Sigelwörter im französischen Wörterbuch


Hausarbeit, 2002

13 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsangabe

0. Einleitung

1. Was sind Sigelwörter?

2. Die Ansprüche der Vorworte

3. Das sigle als Lemma

4. Zusammenfassung

5. Bibliographie

0. Einleitung

« RATP vs. RATP », so könnte durchaus die Überschrift eines Zeitungs-artikels lauten. Der Gehalt, dass es sich dabei um die Auseinandersetzung zwischen einer kleinen engagierten Gruppe (Réseau pour l’abolition des transports payants) und den Verkehrsbetrieben der Ile de France (Régie autonome des transports parisiens) handelt, erschlösse sich nur dem geneigten Leser. Denn die beinahe exzessiv zu nennende Verwendung von Sigelwörtern, v.a. im französischen Sprachraum, stößt, wie sich denken läßt, nicht bei jedermann auf Zustimmung; sind die Sigelwörter für die einen « Zeichen unserer Zivilisation » (Doppagne), werden sie von anderen als « maladie du siècle » (Gessner) ausgemacht.

In dieser Hausarbeit will ich mich mit dem lexikographischen Status eben jener Sigelwörter (frz.: sigles), d.h. einiger aus der Presse stammender Beispiele, auseinandersetzen. Die neun exemplarisch verwandten sigles, den Tageszeitungen « Le Monde » vom 27. November 2001 und « Libération » vom 20. Dezember 2001 entnommen, sind die folgenden: ONU [1], PDG [2], SNES [3] und DJ [4], sowie UDF [5], CRS [6], RDA [7], BTP [8] und CD [9]. Ich hoffe, mit dieser Auswahl ein breit-möglichstes Spektrum erfaßt zu haben: zum einen den alltäglichen offiziellen bzw. politischen Diskurs (ONU, UDF), zum anderen Bestandteile einer vielen Bevölkerungsschichten eigenen Alltagssprache (PDG, CRS), des weiteren einen sehr spezifischen (hier syndikalistischen bzw. inzwischen historischen bzw. ökonomischen) Sprachgebrauch (SNES, RDA, BTP) sowie die schon etabliertere Jugend- und moderne Sprache (DJ, CD); wenn letztere Beispiele auch nicht aus dem französischen Sprachraum stammen mögen, finden sie dort dennoch Verwendung. Was aber heißt « lexikographischer Status »?

Die Lexikographie als Teilbereich der Lehre vom Lexem (Lexikologie), der Erforschung des (hier: französischen) Wortschatzes, befasst sich mit der schriftlichen Erfassung und Ordnung der Lexeme in Wörterbüchern und Nach- schlagewerken. Es handelt sich also, wenn ich vom « lexikographischen Status der Sigelwörter » spreche, um ihre Stellung, mithin ihre Behandlung, im französischen Wörterbuch, im « Spiegel der Sprache ».

1. Was sind Sigelwörter?

Zu allererst bleibt jedoch noch die Frage zu beantworten, worum es sich bei diesem Objekt der Erregung, den Sigelwörtern, überhaupt handelt und wie sich seine historische Genese vollzog.

Das Sigelwort setzt sich aus « une initiale ou une suite d’initiales servant d’abrévition » (Gessner, S. 171) zusammen und wird daher auch Initialwort genannt. Die Groß- bzw. Kleinschreibung des reduzierten Syntagmas spiegelt sich im sigle allerdings nicht wieder, die Initialen werden immer durch Großbuchstaben dargestellt (Doppagne). Wichtig für die Entstehung bzw. die Etablierung eines sigle in einer Sprachgemeinschaft ist hingegen eine hohe Frequenz der Verwendung und die allgemeine Kenntnis der so abgekürzten Wortgruppe, zumindest in einem Teil dieser Gemeinschaft. Zu der unvermeidlichen Verschlüsselung kommt noch, als zweiter problematischer Aspekt, eine mögliche Polysemie der Sigelwörter. Sie resultiert daraus, dass ein sigle auch « dans une communauté linguistique ... [peut] avoir plusieurs origines » (Gessner, S. 173). Auch für die Aussprache, d.h. alphabetisches oder phonetisch gebundenes Initialwort, sigle im engeren Sinne oder Kurzwort, gibt es keine allgemein verbindliche Regel; als Leitfaden könnte höchstens die « Ökonomie der Sprache » geltend gemacht werden.

