Weimar als Geburtsort der Republik

Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und erste demokratische Gehversuche in Deutschland


Hausarbeit, 2006
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen
2.1. Der Sieg über das Deutsche Kaiserreich
2.2. Rote Revolution und demokratischer Neubeginn

3. Die Republik zwischen Festigung und Gefährdung
3.1. Außenpolitische Repression und Chancen
3.1.1. Der Vertrag von Versailles als „Diktatfrieden“
3.1.2. Der Völkerbund und der liberale Internationalismus der Wilson-Ära
3.2. Die inneren Feinde der Demokratie
3.2.1. Das politische System Weimars und seine Schwachstellen
3.2.2. Aufstieg der Antidemokraten

4. Weimar als kulturpolitischer Entwurf

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Der Klassikerstadt Weimar wurde mit Gründung der Weimarer Republik im Jahr 1919 eine gewaltige Bürde aufgeladen. Einerseits wurden in dem weltberühmten Heimatort von u.a. Goethe, Herder und Schiller Grundlagen für die erste demokratische Republik Deutschland gelegt. Andererseits geschah das unter wenig glanzvollen Umständen: Der Erste Weltkrieg hatte für die Deutschen soeben mit einer vernichtenden Niederlage geendet.

Die rote „Novemberrevolution“ hatte den angeschlagenen wilhelminischen Obrigkeitsstaat 1918 binnen kurzem hinweg gefegt. Die Volksbewegung mündete aber nicht in einer breiten Friedensinitiative, sondern wurde durch linksradikale Scharfmacher missbraucht, was v.a. im konservativen Bürgertum eine fortwährende Angst vor einem Umsturz nach bolschewistischem Muster erzeugte. Ein Rechtsruck in der Bevölkerung war die Folge, von dem vor allem die Nazis später profitieren sollten. Die Weimarer Demokratie unter der Führung einer reformierten Linken und Mitte-Rechts-Parteien war instabil und nur teilweise ein Erfolg – die antidemokratischen Tendenzen konnten nicht in den Griff gebracht werden.

Dabei hatte der Volksbeauftragte Friederich Ebert noch am Eröffnungstag vor den neu gewählten Parlamentariern der Nationalversammlung 1919 appelliert: „Jetzt muß der Geist von Weimar, der Geist der großen Philosophen und Dichter wiederum unser Leben erfüllen.“ Die Deutschen hätten jetzt die Wendung „vom Imperialismus zum Idealismus, von der Weltmacht zur geistigen Größe“ zu vollziehen (beide: Merseburger,1998:286f.).

Seine Hoffnungen sollten sich bekanntlich nicht erfüllen. Weimar steht somit nicht nur für höchsten Geist, sondern gilt auch als ewiger „Schicksalsort“ für das tragische Scheitern von Politik und Vernunft. Wie wir heute wissen, gab es durchaus Chancen auf dauerhaften Frieden für die Weimarer Republik, deren unrühmliches Ende kein Automatismus war. Jene Chancen basierten auf modernen Erfindungen, brillanten Forschern und genialen Künstlern.

Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit werden die Grundlagen der Weimarer Republik untersucht und dargestellt, welche außen- und innenpolitischen Faktoren für ihren Niedergang verantwortlich waren. Im zweiten Teil wird erörtert, warum Weimar der Demokratie kein tragfähiges geistiges Fundament verleihen konnte. Es soll neben der politischen Revolution auch die künstlerische Revolution mit ihren klaren Botschaften gegen Krieg und für mehr Freiheit diskutiert werden.

2. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen

2.1. Der Sieg über das Deutsche Kaiserreich

Als am 28. Juni 1914 Franz Ferdinand, Thronfolger der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, durch einen bosnischen Terroristen erschossen wurde, sollte niemand ahnen, dass die politische Landkarte Europas vier Jahre später eine völlig andere sein würde. Dabei hatte sich die europäische Bevölkerung vom neuen 20. Jahrhundert eine Periode des Friedens und Wohlstands erhofft. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges war seit 43 Jahren kein großer Konflikt mehr unter Europas Staaten ausgetragen worden.

