Kult und Sport: Das japanische Ringen (sumô)


Hausarbeit, 2006

26 Seiten, Note: 2,0


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INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung:

2. Zur Geschichte des s umô:
2.1 Mythologische, frühgeschichtliche Formen und Herkunft:
2.1.1 sumô in der Nara- und Heianzeit (710 – 1185):
2.2 sumô im Mittelalter (1185 – 1600):
2.2.1 sumô in der Kamakura-Zeit (1185 – 1333):
2.2.2 sumô in der Murochmachi-Zeit (1338 – 1573):
2.2.3 sumô in der Azuchi Momoyama-Zeit (1568 – 1600):
2.3 sumô in der Neuzeit (1600 – 1868):
2.3.1 sumô in der Edo/Tokugawa-Zeit (1600 – 1868):
2.4 sumô in der Moderne (seit 1868):
2.4.1 sumô in der Meiji - Zeit (1868 – 1912):
2.4.2 sumô in der Shôwa-Zeit (1926 – 1989):

3. s umô heute:
3.1 Das Rangsystem:
3.2 Turniersystem und Ablauf:

4. Schlussteil:

5. Anhang:

6. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung:

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Thematik des traditionellen japanischen Ringens (sumô). Es ist die schriftliche Ausführung eines Referats im Rahmen des Seminars „Freizeit in Japan“ der Japanologie der Universität Köln.

Eine Betrachtung des japanischen Ringens als moderne Freizeitbeschäftigung im wissenschaftlich-propädeutischen Sinn ist nur möglich, wenn man dieses Phänomen nicht losgelöst von seiner Geschichte und seiner traditionellen religiösen Wurzeln betrachtet. Modernes s umô kann es nicht ohne historisches sumô gegeben haben. Zudem wird selbst die heutige Populär-Form noch von vielen mythologischen und historisch verankerten Riten und Verhaltenskodizes begleitet, ohne die es nur die Hälfte seines sportlichen, religiösen und philosophischen Gehalts bilden würde. Somit bildet die Darstellung der geschichtlichen und damit verbundenen mythologischen Entwicklung im Sinne eines sport- und religions historischen Ansatzes das Fundament dieser Hausarbeit, auch wenn natürlich nicht jeder Aspekt miteinbezogen werden kann, da es sonst den Rahmen einer Hausarbeit sprengen würde. So beschränkt sich die Darstellung auf fundamentale und tiefgreifende Veränderungen, Einschnitte und Entwicklungen.

Der zweite Teil der Hausarbeit gibt einen kleinen Überblick über den heutigen Stand.

Es werden grundlegende Festlegungen im Rängesystem, der Organisation sowie dem Ablauf der Turniere und dem Regelwerk beschrieben, um einen kleinen Einblick in die heutige Welt des japanischen Ringkampfes zu geben.

2. Zur Geschichte des s umô:

Die historische Entwicklung des japanischen Ringkampfes reicht von frühen mythologisch überlieferten Götterkämpfen bis zur heutigen professionellen Sportinstitution. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelt sich aus einer mythologischen, martialischen Form der Konfliktlösung eine moderne, sportwissenschaftlich untermauerte Sportart, die trotz aller modernen Erkenntnisse ihre Wurzeln weder verbergen möchte, noch dies könnte. Im vorliegenden Teil soll diese historische Entwicklung vom Anfang der japanischen Geschichtsschreibung bis in die Moderne in Ansätzen dargestellt werden.

2.1 Mythologische, frühgeschichtliche Formen und Herkunft:

Wenn man nach der Herkunft des heutigen sumô -Sports fragt, stellt sich bald heraus, dass es keine eindeutigen historischen Beweise für eine rein japanische Herkunft gibt. Archäologische Funde und alte Ringerdarstellungen aus Japan, die Ähnlichkeiten in der Darstellung der Kontrahenten mit Darstellungen aus China und Korea aufweisen, stützen eine Theorie, die besagt, dass die Form des freien Ringkampfes, der sich später zum sumô -Sport entwickeln sollte, ein vom Festland übernommenes Kulturgut ist.[1] Vielmehr muss man also schon in der Herangehensweise differenzieren. Zweifellos ist sumô sehr stark vom Festland beeinflusst, aber eine Betrachtung der religiösen und mystischen Herkunft ist gerade in der Frühzeit absolut erforderlich, da wir momentan aus rein historischer Sicht keine konkreten, schriftlich verfassten Aspekte für eine eindeutig japanische Herkunft finden. “In Japan herrschte bis zum fünften Jahrhundert eine schriftlose Kultur, in der berufsmäßige Erzähler die der Nachwelt zu erhaltenden Ereignisse von Generation zu Generation weitergaben[2]. Eine erste mythologische Erwähnung hingegen finden wir schon im Kojiki, einer vom Hofbeamten Ôno Yasumaro erstellten Mythensammlung, deren Fertigstellung am Jahre 712 n. Chr. festgemacht wird.

Es wird darin beschrieben, wie die Götter ihre Streitigkeiten häufig durch körperliches Kräftemessen im Stile eines freien Ringkampfes lösten.

Besonders hervor sticht hier die Überlieferung eines Kampfes um die japanischen Inseln. Hier wird beschrieben, wie der von der Sonnengöttin Amaterasu gesandte take mikazuchi no kami das Land in Besitz nehmen sollte. Der dort ansässige take minakata no kami soll das Land des dort herrschenden Gottes stellvertretend nicht freiwillig abtreten haben wollen, weswegen es zu folgendem Kampf gekommen sein soll.[3]

Laut dem Kojiki übernimmt somit der take mikazuchi no kami stellvertretend für die Sonnengöttin die japanischen Inseln.

Auch wenn wir hier nicht von einem sumô- Kampf im heutigen Sinne reden können, so lassen sich hier schon einige Aspekte des japanischen Ringens anbringen, zumindest deren Ansätze nachweisen.

Denn das vor dem Kampf erkennbare Imponiergehabe, das Kräftemessen zweier Opponenten sowie die Möglichkeit der Aufgabe eines Kontrahenten sind in veränderter Form auch Bestandteil heutigen sumô -Kampfes. Das Mustern des Gegners durch Augenkontakt und heftiges Stampfen sind entsprechende Parallelen im Verhalten der Kontrahenten heute.[4]

Im oben beschriebenen Kampf zeigt sich auch ein möglicher Grund für die enge Verbindung zwischen dem japanischen Kaiserhaus und dem sumô- Sport. In der Ahnengallerie des japanischen Kaiserhauses ist auch take mikazuchi no kami aufgeführt, womit ein verwandtschaftlicher Bezug zur Sonnengöttin gestellt werden soll.[5]

Einen ersten historischen Beleg für einen Ringkampf unter Menschen gibt uns hingegen das Nihongi , ein weiteres Geschichtswerk aus dem Jahr 720 n.Chr.