Das Initialwort an sich ist kein neuzeitliches oder gar modernes Phänomen; eine Feststellung, die eingedenk von A.D. (Anno Domini) oder A.T. (Altes Testament), keines weiteren Beleges mehr bedarf. Die stetig anwachsende Zahl und weitverbreitete Etablierung der Sigelwörter aber, sowohl in der geschriebenen als auch in der gesprochenen Sprache, ist eine Entwicklung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieser Vorgang läßt sich « dans tous les domaines proches de l’administration, de l’economie, de la politique » (Gessner, S. 173) deutlich beobachten, da in diesen Bereichen die « Ökonomie der Sprache » besonders zum Tragen kommt.

Das explizit neue ist demnach einzig, dass seine begrenzte Verwendung, die das Sigelwort vorrangig zu einem Phänomen der Schriftsprache machte, seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr verbreitet ist. Vielmehr finden die sigles als sogenannte Kurzwörter verstärkt Eingang in die gesprochene Sprache; und zwar in dem Maße, dass die eingangs zitierte Definition Gessners aus den 1970er Jahren heute durch die Definition Doppagnes zu ersetzen ist: « lettres répresentant une expression ».

Bei derartigem Umgang kann die komplette Integration bzw. Assimilation einiger sigles nicht ausbleiben; was dazu führt, dass sie vom Großteil der SprecherInnen nicht mehr dechiffriert werden (können) (Gessner, S. 173) und also zu echten Substantiven werden. Problematisch wird es v.a. dann, wenn dadurch die Semantik des sigle verklärt wird. Die Kritik, eine der bedeutenden Funktionen der sigles sei die Verschleierung des Sinnes, wie sie von Marcuse in « Der eindimensionale Mensch » geäußert wird (vgl. Calvet), ist das wohl nachdrücklichste Argument, eine skeptische Haltung gegenüber der vollständigen Assimilierung von sigles zu untermauern.

Wie dem auch sei; diese Entwicklung der Integration, sofern sie auch in der Praxis des allgemeinen Sprachgebrauchs z.B. durch Derivation zum Ausdruck kommt, soll und muss sich auch in den Wörterbüchern niederschlagen.

2. Die Ansprüche der Vorworte

Nun zum Thema: Welcher Status wird den sigles im französischen Wörterbuch zuerkannt? Wieviel Raum nehmen sie ein und wie werden sie behandelt?

Der Begriff sigle wird nur in einem der vier zur Untersuchung herangezogenen Wörterbücher, dem « Robert », dem « Hachette », dem « Micro-Robert » und dem « DFC », im Vorwort genannt. Und zwar geschieht dies im Vorwort des « Robert » unter der Überschrift « Le fonctionnement social du français dans le dictionnaire » als Beispiel für ein « élément ... « du français » ... [dont l’appartenance au français est] très récente ».

Aus den Préfaces läßt sich jedoch die Zielsetzung aller vier Nachschlagewerke ableiten, sigles trotz ihrer (teils) uneindeutigen bzw. umstrittenen lexikologischen Stellung möglichst umfassend in die nomenclature aufzunehmen. Der Anspruch, « le vocabulaire nécessaire au « décodage » des discours » (Guerard, S. II), « la réalité vécue de la langue » (Robert/Rey, S.XI) zu präsentieren, ist in jedem Vorwort explizit und sehr selbstbewußt formuliert. Nachdrücklich wird auch auf die Aktualität des verzeichneten Wortschatzes hingewiesen (Casalis/Niobey, S.III ; Robert/Rey, S.IX). Die häufig herausgestellte Konzeption des jeweiligen Wörterbuches v.a. für SchülerInnen und fremdsprachige StudentInnen (Casalis/Niobey, S.V) läßt ein umfangreiches Sigel-Verzeichnis erwarten, denn natürlich gehören die codierenden Initialwörter für Lernende zu den besonderen Schwierigkeiten beim Textverständnis.

