Auf Reisen im Mittelalter

Gahmuret und Herzog Ernst


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reisen im Mittelalter

3. Die Orientreisen des Gahmuret

4. Die Orientreisen des Herzog Ernst

5. Schlussfolgerung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die „Begegnung mit dem Fremden ist wesentlicher Bestandteil des mittelalterlichen Lebens“[1]. Eine der wesentlichen Möglichkeiten, Fremdes kennen zu lernen, war und ist es auf Reisen zu gehen.

Diese Möglichkeit hatte im Mittelalter jedoch nur eine geringe Anzahl von Menschen. Die überwiegende Mehrheit war sesshaft und stark mit ihrer Heimat verwurzelt. Bei denjenigen, die auf Reisen gingen, war es oft durch ihren Beruf oder ihre Aufgabe bedingt. So mussten zum Beispiel Händler, Soldaten und Pilger ihre Heimat verlassen. Nur ein sehr geringer Teil reiste zum persönlichen Vergnügen.

Die Begegnung mit dem Fremden erfolgte oft indirekt über Reiseberichte und Reisebeschreibungen, die nicht immer real waren. Viele Dichter erfanden Geschichten, in denen ihre Helden auf Reisen gingen. „Spätestens seit dem Beginn der Epoche des Hochmittelalters ist der epische Held geradezu [...] fast ständig unterwegs, Mobilität erscheint als epochales Signum seiner Seinsweise“[2]. Die Epen schildern oft die Reisevorbereitungen der Helden, „ihr Spektrum reicht vom umständlichen Bau einer ganzen Flotte über die typologische Bereitstellung der mitzuführenden Schätze bis zu den [Strophen], die ausführlich und liebevoll die Gewänderherstellung für die Reise beschreiben“[3].

Die Erzählungen sind meistens nach demselben Schema aufgebaut. Zunächst befindet sich der Held an einem vorbildlichen Artushof, den er verlässt, um Abenteuer, âventiure, in Wald und Wildnis zu bestehen. Dabei trifft er auf unhöfische Elemente und besucht einen oder mehrere ebenfalls unhöfische und kritikwürdige Höfe. Nach ritterlich-höfischen Zweikämpfen, bei denen er als Sieger hervorgeht, kehrt der Held an den Artushof zurück[4].

Zunächst wird in dieser Arbeit allgemeines zum Thema Reisen im Mittelalter erläutert. Danach wird die Darstellung des Fremden im Orient untersucht. Dazu werden die Orientreisen von Gahmuret aus Wolfram Eschenbachs Werk Parzival sowie Herzog Ernst aus der Fassung B eines unbekannten Verfassers herangezogen, die in den beiden folgenden Kapiteln beschrieben werden werden. In der Schlussfolgerung werden die wichtigsten Unterschiede und die Gemeinsamkeiten der beiden Reisebeschreibungen dargestellt.

2. Reisen im Mittelalter

Das Wort reisen stammt vom althochdeutschen risan ab, das aufstehen, sich erheben beziehungsweise aufbrechen zu kriegerischer Unternehmung bedeutet[5].

Zur mittelalterlichen Reise gehören die Begriffe viaticum, das das für den Weg Notwendige beschreibt, diurnum, also die Tagesstrecke, travail, die Arbeit und die Mühe, sowie peregrination, der Aufenthalt an einem fremden Ort[6].

Die Motive für eine Reise sind genauso unterschiedlich wie die Zugehörigkeit der Reisenden zu einer sozialen Schicht oder zu einer Gruppe.

Da nur die wenigsten Herrscher im Mittelalter eine feste Residenz besaßen, waren sie darauf angewiesen, in ihrem Reich herum zu reisen und dadurch zwangsläufig Präsenz zu zeigen und „Herrschaft durch den Eindruck ihrer Gegenwart sinnlich erfahrbar zu machen“[7]. Diese Art der herrschaftlichen Raumbewältigung fand erst gegen 1500 mit der Einrichtung von festen Residenzen ein Ende.

Da die weltlichen und kirchlichen Machthaber selbst viel unterwegs waren und da oft auch die Entfernung zu groß war, um sich persönlich zu begegnen, waren sie auf Vermittler angewiesen, um die Kontakte zu anderen Herrschern zu pflegen. Bei den Vermittlern sind zwei Gruppen zu unterscheiden: Boten waren oft von bescheidener Herkunft und hatten keine Handlungsvollmacht; Gesandte dagegen waren oft Adlige, Kleriker, Juristen oder reiche Kaufleute, die im Namen ihrer Auftraggeber sogar Verträge aushandeln durften[8].