Hier wird ein vom Kaiser Suinin (69 v. Chr. – 70 n .Chr.) arrangierter Kampf zwischen Nomi no Sukune und Kuyehaya no Taima geschildert, der am 7.Tag des 7.Monats des Jahres 23 v. Chr. wie folgt stattgefunden haben soll.[6]

Der Sieger Nomi no Sukune übernimmt nicht nur das Land des Verlierers, sondern erhält auch zusätzlich eine lebenslange Stellung am Kaiserhof. Er ist heute heiliger Schutzpatron aller sumôtori. Am Ort der Kampfstätte (Anashi in der Präfektur Nara ) gibt es einen Platz, der, in Anlehung an den Kampf, übersetzt „Feld der gebrochenen Hüfte“ genannt wird.

Ein wichtiges Merkmal ist, dass wir sumô nicht als regelgestützten Sport, sondern viel mehr im Sinne eines freien, regellosen und martialischen Kampfes sehen müssen. Der Tod eines Kontrahenten musste zumindest in Kauf genommen werden. Vergleichend dazu sei auch auf Leichenspiele verwiesen, die zu Ehren eines verstorbenen Kaisers abgehalten worden und bei denen häufig Kämpfer zu Tode gekommen sein sollen. Zuweilen war dies auch beabsichtigt, um als eine Art Menschenopfer zu fungieren. Diese Art der Menschenopfer wurden auch für allerlei andere Anlässe zelebriert, wie beispielsweise als Opfergabe für eine gute Ernte.

In der Frühzeit wird sumô somit als Kampf zur „ Herbeiführung von Gottesurteilen und Weissagungen“[7] betrieben.

2.1.1 sumô in der Nara- und Heianzeit (710 – 1185):

Bemerkenswert ist an sich die Tatsache, dass sumô im ästhetischen Ideal am heianzeitlichen Kaiserhof eine Aufnahme in das höfische Brauchtum und damit später einen hohen Stellenwert fand.

So wurde zuerst an der Nacktheit der Ringer Anstoß genommen. Eine sakrale Legitimierung erlangte der Ringkampf vor allem durch das sogenannte sechie sumô. Der Kaiser veranstaltete häufig große Festveranstaltungen zu Ehren der Götter und des Adels.[8]

Um dem großen Kampf des Nomi no sukune zu ehren, wurden diese jedes Jahr am siebten Tag des siebten Monats als sumô- Turniere abgehalten.

Zu Rekrutierungszwecken wurde schon 719 eine Stelle bei Hofe eingerichtet, die die angeworbenen Männer zur Palastwache abbestellte, welche wiederum für Einführung und Ausbildung der Kämpfer zuständig war.

Die Aufteilung zur östlichen und westlichen Palastwache finden wir auch noch heute abgewandelt in der Einteilung der Ringer in eine Ost- und Westgruppe bei Turnieren.

Die anwachsende Beliebtheit dieser eigentlichen Ritualkämpfe hatte mehrere Folgen.

Zum einen mussten vermehrt neue Rekruten angeworben werden, sodass Gesandte sogar in kleine Provinzen geschickt wurden, was dazu führte, dass, aufgrund der physisch ausgerichteten Anforderungsprofile, gerade die stärksten Männer den Dorfgemeinschaften abhanden kamen. Später wurden auch tributpflichtige Landesteile dazu angehalten eine Anzahl an Ringern zu stellen.[9] Für die Männer war es allerdings eine Ehre, bei Hofe angestellt zu sein, denn die Aufnahme in die Palastwache nach besonderes hervorstechenden Leistungen bedeutete auch eine feste Grundversorgung und Besoldung.

Zum anderen avancierte das ursprüngliche Ritual nebenbei immer mehr zu einer Unterhaltung des Adels, was eine allmähliche Institutionalisierung forderte. Im 9.Jahrhundert entstand ein erstes Regelwerk für die Festlichkeiten (teikan), was auch den Kampfveranstaltungen Vorschriften zukommen ließ.

So ging allen sechie -Festen eine Geistervertreibung voraus, nach der alle Beteiligten und Organisatoren sich gemeinsam aufstellten, was zeremoniell dem heutigen dohyô-iri nahe kommt, auch wenn es kein festes dohyô im heutigen Sinne gab. Die Reihenfolge, die besagte, dass jüngere Kämpfer vor den Älteren und Besseren ringen sollten, findet selbst bei heutigen Veranstaltungen Verwendung.

Die Amtsgewalt des Schiedsrichters im eigentlichen Sinn hatte nur der Kaiser inne, der über zwei Personen, welche die ordnungsgemäße Ausführung beaufsichtigten, stand. Er war auch für die Ehrung des Siegers zuständig.[10] Dies waren meist militärische Präsente.

Zudem veranstalteten die Anführer der jeweiligen Palastwache Festmähler für ihre Mannschaften.[11] So entstand damals auch schon das Verhältnis eines Mäzenatentums zu den Kämpfern. Es entstand unter den Kaisern der Heian-Zeit eine regelrechte sumô- Kultur. So entstand unter anderem sumô- Lyrik. „ Im Jahre 1133 fertigten Fujiwara Tadazane und Fujiwara Mototoshi sogar eine Sammlung an, in die ausschließlich sumô-Gedichte aufgenommen wurden.[12]

2.2 sumô im Mittelalter (1185 – 1600):

Im Laufe der Jahrhunderte kristallisierten sich weiterhin viele Regeln, Techniken, Ränge und Verhaltenskodizes heraus, die auch heute noch aktuell sind und ihre jeweilige Verwendung finden. Mit der Zeit entsteht, von der Hofkultur ausgehend, über eine zur kriegerischen Ausbildung dienende Funktion, eine weiter manifestierte Sportinstitution. Parallel hin zum offiziellen Sport entwickelt sich eine ausgeprägte sumô- Amateursportkultur. Im vorliegenden Teil sollen nun die wichtigsten Stufen der Entwicklung im Mittelalter bis zur Neuzeit dargestellt werden.

2.2.1 sumô in der Kamakura-Zeit (1185 – 1333):

Mit der Abnahme der kaiserlichen Macht durch die finanziellen Umstände zu Gunsten der Kriegerherrschaft in Japan[13] veränderte sich auch die höfische Kultur, zu deren festem Bestandteil das sumô no sechie geworden war.

