Volkswirtschaftslehre« zeigt Bourdieu auf, dass dieser als »gelehrter« Ökonom das Monopol auf die Gesamtbetrachtung des Ganzen beansprucht. Gleichzeitig denunziert er den Anspruch der Wirtschaftssubjekte (Menschen und Unternehmen am Markt), die ökonomischen Mechanismen durchschauen zu können (vgl. 1987: 55) »indem er behauptet, er allein sei fähig, die partiellen und partikularistischen Standpunkte der einzelnen Gruppen zu überwinden und Fehler durch den >Trugschluß der Verallgemeinerung< (fallacy of composition) zu vermeiden.« (a.a.O.).

Solche souveränen »Zuschauer-Standpunkte« können am leichtesten von den besseren Plätzen der Gesellschaft aus bezogen werden »von denen aus sich die Sozialwelt wie ein von ferne, von oben herab betrachtetes Schauspiel, wie eine Vorstellung darbietet.« (Bourdieu 1987: 53, Hervorhebung i.O.).

Die kritische Reflexion Bourdieus über die Grenzen wissenschaftlichen Verstehens hat nicht zum Ziel, wissenschaftliche Erkenntnis zu diskreditieren. Sein Ziel ist vielmehr, wissenschaftliche Erkenntnis von Verzerrungen zu befreien, ihre sozialen Bedingungen zu reflektieren und sie somit vollständig zu begründen (a.a.O.). Im Gegensatz zu soziologischen Großtheorien, wie sie etwa Parsons, Habermas oder Luhmann entwickelt haben, besteht die Systematik in der Soziologie Pierre Bourdieus in der forschungsbezogenen, systematischen Anwendung eines Ensembles von theoretischen und praktischen Werkzeugen auf die unterschiedlichsten zu analysierenden soziologischen Gegenstände. Die genannten soziologischen Großtheorien beziehen sich lediglich auf empirische Sachverhalte, um feststehende Theoreme zu erläutern (vgl. Schwingel 1995: 11f). Die theoretischen Begriffe Bourdieus sind dagegen aus seiner praktischen Forschungsarbeit heraus entstanden.

Die grundlegenden Theoreme und fast alle maßgeblichen Kategorien der Bourdieuschen Soziologie sind in dem 1972 erschienenen Buch »Entwurf einer Theorie der Praxis, eingeleitet von drei ethnologischen Studien über die Kabylen« bündig ausformuliert[68] (vgl. Flaig 2000: 370f). Die einzelnen Komponenten in Bourdieus Gesamtkonzept (Habitustheorie, Feldtheorie, Kapitaltheorie und Klassentheorie) sind voneinander abhängig und bedingen sich gegenseitig. Sie sind »zuallererst ein Mittel zum Zweck der empirischen Untersuchung sozialer Wirklichkeit« (vgl. Schwingel1995: 12f). Ihre jeweilige praktische Anwendung erfolgt deshalb entsprechend den jeweiligen forschungsleitenden Interessen (vgl. Schwingel 1995: 12f). Die verschiedenen Theoriekomponenten sollten dabei immer zusammengedacht werden.

Bourdieu bezeichnet die gesellschaftliche Welt als »akkumulierte Geschichte«. Der modernen Wirtschaftstheorie wirft er vor, die gesellschaftliche Welt fälschlicherweise auf eine Aneinanderreihung von mechanischen Gleichgewichtszuständen zu reduzieren. Bourdieu bemängelt an der modernen Wirtschaftstheorie zudem die Konzentration auf die „objektive" Beschreibung von Märkten (vgl. 1997: 49ff). Die Wirtschaftswissenschaft sei zu einer reinen Wissenschaft von Marktbeziehungen geworden und decke damit nicht einmal das Gesamtgebiet der ökonomischen Produktion ab. Mit der Entwicklung einer derartig engen Wirtschaftswissenschaft sei das Entstehen einer »allgemeinen Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis« verhindert worden, »die den Warenaustausch lediglich als speziellen Fall unter mehreren möglichen Formen von sozialem Austausch behandelt« (vgl. a.a.O.).[69]

4.1.1 Alltagserkenntnis und wissenschaftliche Erkenntnis

Bourdieu geht zunächst davon aus, dass jede soziale Praxis - damit auch die Wissenschafts- und Forschungspraxis - bestimmten Bedingungen unterliegen, die in den seltensten Fällen bewusst sind. Jede Forschungsarbeit ist durch diese Bedingungen mitgeprägt,[70] was Bourdieu den »Effekt des Feldes« nennt (vgl. Schwingel 1995: 31). Man kann sich jedoch von diesen Zwängen (auch den wissenschaftlichen) in einem gewissen Maß befreien, wenn man sie sich bewusst macht. Bourdieu und seine Mitarbeiter haben diesbezüglich Studien zur Soziologie des intellektuellen Feldes durchgeführt, die Schwingel unter dem Begriff »Soziologie der kulturellen Produktion« zusammenfasst (a.a.O.: 32). Die Untersuchungen hatten den Einfluss objektiver Strukturen und Kräfteverhältnisse auf die sozialwissenschaftliche Praxis zum Forschungsgegenstand.

Bourdieu geht weiter davon aus, dass wissenschaftliche Erkenntnis (»theoretische Erkenntnispraxis«) und Alltagserkenntnis (»praktische Erkenntnispraxis«) jeweils unterschiedlichen Bedingungen unterworfen sind (vgl. Schwingel 1995: 49f). Anders formuliert: das Erkennen der Welt durch Wissenschaftler ist anderen Bedingungen unterworfen, als das Erkennen der Welt durch soziale Akteure in der Praxis. Dies betrifft zeitliche, soziale und ökonomische Bedingungen. Soziale Praxis unterliegt der Zeitlichkeit und ist unumkehrbar (vgl. Schwingel 1995: 49). Eine Handlung ist von dem Kontext abhängig, in dem sie stattfindet. Die Wissenschaften sind dagegen in gewisser Weise handlungsentlastet, wenn sie die Praxis analysieren.[71] Wissenschaftliche Theoriebildung unterliegt den strengen Regeln der Logik (Eindeutigkeit, Widerspruchsfreiheit; vgl. Schwingel 1995: 48). In der Theorie wird Zeit umkehrbar und gleichsam aufgehoben, wodurch sich Grenzen für die wissenschaftliche Erkenntnis ergeben (vgl. Bourdieu 1987: 149). Streng betrachtet besitzen wissenschaftlich-theoretische Erkenntnisse, die unter den Bedingungen der Praxisentlastetheit gewonnen wurden, ihre Gültigkeit nur im Rahmen dieser Praxisentlastetheit, bzw. innerhalb des Wissenschaftsfeldes. Sie dürfen nicht mit den in der alltäglichen Praxis der Akteure gewonnenen praktischen Erkenntnissen gleichgesetzt werden (vgl. Schwingel 1995: 50). Viele sozialwissenschaftliche Theorien begehen Bourdieu zufolge den Irrtum, ihre handlungsentlastete Sicht auf die Praxis mit der Sicht der Akteure auf ihre Praxis zu identifizieren. Sie neigen dazu, den Standpunkt des Zuschauers mit dem des Schauspielers zu verwechseln (vgl. Bourdieu 1987: 151).

Es gilt zusätzlich zu beachten, dass die theoretischen Erkenntnisse von Wissenschaftlern in weiten Bereichen das Erkennen, bzw. die Erfahrung sozialer Akteure beeinflussen. Werden von den Laien die speziellen Bedingungen theoretischer Erkenntnis nicht berücksichtigt, findet die wissenschaftliche Theorie quasi als »vorwissenschaftliches Wissen« (»Doxa«) unhinterfragt Eingang in die Alltagserkenntnis der gesellschaftlichen Akteure.

Für eine Kritische Wissenschaft ist es dabei notwendig, dass sich Wissenschaftler nicht als Zuschauer und neutrale Beobachter der Gesellschaft sehen, sondern ihren Standpunkt ebenfalls objektivieren, das heißt sie als Mitspieler auf der Bühne der Gesellschaft zu betrachten. Der Sozialphilosoph Michael Walzer (1998: 408f) schreibt in seiner Gerechtigkeitstheorie, dass heute oft behauptet werde, technisches Wissen verleihe per se Macht. Die Wissenschaft, bzw. Sozialwissenschaft habe das Problem des Missbrauchs von wissenschaftlichem Wissen aber fest im Griff. Für Walzer gibt es demnach kein Problem des Missbrauchs von Wissen, da die Wissenschaftler sich gegenseitig kontrollieren »und was den Bürger angeht, so bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich von den verschiedenen Experten (...) leiten und lenken zu lassen« (a.a.O.).[72] Um Aussagen von wissenschaftlichen Experten beurteilen zu können, muss Laien jedoch bekannt und bewusst sein, dass es in den Wissenschaften grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten und unterschiedliche Werturteile als Grundannahmen gibt.

Ein unterschiedliches Menschenbild in der Konzeption einer ökonomischen Wissenschaft hat beispielsweise weitreichende Folgen für die ökonomische Politik und die Gestaltung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die nicht von heute auf morgen schnell geändert werden können, von der Eigendynamik dieser von Menschen geschaffenen Strukturen ganz abgesehen.

4.1.2 Subjektivismus und Objektivismus

Die Gesellschaft lässt sich wissenschaftlich aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Dabei gibt es einen Gegensatz zwischen zwei großen soziologischen und philosophischen Sichtweisen: subjektivistische und objektivistische wissenschaftlichen Grundhaltungen. Bourdieus Soziologie-Verständnis hat sich in seiner Kritik am Objektivismus und am Subjektivismus herauskristallisiert (vgl. Schwingel 1995: 51). Als Wissenschaftler misstraut Bourdieu allen theoretischen Modellbildungen, die letztlich nur ihrer eigenen Logik gehorchen, aber die wirkliche Logik der Praxis nicht zu fassen bekommen (vgl. Flaig 2000: 365). Er analysiert die Grenzen, die beiden herkömmlichen Erkenntnisweisen eigen sind.

Bourdieus Anliegen ist es, zwischen den beiden sich eigentlich gegenseitig ausschliessenden erkenntnistheoretischen Grundhaltungen des Subjektivismus und des Objektivismus zu vermitteln,[73] ihre relativen Wahrheiten »auf eine nicht-eklektische Art und Weise zusammenzuführen und diese Synthese erkenntnistheoretisch zu begründen« (Schwingel 1995: 34).[74]

Bourdieu unterscheidet damit drei Modi theoretischer Erkenntnis: erstens phänomenologische (subjektivistische) Ansätze, zweitens objektivistische Ansätze und als von ihm angebotene dritte Alternative den praxeologischen Ansatz (a.a.O.: 37). Ausführlich legt Bourdieu die Problematik in seinem Buch »Entwurf einer Theorie der Praxis« (1976) dar.

In subjektivistischen Ansätzen[75] steht der einzelne soziale Akteur (das „Subjekt“) im Mittelpunkt der Theoriebildung. Die Welt wird als natürliche und selbstverständlich vorgegebene betrachtet, die »Primärerfahrungen« der Akteure stehen im Mittelpunkt. Eine subjektivistische Phänomenologie als Lehre von den Erscheinungen registriert (und systematisiert gegebenenfalls) lediglich die »Erscheinungen« innerhalb des Erfahrungs- und Handlungshorizonts der Akteure, die deren alltagspraktischer Wahrnehmung direkt zugänglich sind (vgl. Schwingel 1995: 32ff). Hierunter könnte auch das sozialpädagogische Konzept der Lebensweltorientierung gefasst werden, wenn die kritische Komponente außer Acht gelassen wird.

Am Subjektivismus kritisiert Bourdieu die vergessene Frage nach der Erfahrung der Sozialwelt als selbstverständlich gegebenen. Der Subjektivismus beschränkt sich nach Bourdieu bei der Beschreibung der Sozialwelt auf die unkritische wissenschaftliche Beschreibung der vorwissenschaftlichen Erfahrung der gesellschaftlichen Akteure (vgl. Bourdieu 1987: 51). Der Gegenstand der Erkenntnis ist es, die Erfahrung (eines betrachteten Akteurs/Subjekts) in den gegebenen Verhältnissen zu reflektieren, die ihrerseits vom Akteur nicht reflektiert werden. Der Subjektivismus unterstellt dabei eine Kontinuität zwischen alltäglich-praktischen und wissenschaftlich-theoretischen Erkenntnissen. Die Frage nach den Bedingungen unter denen die Akteure die Welt »erkennen« wird nicht gestellt. Somit kann der Subjektivismus nicht über eine Beschreibung der Welt als einer »evidenten und fraglos gegebenen« hinausgelangen, bemängelt Bourdieu (vgl. 1987: 50). »Wissenschaftliche Erkenntnis« ist damit kaum mehr als die Projektion eines Gemütszustands (vgl. Bourdieu 1987: 26). Die oberflächliche Beschreibung der Alltagserfahrungen ist nichts anderes als die Bestandsaufnahme des »krud gegebenen«, das heißt der herrschenden Ordnung (vgl. Schwingel 1995: 38). Durkheim hat diese Erkenntnisweise als „Spontansoziologie“ bezeichnet, die keinen Bruch mit vorwissenschaftlichen Erkenntnissen und Begriffen vornimmt (vgl. Schwingel 1995: 40). Diese Gefahr sehen auch Grunwald/Thiersch (vgl. 2001: 1138ff) in einem verkürzten Konzept der Lebensweltorientierung, weshalb sie als Ergänzung eine Kritische Komponente für unabdingbar halten. Die gegebene gesellschaftliche Selbstverständlichkeit (Doxa) muss im Namen der Hoffnung auf andere, bessere Optionen immer wieder dekonstruiert werden:

»In diesem Aspekt von Lebenswelt liegt die Pointe in der Abwehr einer vorschnellen Genügsamkeit von Menschen in ihren Verhältnissen, so wie sie sich in der heutigen Lebenswelt darstellen, und in der Sensibilität für die Erfahrungen von protestativer Energie, von unterdrückten Hoffnungen, von Trauer und Schmerz.« (a.a.O.: 1140).

In objektivistischen Ansätzen[76] steht der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang (das System) im Mittelpunkt (vgl. Schwingel 1995: 32). Ausgeprägt ist diese Sichtweise im „klassischen Strukturalismus“ (Saussure, Lévi-Strauss). Es werden Modelle der Sozialwelt konstruiert (zum Beispiel Sprachsysteme oder ökonomische Systeme), die auf Verhältnissen beruhen, die vom Willen und Bewusstsein der Akteure unabhängig sind (vgl. Schwingel 1995: 41).[77] Die allein vom Wissenschaftler erfassbaren „objektiven Strukturen“ (das heißt Funktionen und Gesetze) werden in den Mittelpunkt gestellt. Damit kann auch die Neue Soziale Marktwirtschaft als strukturalistische Theorie charakterisiert werden. Die neoliberale Globalisierung durch die »New Economy« und Digitalisierung der Wirtschaft werde heute oft als besondere, neue Entwicklung betrachtet, meint Rodenstock (vgl. 2001: 42):

»Auch in früheren Zeiten haben die Menschen oft gemeint, sie wären Zeugen einer außergewöhnlichen Entwicklung. Bei näherem hinsehen war es dann jedoch so, dass sich zwar Technik und Lebensumstände teilweise stark geändert hatten, die ökonomischen Gesetze jedoch die gleichen blieben wie zuvor. Das dürfte auch heute nicht grundlegend anders sein.« (Rodenstock 2001: 43)

Bourdieus Abkehr vom Objektivismus und Ausgangspunkt seiner Soziologie der Praxis war die Folge seiner Auseinandersetzung mit dem Strukturalismus. Praxis und Theorie sind für Pierre Bourdieu gleichwertig. Theoretische Modelle, die aufgrund einer beobachteten Praxis konstruiert wurden, können diese Praxis erklären und damit einen Beitrag zu ihrem Verständnis leisten. Bestimmte logische Modelle haben einen sehr hohen Erklärungswert zur Beschreibung einer Gesellschaft, wenn sie die größtmögliche Zahl von beobachteten Fällen am schlüssigsten und sparsamsten erklären. Diese Modelle werden jedoch falsch und gefährlich, sobald man sie als reale Grundlage der tatsächlichen Praktiken behandelt (vgl. Bourdieu 1987: 27).[78]

Das Ziel des Strukturalismus bei der Beschreibung einer Gesellschaft ist es letztlich, eine widerspruchsfreie Gesamtheit von Regeln darzustellen, was Bourdieu mit seinem Ansatz widerlegt.[79] In Algerien untersuchte er Ende der 50er Jahre die Rituale der Kabylen, eines Berberstammes (vgl. Flaig 2000: 361). Mit den wissenschaftlichen Werkzeugen des Strukturalismus stieß er jedoch an Grenzen. Er hatte versucht, die strukturalistische Theorie von Lévi-Strauss mit größtmöglicher Kohärenz anzuwenden um die Logik dieser Gesellschaft zu erklären. Er untersuchte unter anderem Hochzeitsregeln oder Regeln bei dem Austausch von Geschenken. Bei beiden versagte die strukturalistische Theorie. Bourdieu musste feststellen, dass die tatsächliche Logik der Praxis der Gesellschaft mit dieser objektivistischen Analyse nicht fassbar war (vgl. Flaig 2000: 368). Nach der strukturalistischen Logik müssen alle gesellschaftlichen Riten ein zusammenhängendes logisches Ganzes ergeben (a.a.O.: 362). Ende der 60er Jahre untersuchte Bourdieu in seiner französischen Heimatregion die Hochzeitsstrategien von Bauern und entwickelte dabei die Begriffe der Praxis und der Strategie. Mit diesen Begriffen konnte er nun die Logik der Praxis der kabylischen Gesellschaft erklären.

Die Praxis hat eine eigene Logik und wenn man nicht über sich selbst als Beobachter und seine wissenschaftlichen Methoden zur Betrachtung der Praxis reflektiert, kann man die Logik der Praxis nur mit Konstruktionen fassen, die diese beobachtete Praxis als solche zerstören, meint Bourdieu (vgl.1987: 26). Hier besteht der wesentliche methodologische Unterschied von Bourdieus Ansatz im Gegensatz zur modernen ökonomischen Wissenschaft zur Erklärung der sozialen Welt.

Als Beispiel für die ganz eigene Logik der Praxis, die in keinem in sich schlüssigen theoretischen Modellsystem gefasst werden kann, soll der Gabentausch in der kabylischen Gesellschaft dienen (vgl. Flaig 2000: 365). Damit kann der Begriff der Regel in strukturalistischen Modellen kritisch hinterfragt werden. Es kommt der Begriff der individuellen »Strategie« ins Spiel. Eine subjektive Strategie gesellschaftlicher Akteure lässt sich in kein objektives Schema einer Gesellschaft pressen.

Kultur besteht nach Lévi-Strauss im Tausch und in der Kommunikation. Nach dem strukturalistischen Modell erfordert jede Gabe eine Gegengabe. Wenn die Gegengabe ausbleibt, ist das im strukturalistischen Modell ein Kommunikationsfehler und soziologisch betrachtet eine Verletzung gesellschaftlicher Normen. Es gibt im strukturalistischen Modell lediglich zwei Möglichkeiten. Entweder findet eine richtige Kommunikation statt (Gegengabe) oder es gibt einen Kommunikationsfehler (ausbleibende Gegengabe). Im Modell sieht dies wie folgt aus (a.a.O.: 366): Gabe à Gegengabe à Gegen-Gegengabe à usw.

Im theoretischen Modell wird Zugzwang unterstellt, das heißt die Gegengabe muss verbindlich erfolgen. Bourdieu entdeckte, dass in diesem theoretischen Modell zwei Dinge nicht beachtet werden. Zum einen der Faktor Zeit und zum anderen die Problematik einer identischen Gegengabe. Egon Flaig demonstriert das an einem anschaulichen Beispiel (2000: 366f)[80]:

»Stellen sie sich vor, Sie schenken jemandem einen Strauß mit 10 altrosa Nelken - und der Beschenkte läßt eine Stunde später bei Ihnen 10 altrosa Nelken von derselben Größe und demselben Blumenladen vorbeischicken. Was bedeutet das? Es besteht kein Zweifel: Er hat postwendend ein identisches Gegengeschenk gemacht. Und das heißt, er hat Ihr Geschenk nicht angenommen. Hätte er eine Woche gewartet, Ihnen 9 Nelken oder 11 und von andere Farbe zugeschickt, dann wäre sowohl an der Ungleichartigkeit der Gegengabe als auch an der verstrichenen Zeit für Sie eindeutig abzulesen, dass der Beschenkte das Geschenk erstens angenommen und daß er es zweitens erwidert hat.«

Weil das strukturalistische Modell die strategische Dimension der Kommunikation außer Acht läßt, kann es den Unterschied nicht erfassen. Das Ausbleiben eines Gegengeschenks trägt in sich keine Bedeutung. Es kann verschiedene Ursachen und vollkommen entgegengesetzte Bedeutungen haben. Wenn ein Beschenkter nicht in der Lage ist, ein Gegengeschenk zu machen, riskiert er, in einer Gruppe Ansehen zu verlieren. Unter anderen Umständen kann ein Beschenkter mit der Verweigerung eines Gegengeschenks ausdrücken, dass er den Schenker verachtet. Erst durch die Beachtung der sozialen Umstände ist erkennbar, ob das Ausbleiben eines Gegengeschenks soziale Stärke oder soziale Schwäche ist. Im ersten Fall wird der Beschenkte entehrt, im zweiten der Schenker gedemütigt (a.a.O.). Dies kann mit einer strukturalistischen Analyse nicht gefasst werden.[81]

4.1.3 Landstrassen und der doppelte Platz der Regel

Bourdieu stellt nun den Begriff der Regel in Frage (vgl. Flaig 2000: 369; Bourdieu 1987: 188f). Wenn man soziale Akteure bittet, eine bestimmte soziale Handlung zu begründen, »dann behelfen sie sich gerne mit dem Hinweis auf eine Regel; sie weichen gerne in die Sprache der Grammatik, der Moral und des Rechts aus, um eine gesellschaftliche Praxis zu erklären.« (Flaig 2000: 369). Doch die Praxis richtet sich nach ganz anderen Grundsätzen, wie in dem obigen Beispiel des Gabentauschs dargestellt ist. Dies ist den befragten Akteuren nicht bewusst, weil sie diese Grundsätze von klein auf gelernt haben und für selbstverständlich gegeben halten. »Das heißt: wir verstehen die Logik der Praxis nicht, weil wir den Begründungen glauben und nach Regeln suchen.« (a.a.O.). Den Begriff der Regel bezeichnet Bourdieu (vgl. 1987: 189) als Haupthindernis zur Entwicklung einer Theorie der Praxis. Das liegt daran, dass der Begriff in einer objektivistischen Betrachtung einen doppelten Platz besetzt. Sie soll einerseits („wie von unsichtbarer Hand“, T.K.) die tatsächlich beobachteten Handlungen, bzw. Praktiken der Akteure steuern und andererseits gleichzeitig den Wissenschaftler (als beobachtenden Subjekten) kognitiv Einblick verschaffen, das heißt von ihnen zweifelsfrei als geltende Regel erkannt werden.

Der Begriff der Regel täuscht damit auf beiden Seiten, in der Theorie und in der Praxis, Erklärungskraft vor (vgl. Flaig 2000: 370). Ein abstraktes theoretisches Modell zur Erklärung von gesellschaftlichen Praktiken gilt nach Bourdieu jedoch nur dann uneingeschränkt, »wenn man es als das ausgibt, was es ist, nämlich ein gänzlich praxisfremdes Artefakt«. (Bourdieu 1987: 189).

Mit der Zurückweisung des Regelbegriffs behauptet Bourdieu jedoch nicht, dass auf verschiedenen sozialen Feldern alles ungeregelt abläuft. Er wendet sich lediglich dagegen, den Regelbegriff mit einer »Norm« gleichzusetzen (vgl. Flaig 2000: 370). Ritualisierte soziale Handlungen auf verschiedenen Feldern sind in der Praxis sehr wohl geregelt. Von ihnen hängt oft der soziale Erfolg oder der soziale Tod in einem Feld ab. Das, was offiziell als »Norm« gilt, steuert jedoch nicht das Handeln der Akteure. Tatsächlich ist in der Praxis nicht die (strukturalistische) Regel entscheidend, sondern diejenige (»praktische«) Regel, entlang derer man die durch strukturalistische Modelle »festgestellten« Regeln bzw. Normen manipulieren darf.

Normen werden in der Praxis ständig neu interpretiert, wobei die Interpretationen umstritten sind und sich fundamental widersprechen können (a.a.O.). Die offiziellen Normen sind trotzdem als gemeinsame Bezugspunkte wichtig. Sie bestimmen zwar nicht (vollkommen) das tatsächliche Handeln, aber man beruft sich auf sie, wenn man einer Strategie gemäß handelt.