Das ritterliche Reisen zeigte „Anspruch auf Freiheit von wirtschaftlichen Zwängen bei gleichzeitiger Verfügbarkeit von Zeit und Mitteln“[9]. Die Motive für die Reise waren hier vor allem das Streben Ruhm und Ehre, die Ritter durch ruhmreiche Taten und das Bestehen von Abenteuern, âventiuren, erringen wollte. Die Ritter verstanden sich dabei als miles christianus: Die Schauplätze ihrer âventiuren waren meistens Orte, an denen das Christentum mit dem Heidentum, oft in Form des Islam, in Berührung kam und daraus oft auch Konflikte entstanden. Doch âventiuren konnten auch die bloße Teilnahme an höfischen Turnieren und an ritterlichen Zweikämpfen sein, bei denen die Ritter sich bewährten. Die Reisen des Ritters bestanden in diesen Fällen also nur aus dem Besuchen mehrere Höfe.

Das Verhältnis der Kirche zum Reisen war gespalten: Einerseits warnte sie vor den Gefahren, andererseits schickte sie Menschen auf Reisen, um zum Beispiel an wichtigen kirchlichen Treffen teilzunehmen. Doch der Teil der Reisen bejahte überwog, vor allem auch wegen der vielen Vorbilder aus der Bibel[10]. So gingen auch Geistliche auf Reisen. Auch die Päpste selbst waren im Kirchenstaat unterwegs. Es handelte es sich dabei oft allerdings nur um die Flucht vor dem ungesunden römischen Sommerwetter. Des Weiteren reisten geistliche Reichsfürsten oft auch, um in ihrem Territorium Präsenz zu zeigen und die Macht auszuüben oder an Kirchenversammlungen oder Reichstagen teilzunehmen. Doch ihre Reisen dienten auch ihrem persönlichen Vergnügen, wie beispielsweise die Sommerpartien von Papst Pius II. oder die Bade- und Vergnügungsreisen eines Abts von Salem[11].

Daneben waren auch Gelehrte auf Reisen. Sie waren oft im Auftrag eines weltlichen oder geistlichen Fürsten unterwegs, der ihnen eine heikle diplomatische Aufgaben übertragen hatte. Sie sollten zum Beispiel Frieden zwischen Feinden stiften, dynastische Verbindungen anbahnen oder Aufschub in Rechtssachen erlangen. Diese Aufgaben wurden ihnen übertragen, da sie über die dazu erforderlichen Sprachkenntnisse und Argumentationsfähigkeit verfügten.

Auf Reisen waren vor allem auch jene, die aufgrund ihres Berufes unterwegs sein mussten. Zu dieser Gruppe gehören nicht nur Handwerker, Bäcker oder Kirmesverkäufer, sondern vor allem Fernkaufmänner.

Frauen gingen zwar seltener auf Reisen, aber auch sie verließen ihre Heimat. Häufig begleiteten sie ihre Männer oder Väter auf deren Reisen. Es gab aber auch selbstständige Unternehmungen von Frauen, mit oder ohne Gefolge. Dazu gehörten zum Beispiel die Fahrten fürstlicher Bräute quer durch Europa. Dabei begleiteten sie meistens ein großes Gefolge mit vielen Reittieren, um den zukünftigen Ehemann zu beeindrucken[12].

Der Prototyp des mittelalterlichen Reisenden war aber der Pilger[13]. Nicht nur Adlige und Reiche gingen auf Wallfahrt, auch einfache Menschen gingen auf Pilgerfahrt. Die Absicht der Pilger war es, sich die Heilsgeschichte dort zu vergegenwärtigen, wo Gott sich unmittelbar oder mittelbar offenbart hatte. Das „Kommen und Gehen der Pilger wurde betreut, ihr Aufenthalt und geistliches Handeln durchgreifend organisiert“[14]. Daran zeigt sich, dass das Pilgern im Mittelalter nichts Außergewöhnliches darstellte.

Die meisten Pilger waren zu Fuß unterwegs, denn die wenigstens besaßen ein Reittier. Auf dem Weg suchte und fand man Gesellschaft von Schicksals- oder Berufskollegen. Davon versprach man sich nicht nur Kurzweil, sondern auch Sicherheit[15].

Beachtet wurde bei der Planung einer Reise vor allem die Jahreszeit. Das Frühjahr war oft die Zeit des Aufbruchs, weil die Tage länger und wärmer wurden. Der Schnee war geschmolzen und mögliche Reit- und Packtiere fanden Futter. Oft gingen in dieser Zeit auch jene auf Reisen, die im Frühsommer eines der vielen Feste besuchten, die zur Feier des Endes des Winters gefeiert wurden[16].