Einer Rückbesinnung auf die rein kämpferischen Elemente des Ringkampfes ist es unter anderem zu verdanken, dass sumô- Ringen Eingang in die Kultur der Hofstaaten von Kriegerfürsten und shogun fand.[14]

In der Kamakura-Zeit(1185 – 1333) verloren die sumô- Rituale nicht an Bedeutung. Relativ schnell erfuhren sie erst eine Akzeptanz in den militärischen Regimen durch ihren hohen Unterhaltungswert aufgrund ihrer kämpferischen Prinzipien und später sogar eine hohe Wertschätzung.[15]

„Wie zuvor der Hofadel, so sah auch der Schwertadel in den Ringkämpfen eine angenehme Unterhaltung und zusätzlich noch eine gute Übung, die Wehrkraft zu stärken“[16]

Das Soga-monogatari behandelt zum Beispiel die Geschichte der Auseinandersetzung der Ringer Kawazu Saburô und Matano Goro im Jahr 1176, unter der Herrschaft des shôgun Minamoto Yoritomo die über den eigentlichen Kampf zweier Kontrahenten weit hinausgeht.

Nachdem Kawazu Saburô den bis dahin 21-fach siegreichen Matano Goro während eines im Anschluss an eine vom shôgun veranlasste Jagdpartie besiegte, ermordete ein Bediensteter den Sieger, der erst 18 Jahre später durch seine beiden Söhne gerächt wurde.[17]

Neben dem Unterhaltungsaspekt gewann aber auch der kriegerische Aspekt dieser sportlichen Auseinandersetzungen an Bedeutung.

Im Jahr 1254 wird im taiheiki, einer „Chronik des mittelalterlichen Japans“[18] überliefert, dass der derzeitige regierende Herrscher seine Beamten aufforderte, sich am sumô- Kampf zu beteiligen:

„Es ist höchst bedauerlich, daß die militärischen Künste so verfallen und Männer versuchen, es in höfischen Umgangsformen zur Meisterschaft zu bringen, anstatt auf ihre Pflichten zu achten. Sollen wir nicht einen Wettstreit im Ringen heute abend veranstalten?[...]Darauf verließ eine Anzahl von Gästen überstürzt die Halle, während die Verbliebenen zahlreiche Entschuldigungen vorbrachten. Erst nach wiederholter Androhung von Disziplinarstrafen sagten einige Männer widerwillig ihre Teilnahme zu.“[19]

Die meisten aktiven Krieger unter dem jeweiligen shôgun hingegen ergänzten ihr kämpferisches Potential zusätzlich durch Training im Ringkampf. Dabei wurden zunehmend viele alte Methoden zu Gunsten der Effizienz im Kampf aufgegeben. So etablierte sich das buke sumô, (Schlachtfeld- sumô) [20], welches eine kriegstauglichere Variante darstellt. Diese Kampftechniken prägten im Laufe der Zeit auch über Parallelen hinweg das heutige judô und jujutzu.

Es entstand auch eine Art Mäzenatentum zwischen erfolgreichen sumôtori und daimyô durch Besoldung der Kämpfer durch den jeweiligen Fürsten als Patron. Im Gegenzug zeigten die Ringer bei Turnieren ihr Können für den Förderer und trainierten auch mit ihnen in Übungskämpfen.[21]

Gegen Ende der Kamakura-Zeit gab es eine überwiegende Mehrzahl an Ringern, die eigentlich Krieger waren. Unabhängige Ringer ohne Patron gab es zunehmend seltener, da neben dem Kaiser nun auch Fürsten und Schwertadel als Mäzene eigene Kämpfer förderten oder sie bei besonderen Leistungen in ihre Dienste nahmen.

Das traditionellere sumô hingegen wurde noch an Schreinen zu rituellen Zwecken veranstaltet, weshalb es parallel zur brutaleren Variante erhalten blieb.

2.2.2 sumô in der Murochmachi-Zeit (1338 – 1573):

In den politischen Wirren der Muromachi-Zeit behauptete sumô zwar seine allgemein hohe Stellung. Aber dadurch, dass viele Ringer in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Mäzen standen, hing ihr soziales, finanzielles und sportliches Wohlergehen nun auch vom Status des Förderers ab. Durch den Tod oder auch anderweitig resultierenden politischen Machtverlusts ihres Herren verloren sie auch ihre Privilegien und ihre gesamte soziale Existenz. So kam es dazu, dass viele Krieger dazu gezwungen waren, als Herrenlose durch das Land zu ziehen und sich eine neue Existenz aufzubauen. Einige stellten ihre Kampfkünste artistisch in der Öffentlichkeit zur Schau.

Hier stellen wir bereits eine Entwicklung eines professionellen Ringertums fest. Durch Verwendung des „Schlachtfeld-sumô“ kam es häufig zu gefährlichen Zweikämpfen zwischen zwei sumôtori wie auch zwischen Laien und professionellen Ringern, die häufig mit schweren Verletzungen und dem Tod eines Kontrahenten verbunden waren.[22]

Parallel hierzu organisierten sich zusätzlich lokale Ringergruppen, die die traditionelle Kunst des japanischen Ringens zunächst nur an lokalen shintô- Schreinen aufrecht erhielten. Aus diesen Gruppen sollten sich später die Berufsringer etablieren. Es wird sogar berichtet, dass einige aus der Landbevölkerung stammende sumô- Kenner wegen ihrer Fachkenntnisse hohe Stellungen bei Hofe erlangen konnten.[23]

2.2.3 sumô in der Azuchi Momoyama-Zeit (1568 – 1600):

Die relativ kurze Azuchi Momoyama-Zeit brachte viele Neuerungen und maßgebliche Entwicklungen in der Geschichte des sumô mit sich. Die politisch instabilen Verhältnisse sorgten für kurzfristige Verbote von Turnieren, aus Angst vor den potentiellen Folgen von damit einhergehenden Massenaufläufen von Menschen. Einer der wichtigsten einflussreichsten sumô- Begeisterten war der Feldherr Oda Nobunaga (1534 - 1582). Er veranstaltete große Turniere. So soll er es im Jahre 1578 geschafft haben, ein Turnier auf seinem Schloss zu veranstalten, an dem über 1500 aktive Teilnehmer teilgenommen haben sollen.[24] Unter ihm soll der Bereich des Kampfes zum ersten Mal unter anderem in Form eines runden Kreises auf den Boden gezeichnet worden sein. Zuvor diente die bloße zuschauende Menschenmenge als Abgrenzung. Somit leistete das erste dohyô auch einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit der Zuschauer. Auch erhoffte man sich damit eine schnellere Entscheidung eines Kampfes. “Die Notwendigkeit dazu wird den Erzählungen zufolge der Ungeduld Nobunagas zugeschrieben.“[25]

Ihm verdanken wir außerdem eine Tradition, die auch heute den Abschluss eines jeden offiziellen Profiturniertages bildet, den sogenannten Bogentanz (yumitori shiki).

