Platons Höhlengleichnis. Der Weg zur Erkenntnis


Studienarbeit, 2008

39 Seiten, Note: 1,0

Mandy Mittelbach (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Wozu philosophieren?

2. Platons Ideenlehre als Einführung in das Höhlengleichnis

3. Das Höhlengleichnis – Eine inhaltliche Wiedergabe

4. Deutung und Interpretation des Höhlengleichnisses
4.1. Phase 1: Beschreibung der Gefangenen durch Sokrates
4.2. Phase 2: Entfesselung
4.3. Phase 3: Vorgang des Hinaufsteigens zum Licht
4.4. Phase 4: Der Blick in die Sonne und Hinabstieg in die Höhle

5. Zusammenhänge zwischen Höhlen-, Sonnen- und Liniengleichnis

6. Goethe über die Platonische Weltanschauung

7. Warum Erkenntnis? – Eine Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung – Wozu philosophieren?

„Die Früchte vom Baume der Erkenntnis sind es immer wert, dass man um ihretwillen das Paradies verliert. Also nur immer fortgefahren und mit äußerster Konsequenz in die letzte Pforte der Erkenntnis vorgedrungen“ sagte einst Ernst Haeckel.[1]

Doch warum sollen wir das Gute, das Schöne, das Paradies aufgeben nur um der Erkenntnis willen? Ist es die Erkenntnis wert, dass man das Beste verliert? Lohnt es sich überhaupt, darüber nachzudenken und was hat das alles mit Philosophie zu tun?

Im Folgenden soll nun versucht werden, all diese Fragen im besonderen Hinblick auf Platons Höhlengleichnis zu klären.

Jeder Gegenstand und jede Sache können von zwei Seiten aus betrachtet werden, nämlich von innen und von außen. Betrachtet man die Dinge von außen, so ist es Philosophie. Werden diese Dinge von innen betrachtet, so stellt sich die Frage, wie es ist, selbst zu philosophieren. Diese Frage kann man nur beantworten, indem man selbst philosophiert.[2] Philosophie will die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft begreifen, sie ist die Vollform des Verstehens.[3] Das bedeutet, dass man selbst alles Schritt für Schritt analysiert und folglich verstehen will. Dafür reicht es nicht aus, zu verstehen, dass beispielsweise ein Löwe ein tierisches Wesen auf vier Beinen ist, welches Fleisch frisst und in der Raubtierwelt sein zu Hause findet. Um vollständig zu verstehen, muss man nicht eine spezielle Sache verstehen, sondern alles, was in der Welt vorkommt, ganz egal, ob man die Dinge sehen und anfassen kann oder ob es nur Abstrakta sind wie zum Beispiel Liebe, Hoffnung, Glück.[4] Doch wer einmal versucht hat, alles in der Welt zu verstehen, der ist mit Sicherheit gescheitert und musste erkennen, dass er nicht alles verstehen kann. Aber selbst wenn man die Grenzen des Verstehens erkannt hat, sollte man nie zur Ruhe kommen und stets weiter reflektieren, wo die Grenzen der gegebenen Verstehensbestände liegen und warum sie Grenzen sind. Wenn wir philosophieren, müssen wir versuchen, uns aus allen Abstraktionen herauszureflektieren, in denen wir uns ständig befinden.[5] Um zu begreifen, braucht man Vernunft, welche die Fähigkeit ist, die Dinge zu verstehen. Doch warum muss der Mensch die Welt verstehen? Zum Einen um in ihr überleben zu können, zum Anderen will der Mensch auch verstehen, weil es ihm Erfüllung und Freude gibt; denn wer keine Freude an den Dingen hat, der hat Sie nicht verstanden.[6] Wenn der Mensch verstanden hat, dass ein Bauchknurren oder Bauchweh Hunger bedeutet und dieser gestillt werden kann, indem man Nahrung zu sich nimmt, kann der Mensch in der Welt überleben. Auch wenn der Mensch verstanden hat, dass er sich zu seinem eigenem Schutze ein Dach über den Kopf erbauen kann, kann er in der Welt überleben. Dieser Verstehensgrund scheint einleuchtend zu sein, doch der Aussage „Wer keine Freude an den Dingen hat, der hat die Dinge nicht verstanden“[7] muss widersprochen werden: Wenn ich als geistig normaler Mensch keine Freude daran habe, einen Menschen zu quälen und qualvoll umzubringen, habe ich die Sache nicht verstanden? Vielmehr muss man doch verstehen, dass es Spaß macht, Menschen um sich zu haben und mit ihnen zu kommunizieren, das heißt, dass es einem selbst schadet, wenn man andere Menschen auslöscht, weil man dann allein auf der Welt wäre. Erst wenn man verstanden hat, dass andere Menschen einem Menschen selbst Freude bereiten können und man diese deshalb am Leben lässt, hat man die Sache verstanden. So könnte man an dieses Argument anders herangehen, doch dem Gedanken „Wenn mir Menschenquälerei keinen Spaß macht, habe ich die Sache nicht verstanden“ ist keineswegs zuzustimmen. Man kann diesen Spaßaspekt noch anders anbringen: Den meisten Schülern macht die Schule keinen Spaß, deshalb haben sie nicht verstanden, wozu Schule da ist. Sie haben nicht verstanden, dass die Schule zur Sozialisation beiträgt und ihnen Lerninhalte für ihr restliches Leben beibringen will. Die Schüler haben nicht verstanden, dass Schule ihnen eigentlich nur Gutes will. In diesem Beispiel wäre der Aussage „Wer keine Freude an den Dingen hat, hat sie nicht verstanden“ nicht zu widersprechen.