Bourdieu erkannte, dass soziale Handlungen in der Praxis eine eigene Logik haben, die nicht einmal mit dem übereinstimmt, was die handelnden Akteure über sich selbst sagen oder denken. Das liegt zum einen daran, dass bestimmte Dinge – die das Handeln beeinflussen - nicht ausgesprochen werden, sondern als gültig vorausgesetzt werden. Daraus ergibt sich für die Wissenschaft die Notwendigkeit, die Bedeutung dieses impliziten, nicht ausgesprochenen (»doxischen« Wissens) zu erschließen, um die Logik der Praxis zu erklären.

Zum anderen hat die Praxis eine eigene Logik, die mit Strategien von handelnden Individuen zu tun hat. Für diese Strategien lassen sich keine allgemeingültigen „objektiven“ Regeln aufstellen.

»Einer der praktischen Widersprüche der wissenschaftlichen Analyse der Logik der Praxis liegt in dem paradoxen Sachverhalt, daß das schlüssigste und damit sparsamste Modell, welches die Gesamtheit der beobachteten Tatsachen am einfachsten und am systematischsten erklärt, nicht die Grundlage der von ihm besser als von jeder anderen Konstruktion erklärten Praxis ist; oder, was auf dasselbe hinausläuft, daß die Praxis die Beherrschung der Logik, die in ihr zum Ausdruck kommt, nicht voraussetzt - und nicht ausschließt.« (Bourdieu 1987: 27, Hervorhebung T.K.).

Im Hinblick auf die von Ökonomen beschriebenen wirtschaftlichen „Regeln“ des freien Marktes wird diese Bemerkung Bourdieus interessant. Von wissenschaftlich beobachteten Regelmäßigkeiten (das heißt dem, was in einer bestimmten, statistisch messbaren Häufigkeit geschieht), wird von Neoliberalen zum bewusst erlassenen und eingehaltenen Reglement beziehungsweise einer Norm übergegangen. Es findet ein Übergang »vom Modell der Realität zur Realität des Modells« statt (vgl.: a.a.O.: 75). Im Neoliberalismus werden vereinfacht gesagt bestimmte, von Adam Smith in einer bestimmten geschichtlichen Zeit in England beobachtete Regelmäßigkeiten eines bestimmten Marktes zu verbindlichen Reglements für die heutige wirtschaftliche Praxis aller Märkte von der nationale Ebene bis hin zur Ebene internationaler Finanzmärkte gemacht.

Die Behauptung der unmittelbaren Übertragbarkeit theoretischer Modelle, die als Beschreibung vermeintlich naturgegebener Regeln ausgegeben werden, auf die Praxis »läuft ungefähr auf dasselbe hinaus, wie die, Landstraßen müßten rot sein, weil sie den roten Linien auf der Landkarte entsprechen.«[82] (Bourdieu 1987: 75).

4.1.4 Doxische Grundlagen der Erkenntnis

Beide herkömmlichen wissenschaftlichen Denkweisen, Subjektivismus und Objektivismus nehmen die Grundlagen ihrer Erkenntnis weitgehend unreflektiert hin. Diese unhinterfragten Grundlagen der wissenschaftlichen Erkenntnis können mit Bourdieu, wie bereits erwähnt, als »doxische Grundlagen« bezeichnet werden. Mit dem unreflektierten Akzeptieren der Grundlage der jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnis werden die Grenzen, die sich für die Reichweite der jeweiligen Geltungsansprüche der Theorien daraus ergeben, ignoriert (vgl. Schwingel 1995: 45).

Aus dieser unkritischen wissenschaftlichen Grundhaltung können zwei komplementäre Illusionen genährt werden: im Subjektivismus die „Illusion einer unmittelbaren Erkenntnis“ und im Objektivismus die „Illusion absoluten Wissens“.

Bourdieu bricht deshalb in einem ersten Schritt mit den subjektivistischen Vorbegriffen, das heißt mit der vorwissenschaftlichen Erkenntnis der Akteure (vgl. Schwingel 1995: 41). Das betrifft die „natürliche Ordnung der Welt“, wie sie den Akteuren unmittelbar erscheint.

Nach Bourdieu hat das Handeln gesellschaftlicher Akteure immer mehr Sinn, als ihnen selber bewusst ist (vgl. 1987: 127). Dieses „Mehr“ an Sinn ist den Akteuren nicht unmittelbar zugänglich und kann nur durch eine, wie auch immer konzipierte, objektivierende Methode das heißt eine Sicht von außen erfasst werden.

An einer „objektiven“ Betrachtung von außen (provisorische Objektivierung) hält also auch Bourdieu fest. Im Unterschied zu objektivistischen Ansätzen verabsolutiert er aber nicht den notwendigen Bruch mit den Alltagserfahrungen der sozialen Akteure. Objektivistische Ansätze definieren gesellschaftliche Regeln und Gesetze, die unabhängig von den konkreten Akteuren existieren. Die richtige Einsicht des Subjektivismus, dass die Erfahrungen der Akteure Bestandteil der Sozialwelt sind, gilt es dagegen nach Bourdieu zu bewahren (vgl. Schwingel 1995: 41).

Der Bruch mit dem Subjektivismus wird deshalb in einem zweiten Schritt relativiert, indem die Primärerfahrung sozialer Akteure als Bestandteil der sozialen Welt mittels der Habitustheorie wieder rehabilitiert werden. In einem zweiten »Bruch« mit dem »provisorischen Objektivismus« müssen also die im ersten Schritt ausgeklammerten Erfahrungen der Subjekte wieder einbezogen werden (vgl. Bourdieu 1987: 52). Dies geschieht mittels der Habitustheorie, die die erzeugenden Mechanismen von Praxis und praktischem Erkennen klärt (vgl. Schwingel 1995: 51).

4.1.5 Habitus und Feld

Um Zusammenhänge zwischen Individuum und Gesellschaft aufzuzeigen hat Bourdieu die beiden Begriffe Habitus und Feld entwickelt. Damit soll zwischen Subjektivismus und Objektivismus vermittelt werden.

Einerseits wird die Gesellschaft oder ein Bereich der Gesellschaft als ganzes »objektivistisch« als Lebenswelt betrachtet. Dafür dient die Bezeichnung »Feld«. Zum anderen wird die Alltagswelt einzelner Menschen mit dem Begriff »Habitus« »subjektivistisch« in den Blick genommen. »Habitus« ist der zentrale Begriff in Bourdieus »Soziologie der Praxis«.[83] Mit dem Habitus-Konzept versucht Bourdieu das zu fassen, was Individuen als soziale Akteure kennzeichnet und damit gleichzeitig die »Individuum gewordene Gesellschaft« darzustellen (vgl. Liebau 1987: 61).

Im Mittelpunkt stehen die gesellschaftlich geprägten Akteure. Bourdieu geht davon aus, dass jeder gesellschaftliche Akteur »prädeterminiert« ist. Diese Prädetermination geht als bestimmender Faktor in gegenwärtige und zukünftige Handlungen ein (vgl. Schwingel 1995: 55). Der Habitus, der den Handlungen zugrundeliegt, ist gesellschaftlich und historisch bedingt und beruht auf individuellen und kollektiven Vorerfahrungen. Diese finden ihren Niederschlag in Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungschemata (vgl. Bourdieu 1987: 101).

Der Habitusbegriff zeigt, wie gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten im einzelnen Menschen verankert sind. Insofern ist die Habitustheorie eine Theorie der »Leib gewordenen Geschichte« gesellschaftlicher Verhältnisse. Auf der anderen Seite wird mit dem Feldbegriff aufgezeigt, wie Menschen mit ihrem Denken und Handeln die Gesellschaft prägen, bzw. bestimmte Selbstverständlichkeiten (Doxa) aufrechterhalten. Die Feldtheorie betrachtet den in gesellschaftlichen Strukturen verankerten »Dingcharakter«[84] gesellschaftlicher Verhältnisse (vgl. Schwingel 1995: 70). Das Verhältnis zwischen Habitus und Feld bezeichnet Bourdieu als dialektisch (a.a.O.).

Seinen Ansatz entwickelte Bourdieu, wie bereits erwähnt, aus der Kritik am Strukturalismus heraus. Vereinfacht gesagt besteht das gemeinsame Interesse von Strukturalisten in der Analyse von »objektiven« gesellschaftlichen Strukturzusammenhängen, die ohne dass es den Subjekten bewusst ist, verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen „konstitutiv“ zugrundeliegen (z.B.: Sprache, Verwandtschaftsbeziehungen, Mythen, Kunst u.a.m.; vgl: Schwingel 1995: 29) Die moderne Wirtschaftstheorie gleicht in dieser Hinsicht dem Strukturalismus, da eine Gesamtheit von wenigen wirtschaftlichen Grundregeln „festgestellt wird“[85]. Damit kann sie auch als objektivistisch bezeichnet werden.

Am Strukturalismus von Lévi-Strauss und Althusser kritisiert Bourdieu die Reduzierung der sozialen Akteure zu blinden Trägern von objektiven Strukturen.[86] Die Frage dreht sich darum, inwieweit Menschen in ihrem Handeln frei oder determiniert sind. Bourdieus Habitustheorie soll diesen Dualismus zwischen Freiheit und Determination umgehen. Der Determinismus wird mit der Habitustheorie in gewisser Weise ins Innere der Akteure verlegt. Der Habitus determiniert nicht die Handlungen eines Menschen, sondern er bestimmt die Grenzen und damit die Spielräume der jeweiligen Akteure. Die Individualität der Menschen besteht in der Verwendung klassenspezifisch verteilter Ressourcen und Möglichkeiten und damit in der jeweiligen Nutzung der verinnerlichten Spielräume (vgl. 19a.a.O.: 63ff).

Der wesentliche Gegenstand der Habitustheorie ist einerseits die Frage, wie soziale Praxis zustandekommt und andererseits die damit verbundene Frage, wie die sozialen Akteure diese gesellschaftliche Praxis, in die sie verwickelt sind, wahrnehmen, erfahren und erkennen. Es ist eine »Theorie des Erzeugungsprinzips von Praxisformen« (vgl. Bourdieu 1982: 278). Einerseits sollen die Entstehungszusammenhänge von menschlichem Handeln erklärt werden und andererseits die praktische Erkenntnis der sozialen Welt durch die Akteure.

In der Habitustheorie zeigt sich die anthropologische Grundannahme Bourdieus. Diese besteht darin, dass die sozialen Akteure mit systematisch strukturierten Anlagen ausgestattet sind, die die Grundlage für ihr praktisches Handeln und ihr Denken über die Praxis sind (vgl. Schwingel 1995: 54f). Ein Habitus ist nicht angeboren, sondern gesellschaftlich und damit historisch bedingt (vgl. Bourdieu 1987: 101). Die Menschen sind nicht vollkommen frei in ihren Entscheidungen, da ihr Habitus ihnen bestimmte Möglichkeiten des Handelns und Denkens vorgibt.[87]

Der Habitusbegriff umfasst die drei Aspekte Wahrnehmung, Denken und Handeln. In Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata haben sich frühere Erfahrungen des Individuums niedergeschlagen (vgl. Bourdieu 1987: 101). Bildlich gesprochen stellt der Habitus bestimmte erworbene soziale Werkzeuge zur Verfügung, mit denen Menschen in der Gesellschaft handeln und sich in ihr orientieren können:

1. Als Wahrnehmungsschema hilft der Habitus den Individuen, die soziale Welt (Alltagswelt) zu strukturieren. Er hilft bei der Orientierung in der Welt. Diese Habitusstrukturen werden durch charakteristische ökonomische und soziale Daseinsbedingungen erzeugt, die zur doxischen Grundlage der Wahrnehmung und Beurteilung aller späteren Erfahrung werden (vgl. Bourdieu 1987: 101).[88]

2. Als Denkschema hilft der Habitus, diese Wahrnehmung der Welt zu ordnen und zu interpretieren. Dazu gehören

a) Alltags-„Theorien“ und Klassifikationsmuster, nach denen die Akteure die Welt ordnen.

b) implizite ethische Normen der Akteure zur Beurteilung gesellschaftlicher Handlungen.

c) der Geschmack, das heißt ästhetische Maßstäbe zur Bewertung kultureller Objekte und Praktiken.

3. Als Handlungsschemata bringt der Habitus individuelle und kollektive Praktiken hervor.

Im praktischen Handeln sind Denk -, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata ineinander verflochten. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mehr oder weniger unbewusst, bzw. implizit sind (vgl. Schwingel 1995: 56).

4.1.6 Doxa, Paradigma und die Komplizenschaft zwischen Habitus und Feld

Scheinbar selbstverständliches, alltägliches »praktisches Wissen«, das den gesellschaftlichen Akteuren im Alltag selbst nicht gegenwärtig ist und oft verkannt wird, bezeichnet Bourdieu als »Doxa«. Eine Doxa kann zunächst als die Gesamtheit der von einer Gruppe oder Klasse geteilten Aspekte einer symbolischen Ordnung bezeichnet werden. Als eine Art »kollektives Unterbewusstes« reguliert sie die Wahrnehmung und das Handeln auf indirekte Weise, durch den sogenannten »praktischen Sinn«, mit dem sich gesellschaftliche Akteure der selbstverständlich geltenden sozialen Ordnung gemäß orientieren (vgl. Maasen 1999: 37). Im Konzept der Lebensweltorientierung wird auf diese Annahmen Bourdieus Bezug genommen: Die Alltagswelt als das Gegebene und Selbstverständliche mit ihrem Prinzip des „und-so-weiter“ ist durch die Doxa geprägt(vgl. Füssenhäuser 1998: 14f).

Als »ursprüngliche Doxa« bezeichnet Bourdieu (1987: 126) das unmittelbare Verhältnis der Anerkennung zwischen dem Habitus von Akteuren und dem Feld in dem sie leben: die stumme Erfahrung der selbstverständlich gegebenen Welt. Es entsteht dabei eine Komplizenschaft zwischen Habitus und Feld, die den Charakter einer Self-fulfilling prophecy annehmen kann. Habitus und Feld stabilisieren sich gegenseitig. Erst widersprüchliche Erfahrungen geben den Anlass zur Reflexion und Problematisierung »der Evidenz der Doxa«, das heißt ihrer scheinbaren Selbstverständlichkeit. Wenn wissenschaftlich nicht nach den Bedingungen der Möglichkeit subjektiver Erkenntnis, das heißt den gesellschaftlichen Voraussetzungen der Erkenntnis der beobachteten Menschen gefragt wird, entsteht eine Deckungsgleichheit zwischen den „objektiven" gesellschaftlichen Strukturen (Feld) und den verinnerlichten, einverleibten gesellschaftlichen Strukturen (Habitus).

Der Begriff der Doxa hat bei Bourdieu aber eine weitere Bedeutung. Zum einen bezeichnet er die genannte oft unbewusste unmittelbare Primärerfahrung von Menschen in der Welt: das scheinbar natürlich Gegebene und Unabänderliche. Auf diese ursprüngliche Doxa bezieht sich Thiersch. Darüberhinaus bezeichnet Bourdieu mit dem Begriff der Doxa eine bloße Meinung als Gegensatz zu sicherem Wissen bezeichnet (vgl.: WPB: 160).

Thierschs Begriff des Alltags bezieht sich auf alle Menschen (Füssenhäuser 1998: 10). Somit können auch in der Theorie der Lebensweltorientierung Wissenschaftler in den Blick genommen werden. Auch in wissenschaftlichen Disziplinen gibt es das Phänomen der Doxa, als den wissenschaftlichen Alltag und das darin »den Menschen immer Vorfindliche« (a.a.O.: 12). Bestimmte Grundannahmen werden als selbstverständlich angenommen und nicht mehr hinterfragt, bestimmte Methoden verwendet und bestimmte Probleme stehen im Mittelpunkt. Junge Wissenschaftler wachsen an der Universität mit den Selbstverständlichkeiten des bestehenden akademischen Feldes auf (siehe das Zitat von Hanusch 1993 in Abschnitt3.2Moderne Ökonomie und Neoklassik).

Eine wissenschaftliche Doxa kann nach Kuhn (1997) auch mit dem Begriff »Paradigma« bezeichnet werden. Damit ist das »eine wissenschaftliche Theorie zentral organisierende Interpretationsprinzip« gemeint (vgl. WPB: 481). Als Paradigmen bezeichnet Kuhn begrifflich-methodologische »Systeme eines Forscherkollektivs, die den Rahmen akzeptierter Methoden vorgeben und über die Anerkennung von Problemen und Problemlösungen entscheiden.« (dtv-Atlas Philosophie: 187).[89] Ein vorherrschendes Paradigma ist die Brille, durch die eine wissenschaftliche Disziplin die Welt betrachtet.

Im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Theorien kann die Doxa in zweifacher Hinsicht auftreten. Zum einen können doxische Selbstverständlichkeiten (aus dem Alltag) als unhinterfragte Grundannahmen in wissenschaftliche Theorien einfließen. Zum anderen kann ein wissenschaftliches Paradigma in gewisser Weise als »Doxa zweiten Grades« von Laien als akzeptiertes „Fachwissen“ übernommen und weiterverbreitet werden. Ebenso wird das Fachwissen bestimmter Disziplinen, wie der Ökonomie, von Fachleuten anderer Disziplinen als selbstverständliche Doxa übernommen. Bourdieu nennt solches Fachwissen auch „legitimes Kulturkapital“ (vgl. Bourdieu 1997). Heute zeigt sich das zum Beispiel an der Übernahme ökonomischer Begriffe (Wettbewerb, Wachstum, Effizienz, Kundenorientierung usw.), die sich im Prinzip allesamt auf eine neoliberale theoretische Lesart der Funktionsfähigkeit von Märkten beziehen und selbst nicht hinterfragt werden.

4.1.7 Paradigmenwechsel

Wenn ein wissenschaftliches Paradigma für Probleme in der Wirklichkeit keine Lösungsmöglichkeiten mehr anbieten kann, dann kommt es zu einer Krise. Ein anderes Paradigma kann das alte schlagartig ersetzen. Es kommt somit zu einer wissenschaftlichen Revolution, die Kuhn »Paradigmenwechsel« nennt. Ein neues Paradigma ist nach Kuhns Vorstellung nicht mit dem alten vergleichbar. Zwischen beiden entsteht ein Bruch. Für die Wissenschaft ändert sich das Verständnis dessen, was überhaupt als Problem wahrgenommen wird. Neue Begriffe entstehen und die Wissenschaftler leben in einer anderen Welt, weil sich ihre Perspektive ändert (vgl. dtv-Atlas Philosophie 1998: 187). Mit Bourdieu formuliert: die Doxa der wissenschaftlichen Disziplin verändert sich bei einem Paradigmenwechsel.

Die Wirtschaftswissenschaften sind heute übermäßig mathematisiert und hätten sich zunehmend von der Wirklichkeit entfernt, meint auch der Ökonom Horst Hanusch (vgl. 1993: 114). Wissenschaft werde mehr und mehr im Elfenbeinturm betrieben. Mit Bezug auf Thomas S. Kuhn meint Hanusch, dass eine Wissenschaft, die mit der Realität nichts mehr zu tun habe, auf neue Grundlagen zurückgreifen und ein neues Paradigma übernehmen müsse. Aber alle zur Neoklassik konkurrierenden wissenschaftlichen Gruppierungen, wie etwa Post-Keynesianer, Ökonomen in der Tradition der österreichischen Volkswirtschaftslehre, Vertreter einer Institutionenökonomie, Evolutionisten und Schumpeterianer, »haben gegenwärtig noch mehr mit den konzeptionellen Problemen ihrer eigenen Lehrmeinung zu tun, als dass sie die Kraft fänden für einen erfolgreichen Generalangriff.« (Hanusch 1993: 114).

Die Theorieelemente Bourdieus stellen einen größeren, in die Soziologie integrierten Rahmen für ein neues ökonomisches Paradigma zur Verfügung. Da die Wissenschaften das anerkannte Fachwissen (als „kulturelles Kapital“) einer Gesellschaft darstellen, hat ein Paradigmenwechsel zwangsweise Auswirkungen auf das Weltbild, das den Menschen im Alltag als selbstverständlich gegeben erscheint. Sie orientieren sich meist an dem offiziellen Weltbild, ihre Arbeitskraft und Lebensperspektiven sind in eine gesellschaftliche Doxa eingebunden (vgl.: Marvakis 1996: 75).[90]

4.1.8 Ökonomisches, kulturelles, soziales Kapital und die Illusion der Chancengleichheit

Bourdieu bezeichnet die gesellschaftliche Welt als »akkumulierte Geschichte«. In der modernen Wirtschaftstheorie hingegen wird die gesellschaftliche Welt fälschlicherweise auf eine Aneinanderreihung von mechanischen Gleichgewichtszuständen reduziert[91] (vgl. Bourdieu 1997: 49). Mit der Entwicklung einer derartig engen Wirtschaftswissenschaft sei das Entstehen einer »allgemeinen Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis« verhindert worden, »die den Warenaustausch lediglich als speziellen Fall unter mehreren möglichen Formen von sozialem Austausch behandelt« (Bourdieu 1997: 51).

Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, inwieweit diese Verengung möglicherweise schon durch philosophische Gerechtigkeitstheorien geschieht, auf denen die wirtschaftlichen Theorien aufbauen. Auch heutige „liberale“ Gerechtigkeitstheorien (Rawls 1979, Nozick 1978) beschäftigen sich vorrangig mit der Verteilung von Gütern, das heißt ökonomischem Kapital. Der US-amerikanische Sozialphilosoph Michael Walzer (1998) spricht in seiner liberalismuskritischen Theorie „Sphären der Gerechtigkeit“ die Problematik der Verteilung nicht-ökonomischer Güter an, die Bourdieu mit seinem umfassenden Kapitalbegriff, den ich im Folgenden darstellen werde, zu fassen versucht:

»Da die Entwicklung des Kapitalismus mit einer erheblichen Ausdifferenzierung sozialer Güter nicht nur einhergeht, sondern diese sogar begünstigt, dürfte die bloße Darstellung des Kauf- und Verkaufgeschehens, eine Beschreibung des freien Tausches nicht ausreichen, um der Gerechtigkeitsproblematik genüge zu tun. Wir werden eine Menge über andere Distributionsprozesse und ihre jeweilige Autonomie oder Integration in den Markt in Erfahrung bringen müssen. Es ist die Dominanz des Kapitals außerhalb des Marktes, die den Kapitalismus ungerecht macht.« (Michael Walzer 1998: : 444)

Die wissenschaftlichen Kategorien von Bourdieu bezüglich der Verteilung, bzw. Verteilungsprozessen von Kapital weisen in die von Walzer angedeutete Richtung.

Eine wirklich allgemeine Wissenschaft von der ökonomischen Praxis müsse laut Bourdieu (1997: 52) in der Lage sein, alles praktische Handeln miteinzubeziehen, das zwar objektiv ökonomischen Charakter trage, aber als solches im gesellschaftlichen Leben nicht erkannt werde oder nicht erkennbar sei. Grundkategorien einer „Allgemeinen Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis“[92] entwickelt Bourdieu (1997) in dem Aufsatz »Ökonomisches Kapital - kulturelles Kapital - soziales Kapital«. Es geht ihm dabei ausdrücklich auch darum, die Sphäre der sogenannten »Uneigennützigkeit« in die ökonomische Wissenschaft einzubeziehen, die dort üblicherweise ausgespart bleibt (vgl.: Liebau 1987: 178, Anm. 1).

»Kapital« ist dabei der zentrale Begriff. Der Kapitalbegriff Bourdieus unterscheidet sich in seinem Umfang erheblich von dem der modernen Wirtschaftstheorie[93]. Letztere habe sich »nämlich ihren Kapitalbegriff von einer ökonomischen Praxis aufdrängen lassen, die eine historische Erfindung des Kapitalismus ist« (Bourdieu 1997: 50). Der Kapitalbegriff der modernen Wirtschaftswissenschaften[94] reduziere alle gesellschaftlichen Austauschverhältnisse auf bloßen Warenaustausch, der objektiv und subjektiv auf Profitmaximierung ausgerichtet und von (ökonomischem) Eigennutz geleitet sei (a.a.O.). Damit erkläre die Wirtschaftstheorie implizit alle anderen Formen von sozialem Austausch zu nicht-ökonomischen, uneigennützigen Beziehungen. Die Wirtschaftswissenschaft sei zu einer reinen Wissenschaft von Marktbeziehungen geworden und decke damit nicht einmal das Gesamtgebiet der ökonomischen Produktion[95] ab.

»Kapital« ist nach Bourdieu akkumulierte Arbeit und hat unter anderem folgende Eigenschaften:

1. Kapital kann in Form von Material existieren (zum Beispiel Werkzeuge, Maschinen, Bücher), oder verinnerlicht, bzw. »inkorporiert« sein (Lese- und Rechenfähigkeit, Fremdsprachenkenntnisse, Fähigkeit eine Maschine zu bedienen usw.). Letzteres ist immer fest mit einem Menschen verbunden.

