Republikanismus. Welche Unterscheidungen spielen im Bedeutungsfeld des Republikanismus eine Rolle?


Essay, 2003
7 Seiten, Note: bestanden

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Republikanismus

Welche Unterscheidungen spielen im Bedeutungsfeld des Republikanismus eine Rolle?

Aufgabenstellung:

Welche Unterscheidungen spielen im Bedeutungsfeld des Republikanismus eine Rolle?

Stellen Sie diese übersichtlich und systematisch zusammen.

Beachten Sie dabei besonders die

a.) Unterschiede im gesamteuropäischen Gebrauch auf der einen Seite und

b.) des deutschen Gebrauches vom Begriff der Republik/der Republikaner/des Republikanismus auf der anderen Seite.

Der Text ist von 1993. Müsste man heute den Text anders schreiben, welche Ansatzpunkte würden Sie nennen?

Textgrundlage:

Dieter Langewiesche: Republik und Republikanismus in Deutschland, in: Liberalismus in Deutschland, edition suhrkamp, 1988 u.ö., Macmillan Press u. Princeton University Press, 2000.

Mit der Französischen Revolution von 1789 begann in Europa die Auflehnung gegen Absolutismus und feudale Ordnung. Das Wort Republik, was für die vom Absolutismus profitierenden Schichten mit radikaler Demokratie verbunden war, wurde einerseits zum Fanal, dass neue Hoffnungen wecken sollte und in Konsequenz dessen aber vor allem zum Kampfbegriff der Republikaner, die nach Umsetzung der Republik-Idee sannen.

Der Ausgangspunkt und die ersten praktischen Umsetzungsversuche finden sich in Frankreich. Die Jakobinerherrschaft zu Beginn der 1790er Jahre ließ dem Begriff rasch eine negative Facette zu Teil werden, da ungezügelte Tyrannei und Diktatur unter dem Denkmantel der sogenannten „Republik“, die installiert wurde, Fuß fassten. Erste Enttäuschungen ließen sich nicht vermeiden. Der Makel dieser Entwicklung konnte in Verbindung mit dem „Schreckensbild“ der Revolution in Frankreich auch in Deutschland keine Früchte tragen.

Die Französische Revolution von 1848 verschweißte endgültig die Frage nach Sozial- und Verfassungsordnung und trennte Demokraten und Liberale, was den Sinn von Republik gesamtgesellschaftlich werden und ihn nun interpretierend in zwei Richtungen gehen ließ.

Das zeigt sich in der Zerstrittenheit der Republikaner in Deutschland, die in verschiedene Denkrichtungen verhaftet blieben und damit zur Entleerung des Begriffes Republik entschieden beitrugen. Man versuchte nach 1848 Sozial- und Verfassungsordnung zu trennen, denn in Deutschland hatte das monarchische Prinzip eine starke Stellung, sodass viele Befürworter der Republik ideell eine Symbiose mit diesem eingingen und ihren Republikbegriff abwandelten.

Die Gipfelung dessen sollte einerseits die innere Demokratisierung der Monarchie sein, was gemäßigte Republikaner, wie die Liberalen (die einen Bürgerkrieg befürchteten), in der Zeit der konstitutionellen Monarchie ab 1871 betrieben. Andererseits forderten die „radikalen“ Republikaner die Verbindung von sozialer Frage und die Schaffung der Republik; auch auf der neuen ideellen Grundlage von Karl Marx’ „Kapital“.

Diese zwei Hauptlager, die typisch für das 19. Jahrhundert waren, als es das Resultat aus der Französischen Revolution für Deutschland zu ziehen galt, standen sich bis zur völligen Begriffsentleerung des Wortes „Republik“ und dessen Okkupation durch rechte Strömungen diametral gegenüber.

Die Strömung der Monarchiebefürworter setzte sich durch; der Glaube an die Wirtschaft des Kaiserreiches war enorm und die Republik sank zu einem Begriff herab, den nur noch linke und sozialistische Gruppierungen zu erklären versuchten, während Bevölkerung und die meisten anderen Parteien (auch der Katholizismus sei hier genannt) das Monarchieprinzip verfochten und später meinten, soziale Spannungen in dem 1871 gegründeten Kaiserreich beheben zu können.

Monarchie war für sie mit Unparteilichkeit gleichzusetzen und eine Republik hieß, die Herrschaft einer egoistischen Klasse hinzunehmen. Diese Zuspitzung fand sich auch in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg mit Beginn der Weimarer Republik, in der es die Hoffnung gegeben hat, eine Republik allumfassend zu installieren. Jedoch fand man auch hier wieder gemäßigte bürgerliche „Gehversuche“ der „optimalen“ Republik und sozialistische Republikdeutungen. Zweitere hatten es „einfacher“ zur Verteidigung ihrer Ansichten, da eine bürgerliche Republik unweigerlich aus monarchischen Rückständen bestehen müsse, die eine Klassengesellschaft beibehalten würden (d.h. auch, dass nur Männer die politische Elite bilden).

Mit dem Scheitern der Weimarer Republik und dem 12jährigen Hitlerregime stand Deutschland an der Schwelle eines erneuten „Republik-Versuches“. Demokratie statt Sozialismus hieß Adenauers Devise. Der Begriff der Republik war freigeworden, denn beide Machtblöcke bedienten sich gleichermaßen dieses Begriffes. Demokratie hieß das Losungswort in Antwort auf die sozialistische Gesellschaftsordnung.

Mit dem Zerfall des Ostblocks 1989/90 und des Triumphes, möchte man sagen, der Demokratie in den 1990er Jahren weltweit, drängte sich wieder die Frage nach der Republik und deren Ausgestaltung auf. 1993 war die Chance einer Neudefinition von Republik in Deutschland bereits vertan. Und heute? Heute muss man gleichermaßen feststellen, dass „Bundesrepublik“ weniger im Wortschatz der Deutschen Verwendung findet. Demokratie ist das Wort, das der Mediendschungel am meisten hervorhebt (und auch wenn es dabei um einen zu rechtfertigenden Krieg der Demokratie geht, der mit Segnung der Vereinten Nationen stattfindet). Aber was ist mit der Republik? In Deutschland ist er durch rechts besetzt worden. Republik wird als etwas Bewahrendes und zu Verteidigendes mystifiziert – eine Grundlage fehlt dabei aber, den Terminus Republik in seinen geschichtlichen Kontext richtig einzuordnen. Man spielt eher mit den Ängsten der Menschen; Ausländerprobleme und Auswirkungen der Globalisierung werden für sog. „Republikaner“ heute zum Instrument ihrer Rechtfertigung, indem sie eine/ihre scheinbare Demokratie mit dem Begriff Republik vorheuchelnd verquicken. Der Text von 1993 müsste nicht umgeschrieben und weiter ausgedeutet werden. Man muss lediglich unterstreichen, dass den Deutschen scheinbar weiterhin nicht daran gelegen ist, eine Neudefinition des Begriffspaares Republik/Demokratie vorzunehmen und der Terminus Republik somit der Rechten überlassen bleibt. 2003 scheint das Wort Republik weiterhin aus der Mode zu sein. Demokratie ist das Zauberwort. Demokratie statt Republik? Werden wir eventuell nach einem weiteren Zusammenwachsen der Europäischen Gemeinschaft, mit dem Entwickeln einer Verfassung für die Union, eine Neuorientierung auf eine Republik überhaupt noch nötig haben? Diese Frage wird in den nächsten Jahren zu stellen und klären sein. Erledigt hat sich diese Kontroverse um Republik und Demokratie jedoch noch lange nicht.

Um Menschen das Funktionieren westlicher Regierungssysteme angemessener zu beschreiben, bedarf es „mehr“ Republik „als“ Demokratie in den öffentlichen Debatten. Die Republik (die res publica als öffentliche Angelegenheit) in einer Massendemokratie ist als spezifische Form der Regulierung des Streits[1] konzipiert. Repräsentanten wirken in einer Republik als Vertreter des Volkes, die nicht einem imperativen Mandat unterworfen sind. Demokratie bleibt unscharf: Während im antiken Griechenland noch jeder freie Bürger mit seiner Stimme am öffentlichen Gemeinwesen teilnahm, bedarf es in unserer Republik einer Politologik, die im Verfassungsstaat und in Grundrechtsgarantien die Institutionen und Spielregeln klar artikuliert. Erst dadurch wird unsere Demokratie belebt: sie bleibt an republikanische Mechanismen gebunden, die Regierbarkeit erzeugen. Dass Vertreter nicht die Meinung eines Jeden in die politische Debatte einbringen können und sollen, versteht sich von selbst. Republik und Demokratie scheinen auch an diesem Punkt versöhnt: Mehrheiten entscheiden letztlich! Auch wenn Alexis de Tocqueville vor der „Tyrannei der Mehrheit“ gewarnt hat, an diesem Prinzip geht dennoch kein Weg vorbei, um Regierbarkeit herzustellen. „[...] Ich halte den Grundsatz, dass im Bereich der Regierung die Mehrheit eines Volkes das Recht habe, schlechthin alles zu tun, für gottlos und abscheulich, und dennoch leite ich alle Gewalt im Staat aus dem Willen der Mehrheit ab. Widerspreche ich mir damit selbst? Es gibt ein allgemeines Gesetz, das nicht bloß von der Mehrheit irgendeines Volkes, sondern von der Mehrheit aller Menschen, wenn nicht aufgestellt, so doch angenommen worden ist. Dieses Gesetz ist die Gerechtigkeit. Das Recht eines jeden Volkes findet seine Grenze an der Gerechtigkeit. [...]“[2] Gerechtigkeit bleibt auch der wichtige Maßstab für John Rawls. Rawls fragte in seinem Politischen Liberalismus: „Wie kann eine gerechte und stabile Gesellschaft von freien und gleichen Bürgern dauerhaft bestehen, wenn diese durch ihre vernünftigen religiösen, philosophischen und moralischen Lehren voneinander getrennt sind?“[3] Worum es also geht, ist das Einigen auf ein Minimum von Regeln des gemeinsamen Lebens in einer Gesellschaft. Religion und Privates bleiben dabei ausgeklammert. Eine Republik hat das Gemeinsame zu gestalten: Diese Politologik, die Sternberger aus der attischen Demokratie herauskristallisierte, kennt kein Gesetz der Geschichte. Sie setzt zudem dem Heilsverlangen und der Heilsbehauptung nichts entgegen als den stetigen Versuch, den Streit zu regeln. In dieser Tradition bleiben Demokratie und Republik ein miteinander verwobenes Begriffspaar. „Kurz gesagt, es geht darum, daß in einem demokratischen Verfassungsstaat das öffentliche Verständnis von Gerechtigkeit so weit wie möglich von kontroversen philosophischen und religiösen Lehren unabhängig sein sollte. Indem wir eine entsprechende Konzeption ausarbeiten, wenden wir das Prinzip der Toleranz auf die Philosophie selbst an: die öffentliche Gerechtigkeitskonzeption muß politisch und darf nicht metaphysisch sein.“[4]

Wenn wir also Gerechtigkeit als wichtigsten Grundsatz anerkennen, müssen wir den Prinzipien der Mehrheitsbildung und der Toleranz in unserer Gesellschaft Rechnung tragen. Dass diese Mehrheitsbildung nicht direkt durch die Bürger bei Sachfragen herzustellen ist, macht das Wesentliche bei der Unterscheidung von Demokratie und Republik deutlich: In unserer repräsentativen Demokratie als republikanischer Staatsform bleiben Abgeordnete die notwendigen Konstanten im politischen Spiel, um Regierbarkeit herzustellen und die Komplexität politischer Sachfragen angemessen nach allen Seiten hin abzuwägen. Sich dabei von Gerechtigkeitsgrundsätzen leiten zu lassen, hat einem Fundamentalziel zu dienen: Das Wohl der Gesellschaft in einer Republik beginnt mit Freiheit, der Freiheit vor Zwang und Willkür seitens des Staates. Ist diese Freiheit gegeben, können wir davon sprechen, eine freiheitliche und demokratische Grundordnung leben zu können, die als Republik mit ihren Verfassungsgrundsätzen den normalen, gewollten und alltäglichen Streit um die Ausgestaltung von Politik beginnen kann. Zur republikanischen Gesellschaft gehört auch die Dimension der Selbstverwaltung und Subsidiarität der Zivil- und Bürgergesellschaft.[5] Die Organe des Staates können auch in einer Republik nicht das demokratische Engagement der Bürger ersetzen. Eigenverantwortung und Selbsthilfe der Bürger untereinander stärken das gemeinschaftliche Gefühl, die Gesellschaft und die aus ihr erwachsenden Verfassungsgrundsätzen. Diese zu leben, kann nicht nur Aufgabe staatlicher Organe sein. Gesellschaft beginnt vor Ort und wird nicht allein von staatlichen Institutionen geprägt. Auch das ist Ausdruck einer liberalen Republik: Für die Bürger, von den Bürgern.

[...]


[1] Sternberger, Dolf: Drei Wurzeln der Politik, Suhrkamp, Frankfurt a. Main, 1984, S. 383.

[2] Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika, ausgew. und herausgeg. von J. P. Mayer, Stuttgart, 1985, S. 145 ff.

[3] Rawls John: Politischer Liberalismus, a. d. Amerik. v. Wilfried Hinsch, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main, 2003, S. 35.

[4] vgl. Kapitel/Teil II: Rawls, John: Politischer Liberalismus, a. d. Amerik. v. Wilfried Hinsch, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main, 2003.

[5] vgl. Warnfried Dettling: Bürgergesellschaft. Möglichkeiten, Voraussetzungen und Grenzen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beiheft 38, 1998, S. 24 ff.

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Details

Titel
Republikanismus. Welche Unterscheidungen spielen im Bedeutungsfeld des Republikanismus eine Rolle?
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Republik und Republikanismus
Note
bestanden
Autor
Jahr
2003
Seiten
7
Katalognummer
V111295
ISBN (Buch)
9783656617075
Dateigröße
348 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Republikanismus, Welche, Unterscheidungen, Bedeutungsfeld, Rolle, Seminar, Republik
Arbeit zitieren
Daniel Fischer (Autor), 2003, Republikanismus. Welche Unterscheidungen spielen im Bedeutungsfeld des Republikanismus eine Rolle?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111295

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