Doch der Imperialismus und der Militarismus waren stärker. Der politische Konfrontationskurs der europäischen Staaten musste zwangsläufig irgendwann in „The Great War“ bzw. die „Urkatastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts“ führen (vgl. Bauer,2004). Die Regierungen der jeweiligen Staaten hatten in ihrem nationalistischen Übereifer jeden ernsthaften diplomatischen Versuch, den Frieden zu retten, vermissen lassen. „In ganz Europa gehen die Lichter aus; wir werden es nicht mehr erleben, dass sie wieder angezündet werden“ (Bauer,2004), sagte 1914 Sir Edward Grey, britischer Außenminister, und er sollte recht behalten.

Die aktuelle Friedens- und Konfliktforschung ist sich weitgehend einig, dass der Erste Weltkrieg als Auslöser einer Spirale der Gewalt gilt, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind. Dabei war das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhundert war eine Periode des Friedens, wirtschaftlichen Aufschwungs, der Globalisierung und der Ausbreitung des Liberalismus gewesen. Der Erste Weltkrieg kehrte diese Tendenzen um und führte zu Depression, globalen Handelsbeschränkungen, Diktatur und abermals Krieg (vgl. Thamer,2003 / Schell,2003:16f.).

Charakteristisch sind der ungestüme Patriotismus und eine durch Propaganda völlig verblendete Jugend, die sich auf allen beteiligten Seiten begeistert und abenteuerlustig in den mörderischen Mehrfrontenkrieg zwischen Mittelmächten und Entente stürzte (vgl. Bauer,2004 / Mommsen,1998:12). Der erste industrialisierte Weltkrieg wurde mit erbitterter Härte geführt. Statt schneller Geländegewinne verhärteten sich die Fronten und in barbarischen Gemetzeln, in denen erstmals neuartige tödliche Waffen wie Maschinengewehre, U-Boote, Panzer, Flugzeuge und Giftgas zum Einsatz kamen, ließen Tausende junger Männer Tag für Tag ihr Leben. Der Erste Weltkrieg kostete ca. 10 Millionen Soldaten das Leben und 19 Millionen Verstümmelten und Verwundeten ihre Gesundheit. Von China bis zu den Falklandinseln kämpften mehr als 60 Millionen Soldaten aus fünf Kontinenten (vgl. Bauer,2004).

Die durch den Krieg verursachten politischen Verwerfungen machten eine rasche Versöhnung in Europa unmöglich. Im Gegenteil: In den besiegten Ländern Russland und Deutschland schafften die Kriegsfolgen günstige Bedingungen für den Aufstieg antidemokratischer Massenbewegungen:

„Die fünfundsiebzigjährige bolschewistische Terrorherrschaft, das Rote Rad, wie es Solschenizyn nannte, rollte direkt aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, genauso wie ihr gezacktes Gegenstück, das Hakenkreuz der Nationalsozialisten [...]“ (Schell,2003:17)

Dabei hatte der Krieg für keine der Beteiligten echte Erfolge bringen können. Während die deutschen Soldaten an der Ostfront einige Schlachten gegen das russische Zarenreich gewannen, dessen Kampfkraft durch die von Lenin maßgeblich organisierte Oktoberrevolution 1917 absorbiert war, konnten die Mittelmächte gegen ihre Gegner Italien, Frankreich, Großbritannien und die USA nichts ausrichten. Im Gegenteil: Die Entente trieb die Westfront immer weiter zurück in Richtung Deutsches Reich, was im „schwarzen Tag des deutschen Heeres“ 1918 gipfelte (vgl. Bauer,2004).

Die Oberste Heeresleitung (OHL) unter Erich Ludendorff und Paul Hindenburg sowie Kaiser Wilhelm II., deren Eroberungspläne von Anfang an nicht aufgegangen waren, konnten sich erst nach vier Jahren Krieg zu einer „Revolution von oben“ (Sturm,2003) durchringen, was die Ablösung der vom Kaiser ernannten Reichsleitung durch eine erstmals vom Reichstag getragene Reichsregierung bedeutete. So sollte eine „Revolution von unten“ nach russischem Vorbild verhindert werden.