Um die Dinge zu verstehen, gibt es drei Stufen des Erkennens. Die erste Stufe ist die unmittelbare Erfassung einer Sache ohne bewusstes Unterscheiden der Einzelsache. Ich kenne die Eigenschaften eines Löwes und sehe nun ein ähnliches Wesen mit weißen und schwarzen Streifen. Auf Grund der ähnlichen Eigenschaften bezeichne ich das mir bisher fremde Wesen auch als Tier, dies wäre das unmittelbare Erfassen einer Sache. Die zweite Phase ist das Reflektieren einer bewusst zergliederten Einzelsache, wobei jede Bedeutung abhängig vom Rest des Ganzen ist. So hat man zum Beispiel als ganzes die Tierwelt und gliedert diese in ihre Einzelteile, also unterschiedliche Tiere, um darüber zu reflektieren. Die dritte Stufe ist schließlich das wahre Verstehen, nämlich eine Mischung der ersten beiden Stufen. So muss man nach Reflexion der Einzelsache wieder zurück zum Gesamtbild der Einzelsache.[8]

Dass man beim Versuch, alles verstehen zu wollen, nur scheitern kann, wurde in den bisherigen Erläuterungen schon erwähnt. Was damit genau gemeint ist, soll nun geklärt werden: Da wir nicht alles absolut verstehen können, stoßen wir an eine Grenze des Verstehens. „Wir können wegen unserer Endlichkeit nicht alles Einzelne erfassen und somit auch nicht alles überschauen. Wir verstehen das Ganze im Horizont des Ganzen, aber des unabschließbaren Ganzen, das uns nie definitiv gegeben und deshalb in seiner genauen Gestalt jederzeit verborgen und nur hypothetisch und antizipativ zugänglich ist.“[9] Vor tausend Jahren konnten die Menschen zwar gelb leuchtende Punkte am Himmel sehen, aber niemand wusste, was das Leuchten der Punkte zu bedeuten hatte. Da die Menschen von damals endlich, das heißt vergänglich sind, konnten sie nie erfahren und nie verstehen, weshalb es am Himmel leuchtet. Die Menschen von heute haben diese Sache inzwischen erforscht, aber wissen dennoch nicht absolut alles. Sie haben die Sonne erforscht, aber waren noch nie dort oder waren noch nie selbst Sonne. Der Mensch kann mit Hilfsmitteln fliegen, ohne selbst fliegen zu können. Trotz der vielen Hilfsmittel, die wir inzwischen haben, können wir niemals alles wissen. Wir bezeichnen Vierbeiner als Tiere, Tiere mit weißen und schwarzen Streifen als Zebras. Wir können niemals wissen, wie sich ein Zebra fühlt, wenn es von einer Löwenrudel angegriffen und gefressen wird. Wir denken von dem Zebra, dass es nicht denken kann, aber wer sagt uns, dass wir mit unseren Annahmen richtig liegen? Wir sind durch unsere Endlichkeit gezwungen, zu verstehen, dass man nicht alles wissen kann.