3. Das sigle als Lemma

Im folgenden untersuche ich den tatsächlichen Umgang der vier oben genannten Definitionswörterbücher mit den bereits angeführten Sigelwörtern. Bei einer ersten Durchsicht zeichnet sich folgendes, völlig überraschendes Bild davon ab, welche der neun sigles überhaupt als Lemmata Eingang in die nomenclature fanden und wie umfangreich jene definiert und erläutert wurden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Angesichts des Resultats dieser Erhebung konnte ich alle Sigelwörter nur mit Hilfe eines einschlägigen Verzeichnisses im Internet[10] auflösen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nun aber folge die eingehende Betrachtung der einzelnen Wörterbücher, mit dem wenigst umfassenden angefangen, im Umgang mit den Sigelwörtern. Welcher lexikographische Status wird ihnen in concreto zuerkannt?

Das dictionnaire du français contemporain, 1967 erschienen, umfaßt nach Angaben des Vorwortes etwa 25.000 Lemmata (Casalis/Niobey, S.III) und « veut répondre aux nécessités nouvelles de l’einseignement moderne » (ebd., S.V). Es ist allerdings nur eines der neun sigles, nämlich « C.R.S. » (ebd., S.327), angeführt. Schon das Lemma selbst verdeutlicht den nach der Ausspracheangabe (gemäß der Lautumschrift der Association phonétique internationale) formulierten grammatischen Status der Abkürzung: die Buchstaben sind durch Punkte voneinander getrennt. Die Definition des Kürzels erfolgt relationell: « compagnies républicaines de sécurité » bzw. ein Angehöriger dieser Einheiten, die als « unités mobiles de police dépendant du ministère de l’Intérieur » sehr genau spezifiziert werden. Eingedenk des spezifischen Ausgangspunktes, der « construction du terme dans la phrase » (ebd., S.IV), verwundert es ein wenig, dass das angeführte Beispiel einzig die zweite, die umgangssprachliche, Bedeutung des Lemmas veranschaulicht. Das Fehlen jeglicher grammatischer Charakteristika läßt darauf schließen, dass das sigle zwar « couramment » gebraucht, aber noch keinesfalls assimiliert war, sondern einzig als Abkürzung wahrgenommen wurde. Deren Genus und andere Kennzeichen würde sich dem Nutzer dann unter dem Eintrag « compagnie » erschließen. Bezüglich der anderen Sigelwörter kann die Betrachtung ihrer Entstehungszeit teilweise deren Fehlen erklären; das ist der Fall bei: CD (Anfang der 1980er), DJ (vermutlich 1970er) und UDF (1978). (Zeitlich nicht einzuordnen ist BTP.) Dennoch läßt eine derart niedrige Quote Zweifel aufkommen am « instrument de travail [...] pour l’apprentissage du français. » (ebd., S.III)

Der 1984 erschienene, etwa 30.000 Wörter umfassende Micro Robert, angelegt auf « une prémière connaissance du français » (Robert/Rey, S.VII), definiert ONU (ebd., S.730) und PDG (ebd., S.770). Ebenso wie im DFC wird mit der Punktierung beider Lemmata noch auf deren Abkürzungscharakter verwiesen. Explizit formuliert wird dieser allerdings nur auf Seite 730 in der Definition als « Abréviation de Organisation des Nations unies ». Die fortgeschrittene Assimilation des sigle ONU wird sowohl durch die vorgenommene grammatische Charakterisierung, « n.[om] f.[éminin] », als auch in der ersten Version der Lautumschrift (nach API), die das phonetisch gebundene Initialwort beschreibt, angezeigt. Beispiele werden ebensowenig angeführt wie die existierenden Derivativa, konträr zum Vorwort, in dem es heißt « dérivés [...] y ont trouvés leur place » (ebd., S.VII). Das Lemma PDG, als unveränderliches maskulines Nomen verzeichnet, wird als umgangssprachlicher (familier) Ausdruck für « Président-directeur général » definiert, wobei das Beispiel auch die semantische Tragweite, « ...pour P.D.G., très cher. », erläutert.

Im Dictionnaire pratique du français von 1989 findet sich unter den 40.000 Lemmata wider Erwarten einzig das sigle PDG (Guerard, S.804). Die Orthographie wird, anders als in den Quellen und im Robert, mit Bindestrich und dazu in zwei Versionen angegeben: « P.-D.G. ou P.-d.g. ». Hier verweisen sowohl das Lemma, durch Punktierung, als auch seine Definition darauf, dass es sich um eine Abkürzung handelt. (Die Variation des Lemmas geht nicht überein mit der Aussage Doppagnes, dass sich die Gross- bzw. Kleinschreibung des Syntagmas im sigle nicht wiederfinde.) Trotz seiner Verortung in der langue familier wird auf die spezielle Semantik dieses « n.[om] m.[asculin] » nicht hingewiesen, in Form eines Beispieles etwa. Dies hängt wohl mit dem Gewicht zusammen, dass dem lexikologischen Status als Abkürzung beigemessen wird, was allerdings kaum in Relation zum (allgemeinen) Sprachgebrauch steht, wie schon aus dem Micro-Robert (Robert/Rey, S.770) zu erfahren war. Dieses Manko, und auch das Fehlen von v.a. CRS, ONU und RDA, erschwert natürlich die « “décodage” des discours » (Guerard, S.II), besonders in « situations d’apprentissage. » (ebd.)

Die nomenclature des ebenfalls 1989 erschienenen Grand Robert de la langue française umfasst etwa 75.000 Einträge (Rey, Bd.1, S.XXII) und gibt Auskunft über drei der neun beispielhaft untersuchten Sigelwörter. Die Erläuterung des Lemmas « C.R.S. » (Rey, Bd.3, S.80) gliedert sich in zwei, durch die Semantik bestimmte Artikel. Eine erste, allgemeine Information weist das Lemma als Nomen aus, dessen Genus dann in den Artikeln spezifiziert wird. Ebenfalls im ersten Teil wird implizit und explizit auf den Ursprung des Substantivs, der um 1960 datiert wird, als Abkürzung hingewiesen. Der erste Artikel definiert den Gegenstand relationell als feminines Nomen für « Compagnie républicaine de sécurité » und gibt in drei Beispielen Auskunft über dessen potenzielle syntaktische Struktur. Im zweiten ist CRS in seiner Gestalt als maskulines Nomen, als welches es gebräuchlicher sei, sprachlich definiert: « Fontionnaire de police appartenant à une compagnie républicaine de sécurité. » (ebd.) Die Beispiele und das Zitat (aus einer Zeitung) beschreiben seine syntaktische Funktion als Subjekt. In der Anmerkung wird auf Abweichungen der eingangs dargestellten Orthographie, die als « en général » gebräuchlich nochmals angeführt wird, verwiesen: « C.r.s. », aber auch « céhéresses ». Die in der Definition nicht erwähnte Besonderheit dieser Einheiten (vgl. Casalis/Niobey, S.327) läßt sich anhand des letzten Zitats, aus einem 1975 erschienenen Roman, erahnen. Der lexikologische Status von ONU bleibt, obwohl mit « n.[om] f.[éminin] » (Rey, Bd.6, S.936) grammatisch genau charakterisiert, vage. Dies ergibt sich auch aus der Definition als « Abréviation de “Organisation des Nations Unies” », v.a. aber aus den angegebenen Lautumschriften, wobei die phonetisch gebundene Version [ ] als « plus rarement » gebräuchlich klassifiziert wird. Diese Notiz bestärkt den Eindruck, dass ONU mehrheitlich als Abkürzung wahrgenommen wird; immerhin kann sich « n.[om] f.[éminin] » auch einzig auf « Organisation » beziehen. Als Beispiel wiederum, wird eine Passage zitiert, die mit « l’Ohennu » eine übersteigerte Assimilation des sigle vor Augen führt und die zuvor gezogene Schlußfolgerung konterkariert. Schließlich wird, als eigenständiges Lemma, das Derivativ « ONUSIEN, IENNE » behandelt. Der eindeutigen Lautschrift folgt die grammatische Charakterisierung als Adjektiv bzw. Nomen, sowie etymologische Angaben (« V. 1960; de O.N.U. »; ebd.). Im Artikel wird das Lemma in der Umgangssprache verortet und als Derivativ von ONU kurz sprachlich definiert. Es folgen ein ebenso einfaches wie einleuchtendes Beispiel sowie die relationelle Definition des Substantivs als ein/eine « fontionnaire de l’O.N.U. », beispielhaft veranschaulicht wird die Verwendung aber nicht. Die bündige Anmerkung zu der, durch Zitat belegten, Form « onuiste » rundet den Eintrag ab. Damit wurde die Abkürzung « O.N.U. » quasi als vollkommen integriert und assimiliert qualifiziert, denn nur von « richtigen » Substantiven ist eine Derivation möglich. Vielleicht sollte mit der Betonung des Abkürzungscharakters im vorhergehenden Eintrag der uneindeutige lexikologische Status hervorgehoben, dem ungestümen Sprachgebrauch entgegen gewirkt werden. Eindeutig hingegen präsentiert sich der Artikel zu « P.D.G. » (Rey, Bd.7, S.200). Das in beiden Versionen (« P.-D.G. ou P.D.G. ») punktierte Lemma, ausgewiesenermaßen eine seit ca. 1960 gebräuchliche Abkürzung, wird grammatisch als unveränderliches Substantiv mit unbestimmmtem Genus charakterisiert; und damit ebenfalls als vollständig assimiliert qualifiziert (vgl. Gessner, S.174). Im Text des ersten Artikels wird die Unveränderlichkeit des mot vedette familier mit der Präsentation des Plurals, « des P.-D.G. », belegt. Diese Unveränderlichkeit wird allerdings durch die zugleich folgende Anmerkung zur Orthographie eingeschränkt, wonach die Variante « pédégé » ein Plural-S erhält; wohl eine Referenz « à la réalité vécue de la langue » (Robert/Rey, S.XI). An den beiden Beispielen, zitiert zum einen aus einer Zeitung, zum anderen aus einem Roman, wird deutlich, dass das Lemma sowohl femininen als auch maskulinen Genus’ sein kann, was nur am entsprechend signifikanten Geschlechtswort bzw. Kontext deutlich wird. Erst in der sprachlichen Definition des zweiten Artikels wird die semantische Tragweite des Alltagsgebrauchs, die Bezeichnung eines « Type social de l’homme d’affaires, riche », zu Papier gebracht, die in den Beispielen gut veranschaulicht sind.

4. Zusammenfassung

Zusammenfassend läßt sich sagen, dass Gessners Feststellung, dass sigles in den Wörterbüchern häufig nicht zu finden sind (Gessner, S.173), noch immer der Wirklichkeit entspricht. Dieser Umstand geht nicht konform mit den in den Vorworten formulierten Zielsetzungen. Allerdings ist anzumerken, dass viele unverzichtbare Initialwörter des alltäglichen Lebens, wie z.B. CCP, SNCF, etc., sehrwohl angeführt und entschlüsselt werden. Es ist also weniger fraglich, ob die Lexikographie der Entwicklung von Sigelwörtern nachkommen kann (die Unmöglichkeit dieses Projekts dürfte unstrittig sein), sondern ob es überhaupt umfassend versucht wird.

Die veränderte gesellschaftliche Rolle der Sigelwörter, der unter 1. schon erwähnte Wechsel der Definitionen (Gessner und Doppagne), spiegelt sich gewiß in den Wörterbüchern wieder. Die Definition Doppagne’s zeugt von einem veränderten allgemeinen Verständnis (daraus resultiert auch ein veränderter Umgang mit den sigles), welches durch zunehmende Assimilation bedingt ist und die Sigelwörter zum integralen Bestandteil der Sprache macht. (Dieser Prozeß mag in bestimmten Sprecherkreisen, z.B. Jugendlichen, soweit gehen, dass das Verständnis gewisser sigles zur identitätsstiftenden Eigenschaft erwächst.) Dieser « neue » Sprachgebrauch zeichnet sich selbstverständlich auch in den Wörterbüchern ab, man vergleiche nur die Einträge « C.R.S. » im Dictionnaire du français contemporain und dem Grand Robert.

Die eingangs eröffnete Opposition in der Bewertung, « Zeichen unserer Zivilisation » oder « Krankheit des Jahrhunderts », ist allerdings kein Widerspruch. Außer Frage steht die Einwirkung des Zeitgeistes, der schnellere und kürzere (bzw. kompaktere) Information einfordert. Darüber hinaus zeigt sich an diesem Beispiel auch die negative (?) Tendenz zum Ausschluß aus der Gemeinschaft, zur Ohnmacht des Einzelnen, wenn das entsprechende Wissen bzw. der Zugang dazu fehlt (vgl. Rifkin-Debatte).

Bibliographie

Calvet, Louis-Jean: « Les sigles à la rescousse de la langue de bois », In: Le français dans le monde, Nr.280, 4/1996.

Calvet, Jean-Louis: « Les sigles en français d’aujourd’hui », In: Le français dans le monde, 1/1994.

Casalis, Didier (Sécr.), Niobey, Georges (Sécr.): Dictionnaire du français contemporain, Librairie Larousse, Paris, 1967.

Doppagne, Albert: Majuscules, abréviations, symboles et sigles, Éditions Duculot, Paris, 1991.

Gessner, Michel P.: « Maladie du siècle? Les S.I.G.L.E.S. », in: Französisch heute, 4/1974, S. 171 – 177.

Guerard, Françoise (Ed. resp.): Dictionnaire pratique du français, Hachette, 1989.

Rey, Alain (Dir.): Le Grand Robert de la langue française, Dictionnaire alphabétique et analogique de la langue française, 9 Bd.e, Société du Nouveau Littré Le Robert, Paris (XIe), 1989.

Robert, Paul (Dir.), Rey, Alain (Sécr.): Micro Robert, Dictionnaire du français primordial, Société du Nouveau Littré Le Robert, Paris, 1984.

[...]


[1] Le Monde, S.1: « ... sous l’égide de l’ONU... »

[2] Le Monde, S.6: « ... a declaré Michael West, PDG de la firme. »

[3] Le Monde, S.11: « ... ancienne secrétaire générale du SNES, le premier syndicat enseignant. »

[4] Le Monde, S.30: « ... avant de revenir avec Dreadzone et comme DJ en 2001. »

[5] Libération, S.2: « C’est l’UDF Jean-Luc Préel... »

[6] Libération, S.9: « ... par des cordons de CRS armés jusqu’aux dents... »

[7] Libération, Beilage « livres », S.XII: « ... auteure originaire de RDA... »

[8] Libération, S.29: « ... dans le BTP, par exemple. »

[9] Libération, S.38: « Douze CD, quinze heures... »

[10] siehe: http://perso.club-internet.fr/kappa/Acro/frame.htm (19.Januar 2002)

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Sigelwörter im französischen Wörterbuch
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Lexikologie und Wortbildung in der französischen Gegenwartssprache (Pro-Seminar)
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
13
Katalognummer
V109992
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sigelwörter, Wörterbuch, Lexikologie, Wortbildung, Gegenwartssprache
Arbeit zitieren
Andreas Förster (Autor), 2002, Sigelwörter im französischen Wörterbuch , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109992

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