E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“ in der gymnasialen Mittelstufe

Eine fachdidaktische Analyse


Essay, 2007
18 Seiten
Christian Schön (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unterrichtszusammenhang

3. Sachanalyse

4. Didaktische Analyse

5. Lernziele

6. Methodischer Kommentar

7. Stundenverlauf

8. Literatur

9. Tafelanschrieb

10. Materialien:

1. Einleitung

Der folgende fachdidaktisch orientierte Aufsatz beschäftigt sich mit einem zentralen Werk der romantischen Literatur, nämlich E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“. Dabei soll der fachdidaktische und methodische Nachweis erbracht werden, dass sich dieses Werk bereits zur Behandlung in der Mittelstufe, wahlweise Klasse 9 oder 10, des Gymnasiums eignet. Exemplarisch wird das angerissene Desiderat an einer möglichen Schlussanalyse des Werks eingelöst.

Der Aufsatz umfasst folgende Teile: 1. Einordnung in den Unterrichtszusammenhang 2. wissenschaftliche Sachanalyse 3. fachdidaktische Analyse 4. mögliche Lernziele 5. methodischer Kommentar 6. mögliches Verlaufsschema der Stunde und 7. einen Tafelanschrieb und 8. wertvolle Materialien.

2. Unterrichtszusammenhang

Die Verortung im Lehrplan für die neunte Klasse ist unter dem Arbeitsbereich 2: "Literatur, andere Texte und Medien" unter der Textart Erzählung vorzunehmen. Mit E.T.A. Hoffmanns Erzähltext "Das Fräulein von Scuderi" wird der Verpflichtung einer Ganzschrift aus der Zeit vor 1900 Genüge geleistet. Das Werk qualifiziert sich für die Behandlung in der 9. Klasse durch seine packend-fesselnde und interessante Handlung. Hier ist zumindest anzunehmen, dass die beiden zentralen Themen der Mord- und Liebesgeschichte Jugendliche in dieser Altersstufe interessieren und ansprechen. Darüber hinaus eignet sich die Geschichte - aufgrund der die Handlungsstränge unterbrechenden und reflektierend verfahrenden Einschübe - die Komplexität von anspruchsvoller Literatur im Gegensatz zu Trivialliteratur (als da z.B. Trivialkriminalromane oder Schund- und Schauerliteratur zu erwähnen wären) aufzeigen lässt. Das vom fiktiven Erzähler bzw. E.T.A. Hoffmann verwendete Diskursverfahren in den Themenbereichen Kunst, Jurisprudenz und Staatstheorie eignet sich dazu, andeutungsweise die werk- sowie diskursimmanente Bedeutung des angewendeten diskursiven Verfahrens offen zulegen. Damit kann die Funktion solcher Einschübe in Relation zum Handlungsstrang sowie das interaktiv-rekursive Verhältnis von Handlung und Diskurspartien angerissen werden. Im Unterricht wurde allerdings zunächst, um das Interesse der Schüler/innen zu wecken und zu erhalten, die Handlungsstruktur und die relevanten Charaktere der Geschichte sowie deren Verhältnis(-strukturen) zueinander eingehend analysiert. Allerdings wurden auch innerhalb dieser analytischen Einheit immer wieder Hinweise auf die hinter der Handlung stehenden (komplexen) Themengebiete gegeben. In einem zweiten analytischen Schritt wurde das angesprochene Diskursverfahren bzw. eher die Inhalte desselben erörtert. D.h., dass weniger das prozesshafte Moment, also die „Machart“ des Diskursverfahrens erörtert wurde, als vielmehr die darin implizierten Themengebiete in ihrer Bedeutung für den Erzähltext. Diese Vorgehensweise fand auf einem leistungsgemäßen und altersangemessenen Niveau statt. Da nun gegen Ende der Unterrichtseinheit ein erlahmendes Interesse der Schüler/innen an der so beschriebenen analytischen Vorgehensweise festgestellt werden musste, wurde der "Ball an die Schüler/innen zurückgespielt", ohne dabei weitere analytische Lernziele aus den Augen zu verlieren. Die gestellte Aufgabenstellung bestand in der in Gruppenarbeit zu erledigenden Abfassung von textproduktiven Verfahren aus verschiedenen Perspektiven (s. Anlage). Die unterschiedliche Perspektivik bezieht sich einmal auf die Charaktere, zum anderen auf die mit den Charakteren verbundenen Themengebiete. Damit werden zwei Unterrichtsziele verfolgt: 1. Es soll das artifizielle und nicht beliebige Moment eines Textes hervorgehoben und erkennbar werden. Darüber hinaus sollen die Schüler/innen die Relevanz der Klärung der Fragen erkennen, wer wann welche Informationen in einem Text gibt und was der Leser zum Schluss der Lektüre wirklich weiß bzw. zu wissen glaubt. 2. In den Aufgabenstellungen impliziert ist das Anreißen der oben genannten Diskursthemen. Dadurch soll in einer bzw. zwei Abschlussstunden noch einmal systematisch auf diesen Aspekt eingegangen werden.