In Mittel- und Nordeuropa reiste man jedoch vorzugsweise im Sommer, da die Tage in dieser Jahreszeit deutlich länger waren als im Winter. Außerdem bestand die Möglichkeit im Freien zu übernachten, wenn man sich keine Unterkunft leisten konnte oder keine zu finden war. In südlichen Ländern war das Reisen allerdings wegen der Hitze in dieser Zeit beschwerlich[17].

Daneben waren im Herbst vor allem die Reisenden begünstigt, die auf dem Landweg unterwegs waren. Das Wetter war auch dann oft noch warm genug, um im Freien zu übernachten, die Wege waren trocken und das Hochgebirge schneefrei. Mit der Ernte sanken außerdem die Lebensmittelpreise[18].

Im Winter vermied man es zu reisen. Denn spätestens ab November musste man wegen Regen und verschlammten Wegen mit einer beschwerlichen Reise rechnen. Außerdem konnte man sich bei Nebel oder Schneetreiben schnell verirren. In der Seefahrt drohten Winterstürme, die Mensch und Material gefährdeten[19].

Der Ablauf einer Reise gestaltete sich wie folgt. „Stand man vor einer längeren Reise, ordnete man sein Haus, versöhnte Zerstrittene und mahnte Gefährdete zum Frieden; man bestellte einen Vertreter für die Zeit der Abwesenheit, versorgte sich mit Empfehlungsschreiben, Geld und Kleidung. Man setzte sein Testament auf, das auch Leistungen für das eigene Seelenheil vorsehen konnte [...]. Hatte man getan, was in den eigenen Kräften stand, bat man Gott und die Heiligen um ihren Beistand. Dazu besuchte man Kirchen, empfahl sich den Fürbitten von Verwandten und Freunden; Mächtige ließen in Klöstern ihres Herrschaftsbereiches für ein Gelingen des Unternehmens beten.“[20]

Während einer Reise wurden Reisende in verschiedenen Situationen als Gast aufgenommen. Der Empfang eines Gastes gestaltete sich in der Regel freundlich, da dies der Ausdruck einer frommen und gottgefälligen Haltung war, die durch biblische Vorbilder geheiligt war[21]. Der Rang und die Wertschätzung, die man dem Ankommenden entgegen brachte, konnte man an der Länge des Weges ablesen, den man ihm entgegenging.

Die Rückkehr eines Reisenden wurde ähnlich gestaltet wie der Aufbruch: es sprach sich herum, wenn sich jemand nach mühevoller Reise glücklich dem Heimatort näherte[22].

[...]


[1] Cieslik, Karin: Fremdheitserfahrung in deutschen Romanen des Spätmittelalters, In: Erfen, Irene / Spiess, Karl-Heinz (Hgg.): Fremdheit und Reisen im Mittelalter, Stuttgart 1997, S. 277.

[2] Bräuer, Rolf: Das abenteuerliche Unterwegssein und „Erfahren“ der Welt als konstitutive Existenz des epischen Helden der mittelalterlichen Literatur, In: Erfen, Irene / Spiess, Karl-Heinz (Hgg.): Fremdheit und Reisen im Mittelalter, Stuttgart 1997, S. 53.

[3] Ebenda, S. 59.

[4] Ebenda, S. 60.

[5] Ohler, Norbert: Reisen im Mittelalter, 4. überarb. und erw. Aufl. München 1986, S. 14.

[6] Ebenda.

[7] Reichert, Folker: Erfahrung der Welt. Reisen und Kulturbegegnung im späten Mittelalter, Stuttgart 2001, S. 12.

[8] Ohler, Norbert: Reisen im Mittelalter, S. 125.

[9] Reichert, Folker: Erfahrung der Welt, S. 12.

[10] Ohler, Norbert: Reisen im Mittelalter, S. 113.

[11] Reichert, Folker: Erfahrung der Welt, S. 13.

[12] Ebenda, S. 14.

[13] Ohler, Norbert: Reisen im Mittelalter, S. 209.

[14] Reichert, Folker: Erfahrung der Welt, S. 14.

[15] Ohler, Norbert: Reisen im Mittelalter, S. 17.

[16] Ebenda, S. 28f.

[17] Ebenda, S. 29.

[18] Ebenda, S. 30.

[19] Ebenda, S. 33.

[20] Ohler, Norbert: Reisen im Mittelalter, S. 211/2.

[21] Ebenda, S. 214.

[22] Ebenda, S. 216.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Auf Reisen im Mittelalter
Untertitel
Gahmuret und Herzog Ernst
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Auf Reisen
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
23
Katalognummer
V116239
ISBN (eBook)
9783640182718
ISBN (Buch)
9783640182817
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reisen, Mittelalter, Reisen, Gahmuret, Herzog Ernst
Arbeit zitieren
Maike Doll (Autor), 2008, Auf Reisen im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116239

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