Der Feldherr soll damals einem siegreichen Ringer einen Bogen zukommen lassen haben, mit dem der sumôtori von Freude überwältigt, einen Tanz aufgeführt haben soll. Auch heute vollzieht ein Ringer diesen Tanz am Ende eines jeden Turniertages.

In dieser Zeit wurde auch das sogenannte Benefiz- sumô (Kanjin-sumô) an Schreinen populär. Hierbei handelte es sich um Turniere, bei denen Geld für die Tempelanlagen, die als Austragungsort genutzt wurden, gesammelt wurde.

2.3 sumô in der Neuzeit (1600 – 1868):

Im vorliegenden Teil der Geschichte des sumô- Sportes werden wichtige Schritte der im Voraus beschriebenen Tendenzen über die Tokugawa/Edo-Zeit (1600 – 1868) bis hin zur Meiji-Restauration (1868) behandelt.

2.3.1 sumô in der Edo/Tokugawa-Zeit (1600 – 1868):

Eine weitere Entwicklung des sumô fand durch das sogenannte tsuji sumô statt. Diese Art des Ringens stellte das öffentliche Kämpfen zweier sumôtori um (von der Zuschauermenge in den Ring geworfene) Münzen dar. Nach dem Ort der Kampfhandlungen bezeichnet man diese Art auch als „ Strassenecken-Sumô“[26], da die Veranstaltung einfach mitten in der Stadt ausgetragen wurde.

Hier war das Publikum am Geschehen aktiv und passiv beteiligt, weshalb es oft Schwerverletzte und sogar Tote gab. Dies führte immer wieder zu Verboten durch Beamte der Regierung, da man große, emotional aufgewühlte Menschenmassen und damit häufig verbundene Ausschreitungen möglichst vermeiden wollte. Eine sumô- Verordnung aus dem Jahre1648 stellte das tsuji- wie auch das kanjin-sumô unter Verbot.

Es entstanden parallel dazu aber Gruppen von Ringern, die geschlossen von Turnier zu Turnier zogen und einige Turniere selber organisierten. Diese ersten Ringervereinigungen stellten sich zusammen mit der Schreinverwaltung gegen den Erlass und erhielten das Ringen für den guten Zweck an heiligen Orten.

Jedoch waren dafür einige Zugeständnisse der Veranstalter an die Beamten notwendig. Turniere an Schreinen durfte man nur für Spenden für einen bestimmten Zweck wie bspw. Umbauten veranstalten. Die nun häufig beantragten wohltätigen Wettbewerbe veranlassten die Regierung, eine Steuer auf Turniere zu erheben. Zudem wurde es verboten, feste Eintrittsgelder zu verlangen.

Auflagen für die verantwortlichen Veranstalter waren auch im Ablauf zu erbringen. So mussten alle Kämpfer im Vorfeld angemeldet werden. Zudem war eine Beteiligung der Zuschauer untersagt.[27]

Um 1680 herum entstanden dann die unter anderem heute noch regulären 48 klassischen Techniken des sumô.[28] Dies diente zur Vereinfachung und zur Abwendung von gefährlichen Zwischenfällen. So erhielt das japanische Ringen seinen hohen Stellenwert als Unterhaltungskunst, deren Kämpfer zunehmend für ihr eigenes Auskommen verantwortlich waren, da sie auch für ihre Turnierleistungen entlohnt wurden. Besonders hervorragende Ringer konnten auch von einem Mäzen aufgenommen werden und später auch einen Kriegerstatus erlangen, was ihnen das Tragen zweier Schwerter erlaubte.[29]

Durch die häufig stattfindenden Turniere wurde auch erstmals eine Art Rangliste erstellt, die nicht nur statistischen, sondern auch hierarchischen Zwecken diente.[30]

Die Namen der nominierten Ringer wurden aufgelistet und auch auf Holztafeln (banzuke) veröffentlicht und an die Zuschauer verteilt.

Neu hinzu kam auch die verbindliche Einrichtung eines dohyô, welches fest vom Publikum abgegrenzt sein musste. Es bestand meist aus einem Kreis, der mit Strohballen an den Rändern ausgestattet war. Ergänzend zu den letztgenannten Neuerungen kam hinzu, dass seither zu jedem Turnier die nominierten Ringer eine Ringbetretungszeremonie abhielten (dohyô iri). Dazu betreten die mit kostbaren Schürzen gekleideten Kämpfer den Ring, heben ein Bein und stampfen demonstrativ zu Boden.

Dieses Ritual diente dem Publikum dazu, sich die Kraft und Leistungsfähigkeit der Kämpfer vergegenwärtigen zu können. In der Zeit um 1751 – 1761 entstand in Ôsaka und Kyôto eine erste von Ringern organisierte Ringervereinigung (sumô kaisho). Auch erste Ränge wurden an die Ringer vergeben, die teilweise in der Lage waren, an 20 Turniertagen im Laufe eines Jahres ihren ganzen Jahresunterhalt zu sichern.[31]

Zwar wurden diese Neuerungen außerhalb von Edo nicht sofort fester Bestandteil des Regelwerks, aber über viele Turniere trugen die sumôtori diese Rituale auf ihren Reisen durch das Land mit, sodass diese ergänzenden Riten überall Eingang in die festen Turnierzeremonien fanden. Wir können zu dieser Zeit schon von professionellen Berufsringern reden. Auch von ersten Ausbildungsstätten (heya) wird in der Zeit um 1761 berichtet. Diese waren und sind auch heute noch für Training und Erziehung der Ringer zuständig. Die besten Ringer dieser Zeit, wie beispielsweise der erste yokozuna Akashi Shiganosuke (1600 --1649) und der statistisch erfolgreichste rikishi Raiden Tameimon (1767 – 1825) sind bis heute berühmte Persönlichkeiten.[32]

2.4 sumô in der Moderne (seit 1868):

Der abschließende Geschichtsteil beschreibt Entwicklungen und wichtige Ereignisse der sumô- Geschichte bis zum heutigen Stand. Die Literatur dokumentiert hier bis ungefähr 1993.

2.4.1 sumô in der Meiji - Zeit (1868 – 1912):

Mit der Restaurierung der vormittelalterlichen Machtverhältnisse und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen gingen auch tiefgreifende Änderungen im sumô- Sport einher. „ Bevor der Kaiser die Macht wieder erhielt, kam es im Land zu zahlreichen Aufständen. Dabei schloß sich auch eine Anzahl von Ringern zusammen und zog, mit Schwertern bewaffnet aus, um das bestehende System zu stürzen und dem Kaiser wieder zur Macht zu verhelfen.“[33]

Auch wenn diese militärische Unterstützung wohl eher symbolischen Charakter hatte, so half es den Ringern, sich überhaupt noch gesellschaftlich etablieren zu können. Zum Dank ihres Einsatzes durften sie beim Einzug des tennô in Edô die kaiserlichen Banner tragen. Außerdem wurden einige Ringer fest angestellt. Weitaus problematischer sollte sich die Situation für die übrigen sumôtori darstellen. Aufgrund des Machtverlustes der daimyô verloren die Ringer auch ihren Mäzen und ihre Anstellung, da diese sich keinen Hofstaat mehr leisten konnten.

