Die kommunale Zivilgesellschaft als Ort der Integration

Eine Skizze moderner Bürgerschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

22 Seiten, Note: 1,3

Paul Trachmann (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die antike Bürgergesellschaft

Citoyen und Bourgeois bei Rousseau

Thomas Hobbes’ liberales Staatsmodell

Migration als aktuelle Herausforderung unserer Gesellschaft

Kollektive Identität – Grundlage heutiger Demokratie?

Vorraussetzungen zivilgesellschaftlicher Integration

Die kommunale Zivilgesellschaft als Ort der Integration

Literaturverzeichnis

„Der Einwohner Neuenglands fühlt sich mit seiner Gemeinde verbunden, weil sie stark und unabhängig ist; er kümmert sich um sie, weil er zur Lenkung ihrer Geschäfte beiträgt; er liebt sie, weil er sich über sein Los nicht zu beklagen hat; sein Ehrgeiz und seine Zukunft wurzeln in ihr; er befasst sich mit allen Ereignissen des Gemeindelebens; in diesem begrenzten, ihm zugänglichen Umkreis beginnt er die Gesellschaft zu regieren; er gewöhnt sich an die Formen, ohne die die Freiheit nur durch Revolution fortschreitet; er lässt sich von ihrem Geist durchdringen, er gewöhnt sich an die Ordnung, er versteht das Ineinandergreifen der Befugnisse, und endlich eignet er sich klare und praktische Gedanken an über das Wesen seiner Pflichten und über das Maß seiner Rechte.“[1]

In begeisternden Worten schwärmt Alexis de Tocqueville vom Gemeindegeist der Bürger Neuenglands. Von der französischen Regierung im Jahr 1830 gesandt, das Regierungssystem Amerikas zu untersuchen, entdeckt Tocqueville ein für ihn unbekanntes Wirken kommunaler Demokratie. Angetrieben durch den Geist der Gemeinschaft regeln die Bürger der neuenglischen Kommunen ihre öffentlichen Angelegenheiten gemeinsam und freiwillig. Vor dem Hintergrund des zentralistischen Frankreichs – der Nation une et indivisible, in der lokale Selbstregierungsrechte der Zünfte, Städte, Kirchen oder Universitäten zugunsten der hauptstädtischen Regierung weitgehend beseitigt waren – stellt Tocqueville fest, dass die amerikanische Demokratie vor allem in der lokalen Selbstregierung der Bürger Entfaltung findet.[2] Den modernen Individualismus, der „jeden Staatsbürger geneigt macht, sich zu isolieren“ und die große Gesellschaft sich selbst zu überlassen, erkennt Tocqueville als Folge der Konzentration staatlicher Gewalt. Während der Zentralgewalt immer neue Rechte zugestanden werden, ziehen sich die Bürger ins Private zurück. Die Sorge um das jeweils eigene Wohlergehen wird so zum dominierenden Primat einer in Bruchstücke zerfallenen Gesellschaft.[3]

Auch die politische Situation unserer Tage zeugt von einer zunehmenden Entfremdung zwischen Bürger und Politik. Wie eine Umfrage aus dem Jahr 2003 ergeben hat, sind 68% der Deutschen der Meinung, dass sich die „Politiker nicht viel darum kümmern, was Leute wie ich denken.“[4] Paradoxer Weise steht das Misstrauen der Bürger einem in den letzten zehn Jahren tendenziell abnehmenden Interesse an politischen Fragen gegenüber.[5] Sind die Bürger einerseits der Meinung, dass ihre Ansichten politisch nicht angemessen repräsentiert werden, so hat dies andererseits nicht zur Konsequenz, dass sie sich in höherem Maße politischen Fragen widmen würden. In den letzten Jahren werden daher vermehrt Forderungen nach einer starken „Bürgergesellschaft“ laut. Den Bürgern solle mehr Verantwortung zugemutet werden. Oftmals dient dabei der Begriff Verantwortung als euphemistische Umschreibung für den Ausfall staatlicher Leistungen, die nun zivilgesellschaftlich getragen werden sollen. Zweifellos zeugen diese Forderungen von einem Missverständnis zivilgesellschaftlicher Verantwortung. Die ideengeschichtliche Entwicklung aber auch die Bedingungen und Potentiale der heutigen „Zivilgesellschaft“ verdienen also eingehender Betrachtung.[6]