2.2. Rote Revolution und demokratischer Neubeginn

Am 3. Oktober 1918 erhielt das Deutsche Kaiserreich seine erste parlamentarische Regierung. Tiefgreifende Verfassungsänderungen folgten und sie betrafen vor allem Punkte wie Kriegserklärungen und Friedensverträge, die jetzt nicht mehr allein Sache des Kaisers und des Bundesrates, sondern der Zustimmung des Reichstages bedurften. Regierungsmitglieder durften zudem dem Reichstag angehören, der Reichskanzler und die Staatssekretäre benötigten das Vertrauen des Reichstages und der Reichskanzler trug die Verantwortung für alle politischen Handlungen des Kaisers. Aus dem Kaiserreich, das die deutschen Fürsten „von Gottes Gnaden“ 1871 gegründet hatten, wurde auch verfassungsrechtlich eine parlamentarisch-demokratische Monarchie (vgl. Sturm,2003).

Die Revolution von oben wurde von der „Novemberrevolution“ von unten verdrängt – sie setzte ein, als die Seekriegsleitung am 4. November 1918 einen Vorstoß der Hochseeflotte befahl, um eine militärisch sinnlose Entscheidungsschlacht mit britischen Kriegsschiffen herbeizuführen. Es kam zu einer Meuterei und es bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Nach der erzwungenen Abdankung des Kaisers übertrug Reichskanzler Max von Baden sein Amt dem MSPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert.

Durch die Zusammenarbeit mit der USPD hatte die MSPD die linksradikale Minderheit, die Spartakisten, die die Revolution nach bolschewistischem Vorbild an sich reißen wollten, aus den Räten heraushalten können – wenn auch nur mit großer Mühe (vgl. Sturm,2003). Im Amt von Ebert fand eine Vermischung von legaler Machtüberleitung von oben (Ebert als von der alten Ordnung beglaubigter Entscheidungsträger) und revolutionärer Machtbildung und damit Legitimität von unten (Ebert als Vorsitzender des Rats der Volksbeauftragten) statt (vgl. Sturm,2003).

Anfang 1919 wurde die verfassungsgebende Nationalversammlung gewählt und der vom Reichsrätekongress gewählte „Zentralrat der Deutschen Sozialistischen Republik“ übertrug seine Gewalt auf die Nationalversammlung. Damit hatte sich die parlamentarische Demokratie gegen das kommunistische Rätesystem durchgesetzt und die konstitutionelle Monarchie war auch gescheitert. Die Abgeordneten wählten Friedrich Ebert im Deutschen Nationaltheater in Weimar zum ersten Reichspräsidenten – es war die Geburtsstunde der Weimarer Republik.

3. Die Republik zwischen Festigung und Gefährdung

3.1. Außenpolitische Repression und Chancen

3.1.1. Der Vertrag von Versailles als „Diktatfrieden“

Die Bedingungen des Vertrags von Versailles waren für Deutschland eine schwere Belastung, ihre Erfüllung keine leichte Aufgabe. Im Detail enthielt der Vertrag enorme Gebietsabtretungen, von denen viele ohne Abstimmung oder gegen den mehrheitlichen Willen der Deutschen vollzogen wurden, Souveränitätsbeschränkungen (u.a. Verbot der allgemeinen Wehrpflicht, Beschränkung des Heeres auf 100.000 Mann, Verbot aller schweren Waffen) sowie Reparationen (Zahlungen von 132 Milliarden Mark und Lieferungen von Holz und Kohle) (vgl. Sturm,2003 / Walther,2006).

Die Forderungen des Versailler Friedensvertrag enttäuschten alle Schichten in Deutschland (vgl. Köhler,2002:163). Das raue politische Klima in der Weimarer Republik wurde aber nicht nur durch den Versailler Vertrag bestimmt sowie dessen materielle Belastungen. Vor allem der Vertrags-Artikel 231, der „Kriegsschuldparagraph“ wirkte einer europäischen Versöhnung und Normalisierung der Verhältnisse massiv entgegen:

„Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.“ (Sturm,2003).

[...]

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Details

Titel
Weimar als Geburtsort der Republik
Untertitel
Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und erste demokratische Gehversuche in Deutschland
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Hauptseminar Weimar – Kulturpolitische Entwürfe aus drei Jahrhunderten
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V113908
ISBN (eBook)
9783640146857
ISBN (Buch)
9783640691593
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
19 Einträge im Literaturverzeichnis, davon 6 Internetquellen.
Schlagworte
Weimar, Geburtsort, Republik, Hauptseminar, Kulturpolitische, Entwürfe, Jahrhunderten, Weltkrieg, Goethe, Schiller
Arbeit zitieren
Christian Minaty (Autor), 2006, Weimar als Geburtsort der Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113908

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