2. Die Akkumulation von Kapital braucht Zeit.

3. Die Aneignung von Kapital ermöglicht die Aneignung »sozialer Energie« in Form von verdinglichter (vergegenständlichter) oder lebendiger Arbeit (s.u.).

4. Das Kapital hat eine ihm innewohnende Überlebenstendenz. Es kann sich selbst reproduzieren und Profite produzieren oder auch wachsen.

Die private oder exklusive Aneignung von Kapital durch einzelne Akteure oder Gruppen ermöglicht die Aneignung »Sozialer Energie«. Diese kann in Form von Material (»vergegenständlichter« beziehungsweise »verdinglichter« Arbeit[96] ) bestehen oder in Form von lebendiger Arbeit. Die Verteilungsstruktur von Kapital in der Gesellschaft entspricht der Struktur der sozialen Welt.

Es gibt drei verschiedene grundlegende Formen von Kapital: Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital. Es gibt drei verschiedene grundlegende Formen von Kapital: Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital.

1.) Ökonomisches Kapital (z.B. Maschinen, Werkzeuge, Boden) ist direkt in Geld konvertierbar und eignet sich zur Institutionalisierung in Form von Eigentumsrechten. Rechtliche Vererbung oder Enteignung ist möglich. Das ökonomische Kapital bei Bourdieu entspricht dem Kapitalbegriff der modernen Wirtschaftstheorie, der sich darin erschöpft. Menschliche Arbeitskraft ist ein Sonderfall von ökonomischem Kapital.

2.) Kulturelles Kapital kann in drei Formen existieren (a.a.O.:53):

a) in verinnerlichtem, bzw. »inkorporiertem« Zustand in Form von »dauerhaften Dispositionen« des Organismus. In dieser Form ist das Kapital zu einem Teil des Habitus einer Person geworden.[97] Es ist ein Besitztum und fester Bestandteil einer Person und kann nicht kurzfristig weitergegeben werden (z.B. durch Schenkung, Vererbung, Kauf oder Tausch). Die Nutzung durch andere Personen, die Eigentümer von ökonomischem oder sozialem Kapital sind, ist problematisch.[98]

b) in objektiviertem Zustand in Form von kulturellen Gütern (Bilder, Bücher, Lexika, Instrumente und Maschinen). Kulturelle Güter können zum Gegenstand materieller Aneignung gemacht werden, was ökonomisches Kapital voraussetzt, und sie können symbolisch angeeignet werden, was kulturelles Kapital voraussetzt. Die kulturellen Fähigkeiten, sich diese Güter nutzbar zu machen oder ihren Gebrauch erst zu ermögliche sind nicht (notwendigerweise) übertragbar. Sie sind personengebundenes inkorporiertes Kulturkapital für das bestimmte Übertragungsregeln gelten. Eigentümer von objektiviertem Kulturkapital (beispielsweise Produktionsmittel wie Maschinen oder Werkzeuge) müssen also entweder selber inkorporiertes Kulturkapital erwerben, um das kulturelle Gut durch Nutzung auch symbolisch zu besitzen, oder sie müssen einen Weg finden, sich die Dienste von Inhabern des entsprechenden inkorporierten Kulturkapitals nutzbar zu machen, d.h. die „Ware Arbeitskraft“ für ihre Zwecke zu nutzen.

c) in institutionalisiertem Zustand (zum Beispiel: schulischer Titel). Der institutionalisierte Zustand des kulturellen Kapitals verleiht ihm einmalige Eigenschaften. Ein Autodidakt steht im Gegensatz zu einem Mensch mit einem Bildungstitel unter ständigem Rechtfertigungsdruck. Ein (schulischer) Titel ist ein »Zeugnis für kulturelle Kompetenz, das seinem Inhaber einen dauerhaften und rechtlich garantierten konventionellen Wert überträgt.« (Bourdieu 1997: 61). Die Geltung dieses „institutionalisierten kulturellen Kapitals“ ist relativ unabhängig von der Person seines Trägers und dem „inkorporierten kulturellen Kapital“, das dieser tatsächlich zu einem gegebenen Zeitpunkt besitzt. Es ist „institutionalisierte Macht“ und bringt Anerkennung mit sich. Eine Hochschulzugangsberechtigung hat ebenso wie ein Meisterbrief oder ein KFZ-Führerschein kein Verfallsdatum. Kulturelles Kapital ist unter bestimmten Voraussetzungen in ökonomisches Kapital konvertierbar. Durch die institutionelle Anerkennung von kulturellem Kapital wird es möglich, Besitzer derartiger Titel zu vergleichen und sogar einen „Wechselkurs“ zu ermitteln, der die Konvertibilität zwischen kulturellem und ökonomischem Kapital garantiert (a.a.O.: 62). Dieser Wechselkurs kann durch „Titelinflation“ beeinflusst werden. Die Umwandlung von institutionalisiertem kulturellen Kapital (zum Beispiel Abitur) in ökonomisches bekommt einen schlechteren Wechselkurs, wenn mehr Menschen den gleichen Titel haben. Mit anderen Worten: das erhöhte Angebot an Arbeitskräften mit gleichem Titel senkt den Preis, der dafür von den Arbeitgebern bezahlt werden muss.[99]

»Soziale Vererbung« von (inkorporiertem) kulturellem Kapital ist möglich. Die Übertragung (»Transmission«) bzw. Aneignung von kulturellem Kapital findet z.B. in der Familie statt. Diese Übertragung kulturellen Kapitals in der Familie ist die am besten verschleierte Übertragung von Kapital und gleichzeitig die sozial wirksamste Erziehungsinvestition.[100] Die Übertragung von kulturellem Kapital kann völlig unbewusst und ohne geplante Erziehungsmaßnahmen geschehen. Zeit ist dabei das Bindeglied zwischen ökonomischem und kulturellem Kapital. Freie Zeit ohne ökonomischen Druck ermöglicht die Aneignung von kulturellem Kapital z.B. in der Familie oder in der Schule. Die Primärerziehung in der Familie muss in einer allgemeinen Theorie der Ökonomie der Praxis in Rechnung gestellt werden.[101]

Der Begriff des kulturellen Kapitals hat sich Bourdieu bei der praktischen Forschungsarbeit als theoretische Hypothese angeboten, die es ermöglichte, die Ungleichheit der schulischen Leistungen von Kindern aus verschiedenen sozialen Klassen zu begreifen: „Dieser Ausgangspunkt impliziert einen Bruch mit den Prämissen, die sowohl der landläufigen Betrachtungsweise, derzufolge schulischer Erfolg oder Misserfolg auf die Wirkung natürlicher »Fähigkeiten« zurückgeführt wird, als auch den Theorien vom »Humankapital« zugrundeliegen.“ (Bourdieu 1997: 53).

Das Erziehungssystem leistet einen Beitrag zur Erhaltung der bestehenden gesellschaftlichen Ungleichheiten, indem es die Vererbung von kulturellem Kapital ignoriert und alle SchülerInnen gleich behandelt (vgl. Bourdieu 1997: 49ff). Die Schule verbreitet die »Illusion der Chancengleichheit«, so Bourdieu, (vgl.: 2001a;2001b):

»Deshalb bin ich im Gegensatz zu unseren Sozialphilosophien, die immer mit einem Appell an die Pädagogik enden, davon überzeugt, dass man für die Bedingungen sorgen muss, die die Voraussetzungen für die Pädagogik bilden.« (Bourdieu 2001a: 16).

Michael Walzers Kritik an liberalen Gerechtigkeitstheorien besteht darin, dass sie von der Idealvorstellung gleicher und autonomer Individuen ausgehen, die wählen können, welcher Gruppe sie sich anschließen wollen. In Wirklichkeit werden Menschen nicht frei und gleich geboren (vgl. Walzer 1999: 12).[102] Sie sind unfreiwillig Mitglied einer Gruppe (Familie, Klasse, Schicht, Sprachgemeinschaft) und damit eben nicht gleich in ihren Ausgangsvoraussetzungen. Mit Worten Bourdieus: die Menschen sind nicht gleich in den Voraussetzungen bzw. Möglichkeiten der (familiären) Aneignung von kulturellem Kapital. Die »unfreiwillige Assoziation« ist der unmittelbarste Grund für Ungleichheit, da sie Menschen an einen bestimmten Platz in der sozialen Hierarchie fesselt (vgl. Walzer a.a.O.)[103] Hier besteht ein Berührungspunkt zwischen der Liberalismuskritik in Michael Walzers Ansatz und dem Ansatz von Pierre Bourdieu (vgl. 2001: 39). Indem beispielsweise das Schulsystem alle SchülerInnen in ihren Rechten und Pflichten gleich behandelt, wie ungleich sie auch in Wirklichkeit sein mögen, rechtfertigt und kaschiert es faktisch die ursprüngliche Ungleichheit, so Bourdieu[104] und leistet damit einen Beitrag zur Reproduktion der gegebenen Sozialstruktur der Gesellschaft als selbstverständliche Doxa.

3. Soziales Kapital (Kapital an Beziehungen zwischen Menschen und Menschengruppen) ist die Gesamtheit von aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit sozialen Beziehungen bzw. einem Netz sozialer Beziehungen zusammenhängen. Durch gegenseitige Anerkennung übt das Sozialkapital einen „Multiplikatoreneffekt“ auf das tatsächlich verfügbare ökonomische Kapital aus.[105] Dabei sind die Profite, die sich aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ergeben, gleichzeitig die Grundlage für die Solidarität, die eben diese Profite ermöglicht. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass diese Profite bewusst angestrebt werden, nicht einmal in bestimmten Gruppen (z.B. exklusive Clubs), die darauf ausgerichtet sind, Sozialkapital zu konzentrieren. Für die Erhaltung von Sozialkapital ist eine unaufhörliche Beziehungsarbeit notwendig. Ein Beziehungsnetz ist

»das Produkt individueller oder kollektiver Investitionsstrategien, die bewußt oder unbewußt auf die Schaffung und Erhaltung von sozialen Beziehungen gerichtet sind, die früher oder später einen unmittelbaren Nutzen versprechen« (vgl. Bourdieu 1997: 64f).

Die verschiedenen Möglichkeiten von sozialen Akteuren, in der Praxis über verschiedene Kapitalsorten zu verfügen, das heißt die ungleiche Verteilung von Kapital, bestimmt die jeweiligen Handlungs- und Profitchancen der Akteure in einem Feld (vgl. Schwingel 1995: 80). Kapital ist die Grundlage zur Aneignung von Profiten und zur Durchsetzung von Spielregeln in einem Feld, die für das Kapital und seine Reproduktion günstig sind (Bourdieu 1997: 58).

Hier setzt meine Kritik an der modernen Wirtschaftstheorie an, die, so meine im folgenden Kapitel darzulegende These, »als Doxa wirkendes kulturelles Kapital« darstellt. Das kulturelle Kapital der modernen Wirtschaftstheorie wird dazu verwendet, die »Spielregeln« der Wirtschaft zu bestimmen, womit über die daraus resultierenden »Sachzwänge« Druck auf alle anderen davon abhängigen gesellschaftlichen Felder ausgeübt wird. Wenn eine Theorie der Sozialen Arbeit diesen Gesichtspunkt nicht reflektiert, kann die Soziale Arbeit als Wissenschaft und Profession nur auf die von der ökonomische Wissenschaft gesetzten »Regeln« reagieren.

Diesen Punkt hat Bourdieu im Blick, wenn er meint, es sei höchste Zeit, dass die Sozialwissenschaften auf einer andere Ebene eingreifen, die »immer häufiger Ökonomen überlassen wird« (vgl. 1998a: 54).

4.2 Komplizen der Sachzwänge - Kritik der Theorie und Praxis des Neoliberalismus

In diesem Kapitel sollen zunächst einige Grundbegriffe der neoliberalen Doxa kritisiert werden. Dazu werde ich die wissenschaftlichen Werkzeuge Bourdieus benutzen, aber auch Kritik von anderen Wissenschaftlern einbeziehen.

Pierre Bourdieu hat sich als Intellektueller politisch zu Wort gemeldet, um den Neoliberalismus zu hinterfragen. Zum umfassenden Verständnis seiner Kritik ist es wichtig, auch seine wissenschaftlichen Werkzeuge zu kennen. Seine Neoliberalismus-Kritik zeigt sich gebündelt in dem Buch »Gegenfeuer - Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion« (1998b).

Bourdieu betrachtet die liberale Wirtschaftstheorie als kulturelles Kapital mit allen von ihm definierten Eigenschaften. In dieser Form ist sie zur gesellschaftlichen Doxa geworden, zu einer unhinterfragten Selbstverständlichkeit des Alltags. Sie wird unbewusst weitervermittelt, in Lehrplänen, Universitäten und Medien und ist verinnerlicht im Habitus der Menschen, in ihrer Art, die Welt zu betrachten. Als »inkorporiertes kulturelles Kapital« wirkt die liberale Wirtschaftstheorie auf Ökonomen, Wissenschaftler, Politiker, Journalisten und Laien. Außerdem wurde sie als kulturelles Kapital in internationalen Richtlinien für Finanzmärkte oder internationalen Einrichtungen wie dem Internationalen Währungsfond (IWF) »objektiviert«. Wenn zum Beispiel die Altersvorsorge (teil-)privatisiert wird, dann wird die Wirklichkeit vom Modell einer kollektiven Absicherung in Richtung einer individuellen Vorsorge umgestaltet. Diese »Individualisierung« ist auch eine Umgestaltung der Wirklichkeit hin zu der neoklassischen Grundannahme des methodologischen Individualismus. Somit wird auch der Erklärungswert und die Legitimiät der liberalen Wirtschaftstheorien für die Wirklichkeit höher, da die Wirklichkeit immer mehr den Grundannahmen zu entsprechen scheint.

Zwischen dem Habitus von »liberalen« Ökonomen und Politikern und dem ökonomischen Feld entsteht so eine Komplizenschaft. Ökonomischer Habitus und ökonomisches Feld stabilisieren sich gegenseitig. In dem folgenden Abschnitt sollen Wechselwirkungen (»Komplizenschaft«) zwischen dem Habitus von Ökonomen (mit ihren Theorien als kulturellem Kapital), Bankvertretern sowie Politikern einerseits und dem ökonomischen Feld andererseits dargestellt werden.

4.2.1 Die neoliberale Doxa, Inhalt und Kritik

Bourdieu kritisiert die herrschende Wirtschaftspolitik und -theorie. In der Theorie hätten sich einige Grundannahmen, wie Wachstum und Wettbewerb als selbstverständlich durchgesetzt (1998b: 40). Zudem wirke die Macht (wirtschafts-)wissenschaftlicher Autorität in der Gesellschaft bis ins Bewusstsein der Beschäftigten (a.a.O.: 62). Die mathematische Ökonomie werde dazu benutzt, Dinge zu rechtfertigen, die nicht zu rechtfertigen seien. Dieser Ideologie, der ein schlichtes und einfaches konservatives (kapitalistisches) Denken zugrundeliegt und die sich zudem unter dem »Deckmantel der Vernunft präsentiere«, gelte es »vernünftige Gründe, Argumente, Widerlegungen, Beweise entgegenzusetzen, kurzum: es gilt, wissenschaftliche Arbeit zu leisten.« (a.a.O.).

Deshalb sollen im Folgenden die Begriffe Wachstum, Wettbewerb und Freiheit aus dem neoliberalen Konzept der Neuen Sozialen Marktwirtschaft kritisch beleuchtet werden. Es sollen Kritiker des liberalen Paradigmas aus verschiedenen wissenschaftlichen Denkrichtungen angeführt werden.

In der vom Neoliberalismus geprägten Politik gäbe es eine Reihe von Wort-Assoziationen wie Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Deregulierung, die Glauben machen, die neoliberale Botschaft sei eine Botschaft der allgemeinen Befreiung. Gegen diese Doxa gelte es zunächst mit der Offenlegung der Mechanismen, nach denen sie entstehe und durchgesetzt werde anzugehen (a.a.O.: 41). Der Neoliberalismus präge die herrschende Politik. Die Mächtigen in politischen Instanzen und in der Diskursproduktion seien dabei, eine »ungeheure politische Arbeit« zu verrichten, um die Betriebsbedingungen der neoklassischen Wirtschaftstheorie herzustellen. Der wissenschaftliche Ansatz der Neoklassik sei zu einem politischen Programm geworden. »[E]s ist ein Programm der planmäßigen Zerstörung der Kollektive.« (a.a.O.: 110). Mit »Kollektiven« meint Bourdieu eine Reihe sozialer und gesellschaftlicher Errungenschaften, die »alles, was öffentlich ist« betreffen (Bourdieu1998a: 60): die Arbeit, das öffentliche Bildungswesen, den öffentlichen Personenverkehr und vieles mehr.

Im Folgenden möchte ich untermauern, dass Bourdieu Recht zu haben scheint, wenn man die neoklassische Theorie und die neoliberale Politik betrachtet. Die neoklassische Theorie baut auf der Idee des methodologischen Individualismus auf.[106] Die Vertreter der Neuen Sozialen Marktwirtschaft sehen es als notwendig an, »dass die Deutschen im 21. Jahrhundert ihre kollektiv organisierten Systeme zurückfahren« (Rodenstock 2001: 79).

»Manches spricht dafür, dass sich die Neue Soziale Marktwirtschaft schrittweise aus ihrer von kollektivistischen Vorstellungen geprägten Vergangenheit löst.«, meint Rodenstock (a.a.O.: 83). Das Individuum suche nur da den Schulterschluss mit anderen, wo es allein nicht klarzukommen meine. Da sich heute viele Chancen und Möglichkeiten böten, würde sich das Schutzbedürfnis verringern (a.a.O.: 71).

Freiheit sei gleichermaßen das Fundament von Demokratie und Marktwirtschaft (a.a.O.: 33). Das politische Demokratieprinzip tauge nicht dafür, auf die Wirtschaft angewandt zu werden. Es sei »rückwärtsgewandt«, die an Bedeutung verlierende betriebliche Mitbestimmung künstlich auszuweiten, um die schwindende Gewerkschaftsmacht künstlich zu stabilisieren (a.a.O.: 82). In der Sichtweise der Neuen Sozialen Marktwirtschaft zeigt sich die wahre gesellschaftliche Demokratie als »Kuppelprodukt« mit der Marktwirtschaft. Die Mitwirkung der Menschen beschränkt sich darin nicht darauf, alle vier Jahre den Bundestag zu wählen:

»Ökonomisch wird auf den Märkten täglich millionenfach über Angebote und Chancen abgestimmt - und so eröffnet eine liberale und demokratische Gesellschaft dem Bürger eine Vielzahl von Einflussmöglichkeiten.« (a.a.O.: 188).

Diese neoliberale Sichtweise geht, wie bereits erwähnt, implizit davon aus, dass alle Menschen (analog zum theoretischen Modell) die gleichen Startchancen haben[107] (»Chancen für Alle«). Die ungleiche Verteilung von kulturellem Kapital am Start wird ebenso ignoriert, wie die ungleichen Einkommen. Dass die Wurzel der Marktwirtschaft die Freiheit sei, klinge nach beschwörender Sonntagsrede, meint Rodenstock (2001: 33). Auf die Wirtschaft angewendet ergäben sich aus dem abstrakten Prinzip aber sehr konkrete Freiheiten. Jedermann solle - innerhalb eines festgelegten Ordnungsrahmens - einen Beruf oder ein Gewerbe seiner Wahl ausüben dürfen; Anbieter und Nachfrager würden sich in einem unbehinderten Markt und einem freien, aber fairen Wettbewerb begegnen. »Auch die Preise sollen sich frei und ohne staatlichen Einfluss am Markt bilden; jedermann mag sich seine Ausbildung, seinen Wohnort und seinen Arbeitsplatz wählen.« (a.a.O.). Der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann (1994: 113) ist bei seiner Analyse des Wirtschaftsgeschehens gegenteiliger Meinung:

»In diesem Zusammenhang wird man ein weiteres Vorurteil revidieren müssen, das aus der liberalen Ideologie stammt und besagt, daß die sich selbst regulierende Marktwirtschaft ein Höchstmaß an Freiheit in der Realisierung individueller Bedürfnisse, und sei es: unter ungleichen Bedingungen, gewährleiste. Dabei geht man davon aus, daß ein durch den Markt festgelegter Preis mit Freiheit kompatibel sei, dass dagegen politisch beeinflußte oder gar fixierte Preise diese Freiheit beeinträchtigen. In beiden Fällen findet sich der Konsument jedoch normalerweise mit Preisen konfrontiert, die er nicht beeinflussen kann. Er kann nur, gleichgültig, wie der Preis zustandegekommen ist, kaufen oder nicht kaufen. Die Freiheit ist im einen Falle nicht größer als im anderen, denn das Problem liegt in der Frage, wie hart den Interessenten die Alternative, nicht zu kaufen, trifft. In jedem Falle ist geregelter oder liberaler Markt für ihn Umwelt, und die Unterschiede sind, was Freiheit betrifft, trivial - es sei denn, daß man Freiheit verstehen will als Unerkennbarkeit der Ursache von Freiheitseinschränkungen.«

Der Verfechter der Neuen Sozialen Marktwirtschaft, Randolf Rodenstock meint weiter:

»(...) sozial heißt eben nicht, dass man aus lauteren und gemeinwohlorientierten Motiven handelt, sondern dass das Ergebnis des Handelns - und sei es noch so egoistisch motiviert - der Gesellschaft nutzt. Dafür, dass dies so kommt, sorgt der Wettbewerb am Markt.« (2001: 23).

Wettbewerb sei das Lebenselixier des Fortschritts meint Rodenstock (a.a.O.: 162) und steuere bei freier Preisbildung die Märkte (a.a.O.: 45). Sein Berater Peter Gillies stellt das neoliberale Marktprinzip drastischer dar:

»Der Wettbewerb, jenes Prinzip von Vorstoß und Verfolgung, also die Jagd nach der möglichst besten und preiswertesten Lösung, ist das Zentrum des marktwirtschaftlichen Leitbildes. Beim Sport hat niemand Probleme damit. Das Prinzip, stets der höheren und besseren Leistung nachzujagen, wird dort allgemein akzeptiert. Da geht es um Zentimeter und Tausendstelsekunden. Das Publikum spendet brausenden Beifall. Nie käme es auf den Gedanken, dem Letztplatzierten etwa deswegen zu applaudieren, weil es sich um einen Alleinerzieher mit psychosozialen Problemen handelt. Beim Kampf um die sportliche Höchstleistung wird kein Pardon gegeben.« (Gillies 2000: 7)

Am Ende des Buches »marktwirtschaft.de« vergleicht Gillies gar die Effizienz an Märkten mit dem Kampf zwischen Räuber und Beutetier (vgl. 2000: 96), die durch gegenseitige Auslese der schwächsten Individuen zur Höherentwicklung der jeweiligen anderen Art beitragen. Gillies fragt, ob der globalisierte Wettbewerb nicht zu einem solchen Raubtierkäfig geworden sei, »in dem Jäger und Gejagte unter Mutationsstress einer zwanghaften Höherentwicklung zutreiben« (a.a.O.). Noch schütze der Sozialstaat die Leistungsschwachen in Deutschland vor der Auslese. Das Problem liege freilich darin, dass im Nachbargehege die Leistungsschwächeren vom »Heger« (d.h. dem Sozialstaat und den Sozialpädagogen) nicht gleichermaßen vor der Auslese geschützt werden. »Prallen sie im freien Feld aufeinander, ist das Schicksal der Geschützten besiegelt.« (a.a.O.). Schützenswert sei letztlich nicht der Mensch als Wettbewerber, sondern der Wettbewerb als wirtschaftliches Prinzip, so die Feststellung von Gillies (2000: 10). Niklas Luhmann kritisiert solche unhinterfragten ökonomischen Grundannahmen, die den Charakter von Werturteilen[108] tragen:

»Oft findet man Aussagen wie: Das Prinzip der Marktwirtschaft ist der Wettbewerb. Angeschlossen werden Bekenntnisse und politische Empfehlungen. Die Wirtschaftswissenschaften verstehen sich als praktische Wissenschaften. Weniger deutlich ist, wie man feststellen kann, ob eine Situation noch dieser Anforderung entspricht; und vollends unklar ist, welchen empirischen Status das hat, was hier Prinzip genannt wird.« (Luhmann 1994: 101)

Aus ökonomischer Perspektive wird das bedingungslose Bekenntnis zum Wettbewerb unter anderem durch die Gruppe von Lissabon kritisiert (1997). Die Mitglieder der Gruppe von Lissabon sind renommierte Wissenschaftler verschiedener Disziplinen sowie politische und ökonomische Praktiker aus Westeuropa, Japan und Nordamerika. Die Gruppe begann ihre Arbeit 1992 in Lissabon unter Leitung von Riccardo Petrella[109]. Ihrer Meinung nach liefere »Wettbewerbsfähigkeit«[110] keine wirksamen Antworten auf die Probleme und Chancen der neuen globalen Welt und ihrer Gesellschaften. Im Gegenteil ergäben sich unerwünschte gegenläufige Effekte. Das erstaunlichste Ergebnis der »Wettbewerbsideologie« sei, dass sie sogar dem Wirtschaftsprozess strukturell schaden könne, »von ihren zerstörerischen Effekten ganz abgesehen«. Das erste Ergebnis der Wettbewerbsideologie sei ein Wettbewerbskrieg, den »Nordamerikaner, Europäer und Japaner« zu Lasten der sozial schwächsten Menschen in ihren Ländern führten. Die nicht konkurrenzfähigen Menschen, Unternehmen, Städte und Nationen würden abgehängt, sie seien nicht länger »Subjekte ihrer Geschichte«[111]. Die Wettbewerbsideologie übersehe, dass der Markt nicht alles sei, was die wirtschaftliche Entwicklung sowie die Wohlfahrt der Menschen und Länder bedinge (a.a.O.: 137ff). Die Ideologie des Wettbewerbs sei nicht nur einseitig, sondern auch schlecht.