Im ersten Teil dieser Arbeit sollen verschiedene Vorstellungen von Bürgerschaft erarbeitet werden. Einschlägige Passagen von Denkern diverser Provenienz sollen gegenüber gestellt werden, um die geistesgeschichtliche Entwicklung der zivilgesellschaftlichen Idee nachvollziehbar zu machen. Ziel wird es sein, Parallelen, Kreuzungen oder Konflikte in der Geschichte der bürgerschaftlichen Idee offen zu legen. Das klassische Ideal der griechischen Polis, die Figur des Citoyen im Denken Rousseaus und die liberale Tradition, begründet durch Thomas Hobbes, stellen dabei die wichtigsten Orientierungspunkte dar. Der anschließende, anwendungsorientierte Teil der Arbeit wird sich den Grundbedingungen der heutigen Bürgergesellschaft zuwenden. Die Herausforderungen der modernen Migrationsgesellschaft sollen dabei im Vordergrund stehen. Dabei werden folgende Fragen zentral sein: Welche Basis erfordert eine Zivilgesellschaft unter den Bedingungen der modernen Migrationsgesellschaft? In wieweit ist die Aktivierung der Zivilgesellschaft Voraussetzung für gesellschaftliche Integration? Warum bieten gerade Städte und Gemeinden im Zeitalter der Globalisierung die wichtigsten Foren zivilgesellschaftlicher Kooperation? Freilich wird es im begrenzten Rahmen dieser Arbeit nicht möglich sein, die zum Teil sehr umfangreichen Fragestellungen ausschöpfend zu diskutieren. Vielmehr soll es Ziel sein, dem Autor wie dem Leser ein tieferes Verständnis der Wurzeln und des Potentials zivilgesellschaftlichen Lebens zu ermöglichen.

TEIL I Die antike Bürgergesellschaft

Sprechen wir heute von „Bürgergesellschaft“, so verstehen wir den Begriff in einer Art und Weise, die von der ursprünglichen, historischen Bedeutung zum Teil beträchtlich abweichen kann. Der Begriff „Bürgergesellschaft“ weckt in der deutschen Sprache Assoziationen an die „bürger liche Gesellschaft“, die Bourgeosie des 19. Jahrhunderts, an Dreiklassenwahlrecht oder Karl Marx. Zwar unterscheiden wir heute nicht mehr zwischen „klein-“ und „großbürgerlich“. Die Differenz von Klassenzugehörigkeiten ist der von „Milieus“ oder „Schichten“ gewichen. Der staatsbürgerliche, politische Status einer Person, der neben den privaten, bürgerlichen Individualrechten auch die staats bürgerliche Verantwortung des Einzelnen kennzeichnen würde, ist mit dem deutschen Wort „Bürger“ jedoch nicht zu fassen. Die „Bürgerschaft“ zielt daher als Zuschreibung vor allem auf die private Rechtsträgerschaft des Bürgers. Unser Verständnis von Bürgerschaft ist ein Einseitiges: Bürgerlichen Freiheiten stehen keine bürgerlichen Pflichten gegenüber.[7] So bleibt alleine schon sprachlich eine Kluft zwischen „der Politik“ und den bürgerlichen Individuen, die zwar Steuern zahlen und in regelmäßigen Abständen wählen, sich aber ansonsten keiner politischen Verantwortung bewusst sind.[8]

Zeugnisse der antiken Demokratie lassen ein ganz anderes Ideal-Bild von Bürgerschaft entstehen.[9] Politik diente im antiken Griechenland nicht bloß als Problemlöser individueller Interessen.[10] Poltisches Handeln war den Bürgern ein Zweck an sich. Teilname an Politik galt ihnen als selbstverständlich. Aristoteles definiert den Bürger (polîtai) entsprechend wie folgt: „Der Begriff des Bürgers schlechthin wird aber durch kein Merkmal zutreffender bestimmt als durch das der Teilnahme an dem Gerichte und an der Regierung.“[11] Die Partizipation an der Selbstverwaltung der Polisgemeinschaft, der koinônía tôn politôn, stellt für Aristoteles also die eigentliche Bedingung von Bürgerschaft (polteía) dar. Berücksichtigt man die geringe Größe der griechischen Kommunen[12], so wird die Verantwortung jedes einzelnen Polisbürgers deutlich. Die Gesellschaft der Polis konnte sich nicht auf eine herausgehobene Zentralgewalt stützen. Die Bürger selbst waren es, die den staatlichen Kern ihrer Stadt ausmachten. Christian Meier vertritt vor diesem Hintergrund die These, dass gegenüber den politischen Pflichten andere Interessen der Bürger relativ stark vernachlässigt worden seien. Jedenfalls seien häusliche Fragen, abgesehen von der allgemeinen Versorgung mit Lebensmitteln oder der Verteilung gewisser Lasten nicht zum Politikum geworden.[13]

Hannah Arendt, die sich in ihrem Werk besonders um eine Aktualisierung der griechischen Polis bemüht hat, kommt hinsichtlich des Gegenstandes der damaligen „menschlichen“, also öffentlichen Angelegenheiten zu einem ganz ähnlichen Schluss. Sie schreibt in „Vita activa“:

„Griechischem Denken gemäß ist die menschliche Fähigkteit für politische Organisation von dem naturhaften Zusammenleben, in dessen Mittelpunkt das Haus und die Familie stehen, nicht nur zu scheiden, sie steht sogar in einem ausgesprochenem Gegensatz dazu. Das Entstehen der Polis, die durchaus den Rahmen für das griechische Verständnis von Politik hergibt, hatte zu Folge gehabt, dass ein jeder außer seinem privaten Leben noch eine Art zweiten Lebens erhielt, seinen bios politikos. [...]. Von den Tätigkeiten, die in allen Formen menschlichen Zusammenlebens anzutreffen sind, galten nur zwei als eigentlich politisch, nämlich Handeln und Reden, und nur sie begründen jenen ‚Bereich der menschlichen Angelegenheiten’, [...], aus dem gerade alles nur Notwendige oder auch nur Nützliche ausgeschlossen war.“[14]

Arendt macht in dieser Passage - ganz im Einklang mit Meier - deutlich, dass in der griechischen Polis erstens das private Leben (oikos) von dem öffentlichen grundsätzlich unterschieden wurde und zweitens, dass das Nützliche, im Sinne von häuslichen Notwendigkeiten, auch inhaltlich nicht Gegenstand von Politik war. Der bloß biologische Lebensprozess wird nach Hannah Arendt im politischen Handeln überschritten.[15] Das Handeln in der Gemeinschaft der Bürger hat keine „praktischen“ Dienstleistungen zu erbringen. Es ist vielmehr andersrum: Ökonomie und Kultur haben den Menschen freizusetzen um ihn zum politischen Handeln zu befähigen.[16] Der Mensch findet so seine eigentliche Bestimmung: „Handelnd und sprechend offenbaren die Menschen jeweils, wer sie sind, zeigen aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens, treten gleichsam auf die Bühne der Welt, auf der sie vorher so nicht sichtbar waren [...].“[17] Aristoteles teilt hinsichtlich der Rangordnung der menschlichen Tätigkeiten die Position Arendts. Zu Beginn der Nikomachischen Ethik erklärt er es als Aufgabe der Politik (politiké), das letzte Ziel des menschlichen Handelns zu bestimmen:

[...]