Als besondere Unterrichtssituation ist zu erwähnen, dass Herr Würger und ich die Klasse alternierend unterrichten. Dies ist aufgrund terminlicher Schwierigkeiten nicht anders zu handhaben.

3. Sachanalyse

E.T.A. Hoffmanns Werk "Das Fräulein von Scuderi" wurde am 16. bzw. 17. Oktober 1818 vollendet und erschien zwei Jahre später eingeflochten in den 3. Band der "Serapions-Brüder".

Richard Alewyn stellte als erster die These auf, dass Hoffmann mit dem "Fräulein von Scuderi" die erste Detektivgeschichte überhaupt geschaffen habe. Denn – so behauptet er – "in dieser Geschichte finden wir neben einigen untergeordneten Motiven, die drei Elemente zusammen, die den Detektivroman konstituieren: Erstens den Mord, beziehungsweise die Mordserie, am Anfang und dessen Aufklärung am Ende, zweitens den unverdächtigen Schuldigen, und drittens die Detektion, nicht durch die Polizei, sondern durch einen Außenseiter, ein altes Fräulein und eine Dichterin, dazu als viertes, zwar nicht obligates, aber doch ungemein häufiges Element, das versperrte Mordzimmer".[1] Damit wird also – in einer sicherlich pointierten Zuspitzung - behauptet, dass die angesprochene Gattung der Detektivgeschichte nicht aus der Existenz eines demokratischen Rechts- und Staatsbewusstseins und außerdem nicht aus dem Geist der Aufklärung heraus, der damit verbundenen Hinwendung zu den Naturwissenschaften und dem Positivismus entspringt, sondern dass sie in der Romantik verankert ist. Dieser Befund verblüfft zunächst. Zwar scheinen die Ausführungen in dieser Absolutheit frag-, zugleich aber nicht minder bedenkenswürdig, dennoch ist Alewyn völlig zuzustimmen, wenn er behauptet Hoffmanns Detektivgeschichte sei weit davon entfernt, Vertrauen auf Vernunft, Wissenschaft und Rechtsstaatlichkeit zu verbreiten. Spricht Alewyn also von dem romantischen Topos des Geheimnisses und seiner Aufklärung, so ordnet Dietrich Nauman das unlösbare Rätsel dem romantischen Roman und das lösbare Geheimnis (Rätsel) der Detektivgeschichte zu.[2] Es ist eben nicht Scharfsinn gepaart mit rationalen, induktiven Methoden, welche die/das Verbrechen lösen, sondern das Geständnis Oliviers und die Tugenden des Fräulein von Scuderi als da Menschlichkeit und Mitgefühl zu nennen sind. Zwar erfährt der Leser die Lösung der Verbrechen, eine via juristischem Verfahren erfolgende Aufklärung ist aber – nicht zuletzt aufgrund der fragwürdigen Rechtspraktiken der chambre ardente mitnichten zu erwarten. Problematisch ist auch die Frage der Motivation bzw. (genetisch-soziale) Veranlagung des Täters Cardillac, da diese nur von diesem selber reflektiert wird. Die Frage der Gattungsthematik wurde weitgehend im Unterricht ausgeblendet, da bei ihrer Behandlung die Gefahr besteht, dass zu viele falsche Fährten gelegt werden und weiterhin, dass der Erzähltext über Gebühr reduktionistisch simplifiziert wird. Außerdem ist die Frage einer Gattungszuordnung bei Hoffmanns Erzähltext nur sehr schwierig bis gar nicht vorzunehmen. Es zeigt sich eben an diesem doch recht formlosen Text nicht unbedingt in aller gebotenen Schärfe das literaturwissenschaftliche Postulat, dass die Form den Inhalt bestimmt. Insofern ist – abgesehen von dem Gewinn einer (letztlich doch immer noch fragwürdigen heuristischen Klassifizierung!) durch die Diskussion und Analyse der Gattungsthematik – zumal in der 9. Klasse - nichts gewonnen.

