Ist die Theorie der transformationalen Führung eine Erweiterung des Konzepts der charismatischen Führung?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
Charisma: Wortbedeutung

II. Begriff und Charisma-Theorie bei Weber

III. Kritik an Webers Charisma-Konzept

IV. Beziehungen zwischen Führer und Geführten und die Bedeutung der Situation

V. Kontext-zentrierter Erklärungsansatz – die Bedeutung der Situation

VI. Transformationale Führung

VII. Ist die Theorie der transformationalen Führung eine Erweiterung des Konzepts der charismatischen Führung?

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

In dieser Arbeit soll die Bedeutung einer Führungsstilempfehlung bzw. Führungsstiltheorie dargestellt werden, die schon Max Weber in seinem Werk „Wirtschaft und Gesellschaft“ beschrieben hat und die aktuell wieder größere Aufmerksamkeit erlangt: die charismatische Führung. Im Anschluss wird eine Variation dieser Führungstiltheorie, die transformationale Führung nach Bass und Burns beschrieben und diskutiert, in welchen Aspekten sich die zwei Theorien gleichen oder vielmehr unterscheiden; die Fragestellung „Ist die Theorie der transformationalen Führung eine Erweiterung des Konzepts der charismatischen Führung?“ soll nach Darstellung beider Theorien abschließend beantwortet werden.

Charisma: Wortbedeutung

Charisma ist zusammengesetzt aus dem griechischen Wort „charis“ (Gnade) und der Nachsilbe „-ma“ (Gabe oder Geschenk).[1]

Charismatische Führung ist daher Folge einer übernatürlichen Bestimmung, die sich freizumachen versucht von jeglicher Kritik. Verfügt der Führer / die Führerin (im Folgenden wird zur Vereinfachung nur noch von „der“ Führer die Rede sein) über „Gnadengabe“ und besitzt er Fähigkeiten, die übernatürlich sind, so ist es nicht möglich, ihn in einer weltlichen, sachlichen Betrachtung zu kritisieren. Er steht über den Geführten und „über den Dingen“.

Neuberger beschreibt die charismatische Führung als in zweifacher Hinsicht außerordentlich:

„a) Sie stellt sich außerhalb der geltenden gewohnten ‚Ordnung, behauptet die Ungültigkeit der alten Maßstäbe und verkündet eine neue Ordnung, und
b) sie nimmt in Anspruch, in Forderungen und Wirkungen außerordentlich (extrem, überragend, alles Bisherige übertreffend, maßlos, unmessbar) zu sein.“[2]

Grundsätzlich tritt diese Form von Führung in nicht ökonomischen Zusammenhängen auf; meist bei Organisationen wie Glaubensgemeinschaften, Sekten und anderen visionären Gemeinschaften. Die charismatische Führung erzeugt jedoch ein „so hohes Maß an Loyalität, Verpflichtung und Hingabe an den Führer; Identifikation mit dem Führer und der Mission des Führers…“[3], dass es für Unternehmen interessant ist, genau diese Wirkung in Organisationen zu entfalten. In einer Welt (Gesellschaft), die immer intransparenter und komplexer zu werden scheint wo Wissen und Fähigkeiten unter vielen verteilt werden müssen, beginnt die Suche nach einer Führungsform, die nicht hierarchisch-zentralistisch gestaltet ist. Eine Form von Anhängerschaft soll erreicht werden, die jedes Organisationsmitglied zur maximalen Leistung bringt. Gerade bei neuen Startup-Unternehmen und Unternehmen, die auf schnelllebigen, innovativen Märkten agieren (z.B. Microsoft, Google etc) soll die absolute Hingabe und Selbstaufopferung für die gemeinsame Sache bei den Mitarbeitern (Geführten) erreicht werden. Daher findet diese Führungsstilempfehlung aktuell wieder vermehrt Resonanz in der Betriebswirtschaft. Die Fremdbestimmung wird hierbei jedoch nicht gänzlich durch die Selbstbestimmung ersetzt, sie wird anders ausgekleidet. Die Gemeinschaft ist hierbei von großer Bedeutung und jedes Organisationsmitglied ist Teil dieses Projekts (siehe hier auch folgend: Mission / Vision). Dies scheint vorerst absurd, da gerade bei dieser Form von Führung der charismatische Führer außerordentlich, wenn nicht gar gottgleich sein muss und es augenscheinlich nur zwei Hierarchiestufen gibt, die des begnadeten Führers und die der Anhängerschaft.