[1] Alexis de Tocqueville in „Über die Demokratie in Amerika“, Band 1, Kap. 3

[2] Tocqueville dazu: „Eine Regierung allein vermag den Kreislauf von Gefühlen und Ideen in einem großen Volke ebenso wenig in Bewegung zu halten und zu erneuern, wie sie alle industriellen Unternehmungen leiten kann. Sobald sie aus dem politischen Bereich hinauszutreten versucht, um sich auf diese neue Bahn zu begeben, wird sie, sogar ohne es zu wollen, eine unerträgliche Tyrannei ausüben [...]. Deshalb ist es nötig, dass sie nicht allein handle. Die Zusammenschlüsse sind es, die den demokratischen Völkern die mächtigen Einzelnen ersetzen müssen […]. Siehe in „Über die Demokratie in Amerika“, Band 2, Kap. 23.Vgl. auch Hereth 1979: S. 28ff

[3] Tocqueville begreift daher das Gefüge zwischen Staat und Individuum, die so genannten pouvoirs intermédiaires als eigentliche Garanten einer funktionierenden Gesellschaft.

[4] Gemäß eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung: „Politische Partizipation in Deutschland“. Vgl. Bertelsmann 2004.

[5] Ebenda

[6] Bürgergesellschaft und Zivilgesellschaft werden im Folgenden synonym verwendet.

[7] Auch das Grundgesetz zeugt von dieser Schieflage. In den Artikeln 1-19 ist lediglich von Rechten, jedoch überhaupt nicht von Pflichten die Rede.

[8] Wie in den letzten Kapiteln dieser Arbeit herausgestellt werden wird, verfügt Deutschland durchaus über eine lange Tradition ehrenamtlichen, zivilgesellschaftlichen Engagements. Diese Tätigkeiten werden nur in der Regel nicht als politisch, sondern als „bürgerlich“ im Sinne von nichtstaatlich oder nichtpolitisch wahrgenommen.

[9] Im Folgenden soll von einem Polis- Ideal die Rede sein. Dementsprechend erhebt die folgende Abhandlung keinen Anspruch auf historische Authentizität. Es geht um die Rekonstruktionen des antiken Ideals von Bürgerschaft.

[10] Aristoteles dazu: „Endlich ist die aus mehreren Dorfgemeinden gebildete vollkommene Gesellschaft der Staat, eine Gemeinschaft, die gleichsam das Ziel vollendeter Selbstgenügsamkeit erreicht hat, die um des Lebens willen entstanden ist und um des vollkommenen Lebens willen besteht.“ Siehe: Politik I, 2, 1252 b.

[11] Aristoteles Politik, III, 1, 1275 a

[12] Platons stellte die Anzahl von 5040 Einwohnern als ideale Größe einer Polis dar. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Frauen, Sklaven und Kinder kein Bürgerrecht hatten. Vgl. Platon Gesetze, 5 737 d bis 738 a

[13] Vgl. dazu Meier 1980, S. 41ff

[14] Siehe: Arendt 1960, S. 28f

[15] Der biologische Lebensprozess wollte natürlich auch damals gesichert sein...

[16] Vgl. dazu Bielefeldt 1993, S. 43f

[17] Siehe Arendt 1960, S. 169

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die kommunale Zivilgesellschaft als Ort der Integration
Untertitel
Eine Skizze moderner Bürgerschaft
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
„Kommunalpolitik“
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V115160
ISBN (eBook)
9783640166596
ISBN (Buch)
9783640166602
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zivilgesellschaft, Hobbes, Rousseau, Kommunalpolitik, Bürgerschaft, Integration, Tocqueville, Hamburg, Soziales Engagement, Polis, Citoyen, Gemeinsinn, Arendt
Arbeit zitieren
Paul Trachmann (Autor), 2008, Die kommunale Zivilgesellschaft als Ort der Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115160

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