Festzuhalten bleibt, dass wichtiger als der Fragekomplex einer kausalgenetischen Konstruktion (Cardillacs) der Umstand ist, "dass das Verhalten des Goldschmiedekünstlers und Mörders Cardillac in Beziehung zum Künstlertum der Scuderi und damit zur Kunst überhaupt besteht."[3] Damit ist wohl der zweite wichtige Pfeiler der Geschichte angesprochen. Es handelt sich um eine Künstlergeschichte, in welcher kunsttheoretische Diskurse ausgetragen werden. Dabei ist der Zusammenhang von Kunst und Gewalt von Kunstgeschichte und Mordgeschichte sowie eine gewisse Grundaffinität zwischen Cardillac und Scuderi hervorzuheben. Beide Künstlerfiguren üben nämlich zunächst eine mangelnde soziale Verantwortung aus, weil sie im Reich ihrer Kunst leben und sich den real-alltäglichen Anforderungen der Umwelt verschließen. Scuderi nimmt zunächst die (Verbrechens-) Geschehnisse (sichtbar durch ihren Zweizeiler) nicht ernst. Cardillacs Antigesellschaftlichkeit wird durch sein Doppelleben und seine Taten überdeutlich. Scuderi allerdings gelingt die Sprengung der sozialen Isolierung des Künstlers, der schließlich auch "humanisierenden Einfluss auf die höchste politische Machtinstanz ausübt."[4] Die gemeinsame Tragik des Künstlertums liegt darin begründet, die Kunstwerke aus der Zuständigkeit des Künstler lösen und die damit einhergehende Entfremdung der Kunstwerke von ihrem Schöpfer akzeptieren zu müssen. Das Konzept einer autonom-selbstreferentiellen Kunst kann somit nicht aufrecht erhalten werden. Über das Künstlertum hinaus stellt sich die Frage einer Spannung von anvisiertem autonomen Subjekt als Zielprojektion der Romantik und de facto geschaffenem isoliertem Individuum.[5] Der Unterschied liegt - wie gesagt - in der unterschiedlichen Ausrichtung und Fähigkeit der Künstler: "Die Scuderi muß die höfisch-gesellige Unverbindlichkeit aufgeben ...; umgekehrt weiß sich Cardillac erlösungsbedürftig durch die in ihr im Verlauf der Erzählung zunehmend verkörperte Humanität."[6]

Die Form bzw. Gattung der Geschichte ist auch mit der weltanschaulich-politisch-inhaltlichen Position verknüpft. Der Themenkomplex der rechtstheoretischen Diskurse gipfelt in einer kritischen Darstellung der Rechtspflegeorgane. Diese führen nämlich gerade nicht zur Aufklärung der Verbrechensserie und verbreiten darüber hinaus fast ebensoviel Schrecken wie die ausgeführten Untaten. Zunächst wird aufgrund rationaler Urteilsfällung von Scuderi und d'Andilly die lückenlose Beweiskette der Justiz gegen Olivier nachvollzogen. Es ist lediglich ein Gefühl und eine innere Stimme, die Scuderi an der Unschuld Oliviers festhalten lassen. Weder gesetzliche Handhabe noch rationale Argumentation verhelfen ihr zum Erfolg. Es ist "lediglich" der Gang zum König und die mit diesem geschlossene Allianz, die der Geschichte zu einem positiven Ausgang verhelfen.

[...]


[1] Alewyn, R., Ursprung des Detektivromans, S. 353

[2] Naumann, D., Zur Typologie des Kriminalromans, S. 249

[3] Feldges, B., E.T.A. Hoffmann, S. 161

[4] Holbeche, Y., The relationship of the artist to power, S. 9

[5] Vgl. Kraft, H., E.T.A. Hoffmann, S. 141

[6] Kaiser, G.R., E.T.A. Hoffmann, S. 76 f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“ in der gymnasialen Mittelstufe
Untertitel
Eine fachdidaktische Analyse
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V114703
ISBN (eBook)
9783640146628
ISBN (Buch)
9783640146734
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hoffmanns, Fräulein, Scuderi“, Mittelstufe
Arbeit zitieren
Christian Schön (Autor), 2007, E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“ in der gymnasialen Mittelstufe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114703

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