Die neue westliche Orientierung des modernen Japans schien zudem mit den Traditionen des Kampfkultes unvereinbar: „. ..man solle Sumo, diesen unzivilisierten Sport, das anachronistische Überbleibsel feudaler Zeiten, abschaffen.“[34] Allein die Nacktheit der Ringer empfanden viele als abstoßend.

Dem meiji- Kaiser, einem Freund des japanischen Ringens, ist es unter anderem zu verdanken, dass sumô einen erneuten Stellenwert erlangen konnte. Durch den Besuch eines Turniers(1884) erfuhr der Sport eine Wiederbelebung. Hier zeigt sich erneut die enge, über die gesamte Geschichte hervorstechende Beziehung zwischen tennô und sumô, welche besonders in der folgenden Shôwa-Zeit (1926 – 1989) eine Fortsetzung findet.

Nun boten Politiker, Industrielle und Kulturfördernde die finanzielle Sicherung der Kämpfer. Das Ansehen stieg weiterhin mit einem Aufleben des japanischen Nationalgefühls nach dem Gewinn des Sino-Japanischen-Krieges (1894 – 1895)[35] und nachdem man erkannt hatte, dass nicht alle vom Westen übernommenen Kulturgüter auch unbedingt gut für das Land seien.[36] So durften die sumôtori als einzige Personen entgegen eines Erlasses des Jahres 1871 ihre traditionelle Haartracht beibehalten.

1909 entstand die erste Sporthalle für den japanischen Nationalsport (Kokugikan ), welche 15000 Besucher fassen konnte. 1917 und 1923 wurde die Halle durch ein Feuer zerstört und durch ein großes Erdbeben beschädigt, aber immer wieder aufgebaut.[37]

2.4.2 sumô in der Shôwa-Zeit (1926 – 1989):

Eine besondere Rolle zwischen Kaiser und dem japanischen Ringen spielt die Beziehung des Kaisers Hirohito und dem sumô. In seiner Schulzeit war er selber aktiver Ringer gewesen und verband ein weit über die Theorie hinausgehendes Interesse mit dem Sport. Unter ihm wurden die damaligen lokalen Ringervereinigungen, die noch aus der Tokugawa-Zeit stammten, geeint. Durch eine spezielle Einladung einiger Ringer von der Ringergemeinschaft Tôkyôs in den Palast und einer Geldspende setzte er ein Zeichen der Priorität für diese Organisation, da zuvor Vereinigungen aus Kyôto, Ôsaka und Tôkyô um die nationale Führungsrolle konkurrierten. So wurde 1926 eine erste, nicht kommerzielle, staatliche Vereinigung gegründet. Durch interne Probleme geriet diese erste zentrale sumô -Organisation jedoch in Schwierigkeiten bei der Verteilung der Einnahmen, sodass 1957 die Nihon sumô kyokai gegründet wurde. Diese nun kommerzielle und private Gesellschaft organisiert heute das Training und die Turniere, sowie auch die Bezahlung aller am Sport beteiligten Personen, also auch Schiedsrichtern, Funktionären und Trainern.[38]

Sie ist das zentrale Verwaltungs- und Kontrollorgan des sumô- Sportes. In ihr laufen alle organisatorischen Fäden zusammen.

Aus einer Spende des Kaisers entstand ein 1-Meter hoher Wanderpokal (shihai), der dem Landeschampion zugewiesen werden sollte. Jener wurde an jedem der offiziellen Turniere neu ermittelt und entsprechend geehrt.[39] Neben den Verdiensten des Kaisers trug auch die Entwicklung der Medien ihren Beitrag zur Popularität des Ringens. Ab 1928 wurden erste Turniere live im Radio übertragen[40], was dazu führte, dass auf einmal viel mehr Menschen am Geschehen teilhaben konnten. Zuvor bildeten ja nur lokal anwesende Augenzeugen das Publikum.

Während des Zweiten Weltkrieges profitierte der Ringkampf von der Hervorhebung traditioneller japanischer Sportarten durch das politische System, welches die aus dem Ausland kommenden Sportarten wie Baseball als minderwertig herabstufte.[41] Den Krieg selber überlebten zwar nur zwei rikishi nicht, denn sie kamen bei einem Luftangriff der Amerikaner auf Tôkyô ums Leben. Doch das Stadium erlitt wiederum einen Schaden und wurde später von den Amerikanern besetzt, sodass sogar einige Turniere unter freiem Himmel stattfinden mussten.[42] Viele heya wurden ebenfalls durch Bombenangriffe zerstört. 1950 wurde schließlich eine völlig neue Arena in einem anderen Stadtteil in Tôkyô geschaffen, die bis zum 1985 fertiggestellten Bau der heute genutzten Arena als Austragungsort der Turniere in Tôkyô diente.

Ab 1953 ergänzte der öffentlich rechtliche Sender NHK sein Fernsehprogramm mit der Übertragung von Turnieren, was das öffentliche Interesse nach dem Krieg weiter erstarken ließ. Durch die mediale Berichterstattung und der daraus geförderten Begeisterung der Japaner avancierte sumô zu einem nationalen Symbol und es entstanden regelrechte TV-Helden. 1957 wurde den beiden höchsten Hauptgruppen des Rängesystems ein festes Monatseinkommen zugesichert.[43]

Durch den häufigen Erfolg ausländischer Ringer im letzten Jahrzehnt öffnet sich der sumô -Sport auch nach außen hin. Mit dem Hawaiianer Konishiki (*1963) wurde ein erster ausländischer Ringer1987 zum ôzeki ernannt, bevor es dem ebenfalls aus Hawaii stammenden Akebono (*1969) als erstem Ausländer 1993 gelang, yokozuna zu werden.

Heute gibt es den Ringkampf als Sport sogar in Europa. Die deutsche Sandra Köppen ist sumô- Weltmeisterin 2004 in der offenen Gewichtsklasse[44]. Aber vor allem in Japan scheint seine historische und religiöse Bedeutung, der er wohl auch seine anhaltende Begeisterung dort verdankt, in der Gesellschaft vollends verstanden zu werden.[45]

3. sumô heute:

Der vorliegende Teil soll nun einen Einblick in den modernen sumô -Sport geben. Hierzu werden das System der Hierarchie, der Turniere, sowie Techniken und Preise erklärt.