»Sie nimmt die wenigen Dinge, die sie erkennt nicht im richtigen Maßstab wahr. Wettbewerbsfähigkeit reduziert die gesamte conditio humana auf die Einstellungen und Verhaltensformen des >homo oeconomicus< als >homo competitor<.«

Kritik am neoliberalen Wettbewerbs-Dogma übt auch die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (2002b). Sie zeigt auf, dass »Privatisierung« und »Marktorientierung« (die beide zu mehr Wettbewerb führen) zu »Marktfehlern« führen, die insbesondere die Schwächsten der Gesellschaft treffen (a.a.O.: 20). Diese gehören zu den »klassischen« AdressatInnen der Sozialen Arbeit. An den Folgen der »Marktöffnung« bei Krankenkassen könne man die ganze Misere eines wettbewerbsorientierten Gesundheitswesens ablesen:

»Krankenkassen im Wettbewerb neigen immer dazu, sich stärker um das Interesse der vielen zahlenden, meist jüngeren und gesünderen Versicherten mit niedrigen Beiträgen und allerlei Wohlfühl-Angeboten zu kümmern als um das der wenigen kostenträchtigen, meist älteren PatientInnen. Das Beispiel der amerikanischen Health-Maintenance Organisations zeigt, dass dies zu einer Ökonomisierung der Krankenversorgung und medizinisch bedenklichen Leistungskürzungen führen kann.« (a.a.O.: 24f)

Die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik zeigt außerdem auf, wie die ungünstigen Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen (unregelmäßige Schichten, undokumentierte und unbezahlte Überstunden, Nachtarbeit, Arbeitshetze, Stress, schlechte Bezahlung) zu einer weiteren Verschlechterung der Gesundheitsversorgung führen (a.a.O.: 34f). Die Probleme dürften auf andere Bereiche des Sozialstaats übertragbar sein.[112]

Wachstum ist eine weitere unhinterfragte Grundannahme der Neuen Sozialen Marktwirtschaft und des herrschenden Paradigmas der ökonomischen Theorie. Kaum jemand bestreite, dass die Marktwirtschaft eine Ordnung der Effizienz sei, meint Rodenstock. Belegt werde dies durch den Zusammenbruch sozialistischer Planwirtschaften.[113] »Kritiker der Marktwirtschaft« würden behaupten, dieser Vorzug der Effizienz werde mit mangelnder menschlicher Wärme, schwindender sozialer Fürsorge und ökonomischer Unbarmherzigkeit erkauft. Überdies belohne der marktwirtschaftliche Wettbewerb nicht nur die Leistung, sondern auch die stärkeren Ellenbogen; »ihm fehle eben die Moral«. Viele Bürger forderten nun eine stärkere Umverteilung, so Rodenstock. Diese Forderung sei jedoch »ebenso falsch wie unhistorisch«. Sie übersehe, dass das Ziel eines „Wohlstands für Alle“ nur über die Mehrung des Sozialprodukts (also Wachstum) erreicht worden sei und nie über dessen geschickte Verteilung (vgl. Rodenstock 2001: 40).

Diese Grundannahme des Wachstums lässt sich aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen kritisieren. Als erstes soll die Systemtheorie angeführt werden. Die »unsichtbare Hand« des Marktes von Adam Smith habe schon im 17. Jahrhundert Fortschritt symbolisiert. Nachdem diese zunehmend »unter Arthrose zu leiden begann«, so Luhmann (1994: 100), habe das wirtschaftliche Wachstum diese Funktion übernommen. Man habe in der Theorie die Annahme einer Mengenkonstanz aufgegeben, um durch die Art der Verteilung (Allokation) ein Mengenwachstum zu produzieren und zugleich diejenigen, die dabei zu kurz kommen, abfinden zu können. Den Politikern und der öffentlichen Meinung werde folglich suggeriert, Wirtschaftswachstum sei notwendig und eine Bedingung gesellschaftlicher Stabilität (a.a.O.). Auch aus ökonomischer Perspektive gibt es Kritik am Wachstumsdogma. Norbert Reuter (vgl. 2000; 2001), Ökonom und Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, weist auf theorieimmanente Probleme der vorherrschenden Annahme gleicher jährlicher Wachstumsraten hin. Gleiche Wachstumsraten in der Wirtschaft (z.B. 2%), bedeuteten eine real zunehmende exponentielle Steigerung des Bruttoinlandsproduktes (vgl. 2001: 19). Umgekehrt habe eine real konstante (lineare) Zunahme der Wirtschaftsleistung abnehmende Wachstumsraten zur Folge. Eine nicht auf Wachstumsraten fixierte Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung komme so zu dem Ergebnis, dass die wirtschaftliche Expansion heute genauso kräftig sei, wie in den Anfangsjahren der Bundesrepublik. Langfristig sinkende Wachstumsraten könnten somit nicht als Ausdruck einer gebremsten oder weniger dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung interpretiert werden, wie es Vertreter der Neuen Sozialen Marktwirtschaft machen. Die Versachlichung der Diskussion über gegenwärtige wirtschaftliche Probleme setze eine Abkehr vom Denken in Wachstumsraten voraus. Eine lineare wirtschaftliche Expansion sei mit entsprechend langfristig sinkenden Wachstumsraten für alle entwickelten Industrieländer typisch (a.a.O.). Aus ökonomisch-ökologischer Sicht spielt vor allem die durch Nicholas Georgescu-Roegen (1987) angestoßene Debatte eine Rolle. Der Physiker und Ökonom kritisiert mit dem physikalischen Ansatz der Thermodynamik die Vorstellung, in einem (relativ) geschlossenen System (mit Ausnahme der Einstrahlung von Sonnenenergie) wie der Erde, könne unendliches Wachstum hinsichtlich Stoff- und Energieverbrauch stattfinden. Georgescu-Roegen habe damit die Ökonomie auf einen epochalen Wechsel der Sichtweise vorbereitet, meint der Zeit-Wirtschaftsredakteur Nikolaus Piper (1993). Mit Bezug auf diese Debatte und die moderne Ökonomische Theorie schreibt der Ökonom und ehemalige Vorsitzende der Umweltorganisation Greenpeace International, Thilo Bode (1999: 176):

»Bemerkenswert ist, mit welcher Unverfrorenheit eine Wissenschaft, die sich ohnehin nicht gerade durch Meßbarkeit und allgemeine Gültigkeit von Ergebnissen auszeichnet, physikalische Grundgesetze, wie die Gesetze der Thermodynamik, schlichtweg negiert. Das war nicht immer so. Die klassische ökonomische Theorie hat sich durchaus mit den Grenzen des Wachstums befaßt.«[114]

4.2.2 Ein »starker Diskurs«

Mit Bourdieu kann die Weltwirtschaft als Feld betrachtet werden. Durch die Liberalisierung der internationalen Finanzmärkte auf Basis der modernen Wirtschaftstheorie sind auf diesem Feld Sachzwänge entstanden, die zunehmend die Handlungsfähigkeit der Nationalstaaten einschränken.

Die Struktur des weltweiten ökonomischen Feldes gibt diesen Sachzwängen einen schicksalhaften Anstrich. Sie werden zur selbstverständlichen Doxa. Dieser schicksalhafte Anstrich verdeckt die Tatsache, dass die Struktur des Feldes von Menschen aktiv gestaltet wurde. Bankvertreter, Finanzpolitiker u.a. haben sich zu »Komplizen der Sachzwänge« gemacht (vgl. Bourdieu 1998b: 48f). Die »ehernen Gesetze des Liberalismus« werden von ihnen mit Arroganz verkündet und durchgesetzt, wodurch ein Gesellschaftsvertrag aufgekündigt wird, der der Zähmung der »archaischen Kräfte des Marktes« diente so Bourdieu (vgl.a.a.O: 8). Dieser Gesellschaftsvertrag war eine historische Errungenschaft der sozialen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Arbeitsschutz und Mitbestimmung sind nur zwei Stichworte (vgl. Bourdieu 1998b: 8). Die Sachzwänge werden heute als vermeintlich naturgegebene Mechanismen behandelt (a.a.O.: 101):

»Bei dem, was man ständig als ein von den unwandelbaren >Naturgesetzen< des Gesellschaftlichen regiertes Wirtschaftssystem hinstellt, scheint es sich meines Erachtens in Wirklichkeit vielmehr um eine politische Ordnung zu handeln, die nur mittels der aktiven und passiven Komplizenschaft der im eigentlichen Sinne politischen Mächte errichtet werden kann.«

Bestimmte beobachtbare Regelmäßigkeiten der ökonomischen Welt (wie Wachstum und Wettbewerb) werden zu Regeln für die Praxis gemacht. Es findet ein Übergang vom Modell der Realität zur Realität des Modells statt. Ökonomische Regelmäßigkeiten werden ihrer »ureigenen Logik überlassen, dem sogenannten Gesetz des Marktes, das heißt: dem Recht des Stärkeren.« (Bourdieu 1998b: 44).

Der Übergang zum Liberalismus vollziehe sich unmerklich „wie die Kontinentaldrift“ und verstelle so die Sicht auf seine langfristig verheerenden Folgen, so Bourdieu (vgl. 1998b: 117). Überall höre man „den lieben langen Tag“, dass der neoliberalen Weltsicht nichts entgegenzusetzen sei, da sie offensichtlich zutreffe. Der Neoliberalismus zeige sich schließlich im »Schein der Unausweichlichkeit« (a.a.O.: 40). Er ist nach Bourdieu (1998b: 39) ein starker Diskurs und gleicht dem »psychiatrischen Diskurs in einer Anstalt« (vgl. Goffman 1974). Er sei deshalb so mächtig und schwer zu bekämpfen, weil er alle Kräfte in einer Welt der Kräftebeziehungen für sich habe, zu deren Schaffung er als solcher beitrage, »weil er die Entscheidungen derjenigen ausrichtet, die die wirtschaftlichen Beziehungen beherrschen und ihnen derart seine eigentümliche, ganz symbolische Macht hinzufügt.« (Bourdieu 1998b: 110).

Angesichts der stetigen und schleichenden Durchsickerung dieses »regelrechten Glaubens« komme der Wissenschaft keine geringe Aufgabe zu. Die offensichtliche Banalität der neoliberalen Weltsicht liege darin, dass eine umfassende Arbeit »symbolischer Einprägungen« stattfinde, die Journalisten und einfache Bürger wiederholen lasse, was seit 25-30 Jahren von bestimmten Intellektuellen gezielt in Umlauf gebracht werde (a.a.O.). Anfangs gegen den Strom wurden »unermüdlich jene Vorstellungen produziert, die nach und nach ganz selbstverständlich geworden sind.« (a.a.O.: 40). »[E]s braucht Zeit, damit Falsches zu Wahrem wird«, meint Bourdieu. (a.a.O.: 39).

Eine kritische Wissenschaft könne zunächst vor allen Dingen der Produktion und Zirkulation dieses Diskurses nachgehen. Verschiedene Untersuchungen hätten gezeigt, dass Intellektuelle, Journalisten und Geschäftsleute eine »höchst nachhaltige Gemeinschaftsarbeit« verrichtet haben, um die neoliberale Weltvorstellung als selbstverständlich durchzusetzen (a.a.O.. 39). Die Untersuchungen zeigten, wie die neoliberale Weltsicht erzeugt, verbreitet und eingetrichtert wird. Bourdieu verweist auf das Buch »Die Evangelisten des Marktes« von Keith Dixon (1998), in dem die Geschichte verschiedenster neoliberaler Think-Tanks dargestellt wird. Für Deutschland gibt es noch nicht viele solcher Untersuchungen. In diesem Abschnitt soll deshalb dargestellt werden, wer in Deutschland zum »Anschein von Einstimmigkeit« (vgl. Bourdieu 1998b: 11) beiträgt, der die Stärke des neoliberalen Diskurses ausmacht.

In Deutschland ist das »Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik« mit seinem wissenschaftlichen Beirat, dem »Kronberger Kreis«, eine der bedeutendsten Institutionen, die sich mit der Popularisierung und Verbreitung neoliberalen Gedankenguts beschäftigt (vgl. Schui u.a.1997: 239-270). Die Kronberger Kreis-Studie »Mehr Mut zum Markt - konkrete Problemlösungen«[115] aus dem Jahr 1986 ist eine konkrete Ausformulierung von Konzepten für eine neue Gesellschaftsordnung und kann als »Standardwerk der neoliberalen Politik« in Deutschland gelten (a.a.O.: 242f). Zum Beraterkreis der Studie gehört der Vorsitzende des unternehmernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und Berater der INSM Gerhard Fels, sowie der Vorsitzende der Tübinger »Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft (ASM)«,[116] Joachim Starbatty. Starbatty setzt sich mit der ASM für die Verbreitung wirtschaftsliberalen Gedankenguts an Schulen ein.

4.2.2.1 Neoliberalismus als Lernstoff

Der Ökonom Ralf Ptak (2000: 203) wirft den deutschen Neoliberalen vor, darauf abzuzielen, »unter Beibehaltung formaler Demokratiegrundsätze das ordoliberale Programm auf institutionellem Wege, durch die Beeinflussung rechtlicher Normen und die Inanspruchnahme der Medien durchzusetzen.« Dazu gehöre jene bereits von Walter Eucken geforderte streng ökonomische Schulung, »wie wir sie heute in fast jeder Tageszeitung und jedem Radio- bzw. Fernsehkanal finden, die mittlerweile sogar Einzug in die Grundlagenbildung von Schulen und Universitäten hält« (a.a.O.).

Die Schwachpunkte der modernen ökonomischen Theorie, die Bourdieu kritisiert, werden dabei im Lernstoff als Teil der neoliberalen Doxa weitergegeben.

Anhand liberaler Marktmodelle, wie dem Theorem der »komparativen Kostenvorteile« von David Ricardo, lässt sich der von Bourdieu kritisierte »doppelte Platz der Regel«[117] in der modernen Volkswirtschaftslehre demonstrieren. Ebenso die Übertragung der „praxisentlasteten“ theoretischen Erkenntnisse auf die Praxis.[118] Mit dem mathematischen Modell von David Ricardo wird häufig der weltweite Freihandel (neoliberale Globalisierung) legitimiert (vgl. Starbatty 2000: 29). Das Beispiel findet sich in vielen Lehrbüchern zur Volkswirtschaftslehre (z.B.: Hanusch/Kuhn 1998: 357ff). Die genaue Argumentation spielt für die Kritik Bourdieus hier keine Rolle. Wichtig ist nur die methodische Vorgehensweise der Theoretiker der Neuen Sozialen Marktwirtschaft und die Schlussfolgerungen für die Praxis. In der Einführungsvorlesung zur Volkswirtschaftslehre in Tübingen betont Starbatty (a.a.O.), dass das Modell auf weitgehend unrealistischen Annahmen beruht.

Die Annahmen Ricardos sind unter anderem: die Reduktion der Welt auf 2 Länder, die Reduktion der Produktion auf zwei Güter (Wein und Tuch), keine Transportkosten, und Markttransparenz. Das positive Ergebnis, dass freie Märkte allen nützen, kommt im Modell nur zustande, wenn alle diese Bedingungen genau erfüllt sind (Ceteris-paribus-Klausel).

Ob die Modellannahmen der Realität entsprechen oder nicht, meint nun Starbatty, sei jedoch »völlig belanglos«. Das Gedankenexperiment mit unrealistischen Annahmen werde nur verwendet, um den Sachverhalt klar zu machen, dass sich Außenhandel für alle Länder lohne (a.a.O.).

»Auf den Spuren Ricardos« wandele auch der sogenannte Ceccini-Bericht einer Forschergruppe der Europäischen Union. Durch »Marktintegration«, also Freihandel werde eine »beträchtliche Steigerung von Wohlstand und Beschäftigung« prognostiziert (a.a.O.: 98): »Die Wohlstands- und Beschäftigungsgewinne wären für die EU erst dann erschöpft, wenn alle Staaten der Erde Mitglieder der EU wären, also bei vollendeter Globalisierung« meint Starbatty (2000: 98). Das Problem sei nur, dass die nationalen Wohlfahrtsgewinne auf Kosten einer Region oder eines Sektors in einem Land erzielt werden. Um diese »Dramatik« darzustellen, wird das theoretische Modell auf zwei Ländergemeinschaften mit je zwei Mitgliedsländern ausgebaut: »Wenn nun Freihandel auch zwischen den Gemeinschaften vereinbart wird, dann wird in jeder Gemeinschaft ein Land Gewinner und ein Land Verlierer sein, obwohl per Saldo der Wohlstand für jede Gemeinschaft zugenommen hat. Es ist offensichtlich, dass sich in jeder Gemeinschaft dasjenige Land der Globalisierung widersetzt, das sich für einen potentiellen Verlierer hält« (Starbatty 2000: 99). »Globalisierung dient auch dann der Wohlfahrt, wenn es einigen Sektoren weh tut«, betont Starbatty (2000: 92). Ricardo sei der maßgebliche Begründer der Freihandelslehre geworden (a.a.O.).

Nach dem in Abschnitt3.3(S.22) erläuterten Popper-Kriterium, ist die Möglichkeit des Scheiterns einer Theorie umso größer, je höher ihr Realitätsgehalt wird. Die Begründung des Freihandels mit dem Argument, dass sich Freihandel für alle lohne, scheitert schon bei einem kleinen Schritt des Ricardo-Modells in Richtung auf mehr Realitätsbezug, also der Ausweitung auf mehr Länder. Im mathematischen neoklassischen Modell kann der Freihandel nicht mit Wohlfahrtssteigerung für alle Beteiligten begründet werden. Starbatty spricht in seiner Einführungsvorlesung solche Methodenprobleme in Bezug auf ökonomische Prognosen an und bezieht sich explizit auf Popper: Prognosen müssen scheitern (bzw. falsifiziert werden) können, damit sie informativ sind (vgl. Starbatty 2000: 113). Er weist darauf hin, dass aus der Widerlegung einer Prognose (zum Beispiel: »Freihandel lohnt sich für alle«) nicht unmittelbar die Widerlegung der Theorie folgen kann, wenn »unerwartete exogene Größen« aufgetreten sind (a.a.O.: 114). Damit versucht er, die Theorie hinter der neoliberalen Politik mittels der Ceteris-paribus Klausel gegen Kritik zu immunisieren (siehe Abschnitt3.3, S.22). Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob es so unerwartet ist, dass die Weltwirtschaft aus mehr als zwei Ländern besteht. Trotzdem überträgt Starbatty die theoretischen Erkenntnisse aus unrealistischen ökonomischen Modellannahmen auf die Praxis. Um den Freihandel trotzdem legitimieren zu können, wird nun vom mathematischen Modell Abschied genommen. Der aus dem Zusammenhang gerissene Begriff der »Schöpferischen Zerstörung« von Joseph Schumpeter wird als Grundlage für ein nicht begründetes Werturteil genommen, in dem behauptet wird, negative Folgen des neoliberalen Freihandels seien eine für die wirtschaftliche Dynamik des Kapitalismus notwendige »Schöpferische Zerstörung«.[119]

In dem an Starbattys Lehrstuhl entwickelten Computerplanspiel MACRO, das auch in den Lehrplänen der allgemeinbildenden Gymnasien Baden-Württembergs verankert werden soll, um den »Kenntnisstand der jungen Generation« in Deutschland zu verbessern, wird die Welt, wie im Modell Ricardos, auf zwei Länder reduziert (vgl. ASM-Bulletin 1999/2). Zwei Schülergruppen repräsentieren die beiden Länder und spielen gegeneinander (vgl. auch im Internet: www.asm-ev.de). »Ziel des Simulationsspiels ist es, „den Schülern volkswirtschaftliche Zusammenhänge auf spielerische Weise näherzubringen und sie Ökonomie erleben zu lassen“, erläutert Joachim Starbatty« (Heilbronner Stimme 1999).

Die Schülerinnen und Schüler werden für das Planspiel in Gruppen aufgeteilt und handeln als Entscheidungsträger. Sie sollen so das wirtschaftliche Umfeld, Ziele und Handlungsparameter von Unternehmen, Gewerkschaften, Notenbank und Regierung kennenlernen. Sie müssen in ihrem jeweiligen Sektor Entscheidungen treffen und simulieren unter anderem Tarifverhandlungen, Reaktionen auf Zahlungsbilanzschwierigkeiten, sowie staatiche Haushaltsführung (vgl. ASM-Bulletin 1999/2: 2).

»Wer in die Rolle von „Land A“ schlüpft und gegen „Land B“ spielt, erkennt rasch, welche Gewerkschaften besser abschneiden (...) Unerbittliche Rückmeldungen über die Entscheidungen liefert der Rechner, der vorführt, ob die Gruppe mit ihrer „Inflationsrate zu hoch war“ Die Lernerfolge des Spiels seien überzeugend, sagt Starbatty (Frankfurter Allgemeine Zeitung 1999). «

Die Erfahrungen mit dem Planspiel zeigen, so die ASM, »daß auch Teilnehmer mit geringem ökonomischen Kenntnissen binnen kurzem den ökonomischen Grundwortschatz erlernen und anwenden, Zielkonflikte erkennen, ökonomische Strukturen begreifen und Interdependenz von Teilsystemen erfahren« (ASM-Bulletin 1999/2: 2f).[120] Die Schülerin Maureen Klotz würde beispielsweise, nachdem sie das Planspiel gespielt hat, als »wirtschaftspolitischer Berater der Regierung« dem Bundeskanzler raten, das Arbeitslosengeld zu senken. »Warum? „Die Bereitschaft zu arbeiten, wäre bei den Leuten sicher größer“ antwortet die Schülerin, die Dank des Spiels künftig verstärkt den Wirtschaftsteil der Zeitung lesen will.«[121] (Heilbronner Stimme 1999).

4.2.2.2 Neoliberale in Politik und Gesellschaft

Im oben genannten Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik (Kronberger Kreis) sind viele neoliberale Ökonomen versammelt (vgl. Schui u.a. 1997). Herbert Giersch leitete bis zu seiner Pensionierung das Kieler Institut für Weltwirtschaft[122] und gilt als einflussreichster Ökonom Deutschlands (vgl. Piper 1996): »Seine Schüler finden sich heute im Zentralbankrat und bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bei der Deutschen Bank und in unzähligen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der Bundesrepublik.« (a.a.O). Giersch bringt die neoliberale Denkweise, die letztlich nur freie Märkte oder Sozialismus (in Form des gescheiterten Realsozialismus) als Alternativen sieht, auf den Punkt:

»Wir können die beiden Pole auch anders benennen - Zentralismus versus Subsidiarität, Hierarchie versus horizontale Kooperation im Tauschverkehr, Monopol versus Wettbewerb, Kommandowirtschaft versus Selbstregulierung, Bürokratie versus Marktwirtschaft, Kollektivismus versus Privatisierung, Sozialstaat versus Privatrechtsordnung, Sozialismus versus Individualismus. (...) Um das zu beschreiben, was wir unter Marktwirtschaft in reiner Form verstehen, muss man die verschiedenen Punkte addieren: Dezentralisierung, Subsidiarität, Wettbewerb, Selbstregulierung, Privatisierung, Privateigentum, Individualismus. Wer das Wort nicht scheut, mag das ganze „Kapitalismus“ nennen, genauer Wettbewerbskapitalismus.« (Giersch 1991: 15f)

Herbert Giersch prägte auch die Sichtweise des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR, auch »Die fünf Wirtschaftsweisen« genannt). Dieser bot ihm eine »nachgerade ideale Bühne, um sein Talent als Berater und Themensetzer zu entfalten« (Piper 1996).

