Sprachpolitische Diskurse in Quebec

Transkriptionstechnik und Ideologie bei Georges Dor


Seminararbeit, 2000

29 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Georges Dor
1.2 Zum Begriff der Transkription
1.2.1 Definition
1.2.2 Verbildlichung der Transkription

2 Analyse der Verbildlichung
2.1 Die Instanz Sprecher/ Hörer
2.1.1 Die Sprechsituation
2.2 Die Instanz Transkribent
2.2.1 Transkriptionstechniken
2.3 Das Transkript
2.3.1 Transkriptionsdarstellung

3 Georges Dors Realisierung von Transkriptionskonventionen
3.1 Das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem (GAT)/ Die Ulmer Textbank
3.2 Analyse von Dors Transkription

4 Zur Verifizierbarkeit von Transkription

5 Schluss
5.1 Evaluation der Transkription Georges Dors und seine Ideologie

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Hausarbeit entstand in Zusammenhang mit dem Hauptseminar ‚Sprachpolitische Diskurse in Quebec‘, das im Wintersemester 1999/ 2000 stattfand. In der Veranstaltung beschäftigten wir uns mit unterschiedlichen Stellungnahmen diverser Publizisten bezüglich der sprachlichen Situation in Quebec. Zwei davon werden von Georges Dor und Marty Laforest vertreten. Ich werde diese im Folgenden grob skizzieren: Dor vertritt die Ansicht, dass sich das Französisch in Quebec immer mehr vom internationalen Französisch distanziere. Diese Entwicklung bewertet er negativ, er kritisiert sie und macht die Quebecer dafür maßgeblich verantwortlich.

Laforest hingegen betont, dass eine Evolution, eine Veränderung einer Sprache, ein völlig normaler Prozess sei. Sie äußert Kritik am Vorgehen Dors bei seiner Untersuchung: Seine Methoden bei der Erstellung, der Analyse und der Auswertung der Beispieltranskripte, die seine Argumentation stützen sollen, seien unwissenschaftlich.

Diese Arbeit soll sich mit diesen eben beschriebenen Verfahren zur Transkriptionserstellung beschäftigen.

1.1 Georges Dor

Zunächst ist es sinnvoll, sich mit der Person Georges Dor, seinem Werk ‚Anna braillé ène shot‘ und der Replik Marty Laforests ‚Etats d’âme, états de langue‘ zu beschäftigen, um einen ersten Einblick in die Thematik zu erhalten.

Der Quebecer Georges Dor veröffentlichte im Jahr 1996 sein Buch ‚Anna braillé ène shot‘. Es handelt sich hierbei um eine Abhandlung über das gesprochene und geschriebene Französisch in Quebec. Dor moniert dessen ‚schlechten‘ Zustand und kritisiert die Gleichgültigkeit der Quebecer demgegenüber und das fehlende Bewusstsein zur Sprachpflege. Er möchte seine Landsleute auf diese Problematik hinweisen, indem er an verschiedenen Beispielen illustriert, wie die Quebecer stammeln, Wörter verschlucken und undeutlich sprechen („[...] sans cesse bredouiller et mâchonner une langue informe [...]“[1]), nach den einfachsten Worten suchen („Nous cherchons, sans les trouver, les mots les plus simples.“[2]), sich verhaspeln („[...] bafouillant depuis la petite enfance jusque dans la vieillesse,[...]“[3]), etc. Des Weiteren will Dor die Quebecer ‚bekehren‘, einen ‚Besserungsprozess‘ einleiten. Diese Notwendigkeit besteht aus seiner Sicht: Er betrachtet sich selbst als Literaten und Intellektuellen, der nach seinem Rollenwechsel vom einfachen Volk zur Bildungselite auf das ‚gemeine Volk‘ herabblickt. Er plädiert für eine Orientierung am internationalen Französisch als Standardvarietät.

Um zu illustrieren, dass die sprachliche Misere ein Problem aller Quebecer ist, betont Dor, dass er nicht als Wissenschaftler schreibt, sondern vielmehr als eine Art Beobachter, als ‚einer von ihnen‘. Gleichsam setzt er sich aber von ihnen ab, indem er sie in seinem Buch kontinuierlich beleidigt. Das folgende Beispiel steht für viele weitere, deren Aufzählung den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen würde: „La plupart d’entre eux [les enfants Québecois] ne sont- ils pas, à des degrés divers, des handicapés linguistiques?“[4]. Dor geht also nicht beschreibend, sondern bewertend an dieses Phänomen heran.

Genau dies tut Marty Laforest nicht. Stattdessen beschreibt sie die Sprachsituation in Quebec und bemängelt das Vorgehen sowie die Art und Weise der Darstellung der Problematik bei Dor.

In dieser Hausarbeit möchte ich auf einen der von Laforest kritisierten Aspekte eingehen, nämlich auf die Transkription.

1.2 Zum Begriff der Transkription

Bevor ich in Punkt 1.2.1. auf die Definition eingehe, möchte ich den Untersuchungsgegenstand explizieren. Anhand der Begriffsbeschreibung wird deutlich, mit welcher Bedeutung der Terminus ‚Transkription‘ in der vorliegenden Hausarbeit jeweils verwendet wird. Anschließend, in Punkt 1.2.2. wird diese Definition mit Hilfe einer Abbildung verbildlicht. An diesem Schema orientiert sich die Gliederung des Hauptteils I.

1.2.1 Definition

Nach Greisbach hat der Begriff ‚Transkription‘ drei Bedeutungen:

a) Zum Einen bezeichnet Transkription „den Codierungsprozess von (segmentalen) Sprachlauten, genauer Lautvorstellungen, in phonetisch interpretierbare Zeichen.“[5].
b) Des Weiteren bezeichnet Transkription „die Methode, die es dem Geschulten ermöglicht, eine primär auditiv codierte lautsprachliche Äußerung zu beurteilen und mit phonetisch interpretierbaren Beschreibungsgrößen zu versehen.“[6].
c) Zum Dritten bezeichnet Transkription das Resultat, „das die Lautvorstellungen in phonetisch interpretierbaren Zeichen wiedergibt.“[7]. Zur besseren Differenzierung werde es auch ‚Transkript‘ oder ‚Notat‘ genannt.

1.2.2 Verbildlichung der Transkription

Das folgende Schaubild verdeutlicht die obige Definition. Es greift die Partizipienten des Transkriptionsvorgangs auf und zeigt gleichzeitig deren Funktion bzw. deren Aufgaben und Tätigkeiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2 Analyse der Verbildlichung

Dieser Teil der Hausarbeit beschäftigt sich mit der Analyse des Schaubilds. Die Instanzen der Transkription ‚Sprecher/ Hörer‘ und ‚Transkribent‘ werden aufgegriffen und im Hinblick auf Dors Buch mit dem Titel ‚Anna braillé ène shot‘ analysiert. Die Instanz ‚Leser‘ wird hierbei zunächst außer Acht gelassen. In Punkt 4 ‚Zur Verifizierbarkeit von Transkription‘ kommt dessen Funktion als kritische, prüfende Instanz dann zur Sprache. Diesen Punkt habe ich gesondert aufgeführt, weil er einen wichtigen Einzelaspekt behandelt, nämlich die Frage, ob die Transkription verifizierbar, das heißt nachprüfbar und somit allgemeingültig ist.

Außerdem werden in diesem Abschnitt weitere wichtige Sachverhalte anhand von Beispielen aus Dors Werk illustriert. Hierbei handelt es sich um die Sprechsituation, in der sich Produzent und Rezipient befinden, sowie die Transkriptionstechnik und die –darstellung, die der Transkribent für sein Transkript wählt und anwendet.

2.1 Die Instanz Sprecher/ Hörer

Nach Koch und Oesterreicher nehmen die Interaktionspartner, gegebenenfalls im Wechsel, die Rolle des Produzenten und des Rezipienten ein. Dabei produzieren sie einen Diskurs (in der mündlichen Sprache) oder einen Text (in der Schriftsprache)[8]. Im Folgenden konzentrieren wir uns auf den erstgenannten Aspekt, da Dor in seinem Buch hauptsächlich auf Beispiele der gesprochenen Sprache eingeht.

Die Produktion eines Diskurses steht, laut Koch und Oesterreicher, in einem „[...] Spannungsfeld [...] zwischen der Linearität sprachlicher Zeichen, den Vorgaben der Einzelsprache und der komplexen, vieldimensionalen außersprachlichen Wirklichkeit.“[9].

Dor beschreibt in ‚Anna braillé ène shot‘ einen solchen Kommunikationsakt, in dem sich Sprecher und Hörer untereinander verständigen: Dor schreibt an mehreren Stellen „On se comprend.“[10]. Jedoch ist das Spannungsfeld, wie es Koch und Oesterreicher beschreiben, nicht aufgelöst, da die Einzelsprachen, die Varietäten der Quebecer, zu sehr von der Schriftsprache abweichen. Die ‚Linearität sprachlicher Zeichen‘, fixiert durch die Schriftsprache, weicht von der

‚Einzelsprache‘, der tatsächlich gesprochenen Varietät ab. Deshalb wertet er die Kommunikationsfähigkeit der Quebecer ab und stellt sie als Irrglauben dar: „[...] quand on s’exprime à peu près, on se comprend de même!“[11].

Die Richtlinien zur gesprächsanalytischen Transkription (im Folgenden GAT genannt), auf die ich in Punkt 3.1. explizit eingehen möchte, gliedern ein Transkript in zwei Teile: den ‚Transkriptionskopf‘ und das ‚Gesprächstranskript‘[12]. Der erste dieser zwei Teile ist an dieser Stelle von Wichtigkeit. Auf Seite 93 f. beschreiben die Autoren des GAT die Inhalte des ‚Transkriptionskopfes‘. Unter anderem ist auch der Punkt ‚Varietäten der Sprecher/ Dialektalisierungsgrad‘ aufgeführt[13]. Diesen Aspekt nimmt Dor nur insofern mit auf, als dass er das Quebecer Französisch ständig abwertet und sich über die Sprecher mockiert und deren Kompetenz anzweifelt. Eine objektive Beschreibung des q uébécois findet nicht statt.

Ebensowenig greift Dor eine kurze Charakterisierung der Sprechenden, wie sie in den Konventionen des GAT verankert ist, auf. Renée van Bezooijen unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen „fairly stable speaker characteristics“ und „Affective markers“[14]. Unter dem erstgenannten Begriff verstehe man relativ unvariable extralinguistische Merkmale der Sprecher, wie zum Beispiel Alter, Aussehen oder Geschlecht. „Affective markers“ bezeichnen vorübergehende emotionale Zustände der jeweiligen Person. Beispielsweise zeigen sich Emotionen unter anderem am Sprechtempo, an der Lautstärke der Äußerung oder an der Qualität der Sprache.

Bei Dor werden diese beiden Charakteristika nicht beachtet. Stattdessen macht er vage Angaben über die von ihm beobachteten Personen: Er spricht von „[...] des gens du peuple [...]“[15], „[...] un enfant d’une douzaine d’années [...]“[16]. Des Weiteren beschreibt er seine Technik wie folgt: „[...] j’entends autour de moi [...]“[17] oder „[...] j’ai entendu un homme parlant au téléphone installé près de la porte.“[18].

2.1.1 Die Sprechsituation

Produzenten und Rezipienten befinden sich stets in einer bestimmten Sprechsituation. Diese ist determiniert durch „personale, räumliche und zeitliche Zeigfelder (Deixis)“, durch „Bestimmte Kontexte “ und durch „bestimmte emotionale und soziale Bezüge“[19]. Koch und Oesterreicher untersuchen die Sprechsituation, indem sie Parameter der Kommunikationsbedingungen und der Versprachlichungsstrategien bestimmen und deren Varianzspektrum darlegen. Ich möchte nun im Folgenden auf einige dieser Aspekte eingehen und sie an Beispielen Dors illustrieren.

Kommunikationsbedingungen sind Aspekte der Situation, in der sich Sprecher und Hörer befinden (außersprachliche Bedingungen). Koch und Oesterreicher nennen hier unter anderem folgende Aspekte:

- Grad der Vertrautheit der Partner,
- Grad der emotionalen Beteiligung,
- Grad der Spontaneität

sowie . Grad der Themenfixierung[20].

Diese ausgewählten Parameter bieten sich zur Analyse folgender Situation an, die Dor in seinem Buch schildert: Zwei Quebecer Damen unterhalten sich in einem Supermarkt in Montreal.