3.1 Das Rangsystem:

Grundsätzlich unterscheidet man die unbesoldeten von den besoldeten Rängen.[46] Die Hauptgruppen erfahren außerdem jeweils eine Unterteilung in Ost und West.

Es gibt 6 Hauptgruppe und eine Vorstufe (maezumô). In der Vorstufe kämpfen vor allem Anfänger, die erst nach einer gewissen Anzahl an Siegen in die Hauptgruppen vorstoßen dürfen.

Aufsteigend nach oben ergibt sich folgende Hierarchie:

1. makuuchi: Diese Gruppe ist noch einmal unterteilt:

a) yokozuna
b) ôzeki
c) sekiwake
d) komusubi
e) maegashira

2. jûryô

3. makushita

4. sandanme

5. jonidan

6. jonokuchi

Die Ränge a – e werden auch sanyaku genannt. Ein regelmäßiges Gehalt erhalten alle Ringer ab der jûryô- Division. Diese besoldeten Ränge bezeichnet man auch als sekitori, wohingegen die unbezahlten Ränge toriteki genannt werden.[47] Durch positive Wettkampfquoten können Ringer in der Hierarchie auf-, durch negative Quoten aber auch absteigen. Diese ergeben sich, wenn ein Ringer die Mehrzahl seiner Turnierkämpfe gewonnen hat (kachi koshi).

Das Gegenteil ist make koshi. Bei den Hauptgruppen 1 und 2 errechnet sich die Quote bei 15 Kämpfen, also ab 8:7 positiv und ab 7:8 negativ. Alle unteren Ränge (3 – 6) und die Vorstufe bestreiten nur 7 Kämpfe pro Turnier. Die Quoten liegen dementsprechend ab 4:3 bzw. 3:4.[48]

Je höher ein Ringer in der Hierarchie steigt, desto größer ist sein festes Gehalt, sein Ansehen innerhalb der Ringergemeinschaft aber auch der Erfolgsdruck. Will er weiter aufsteigen, muss er immer mehrere Turniere nacheinander positiv abschließen. Dafür führt ab den höheren Rängen aber auch eine Negativbilanz nicht sofort zur Abstufung.

Einzig der yokozuna- Titel bedeutet eine prinzipielle Immunität gegenüber Turnierleistungen. Dieser Rang erfordert vom Ringer aber nicht bloß eine dauerhaft überragende Bilanz, sondern auch eine geeignete geistige Einstellung. Entsprechende Ringer müssen vorbildlich handeln und auch eine über den Sport hinausgehende Verantwortung übernehmen. Ein yokozuna darf auch bestimmte Schreinzeremonien ausführen. Da er an sich nicht mehr zurückgestuft werden kann, wird von einem rikishi erwartet, dass er zurücktritt, wenn er seine sportlichen oder außersportlichen Pflichten nicht mehr ausreichend erfüllt.[49] ôzeki und yokozuna sind die einzigen Ränge, die nicht zwangsläufig vergeben werden müssen, sondern auch vakant bleiben können.

3.2 Turniersystem und Ablauf:

Jährlich finden seit 1958 sechs regelmäßige Turniere (basho) statt.

Das Januar-, Mai- und Septemberturnier in Tôkyô, das März Turnier in Ôsaka, das Juliturnier in Nagoya, sowie das Novemberturnier in Fukuoka für jeweils 15 Tage.[50]

Ein Turnier wird durch eine Stadtparade von Ausrufern am Vortag offiziell angekündigt[51]

Am selben Tag findet dazu noch eine Ringsegnung statt (dohyô-matsuri), bei der für einen guten Turnierverlauf gebetet wird. Dieses Ritual vollzieht ein Schiedsrichter, der hier als shintô -Priester fungieren darf.

Ein Turniertag beginnt immer mit den Kämpfen der unteren Ränge vor den höheren Rängen. Gegen Nachmittag findet an jedem Tag das dohyô-iri aller sekitori statt. Hierzu betreten diese Rangvertreter in kostbaren Schürzen gekleidet den Ringkreis und vollziehen eine Zeremonie. Ringer der makuuchi- Gruppe bekommen geschlossen und speziell der/die yokozuna eine eigene persönliche Zeremonie der Ringbetretung. Erst danach finden die Kämpfe der sekitori statt.

Zu Beginn eines jeden Kampfes werden die Kontrahenten aufgerufen und betreten den Ring. Dann erfolgt eine rituelle Vorbereitung auf den Kampf. Man hockt sich gegenüber, verbeugt sich, klatscht in die Hände und hebt beide Arme horizontal. Nach einer rituellen Reinigung des dohyô durch Salz, begeben sich beide in die Angriffsposition (shikiri). Dieses Zeremoniell kann mehrfach wiederholt werden.[52] Aufgrund der Liveübertragung wurde dieser Part heute auf maximal 4 Minuten begrenzt.[53] Nach einem Signal durch den Schiedsrichter beginnt der Kampf nun mit dem tachi-ai, dem ersten Zusammenstoß, der für den manchmal nur Sekunden dauernden Kampf entscheidend ist. Durch eine der heute zugelassenen 70 offiziellen Techniken wird nun der Sieger ermittelt.[54] Diese Techniken bilden jedoch kein starres System, sondern sind variabel. Verboten sind nur bestimmte Techniken wie Schläge mit der Faust, ins Gesicht, alle Angriffe gegen die Augen und Geschlechtspartien, Beißen und Tritte in die Magen- oder Brustgegend. Prinzipiell hat jedoch immer der Ringer verloren, der den Boden zuerst mit einer anderen Körperpartie als den Fußsohlen berührt. Heute werden auch moderne Hilfsmittel wie Videoaufzeichnung etc. zur manchmal knappen Entscheidungsfindung hinzugezogen.

Der Gewinner erhält ein Zeichen vom Richter. Er erhält häufig einen Geldbetrag eines Sponsors. Danach verbeugen sich beide Ringer voreinander, wohingegen der Verlierer dem Sieger eine Schöpfkelle Wasser reicht.

Am Ende eines jeden Turniertages wird dann die Bogentanzzeremonie[55] aufgeführt.

Am letzten Turniertag findet eine Siegerehrung für die Ränge makuuchi, jûryô, makushita, sandanme, jonidan und jonokuchi statt. Im Falle einer Pattsituation, also wenn beide Erstplazierten eine gleiche Quote haben, entscheidet ein Stichkampf. Der Sieger der ersten Hauptgruppe bekommt den Kaiserpokal überreicht. Zudem werden noch Sonderpreise (shukun shô) für hervorragende Leistungen verliehen.