»Mit Hayek stellt er [Herbert Giersch, T.K.] heute die Rolle des Staates in der Wirtschaft radikal in Frage: Könnte der Wohlfahrtsstaat nicht durch einen „Wettbewerb sozialer Netze“ von Kirchen und anderen Wohlfahrtsinstitutionen abgelöst werden?« (Piper 1996)

Im Jahre 1993 war der neoliberale Kronberger Kreis mit drei von fünf Mitgliedern im SVR vertreten (Jürgen B. Donges, Herbert Hax, Horst Siebert). Der Sachverständigenrat hat einen erheblichen Einfluss auf die Meinungsbildung in der deutschen Politik, den Medien und der Öffentlichkeit und trägt damit zur Verbreitung der wirtschaftsliberalen Doxa bei.[123]

Jürgen B. Donges ist ein Studienfreund des Beraters der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Gerhard Fels (vgl. Mattuch 1996): »Ende der achtziger Jahre nahm er es als Vorsitzender der sogenannten Deregulierungskommission gleich mit der halben Republik auf,« schreibt die Zeit-Redakteurin Christine Mattuch (a.a.O.) »Im Auftrag der Bundesregierung sollte die Kommission untersuchen, wo Eingriffe des Staates in das Wirtschaftsleben verzichtbar seien.« Donges habe das Thema Deregulierung, das Anfang der Achtziger Jahre in den Vereinigten Staaten und Großbritannien ein Schlagwort war, maßgeblich in die deutsche Debatte eingebracht. Ihn habe es immer gereizt, gegen den Strom zu schwimmen[124] und Tabus zu brechen. Er sehe sich gerne als intellektuellen Vordenker, »dessen Ratschläge dann aufgegriffen werden, wenn „die Zeit dafür reif ist“«. Auch Herbert Giersch habe mit seinen Thesen über die offene Volkswirtschaft lange als Außenseiter gegolten (a.a.O.).

Der Sachverständigenrat Horst Siebert[125] vertrat im Spiegel (35/2000) die klassisch neoliberale Sichtweise, dass eine »Flexibilisierung des Arbeitsmarkts« nötig sei, damit Gerechtigkeit herrsche. Die Löhne für einfache Arbeiten müssten zurückbleiben und die Arbeitszeiten flexibler werden. Nicht nur Tarifabschlüsse verhinderten diese Anpassung, sondern auch der Sozialstaat. »Immer weiter hätten sich Löhne und Sozialhilfe einander angenähert und damit für viele den Anreiz geschmälert, überhaupt zu arbeiten.« (a.a.O.). Den Deutschen gehe die Arbeit aus, wenn sie sich nicht zügig auf die Grundregeln der neoklassischen Ökonomie besinnen, meinte Siebert im Jahre 1994 (vgl. Heuser 1996).

Als aktuelles Beispiel für die Verbreitung neoliberalen Gedankenguts in Deutschland lässt sich vor allem die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) anführen. Es zeigen sich zahlreiche Querverbindungen zu anderen neoliberalen Initiativen, Think-Tanks und Personen.

Vorsitzender des Kuratoriums der INSM ist der ehemalige Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer. Der weltweite Umschwung hin zu neoliberaler Politik wurde Anfang der 80er Jahre durch die Regierungswechsel in den USA, Großbritannien, Kanada und Westdeutschland mit verursacht (vgl. Todaro 1997: 86). Der Regierungswechsel in Deutschland wurde durch das neoliberale Lambsdorff-Papier (Lambsdorff 1982) ausgelöst, dessen Hauptautor Hans Tietmeyer war (vgl. Schmidt 1996; Starbatty 1999: 4). Tietmeyer war für die Regierung Kohl sogenannter »Sherpa«[126] bei der Vorbereitung der Weltwirtschaftsgipfel für die Bundesregierung. Er hatte wesentlichen Anteil an der Deutsch-Deutschen Währungsunion und der Entstehung des Europäischen Maastricht-Vertrages nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank. Seine Einstellung sei als „Prinzip Tietmeyer“ in den internationalen Sprachschatz eingegangen »bewundert von vielen, gefürchtet von wenigen, von allen respektiert« so Starbatty (1999: 4f) in seiner Begrüßungsrede zu einem Symposium an der Universität Tübingen anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Sozialen Marktwirtschaft.[127] Der Begriff »Prinzip Tietmeyer« geht auf eine Kritik von Pierre Bourdieu am Tietmeyer´schen Neoliberalismus in der Wochenzeitung Die Zeit zurück.[128]

Wie sehr die neoliberale Doxa der Neuen Sozialen Marktwirtschaft inzwischen die ökonomische Diskussion prägt und Einfluß auf die Politik nimmt, zeigt sich daran, dass der neue »Superminister« (Süddeutsche Zeitung 2002) für Arbeit und Wirtschaft im rot-grünen Kabinett von Bundeskanzler Schröder, Wolfgang Clement, Mitglied im Kuratorium der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist. Neben dem Vorsitzenden Tietmeyer und dem in dieser Arbeit hauptsächlich zitierten Unternehmer und Buchautor Randolf Rodenstock ist der Kanzlerkandidat der Opposition, Edmund Stoiber (CSU) ebenfalls Mitglied im Kuratorium der INSM. Dessen designierter »Schatten-Superminister« Lothar Späth[129] gehört zu den Botschaftern der Initiative.[130] Späth hatte im März 2000 das Buch von Rodenstock-Berater Peter Gillies »marktwirtschaft.de« in Berlin der Presse vorgestellt (Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik 2000). Anlässlich der Buchvorstellung rief er zu einem »handfesten Streit« um die Zukunft unserer Gesellschaft auf (a.a.O.).

Bei solch einem handfesten Streit muss es notwendigerweise um Werturteile gehen.

4.3 Werturteile und erkenntnistheoretischer Fundamentalismus

Die moderne ökonomische Theorie (bzw. die Neoklassik) wird als positive Wissenschaft[131] definiert. Eine positive Ökonomische Wissenschaft versteht sich als Erfahrungswissenschaft. Das heißt, dass Informationen und Eigenschaften der ökonomischen Realität (Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge) aufgedeckt werden sollen, wobei auf die Abgabe von Werturteilen verzichtet werden soll. Die Grenzen der positiven Ökonomik werden überschritten, sobald Ziele begründet werden sollen (vgl. VGWL, Bd. 3: 1670). Dies geschieht hingegen in der normativen Ökonomik. Eine normative ökonomische Wissenschaft formuliert die Zustände nicht wie sie sind, sondern wie sie sein sollen. Basis dafür sind Werturteile, die sich nicht erfahrungswissenschaftlich begründen lassen. Sie können deshalb weder „wahr“ noch „falsch“ sein, da sie nicht über die Realität informieren (vgl. VGWL, Bd. 3: 1537). Hierunter sind die Ziele der Neuen Sozialen Marktwirtschaft und ihrer Theoretiker einzuordnen. Aus wissenschaftlicher Sicht müssen die Aussagen einer normativen Ökonomik streng von denen einer positiven Ökonomik getrennt werden. »Dies ist nicht immer ganz leicht, da Aussagesysteme, die sich der positiven Ökonomik zurechnen, normative Elemente oft implizit enthalten (kryptonormative Theorien)« (a.a.O.). Die Werturteile, die einer normativen Ökonomik zugrundeliegen, können religiösen, ethischen oder moralischen Ursprungs sein. »Im Rahmen der Wirtschaftspolitik ist über sie politisch zu entscheiden.« (a.a.O.). In der Neuen Sozialen Marktwirtschaft vermischen sich implizite Werturteile (»Wettbewerb und Wachstum sind wohlstandssteigernd«) mit scheinbar vollkommen rationalen Wirtschaftstheorien.

Zur Kritik am Paradigma der modernen Wirtschaftstheorie lässt sich der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn (1997) heranziehen. In seinem Buch über die »Struktur wissenschaftlicher Revolutionen« kritisiert er im Grunde den erkenntnistheoretischen Fundamentalismus allgemein.[132] Als Vorbild des Fundamentalismus bezeichnet Kuhn die Mathematik. Mit ihr eröffnete sich die Möglichkeit, von gesicherten unbezweifelbaren Einsichten und stringenten Beweisen (vgl. Kutschera 2000: 299). Durch die Griechen wurde die Mathematik in eine beweisende Wissenschaft umgeformt. Den Menschen eröffnete sich damit die Möglichkeit von Erkenntnis mit einer gewissermaßen »göttlichen Sicherheit«: Ausgehend von einfachen, für selbstverständlich gehaltenen Grundannahmen (Axiomen) ließen sich Lehrsätze (Theoreme) der Geometrie streng logisch beweisen. Die Mathematik wurde so zum Vorbild der Philosophie und anderer Wissenschaften der Neuzeit (Kutschera 2000: 300). Ein fundamentalistisches Erkenntnismodell besteht aus einem Erkenntnisbegriff und einer These:

»Unter ` Wissen ´ versteht man meist eine richtige und begründete Überzeugung: Um zu wissen, dass der Angeklagte schuldig ist, muss der Richter davon zunächst einmal überzeugt sein. Der Angeklagte muss ferner tatsächlich schuldig sein; wäre er das nicht, so könnte es der Richter nicht wissen. Endlich muss der Richter gute Gründe für seine Überzeugung haben, er muss seine Überzeugung aufgrund von Zeugenaussagen und Indizien gewonnen haben, denn bloße Annahme ist noch kein Wissen, auch dann nicht, wenn sie richtig ist.« (Kutschera 2000: 300)

Problematisch dabei ist, dass jede wissenschaftliche Begründung von bestimmten Voraussetzungen, das heißt von ersten Grundannahmen des Arguments ausgeht, die selber nicht begründet werden. Diese Prämissen stellen kein Wissen dar, sondern lediglich Überzeugungen, oder mit Bourdieu eine Doxa.

Etwas, was aus nicht Gewusstem abgeleitet wird, kann kein Wissen sein. Der begründete Satz ist somit nicht sicherer als die ersten Grundannahmen (Prämissen) der Begründung. Diese Rückverfolgung von Begründungen kann im Prinzip nur dann enden, wenn die ersten Annahmen der Begründung so augenscheinlich sind, dass sie keiner weiteren Begründung bedürfen. Hier setzt eine fundamentalistische Bestimmung des Wissens an: Wissen ist dann eine wahre, durch selbst nicht mehr begründungsbedürftige Sätze begründete Überzeugung (vgl. Kutschera 2000: 300). Solch eine Begründung eines ersten Satzes mit ersten Prämissen, die selbst keiner weiteren Begründung bedürfen, wird auch als „Letztbegründung“ bezeichnet. Wissen ist damit eine wahre, letztbegründete Überzeugung. Dies stellt den fundamentalistischen Erkenntnisbegriff dar (a.a.O.).

Im Fundamentalismus gibt es die These, dass es solche Erkenntnis gibt, d.h, es gibt Sätze, die keiner Begründung bedürfen, die evident sind und keinen vernünftigen Zweifel an ihrer Geltung zulassen. Solche Sätze bilden damit das Fundament, bzw. die Basis unserer Erkenntnis (a.a.O.). Subjektive Werturteile können als solche Letzbegründungen ausgegeben werden. Der größte Börsenspekulant der Nachkriegszeit George Soros (vgl. 2000: 69) meint, dass sich Ökonomen zwar alle Mühe gegeben haben, die Einführung von Werturteilen in ihre Theorien zu vermeiden, doch bilden die auf mathematischer Logik aufbauenden Theorien die »Grundlage für das umfassendste Werturteil, das man sich nur denken kann: die Behauptung, dass sich nirgendwo bessere Ergebnisse erzielen lassen als unter den Bedingungen der freien Marktkonkurrenz«. Das kritisierte Werturteil liegt der Idee der Neuen Sozialen Marktwirtschaft zugrunde. Nur der Markt sei eine Ordnung der Effizienz und alleine fähig, den sozialen Frieden zu sichern, meint Rodenstock (vgl. 2001: 40f). Soziale Sicherheit sei deshalb auf Dauer nur mit den Marktkräften und niemals gegen sie zu erreichen (a.a.O.: 106). Die Neue Soziale Marktwirtschaft ist somit eine fundamentalistische Theorie, die ihre Grundannahmen über »Marktgesetze« als rationale »Letztbegründungen« präsentiert.

Gesellschaftliche Tatsachen können durch Aussagen beeinflusst werden, die über sie gemacht werden. Das gelte nicht nur für die jeweils beteiligten, sondern auch für die Wissenschaftler. Diese Reflexivität sei ein »Kurzschluß von Aussagen und Tatsachen«, schreibt Soros (2000: 66), was der Aussage von Bourdieu über die Komplizenschaft zwischen Habitus und Feld entspricht, in diesem Falle dem Habitus der Ökonomen und dem Feld der Ökonomie.

»Das Ansehen, welches die modernen Wirtschaftswissenschaftler insbesondere in der Politik und auf den Finanzmärkten genießen, zeigt, daß die mittelalterlichen Alchimisten aufs falsche Pferd setzten. Unedle Metalle sind zwar nicht durch Beschwörungen in Gold zu verwandeln, aber Menschen können durchaus auf Finanzmärkten reich und in der Politik mächtig werden, indem sie falsche Theorien verbreiten oder selffulfilling prophecies machen. Mehr noch: ihre Erfolgschancen vergrößern sich, sobald sie sich den Mantel der Wissenschaft umhängen.« (Soros 2000: 67f).

5 Zusammenfassung und Perspektiven

Die ökonomische Politik, so schreibt Thiersch (vgl. 1997: 271), geht heute einher mit einer Gesellschaftssicht, die in einer bestimmten Form von Leistungsgerechtigkeit fundiert ist. Diese auf Wettbewerb beziehungsweise im Modell letztlich auf dem Kampf »Aller gegen Alle«, basierende Sicht bildet heute den Hintergrund unseres Alltags. Sie wird in Deutschland von den neoliberalen Theoretikern und Praktikern der Neuen Sozialen Marktwirtschaft propagiert, die auf den einflussreichsten Ebenen der Politik und Politikberatung vertreten sind. Diese Sichtweise prägt zunehmend das Denken über Wirtschaft im Alltag, in der Schule und in den Medien. Neoliberale, wie Herbert Giersch fordern auch einen »Wettbewerb sozialer Netze« (vgl.: Piper 1996), obwohl der Nutzen dieses Wettbewerbs mehr als fragwürdig ist (siehe Abschnitt4.2.1, S57).

Erst durch eine Kritik an solchen Positionen und den dahinterstehenden Theorien, die hinter der aktuellen Wirtschaftspolitik stehen, können »notwendige politische strukturelle Veränderungen« (Füssenhäuser 1998: 34) erreicht werden. Jede andere Herangehensweise ist durch ein »und-so-weiter« bezüglich der vorherrschenden »liberalen« ökonomischen Grundannahmen, Begriffe, Theorien, Programme und der Gestaltung der Strukturen geprägt. »Wir haben es mit Gegnern zu tun, die sich mit Theorien wappnen«, schreibt Bourdieu (1998b: 61). Es gehe nun darum, ihnen geistige und kulturelle Waffen entgegenzustrecken. Eine kritische Wissenschaft müsse dabei soziale Bewegungen unterstützen, die sich gegen den Neoliberalismus engagieren.[133]

Der Habitus neoliberaler Ökonomen ist letztlich an das Feld ihrer Utopie angepasst. Dazu gehört eine mathematische ökonomische Theorie, die auf unrealistischen Grundannahmen aufbaut (Starbatty)[134]. Die Ergebnisse gelten zwar nach eigenem Anspruch nur Ceteris paribus, d.h. wenn genau die gleichen Variablen (wie zum Beispiel ein ganz bestimmtes Menschenbild) eingesetzt werden, die Theorien werden aber ohne weiteres auf die Praxis angewandt. Dabei steht die Grundannahme als Ergebnis schon fest: »freie Märkte sind die beste Art, Gesellschaft zu organisieren«. Dies setzen die Ökonomen und Politiker heute in der Praxis um: im Sachverständigenrat, im Internationalen Währungsfond, in wissenschaftlichen Beiräten von Ministerien usw.

In der Theorie wird implizit davon ausgegangen, dass die Menschen ihren Lebensunterhalt schon haben. Die theoretischen Modelle bauen oft auf binären Grundannahmen auf (vgl. Giersch 1991). Reines Ursache-Wirkungs-Denken verknüpft mit binärem Schwarz-weiß-Denken und lässt keine Alternativen zum neoliberalen Idealbild der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu. Allenfalls als kosmetisches Beiwerk werden Markteingriffe zugelassen. »Wohlstand für alle« wird alleine durch Wachstum und Wettbewerb versprochen, nicht durch Verteilungspolitik (Rodenstock 2001: 40). Ökologische Probleme des Wachstums, sowie theorieimmanente Wachstumsprobleme werden ignoriert. Die Wirtschaftstheorie ignoriert Reflexivität auf den Märkten und zwischen ihrem eigenen Paradigma und der Realität. Es wird versucht, von einem abstrakten Modell der Realität zur Realität des Modells zu kommen. Darüberhinaus wird letztlich der Kampf »Aller gegen Alle« gutgeheißen. Dies wird Wettbewerb genannt und als notwendig für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Dynamik und den Fortschritt bezeichnet. Folge sind jedoch eine zunehmende Unsicherheit und Brüchigkeit der Lebensverhältnisse. Der Neoliberalismus ist heute zur vorherrschenden Ideologie und »doxischen Referenztheorie« der Sozialen Arbeit geworden.[135]

Hier bietet sich noch einmal der Vergleich mit einer Theaterbühne an. Während die Soziale Arbeit auf der »Vorderbühne« spielt, haben neoliberale Theoretiker die Regieanweisungen, die Hintergrundmusik und sogar die Kritik des Stücks übernommen: Im Sachverständigenrat und in den großen Parteien, in Wirtschaftsinstituten und in der Europäischen Zentralbank. Es ist ein »Anschein von Einstimmigkeit« entstanden, der nur mit Hilfe einer interdisziplinären kritischen Wissenschaft aufgebrochen werden kann.

Zunächst kann eine kritische Wissenschaft aufzeigen, wer dazu beiträgt, neoliberale Sachzwänge als einzig mögliche erscheinen zu lassen. Die negativen Folgen zunehmender Wettbewerbsorientierung im Gegenstandsbereich der Sozialen Arbeit können (auch an empirischen Beispielen) dargestellt werden. Des Weiteren kann die moderne Ökonomie als Ursache der neoliberalen Politik wissenschaftlich kritisiert und ihre Verflechtung mit den ökonomischen Realitäten aufgezeigt werden.

Ein weiterer Punkt könnte sein, das von den Neoliberalen proklamierte Subsidiaritätsprinzip für Märkte zu beanspruchen: Größere Organisationseinheiten dürfen nur tätig werden, wenn kleinere Einheiten die Aufgaben nicht selbständig erfüllen können. Das Weltwirtschaftssystem sei die Folge aufgeklärter politischer Entscheidungen nach dem zweiten Weltkrieg, schreibt der UNO-Generalsekretär Kofi Annan:

»Let us remember that the global markets and mutlilateral trading systems that we have today did not come about by accident. They are the result of enlightened policy choices made by governments since 1945.« Kofi Annan 1999

Eine kritische Wissenschaft könnte sich heute neben der Neoliberalismus-Kritik mit Hilfe Bourdieus auch auf die Tradition der Kritischen Theorie der »Frankfurter Schule« beziehen. Der Begriff der Freiheit, den der Neoliberalismus und die Neue Soziale Marktwirtschaft für sich beanspruchen, könnte dabei im Mittelpunkt stehen. Im Neoliberalismus der Neuen Sozialen Marktwirtschaft zeigt sich die von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno beschriebene »Dialektik der Aufklärung« in der Verflechtung scheinbar rationaler Theorien mit den Institutionen der Gesellschaft:

»Wir hegen keinen Zweifel (...) daß die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Denken unabtrennbar ist. Jedoch glauben wir, genauso deutlich erkannt zu haben, daß der Begriff dieses Denkens, nicht weniger als die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesellschaft, in die es verflochten ist, schon den Keim zu jenem Rückschritt enthalten, der heute überall sich ereignet. Nimmt Aufklärung die Reflexion auf dieses rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal.« (Horkheimer/ Adorno 1998: 3).

Wie in dieser Arbeit dargelegt wurde, ist es notwendig, wenn das »Gegebene und Selbstverständliche« in der Gesellschaft als Rahmenbedingung der Sozialen Arbeit hinterfragt werden soll, die Theorie der Sozialen Arbeit durch eine umfassende kritische Komponente zu ergänzen. Aufgrund der dargelegten Reichweite der vorherrschenden neoliberalen Doxa stellt sich für kritische Erziehungswissenschaftler im Namen des Eintretens für bessere zukünftige Optionen auch die Frage der praktischen politischen Einmischung. Dabei steht die Forderung nach einem Aufbruch des vorherrschenden Paradigmas der ökonomischen Wissenschaften im Raum.[136]

Die ökonomische Wissenschaft und die Neue Soziale Marktwirtschaft müssen im öffentlichen Diskurs als Machtinstrument thematisiert und kritisiert werden.

Erst so kann überhaupt ein Ansatz ermöglicht werden, um der Öffentlichkeit, der Politik und der Sozialen Arbeit Alternativen zu den gegebenen gesellschaftlichen Strukturen und bislang vorgegebenen Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen zu können.

6 Literatur

Annan, Kofi A. 1999: a call to business. In: Time 14th June 1999. Special Advertising Section.

Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik 2000: Memorandum 2000: Den Aufschwung nutzen - Politik für Arbeitsplätze, Gerechtigkeit und sozialen Umbau. Kurzfassung, Bremen.

Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik 2001a: Memorandum 2001: Modernisierung durch Investitions- und Beschäftigungsoffensive. Köln.

Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik 2001b: Vollbeschäftigung und eine starke Sozialverfassung - Alternativen für eine Neue Ökonomie in Europa - Erklärung und Memorandum europäischer WirtschaftswissenschaftlerInnen. Zirkular der „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“ Nr. 28. Bremen.

Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik 2002a: Memorandum 2002: Blauer Brief für falsche Wirtschaftspolitik - Kurswechsel für Arbeit und Gerechtigkeit. Köln.

Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik 2002b: Gesundheitspolitik: Solidarität statt Privatisierung und Marktorientierung. Zirkular der „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“. Sondermemorandum. Bremen.

Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik o.J.: Informationen zur Memorandum-Gruppe. Bremen.

ASM-Bulletin 1999, Nr. 1. Hg.: Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft e.V. / Alexander-Rüstow-Stiftung e.V. Tübingen.

ASM-Bulletin 1999, Nr. 2. Hg.: Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft e.V. / Alexander-Rüstow-Stiftung e.V. Tübingen.

Attac Deutschland (Hg.) 2002: Eine andere Welt ist möglich!. Dokumentation zum Attac-Kongress vom 19.-21.10.2001 in Berlin. Hamburg.

Bendel, Petra 2001: Neoliberalismus. In: Nohlen, Dieter (Hg.) 2001: Kleines Lexikon der Politik. München. S. 321f.

BMJFFG/Bundesminister für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit (Hg.) 1990: Achter Jugendbericht. Bericht über Bestrebungen und Leistungen der Jugendhilfe. Bonn.

Bode, Thilo 1999: Die Zukunft des Wachstums. In: Greenpeace/Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (Hg.) 1999: Wirtschaft ohne Wachstum? Denkanstöße, Handlungskonzepte, Strategien. Wiesbaden. S. 173-180.

Bourdieu, Pierre 1976: Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt a.M.

Bourdieu, Pierre 1982: Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. 9. Auflage 1997. Frankfurt a.M.

Bourdieu, Pierre 1987: Sozialer Sinn – Kritik der theoretischen Vernunft. 3. Auflage 1999. Frankfurt a.M.

Bourdieu, Pierre 1996: Warnung vor dem Modell Tietmeyer. In: Die Zeit vom 1.11.1996. Nachgedruckt in: Bourdieu, Pierre 1997: Der Tote packt die Lebenden. Schriften zu Politik und Kultur 2. Hamburg. S. 171-177.

Bourdieu, Pierre 1997: Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital. In Bourdieu, Pierre 1997: Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik & Kultur 1. Unveränderter Nachdruck der Erstauflage von 1992. Hamburg. S. 49-79.

Bourdieu, Pierre 1998a: Neo-Liberalismus als konservative Revolution. Das Elend der Welt, der Skandal der Arbeitslosigkeit und eine Erinnerung an die Sozialutopie Ernst Blochs. In: Kufeld, Klaus (Hg.) 1998: Zukunft gestalten. Reden und Beiträge zum Ernst-Bloch-Preis 1997. Mössingen-Talheim. S. 49-55.

Bourdieu, Pierre 1998b: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Konstanz.