Verstehen heißt, dass man etwas selbst machen oder vollziehen kann.[10] Hier sei ein anschauendes Beispiel aus der Vorlesung erwähnt: „Dass es verstanden hat, was ein Löwe ist, zeigt ein Kind dadurch, dass es den Löwen zeichnet und malt. Was es freilich nicht verstanden hat, ist, wie ein Löwe entsteht und wächst, denn es kann keinen Löwen hervorbringen oder zum Wachsen bringen; das geht im Löwen von selbst vor sich, ohne dass das Kind – oder irgendjemand anders – aus seinen eigenen Kräften nachmachen könnte. Hier stoßen wir an die andere Grenze: Wir verstehen, wie man mittels des Feuers brennen macht, aber wir verstehen nicht, wie das Feuer es selbst anstellt, brennen zu machen. Wir können nur brennen machen, wenn schon Feuer da ist, das wir in Gang setzen können. Ohne Feuer können wir nichts brennen machen, denn wir verstehen nicht, wie wir die Funktion, die das Feuer ausübt (das Brennen-Machen), ohne Feuer, aus uns selbst, ausüben könnten.“[11]

Dieses Nicht-Verstehen haben wir in allen Naturkräften, die wir niemals grenzenlos verstehen können. Wir haben zwar erforscht, wie ein Hurrikan entsteht, aber wir wissen nicht, wie es für den Hurrikan selbst ist, übers Land zu fegen und hunderte von Häusern zu zerstören. Hat der Hurrikan kein schlechtes Gewissen, wenn er den Menschen ihre Schutzzone, ihr Dach über dem Kopf, einfach so zerstört? Wir wissen, wie Naturkräfte von außen sind, wie sie auf andere wirken, aber wir wissen nicht, „wie sie von innen heraus beschaffen sind, wie es also für sie selber ist, eine solche Kraft auszuüben. […]“[12] Wir Menschen müssen verstehen, dass es das Problem des Verstehens gibt und man demzufolge nicht alles absolut verstehen kann.

Der griechische Philosoph Platon reflektierte schon vor mehr als zwei Jahrtausenden in seinem berühmten Höhlengleichnis unter anderem die begrenzte Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit des gewöhnlichen Menschen. Da das Problem des Verstehens ein so komplexes und interessantes ist, soll Platons Höhlengleichnis nun ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden. Hierfür sollen zunächst Platons Grundideen entschlüsselt und im Anschluss daran die Inhalte des Höhlengleichnisses wiedergegeben werden. Um dann das Verstehensproblem weiter begreifen zu können, bedarf es im Anschluss an die inhaltliche Wiedergabe einer Deutung oder Interpretation. Da das Höhlengleichnis in Platons Staat eingebettet ist, soll in den Ausführungen auch auf Platons Linien- und Sonnengleichnis eingegangen werden. Weil sich der Dichter Goethe in einigen seiner Werke zu Platons Gleichnissen geäußert hat, werden auch seine Gedanken in die Arbeit einfließen. Zu guter letzt sollen dann die Fragen zusammenfassend beantwortet werden, die eingangs gestellt wurden.

2. Platons Ideenlehre als Einführung in das Höhlengleichnis

Damit man das Höhlengleichnis verstehen kann, sollte man sich vorher mit Platons Philosophie, der Ideenlehre genauer auseinandersetzen, was nun angestrebt werden soll:

Platon unterteilt die Welt in das Reich der Wahrnehmung und in das Reich der Ideen, wobei das Reich der Wahrnehmung auch als Sinnenwelt bezeichnet werden kann.[13] Über diese Sinnenwelt kann man keine allgemeinen Aussagen treffen, da diese zum Einen vom Menschen anhand der fünf Sinne wahrgenommen wird. Zum Anderen verändern sich die Dinge, die beschrieben werden, ständig. Dieser ständige Veränderungsprozess wurde von Platon als >fließen< bezeichnet. Alle Gegenstände und Dinge, die in der Sinnenwelt existieren, bestehen aus einem vergänglichen Material, welches sich von Zeit von Zeit immer weiter auflöst.[14] Gegensätzlich dazu ist „alles nach dem Muster einer Form gebildet“, welches zeitlos ist und sich deshalb nicht ständig verändert.[15] Alle Löwen können von uns als Löwen erkannt werden, ganz egal ob jung oder alt, klein oder groß. Irgendwann wird auch ein Löwe alt und träge, doch er ist durch seine Form noch immer als Löwe erkennbar. Schließlich stirbt der Löwe, aber seine Form bleibt erhalten, sie ist unvergänglich. „Diese Urform ist also ein abstraktes, geistiges Musterbild, das laut Platon, in einer Wirklichkeit hinter der Sinnenwelt besteht. Diese Wirklichkeit nannte Platon ‚das Reich der Ideen‘. Da man das Reich der Wahrnehmung mit Hilfe der Sinne erreichen kann, kann man dort nur zu wahren Meinungen über etwas gelangen.