4. Schlussteil:

Eine Beschäftigung mit dem sumô- Sport ist meiner Meinung nach aus rein sportlicher Sicht ohne Vorkenntnisse möglich. Aber eine rein sportliche Beschäftigung würde dem Anspruch dieser alten Tradition nicht vollends gerecht werden. Daher lohnt sich die ausführlichere historische Betrachtung vor allem, wenn man sich lediglich einen groben Eindruck über die japanische Geschichte und Gesellschaft allgemein gebildet hat. Denn sumô diente und dient häufig als Spiegel der Gesellschaft Japans. Das Phänomen zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Ob früh-geschichtliches Ringen am Kaiserhof oder Straßenkampf im alten Tôkyô. Jede Gesellschaftsschicht hat ihren eigenen Bezug zum japanischen Ringen über die Zeit aufgebaut und die Sportkultur beeinflusst. Der Ringkampf eint alle Japaner im Sport. So liefert sumô einen wichtigen Beitrag für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gesellschaft. Ein besonderer Zusammenhang zwischen Religion und Sport fällt ebenfalls sofort ins Auge. Aus der Mythologie entsprungen und vom shintô beeinflusst, behält das japanische Ringen auch heute noch eine Vielzahl an religiösen Traditionen aufrecht. Auch die enge Beziehung zwischen sumô und dem Kaiser bleibt bemerkenswerterweise auch bis heute erhalten.

Interessant wird es sein, sich noch intensiver mit der Beziehung zwischen sumô und Religion auseinander zu setzen, da im zweiten Teil der Hausarbeit nur relativ kurz auf, zum Beispiel, die religiöse Symbolik vor, während und nach dem Kampf eingegangen werden konnte. Dies hätte unter anderem vielleicht jedoch schon den Rahmen einer zweiten Hausarbeit gebildet.

5. Anhang:

1. Zur Seite 3:

„Take Minakata no Kami hielt einen Felsen in seinen Händen, der nur von tausend Mann fortgezogen werden konnte und sagte: „Wer ist da in unser Land gekommen und redet viele heimliche Dinge? Komm, wir wollen unsere Kräfte messen! Gebt mir zuerst eure Hand!“

Als Take Mikazuchi no Kami ihn seine Hand erfassen ließ, verwandelte Take Mikazuchi no Kami seine eigene Hand sofort in einen Eiszapfen und dann in eine Schwertklinge. Erschrocken wich Take Minakata no Kami zurück. Take Mikazuchi no Kami bat daraufhin, die Hand von Take Minakata no Kami erfassen zu dürfen.

Er ergriff die Hand, als nähme er junges Schilf, zerdrückte sie und warf sie weg. Da entfloh Take Minakata no Kami voll Schrecken. Take Mikazuchi no Kami verfolgte ihn, drängte ihn bis an den Suwa-See, und als er ihn gerade töten wollte, rief Take Minakata no Kami: „Ich ergebe mich. Töte mich nicht““

Möller, Jörg: „Sumo“ in: „Geschichte der Kampfkünste“; Universität Lüneburg, 1994; S. 130

2. Zur Seite 3:

Die Höflinge berichten dem Kaiser: In der Ortschaft Taima lebt ein tapferer Mann namens Kuyehaya no Taima. Er ist von großer körperlicher Stärke, so daß er Hörner brechen und Haken geradebiegen kann. Er sagt ständig zu den Leuten: Ihr könnt in allen vier Himmelsrichtungen suchen aber wo ist einer, mit dem ich die Kräfte messen könnte? Oh könnte ich doch nur einen starken Mann treffen, mit dem ich auf Leben und Tod kämpfen kann.

Nachdem der Kaiser dies hörte, sagte er zu seinen Ministern: Wir hören, dass Kuyehaya no Tama der Champion des Landes ist, gibt es jemanden, der sich miti hm vergleichen könnte?

Ein Minister kam nach vorne und sagte: Die Dienstboten hörten, daß es im Lande Izumo einen tapferen Mann mit dem Namen Nomi no Sukune gibt. Es wäre angenehm, wenn nach ihm gerufen würde und er gegen Kuyehaya antritt.

Am gleichen Tag schickte der Kaiser den Beamten Nagaochi aus, um Nomi no Sukune herauszufordern. Darauf kam Nomi no Sukune aus Izumo und sofort wurde der Kampf gegen Taima no Kuyehaya veranstaltet. Die beiden Männer standen sich gegenüber. Jeder hob seinen Fuß und trat nach dem anderen, Nomi no Sukune brach mit einem Tritt die Rippen Kuyehayas und mit einem weiteren Tritt tötete er ihn. Das Land des Taima no Kuyehaya wurde beschlagnahmt und Nomi no Sukune übergeben. Das ist der Grund, warum es in der Ortschaft einen Koshioreda genannten Platz gibt, das Feld der gebrochenen Hüfte.“

(Möller, Jörg: „Spiel und Sport am Japanischen Kaiserhof“; Iudicium Verlag München, 1993; S. 38)

6. Literaturverzeichnis:

Möller, Jörg, Sumo – Kampf und Kult: Historische und religiöse Aspekte des japanischen Ringens; Academia-Verlag, Sank Augustin, 1990

Möller, Jörg: „Spiel und Sport am Japanischen Kaiserhof“; Iudicium Verlag, München, 1993

Möller, Jörg (Hrsg.): Sumō. Publikation der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokio. München 1994

Möller, Jörg: „Sumo“ in: „Geschichte der Kampfkünste“; Universität Lüneburg, 1994

Marianne u. Harald Keller: „ Sumo. Der traditionelle japanische Ringkampf“; Weinmann Berlin 1989

Clyde Newton/Gerald J. Toff: „ Dynamic Sumo“; Kodansha International Ltd., 1994

Sharnoff, Lora: „Grand Sumo – The Living Sport and Tradition“; Weatherhill Inc., New York, 1993

Ashkenazi, Michael: „Inakazumô, fun, and socially sanctioned violence“ in: Hendry, Joy; Raveri, Massimo(Hrsg.): Japan at Play: The ludic and the logic of power. London, New York: Routledge, 2002 S. 115-128

Tierney, R. Kenji: „ It´s a Gottsan“ World: The Role of the Patron in Sumo“, in; Kelly, William W.(Hrsg.): Fanning the Flames. Fans and Consumer Culture in contemporary Japan. New York: State University of New York Press, 2004. S 107-125

Yamaguchi, Masao: „ Sumo in the Popular Culture of Contemporary Japan“ in: Martinez, D.P. (Hrsg.): The Worlds of Japanese Popular Culture: Gender, Shifting Boundaries and Global Cultures. Cambridge University Press, 1998

Guttmann, Allen and Thompson, Lee: „ Japanese Sports – A History“; University of Hawai´i Press, 2001

[...]