II. Begriff und Charisma-Theorie bei Weber

Weber nennt in seinem Werk „Wirtschaft und Gesellschaft“ im Kapitel III unterschiedliche Erklärungen für das Bestehen und das Funktionieren von Herrschaft:

„»Herrschaft« soll, definitionsgemäß, die Chance heißen, für spezifische (oder: für alle) Befehle bei einer angebbaren Gruppe von Menschen Gehorsam zu finden. Nicht also jede Art von Chance, »Macht« und »Einfluß« auf andere Menschen auszuüben. Herrschaft (»Autorität«) in diesem Sinn kann im Einzelfall auf den verschiedensten Motiven der Fügsamkeit: von dumpfer Gewöhnung angefangen bis zu rein zweckrationalen Erwägungen, beruhen. Ein bestimmtes Minimum an Gehorchen wollen, also: Interesse (äußerem oder innerem) am Gehorchen, gehört zu jedem echten Herrschaftsverhältnis.“[4]

Folgt man dieser Definition von Herrschaft nach Weber, so ist es eindeutig, dass sie zumindest durch die Geführten gebilligt, wenn nicht gar gewollt sein muss („Minimum an Gehorchenwollen“). Die Akzeptanz und Legitimität der Herrschaft durch die Beherrschten variiert daher stark zwischen den verschiedenen Herrschaftstypen, aber auch in der individuellen Durchführung.

„Die »Legitimität« einer Herrschaft darf natürlich auch nur als Chance, dafür in einem relevanten Maße gehalten und praktisch behandelt zu werden, angesehen werden. Es ist bei weitem nicht an dem: daß jede Fügsamkeit gegenüber einer Herrschaft primär (oder auch nur: überhaupt immer) sich an diesem Glauben orientierte. Fügsamkeit kann vom Einzelnen oder von ganzen Gruppen rein aus Opportunitätsgründen geheuchelt, aus materiellem Eigeninteresse praktisch geübt, aus individueller Schwäche und Hilflosigkeit als unvermeidlich hingenommen werden.“[5]

Laut Weber gibt es drei „reine“ Arten von Herrschaft; die Herrschaft durch Legitimation, die Herrschaft durch Tradition und die charismatische Herrschaft. Die legale Herrschaft beruht auf dem Glauben an die Legitimität der bestehenden Ordnung und des Anweisungsrechts. Diese Ordnung wird legal erworben und von dem Führer und den Geführten als legitim geachtet. Die traditionale Herrschaft basiert auf der Annahme, dass die bestehende Ordnung „schon immer“ so besteht und Herrschaftsrechte tradiert sind und als vererbbar gelten. Die charismatische Herrschaft, auf die hier weiter näher eingegangen wird, begründet sich auf die außeralltägliche Hingabe an die Heiligkeit, die Besonderheit oder die Heldenkraft einer Führungspersönlichkeit durch die Geführten. Es ist anzunehmen, dass die Akzeptanz und die Unterstützung durch die Geführten in diesem Typ der Herrschaft am größten sind (Maximum an Gehorchenwollen?).

» Charisma « soll eine als außeralltäglich (ursprünglich, sowohl bei Propheten wie bei therapeutischen wie bei Rechts-Weisen wie bei Jagdführern wie bei Kriegshelden: als magisch bedingt) geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaftenoder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als » Führer « gewertet wird. Wie die betreffende Qualität von irgendeinem ethischen, ästhetischen oder sonstigen Standpunkt aus »objektiv« richtig zu bewerten sein würde, ist natürlich dabei begrifflich völlig gleichgültig: darauf allein, wie sie tatsächlich von den charismatisch Beherrschten, den » Anhängern «, bewertet wird, kommt es an.“[6]

Der Beherrschte wird hier bei Weber zum Anhänger, für die charismatische Herrschaft ist dies zwingend erforderlich. Der außeralltägliche Führer wird gerade durch die Anhängerschaft zu dem, was ihn ausmacht, „er wird als Führer gewertet.“ und die Beziehung zwischen dem Führer und den Anhängern ist hier von größerer Bedeutung als bei den zwei anderen Herrschaftstypen.

„In ihrer genuinen Form ist die charismatische Herrschaft spezifisch außeralltäglichen Charakters und stellt eine streng persönlich, an die Charisma-Geltung persönlicher Qualitäten und deren Bewährung, geknüpfte soziale Beziehung dar.“[7]

Diese Beziehung muss durch Wunder oder andere außergewöhnliche Taten entstehen und durch Vertrauen, Hingabe und Verehrung durch die Anhänger manifestiert werden. Es bedarf also der Anerkennung des Führers durch die Anhänger.

