Sefarad - Die jüdische Gemeinschaft in Andalusien von der Antike bis zum Ende der Almohadenherrschaft

Mit besonderer Berücksichtigung des spanischen Hofjudentums


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Anfänge der jüdischen Gemeinschaft in Andalusien
1.1. Sefarad und Ispania
1.2. Die Situation der Juden im Imperium Romanum
1.3. Die Juden im spanischen Westgotenreich

2. Unter der Herrschaft des Islam
2.1. Die Juden als „Schriftverfälscher“
2.2. Die Juden als Ahl al-kit āb und Ahl aồ-ồimma

3. Jüdische Eliten im muslimischen Spanien
3.1. Córdoba als Zentrum sefardischen Lebens
3.2. Die Entstehung des Hofjudentums
3.3. Ỏasday ibn Šaprūt
3.4. Ismā‘īl ibn Naġīla

4. Der Niedergang unter Almorawiden und Almohaden

5. Schlussbetrachtung

6. Literatur

Einleitung

Die vorliegende Arbeit behandelt die Geschichte der spanischen Juden von der römischen Antike bis zum Ende der Herrschaft der Almohaden im 13. Jahrhundert. Dabei wird hauptsächlich der Frage nachgegangen, inwieweit es für die jüdische Gemeinschaft in Andalusien über die Jahrhunderte hinweg möglich gewesen war, trotz Verfolgung und minderwertigem Rechtsstatus, eine blühende wirtschaftliche und kulturelle Produktivität zu entfalten und sogar mithilfe einiger weniger Fürsprecher, zu politischen und gesellschaftlichen Eliten aufzusteigen.

Im Zentrum der Arbeit stehen die Juden Südspaniens. Auf die Entwicklung der unter christlicher Herrschaft lebenden Juden Nordspaniens wird nicht eingegangen. Zu Beginn wird die Lage der sefardischen Juden im Imperium Romanum und im spanischen Westgotenreich beleuchtet, da hier bereits die Grundlagen für das Verhältnis zu den späteren muslimischen Herrschern gelegt wurde. Weiterhin wird die rechtliche Stellung der Juden im Koran analysiert und die ambivalente Haltung des Islam zum Judentum untersucht. Hierbei werden vor allem die Bestimmungen des islam-rechtlichen Ồimmī-Status dargestellt.

Das sich im 11. Jahrhundert herausbildende Hofjudentum, wird an Persönlichkeiten wie Ỏasday ibn Šaprūt und Ismā‘īl ibn Naġīla, nachskizziert. Sie beide stehen als Sinnbild für den zu bewältigenden Spagat zwischen der Loyalität zu einem muslimischen Herrscher, und der Verantwortung, sich als Führer der jüdischen Gemeinschaft vor dieser zu behaupten. Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Schlussbetrachtung.

1. Die Anfänge der jüdischen Gemeinschaft in Andalusien

1.1. Sefarad und Ispania

Die Anfänge der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft auf der iberischen Halbinsel lassen sich im allgemeinen nicht konkret datieren und liegen wie auch der Ursprung der Geschichte Israels selbst, im Dunkeln. Zu den wenigen Zeugnissen der frühen jüdischen Besiedlung der iberischen Halbinsel, zählen jüdische Grabsteine aus der Zeit um 1000 bis 50 v. chr, die man in Tarragona, Mérida und Córdoba fand.1

Hinweise auf jüdisches Leben im antiken Ispania finden sich zudem in der Bibel. Diese gehen allerdings nicht aus dem alten Testament, sondern aus dem Römerbrief des Apostel Paulus hervor. Dieser bekundet darin, nach Spanien zu reisen, um dort zu missionieren. Ihm war demnach bewusst, dass nach der römischen Okkupation Israels, viele Juden nach Spanien versklavt und angesiedelt worden waren.2 In der Bibel findet sich auch die Bezeichnung für die spanischen Juden. Im Buch Obadja heißt es in Vers 20: „ die Verbannten Jerusalems, die in Sefarad sind, besetzen die Städte des Negeb.“Sefarad ist demnach der Name einer israelitischen Stadt. Wie der biblische Ortsname schließlich zu der hebräischen Bezeichnung für das römische Ispania wurde, ist nicht bekannt.3 Einer Legende nach soll sie einer alten jüdischen Adelsfamilie entstammen, die nach babylonischer Gefangenschaft und römischer Vertreibung auf der iberischen Halbinsel neuen Fuß fasste. Hiermit wollte man wohl auch den Umstand erklären, warum im sefardischen Judentum die babylonische Tradition des Talmud überwiegte.

Jane Gerber sieht in dieser Überlieferungen vor allem eine Art Selbstschutz vor antisemitischen Anfeindungen seitens der christlichen Übermacht während und nach der Reconquista. Die jüdischen Gelehrten hatten somit möglicherweise versucht, der Brandmarkung als vermeintliche „Christusmörder“ zuvorzukommen, da sie im Jahr der Kreuzigung Jesu schon längst in Spanien gewesen waren und somit an dessen Hinrichtung nicht beteiligt sein konnten.4

Mit der Bezeichung Sefardim werden heutzutage fälschlicherweise oft auch alle in der islamischen Welt lebenden Juden bezeichnet. Dieser Irrtum rührt vielleicht daher, dass nach der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492, viele Sefarden in die Länder des Osmanischen Reichs emigrierten.5 Zusammen mit den Ashkenasim, den Juden Deutschlands und Nordfrankreichs, bildeten sie die zwei großen jüdischen Traditionen des Mittelalters. Beide Kulturen unterschieden sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Einflüsse in traditioneller, sprachlicher und kultureller Hinsicht.

1.2. Die Situation der Juden im Imperium Romanum

Als ein Hauptgrund warum Juden überhaupt auf die iberische Halbinsel gelangten, gilt das Phänomen der jüdischen Diaspora. Diese „Zerstreuung“ des jüdischen Volkes, die bereits mit der ersten babylonischen Gefangenschaft von 597 v. chr. einsetzte, wiederholte sich in der Zeit nach der Eroberung Israels durch den römischen Feldherrn Pompejus im Jahre 63 v.chr., sowie nach der Zerstörung des zweiten Tempels durch Kaiser Titus im Jahre 70 n.chr.. Zunächst waren es vor allem jüdische, von den Römern nach Spanien verschleppte Gefangene die von den dort ansässigen jüdischen Gemeinden losgekauft wurden um anschließend als freie Menschen das Land zu besiedeln. Aber schon zuvor pflegten jüdische Kaufleute den phönizischen, griechischen und römischen Handelsrouten zu folgen wobei sie zwangsläufig an die Küsten der iberischen Halbinsel gelangten und dort Kolonien gründeten. Auch das weitverzweigte römische Straßennetz, mit seiner in Rom beginnenden und im Hafen von Cádiz endenden Via Augusta, war ein Garant dafür, dass Juden ihren Weg nach Spanien fanden. Zudem war die römische Provinz ein florierendes Handelszentrum mit blühenden Städten wie Mérida oder Segovia, deren Bürger im Jahr 212 n.chr. das römischer Bürgerrecht erlangten.6

Ein weiterer Grund warum sich die jüdische Gemeinschaft auf der iberischen Halbinsel entfalten konnten, lag in dem Prinzip der religiösen Toleranz der römischen Herrscher. Besonders die Judenpolitik von Julius Caesar und Kaiser Augustus, brachte eine Reihe von Edikten zugunsten der Juden hervor. Als Rom die Macht im Mittelmeer übernahm, geriet die Mehrheit der Juden unter die Herrschaft einer einzigen Regierung. Da Rom bestrebt war, in den Ländern, die dem Reich eingegliedert wurden, den Status quo zu erhalten, wurde auch gegenüber der jüdischen Religion der Standpunkt gewahrt, diese nicht anzutasten.

Diese Toleranz der römischen Kaiser den Juden gegenüber manifestierte sich auf verschiedene Art und Weise: Das römische Imperium sprach der jüdischen Religion den Status einer „religio licita“, also einer ethnischen, kultischen und ökonomischen Gruppe, deren Anhänger als eine autonome, sich selbst organisierende Gemeinschaft anerkannt und von der Verpflichtung der Anerkennung und Durchführung des jeweiligen Herrscherkultes, ausgenommen waren. Die Juden besaßen somit das Recht, ihre eigenen Organisationen sowie eine autonome Gerichtsbarkeit zu unterhalten. 7

Das Privileg, als eigenständige religiöse Gemeinschaft akzeptiert zu werden, die sich in kultischen, juristischen und sozialen Angelegenheiten selbst verwalten darf, lässt sich auch aus der Erwartungshaltung des römischen Staates an seine Untertanen erklären. Denn solange die jüdische Gemeinschaft eine wichtige wirtschaftliche und kulturelle Kraft innerhalb des Imperiums darstellte, von deren Produktivität das Reich profitierte, lag die Unversehrtheit und das Fortbestehen dieser Gemeinschaft im Interesse des Imperiums.8 Aber auch in der Kaiserzeit waren diese Zugeständnisse gefährdet und immer wieder außer Kraft gesetzt worden. Unter Kaiser Caligula (37-41) kam es erstmals zum öffentlichen Bruch zwischen den Juden und dem julisch-claudischen Herrscherhaus. Caligula, der vom wahrhaften Glauben an seine eigene Göttlichkeit besessen war, forderte auch von seinen jüdischen Untertanen dass sie ihm den göttlichen Ehrendienst erwiesen. In Alexandria kam es somit als Folge einer antijüdischen Hetzkampagne zum ersten „Pogrom“ in der römischen Geschichte.9 Von den großen Christenverfolgungen im 3.und 4. Jahrhundert blieben die Juden ausgenommen. Auch als Kaiser Decius um die Mitte des 3. Jahrhunderts für die gesamte Bevölkerung des Reiches anordnete, die Loyalität gegenüber dem Kaiser durch eine Opfergabe unter Beweis zu stellen, blieben Juden davon verschont.

Eine größere Bedrohung als die heidnischen Götterkulte der Römer, stellte für die Juden das aufkommende Christentum dar, das 313 durch Kaiser Konstantin zur Staatsreligion erhoben wurde. Denn schon ab 315 fanden antijüdische Maßnahmen Eingang in die konstantinische Gesetzgebung. So wurde beispielsweise der Übertritt zum Judentum unter Strafe gestellt. Unter seinem Sohn Konstantinus, wurde die Eheschließung zwischen Juden und Christen untersagt und es den Juden verboten, nichtjüdische Sklaven zu besitzen. Diese Maßnahmen zielten vor allem darauf ab, die Ausbreitung des christlichen Glaubens zu beschleunigen und die Juden teilweise aus dem öffentlichen Leben zurückzudrängen. Am besten lässt sich das Missverhältnis zwischen Juden und Christen im byzantinischen Reich durch die Wortwahl der Gesetze des Konstantinus darstellen. Für ihn waren die Juden eine „verderbliche“ oder „verachtenswerte Sekte“, die sich zu „frevlerischen Zusammenkünften“ zu treffen pflegte.10

Unter Kaiser Theodosius II. verschlechterte sich die Lage der Juden noch mehr, so dass es immer offensichtlicher schien, dass dass Judentum als minderwertigere Religion gegenüber dem Christentum galt. Der von ihm erlassene Codex Theodosianus vom 9. April 423, versicherte den Juden gegenüber zwar dass sie einerseits nicht mehr verfolgt und ihre Synagogen nicht mehr niedergebrannt werden, andererseits wurde jedoch bekundet, dass es die Absicht der Politik sei, „die Macht und Unverschämtheit der verachtenswerten Hellenen, Juden und Ketzer zu unterdrücken.“11

1.3. Die Juden im spanischen Westgotenreich

Als im Zuge der Völkerwanderung, nach den Einfällen der Sueben, Vandalen und Alanen, die Westgoten zu Beginn des 5. Jahrhundert die iberische Halbinsel überrannten und auf den Ruinen der römischen Provinz Ispania ihr eigens Königreich mit der Hauptstadt Toledo errichteten, fanden sie dort eine bereits florierende jüdische Gemeinschaft vor, die ihre Autonomie aus der römischen Zeit erhalten hatte. Die einzelnen Gemeinden unterhielten ihre eigene Gerichtsbarkeit, und verwalteten ihr kulturelles und wirtschaftliches Leben selbst. Neben einem städtischen Judentum hatte sich auch auf dem Land eine jüdische Gemeinschaft entwickeln können. Hier waren Juden sogar als Grundbesitzer tätig die Sklaven unterhielten.12

Die Situation änderte sich jedoch schlagartig, als der Westgotenkönig Reccard I. im Jahr 587 vom arianischen Glauben zum Katholizismus konvertierte. Mit seiner daraufhin einsetzenden Judenpolitik wurde einer der dunkelsten Perioden für die Juden der iberischen Habinsel eingeleitet. Ziel der neuen Politik Reccards war es, dem jüdischen Einfluss auf Christen Einhalt zu gewähren, womit faktische eine Zurückdrängung alles Jüdischen aus dem öffentlichen Leben gemeint war.13 Den Juden wurde nun verboten Sklaven zu halten, egal ob es nun christliche oder nichtchristliche waren. Die Sklaven wurden jedoch nicht freigelassen, sondern den neuen christlichen Herren zugeteilt. Die jüdischen Grundbesitzer wurden somit zur Aufgabe ihrer landwirtschaftlichen Aktivitäten gezwungen. Eine Orientierung hin zum städtischen Handel war zwangsläufig die Folge.

[...]


1 vgl. Ben-Chanan, Y., Juden im maurischen und christlichen Spaniel (711-1492), S.7..In: Rehrmann, N., Koechert, A. (Hrsg.), Spanien und die Sepharden. Geschichte, Kunst, Kultur, Literatur. Tübingen 1999.

2 zitiert nach Ben-Chanan, Y., S. 7.

3 siehe Art. Sefardim (Lehmann, M.) In: Betz, H.-D., Browning, D. S., Jankowski, B., Jüngel, E. (Hrsg.), Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Tübingen 2004.

4 zu der Theorie über die Bezeichnung „Sefarad“ vgl. Gerber, Jane S., The Jews of Spain. A history of the Sephardic Experience. New York 1994.

5 siehe Art. Sefardim (Lehmann, M.) In: Betz, H.-D., Browning, D. S., Jankowski, B., Jüngel, E. (Hrsg.), Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Tübingen 2004.

6 siehe Gerber, J., S. 4.

7 siehe Ben-Sassaon, H. H. (Hrsg.), Geschichte des jüdischen Volkes. München 1980. S. 345.

8 vgl. Gerber, J., S. 2.

9 Vgl. Ben-Sasson, H.-H., S. 346.

10 Vgl. Ben-Sasson, H.-H., S. 428-430.

11 siehe Ben- Sasson, H.-H., S. 436.

12 Vgl. Gerber, J., S. 8.

13 Vgl. Gerber, J. S. 11.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Sefarad - Die jüdische Gemeinschaft in Andalusien von der Antike bis zum Ende der Almohadenherrschaft
Untertitel
Mit besonderer Berücksichtigung des spanischen Hofjudentums
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V110533
ISBN (eBook)
9783640087006
Dateigröße
723 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit behandelt die Entstehung und Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft in Südspanien bis zum Ende der Almohadenherrschaft. Ein Schwerpunkt der Arbeit liet auf der Entstehung des spanischen Hofjudentums.
Schlagworte
Sefarad-Die
Arbeit zitieren
Stephan Kokew (Autor), 2006, Sefarad - Die jüdische Gemeinschaft in Andalusien von der Antike bis zum Ende der Almohadenherrschaft , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110533

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