Heinrich II. und Lothringen


Seminararbeit, 2007

20 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lothringen vor

3. Lothringen vor
3.1 Die Frage der Zugehörigkeit

4. Situation in Lothringen unter Heinrich II
4.1 Das Herzogtum Oberlothringen
4.2 Das Herzogtum Niederlothringen
4.3 Die Fehden in Lothringen
4.4 Heinrich und die Kirche in Lothringen

5. Schlussbetrachtungen

6. Bibliographie

1. Einleitung

„Rex inde progressus varias occidentalium mentes probare et, ne solito commoverentur, sedare temptavit. Quos nonnulli iniusticiam dominorum suorum pati nolentes laudant, nos autem quasi ignavos econtra vituperant. Sunt plerique, qui, corporis voluptatibus cunctis servientes, freno equitatis a Deo inpositae regi nullatenus curant, sed hoc, virtute seu fieri valet arte, de futuro nil solliciti defendunt et omnes in hoc sibi non consentientes detractione et odio insaciabili persequuntur.”[1]

Der König, so berichtet Thietmar im zitierten Abschnitt, ist gezwungen sich auf seinem Zug durch das Reich den Menschen im Osten zu widmen. Ihre unbeständige Gesinnung macht dies nötig. Sie würden dazu tendieren, die von Gott dem König anvertraute Herrschaft zu missachten und nur die eigenen Interessen zu verfolgen. Thietmar beschreibt in diesem Abschnitt die Lothringer. Die hier belegte Aburteilung einer ganzen Volksgruppe als im Bezug auf den König unzuverlässig, ihre bewusste Separierung vom übrigen Reich sowie die deutlich hervortretende starke moralische Verurteilung ihres Wesens, werfen einige Fragen auf. Was unterscheidet die Lothringer von den anderen Volksgruppen des Reiches und auf der Basis welcher Ereignisse trifft Thietmar hier seine Aussagen. Die möglichen Gründe für das belegte Misstrauen Heinrichs Lothringen gegenüber, sollen im Folgenden erörtert werden. Hierzu wird zunächst auf Lothringen vor Heinrichs Machtübernahme eingegangen, um potentielle in der Geschichte verwurzelte Konfliktfelder zu erforschen. Im Anschluss daran soll der Fokus auf die Situation Lothringens unter Heinrich II. gelegt werden. Hierbei folgt einer generellen Betrachtung die Beschäftigung mit den einzelnen Herzogtümern Nieder- und Oberlothringen. Im Anschluss wird das Fehdewesen in Lothringen eingehend behandelt, wobei deutlich wird, warum Thietmar, wie eingangs zitiert, von „üblichen Wirren“ in Lothringen spricht. Das abschließende Kapitel beschäftigt sich dann mit Heinrichs Beziehung zu den Bistümern und Klöstern in Lothringen.

2. Lothringen vor 1002

Es ist einleitend von Nöten auf die Situation Lothringens vor Heinrichs Machtübernahme im Jahr 1002 einzugehen. Dieses Vorgehen hat von daher seine Berechtigung, als dass die Entstehung und Geschichte Lothringens wichtige Anhaltspunkte liefert, um spezifische Handlungsweisen sowie den generellen Umgang Heinrichs mit Lothringen besser nachvollziehen zu können. Da es lediglich darum gehen wird, auf Ereignisse aus der Geschichte Lothringens einzugehen, durch welche ein Bezug zu dem hier untersuchten Zeitraum hergestellt werden kann, es aber auch Anspruch sein muss eine zusammenhängende Beschreibung wiederzugeben, beginnt die Betrachtung im Folgenden mit der Aufspaltung des fränkischen Großreiches.

Mit dem Tod Kaiser Ludwigs des Frommen war das Reich in eine tiefe Krise geraten. Die mehrmalige Abänderung der Thronfolgeregelungen wie sie ursprünglich in Ludwigs Ordinatio Imperii festgelegt worden war, stiftete Verwirrung und führte letztendlich zu einem Krieg seiner Söhne um die Aufteilung des Reichs. Dieser Bruderzwist fand im Vertrag von Verdun 843 vorerst ein Ende. Grob gesagt erhielt Lothar I. das mittlere Reich, welches Italien einschloss und im Westen von Karl dem Kahlen wie im Osten von Ludwig dem Deutschen flankiert wurde.[2] Erwähnenswert ist hier, dass durch die Teilung „im Westen wie im Osten relativ homogene ethnische Komplexe entstanden sind“[3], wohingegen das Mittelreich ein eher inhomogenes Gebilde darstellte. Die einzelnen Teilgebiete dieses im Zentrum gelegenen Reiches wurden nach dem Tod Lothars I. unter dessen drei Söhnen aufgeteilt. Ludwig II. erhielt Italien, Karl bekam die Provence und einen Teil Burgunds zugesprochen und Lothar II. den Bereich zwischen Burgund und der Nordsee, welcher nach ihm Lotharingien genannt wurde.[4] Somit entstand jenes Gebilde, auf dessen Entwicklung hier das Hauptaugenmerk gerichtet werden soll, im Jahr 855 durch die Zerteilung des Mittelreiches.[5]

Die Unabhängigkeit der durch die Spaltung des Mittelreiches entstandenen Gebiete von den umgebenden mächtigeren Königreichen, war jedoch nicht von Dauer. Ohne legitime Nachkommen Lothars II. war eine Aufteilung seines Herrschaftsbereichs nach seinem Tod unter dem Ost –und Westfrankenreich unausweichlich. Bezüglich der Frage wer hierbei welchen Teil zugesprochen bekommen sollte, bestand kein Konsens.

Der Grundstein für einen Konflikt zwischen den beiden umgebenden Großreichen über die Nachfolge war gelegt und mit dem Tod Lothar II. im Jahr 869 wurde dessen Reich zum „Zankapfel west- und ostfränkischer Könige“[6]. Die Oberhoheit wechselte in der Zeit von Lothars Tod bis zur Machtübernahme Heinrichs II. mehrere Male. Auch wenn auf eine detaillierte Beschreibung der Umstände hier verzichtet werden muss, soll doch ein kurzer Überblick über die wichtigsten Entwicklungen in diesem Zeitraum gegeben werden.

Im Jahr 870, im Vertrag von Meersen, wird das ehemalige Reich Lothars II. unter dem ost- und westfränkischen Königen aufgeteilt, bis es zehn Jahre später völlig an das ostfränkische Reich fällt. Im Jahr 911, mit dem Tod König Ludwigs, findet ein erneuter Herrschaftswechsel statt, indem die westfränkische Seite die Kontrolle übernimmt und sie bis zum Jahr 925 auch bewahren kann.[7] Die Intervention des ostfränkischen Königs Heinrich I. in Lothringen, nachdem sich ein Teil der lothringischen Großen an diesen gewandt hatte, führte in letzter Konsequenz zu einer Unterwerfung der Lothringer unter Heinrich I.[8] Nichts desto trotz wurde die ostfränkische Herrschaft von westfränkischer Seite nicht toleriert, was sich in mehrere Einfälle westfränkischer Könige manifestierte.[9] Die relative Unsicherheit der Situation zeigt sich auch im Bestreben ostfränkischer Herrscher, ihre Vorherrschaft in Lothringen mit symbolischen Akten zu stärken. Die Wahl Aachens als Schauplatz für die Thronerhebungsfeier Ottos I. als „eine Betonung der Zugehörigkeit Lotharingiens zum neuen deutschen Reich“[10] ist hierfür ein Beispiel. Erst der Nachfolger Ottos I. war im Juni 980, nach einem Feldzug bei dem er bis nach Paris vordrang im Stande, Lothar I. eine offizielle Verzichtserklärung abzuringen, in der dieser allen Ansprüchen auf Lothringen entsagte. Dem ungeachtet unternimmt Lothar nach dem Tod Ottos II. noch einen letzen Versuch einen Teil Lothringens unter die Kontrolle des westfränkischen Reiches zu bringen, welcher dann letztlich mit seinem Tod und der Rückgabe der eroberten Gebiete scheiterte.[11] Bis zum Herrschaftsantritt Heinrichs II. im Jahr 1002 kann die Oberhoheit des ostfränkischen Reiches in Lothringen nicht mehr ernsthaft gefährdet werden.

2.1 Die Frage der Zugehörigkeit

Vor dem Hintergrund der gerade gegebenen Geschichte Lothringens muss auf Folgendes aufmerksam gemacht werden. Im Gegensatz zu den übrigen Reichsteilen Ostfrankens, nahm Lothringen, was die Zugehörigkeit angeht, eine Sonderstellung ein. Die unklare Zuordnungssituation sowie die mehrmaligen Führungswechsel ließen eine Identifikation der Bewohner und insbesondere des Adels nicht in gleichem Maße zu, wie dies für die übrigen Reichsteile der Fall war. Des Weiteren war die Hemmschwelle eines selbst herbeigeführten Seitenwechsels, wie durch den Anschluss der lothringischen Großen an Heinrich I. schon einmal geschehen, geringer ausgeprägt als bei den traditionell ins Reich integrierten Gebieten. Wie im Verlauf dieser Arbeit noch gezeigt werden wird, führten diese Voraussetzungen zu einer minder ausgeprägten Anerkennung königlicher Macht und Autorität und veranlassten den Adel in Lothringen in vielen Fällen die eigenen Interessen vor die des Königs zu stellen. Die hier angesprochene geringe Ausprägung eines Zugehörigkeitsgefühls Lothringens an das Ost- wie Westfränkische Reich, kann nicht nur indirekt durch die mehrmaligen Führungswechsel erklärt, sondern auch direkt als ein Resultat von ost- und westfränkischer Reichspolitik gedeutet werden.

Beide Königreiche machten Ansprüche auf die rechtmäßige Nachfolge geltend, grenzten Lothringen jedoch bewusst von ihren Stammreichen ab. Das westfränkische Königtum beanspruchte den Francia -Begriff für das eigene Reich und versagte den anderen Teilreichen die Teilhabe an einer fränkischen Tradition ganz entschieden.[12] Um die Lothringer benennen und abgrenzen zu können, behielt es die Bezeichnung Lothringens als regnum Lotharii[13] bei. Auch für das ostfränkische Reich kann die angesprochene Abgrenzung angenommen werden. Am Ende des 10. sowie im 11. Jahrhundert, während Lothringen durchgehend dem ostfränkischen Reich angehörig war, blieb die auf Lothar II. zurückzuführende Bennennung dennoch erhalten.[14] So lässt „das Reichsbewusstsein im ottonisch beherrschten Ostfranken […] Lothringen in Randlage erscheinen“.[15] Barth bezeichnet Lothringen vor diesem Hintergrund auch als „Bruchzone“, „einerseits Teil des Reiches zu sein und zu bleiben, andererseits ethnisch, sprachlich und kulturell und der Überlieferung getreu Brücke zum Westen zu sein“[16].

[...]


[1] Thietmar von Merseburg, Chronik VI, 48, S. 334.

[2] Vgl. Hlawitschka, Frankenreich, S. 76ff.

[3] Ebd., S. 78.

[4] Vgl. ebd., S. 79.

[5] Schneidmüller, Regnum, S. 83.

[6] Schneidmüller, Regnum, S. 83.

[7] Mohr, Geschichte des Herzogtums, S. 15.

[8] Vgl. ebd., 19f.

[9] Schneidmüller, Regnum, S. 106.

[10] Hlawitschka, Frankenreich, S. 114.

[11] Huhn, Geschichte Lothringens, S. 92f.

[12] Vgl. Schneidmüller, Regnum, S. 89.

[13] Neben der Bezeichnung als regnum Lotharii waren gleichzeitig auch folgende verwandte Formen im Umlauf: Lotharicum regnum, Lothariensium regnum, regnum Luthariorium, regnum Lutharii, regnum Lothariense. Vgl. hierzu Mohr, Geschichte des Herzogtums, S. 51.

[14] Ebd., S. 51.

[15] Schneidmüller, Regnum, S. 91.

[16] Barth, Lotharingien, S. 199.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Heinrich II. und Lothringen
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Heinrich II.
Note
2,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V111559
ISBN (eBook)
9783640096091
ISBN (Buch)
9783656236160
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich, Lothringen, Proseminar
Arbeit zitieren
Christian Weckenmann (Autor), 2007, Heinrich II. und Lothringen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111559

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