„Über die Geltung des Charisma entscheidet die durch Bewährung – ursprünglich stets: durch Wunder – gesicherte freie, aus Hingabe an Offenbarung, Heldenverehrung, Vertrauen zum Führer geborene, Anerkennung durch die Beherrschten. Aber diese ist (bei genuinem Charisma) nicht der Legitimitäts grund, sondern sie ist Pflicht der kraft Berufung und Bewährung zur Anerkennung dieser Qualität Aufgerufenen. Diese »Anerkennung« ist psychologisch eine aus Begeisterung oder Not und Hoffnung geborene gläubige, ganz persönliche Hingabe.“[8]

Da dieser Typ abhängig von Leistungen des Führers sowie von der Anerkennung des Führers durch die Geführten ist, beschreibt Weber diesen Herrschaftstyp als labil. Der „Begnadete“ muss seine außergewöhnlichen Qualitäten in der Alltagspraxis beweisen. Bleibt diese Bewährung aus oder bringt „seine Führung keine Wohlergehen“ für die Beherrschten, so hat die charismatische Autorität die Chance zu schwinden.“

Augrund der labilen Strukturbedingungen charismatischer Herrschaft ist sie nur eine „typische Anfangs erscheinung religiöser (prophetischer) oder politischer (Eroberungs-) Herrschaften, weicht aber den Gewalten des Alltags, sobald die Herrschaft gesichert und, vor allem, sobald sie Massen charakter angenommen hat.“

Charismatische Herrschaft münde, so Weber, in eine Alltagsherrschaft; hier wandele sich die Reinform in Formen von Sondercharaktern des Erbcharismas oder des Amtscharismas. Das treibende Motiv für die Veralltäglichung des Charismas sind Gründe wie die Legitimierung der sozialen Herrschaftspositionen und ökonomische Chancen für die Gefolgschaft und Anhängerschaft des Herrn.[9]

Es lässt sich also nun Folgendes modellhaft vereinfacht zusammenfassen:

Charisma entsteht aus krisenhaften äußeren oder inneren Situationen heraus, wobei ein Individuum Geltung durch besondere Fähigkeiten, Taten oder durch Erwartungen, die in den zukünftigen charismatischen Führer gesetzt werden, erfährt. Diese Beziehung zwischen dem Führer und der Gefolgschaft muss durch weitere „Wundervollbringungen“ untermauert werden; gelingt dies nicht im ausreichenden Maße, zerbricht die labile Beziehung, sollte sie nicht rechtzeitig den Prozess der Veralltäglichung erfolgreich durchlaufen haben. Charismatische Führung bzw. Herrschaft gilt für Weber also nur als ein zeitlich begrenzter Teil eines Herrschaftsbildungsprozesses.

Das Phänomen des Charismas ist demnach keine dauerhaft mögliche Herrschaftsform, sondern führt durch „Genese“ zu einer Wandlung und muss zwangsläufig der traditionalen oder rational-legalen Herrschaft weichen.

[...]


[1] Steyrer, Johannes: Charisma in Organisationen. Sozial-kognitive und psychodynamische Aspekte von Führung. Frankfurt und New York (Campus). 1995. Seite 21.

[2] Neuberger, Oswald. Führen und führen lassen. 6., völlig neu bearbeitete erweiterte Auflage .Stuttgart (Lucius & Lucius). 2002. Seite 144.

[3] House, Robert J. & Singh, Jitendra V.: Organizational Behavior: Some New Directions for I/O Psychology. Annual Review of Psychology 38. 1987. Seite 684f.

[4] Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübíngen. 1972. Seite 122. (WUG. §1. Definitionen, Bedingungen und Arten der Herrschaft)

[5] Weber. 1972 Seite 123 (WUG. §1. Definitionen, Bedingungen und Arten der Herrschaft)

[6] Weber 1972. Seite 140. (WUG. §10. Charismatische Herrschaft.)

[7] Weber.1972. Seite 142. (WUG. §10. Charismatische Herrschaft.)

[8] Weber.1972. Seite 140.

[9] Weber.1972. Seite 147. (WUG §12a. Die Veralltäglichung des Charismas usw.)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ist die Theorie der transformationalen Führung eine Erweiterung des Konzepts der charismatischen Führung?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Führung und Organisation
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V114409
ISBN (eBook)
9783640158751
ISBN (Buch)
9783656821854
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie, Führung, Erweiterung, Konzepts, Organisation
Arbeit zitieren
Daniel Hillenkötter (Autor), 2008, Ist die Theorie der transformationalen Führung eine Erweiterung des Konzepts der charismatischen Führung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114409

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