Bourdieu, Pierre 1999: Eine Gefahr für die Grundlagen unserer Kultur - Der Neo-Liberalismus ist eine gefährliche Sozialphilosophie. Er ist neo-darwinistisch, zerstört das traditionelle europäische Solidaritätsprinzip und vereinzelt die Menschen. In: Die Tageszeitung 4./5. Dezember 1999: 11.

Bourdieu, Pierre 2001a: Wie die Kultur zum Bauern kommt. In: Bourdieu, Pierre 2001: Wie die Kultur zum Bauern kommt. Schriften zu Politik & Kultur 4. Hamburg. S. 14-24.

Bourdieu, Pierre 2001b: Die konservative Schule - Die soziale Chancenungleichheit gegenüber Schule und Kultur. In: Bourdieu, Pierre 2001: Wie die Kultur zum Bauern kommt. Schriften zu Politik & Kultur 4. Hamburg. S. 25-52.

Bourdieu, Pierre et.al. 1997: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen des alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz.

Brodbeck, Karl-Heinz 2000: Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie. Eine philosophische Kritik an den modernen Wirtschaftswissenschaften. 2. um ein Vorwort ergänzte Auflage. Darmstadt.

Bundeszentrale für politische Bildung 1997: Basiswissen Politik und Gesellschaft. Heft 4: Die Ordnung der Gesellschaft. Bonn.

Der Tagesspiegel 2000: Soziale Marktwirtschaft. Hans Tietmeyer fordert Chancen für alle - Initiative zur Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft. 13.10.2000. Berlin.

Die Gruppe von Lissabon 1997: Grenzen des Wettbewerbs - Die Globalisierung der Wirtschaft und die Zukunft der Menschheit. Mit einem Vorwort von Ernst Ulrich von Weizsäcker. München.

Dixon, Keith 1998: Die Evangelisten des Marktes. Konstanz.

Dobias, Peter 1994: Sozialismus - Marxismus. In: Issing, Otmar (Hg.) 1994: Geschichte der Nationalökonomie. 3. Auflage. München. S.107-126.

dtv-Atlas Philosophie 1998. 7. Überarbeitete und erweiterte Auflage. München.

Dutschke, Rudi 1963: Die bewußte Entscheidung des Individuums. In: Dutschke, Rudi 1991: Geschichte ist machbar. Berlin. S. 7f.

Eßer, Klaus/Hillebrand, Wolfgang/Messner, Dirk/Meyer-Stamer, Jörg 1994: Systemische Wettbewerbsfähigkeit. Internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und Anforderungen an die Politik. Deutsches Institut für Entwicklungspolitik. Berlin.

Etzioni, Amitai 1996: Die faire Gesellschaft - Jenseits von Sozialismus und Kapitalismus. Fischer, Frankfurt a.M.

Flaig, Egon 2000: Pierre Bourdieu: Entwurf einer Theorie der Praxis (1972). In: Erhart, W./Jaumann, H. (Hg.): Jahrhundertbücher. München. S. 358-382.

Frankfurter Allgemeine Zeitung 1999: Wirtschaft und Schule stehen einander fremd gegenüber. 1.11.1999

Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik (Kronberger Kreis) 2000: Neuerscheinung aus dem Frankfurter Institut: »marktwirtschaft.de« Presseinformation 13.03.2000. Bad Homburg. (www.frankfurter-institut.de).

Frankfurter Institut für wirtschaftspolitische Forschung e.V. (Kronberger Kreis) 1986: Mehr Mut zum Markt - Konkrete Problemlösungen. Bad Homburg.

Friedman, Milton 1998: „Überbewertung aus der Welt“. In: Der Spiegel 42/1998; S. 128.

Füssenhäuser, Cornelia 1998: Theoriekonzepte der Sozialen Arbeit im Vergleich. Silvia Staub-Bernasconi – Hans Thiersch – Hans-Uwe Otto. Oder: Von der sozialpädagogischen Kochkunst und der Art des Würzens. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Tübingen.

Füssenhäuser, Cornelia 2000: Rekonstruktionsversuche zum Alltagskonzept von Hans Thiersch: ein Rückblick auf 20 Jahre Alltagstheorie. In: Technische Universität Dresden (Hg.) 2000 „Morgen ist auch noch ein Tag...“ - Kritische Re(Konstruktion) einer Alltagstheorie und die Zukunft des Sozialen. Hans Thiersch zum 65. Geburtstag. S. 9-21.

Füssenhäuser, Cornelia/Thiersch, Hans 2001: Theorien der Sozialen Arbeit. In Handbuch der Sozialarbeit/Sozialpädagogik 2001. S. 1876-1900.

Georgescu-Roegen, Nicholas 1987: The Entropy Law and the Economic Process in Retrospekt. (Entropiegesetz und ökonomischer Prozeß im Rückblick) Deutsche Erstübersetzung durch das IÖW mit Geleitworten von Eberhard K. Seifert und Anhängen. Schriftenreihe des IÖW 5/87. Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Berlin.

Giersch, Herbert 1991: Europas Wirtschaft 1991. Ordnungspolitische Aufgaben in Ost und West. Bad Homburg.

Gillies, Peter 2000: marktwirtschaft.de. Bad Homburg.

Goffman, Erving 1974: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt a.M.

Goldschmidt, Werner 2000: Freier Markt oder Soziale Gerechtigkeit? - Kritische Anmerkungen zu F.A. v. Hayeks »evolutionärer« Gerechtigkeitstheorie. In: Goldschmidt, Werner/Klein, Dieter/Steinitz, Klaus 2000 (Hg.): Neoliberalismus - Hegemonie ohne Perspektive. Beiträge zum 60. Geburtstag von Herbert Schui. Heilbronn. S177-193.

Grunwald, Klaus/Thiersch, Hans 2001: Lebensweltorientierung. Zur Entwicklung des Konzepts Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. In: Handbuch der Sozialarbeit/Sozialpädagogik 2001: 1136- 1147.

Handbuch der Sozialarbeit/Sozialpädagogik 2001. Hrsg. von Hans-Uwe Otto und Hans Thiersch. 2. völlig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Neuwied/Kriftel.

Hanusch, Horst 1993: Zurück zur Wirklichkeit - ökonomische Theorie vor dem Paradigmenwechsel - Bilanz einer ZEIT-Serie. In: Zeitpunkte 3/93. Zeit der Ökonomen - Eine kritische Bilanz volkswirtschaftlichen Denkens. Hamburg. S. 112-114.

Hanusch, Horst/Kuhn, Thomas 1998: Einführung in die Volkswirtschaftslehre. (Unter Mitarbeit von Alfred Greiner und Friedrich Kugler) 4. Überarbeitete Auflage. Berlin/Heidelberg/New York.

Hayek, Friedrich August von 1978: Zur Einführung. In: Nozick, Robert 1978: Anarchie, Staat, Utopia. München. S. 9f.

Hayek, Friedrich August von 1980/81: Recht, Gesetzgebung und Freiheit. Eine neue Darstellung der liberalen Prinzipien der Gerechtigkeit und der politischen Ökonomie. 3 Bände. München.

Hayek, Friedrich August von 1981: Ungleichheit ist nötig, Interview in der Wirtschaftswoche. Wirtschaftswoche Nr.11/1981 vom 3.6.1981, S. 38.

Heilbronner Stimme 1999: Auch Wirtschaft kann unter die Haut gehen - Schüler des Elly-Heus-Knapp-Gymnasiums testen in einem dreitägigen Seminar ein landesweites Computer-Planspiel. 29.7.1999. Heilbronn.

Heuser, Uwe Jean 1993: Geld, Freiheit, Ideologie - Milton Friedman hat mit seinem Monetarismus die Welt verändert. Die Bilanz des Chicagoer Wirtschaftsprofessors ist zwiespältig. In: Zeitpunkte 3/93. Zeit der Ökonomen - Eine kritische Bilanz volkswirtschaftlichen Denkens. Hamburg. S. 100- 102.

Heuser, Uwe-Jean 1996: Der Ratgeber - Horst Siebert will den Erkenntnissen der Neoklassik in der Politik Geltung verschaffen. In: Zeitpunkte 6/1996 Ökonomie heute. Wirtschaftswissenschaften im Umbruch - Vordenker, Querdenker, Hochschulen. Hamburg, S.50f.

Hollstein, Walter 1980: Hilfe und Kapital - Zur Funktionsbestimmung der Sozialarbeit. In: Hollstein, Walter/Meinhold, Marianne (Hg.) 1980): Sozialarbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen. Bielefeld. S. 167-207.

Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. 1998: Dialektik der Aufklärung. Limitierte Sonderausgabe. (Orig.: Amsterdam 1947). Frankfurt a.M.

Horn, Christoph/Scarano, Nico 2002: Philosophie der Gerechtigkeit. Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Frankfurt a.M.

INSM / Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft 2000: Chancen für Alle - Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft; Ausgabe 1/2000. Köln/Berlin.

Kairos Europa/WEED (Hg.) 2000: Kapital braucht Kontrolle. Die internationalen Finanzmärkte: Funktionsweise - Hintergründe -Kontrolle. Heidelberg/Bonn.

Keller, Dieter 2000: Engagement für weniger Staat - Marktwirtschaft/ Kuratorium will ein Klima des Aufbruchs schaffen. In: Schwäbisches Tagblatt 13.10. 2000. Tübingen.

Krätke, Michael 1996: Marxismus als Sozialwissenschaft. In: Haug, Frigga/Krätke, Michael (Hg.) 1996: Materialien zum Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus. Für Wolfgang Fritz Haug zum 60. Geburtstag. Hamburg. S. 69-122.

Krause, Skadi/Malowitz, Karsten 1998: Michael Walzer - zur Einführung. Hamburg

Kröll, Tobias 2001: »Wissen braucht Bewegung - Initiative für einen Paradigmenwechsel«. Vortrag auf dem Attac-Kongress in Berlin am 20.10.2001. Im Internet: www. attac-netzwerk.de/kongress/kroell.htm. In gekürzter Form in: Attac Deutschland (Hg.) 2002: Eine andere Welt ist möglich!. Dokumentation zum Attac-Kongress vom 19.-21.10.2001 in Berlin. Hamburg. S. 97-102.

Kuhn, Thomas S. 1997 (1962): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 14. Auflage. Frankfurt a.M.

Kurz, Heinz D. 1993: Eigenliebe tut gut. Adam Smith begründete die klassische Nationalökonomie. Er wird immer noch als doktrinärer Vertreter des Laisser-faire mißverstanden. In: Zeitpunkte 3/93. Zeit der Ökonomen - Eine kritische Bilanz volkswirtschaftlichen Denkens. Hamburg. S. 11- 13.

Kutschera, Franz von 2000: Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (1962). In: Erhart, W./Jaumann, H. (Hg.): Jahrhundertbücher. München. S. 297-312.

Lambsdorff, Otto Graf (Hg.)1982: Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. (»Lambsdorff-Papier«) In: Neue Bonner Depesche. 9/82. Bonn.

Liebau, Eckart 1987: Gesellschaftliches Subjekt und Erziehung. Zur pädagogischen Bedeutung der Sozialisationstheorien von Pierre Bourdieu und Ulrich Oevermann. Weinheim/München.

Luhmann, Niklas1994: Die Wirtschaft der Gesellschaft. Frankfurt a.M.

Maasen, Sabine 1999: Wissen und Habitus (Pierre Bourdieu). In Dies. 1999: Wissenssoziologie. Bielefeld. S. 35-38.

Marvakis, Athanasios 1996: Orientierung und Gesellschaft. Frankfurt a.M. / Berlin / Bern / New York / Paris/Wien.

Marx, Karl/Engels, Friedrich 1985 (1848): Das Manifest der Kommunistischen Partei. 51. Auflage. Berlin.

Mattuch, Christine 1996: Der Deregulierer - Jürgen B. Donges liebt die Provokation. Er forderte schon früh vom Staat Entrümpelung. In: Zeitpunkte 6/1996 Ökonomie heute. Wirtschaftswissenschaften im Umbruch - Vordenker, Querdenker, Hochschulen. Hamburg. S. 38f.

Mill, John Stuart 1968: Grundsätze der politischen Ökonomie, Band 3, Aalen (Neudruck der Ausgabe, Leipzig 1869).

Mürle, Holger 1997: Entwicklungstheorie nach dem Scheitern der „großen Theorie“. INEF Report. Institut für Entwicklung und Frieden der Gerhard-Mercator-Universität Gesamthochschule Duisburg. Heft 22/1997. Duisburg.

Neumann, Manfred 1994: Neoklassik. In: Issing, Otmar (Hg.) 1994: Geschichte der Nationalökonomie. 3. Auflage. München. S. 255-269.

Nissen, Hans-Peter 1998: Monetarismus. In: Nohlen, Dieter (Hg.) 1998: Lexikon Dritte Welt. Reinbek bei Hamburg. S. 527f.

Nozick, Robert 1978: Anarchie, Staat, Utopia. München.

Olk, Thomas 1986: Abschied vom Experten. Sozialarbeit auf dem Weg zu einer alternativen Professionalität. Weinheim/München.

Oltmanns, Torsten 1993: Ökonomie gegen die Armut. Alfred Marshall formulierte die Grundzüge der heutigen Standardlehre. Seine „Ceteris-paribus-Regel“ kennt immer noch jeder Student. In: Zeitpunkte 3/93: Zeit der Ökonomen - Eine kritische Bilanz volkswirtschaftlichen Denkens. Hamburg. S. 31-33.

Piper, Nikolaus 1992: Der Unternehmer als Pionier - Joseph Schumpeter analysierte die Dynamik des Kapitalismus. Er erlebt heute in Ost und West eine spektakuläre Renaissance. In: Zeitpunkte 3/93: Zeit der Ökonomen - Eine kritische Bilanz volkswirtschaftlichen Denkens. Hamburg. S. 42-44.

Piper, Nikolaus 1993: Vor uns der Niedergang - Nicholas Georgescu-Roegen untersuchte die natürlichen Grenzen für die Wirtschaft. Er fordert eine radikale Neuformulierung der Ökonomie. In: Zeitpunkte 3/93: Zeit der Ökonomen - Eine kritische Bilanz volkswirtschaftlichen Denkens. Hamburg. S. 97-99.

Piper, Nikolaus 1996: Der Marktwirt - Herbert Giersch ist der einflußreichste Nationalökonom der Bundesrepublik. In: Zeitpunkte 6/1996 Ökonomie heute. Wirtschaftswissenschaften im Umbruch - Vordenker, Querdenker, Hochschulen. Hamburg, S. 32f.

Ptak, Ralf 2000: Ordoliberalimus - Zur Entwicklung des Neoliberalismus in Deutschland. In: Goldschmidt, Werner/Klein, Dieter/Steinitz, Klaus 2000 (Hg.): Neoliberalismus - Hegemonie ohne Perspektive. Beiträge zum 60. Geburtstag von Herbert Schui. Heilbronn. S. 194-212.

Pusch, Luise F. 1984: Das Deutsche als Männersprache. Frankfurt a.M. Einmalige Sonderausgabe 1996.

Rawls, John 1979: Eine Theorie der Gerechtigkeit. 5. Auflage 1990. Frankfurt a.M.

Reijen, Willem van1986: Philosophie als Kritik - Einführung in die Kritische Theorie. Königstein/Ts.

Reuter, Norbert 2000: Ökonomik der „Langen Frist“ - Zur Evolution der Wachstumsgrundlagen in Industriegesellschaften. Marburg.

Reuter, Norbert 2001: Die »Neue Soziale Marktwirtschaft« - neu und sozial? Vortrag auf der Tagung »Markt und soziale Verantwortung« der Evangelischen Sozialakademie Friedewald, 7.-8.9. 2001. In: epd-Dokumentation 43/2001.

Rodenstock, Randolf 2001: Chancen für Alle - Die Neue Soziale Marktwirtschaft. Köln.

Rousseau, Jean-Jacques 1977: Vom Gesellschaftsvertrag. In: Politische Schriften, Band 1, Paderborn.

Sachs, Jeffrey 1998: „Es wird weh tun“, Harvard-Professor und Ex-Rußland-Berater Jeffrey Sachs über Spekulanten, den Neoliberalismus und Wege aus der Wirtschaftskrise. Spiegel-Gespräch. In: Der Spiegel 41/1998. Hamburg. S. 107-112.

Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 1999/2000: Wir über uns: Der Sachverständigenrat. www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de.

Samuelson, Paul A.1967: Volkswirtschaftslehre. Übers. Wilhelm Hankel. Köln.

Schaarschuch, Andreas 1996: Soziale Arbeit in guter Gesellschaft? Gesellschaftliche Modernisierung und die „Normalisierung“ der Sozialpädagogik. In: Zeitschrift für Pädagogik, 42. Jg. (1996), H 6, S. 835-868.

Schelsky H. 1978: Der selbständige Mensch und der betreute Mensch. Frankfurt/Berlin/Wien.

Schmidt, Helmut 1996: Offener Brief an Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer. Die Bundesbank - kein Staat im Staate. In: Die Zeit Nr. 46. 8. November 1996. Hamburg.

Schnädelbach, Herbert. 1992: Positivismus. In: Seiffert, Helmut/Radnitzky, Gerard 1992: Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. 2. Auflage Oktober 1994. München. S. 267-269.

Schui, Herbert / Ptak, Ralf / Blankenburg, Stephanie / Bachmann, Günter / Kotzur, Dirk 1997: Wollt ihr den totalen Markt? Der Neoliberalismus und die extreme Rechte. München.

Schui, Herbert 1996: Neoliberalismus - Der Versuch, die Konzentration von Einkommen und Vermögen zu legitimieren. In: Schui, Herbert/Spoo, Eckart (Hg.) 1996: Geld ist genug da. Reichtum n Deutschland. Heilbronn. S. 103-123.

Schumpeter, Joseph 1950: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. 2. Auflage. Bern.

Schwingel, Markus 1995: Pierre Bourdieu - zur Einführung. 2. Auflage 1998. Hamburg.

Sen, Amartya 2000: Ökonomie für den Menschen Wege zu Solidarität und Gerechtigkeit in der Marktwirtschaft. München/Wien.

Sen, Amartya 2002: Globale Gerechtigkeit. Jenseits internationaler Gleichberechtigung. In: Horn, Christoph/Scarano, Nico (Hg.) 2002: Philosophie der Gerechtigkeit. Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Frankfurt a.M. S. 466-500.

Siebert, Horst 2000: Konjunktur: „Mühelos torpediert“. Der Wirtschaftsweise Horst Siebert über Euro-Schwäche, Wachstumsprognosen und Reformstau. In: Der Spiegel 35/2000: 89. Hamburg.

Soros, George 1998: In: Der Spiegel 51/1998: „Die Märkte sind amoralisch“ George Soros über seine Rolle als Spekulant, die Gefahren der Globalisierung und neue Regeln für die Weltwirtschaft. S. 100-104.

Soros, George 2000: Die Krise des globalen Kapitalismus - offene Gesellschaft in Gefahr. Frankfurt a.M.

Sottoli, Susana 1998: Neoliberalismus. In: Nohlen, Dieter (Hg.) 1998: Lexikon Dritte Welt. Reinbek bei Hamburg. S. 548f.

Spehr, Christoph 2000: Gleicher als Andere. Eine Grundlegung der Freien Kooperation - zugleich die Beantwortung der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gestellten Frage: »Unter welchen Bedingungen sind soziale Gleichheit und politische Freiheit vereinbar?«. Manuskript. Rosa Luxemburg Stiftung. Berlin.

Starbatty, Joachim 1994: Ordoliberalismus. In: Issing, Otmar (Hg.) 1994: Geschichte der Nationalökonomie. 3. Auflage. München. S. 239-254.

Starbatty, Joachim 1999: Begrüßung. In: Nörr, Knut Wolfgang/Starbatty, Joachim (Hg.).: Soll und Haben - 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft. Marktwirtschaftliche Reformpolitik. Schriftenreihe der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft N.F. Stuttgart. S. 3-5.

Starbatty, Joachim 2000: Einführung in die Volkswirtschaftslehre / Sommersemester 2000, Vorlesungsskript. Universität Tübingen.

Stiglitz, Joseph 2002: Interview über Globalisierungsfragen. In: Financial Times Deutschland vom13. 5. 2002: 20.

Süddeutsche Zeitung 2002: Clement wird Schröders Superminister - SPD-Politiker übernimmt Ressorts Arbeit und Wirtschaft / Steinbrück soll Regierungschef in Düsseldorf werden. München. 8.10.2002.

Thiersch, Hans 1992: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. 4. Auflage 2000. Weinheim/München.

Thiersch, Hans 1992a: Das sozialpädagogische Jahrhundert. In: Rauschenbach, Thomas/Gängler, Hans (Hg.): Soziale Arbeit und Erziehung in der Risikogesellschaft. Neuwied. S. 9-23.

Thiersch, Hans 1997: Armut und Gerechtigkeit. In: Müller, Siegfried/Otto, Ulrich (Hg.). 1997: Armut im Sozialstaat. Gesellschaftliche Analysen und sozialpolitische Konsequenzen. Neuwied/Kriftel/Berlin. S. 265-280.

Tietmeyer, Hans 1999: Eine stabile Währung als Grundlage für die Soziale Marktwirtschaft. In: Nörr, Knut Wolfgang/Starbatty, Joachim (Hg.).: Soll und Haben - 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft. Marktwirtschaftliche Reformpolitik. Schriftenreihe der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft N.F. Stuttgart. S. 7-16.

Tietmeyer, Hans 2000: Chancen ergreifen, um Wohlstand zu sichern - Warum die Soziale Marktwirtschaft erneuert werden muss. In: Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (Hg.) Chancen für Alle - Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Ausgabe 1/2000. Köln/Berlin. S. 2f.

Todaro, Michael P. 1997: Economic Development. 6th Edition. Longman: London/New York.

Tuma. Thomas 2002: Supermännles Rückkehr - Wenn die Union das Kanzleramt erobert, soll Lothar Späth ein neues Riesen- Ministerium für Arbeit, Wirtschaft und Aufbau Ost übernehmen. Aber will er das ? Alles spricht dagegen, dass er den Job jemals antreten wird - vor allem der Schwabe selbst. In: Der Spiegel 28/2002. S. 23-25. Hamburg.

UNDP (United Nations Development Programme) 1998: World Development Report 1998. Ohne Ort. In Deutsch: Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. (Hg.): Bericht über die menschliche Entwicklung 1998. Bonn.

Universität Köln / Presse-und Informationsstelle 2000: Professor Watrin neuer Präsident der Mont Pèlerin Society. Presseinformation 27.November 2000. Köln.

Valdéz, Juan Gabriel 1993: Die Chicago-Schule; Operation Chile. In: Dirmoser, Dietmar (Hg.) 1993: Markt in den Köpfen. Unkel/Rhein, Bad Honnef. S. 36-60.

VGWL (Vahlens Großes Wirtschaftslexikon) 1994. 4 Bände, herausgegeben von Dichtl, Erwin/Issing, Otmar. 2. Überarbeitete und erweiterte Auflage. München.

Walzer, Michael 1998: Sphären der Gerechtigkeit. Ein Plädoyer für Pluralität und Gleichheit. Frankfurt a.M.

Walzer, Michael 1999: Vernunft, Politik und Leidenschaft - Defizite liberaler Theorie. Frankfurt a.M.

WPB (Wörterbuch der philosophischen Begriffe) 1998. Hamburg.

Danke

Diese Arbeit ist meinen Eltern und meiner Großmutter Elisabeth Leupold gewidmet.

Sie wäre ohne die Unterstützung von unzähligen weiteren Menschen nicht zustande gekommen.

An dieser Stelle möchte ich mich deshalb nur bei denen bedanken, die unmittelbar an der Entstehung beteiligt waren.

Danke an Markus Erle für viele Gespräche und moralische Unterstützung.

Danke an Ralf Nassal für Anregungen und Diskussionen zur Neoliberalismus-Kritik, sowie für konstruktiv-kritische Ratschläge zur Arbeit.

Danke an Cornelia Füssenhäuser für Literatur und Anregungen zur Lebensweltorienierung.

Danke an Elisabeth Timm für Literaturhinweise zu Pierre Bourdieu.

Danke an Professor Dr. Hans Thiersch für die Unterstützung bei der Wahl meines Themas und für die Betreuung der Arbeit.

Danke an meinen Bruder Andreas für die Hilfe bei Computerproblemen.

Danke an Thomas Potthast für konstruktive Kritik bei meinen ersten Gehversuchen zur wissenschaftlichen Neoliberalismus-Kritik und für moralische Unterstützung.

Danke an Martina Schuster für langjährige politische Zusammenarbeit, »Diplomarbeits-Asyl« in Nürnberg (Danke dafür auch an Thorsten Jedlitzke), Korrekturlesen und moralische Unterstützung.

Danke an Edith Heumüller, Brigitte Vollmann und Reiner Baur für kritisches Korrekturlesen und

vielen Dank an Manuela Lieb für die Erst- und Endkorrektur, sowie ständige aufmunternde Begleitung!

