Die (un)geliebten Schwestern: zum Verwandtschaftsverhältnis von Frauenforschung und Frauenbewegung


Hausarbeit, 2004
22 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die neue Frauenbewegung
2.1 Entstehung und Entwicklungslinien der Frauenbewegung
2.2 Erwartungen der Frauenbewegung an die neuere Frauenforschung

3 Grundzüge der neueren Frauenforschung
3.1 Entwicklungen und Diskurse der Frauenforschung
3.2 Der Blick der Frauenforschung auf die neue Frauenbewegung

4 Das Politische in der Frauenforschung

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Sigrid Metz-Göckel konstatiert in ihrem Aufsatz zum Verhältnis von neuerer Frauenforschung und neuer Frauenbewegung, diese seien „in ihren jeweiligen Kontexten ungeliebte Schwestern, weil sie die impliziten und manifesten Hierarchien zwischen Brüdern und Schwestern in ihren verinnerlichten und historisch ‚zufälligen’ Formen nicht mehr akzeptieren“ (1987, 49). In dieser Behandlung des Themas soll es weniger um das Verhältnis von Frauenforschung und Frauenbewegung zu ihrer Außenwelt gehen, als vielmehr um die Beziehung der beiden ‚Schwestern’ untereinander.

In der Beschäftigung mit theoretischen Abhandlungen zur neueren Frauenforschung wird stetig Bezug auf die neue Frauenbewegung genommen, da beide von Grund auf miteinander verbunden sind. Jedoch wird dieses Verhältnis in unterschiedlicher Art und Weise ausgelegt, wie etwa am Beispiel der Diskussion um die von Maria Mies veröffentlichten Postulate zur Frauenforschung deutlich wird. Inwiefern sich die Frauenforschung an den Entwicklungen der Frauenbewegung orientieren und sie somit zu einem Einflussfaktor ihrer wissenschaftlichen Arbeit machen sollte, ist kontrovers und in zahlreichen Texten zur Frauenforschung thematisiert worden.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie es zu einer solchen Differenz der Positionen kommen konnte, wie also die divergierenden Ansichten zu erklären sind, und es soll ebenso erörtert werden, welche Auswirkungen die Diskussion um ihren Bezug zur Frauenbewegung für die Frauenforschung gehabt hat. Es wird also im Schwerpunkt ein kritischer Blick auf die rund um die 1980er Jahre geführte Debatte erfolgen, da in diesem Zeitraum die Diskussion auf ihrem Höhepunkt war und die eigentlichen Weichenstellungen erfolgten.

Dabei soll ausschließlich die deutsche Frauenforschung und Frauenbewegung zum Gegenstand genommen werden, da hier besondere Charakteristika relevant sind, die nicht international verallgemeinerbar sind. Zudem ist eine Abgrenzung der Art vorzunehmen, dass sich die hier zu analysierende Diskussion auf die Frauenforschung im Sinne einer kritischen Sozialforschung bezieht, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Gegenstand hat, und nicht auf ihre in verschiedenen Disziplinen entwickelte Wissenschaftskritik, die sich mit dem Androzentrismus etablierter Wissenschaften auseinandersetzt.

Um zu einer Einschätzung des Verhältnisses zwischen Frauenforschung und Frauenbewegung zu gelangen, soll zunächst die neue deutsche Frauenbewegung nachgezeichnet werden sowie ihre Sicht auf die neuere Frauenforschung. Im Anschluss wird die Entwicklung der Frauenforschung in den Blick genommen werden, woraus dann ihre Stellung zur Frauenbewegung abgeleitet werden soll. Im letzten Schritt soll gezielt der politische Gehalt der neueren Frauenforschung diskutiert werden, da sich in diesem Kernpunkt der Diskussion der Einfluss der Frauenbewegung in der feministischen Wissenschaft manifestiert.

Als Grundgedanke ist das Bild von Frauenforschung und Frauenbewegung als Schwesternpaar in Anlehnung an Metz-Göckel meines Erachtens ein anschaulicher Zugang zu diesem Thema. Es soll im Folgenden zugunsten der Sachlichkeit und Kohärenz jedoch unterlassen werden, diese Metapher weiter auszuführen. Trotzdem wird sichtbar werden, dass auch in der Konfrontation zwischen Frauenbewegung und Frauenforschung ‚schwesterntypische’ Charakteristika und Probleme auftreten – über ein simples Motto wie ‚Sie liebten sich und sie schlugen sich’ werden diese jedoch bei weitem hinausgehen.

2 Die neue Frauenbewegung

Für das Verständnis der Diskussion um verschiedene Entwürfe zur neueren Frauenforschung ist ein differenziertes Verständnis der neuen Frauenbewegung unerlässlich. Denn diese Bewegung hat nicht nur einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung der Frauenforschung geleistet, sondern hat auch ihre weitere Entwicklung maßgeblich beeinflusst. Die Wechselbeziehung zwischen Frauenforschung und Frauenbewegung wird von unterschiedlichen Betrachtern höchst kontrovers beurteilt, sie war und ist zuweilen schmerzhaft, jedoch herrscht wohl in diesem einen Punkt Einvernehmen, dass die in diesem Zusammenhang geführten Diskussionen für den Fortschritt auf beiden Seiten von unschätzbarem Wert gewesen sind.