Über das Reich der Ideen kann man sicheres Wissen erlangen, allerdings nur, wenn man die Vernunft benutzt.“[16] Man kann die Ideenwelt nicht mit seinen fünf Sinnen sondern nur mit seinem Verstand erkennen und wahrnehmen. Die Ideen sind zeitlos, dauerhaft, unveränderlich und existieren ganz unabhängig von den Dingen, die man durch seine Sinne wahrnehmen kann; demzufolge wird die Urform eines Löwen auch dann noch bestehen, wenn der Löwe längst tot ist.

Das Gute und das Gerechte ist in Platons Welt der Wahrnehmung nicht vorhanden, jedoch stellt es ein Ideal dar, nach dem man handeln sollte. „Es gibt immer gültige, objektive, ethische Werte, die der Maßstab für die Beurteilung einzelner Handlungen ist. Die Kenntnis der Idee des Guten ist nach Platon eine notwendige Bedingung für moralisches Handeln. Mit Hilfe der Ideen können auch Eigenschaften der sinnlich wahrnehmbaren Dinge erklärt werden. So wird etwas schön genannt, wenn es an der Idee des Schönen teilhat, die selbst schön ist.“[17]

So wie Platon die Welt zweigeteilt hat, so macht er es auch mit dem Menschen. Zum Einen haben wir einen fließenden Körper, das heißt, dass dieser Körper aus vergänglichem Material besteht und unzertrennlich mit der Sinnenwelt verbunden ist, da die Sinne durch ihre Sinnesorgane körperlich sind. Zum Anderen gibt es die unsterbliche Seele im Menschen, welche sich in der Vernunft befindet. Diese Seele ist nicht materiell und kann in die Welt der Ideen sehen.[18] „Platon meint, bevor die Seele in unseren Körper gelange, existiere sie schon im Reich der Ideen, sie hat aber beim Eintritt in den Körper die vollkommenen Ideen vergessen. Wenn wir dann ein[en] unvollkommen[en Löwen] sehen, sehnt sich unsere Seele nach der vollkommenen Urform, die ihr aus dem Reich der Ideen bekannt ist. Diese Sehnsucht nennt Platon Eros (Liebe).“[19] Statt dieser Sehnsucht nachzugeben, klammern sich die meisten Menschen an schlechte Nachahmungen der Ideen in der Welt der Sinne. Die Menschen wurden folglich in Platons Höhlengleichnis von ihm als Schatten gehalten, die glauben, dass diese Schatten alles sind, was existiert, ohne jedoch darüber nachzudenken, dass etwas den Schatten werfen ließ, nämlich die Sonne.[20] Die Menschen „sind mit dem Leben als Schattenbilder zufrieden und erleben die Schatten demzufolge nicht als solche. Deshalb hielt Platon alle Phänomene der Natur für bloße Schattenbilder der ewigen Formen oder Ideen.“[21]

3. Das Höhlengleichnis – Eine inhaltliche Wiedergabe

Platons Höhlengleichnis stammt aus dem siebten Buch seines Hauptwerkes Politeia (Der Staat), dessen Entstehung auf das Jahr 370 v. Chr. geschätzt wird. Platons Lehrer Sokrates verdeutlicht im Gleichnis seinem Gesprächspartner Glaukon den Bildungsweg des Philosophen. Dabei ist das Gleichnis in die Frage Glaukons nach dem Wesen des Guten sowie in den Kontext der beiden vorhergegangenen Gleichnisse, dem Sonnen- und dem Liniengleichnis eingebettet.[22]

Im Sonnengleichnis wird die Idee des Guten mit der Sonne gleichgesetzt. Der Mensch sieht die Dinge der Welt nur mit Hilfe des Lichtes, welches die Sonne spendet. So kann man nur die Dinge der Welt verstehen, wenn man dabei die Idee des Guten berücksichtigt.