[1] Möller, Jörg (Hrsg.): Sumō. Publikation der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokio. München 1994 S.33

[2] Möller, Jörg: „Spiel und Sport am Japanischen Kaiserhof“; Iudicium Verlag, München, 1993 S.35

[3] Siehe Anhang 1

[4] Möller, Jörg (Hrsg.): Sumō. Publikation der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokio. München 1994 S.34 oben

[5] Sharnoff, Lora: „Grand Sumo – The Living Sport and Tradition“; Weatherhill Inc., New York, 1993 S..38

[6] Siehe Anhang2

[7] Möller, Jörg: „Spiel und Sport am Japanischen Kaiserhof“; Iudicium Verlag, München, 1993 S.36

[8] Möller, Jörg (Hrsg.): Sumō. Publikation der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokio. München 1994 S.36

[9] ebenda S.36

[10] ebenda

[11] Möller, Jörg (Hrsg.): Sumō. Publikation der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokio. München 1994 S. 37

[12] ebenda

[13] Möller, Jörg, Sumo – Kampf und Kult: Historische und religiöse Aspekte des japanischen Ringens; Academia-Verlag, Sank Augustin, 1990 S.134

[14] Sharnoff, Lora: „Grand Sumo – The Living Sport and Tradition“; Weatherhill Inc., New York, 1993 S. 40

[15] Möller, Jörg (Hrsg.): Sumō. Publikation der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokio. München 1994 S.38

[16] ebenda

[17] ebenda

[18] Möller, Jörg, Sumo – Kampf und Kult: Historische und religiöse Aspekte des japanischen Ringens; Academia-Verlag, Sank Augustin, 1990 S.49

[19] Möller, Jörg (Hrsg.): Sumō. Publikation der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokio. München 1994 S.39

[20] ebenda S. 50

[21] ebenda

[22] Ebenda S. 52

[23] Möller, Jörg (Hrsg.): Sumō. Publikation der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokio. München 1994 S.41

[24] Sharnoff, Lora: „Grand Sumo – The Living Sport and Tradition“; Weatherhill Inc., New York, 1993 S. 40

[25] Möller, Jörg (Hrsg.): Sumō. Publikation der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokio. München 1994 S.41

[26] ebenda S.44

[27] Möller, Jörg, Sumo – Kampf und Kult: Historische und religiöse Aspekte des japanischen Ringens; Academia-Verlag, Sank Augustin, 1990 S. 55 und 56

[28] Zuvor gab es über 250 verschiedene Techniken (Möller, Jörg, Sumo – Kampf und Kult: Historische und religiöse Aspekte des japanischen Ringens; Academia-Verlag, Sank Augustin, 1990 S.56)

[29] Clyde Newton/Gerald J. Toff: „ Dynamic Sumo“; Kodansha International Ltd., 1994 S.51

[30] Möller, Jörg, Sumo – Kampf und Kult: Historische und religiöse Aspekte des japanischen Ringens; Academia-Verlag, Sank Augustin, 1990 S.56

[31] Sharnoff, Lora: „Grand Sumo – The Living Sport and Tradition“; Weatherhill Inc., New York, 1993 S.41

[32] ebenda S.42

[33] Möller, Jörg, Sumo – Kampf und Kult: Historische und religiöse Aspekte des japanischen Ringens; Academia-Verlag, Sank Augustin, 1990 S.58

[34] Marianne u. Harald Keller: „ Sumo. Der traditionelle japanische Ringkampf“; Weinmann Berlin 1989 S.17

[35] Sharnoff, Lora: „Grand Sumo – The Living Sport and Tradition“; Weatherhill Inc., New York, 1993 S.44

[36] Möller, Jörg, Sumo – Kampf und Kult: Historische und religiöse Aspekte des japanischen Ringens; Academia-Verlag, Sank Augustin, 1990 S.59

[37] Sharnoff, Lora: „Grand Sumo – The Living Sport and Tradition“; Weatherhill Inc., New York, 1993 S. 44

[38] Möller, Jörg, Sumo – Kampf und Kult: Historische und religiöse Aspekte des japanischen Ringens; Academia-Verlag, Sank Augustin, 1990 S.18

[39] Möller, Jörg (Hrsg.): Sumō. Publikation der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokio. München 1994 S.51

[40] Sharnoff, Lora: „Grand Sumo – The Living Sport and Tradition“; Weatherhill Inc., New York, 1993 S. 47

[41] Clyde Newton/Gerald J. Toff: „ Dynamic Sumo“; Kodansha International Ltd., 1994 S.59

[42] ebenda S.59

[43] Marianne u. Harald Keller: „ Sumo. Der traditionelle japanische Ringkampf“; Weinmann Berlin 1989 S. 17

[44] http://www.sumoverband-berlin.de/asbkoeppen.html (28.9.2006)

[45] Im Septemberturnier 2006 überreichte der neue Ministerpräsident Shinzô Abe dem Turniersieger den Pokal

[46] Da die Fachliteratur keine aktuellen Zahlen bezüglich der heute aktiven sumôtori und deren jeweiliges Einkommen geben konnte, verweise ich hier unverbindlich auf folgende Internetseite, die auf 300 aktive Ringern hinweist:

[47] Sharnoff, Lora: „Grand Sumo – The Living Sport and Tradition“; Weatherhill Inc., New York, 1993 S. 160/161

[48] vgl. ( Marianne u. Harald Keller: „ Sumo. Der traditionelle japanische Ringkampf“; Weinmann Berlin 1989 S. 42)

[49] Sharnoff, Lora: „Grand Sumo – The Living Sport and Tradition“; Weatherhill Inc., New York, 1993 S. 160/161 S. 14

[50] ebenda S. 66

[51] Marianne u. Harald Keller: „ Sumo. Der traditionelle japanische Ringkampf“; Weinmann Berlin 1989 S.61

[52] Möller, Jörg (Hrsg.): Sumō. Publikation der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokio. München 1994 S. 21

[53] Möller, Jörg, Sumo – Kampf und Kult: Historische und religiöse Aspekte des japanischen Ringens; Academia-Verlag, Sank Augustin, 1990 S. 23

[54] Hier sei noch einmal auf die 48 klassischen Techniken aus der Edô-Zeit verwiesen, die auch unter die 70 offiziellen Techniken fallen (Seite 9)

[55] siehe auch Seite 9

26 von 26 Seiten

Details

Titel
Kult und Sport: Das japanische Ringen (sumô)
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Proseminar: Freizeit in Japan
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V110506
Dateigröße
666 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hausarbeit über sumô mit dem Schwerpunkt auf Sportgeschichte
Schlagworte
Kult, Sport, Ringen, Proseminar, Freizeit, Japan
Arbeit zitieren
Kilian Erasmus Thoben (Autor), 2006, Kult und Sport: Das japanische Ringen (sumô), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110506

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