Zunächst soll ein Überblick über die deutsche Frauenbewegung gegeben werden, der sich auf die Phase nach 1968 konzentrieren, jedoch auch die früheren Ereignisse aufgreifen wird. Dabei sollen Strömungen und Zielsetzungen aufgezeigt werden, die auch für die Entwicklung der Frauenforschung von zentraler Bedeutung waren. Auf dieser inhaltlichen Ebene soll im Anschluss dann der Blick der Frauenbewegung auf die Frauenforschung in seinen unterschiedlichen Facetten untersucht werden.

2.1 Entstehung und Entwicklungslinien der Frauenbewegung

Vereinfachend könnte gesagt werden, das Ziel der Frauenbewegung bestehe darin, „zur Emanzipation der Frauen beizutragen und soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit im Geschlechterverhältnis aufzuheben“ (Gerhard 1994a, 12). Genau genommen ist dies jedoch nur eine mögliche Sichtweise, und um die vielfältigen Aspekte der deutschen Frauenbewegung, auch die der neuen, zu verstehen, sollte der Blick auf ihre Anfänge gerichtet werden, die weit zurückreichen.

Die Frauenbewegung ist im Kontext der Emanzipationsbewegungen des 18. bis 20. Jahrhunderts zu sehen (Gerhard 1994b, 145) und kann in Deutschland zurückverfolgt werden bis in die Zeit der 1848er Revolution (Gerhard 1995, 254). Bereits 1849 wurde von Louise Otto-Peters die erste deutsche politische Frauenzeitung herausgegeben; 1865 gehörte Otto-Peters zu den Organisatoren der ersten Frauenkonferenz Deutschlands, die zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins führte (Opitz 2002, 117). Es folgten Gründungen weiterer Vereine und Verbände, die sich für die Rechte der Arbeiterinnen und verbesserte Bildungschancen für Frauen einsetzten, ebenso aber auch Themen wie Prostitution und Sexualmoral aufgriffen; auch die Regelungen des Paragraphen 218 wurden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts diskutiert, wenn auch nur von einer Minderheit (Opitz 2002, 117 f.). Die diversen Vereine, in denen Frauen sich organisierten, vertraten unterschiedliche Meinungen zu den diskutierten ‚Frauenfragen’, jedoch zeigten sich deutliche Erfolge, wie etwa das Erlangen des Frauenwahlrechts 1918; die freigesetzten Energien und weiterführenden Ideen kamen jedoch zum Erliegen mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus (Opitz 2002, 117 f.).

Zwar gründeten sich deutsche Frauenverbände nach dem Ende der Nazi-Diktatur 1945 neu, jedoch schien der Bruch zu groß, als dass an die alten Traditionen hätte angeknüpft werden können. Während beispielsweise in den angelsächsischen Ländern zwar eine erste und zweite Welle der Frauenbewegung unterschieden werden, die aber trotzdem als eine Einheit angesehen werden, fand in der Bundesrepublik zunächst eine strikte Abgrenzung statt, so dass die Frauenbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg vor einem Neuanfang stand (Gerhard 1994b, 145 f.). Erst lange Zeit später erinnerte man sich der vergangenen Anstrengungen und begann, sich mit ihnen auseinander zu setzen.

In den 1960er und 1970er Jahren kam es weltweit zur Entstehung neuer Frauenbewegungen, so auch in Deutschland. Der Auftakt zu dieser neuen Frauenbewegung wird gern auf den 13. September 1968 datiert, als es auf der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes zum Wurf von drei Tomaten kam, mit dem Sigrid Rüger ihrer Entrüstung über die männliche Ignoranz gegenüber der Rede von Helke Sander vom Berliner „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ Ausdruck verlieh (Anders 1988, 10). Dieser Vorfall kann zumindest für die autonome Frauenbewegung als Gründungsereignis gesehen werden, da es großes Aufsehen erregte und darauf folgend an zahlreichen Universitäten Frauengruppen gegründet wurden, die nach und nach zu einem Netzwerk heranwuchsen. Dieses sich ständig erweiternde Netzwerk war es, das diese neue soziale Bewegung ermöglichte und ihr ein stabiles Fundament verlieh. Die etablierten Frauenverbände existierten parallel weiter und es bildete sich zudem eine verhältnismäßig kleine Gruppierung feministischer Marxistinnen heraus, jedoch ist mit der Rede von der ‚neuen Frauenbewegung’ in der Regel die Gruppe der autonomen Feministinnen gemeint, die sich im Umfeld der Studentenrevolte entwickelte (Anders 1988, 22 f.).

Es wurde schnell deutlich, dass zwischen den traditionellen Frauenverbänden und der autonomen Frauenbewegung keine fruchtbare Kooperation möglich sein würde. Während die Frauenverbände das Ziel einer am männlichen Status orientierten Gleichberechtigung verfolgten und ihren Weg in der Reformpolitik sahen, strebte die autonome Frauenbewegung die persönliche Selbstbestimmung an sowie eine institutionelle Unabhängigkeit, die sich von traditionellen Formen politischer Organisation und Partizipation lossagte (Gerhard 1994a, 14). Wie bereits Helke Sander im September 1968 erklärte, sollte im Gegensatz zum Emanzipationsgedanken im Sinne einer Angleichung der weiblichen Position an männliche Verhältnisse hier eine gesamtgesellschaftliche Veränderung bewirkt werden, die der hierarchischen Ordnung und dem traditionellen Leistungsprinzip ein Ende bereiten sollte, um eine wirklich demokratische Gesellschaft zu ermöglichen (1988, 40 ff.). Für die Organisationsformen bedeuteten diese Prinzipien, dass die neue Frauenbewegung, die in Abgrenzung zur ‚alten’ Frauenbewegung keinen Vereinscharakter hatte, kein institutionelles Zentrum vorsah und auf Führerfiguren bewusst verzichten wollte (Gerhard 1995, 258).

Nach der Initiative der SDS-Frauen wurde 1969 der Frankfurter Weiberrat gegründet und 1971 wurde mit Alice Schwarzers Kampagne ‚Ich habe abgetrieben’ der Kampf um § 218 StGB intensiviert (Opitz 2002, 118). Die Anstrengungen um die ersatzlose Streichung des ‚Abtreibungsparagraphen’ waren von entscheidender Bedeutung, da sie zum einen den ersten großen Anlass für die Frauen darstellten, als eine Einheit, eine Bewegung aktiv zu werden; des Weiteren wurde in diesem Zusammenhang die Frauenbewegung zum ersten Mal öffentlich sichtbar (Anders 1988, 16). In den folgenden Jahren wurde die Frauenbewegung vor allem durch einzelne Projekte getragen, wie etwa die Gründung des ersten Frauenverlags, die Publikation eines Frauenjahrbuchs oder die Organisation spezieller Veranstaltungen für Frauen (Anders 1988, 28). In den 1980er Jahren kam es dann zu einer sukzessiven Institutionalisierung der Frauenbewegung, die sich etwa in der Einsetzung von Frauenministerinnen und auch in der Etablierung der Frauenforschung an Universitäten zeigte (Opitz 2002, 118). Auch in Form von Frauencafés oder Frauenbuchläden ist der Feminismus präsent; nach wie vor besteht die Bewegung jedoch ohne formale Organisation, auch wenn an dieser Stelle die Gründung des ‚Unabhängigen Frauenverbandes’ nach der Wiedervereinigung zu erwähnen ist (Opitz 2002, 118).

Die Frauen, die sich in dieser Bewegung engagierten, waren zunächst in erster Linie Studentinnen. Insbesondere im Zuge der Kampagne um § 218 fühlten sich jedoch auch Frauen angesprochen, die selbst zu den Betroffenen zählten oder aber ihre Solidarität gegenüber diesen Frauen zeigen wollten (Metz-Göckel 1987, 38). Allgemein war eine Politisierung der Frauen zu beobachten, auch fernab der Studentengruppen und Weiberräte, was die Zuträglichkeit der gesellschaftlichen Begleitumstände, genauer gesagt die spezielle Motivationslage dieser jungen Frauengeneration deutlich machte (Metz-Göckel 1987, 41 f.). Dementsprechend gibt es auch Darstellungen, die der Initialzündung der Studentenbewegung geringere Bedeutung beimessen und das feministische Engagement außerhalb der Hochschulen hervorheben (Metz-Göckel 1987, 32). So wird die Bedeutung der Nachkriegserfahrungen und die damit verbundene Entwicklung eines stärkeren Frauenbildes betont (Metz-Göckel 1987, 39), das im Zusammenwirken mit neuen Gelegenheitsstrukturen, ermöglicht vor allem durch die Frauenbildungsarbeit, eine neue Sicht auf die gesellschaftliche Situation der Frauen eröffnete und somit zu einer überfälligen ‚Unbescheidenheit’ führte (Metz-Göckel 1987, 35).

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Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die (un)geliebten Schwestern: zum Verwandtschaftsverhältnis von Frauenforschung und Frauenbewegung
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Integrationsveranstaltung I
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V114842
ISBN (eBook)
9783640162321
ISBN (Buch)
9783640522590
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verwandtschaftsverhältnis, Frauenforschung, Frauenbewegung, gender studies, Feminismus
Arbeit zitieren
Carolin Kohlmeier (Autor), 2004, Die (un)geliebten Schwestern: zum Verwandtschaftsverhältnis von Frauenforschung und Frauenbewegung , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114842

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