Im Liniengleichnis dagegen geht es um die schrittweise Abstraktion von Dingen und Gegenständen, die schließlich in der allgemeinen Grundform, nämlich der Idee, münden.[23]

Das Höhlengleichnis steht in Beziehung zu diesen beiden Gleichnissen, da diese aufeinander aufbauen. Es lässt sich in vier Phasen aufteilen, die nun nacherzählt werden sollen:[24]

In einer unterirdischen, dunklen Höhle leben Menschen, die von Geburt an gefesselt sind. Sie sind weder in der Lage, ihren Kopf zu wenden, noch sich zu erheben, um ihren Lebensraum zu verlassen. Das Einzige, was sie machen können, ist, geradeaus zu sehen. Der Ausgang, der nach oben führt, liegt hinter ihnen und ihr Blick ist ständig auf die vor ihnen liegende Höhlenwand gerichtet. Vor der Höhle flackert der Lichtschein eines Feuers. Zwischen dem Feuer und den Gefesselten führt ein Weg entlang, neben dem eine niedrige Mauer errichtet wurde. Längs der Mauer laufen Menschen vorbei, die Gegenstände unterschiedlicher Art mit sich tragen. Durch den flackernden Schein des Feuers werden diese Gegenstände auf die Höhlenwand projiziert, die Gefesselten sehen nur die Schatten und halten diese für reale Gegenstände.

Nun nehmen wir an, wir wählten einen Gefesselten aus und lösten ihn von seinen Fesseln. Wir zwingen diesen Menschen aufzustehen und sich umzuwenden. Er würde nur widerwillig seinen gewohnten Lebensraum verlassen. Die Befreiung von diesem Zwangszustand beginnt aus Sicht des Befreiten mit einem unangenehmen Zwang, er fühlt sich „genötigt, plötzlich aufzustehen.“[25] Schaut sich der Befreite nun um und macht eine Erkundungstour durch die Höhle, so wird er zwangsläufig feststellen, dass all die Schatten, die für ihn so real und einzig existierend waren, nichts anderes sind als eben nur Schatten. Mit dem Gang zum Feuer durchschaut er langsam, wie seine Lebenswelt und seine Sichtweisen zustande kommen. Er ist verwirrt und empfindet Schmerz, da sein ganzes Lebensbild nun in sich zusammenfällt. Nichts ist mehr so, wie es vorher gewesen ist.

Nun wird der Befreite noch aus der Höhle heraus, in ‚die Welt an der Oberfläche‘, geführt. Die Wahrnehmungsschwierigkeiten und Irritationen haben zur Folge, dass sich der Befreite massiv gegen sein Heraufgeführtwerden aus der Höhle sträubt und versucht, umzukehren. Jetzt beginnt der Aufstieg zur Sonne. Alles um ihn herum wird nun noch heller, ja sogar zu hell, denn der Blick in das strahlende Licht bedeutet für die an die Dunkelheit gewöhnten Augen Schmerzen. Der Mensch wird vom Glanz der Sonne völlig geblendet. Er ist anfangs nicht in der Lage, die Realität vollständig zu fassen. Um ihn herum ist alles viel zu hell und seine Augen tun ihm weh. Nach einer langsamen Gewöhnung wird ihm jedoch nach und nach alles klar werden. Zunächst erkennt der Befreite die Spiegelungen im Wasser, bevor er damit beginnt, die natürlichen Dinge an sich zu erfassen. Ganz zum Schluss ist es ihm nun möglich, zu erkennen, dass die Sonne die Urheberin aller Dinge ist. Nun können sich sämtliche Eindrücke wie Puzzleteile neu zusammensetzen. „Trotz der großen Anpassungs- und Umgewöhnungsschwierigkeiten von den Lichtverhältnissen in der dunklen Höhle zu jenem des hellen Tageslichtes wird sich der Befreite am Ende glücklich schätzen und nicht bereit sein, seine neuen Wahrnehmungs- und Lebensumstände gegen die vormaligen wieder einzutauschen. Obwohl er die Höhlenbewohner nicht beneidet und sich nicht nach der vormaligen Lebensform zurücksehnt, kehrt er zurück.

In der Höhle angelangt, verhält er sich dort wegen der für ihn abermals ungewohnten Lichtverhältnisse äußerst unbeholfen, was ihm nun den Hohn und Spott seiner ehemaligen Gefährten einbringt.“[26] Nun hat der Befreite die Aufgabe, das neu erworbene Wissen und seine Erkenntnis in den Alltag zu übertragen. Dies gelangt ihm jedoch nur, wenn er seinen Aufstieg zur Sonne Schritt für Schritt nachvollzieht. Die Anderen, die ihn verspotten, geben nicht der Dunkelheit, sondern dem Aufstieg Schuld an seiner Verwirrung. Würde der Befreite nun versuchen, die anderen Bewohner aus ihrer ungewohnten Einschränkung, den Fesseln, zu befreien was er nur zwanghaft erreichen könnte, so müsste er mit erheblicher Gegenwehr, oder sogar damit rechnen, dass sie ihn töten.

4. Deutung und Interpretation des Höhlengleichnisses

Das Höhlengleichnis lässt sich in vier Phasen aufteilen, wofür auch Ernst Hoffmann in seinem „Pädagogische[n] Humanismus“ plädiert.[27] Im Folgenden soll nun jede der Phasen einzeln gedeutet und ihre Symbolik herausgearbeitet werden, wobei auch die Interpretationsansätze von Theodor Ballauff und Ernst Hoffmann mit einbezogen werden. Das Höhlengleichnis kann auch als eine Verfremdung der menschlichen Lage gedeutet werden.

4.1. Phase 1: Beschreibung der Gefangenen durch Sokrates

In der ersten Phase beschreibt Sokrates die Lage der Gefangenen. Die Höhle, das heißt die Wohnstätte der Gefesselten, ist symbolisch gesehen unser Alltagsleben, das Leben in ihr kann auch als gewöhnliches Dasein interpretiert werden. Der Mensch kommt zur Welt und wächst in einem fast geschlossenen Raum, so zu sagen in einem abgeschlossenen System, auf. Er hat nie etwas anderes gesehen oder gehört, er ist also niemals über die Grenzen seines Schutzraumes hinausgekommen. Da er mit seiner Welt und den darin existierenden Regeln vertraut ist, fühlt er sich wohl.[28] Weil er nichts anderes kennt, ist diese Welt sein Paradies. Wie könnte dieser zufriedene Mensch auf die Idee kommen, dass noch etwas anderes existiert als seine Welt, wo er doch nie etwas anderes gesehen hat? Wie soll er von allein darauf kommen, dass seine Wirklichkeit nicht mit der Außenwelt übereinstimmt? Der Mensch kann nichts anderes vermissen, wenn er nichts anderes kennt.

Die Schatten und die Gegenstände in der Höhle entsprechen unserer sinnlichen Wahrnehmung (in Platons Ideenlehre: Sinnenwelt), die Welt im Tageslicht dagegen entspricht den Gedanken (in Platons Ideenlehre: Reich der Ideen).[29] Der Raum, in dem wir leben, ist nur eine Welt von Abbildern, die man in irgendeiner Form verstehen muss. Um dies jedoch zu verstehen, muss man die Sinnenwelt mit dem Reich der Ideen in Verbindung setzen. „Ballauff spricht in seinem Text von der Höhle als primären Aufenthalt, als zu Hause, einem geschlossenen Raum, der den Menschen umschließt, in dem er sich geborgen und sicher fühlt. Dieser Raum besitzt nur eine Öffnung, das Tor von Tag und Nacht, welches nur dem Wissenden, der auch um das Außen weiß, bewusst ist. Der Mensch in der Höhle weiß nicht um das Außen, er ist sich des In-Seins, wie Ballauff es nennt, nicht bewusst. Der gefesselte Mensch, der Unwissende, hat keinerlei Bewegungsfreiheit, er verhaftet an seinem Standpunkt, ihm fehlt jede Umsicht, Rücksicht und Übersicht. Er lebt im bloßen Widerschein und Widerhall, in der Schattenhaftigkeit. Er hält das mit den Sinnen Wahrnehmbare für das Seiende. Er wird seines Wegs zur Erkenntnis beraubt, seine scheinbare Aktivität enthüllt sich für den Wissenden als Passivität, er erkennt das Wahrnehmbare und Vorübergehende als Abkehrung vom Wahren. Ballauff nennt dies das In-Seiende.“[30] Was die Passivität betrifft, stimmt Hoffmann Ballauff überein. Hoffmann bezeichnet dies als die ‚naive Hinnahme des Sinnenscheins‘. Die Menschen werden in eine Welt hineingeboren, die er ‚die Welt der Wörter‘ nennt; diese ist die erste Stufe des Werdens, ein Leben im sichtbaren Raum.[31]

4.2. Phase 2: Entfesselung

Die zweite Phase ist die Phase, in der der Gefangene entfesselt wird. Für den Menschen aus heutiger Sicht ist die Bezeichnung „Gefangener“ negativ behaftet, da ein Gefangensein jegliche Freiheit ausschließt. Der Gefangene selbst würde sich sicherlich nicht als gefangen bezeichnen, für ihn ist dieser Zustand nicht negativ. Für ihn ist es keine Last, kein Zwang, gefangen zu sein, da er sein ganzes Leben nichts anderes kennenlernen konnte. Solange der Gefangene nicht selbst das Gefangensein als Freiheitsberaubung empfindet, wird er selbst nichts gegen seinen aktuellen Zustand tun. Wenn er nicht weiß, dass es auch ein Leben in Freiheit geben kann, so sehnt er sich nicht danach und strebt diesen Zustand nicht an. Wer nicht das Schlechte kennt, der kann das Gute niemals sehen. Solange der Gefangene seinen Zustand nicht selbst als schlecht einschätzt, wird er das Gute nicht sehen.

Sein ganzes Leben lang ist ein Mensch in einem dämmrigen Raum angekettet gewesen und hatte nie die Möglichkeit, etwas anderes zu sehen. Nun kommt ganz plötzlich und unerwartet ein für den Gefangenen unbekanntes Wesen, das er vorher noch nie gesehen hatte, und löst seine Fesseln. Der Gefangene würde nicht freiwillig aufstehen, da er an seinem bisherigen Leben nichts auszusetzen hatte. Das unbekannte Wesen müsste den Gefangenen zwingen, sich zu bewegen. Doch wie würde sich der Gefangene nun fühlen? Er kennt das unbekannte Wesen nicht, also warum sollte er ihm blind vertrauen? Der Gefangene hätte natürlich Angst davor, was nun mit ihm passieren wird. Außerdem verspürt er Schmerz, da seine Muskeln völlig unterentwickelt und sein Körper steif sind. Natürlich wäre der Gefangene verwirrt. Er verstünde nicht, warum er sich jetzt auf einmal bewegen sollte, was der Fremde überhaupt von ihm will und was nun mit ihm passieren wird. Und vor allem: Was ist die Wahrheit? Kann man einem Menschen vertrauen, den man zuvor noch nie gesehen hat und der einen nun regelrecht zwingt, aufzustehen? Würde der Befreite zu seinen Vertrauten zurückkehren und vor dem Unbekannten fliehen?[32]

Von Ballauff wird diese Entfesselung als erster Übergang bezeichnet, der wegen schon angeführter Gründe zwangsläufig erfolglos bleiben muss. Nun wird der Befreite laut Ballauff von seiner Pluralität in eine Singularität versetzt. In seiner Pluralität fühlte sich der Befreite geborgen in der Gemeinschaft, doch nun in der Singularität ist er nicht mehr ein Teil seiner Gruppe, sondern ganz auf sich allein gestellt. Sein Leben, das er bisher führte, war für den Befreiten positiv und schmerzfrei, deshalb erscheinen ihm die Entfesselung, die Bewegung und der Blick ins Feuer nur orientierungslos und lebensfeindlich. Es ist eigentlich von vornherein klar, dass die erste Reaktion nur eine Flucht zurück in das Vertraute sein kann.[33] Hoffmann nennt diese Phase die ‚empirische Wahrnehmung‘, „er [der Mensch] kann nun in der Höhle Zusammenhänge erkennen und durch diese Erkenntnis Vorhersagen für weitere Ereignisse treffen. Der Mensch beginnt zu begreifen, dass Erkenntnis möglich ist. Hoffmann schreibt, dass die Schmerzen ein Kennzeichen des Lernens sind. Er lässt den Gedanken der Flucht jedoch außer Acht.“[34]

[...]


[1] Haeckel, Ernst: Italienfahrt. (Internet)

[2] Vgl. Huber, Herbert: Philosophieren – Wie und wozu?; Zweites und drittes Kapitel; III-6.

[3] Vgl. Mitschrift zur Vorlesung „Philosophieren- Wie und wozu?“

[4] Vgl. Huber, Herbert: Philosophieren – Wie und wozu?; Zweites und drittes Kapitel; III-6.

[5] Vgl. Huber, Herbert: Philosophieren – Wie und wozu?; Zweites und drittes Kapitel; III-6 f.

[6] Vgl. Mitschrift zur Vorlesung „Philosophieren- Wie und wozu?“

[7] Huber, Herbert mündlich in der Vorlesung „Philisophieren- Wie und wozu?“

[8] Vgl. Mitschrift zur Vorlesung „Philosophieren- Wie und wozu?“

[9] Huber, Herbert: Philosophieren – Wie und wozu?; Zweites und drittes Kapitel; III-8.

[10] Vgl. Mitschrift zur Vorlesung „Philosophieren- Wie und wozu?“

[11] Huber, Herbert: Philosophieren – Wie und wozu?; Zweites und drittes Kapitel; III-8.

[12] Huber, Herbert: Philosophieren – Wie und wozu?; Zweites und drittes Kapitel; III-8.

[13] Schleiermacher (Hg.): Platon: Phaidon. Zur Ideenlehre; Buch VI., 510 St.

[14] Vgl. Leuschner, Nora: Platons Ideenlehre (Internet).

[15] Vgl. Vonessen, Franz: Platons Ideenlehre, S. 54.

[16] Leuschner, Nora: Platons Ideenlehre (Internet).

[17] Leuschner, Nora: Platons Ideenlehre (Internet).

[18] Vgl. Leuschner, Nora: Platons Ideenlehre (Internet).

[19] Leuschner, Nora: Platons Ideenlehre (Internet).

[20] Vgl. Leuschner, Nora: Platons Ideenlehre (Internet).

[21] Leuschner, Nora: Platons Ideenlehre (Internet).

[22] Gulli Lexikon (Internet).

[23] Vgl. Grzenda, Aleksandra: Die Idee des Guten, das Sonnen-, Linien- und Höhlengleichnis (Buch 6, 504b-513 e und Buch 7, 514 a- 518 b) (Internet).

[24] Die Wiedergabe erfolgt mit Hilfe von: (1) Rudolf Rehn(Hg.): Platons Höhlengleichnis. Das Siebte Buch der Politeia. – (2) Platon: Werke in acht Bänden. – (3) Ohm Hochschule: Platon Höhlengleichnis (Internet). (4) Emmerich, Anja: Platon und sein Höhlengleichnis (Internet).

[25] Ohm Hochschule: Platon Höhlengleichnis (Internet).

[26] Ohm Hochschule: Platon Höhlengleichnis (Internet).

[27] Hoffmann, Ernst: Pädagogischer Humanismus.

[28] Vgl. Odri, Alexandra: Platon und das Höhlengleichnis (Internet).

[29] Vgl. Emmerich, Anja: Platon und sein Höhlengleichnis (Internet).

[30] Odri, Alexandra: Platon und das Höhlengleichnis (Internet) in Verbindung mit Ballauff, Theodor: Die Idee der Paideia.

[31] Vgl. Hoffmann, Ernst: Platon.

[32] Vgl. Odri, Alexandra: Platon und das Höhlengleichnis (Internet).

[33] Ballauff, Theodor: Die Idee der Paideia.

[34] Vgl. Odri, Alexandra: Platon und das Höhlengleichnis (Internet) in Verbindung mit Hoffmann, Ernst: Platon.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Platons Höhlengleichnis. Der Weg zur Erkenntnis
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Vorlesung: "Philosophieren- Wie und wozu?"
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
39
Katalognummer
V114383
ISBN (eBook)
9783640152605
ISBN (Buch)
9783640154746
Dateigröße
647 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Höhlengleichnis, Erkenntnis, Platon, Ideenlehre, Entfesselung, Hinaufsteigen, Licht, Sonne, Sonnengleichnis, Liniengleichnis, Goethe, Weltanschauung, Faust II, Herbert Huber, Vergleich, Zusammenfassung, Philosophie, philosophieren, Inhalt, Platonische Weltanschauung, Vollform des Verstehens, Reich der Wahrnehmung, Reich der Ideen, Vernunft, Sinnenwelt, Sehnsucht, unersterbliche Seele, Schatten, Schattenbilder, Politeia, Sokrates, Gleichnis, Idee des Guten, Abstraktion, Lichtschein, Höhlenwand, gefesselt, Fesseln, Zwangszustand, Spiegelung, Wasser, Höhle, Wissen, Abbild, Theodor Ballauf, Ernst Hoffmann, Verfremdung, Raum, System, Umsicht, Rücksicht, Übersicht, Widerschein, Widerhall, Abkehrung, die Welt der Wörter, Stufe, stufenweise, Deutung, Interpretation, Unterricht, Verhalten der Gefangenen, wozu philosophieren, Wikipedia
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Mandy Mittelbach (Autor), 2008, Platons Höhlengleichnis. Der Weg zur Erkenntnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114383

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