Es stellt sich zunächst die Frage nach dem Grad der Vertrautheit der Partner. Das bedeutet beispielsweise eine Analyse der vorgängigen gemeinsamen Kommunikationserfahrung, des gemeinsamen Wissens, etc. Daraus kann der zweite Aspekt, der Grad der emotionalen Beteiligung, resultieren. Dieser beinhaltet nämlich eine affektive Reaktion, „die sich auf den / die Partner [...] und/ oder auf den Kommunikationsgegenstand [...] richten kann.“[21]. Von Dor erfahren wir nichts über diese beiden Parameter. Marty Laforest merkt an, dass „On dissèque rarement ses émotions devant le comptoir des viandes du supermarché et on parle peu de philosophie kantienne lorsqu’on fait ses courses le samedi matin;“[22]. Damit schränkt sie den Grad der emotionalen Beteiligung ein. Dies muss jedoch nicht zwingend der Fall sein, da der Leser nichts über das Gesprächsthema der beiden Damen erfährt. Gleichzeitig stellt Laforest mit ihrer Aussage einen hohen Grad der Spontaneität fest, das heißt, der Kommunikationsakt weist eine geringe vorhergehende Planung auf. Ebenso ist der Grad der Themenfixierung sehr hoch. Natürlich hängt dieser auch vom Grad der Vertrautheit ab: Wenn man sich näher kennt, ist das Spektrum der Gesprächsthemen größer, als wenn sich die Kommunikationspartner nur flüchtig kennen. Auch darüber findet der Leser bei Dors Situationsbeschreibung keinerlei Anhaltspunkte.

Versprachlichungsstrategien sind Aspekte der Kommunikationsakte (innersprachliche Bedingungen). Koch und Oesterreicher nennen unter anderem die folgenden drei Punkte:

- situativer Kontext,
- sprachlich- kommunikativer Kontext und . andere kommunikative Kontexte[23].

Zur Analyse der Versprachlichungsstrategien verwende ich die Situation, die Dor auf Seite 27 f. beschreibt: Eine Mutter ist mit ihrem Kind im Einkaufszentrum unterwegs. Als ein Clown vorbeiläuft, zeigt sie mit dem Finger auf ihn und sagt: „Gad! Gad là!“.

Zunächst beschäftige ich mich mit dem situativen Kontext: Laut Koch und Oesterreicher beinhaltet dieser „in der Kommunikationssituation wahrnehmbare Personen, Gegenstände und Sachverhalte.“[24]. Es stellt sich also die Frage, ob das Kind in der oben beschriebenen Situation den Clown überhaupt wahrnimmt, oder ob es durch etwas anderes abgelenkt ist. Dann muss man sich fragen, ob es den Clown als solchen identifizieren kann (Hat es schon einmal einen Clown gesehen?). Dies ist natürlich abhängig vom Alter und vom Erfahrungshorizont des Kindes, über den uns Dor wiederum nicht unterrichtet.

[...]


[1] Dor (1996): 15

[2] Dor (1996): 22

[3] Dor (1996): 95

[4] Dor (1996): 52

[5] Greisbach (1988): 11

[6] siehe eben da

[7] Greisbach (1988): 12

[8] Koch und Oesterreicher (1990): 8

[9] siehe eben da

[10] Dor (1996): 69

[11] Dor (1996): 69

[12] Selting/ Auer et al. (1998): 93

[13] Selting/ Auer et al. (1998): 94

[14] van Bezooijen (1987): 119

[15] Dor (1996): 15

[16] Dor (1996): 22

[17] Dor (1996): 21

[18] Dor (1996): 26

[19] Koch und Oesterreicher (1990): 8

[20] siehe eben da

[21] siehe eben da

[22] Laforest (1997): 18

[23] Koch und Oesterreicher (1990): 10 f.

[24] Koch und Oesterreicher (1990): 10

29 von 29 Seiten

Details

Titel
Sprachpolitische Diskurse in Quebec
Untertitel
Transkriptionstechnik und Ideologie bei Georges Dor
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Sprachpolitische Diskurse in Quebec
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
29
Katalognummer
V114614
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachpolitische, Diskurse, Quebec, Sprachpolitische, Diskurse, Quebec
Arbeit zitieren
Martina Sobel (Autor), 2000, Sprachpolitische Diskurse in Quebec, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114614

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