Sport im Wandel


Seminararbeit, 2005

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Verzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Beeinflussung des Sports durch die Gesellschaft

3. Charakteristika der heutigen Gesellschaft

4. Reaktionen des Menschen auf die Gesellschaft von heute

5. Charakteristika der traditionellen Sportarten

6. Gründe für den Mitgliederschwund der traditionellen Sportarten
6.1. Der demographische Ansatz nach Wopp
6.2. Der Wertewandel als Erklärungsansatz

7. Entwicklungstendenzen anhand der Trendsportarten

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Walking, Jogging, Inlineskating, Beachvolleyball, Streetball, Aquafit, Tae-Bo, Spinning, Bungee-Jumping, Wakeboarding und Freeclimbing. Was haben alle diese Sportarten gemein? Sie alle liegen im Trend und sie alle erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Doch was macht sie so populär? Ist es der unkomplizierte Zugang zum Walking, Jogging und Inlineskating, der breite Massen anspricht? Ist es die ereignisreichere Gestaltung des Beachvolleyballs und Streetballs, welche diese Sportarten attraktiver als ihre traditionellen Vorbilder macht? Ist es der Wunsch fit und gesund zu sein, der bei Aquafit-, Tae-Bo- und Spinningkursen die Teilnehmerzahl steigen lässt? Ist es der Reiz der Gefahr, der immer mehr Menschen zu extremen Sportarten wie Bungee-Jumping, Wakeboarding und Freeclimbing motiviert? Sicher steckt in all dem Genannten ein Stück Wahrheit. Doch welche Bedürfnisse muss eine Sportart befriedigen um zum Trend zu werden? Aus welchen Gründen steigt das Interesse an Erlebnis, Gesundheit und Risiko in unserer Gesellschaft? Aus welchen Gründen sinkt das Interesse an den traditionellen Sportarten wie Turnen und Leichtathletik?

In dieser Arbeit soll gezeigt werden, dass sich der Sport ändert, weil sich die Anforderungen der Menschen an den Sport ändern. Weiterhin soll bewiesen werden, dass die Ursachen für die sich verändernden Anforderungen an den Sport in der sich entwickelnden Gesellschaft zu suchen sind.

Dies soll erreicht werden, indem sich der Anfang dieser Arbeit mit der heutigen Gesellschaft beschäftigt und die markantesten Charakteristika dieser herausarbeitet. Darauf aufbauend werden die sich durch den gesellschaftlichen Wandel verändernden Bedürfnisse der Menschen behandelt. Anknüpfend an die heutigen Anforderungen an den Sport wird dann eine Beschreibung der Charakteristika traditioneller Sportarten angestrebt, um so Gründe für den kontinuierliche Mitgliederschwund anführen zu können. Das abschließende Kapitel beschäftigt sich mit Trendsportarten. Hier wird als Erklärung für deren Popularität speziell noch einmal darauf eingegangen werden, welche Kriterien die sich im Trend befindenden Sportarten erfüllen und wie diese die Bedürfnisse des modernen Menschen befriedigen. Da die Beeinflussung des Sports durch die Gesellschaft eine Voraussetzung für die Bearbeitung des ganzen Themenkomplexes darstellt, beschäftigt sich das folgende Kapitel jedoch zuerst einmal mit dem Anführen von Beweisen für diesen Umstand.