[...]


[1] Der im Februar 2002 verstorbene Bourdieu war Professor für Soziologie am Collége de France in Paris.

[2] Hans Thiersch ist Professor (emer. 2002) für Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik an der Universität Tübingen, war Mitglied der Sachverständigenkommision des 8. Jugendberichts (BMJFFG 1990), Mitglied des Vorstands und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft von 1978-1982 und ist Mitherausgeber der Zeitschrift »Neue Praxis«.

[3] Die Bezeichnung übernimmt Füssenhäuser (1998: 4) von Thomas Olk (1986: 96).

[4] Vgl. dazu die Position von Herbert Giersch in Piper 1996 (siehe auch Abschnitt4.2.2.2, S.69).

[5] Vgl. dazu Hollstein 1980: »Sozialarbeit zielt (...) darauf ab, die reformistischen bzw. revolutionären Anstrengungen der Arbeiterschaft in Stoßrichtung auf das bestehende System (Klassenkampf) abzuschwächen und ihnen besonders manifeste Angriffspunkte, die sich in Prozessen kollektiver >Verelendung< u.a. anbieten könnten, zu nehmen.« (a.a.O.: 189)

[6] Diesen Vorwurf erwähnt auch Thiersch (1992: 14) mit Bezug auf H. Schelsky („Der selbständige Mensch und der betreute Mensch“, Frankfurt/Berlin/Wien 1978): »Sind Professionelle nicht auch Leute, die sehr talentiert darin sind, sich die eigenen Arbeitsplätze dadurch zu sichern, dass sie nicht nur Schwierigkeiten dramatisieren, sondern auch sich selbst als einzig kompetente Helfer empfehlen? Wenn die Psychoanalyse boshaft als Heilung der Krankheit bezeichnet wird, die sie selbst erzeugt, so läßt sich auch fragen, ob der betreute Mensch Produkt der Betreuer ist«

[7] Kollektive öffentliche Sozialsysteme sind z.B. die Arbeitslosenversicherung und die Sozialhilfe.

[8] Damit ist jedoch keineswegs gesagt, dass dies in einem privaten Versicherungssystem zwangsläufig anders ist. Als Beispiel soll hier nur der Versicherungsbetrug bei privaten Haftpflichtversicherungen erwähnt werden. Auch hier bezahlen die Ehrlichen des „Versicherungskollektivs“ mit ihren Beiträgen den Betrug der Unehrlichen.

[9] Im Weltentwicklungsbericht 1998 des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen wird festgestellt: »Income distribution in industrial countries shows wide disparities between rich and poor. In the worst case, Russia, the income share of the richest 20 % is 11 times that of the poorest 20 %. In Australia and the United Kingdom it is nearly 10 times as much. The United Kingdom stands out for its particularly sharp rise in income inequality over the 1980s.« (UNDP 1998: 29f). Der heftige Anstieg von Einkommensunterschieden in Großbritannien fällt damit genau in die Zeit der neoliberalen Politik unter Margret Thatcher.

[10] In der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik („Memorandum-Gruppe“) haben sich in Deutschland Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Universitäten, Forschungsinstituten und Gewerkschaften zusammengeschlossen. Die Memorandum-Gruppe kann als eine der wichtigsten Organisationen gesehen werden, in der sich nicht-neoliberale Fachleute zur Wirtschaft äußern. Die Arbeitsgruppe legte erstmals im November 1975 (kurz nach Verabschiedung des 1. Haushaltsstrukturgesetzes durch das Bundeskabinett, mit dem der Sozialabbau in der Bundesrepublik eingeleitet wurde) ein »Memorandum für eine wirksame soziale Wirtschaftspolitik« vor. Seit 1977 wird in jedem Jahr in der Woche vor dem 1. Mai ein weiteres Memorandum für eine alternative Wirtschaftspolitik veröffentlicht. Zusätzlich sind zahlreiche Stellungnahmen zu aktuellen wirtschafts-, finanz-, und sozialpolitischen Fragen erstellt worden. Mittlerweile gilt das Memorandum vielfach als »Gegengutachten« zum jährlichen Gutachten des „Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ (der »fünf Weisen«). Prominete Mitglieder der Memorandum-Gruppe sind die Ökonomen Rudolf Hickel, Jörg Huffschmid und Herbert Schui. Seit 1997 besteht auch eine Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftpolitik für Europa (vgl.: Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik o.J.).

[11] Zum Begriff des »Feldes« bei Pierre Bourdieu: siehe Abschnitt4.1.5, S.44

[12] Vgl. Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik (Kronberger Kreis) 2000

[13] Vgl. Bourdieu et.al 1997: »Das Elend der Welt«

[14] Bourdieu (1998b: 12) zählt dazu u.a. Familienhelfer, Erzieher, kleine Beamte und Lehrer der verschiedenen Schultypen.

[15] Bourdieu umschreibt diese neue ökonomische Wissenschaft an dieser Stelle mit »Ökonomie des Glücks«.

[16] Insofern kann das Lebensweltkonzept sowohl als Antwort auf marxistische als auch auf liberale Kritik gelesen werden.

[17] Zum Überblick über Theorien der Sozialen Arbeit: Füssenhäuser/Thiersch 2001

[18] Ein Beispiel für die Hilfe zur Lebensbewältigung ist die sozialpädagische Arbeit im Übergang Schule/Beruf, das heißt Hilfe bei der Berufsfindung, beim Schreiben einer Bewerbung und beim Training von Vorstellungsgesprächen.

[19] Die Begriffe Lebensweltorientierung und Alltagsorientierung verwendet er häufig „einem weithin üblichen Sprachgebrauch folgend“ synonym. (Thiersch 1992: 6). Dabei wird Alltagsorientierung neben der Bedeutung als Rahmenkonzept Sozialer Arbeit auch „als Bezeichnung pragmatisch überschaubarer Verständnis- und Handlungsmuster“ verwendet (a.a.O.).

[20] Siehe Abschnitt4.1.5, S.44

[21] Füssenhäuser (1998: 11) merkt an, dass die Verwendung des Alltagsbegriffs im Konzept der Lebensweltorientierung auf die Betonung des kritischen Moments verweist.

[22] Zu aktuellen Diskussionen über Gerechtigkeit: »Zeitgenössiche Debatten« in: Horn/Scarano (Hg.) 2002: 335-500. Interessant ist hier die sogenannte Kommunitarismus-Liberalismus-Debatte. Siehe dazu auch Rawls 1979, Walzer 1998, Nozick 1979, sowie das die Auseinandersetzung dieser Autoren zusammenfassende Kapitel »Sphären der Gerechtigkeit« in Krause/Malowitz 1998: 58-83. Auf ökonomischer und philosophischer Ebene beschäftigt sich Sen (2000; 2002) umfassend mit dem Thema.

[23] Hier zeigt sich die thematische Überschneidung mit dem Ansatz der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (»Chancen für Alle«). Vgl. dazu: Rodenstock 2001

[24] Vgl. dazu auch Sen 2002

[25] Siehe Abschnitt4.1.6, S.47

[26] Die Bezugnahme auf Bourdieu hat Thiersch noch nicht schriftlich formuliert. Deshalb beziehe ich mich auf die Zusammenfassung von Cornelia Füssenhäuser (1998; 2000), die Überlegungen aus »Tübinger Diskursen« und Vorlesungen von Hans Thiersch bezüglich Bourdieu erstmals schriftlich ausformuliert hat.

[27] Brodbeck (2000) bezeichnet die neoklassische Theorie ebenso wie (implizit) Bourdieu (1998b: 110) als Paradigma der modernen Wirtschaftstheorie. In dieser Arbeit wird das Zusammenspiel der zwei Richtungen (neoklassische Wirtschaftstheorie und Neoliberalismus) mit dem Begriff »Neue Soziale Marktwirtschaft« gefasst. Neoliberale können jedoch nicht pauschal unter der reinen neoklassischen Theorie eingeordnet werden. Zur Unterscheidung: Die Neoklassik bezeichnet immer eine Wirtschaftstheorie. Neoklassische Theoretiker müssen jedoch nicht zwangsläufig »neoliberal« sein. Neoliberalismus bezeichnet meist eine Form von Politik, die auf dem theoretischen Gedankengut der Neoklassik aufbauen kann. Daneben gibt es jedoch neoliberale Theoretiker, die sich wie Friedrich August von Hayek nicht nur wirtschaftstheoretischen Gedanken gewidmet haben, sondern auch umfassenderen gesellschaftstheoretischen Überlegungen. Insofern ist der Neoliberalismus Hayek´scher Prägung auch eine Gesellschaftsphilosophie.

[28] Zitiert nach Kurz 1993: 11

[29] Die Grenznutzenschule repräsentiert die frühe Neoklassik. Mit dem Übergang zur Grenznutzenschule fand eine Abwendung von der klassischen Nationalökonomie statt, deren Arbeitswertlehre offensichtliche Schwächen aufwies. »Den Begründern der Grenznutzenschule gemeinsam ist die Vorstellung, dass die Nutzeneinschätzungen der Verbraucher Ursache und Bestimmungsgrad für Wert und Tauschwert eines Gutes sind, wobei dem Nutzen der zuletzt verbrauchten Einheit (àGrenznutzen) insofern eine besondere Bedeutung zukommt, als er auch den Wert der übrigen verbrauchten Einheiten bestimmt.« (VGWL 2: 848).

[30] Brodbeck bezieht sich hier auf die »Keynessche Revolution« in der Ökonomie, die den interventionistischen Wohlfahrtsstaat begünstigt hat (VGWL 2: 1126) und die von Milton Friedman so genannte »Konterrevolution« des Monetarismus. Letztere wird auch als »neoliberale Konterrevolution« (nach Altvater in: Kairos Europa/WEED 2000: 13) oder als »Neoclassical Counterrevolution« (vgl. Todaro 1997: 86) bezeichnet.

[31] Selbst die »Kritik der Politischen Ökonomie« von Karl Marx teilt laut Brodbeck (2000: VII) mehr mit der traditionellen Ökonomie als Marx selbst bewußt war. Brodbeck (a.a.O.: VIII) stellt das mechanische Paradigma der Wirtschaftswissenschaft insgesamt in Frage, ebenso wie Bourdieu.

[32] Zusammen mit dem nicht-neoliberalen Gunnar Myrdal.

[33] Friedman und Hayek berieten mit ihren ökonomischen Vorstellungen den chilenischen Diktator Pinochet. Chile gilt heute vielfach als Musterland des Neoliberalismus (vgl. Heuser 1993: 102; Valdés 1993).

[34] Beispielhaft für die Vermischung beider Hauptlinien ist die Person Friedrich August von Hayeks (1899-1992), der das Feld der ökonomischen Theorie an mehreren Orten mitprägte. Er war Schüler von Ludwig von Mises (1881-1973) aus der Wiener Schule. In den 20er Jahren war er Mitbegründer des Österreichischen Instituts für Konjunkturforschung in Wien. Von 1931-1950 war er Professor an der London School of Economics and Political Science. Danach lehrte er bis Anfang der 60er Jahre als Professor of Social and Moral Science an der Universität Chicago, wo er mit Milton Friedman und anderen die Neoliberale Chicago-Schule begründete. Nach seiner Emeritierung wurde er an die Universität Freiburg berufen, wo er auf die dortigen Restbestände des Freiburger Ordoliberalismus Einfluß nahm (Goldschmidt 2000: 180 FN 11).

[35] Vgl. Todaro 1997: 86ff. Der Begriff »Renaissance der Neoklassik« bezieht sich nicht auf grundlegend neue theoretische Grundannahmen, sondern eher auf die Abgrenzung zur »keynesianischen« Theorie (und Politik), die den Wohlfahrtsstaat und staatliche Eingriffe in die Wirtschaft begünstigt hat. In der Entwicklungstheorie fand die »Renaissance der Neoklassik«, bzw. die »Neoliberale Konterrevolution« (siehe auch FN30, S.18) in Abgrenzung zu den sogenannten »Dependenz-Theorien« statt (vgl. dazu: Mürle 1997, sowie Todaro 1997: 82ff).

[36] Sotolli (1998) nennt die Ökonomen Ian Little und Bela Balasa sowie Anne Krueger (vgl. auch Todaro 1997: 86)

[37] Die Entwicklungstendenz des Kapitalismus, einen einheitlichen Weltmarkt herzustellen, ist keine neue Erscheinung, sondern die konsequente, entwicklungslogische, von liberalen Ökonomen geforderte und geförderte globale Ausbreitung der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Insofern ist der Neoliberalismus lediglich die moderne Ausdrucksweise kapitalistischer Theorie und Politik. Bereits 1848 haben Marx/Engels (1985) im Manifest der Kommunistischen Partei die Entwicklungstendenz des Kapitalismus beschrieben: »Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen.« (a.a.O.: 49).

[38] Äußerungen von Hayek klingen bisweilen sehr zynisch. In einem Interview mit der Wirtschaftswoche meint Hayek (1981) bezüglich der Entwicklungshilfe: »Wenn wir garantieren, dass jedermann am Leben gehalten wird, der erst einmal geboren ist, werden wir sehr bald nicht mehr in der Lage sein, dieses Versprechen zu erfüllen.«

[39] Vgl. dazu auch VGWL 3: 1516

[40] Siehe Abschnitt 4.1.8; S.50

[41] Da die moderne Wirtschaftswissenschaft eine „positive Wissenschaft“ ist, lässt sich die gesamte Positivismuskritik auf sie anwenden (vgl. zum Beispiel: Reijen 1986: 106-111, sowie Schnädelbach 1992. ). Unter Positivismus versteht man eine wissenschaftstheoretische Position, die das »Positive« zum Prinzip allen wissenschaftlichen Wissens macht, wobei positiv hier (in der Regel) nicht das Gegenteil des Negativen, sondern das Gegebene, Tatsächliche, unbezweifelbar Vorhandene bezeichnet: die »positiven« Tatsachen, oder das, was man »positiv« weiß. Der Positivismus faßt das Positive (in diesem Sinne) als Ursprung und als Rechtfertigungsgrund all unserer Erkenntnis auf. (vgl. Schnädelbach 1992: 167).

[42] Zum Beispiel Starbatty (2000: 67): »Steuerpolitik muss die Kapitalbildung fördern und damit die Schaffung von Arbeitsplätzen: T â à p áà Iáà Bá« (Steuern für Unternehmen senken à Profitrate steigt à Investitionen steigen à Beschäftigung steigt)

[43] Vgl. auch Starbatty (2000: 113) in der Einführungsvorlesung zur Volkswirtschaftslehre: »Prognosen müssen scheitern können (falsifiziert werden können), damit sie informativ sind à das Popper-Kriterium (nach Karl Raimund Popper, 1901-1994)« (Hervorhebung im Original)

[44] Zum Beispiel Gilles (2000: 95): »Angelpunkt vieler Missverständnisse ist das Bild vom Wettbewerb, der inneren Logik der Globalisierung. Er vergrößert die Märkte aller - und zum Wohle aller.«

[45] Laut Zeit war Friedman der weltweit einflussreichste Ökonom der achtziger Jahre (vgl. Heuser 1993: 102).

[46] Kritik am Menschenbild des »homo oeconomicus« aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht: Sen 1995

[47] Kritisch dazu: Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik 2001a/2001b/2002a/2002b. Die Behauptung, man müsse die Wirkungsweise des Marktes im Sinne der modernen Volkswirtschaftslehre verstanden haben, um sozial handeln zu können, dürfte empirisch leicht zu widerlegen sein. Eine Kritik an der Aussage Starbattys würde deshalb vermutlich auf einen Streit um die Definition des Begriffs »sozial« hinauslaufen.

[48] Die »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft« (INSM) ist von der Kommission »Neue Soziale Marktwirtschaft« der CDU zu unterscheiden, die Ende August 2001 mit einem Programmpapier an die Öffentlichkeit getreten ist, dessen Thesen innerhalb der Partei diskutiert werden sollen (Reuter 2001). In der INSM sind aber auch Vertreter der CDU, wie zum Beispiel Lothar Späth vertreten.

[49] Die Verwurzelung der Neuen Sozialen Marktwirtschaft im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft der Nachkriegszeit zeigt sich auch darin, dass Hauptvertreter der Strömung Neue Soziale Marktwirtschaft bei den alten Theoretikern studiert haben und ihre heutiges Engagement als Aktualisierung der alten Ideen verstehen. So schrieb der ehemalige Bundesbankpräsident und Vorsitzende des Kuratoriums der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Hans Tietmeyer seine Diplomarbeit über den »Ordo-Begriff in der katholischen Soziallehre« bei Alfred Müller-Armack, der den Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ prägte (vgl. Tietmeyer 1999: 7).

[50] Damit meine ich zum Beispiel die Bundesbank oder die Europäischen Zentralbank. Dafür stehen die Namen Otmar Issing und Hans Tietmeyer.

[51] Der von Milton Friedman vertretene Monetarismus verkörpert die »Gegenrevolution« in der Geldtheorie, die sich gegen den Keynesianismus wendet (Nissen 1998). Die Geldwertstabilität wird als notwendige Grundlage für stabiles Wachstum gesehen. Vgl. auch Tietmeyer 1999 (»Eine stabile Währung als Grundlage für die Soziale Marktwirtschaft«).

[52] Peter Gillies ist freier Journalist und Autor der Tageszeitung „Die Welt“, deren Chefredakteur er sechs Jahre war. Der gelernte Bankkaufmann studierte Betriebswirtschaft an der Freien Universität Berlin (Diplomkaufmann) und promovierte 1989 in Gießen (Dr. rer.pol.) Er Erhielt 1983 den Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik. (Gillies 2000: 103).

[53] Randolf Rodenstock studierte Physik und erwarb an der Business School Insead im französischen Fonntainebleau den Titel des »Master of Business and Administration«. Er trat danach in das 1877 gegründete Familienunternehmen Optische Werke G. Rodenstock, München ein. Seit 1990 leitet er das Unternehmen als persönlich haftender Gesellschafter und Vorsitzender der Konzernleitung. Die Rodenstock-Gruppe hat weltweit über 6000 Mitarbeiter mit einem Umsatz von 500 Millionen Euro. (Rodenstock 2001). Rodenstock ist Mitglied des Kuratoriums der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

[54] Starbatty ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Tübingen, Vorsitzender der »Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft« und Mitglied im Beraterkreis der Studie „Mehr Mut zum Markt – konkrete Problemlösungen" des Frankfurter Instituts für wirtschaftspolitische Forschung/Kronberger Kreis (1986). „Die Studie ist die konkrete Ausformulierung von Konzepten für eine neue Gesellschaftsordnung und kann somit als Standardwerk der neoliberalen Politik in Deutschland gelten.“ (Schui u.a. 1997: 242f).

[55] Weil sich die Gründungsmitglieder 1947 nicht auf einen Namenspatron einigen konnten, nannte man die Gesellschaft der Einfachheit halber nach dem Versammlungsort: Mont Pèlerin-Gesellschaft. Der Vorsitzende der Mont-Pèlerin-Gesellschaft, Christian Watrin, emeritierter Professor für Ökonomie der Universität Köln, ist Mitglied im wisenschaftlichen Beirat der Tübinger Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft, der Joachim Starbatty vorsteht (vgl. Universität Köln-/Presse- und Informationsstelle 2000, sowie im Internet: www.asm-ev.de).

[56] Zur »Unsichtbaren Hand«: siehe Abschnitt3.1, S.17

[57] Hayek dazu im Wortlaut (1980/81; Bd. 2: S. 230, FN 26): »Ich bedaure diesen [Wort-] Gebrauch, obwohl es einigen meiner Freunde in Deutschland (und jüngst auch in England) offenbar mit seiner Hilfe gelungen ist, die Art Gesellschaftsordnung, für die ich auch eintrete, weiteren Kreisen schmackhaft zu machen.«

[58] Schumpeter analysierte die Dynamik des Kapitalismus »aus sich selbst heraus«. Im Gegensatz zum Gleichgewichtsmodell der Neoklassik ging er davon aus, dass kapitalistische Märkte ihrer Natur nach immer im Ungleichgewicht sind. Seine Schlussfolgerung ist, dass der Kapitalismus sich irgendwann selber zerstören wird und in einen planwirtschaftlichen Sozialismus übergeht, der seiner Meinung nach vermutlich besser funktionieren wird als ein »Monopolkapitalismus« (vgl.: Piper 1992). In diesem Kontext verwendete Schumpeter die Begriffe »Pinierunternehmer« und »schöpferische Zerstörung«, um die Dynamik des Kapitalismus zu beschreiben. Neoliberale übernehmen heute Schumpetersche Begriffe, ohne dessen Schlussfolgerung zu übernehmen.

[59] Siehe Abschnitt2.2.2, S.15

[60] Siehe FN , S.26

[61] Dafür stehen die Begriffe »Pionierunternehmer« (vgl. Rodenstock 2001: 22; 135), sowie der Begriff der »schöpferischen Zerstörung« (vgl. Gillies 2000: 95, Starbatty 2000: 67).

[62] Dafür wurde in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Joachim Starbatty das Computerplanspiel »MACRO« für SchülerInnen entwickelt (ASM-Bulletin 1999/1: 3). Ziel ist, das Planspiel im Lehrplan der Allgemeinbildenen Gymnasien zu verankern (ASM-Bulletin 1999/2: 5). Siehe Abschnitt4.2.2.1, S.66

[63] Der Ökonom Norbert Reuter von der AG Alternative Wirtschaftspolitik vergleicht die theoretischen Konzepte der »alten« und der Neuen Sozialen Marktwirtschaft. Diese Gegenüberstellung dokumentiere weitgehend unvereinbare Grundannahmen (Reuter 2001: 18). Das Konzept der INSM spiegele die oft als »neoliberal« bezeichnete Auffassung. Die von der INSM vertretene Überzeugung »Soziale Marktwirtschaft brauche ein Minimum an Ethik und Regeln, denn sie setzt auf effiziente Selbstregelungskräfte« (Rodenstock 2001: 28) falle nicht nur hinter den Erkenntnisstand der Sozialen Marktwirtschaft zurück, sondern stehe sogar in ekklatantem Widerspruch zu den theoretischen Grundlagen der deutschen Wirtschaftsordnung (vgl. Reuter 2001: 18.).

[64] Das gilt meiner Meinung nach auch für das theoretische System eines perfekten Marktes. Die Menschen in der Praxis müssen perfekt den Modellannahmen entsprechen, damit es funktioniert und die gewünschten Ergebnisse hervorbringt.

[65] Der Nobelpreisträger für Ökonomie 2001, Joseph Stiglitz (2002), meint dazu: »Märkte sind nicht effizient, wenn Information unvollständig ist, also eigentlich immer. Die unsichtbare Hand ist vor allem deswegen unsichtbar, weil es sie nicht gibt.« (Zitiert nach Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik 2002b: 19).

[66] Damit meint er das akkumulierte wissenschaftliche Wissen (vgl. Liebau 1987: 35).

[67] Samuelson 1967: 33

[68] Das Buch stellt für das Gesamtwerk Bourdieus den Ausgangspunkt und den maßgeblichen Referenzpunkt dar (vgl. Flaig 2000: 371).

[69] Diesen Punkt spricht auch Luhmann an: »Der Gegenbegriff zu Marktwirtschaft, den man jetzt ins Auge fassen muss, ist nicht Planwirtschaft und nicht Staatstätigkeit, sondern Subsistenzwirtschaft. Eine solche Wirtschaft läuft ohne nennenswerte monetäre Vermittlung ab.« (1994: 97).

[70] In gewisser Weise kann diese alte soziologische Grundannahme als „materialistisch“ bezeichnet werden (vgl. Schwingel 1995: 31).

[71] Die Wissenschaft unterliegt jedoch einer zunehmenden Ökonomisierung und der Forderung nach ökonomischer „Effizienz“. So meint zum Beispiel Rodenstock (2001: 165f) »Die Hochschulreformer Ende der sechziger Jahre wollten die Hochschulen ausdrücklich in Staatsregie führen. Keine andere Instanz als der Staat, so argumentierten sie, könne die Chancengleichheit sichern und auch Arbeiterkindern eine universitäre Ausbildung ermöglichen. Liberale Denker hielten das schon seinerzeit für falsch. Sie wollten und wollen die Hochschulen für den Wettbewerb öffnen, um so zu Spitzenleistungen in Forschung und Lehre zu kommen. Auf diesem Wege könne das Wissen der Menschen - die Experten sprechen von Humankapital - auf einen solchen Stand gebracht werden, dass sie und ihre Unternehmen der weltweiten Konkurrenz besser Paroli bieten können. Vorbild ist das US-amerikanische Hochschulsystem mit seiner ausgesprochenen Leistungs- und Eliteorientierung, wobei einkommensschwächere Studenten durch Stipendien und Förderprogramme großzügig gefördert werden.«

[72] Bourdieu ist bezüglich der Ökonomischen Wissenschaft, die die »ehernen Gesetze der Finanzmärkte« verkünde, anderer Meinung als Walzer: »Denn ich glaube, gegen die nationale und internationale Technokratie kann man nur wirksam vorgehen, wenn man sie auf ihrem Lieblingsgebiet, nämlich der Wissenschaft und insbesondere der Wirtschaftswissenschaft, schlägt und dem abstrakten und verstümmelten Wissen, auf das sie sich beruft, ein Wissen entgegensetzt, das den Menschen und den Wirklichkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, mehr Achtung entgegenbringt.« (1998b: 37f).

[73] Der Gegensatz drückt sich jeweils nach unterschiedlicher (nationaler) Wissenschaftskultur oder dem jeweiligen Diskussionsstand einer Disziplin in unterschiedlichen begrifflichen Gegensatzpaaren aus, wie zum Beispiel: Individuum und Gesellschaft; Lebenswelt und System; Phänomenologie und Strukturalismus; Verstehen und Erklären; Mikro- und Makrosoziologie (vgl. Schwingel 1995: 36).

[74] Die Zielsetzung der Vermittlung zwischen den beiden Ansätzen hat sich nicht aus abstrakten philosophischen oder erkenntnistheoretischen Überlegungen heraus entwickelt, sondern aus der Praxis heraus im Zusammenhang mit konkreten empirischen (vor allem ethnologischen) Forschungen (vgl. Schwingel 1995: 36).

[75] Dazu zählt Bourdieu die phänomenologische Soziologie, die explizit an Husserl anknüpft (zum Beispiel A. Schütz), die Ethnomethodologie (H. Garfinkel) und die interaktionistische Soziologie (E. Goffman). Bourdieu rechnet dem Subjektivismus ebenso die Handlungssoziologie von A. Touraine und den methodologischen Individualismus von R. Boudon zu (vgl. Schwingel 1995: 38).

[76] Dazu zählen u.a. der Strukturalismus, der klassische Marxismus, Systemtheorien, sowie die neoklassische Volkswirtschaftslehre und viele neoliberale Ansätze.

[77] Vereinfacht gesagt besteht das gemeinsame Interesse von strukturalistischen Ansätzen in der Analyse von Strukturzusammenhängen, die ohne dass es den Subjekten bewusst ist, verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen „konstitutiv“ zugrundeliegen (zum Beispiel: Sprache, Verwandtschaftsbeziehungen, Mythen, Kunst u.a.m.; vgl: Schwingel 1995: 29) Die moderne Wirtschaftstheorie gleicht in dieser Hinsicht dem Strukturalismus, da eine Gesamtheit von wenigen wirtschaftlichen Grundregeln „festgestellt wird“.

[78] Genau dies geschieht aber in der neoliberalen Wirtschaftspolitik, wenn theoretische Modelle freier Märkte, die im Kern auf der Vorstellung einer „unsichtbaren Hand“ des Marktes basieren, für die Praxis als verbindlich erklärt werden.

[79] Diese Kritik am Strukturalismus läßt sich auf die moderne Ökonomie übertragen. Zu berücksichtigen ist dabei allerdings, dass die Theoriekomponenten Bourdieus immer zusammengedacht werden müssen. In diesem Falle ist es unbedingt nötig, die Stellung der modernen Ökonomie und der Ökonomen als Legitimationsinstanz und Bezugspunkt für die liberale Betrachtung von Wirtschaft in der Gesellschaft mitzureflektieren.

[80] Ausführlich dargestellt ist diese Problematik in Bourdieu 1987: 180-204: »Die Wirkung der Zeit«.

[81] Mit einer ähnlichen Problematik bezüglich des Menschenbildes in der modernen ökonomischen Wissenschaft beschäftigt sich der Ökonom und Nobelpreisträger 1998 Amartya Sen (2000: 297-334) in einem Kapitel über „Sozialwahl und individuelles Verhalten“.

[82] Vgl. dazu auch Kritik aus sozialwissenschaftlich-marxistischer Sicht: »Zu irgendwelcher Ehrfurcht gegenüber der herrschenden Lehre der Ökonomie, wie sie sich gegenwärtig an allen Universitäten im Westen - und neuerdings auch im Osten - breitmacht, besteht keinerlei Grund. Die angeblich so logische ökonomische Theorie, auf deren intimer Kenntnis die turmhohe Arroganz der Ökonomen gegenüber dem übrigen Volk der Laien und sonstigen Sozialwissenschaftlern beruht, war und ist um Modellwelten von der realen Welt der Märkte und der Kapitalismen und deren Geschichte entfernt.« (Krätke 1996: 113 FN 45).

[83] Die Habitustheorie hat sich aus empirischen Forschungsfragen heraus entwickelt. Sie ist als relativ offenes Konzept angelegt (vgl. Schwingel 1995: 53).

[84] Die gesellschaftliche Geschichte drückt sich somit einerseits im Habitus der Menschen aus, wodurch deren Handlungsmöglichkeiten vorgeprägt sind und andererseits in »verdinglichter« Form gesellschaftlicher Institutionen und Normen.

[85] »Jeder Markt folgt den Gesetzen von Angebot, Nachfrage und Knappheit« (Rodenstock 2001: 178). Bei Starbatty (2000: 14) sind folgende Aussagen zentral für seine volkswirtschaftliche Analyse: 1. Menschen handeln vernünftig (Rationalitätsprinzip); 2. Individuen reagieren auf Änderungen von Umweltbedingugnen, 3. Individuen lernen aus ihren Erfahrungen, 4. Individuen umgehen Kontrollen, 5. Nicht das Verhalten einzelner Individuen, sondern einer Menge von Individuen kann vorausgesagt werden, 6. Soziale Gruppen handeln prinzipiell nicht anders als Individuen (methodologischer Individualismus).

[86] Den gleichen Vorwurf kann man auch gegen das Geschichtsbild der klassischen marxistischen Theorie (historischer Materialismus) erheben, nach dem die materiellen Verhältnisse das Handeln der Arbeiterklasse vorhersagbar bestimmen und zu einer proletarischen Revolution führen (vgl. Marx/Engels 1985; WPB: 292); vgl. dazu aus kritisch-marxistischer Sicht: Dutschke 1963

[87] Im Habitus kann selbstverständlich das Streben nach Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten angelegt sein. Das bewusst angestrebte Erlernen einer Fremdsprache kann unter Umständen die Erkenntnisfähigkeit und den Erfahrungshorizont enorm ausweiten, wenn es möglich ist, sich in einem fremden Land mit Einheimischen zu unterhalten oder sich dort in das Alltagsleben zu integrieren.

[88] Es geht dabei auch um Formen äußeren Zwangs in der Familie, wie zum Beispiel die Formen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung oder das Verhältnis zu Verwandten (vgl. Bourdieu 1987: 101).

[89] Eine Zusammenfassung des Kuhn´schen Ansatzes findet sich bei Kutschera (2000)

[90] Der Psychologe Athanasios Marvakis (a.a.O.) entfaltet den Gedanken gesellschaftlicher Orientierung am Beispiel des Nationalsozialismus. An diesem Extrembeispiel lässt sich zeigen, wie ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel stattfindet, der das den Menschen Vorfindliche, die gesellschaftliche Doxa, verändert: „Vor dem Nationalsozialismus als Staatsmacht, in dem Antisemitismus gesamt-gesellschaftliches Strukturmoment war, wurde der Antisemitismus nur von Antisemiten d.h. von antisemitisch orientierten Menschen und »Bedeutungsgemeinschaften« getragen / vertreten / gefördert / unterstützt etc. Während des Nationalsozialismus waren allerdings auch andere (individuele und soziale) Akteure an der Durchführung der antisemitischen Politiken beteiligt als nur Antisemiten. Dies geschah durch Einbindung (der Arbeitskraft und der Lebensperspektiven) auch der Nicht-Antisemiten in die gesamtgesellschaftlichen antisemitischen Strukturen.«

[91] Der rasante Wandel der heutigen Wirtschaft gibt zu Befürchtungen Anlass, dass die permanente Temposteigerung die Menschen überfordert, bemerkt Rodenstock (vgl. 2001: 187). Der Mensch könne aber diese Prozesse mitgestalten: »Hier wird sich im Laufe des Strukturwandels ein Optimum abzeichnen, jener Schnittpunkt, an dem die Entwicklung zu neuem Wohlstand führt, aber eine Überforderung der Menschen vermeidet (a.a.O: 188).

[92] Eine solche zu entwickelnde „Allgemeine Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis“ ist ein Paradigma, das die herkömmliche mechanische Wirtschaftstheorie herausfordern kann. Sowohl die Grundannahmen, als auch die Methoden (beispielsweise das Theorie-Praxis-Verhältnis) sind im Ansatz von Bourdieu anders als in der herkömmlichen ökonomischen Theorie definiert. Es ist naheliegend, zur Entwicklung einer „Allgemeinen Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis“ auch Gerechtigkeitstheorien auf die angesprochenen Defizite hin zu betrachten und gegebenenfalls zu kritisieren.

[93] Im Wirtschaftslexikon wird Kapital wie folgt definiert: 1)neben Arbeit und Boden der dritte volkswirtschaftliche Produktionsfaktor. Das Realkapital (Sachvermögen) umfasst die sachlichen Produktionsmittel, die im Produktionsprozess eingesetzt werden. Der Kapitalstock wird als Mengen- oder Wertgröße bestimmt. Das Geldkapital umfaßt die finanziellen Mittel, die zur Erneuerung und Erweiterung des Kapitalstocks zur Verfügung stehen. (2) Bilanzmäßig wird das Kapital (unterteilt in Eigenkapital und Fremdkapital) als ausgewiesener Wert des Gesamtvermögens auf der Passivseite erfasst (vgl. VGWL, Bd 2: 1084).

[94] Moderne Wirtschaftswissenschaften: siehe3.2Moderne Ökonomie und Neoklassik, S.21

[95] Den Aspekt bezüglich der Nichtbeachtung der gesamten „ökonomischen Produktion“ spricht auch Luhmann (1994: 97) an: »Der Gegenbegriff zu Marktwirtschaft (...) ist nicht Planwirtschaft und nicht Staatstätigkeit, sondern Subsistenzwirtschaft. Eine solche Wirtschaft läuft ohne nennenswerte monetäre Vermittlung ab.« Es geht dabei sowohl um Selbstversorgung aus landwirtschaftlcihen Erträgen (vor allem in Ländern der sogenannten Dritten Welt), als auch um „Reproduktionsarbeit“ in der Familie, d.h. „klassische Hausfrauenarbeit“.

[96] Z. B. Werkzeuge, Maschinen, Bücher

[97] Beispiele sind unterschiedliche Fähigkeiten, wie zum Beispiel Sprachkenntnisse, die Fähigkeit eine Maschine zu bedienen, kochen, eine Sitzung leiten, Kinder betreuen, Radfahren, oder in der Wildnis Feuer zu machen.

[98] Personengebundenes Kapital kann in Form von Arbeitskraft ökonomisch durch Gewalt angeeignet werden (Beispiel Sklaverei). Hier wird aber letztlich nicht Kapital widerrechtlich angeeignet, sondern ein Mensch missbraucht und ausgebeutet. Gleiches gilt für erzwungene Prostitution. Ein Mensch ist kein Kapital.

[99] Hier beschreibt Bourdieu den Arbeitsmarkt aus der Sichtweise der herkömmlichen Ökonomie als einen Teilbereich einer umfassenderen »Ökonomie der Praxis«.

[100] Ökonomen der Humankapital-Schule, wie Becker, lassen dies unberücksichtigt (vgl.: Bourdieu 1997: 54)

[101] »(...) und zwar je nach dem Abstand zu den Erfordernissen des schulischen Marktes entweder als positiver Wert, als gewonnene Zeit und Vorsprung, oder als negativer Faktor, als doppelt verlorene Zeit, weil zur Korrektur der negativen Folgen nochmals Zeit eingesetzt werden muss« (Bourdieu 1997: 56).

[102] Walzer (1999: 12) bezieht sich hier auf das erste Kapitel des Buches »Vom Gesellschaftsvertrag« von Jean-Jacques Rousseau (vgl. 1977: 61): »Der Mensch wird frei geboren, aber überall liegt er in Ketten.[...] Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen? Ich weiß es nicht. Was kann sie rechtmäßig machen? Ich glaube, dass ich dieses Problem lösen kann.«

[103] Es bestehen auch innerhalb gleicher Schichten enorme Unterschiede, wie z.B. Geschlechterrollen, die Menschen (auch in der Fremddefinition von außen) unfreiwillig an einen bestimmten Platz fesseln können.

[104] »Die formale Gleichheit, die die pädagogische Praxis bestimmt, dient in Wirklichkeit als Verschleierung und Rechtfertigung der Gleichgültigkeit gegenüber der wirklichen Ungleichheit in Bezug auf den Unterricht und der im Unterricht vermittelten, oder genauer gesagt, verlangten Kultur.« (Bourdieu 2001a: 39).

[105] Im deutschen Sprachgebrauch wird solch eine Nutzung von Sozialkapital, z.B. die Umwandlung von Beziehungen in ökonomisches Kapital auch als „Vetternwirtschaft“ bezeichnet.

[106] Siehe Abschnitt3.2, S.21

[107] Dieses Modell ähnelt auch dem Urzustand in der liberalen Theorie von John Rawls (1979), in dem die Menschen zunächst unter dem theoretischen »Schleier des Nichtwissens« leben und sich auf Gerechtigkeitskriterien einigen.

[108] Siehe Abschnitt4.3, S.73

[109] Professor an der Universität Louvrain/Belgien und ehemaliger Leiter des FAST-Programmes (Forecasting and Assessment in Science and Technology) der Europäischen Union

[110] »Wettbewerbsfähigkeit« ist ein Schlagwort des Neoliberalismus. Das Konzept der »Systemischen Wettbewerbsfähigkeit« kritisiert den reinen Neoliberalismus, wie er in den 80er Jahren von IWF und Weltbank gegenüber Entwicklungsländern vertreten wurde (vgl. Eßer/Hillebrand/Messner/Meyer-Stamer 1994: 5f) und befürwortet staatliche Regulierungen der Wirtschaft. Der durch die neoliberale Politik geschaffene weltweite Wettbewerb wird jedoch als naturgegebene Grundannahme in diesen Theorieansatz eingebaut. Somit wird lediglich auf strukturelle Sachzwänge reagiert, die als Folge neoliberaler Politik entstanden sind. Das Konzept der »Systemischen Wettbewerbsfähigkeit« lässt sich in gewisser Weise als neoliberale Variante der »modernen Sozialdemokratie« charakterisieren.

[111] In der Neuen Sozialen Marktwirtschaft wird dies häufig als für die wirtschaftliche Dynamik und den Fortschritt notwendige »schöpferische Zerstörung« charakterisiert.

[112] Was bedeutet »mehr Wettbewerb« von »Sozialunternehmen« in der Drogenhilfe, bei »Essen auf Rädern«, bei der Arbeit mit Straßenkindern für Klientel und Sozialarbeiter?

[113] Der Zusammenbruch realsozialistischer Planwirtschaften belegt meines Erachtens nicht, dass es keine Alternative zu kapitalistischen Märkten geben kann, die auf einer marxistischen Analyse aufbaut. Sogar in einem Buch über die Geschichte der Nationalökonomie, das vom Neoliberalen Otmar Issing herausgegeben wurde, schreibt Peter Dobias (1994:: 125f): »Aus der Marx´schen Analyse [des Kapitalismus T.K.] mögen sich durchaus auch andere als die von den Leninisten und Stalinisten abgeleiteten ordnungspolitischen Implikationen ergeben.« Aspekte der Marx´schen Methode stellen demnach bis heute »eine Herausforderung für den Ökonomen« dar. »Hierzu könnte vor allem die Vorstellung gehören, dass ökonomische Institutionen gesellschaftlich bedingt sind und dem historischen Wandel unterliegen und dass dieser Wandel sich diskontinuierlich, im Wege gesellschaftlicher Konflikte, vollzieht. Letzten Endes ist dies die Vorstellung von einer integrativen Sozialwissenschaft.« (a.a.O.: 125). Diese Vorstellung von einer integrativen Sozialwissenschaft vertritt auch Bourdieu (1998a: 54; 1997).

[114] Bode nimmt hier Bezug auf die klassische Theorie von John Stuart Mill (1968).

[115] Frankfurter Institut für wirtschaftspolitische Forschung e.V. (Kronberger Kreis) 1986

[116] Im wissenschaftlichen Beirat der Tübinger Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft sitzen Christian Watrin, der Vorsitzende der neoliberalen Mont Pélerin Gesellschaft (Universität Köln / Presse-und Informationsstelle 2000), sowie Jürgen B. Donges vom Sachverständigenrat, Walter Hamm und Hans Wilgerodt vom Kronberger Kreis, sowie Otmar Issing, Chefökonom der Europäischen Zentralbank und Mitherausgeber von Vahlens Grossem Wirtschaftslexikon (siehe: www.asm-ev.de).

[117] Siehe Abschnitt4.1.3, S.41

[118] Siehe Abschnitt4.1.1, S.34

[119] Starbatty (2000: 67) zitiert Schumpeter (1950: 137f.): »Die Eröffnung neuer, fremder oder einheimischer Märkte und die organisatorische Entwicklung vom Handwerksbetrieb und der Fabrik zu solchen Konzernen wie dem U.S.-Steel illustrieren den gleichen Prozeß einer industriellen Mutation - wenn ich diesen biologischen Ausdruck verwenden darf -, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft. Dieser Prozeß der „schöpferischen Zerstörung“ ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum.«

[120] Die Begriffe »Wortschatz« und »ökonomsische Strukturen« zeigen die Analogie dieser ökonomischen Denkweise zum ursprünglich aus der Sprachwissenschaft stammenden Strukturalismus.

[121] Gegenargumente und alternative Vorschläge zu solch einer restriktiven Arbeitsmarktpolitik aus ökonomischer Sicht finden sich bei der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (2000: 25-31). Die Kritik Bourdieus an der Übertragung theoretischer Modelle auf die Wirklichkeit wurde im Abschnitt4.1.3(S.41) beschrieben.

[122] Zur Einordnung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft im ökonomischen Feld: Das Institut macht vielfältigste Studien für Internationale Einrichtungen, wie den Internationalen Währungsfond und die WTO. Im wissenschaftlichen Beirat sind u.a. die neoliberalen ÖkonomInnen Anne Krueger, stellvertretende Geschäftsführerin des Internationalen Währungsfonds und Otmar Issing, Chefökonom der Europäischen Zentralbank (www.uni-kiel.de/ifw/organetz.htm). Derzeitiger Präsident ist Horst Siebert, Vorsitzender des Sachverständigenrats für Wirtschaft („die fünf Wirtschaftsweisen„/ www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de).

[123] »Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist ein Gremium der wissenschaftlichen Politikberatung. Der Sachverständigenrat wurde durch Gesetz im Jahre 1963 eingerichtet zur periodischen Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland und zur Erleichterung der Urteilsbildung bei allen wirtschaftspolitisch verantwortlichen Instanzen sowie in der Öffentlichkeit. Er ist in seinem Beratungsauftrag unabhängig.

Der Rat hat die gesamtwirtschaftliche Lage und deren absehbare Entwicklung zu analysieren, er hat zu untersuchen, wie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig Stabilität des Preisniveaus, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wachstum gewährleistet werden können. Dem gesetzlichen Auftrag zufolge verfaßt und veröffentlicht der Rat jedes Jahr ein Jahresgutachten (Mitte November) und überdies, in besonderen Problemlagen oder nach Auftrag durch die Bundesregierung, Sondergutachten. Der Sachverständigenrat besteht aus fünf Mitgliedern, die für einen Zeitraum von jeweils fünf Jahren vom Bundespräsidenten auf Vorschlag der Bundesregierung berufen werden.« (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 1999/2000)

[124] Bourdieu (1998b: 39) erwähnt in »Gegenfeuer«, dass die intellektuellen Vordenker des Neoliberalismus seit 20-25 Jahren »anfangs gegen den Strom, unermüdlich jene Vorstellungen produziert [haben], die nach und nach selbstverständlich geworden sind.«

[125] Siebert ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und spielt laut Zeit-Redakteur Heuser (1996) »ganz oben mit im informellen Wettstreit um den Titel des einflußreichsten Ökonomen in Deutschland.« Er wurde in die „Quota Formula Group“ des Internationalen Währungsfonds berufen, die zur Aufgabe hat, Vorschläge für die Änderung der Bretton-Woods-Formel zu unterbreiten. Daneben ist er Fellow des World Economic Forum, sowie Mitglied in dessen Advisory Board für den „Global Competiveness Report“ (www.uni-kiel.de/ifw/organetz.htm).

[126] Starbatty (1999: 4) dazu im Wortlaut anläßlich einer Begrüßungsrede für Tietmeyer: »Wir erinnern uns: im Himalaya schleppen die Sherpas das Gepäck in die jeweiligen Basislager. Von berühmten Sherpas berichtet man, daß sie bisweilen auch die Hauptdarsteller - also die Bergsteiger und Gipfelteilnehmer - nach oben geschleppt haben. Das trifft in ihrem Fall natürlich nur im übertragenen Sinne zu.«

[127] 6. Alfred-Müller-Armack-Symposium »Soll und Haben - 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft« der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft vom 5.-7. November 1998

[128] Abgedruckt in Bourdieu 1996 (»Warnung vor dem Modell Tietmeyer«) und in leicht veränderter Form: »Das Modell Tietmeyer« in Bourdieu 1998b: 53-59

[129] »Nach seiner Ära als baden-württembergischer Ministerpräsident und Jenoptik-Chef soll Bundespolitik die dritte Säule im Späth-Werk werden. Und deshalb konnte Stoiber ihm nicht irgendein Ressort versprechen. Ein Super- Ministerium musste her - für Arbeit, Wirtschaft und Aufbau Ost.« (Tuma 2002: 23).

[130] Die Namen sind auf der Internet-homepage der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zu finden: www.chancenfueralle.de

[131] Vgl. Neumann 1994: 256; Starbatty 2000: 30. Zum Positivismus siehe Fußnote41S.22

[132] Kuhns Buch ist im Zusammenhang mit zwei philosophischen Werken zu sehen: Karl Poppers Logik der Forschung (1934) und Ludwig Wittgensteins Philosophische Untersuchungen (1953). Kutschera (2000: 299) weist in seiner Kuhn-Rezension auf den breiteren geistesgeschichtlichen Hintergrund hin.

[133] Als Sammelbewegung von Einzelpersonen und Organisationen, die sich gegen die »neoliberale Globalisierung« wenden ist in letzter Zeit das von Bourdieu unterstützte Netzwerk Attac aufgetreten (vgl. Attac Deutschland 2002).

[134] »Ricardos Annahmen [zum Freihandel, T.K.] sind nicht bloß ahistorisch, sondern auch weitgehend unrealistisch.« (Starbatty 2000: 28), siehe auch Abschnitt4.2.2.1, S.66

[135] Vgl. dazu die Kapitalismusanalyse von Marx/Engels (1985: 48). »Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat (...) kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose >bare Zahlung<.«

[136] Es geht dabei meines Erachtens nicht alleine um den Ersatz eines falschen ökonomischen Paradigmas durch ein besseres (vgl. Kröll 2001), sondern auch um die »Abwicklung« der ökonomischen Theorie als Machtinstrument. Damit ist ein »herunterfahren« des weltweiten Einflusses liberaler Wirtschaftstheorien gemeint (vgl. Spehr 2000: 28; 42).

86 von 86 Seiten

Details

Titel
Neoliberalismus und Soziale Arbeit - Über wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen im Licht einer kritischen Theorie der Sozialen Arbeit
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
86
Katalognummer
V109812
Dateigröße
648 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Thema ist die notwendige Ergänzung einer Theorie der Sozialpädagogik / Sozialen Arbeit durch eine kritische Gesellschaftstheorie am Beispiel der Lebensweltorientierung (Thiersch). Die Arbeit bezieht sich auf den Soziologen Pierre Bourdieu und setzt sich kritisch mit dem aktuellen Ansatz einer "Neuen Sozialen Marktwirtschaft" auseinander. Die neoliberalen Rahmenbedingugnen des Alltags (das "Gegebene und Selbstverständliche") werden fundiert analysiert und hinterfragt.
Schlagworte
Neoliberalismus, Soziale, Arbeit, Rahmenbedingungen, Licht, Theorie, Sozialen
Arbeit zitieren
Dipl.-Pädagoge Tobias Kröll (Autor), 2003, Neoliberalismus und Soziale Arbeit - Über wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen im Licht einer kritischen Theorie der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109812

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Neoliberalismus und Soziale Arbeit - Über wirtschaftliche  und gesellschaftliche Rahmenbedingungen im Licht einer kritischen Theorie der Sozialen Arbeit


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden