Erkenntnis der Evolution

Die Theorien von Goethe, Lamarck und Darwin in ihrem gesellschaftshistorischen Kontext


Essay, 2008
33 Seiten
Dr. Stefan Schweizer (Autor)

Leseprobe

Inhalt

Erkenntnis der Evolution: Die Theorien von Goethe, Lamarck und Darwin in ihrem gesellschaftshistorischen Kontext

1 Problemstellung

2 Evolutionstheorien im Wandel der Zeit: Aufklärung, Romantik und Realismus
2.1 Aufklärung
2.2 Romantik
2.3 Realismus

3 Goethe
3.1 Goethe als Naturwissenschaftler
3.2 Die Metamorphose der Pflanze
3.3 Das Bild der Pflanze
3.4 Einflüsse auf Goethe wissenschaftliche Arbeiten
3.5 Goethes Zwischenkieferknochen
3.6 Zwischenfazit Goethe

4 Lamarck
4.1 Lamarck als Naturwissenschaftler
4.2 „Philosophie zoologique“
4.3 Lamarckismus

5 Darwin
5.1 Darwins Anfänge als Naturwissenschaftler
5.2 Darwins „Origin of species“
5.3 Darwins Selektionstheorie
5.4 Zwischenfazit Darwin

6 Goethe als Vorläufer Darwins – Die Rezeption Ernst Haeckels

7 Schlussbetrachtung

1 Problemstellung

Der Begriff „Evolution“ steht im umfassenden Sinn für „Entwicklung“. Hierunter werden in der Biologie allerdings zwei unterschiedliche Bedeutungen gefasst: Zum einen die individuelle Entfaltung eines Organismus von der befruchteten Eizelle bis zu seinem Tod (Ontogenese), zum anderen der historische Vorgang, der zur Ausbildung einzelner Organismenarten führt (Phylogenese). Wird von dem Begriff „Evolution“ gesprochen, so wird hierunter grundsätzlich die zweite Bedeutung, also die Veränderung der Arten im Laufe der Zeit, verstanden. Die Phylogenese dient in erster Linie der Schaffung immer neuer genetischer Informationsprogramme, im Sinne der Weiterentwicklung einer Organismenart.

Die Abstammungslehre hat sich im Laufe der Zeit zur Aufgabe gemacht folgende Fragen zu beantworten:

1. Gab es eine Veränderung der einzelnen Organismen seit der Entstehung des Lebens auf der Erde? Gab es also eine Transformation der Arten?
2. Wie verlief diese Transformation im allgemeinen und in den Stammesreihen einzelner Arten im besonderen?
3. Was sind die Triebkräfte der Evolution?[1]

Mit diesen oder ähnlichen Fragestellungen beschäftigten sich Forscher bereits in der Antike.

Die Biologie in ihrer heutigen Ausprägung allerdings entstammt im wesentlichen dem abendländischen Kulturraum, mit Ursprung im griechischen Altertum. Einen direkten Einfluss auf die Entwicklung der Biologie haben die alten indischen, ostasiatischen oder orientalischen Hochkulturen demnach nicht ausgeübt. Sie nahmen erst seit der letzten Jahrhundertwende aktiv an der Erforschung des Lebens teil.[2]

Der Versuch eine gewisse hierarchische Ordnung in die „Dinge“ der Natur zu bringen wurde schon in der Antike unternommen. Diesen Ordnungsversuchen lag die Vorstellung eines so genannten Stufenbaus der Welt zugrunde. Die unterschiedliche Komplexität der einzelnen Individuen wird durch die Aufstellung von Stufenleitern dargestellt. Bereits Aristoteles (384-322 v. Chr.) unterschied dabei zwischen den anorganischen, pflanzlichen und tierischen Gebilden. Die Naturgeschichte der Neuzeit wurde ganz entscheidend von der Vorstellung der Stufenanordnung der Natur geprägt. Goethe erweiterte die aristotelische lineare Anordnung der Lebewesen im Stufenbau der Welt als das so genannte Kompensationsgesetz ( das „Prinzip des Gebens und Entziehens“), welches besagt, dass die Natur einen Teil des Organismus auf Kosten des anderen begünstigt. Er gelangte zu der Erkenntnis, dass Lebewesen in ihren Merkmalen unterschiedlich hoch entwickelt sind und deshalb nicht einfach linear angeordnet werden können.[3]

Seit einiger Zeit haben Fragen, die die Evolution betreffen, eine ganz neue Aktualität gewonnen. Gegenstand dieses Aufsatzes soll sein herauszustellen, welchen Einfluss die morphologischen Schriften Goethes auf die Entwicklung der Evolutionstheorie, insbesondere auf die Erkenntnisse Darwins hatten. Um die großen Züge der Entwicklung offen zu legen, genügt es daher, diejenigen Forscher zu nennen, die den geschichtlichen Weg wesentlich beeinflusst haben.

Aus diesem Grund werden zunächst einige Einflüsse auf Goethes wissenschaftliche Arbeiten aufgeführt. Daraufhin wird eine ausführliche Darstellung von Goethes naturwissenschaftlichem Werk vorgenommen. Insbesondere das Bild der Pflanze und Goethes Zwischenkieferknochenansatz werden in dem Zusammenhang genauer erläutert. Im Anschluss erfolgt eine Darstellung der Evolutionstheorie nach Lamarck. Im Verlauf des Essays wird dann genauer auf Darwins Theorie der Evolution eingegangen und die Rezeption Haeckels dargestellt. Im Anschluss wird ein Resümée gezogen.

2 Evolutionstheorien im Wandel der Zeit: Aufklärung, Romantik und Realismus

Weder wissenschaftliche Theorien noch literarische Texte entstehen kontextfrei. Alleine aus diesem Grunde verbietet sich eine rein textimmanente Interpretation wissenschaftlicher oder literarischer Texte. Goethes und Lamarcks in diesem Aufsatz zum Tragen kommenden wissenschaftlichen Überlegungen sind in bzw. zwischen den Epochen der Aufklärung und der Romantik zu verorten. Insofern wird im Folgenden kurz auf die wesentlichen Merkmale dieser Epochen eingegangen, sodass das wissenschaftliches Gedankengut der beiden Autoren gehaltvoll interpretiert werden kann.

Darwin ist sicherlich eher der positivistisch-szientistisch orientierten Epoche des Realismus zuzurechnen, weshalb auch auf diese Epoche kurz eingegangen wird.

Eine Scharnierstellung kommt offensichtlich v.a. der Epoche der Romantik zu, welche folglich am ausführlichsten rekonstruiert wird.

2.1 Aufklärung

Dieses Kapitel zählt einige der wichtigsten Entwicklungsmerkmale der Epoche der Aufklärung auf. Dabei handelt es sich um Entwicklungen und Tendenzen aus dem gesellschaftlichen, ökonomischen, pädagogischen und politischen System. Die folgenden Ausführungen sollen die pädagogisch-didaktischen Lehrbücher an der Schnittstelle von Aufklärung und Frühromantik einordnen helfen. Es ist ein zentrales Merkmal der Aufklärung, dass sie nach der Lebenssituation des Menschen in seiner vorgefundenen Umwelt fragt. Die DDR-Geschichtsschreibung betont den antifeudalen und antireligiösen Charakter der Aufklärung. Abstrakt kann man den Vorgang sozialer Differenzierung im 18. Jahrhundert auf die Formel des Übergangs von stratifikatorischer (ständischer) Schichtung zu funktionaler Differenzierung beschreiben. Was Aufklärung oder Fortschritt heißt, löst die alten Ordnungen radikal auf. In der Aufklärung gab es eine Steigerung der Rationalität, Organisation und Verwissenschaftlichung. Zudem ersetzte die Rechtsgleichheit ständisch-korporative Herrschaftsbeziehungen. Individualisierung und Rollentrennung sind Folgen der funktionalen Differenzierung, welche das Individuum betreffen. Die räumliche, soziale, kulturelle und psychische Mobilität erhöhte sich. Durch die Einbeziehung der Wissenschaften konnte in der Landwirtschaft die Umstellung von der Subsistenzwirtschaft zur kommerziellen Produktion (landwirtschaftlicher Güter) erfolgen. Es war die soziale Differenzierung im 18. Jahrhundert, welche die Entwicklung des bürgerlichen Individuums ermöglichte. Als Wegbereiter gelten der Pietismus, die Säkularisierung der politischen Ordnung und die rechtliche Emanzipation. Produktive Arbeit verbindet sich über den Geldmechanismus mit der Wirtschaft, Fähigkeiten und Persönlichkeitsaspekte sind zunehmend im ökonomischen Prozess von Bedeutung. Arbeitsteilung bedingt die Entwicklung sozialer Rollen und die Unterscheidung zwischen Rolle und Person. In der durch soziale Rollen organisierten Gesellschaft kann jeder Bürger Zugang zu allen gesellschaftlichen Funktionen erhalten. Unter dem Gleichheitspostulat wird die allgemeine Rechts- und Geschäftsfähigkeit unter der Aufhebung ständischer Schranken, die Demokratisierung des politischen Lebens, die Realisierung der allgemeinen Schulpflicht und die vollständige Monetarisierung der Wirtschaft subsumiert. Die kapitalistische Konkurrenzfreiheit bildet das ideologische Fundament des neuen Individualismus. Kapitalismus strebt nach monetärem Gewinn und basiert auf freier Arbeit. Zudem setzte sich im 18. Jahrhundert der Entwicklungsgedanke durch. Die menschliche Natur gilt als unbestimmt, Akte determinierender Negation sollen diese aufheben. In der Transzendentalphilosophie erreicht die theoretische Konzeptualisierung des Menschen ihren Kulminationspunkt. Zeit spielte als individuelle und gesellschaftliche Komponente eine zentrale Rolle. Damit einher geht z.B. der Aspekt der Leistungssteigerung in der Wirtschaft. Eigenmenschliches wird kultiviert, das Gefühl verabsolutiert. Mit der gesellschaftlichen Differenzierung und dem damit verbundenen Risiko gestiegener Selektionszwänge steigen die Risiken für das Individuum. Als perfektibles Wesen geriert der Mensch zur letzten Legitimationsbasis seiner selbst. Freundschaft bildet ein wesentliches Konzept zur Selbstverwirklichung des Individuums. Durch die Verfügung über Privateigentum und die Teilnahme am Tauschverkehr realisiert sich die Autonomie der Privatleute in der Familie. Merkmale der Familie sind der freie Einzelne, dauerhafte Liebesbeziehungen und die zweckfreie Entfaltung aller Fähigkeiten der Familienmitglieder. Liebe und Sexualität besitzen gesellschaftliche Relevanz, werden jedoch nicht zuletzt auf Grund von Krankheiten und anderen Problemen als problematisch verstanden. Zweck der in der politischen Ordnung frei gegebenen Wirtschaftsordnung sind die Entwicklung von Kultur und Wohlstand. Dies bedingt zugleich die Idee der gesellschaftlichen Evolution in der bürgerlichen Gesellschaft. Bildung und Kultur können die Wildheit des Einzelmenschen zu Gunsten der Menschheit bändigen. Staat und Gesellschaft sind noch nicht vollständig voneinander getrennt, befinden sich aber im Trennungsprozess. Zentral ist, dass sich der so skizzierte gesellschaftliche Prozess auf der Basis der Vernunft vollzog, welche zugleich einen Rechts- und Machtanspruch in der Öffentlichkeit anmeldete. Entelechie, Individualität und vernunftgebundene Ethik sind die weiteren zentralen Stichwörter der Aufklärung. Die Gesellschaftstheorie der Aufklärung agiert zunehmend in strukturellen Dimensionen.

2.2 Romantik

Die romantische Bewegung ist in ihrer universalistischen Gesamtausrichtung und Tendenz zum Absoluten, d.h. dem Allumfassenden, als ein die verschiedensten Wissenschafts- und Kunstrichtungen integrierender Ansatz zu verstehen, welcher zugleich zutiefst durch die sie beeinflussenden soziohistorischen Merkmale geprägt ist. Die romantische Bewegung gilt zunächst als dichterische, künstlerische und ästhetische Strömung, in welche dann in einem weiteren Schritt z.B. die politische und medizinische Romantik eingebettet sind. In diesem Zusammenhang ist der Universalismus der Romantik herauszustellen. So verstehen sich Protagonisten der literarischen Romantik, wie z.B. E.T.A. Hoffmann in erster Linie als Künstler und dann erst als Musiker, Maler und Schriftsteller i.S. einer künstlerischen Spezifizierung. Deutlich zeigt sich dies u.a. daran, dass in der Epoche der Romantik der Kunst im Allgemeinen Lösungskompetenzen zugeschrieben wurden, die man anderen Disziplinen wissenschaftlicher Art, hier vornehmlich der Philosophie, nicht bzw. nicht mehr zutraute. Auch dieses Thema kommt an späterer Stelle noch einmal zur Sprache.

Bei den folgenden Ausführungen interessiert insbesondere die Verwendungsweise des Begriffes Romantik als Epochenetikett der literarischen Bewegung in Deutschland bzw. es werden die damit verbundenen Konnotationen dem Begriff zugrundegelegt. Gefragt ist also eine literatur-, sozialgeschichtliche und historische Füllung des zunächst leeren und inhaltsneutralen Etiketts Romantik. Allerdings wäre bei einer solchen Vorgehensweise eine alleinige, quasi verabsolutierte Fokussierung auf die literarische Romantik fatal, denn gerade die romantische Bewegung in ihrer universalistischen Gesamtausrichtung und Tendenz zum Absoluten, d.h. dem Allumfassenden, ist als ein die verschiedensten Wissenschafts- und Kunstrichtungen integrierender Ansatz zu verstehen, welcher zugleich zutiefst durch die sie beeinflussenden soziohistorischen Merkmale geprägt ist. Die romantische Bewegung gilt zunächst als dichterische, künstlerische und ästhetische Strömung, in welche dann in einem weiteren Schritt z.B. die politische und medizinische Romantik eingebettet sind. In diesem Zusammenhang ist der Universalismus der Romantik herauszustellen. So verstehen sich Protagonisten der literarischen Romantik, wie z.B. E.T.A. Hoffmann in erster Linie als Künstler und dann erst als Musiker, Maler und Schriftsteller i.S. einer künstlerischen Spezifizierung. Deutlich zeigt sich dies u.a. daran, dass in der Epoche der Romantik der Kunst im Allgemeinen Lösungskompetenzen zugeschrieben wurden, die man anderen Disziplinen wissenschaftlicher Art, hier vornehmlich der Philosophie, nicht bzw. nicht mehr zutraute. Auch dieses Thema kommt an späterer Stelle noch einmal zur Sprache.

Kein historisches Ereignis war für die Romantik so prägend wie die Französische Revolution und die daraus resultierenden Koalitionskriege, welche Deutschland als gesamtes allerdings erst recht spät betrafen. Deutschland gilt zum Zeitpunkt der Französischen Revolution als verspätete Nation mit dem Merkmal der spätabsolutistisch-paternalistischen Herrschaft. Preußen betrat erst in der vierten Koalition die europäische Kriegsbühne. Als Franz der II. von der Würde des deutschen Kaisers im Jahre 1806 zurücktrat, war damit das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation besiegelt. Goethe ließ dieses Ereignis bekanntermaßen kalt, schon eher interessierte er sich für tagtägliche Dinge. Die Frage eines kleindeutschen oder großdeutschen Reichs waren nach dem Zerfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zunächst obsolet. Im Herbst 1806 fügte Napoleon dem preußischen Heer entscheidende Niederlagen zu. Folgerichtig ist es nicht verwunderlich, dass der ideelle Widerstand gegen Napoleon v.a. von Preußen ausging, zumal Preußen am stärksten unter den Franzosen litt und am wenigsten mit ihnen liiert war. In der Folge erhoben sich die eroberten Länder gegen Napoleon in Form der Befreiungskriege. Maßgeblichen Anteil an der Niederlage Napoleons besaß dessen gescheiterter Russland-Feldzug. 1815 wurde Napoleon endgültig in Waterloo besiegt und in die Verbannung geschickt.

Für die auf 1815 (bzw. 1806) folgenden Jahre gilt, dass es auf die Frage, was des Deutschen Vaterlandes sei, keine einheitliche Antwort gab. Identitätsbildend blieb die Sprache und mit ihr verbunden, die Literatur, welche von allen Kunstformen am wenigsten ihre Nationalität verleugnen kann. Auf dem Wiener Kongress fand die Gründung des Deutschen Bundes statt. Rechtshistoriker beurteilen den Übergang vom alten Reich zum Deutschen Bund als harsch, da es keine rechtliche, aber eine gewisse politische Kontinuität gegeben hat. Die politische Einheit Deutschlands wurde auch durch die neuen organisatorischen Formen gewährleistet, das ältere Reich war dahingegangen und das verfassungsstaatliche Deutschland begann. Der Verfassungsstaat ist ein moderner Staat mit den Merkmalen des ausdifferenzierten politischen Institutionengefüges, einem bürokratischen Verwaltungsapparat, diversen Steuerungsmethoden und Steuerungsmitteln, insbesondere in Form von Gesetzen, dem Monopol legitimer physischer Gewaltanwendung und auch zum damaligen Zeitpunkt Formen politischer Mitbestimmung. Die Macht des Staates ist im Verfassungsstaat nicht monopolisiert, d.h. also, dass sie aufgeteilt ist. So bindet die Gesetzgebung beispielsweise die Exekutive und die Rechsprechung nach den Grundsätzen der Gesetzmäßigkeit und der Unabhängigkeit der Richter.

Der durch diese wenigen Referenzpunkte angesprochene, sich aber auf vielen Ebenen konkretisierende politische Reformierungsprozess in Deutschland fand durch Reformen planvoll von oben, d.h. durch die gesetzliche Regulierung und deren Umsetzung durch die staatliche Bürokratie statt. Folgerichtig waren die maßgeblichen Gestalter der Reformierung politischer Strukturen Vertreter des Adels und gehobenen Bürgertums, wie also z.B. Offiziere und Gutsbesitzer. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass erst nach 1815 und dann auch nur sehr spärlich einzelne Gedanken der Romantik, z.B. die Vorstellung des Staats als Organismus oder die Betonung der Gefühlsseite des Staatslebens, von (wissenschaftlich-juristischen) Autoren der Staatslehre aufgegriffen und publiziert wurden. Zwischen der Verfassungswirklichkeit und philosophisch inspirierten Staatstheorien mit dem Insistieren des Bandes der persönlichen Gemeinschaft als Grundlage des Staates lagen also Welten. Nur punktuell wurden einzelne Aspekte der romantischen Anschauung von Staat und Recht in der Praxis aufgegriffen.

Als Initiationspunkt der zur Zeit der Romantik stattfindenden Reformen gelten die stein-hardenbergschen, welche v.a. das preußische Landrecht betrafen. Mit von Stein und Hardenberg trieben zwei reformwillige hohe preußische Beamte den mühevollen Modernisierungsprozess in Preußen voran, welcher nicht zuletzt notwendig war, um Napoleon Widerstand leisten zu können. Erste Reformperioden datieren von 1806 bis 1819/20, v.a. dann auch in den süddeutschen Staaten. Dabei handelte es sich um vereinzelte Versuche aufgeklärter Monarchen, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland denjenigen der leistungsfähigen Staaten in Westeuropa, wie dies z.B. England und Frankreich waren, anzupassen.

Als Restauration versteht man die Ägide des Deutschen Bundes ab 1819 bzw. 1820, in welcher gleichwohl die staatliche und gesellschaftliche Entwicklung entschieden weiterbetrieben wurden. Der restaurative Prozess entstand als Reaktion auf die liberal-demokratischen Bestrebungen der Studenten, z.B. beim Wartburgfest. Die der Tendenz nach liberalen politischen Ansichten der Studenten kombinierten sich mit der Forderung nach einer nationalen, deutschen Einheit. In der Folge des Attentats des Studenten Karl Georg Sand auf den Schriftsteller und Gesandten von Kotzebue diktierte der Bewahrer der sich als legitim verstehenden Ordnung, der österreichische Staatskanzler Metternich, eine Reihe repressiver Maßnahmen, welche vom Deutschen Bund als Bundesbeschlüsse übernommen und in der Folge umgesetzt wurden. Diese unter dem Namen Karlsbader Beschlüsse bekannt gewordenen Maßnahmen umfassten die politische Überwachung der Universitäten, die Einführung einer Vorzensur für Zeitungen und Schriften und die Bundesexekution gegen unbotmäßige Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes.

In der politischen Romantik kann man, so eine vielleicht innovative Interpretation, Elemente einer konservativen Revolution sehen. Die seltsam anmutende Begrifflichkeit erklärt sich aus dem antithetischen Grundverhältnis der politischen Romantik, da sie einerseits ein Bündnis mit der altfeudalen Adelsopposition gegen die Reformen von Stein und Hardenberg einging und Friedrich Schlegel wie Adam Müller der metternichschen Restauration als Schreiber dienten, aber andererseits die gesamte Romantik immer von der Sünde der Revolution affiziert und von der konservativen Ordnung unbefriedigt blieb. Es scheint deshalb konsequent, dass die im Konservativ-Restaurativen mündende Romantik mit einer neuen Gegenrevolution liebäugelte. Gegenrevolution in diesem Kontext bedeutet dann die Rückkehr zu einer (vor-)absolutistisch-archaischen Gesellschaft, was dem Ganzen dann den gewissen reaktionären Charakter verleiht, da so die Progressivität der Historizität von Ereignissen untergraben ist. So spricht Friedrich Sengle davon, dass das 19. Jahrhundert in seiner ersten Hälfte stark an die vorrevolutionäre Epoche anknüpfte. Der Erfolg der Restauration wird theoretisch vom Staatstheoretiker von Haller dann im Frieden der Fürsten untereinander, dem Frieden aller Menschen untereinander und dem Frieden im Inneren des Menschen und in der Familie gesehen.

[...]


[1] Vgl. Wuketits (1989), S. 1ff

[2] Vgl. Mägdefrau (1992), S. 3

[3] Vgl. Wuketits (1989), S. 13ff

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Erkenntnis der Evolution
Untertitel
Die Theorien von Goethe, Lamarck und Darwin in ihrem gesellschaftshistorischen Kontext
Autoren
Jahr
2008
Seiten
33
Katalognummer
V112633
ISBN (eBook)
9783640125432
ISBN (Buch)
9783640126309
Dateigröße
805 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erkenntnis, Evolution
Arbeit zitieren
Dr. Stefan Schweizer (Autor)Jana Wucharz (Autor), 2008, Erkenntnis der Evolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112633

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