2. Die Beeinflussung des Sports durch die Gesellschaft

Um die Beeinflussung des Sports durch die Gesellschaft zu demonstrieren, werden im Folgenden zwei verschiedene Wege gegangen. Ein Blick in die zu diesem Thema umfangreich vorhandene Literatur sowie eine grobe geschichtliche Betrachtung der Entwicklung des Sports soll den zu beweisenden Sachverhalt klären. Sieland schreibt in ihrer Dissertation über Trendsportarten in der Schule: „Teilt man die Auffassung, dass unsere Zeit, die Zeit der Postmoderne ist, so kann der gesellschaftliche Teilbereich Sport keine Ausnahme bilden. Auch an ihm müssen postmoderne Veränderungen erkennbar sein.“[1] Bette teilt diese Ansicht, indem er die momentanen Entwicklungen im Sport auf die personalen Wirkungen und Ambivalenzen der sich durchsetzenden Moderne zurückführt.[2] Weiterhin kann durch den Verweis auf den von Henning Eichberg und Wilhelm Hopf herausgegebenen Diskussionsband, „Die Veränderung des Sports ist gesellschaftlich“[3], veranschaulicht werden, mit welchem Umfang diese Fragestellung schon behandelt worden ist und zu welchem einmütigen Ergebnis die Überlegungen führten. Die geschichtliche Betrachtung kommt zum gleichen Ergebnis. Es finden sich in der Geschichte des Sports unzählige Fälle, in denen sich dieser reaktionär an der Gesellschaft orientierte. Der im Spätmittelalter praktizierte Prügelringkampf, das Schlagfechten, das Steinheben und der Baumstammwurf waren sportliche Formen, die der „... agrarischen und frühstädtischen Kraft- und Agonalkultur“ entsprachen.[4] Mit den Anfängen der Neuzeit veränderte sich die Gesellschaft und in konsequenter Weise auch der Sport. Regelrechtes Verhalten stand im Zentrum von höfischem Tanz, Figurenreiten, zierlichem Stoßfechten und Voltigieren.[5] Die Regeln, nach denen sich der Einzelne zu richten hatte, bildeten hier die „... nach Ständen segmentierte spätaristokratische Gesellschaft...“[6] ab. Auch heute können Beispiele gefunden werden, die zeigen in wie fern der moderne Sport von der Gesellschaft beeinflusst wird. Diese werden jedoch zu einem späteren Zeitpunkt angeführt.

3. Charakteristika der heutigen Gesellschaft

Um überprüfen zu können in wie fern der Sport und dessen Entwicklung von der Gesellschaft beeinflusst werden, ist es notwendig, die Gesellschaft und die sie bestimmenden Faktoren näher zu betrachten und zu bestimmen. Die auf den Umfang bezogene Begrenzung dieser Arbeit, lässt eine dem Anspruch der Vollständigkeit genügende Beschreibung jedoch nicht zu. Es ist hier völlig ausreichend, den Blick auf die den Sport beeinflussenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu richten.

Vergleicht man die heutige Gesellschaft mit einer früheren, wie zum Beispiel mit der oben bereits genannten Gesellschaft des Mittelalters, ist wohl einer der auffälligsten Unterschiede die Freiheit des Individuums. Während im Mittelalter der Stand einer Person durch deren Geburt festgeschrieben wurde und die Standesgrenzen unpassierbar waren, hat heutzutage jeder, zumindest auf dem Papier, die freie Entscheidung. Doch mit der gesteigerten Freiheit steigt auch der Anspruch an das Individuum, sich selbst zu definieren. „Dem Individuum droht der soziale Zwang, ein eigenes Lebensprojekt entwerfen zu müssen.“[7] Während der Sohn eines Gerbers im Mittelalter immer auch Gerber werden würde und er sich der Frage welche Ausrichtung er seinem Leben geben soll nicht stellen musste, haben Jugendliche heute, bei entsprechendem Schulabschluss, eine Unzahl verschiedener Möglichkeiten was die Gestaltung ihres Lebens betrifft. Mit der Freiheit kommt somit die Frage nach der richtigen Nutzung dieser auf. Dazu Schulze: „Je mehr man haben, machen, sein kann, desto besser scheint es einem zu gehen. Allerdings gibt es viele Anzeichen dafür, dass mit der Vereinfachung des Weges zu immer mehr potentiellen Zielen die Schwierigkeit, ein sinnvolles Leben zu führen, zunimmt.“[8] Nicht immer gelingt es dem Individuum die Frage nach dem Lebenssinn zufrieden stellend zu beantworten. An Einfluss verlierende Instanzen wie Kirche, Tradition, Beruf und Familie können keine konkreten und verbindlichen Entscheidungshilfen bei der Identitätsbestimmung mehr geben. „Die Entscheidung, wer man ist, hängt somit immer weniger von der Definitionsmacht überindividueller Instanzen ab.“[9] Mangel an Selbstklarheit, Sinngewissheit, innerer Harmonie und sicherem Individualitätsempfinden können die Folgen sein.[10] Der Versuch der Löschung dieser Identitätsnot wird später als eine der Erklärungsmuster für die Popularität von Trendsportarten sein.

Das gerade angesprochene Verlangen nach einem sinnerfüllten Leben, ist die Ursache eines weiteren Charakteristikums unserer Zeit. Das Erlebnis stiftet Sinn. Die Suche nach dem Erlebnis ist nach Schulze eines der bestimmenden Lebensmaximen des modernen Subjekts.[11] Diese Entwicklung ist damit zu begründen, dass der Alltag das Verlangen nach Erlebnissen nicht mehr befriedigen kann. Opaschowski spricht von einer „... Gesellschaft der Sicherheiten, Absicherungen und Versicherungen“.[12] Die relative Sicherheit, die durch Sozialsysteme und Möglichkeiten der persönlichen Absicherung gewährleistet ist, macht das Leben kalkulierbar und somit spannungsarm. Das Risiko im Leben des Einzelnen sinkt beträchtlich. Dieses Phänomen gepaart mit der Durchstrukturierung des Alltags durch vorgegebene Arbeitszeiten und Inhalte führt zur „... schleichenden Zeitkrankheit des 21. Jahrhunderts“[13], der Langeweile. Die Zukunft ist berechenbar und scheint vorgezeichnet zu sein. Mit Katastrophen wird man meist nur passiv in den Medien konfrontiert. Das Leben an sich wird ereignisloser. Die politische Stabilität, die zumindest in Europa gewährleistet ist, sorgt für weitere Entspannung und lässt Erzählungen der älteren Generation über den Krieg und dessen Folgen als unaktuell erscheinen. Da Langeweile Unbehagen auslöst, suchen Menschen nach Wegen diese Langeweile zu bekämpfen. Weiterhin führen wirtschaftliche Veränderungen, wie die zunehmende Mechanisierung dazu, dass den Menschen die schwere körperliche Arbeit abgenommen wird. Das somit ungenutzte Energiepotential verbleibt zur Disposition. Opaschowski beschreibt diesen Zustand wie folgt: „Heute verlassen viele Arbeitnehmer das Betriebstor körperlich unausgelastet, erlebnishungrig, risikofreudig und angriffslustig. Dieses Defizit muss dann irgendwie ‚abgearbeitet’ werden.“[14] Langeweile und Energieüberschuss sind jedoch nicht die einzigen Folgen der durchorganisierten, mechanisierten Gesellschaft. Eine weitere Konsequenz ist die Passivität des Individuums. Von einzelnen Menschen wird erwartet, dass diese sich anpassen und in die vorgegeben Strukturen integrieren. Neumann beschreibt diesen Sachverhalt als „... Disziplinierung des Menschen“[15]. Bette weißt darauf hin, dass die die Gesellschaft regelnden Organisationen nur deshalb funktionieren, da der Mensch als austauschbar betrachtet wird. Dies sei der Fall, so Bette, da der Umkehrschluss dazu führen würde, dass das System auf einzelnen Menschen beruht, bei deren Wegfall die eigentliche Aufgabe der Organisation nicht mehr erfüllt werden könnte. Diese Austauschbarkeit führt zu Gefühlen der Unwichtigkeit und Ohnmacht.[16] Ohnmacht wird auch durch die zunehmende Komplexität der Gesellschaft vermittelt. Die inflationäre Entwicklung des Wissens überfordert den Menschen. Die Verwissenschaftlichung führt zur ständigen Infragestellung des als bisher etabliert geltenden Wissens. Die sich dadurch laufend verändernde und entwickelnde Wissensproduktion führt zu dem Bedürfnis nach Konstanz und Eindeutigkeit. Das Individuum vermag es nicht, mit der sich rasant entwickelnden Wissensvermehrung stand zu halten und wird gezwungen sich in wenigen Gebieten zu spezialisieren und sich dadurch von anderen abhängig zu machen. Das Bewusstsein, das „Handlungsinterdependenzen“[17] bestehen, die das eigene ‚freie’ Handeln der Begrenzung unterziehen, führt zum Gefühl der Unfreiheit und Abhängigkeit. Des Weiteren sind Funktionsweisen abstrakter Systeme wie das der Börse dem Laien unverständlich. Die Unverständlichkeit über die die Gesellschaft steuernden Prozesse führt wiederum zu dem beschriebenen Gefühl der Ohnmacht. Doch auch die Medien steuern ihren Anteil zur Verunsicherung des Subjekts bei. „Nachrichtensendungen informieren nicht nur über das, was in der Welt passiert, sie machen gleichzeitig auch deutlich, wie wenig man mitbeeinflussen und –steuern kann. Zuschauer, Hörer und Leser gewinnen das Bild, dass das gesellschaftlich relevante Handeln immer woanders stattfindet, sie aber selbst daran nicht beteiligt sind.“[18] Weiterhin sind sie dafür verantwortlich, dass Primärerfahrungen immer häufiger durch Sekundär – und Tertiärerfahrungen ersetzt werden. „In einer vornehmlich durch Sprache, Schrift, Bild und Film geprägten Gesellschaft erscheint die Realität vornehmlich als gehörte, erzählte, gelesene oder auf dem Bildschirm gesehene Realität.“[19] Diese suggerierte Realität, die fast ausschließlich mit Extremen arbeitet, ist nicht eine der Wirklichkeit entsprechende. Die Wirkung, die die Medien dennoch ausüben beschreibt Opaschowski: „Wir neigen immer mehr zu Extremen, weil wir täglich mit Extremen konfrontiert werden.“[20] Extremes gewöhnt, reagiert der Mensch nur noch auf „... massive[re] Reizanstürme mit echten Empfindungen“[21]. Subtile Reize werden nicht mehr wahrgenommen. Die Sinne des Menschen jedoch bedürfen dem ständigen Training um voll funktionstüchtig zu bleiben.[22] Der volle Einsatz all unserer Sinne ist in einer auf den schnellen und unkomplizierten Konsum von Reizen bedachten Welt nicht mehr der Fall. Eine letzte den Sport beeinflussende gesellschaftliche Entwicklung muss der Vollständigkeit wegen hier noch angefügt werden.. Deutschland wird immer älter. Die Geburtenraten sinken während medizinische Neuerungen die Lebenserwartungen kontinuierlich steigern. Die Folge ist eine zunehmende Vergreisung der Gesellschaft, die auch auf den Sport nicht ohne Konsequenzen bleiben wird. Die konkreten Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf den Sport sollen jedoch in einem späteren Kapitel zur Sprache kommen.

[...]


[1] Sieland (2002), 18.

[2] Vgl. Bette (2004), 10f.

[3] siehe Literaturverzeichnis

[4] Hopf (1990), 35.

[5] Ebd. 38.

[6] Dunning (1990), 48.

[7] Neumann (1999), 101.

[8] Schulze (1992), 33.

[9] Bette (2004), 51.

[10] Vgl. Aufmuth (1989), 128.

[11] Schulze (1992), 22.

[12] Opaschowski (2000), 9.

[13] Ebd. 19.

[14] Ebd. 26.

[15] Neumann (1999), 98.

[16] Vgl. Bette (2004), 26.

[17] Ebd. 27.

[18] Ebd. 27.

[19] Ebd. 77.

[20] Opaschowski (2000), 18.

[21] Ebd. 85.

[22] Vgl. ebd. 16.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sport im Wandel
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Sport und Sportwissenschaft)
Veranstaltung
EPG II: Ethik, Sport und Religion
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V111558
ISBN (eBook)
9783640096084
ISBN (Buch)
9783656238287
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Wandel, Ethik, Sport, Religion
Arbeit zitieren
Christian Weckenmann (Autor), 2005, Sport im Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111558

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sport im Wandel



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden