Das römische Heer der Kaiserzeit

Rekrutierungswesen und Auszeichnungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
35 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. System und Methodik der Rekrutierung und Ausbildung von Freiwilligen im kaiserzeitlichen Heer
II.a. Einführung
II.b. Die Musterung
II.c. Exkurs: Die Grundausbildung
II.d. Vom Rekruten zum Soldaten
II.e. Zusammenfassung

III. dona militaria – Militärische Auszeichnungen des römischen Heeres
III.a. Einführung
III.b. CORONA OBSIDIONALIS
III.c. CORONA CIVICA
III.d. CORONA MURALIS und CORONA VALLARIS
III.e. TORQUES
III.f. PHALERAE
III.g. Zusammenfassung

IV. Abbildungsteil

V. Bibliographie

VI. Hand – Out

I. Einleitung

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die schriftliche Ausarbeitung des Referates ‚Das römische Heer der Kaiserzeit - Rekrutierungswesen und Auszeichnungen’, welches im Wintersemester 2007 / 2008 im Rahmen des Hauptseminars ‚Die Legionen Roms’ unter der Leitung von Herrn PD Dr. Ulrich - Walter Gans vorgetragen wurde.

Das Referat gliederte sich in zwei Teile. Der erste Teil hatte die Erläuterung des kaiserzeitlichen Rekrutierungswesens zum Thema. Im zweiten Teil wurde ein Einblick in die verschiedenen Auszeichnungen des römischen Militärs gewährt.

Die nun hier vorliegende Ausarbeitung möchte, einen keineswegs erschöpfenden Einblick in die komplexe Materie des kaiserzeitlichen Rekrutierungswesen und den vielfältigen römischen Militärauszeichnungen geben.

II. System und Methodik der Rekrutierung und Ausbildung von Freiwilligen im kaiserzeitlichen Heer

II.a. Einführung

Das Heer der römischen Republik und das der Kaiserzeit unterschieden sich grundlegend. Erkenntlich wird dies besonders bei näherer Betrachtung der Organisationsstrukturen des Militärs während dieser beiden Epochen der römischen Geschichte.

Seit ungefähr dem Ende des 2. Jhr. v. Chr. ist ein Strukturwandel innerhalb der republikanischen Armee zu verzeichnen, der sich in den veränderten Anforderungen, die von diesem Zeitpunkt an verstärkt von außen an das aus römischen Bürgern bestehende Heer gestellt wurden, begründete. Auseinandersetzungen mit Kimbern und Teutonen, sowie die zunehmende territoriale Expansion Roms, erforderten eine vermehrte und bisweilen auch dauerhafte militärische Präsenz in einigen der eroberten Gebiete. Feldzüge waren nicht mehr nur auf die Sommermonate beschränkt, wie es bis zu diesem Zeitpunkt üblich war, sondern einzelne Einheiten blieben, sofern es die militärische Großwetterlage erforderte, längerfristig in entfernten Territorien stationiert. Aus dieser Notwendigkeit entstanden für die nicht geringe Anzahl derjenigen Soldaten des republikanischen Heeres, die sich aus der Bauernschaft rekrutierten, große Probleme. Die längere Abwesendheit von ihren Gehöften bedeutete, dass ihre Felder brach fielen. Der Spagat zwischen einer ausreichenden Getreideversorgung der eigenen Bevölkerung und einer ebenso ausreichenden militärischen Präsenz in den erworbenen Territorien erwies sich für die Entscheidungsträger in der römischen Politik und dem Militär als äußerst problematisch.

Unter dem Eindruck dieser Ereignisse und den daraus gewonnenen Erfahrungen zeichnete sich ab, dass das republikanische Bürgerheer mit seinen bis dahin bewährten Strukturen den andersartigen Aufgaben und Anforderungen nicht mehr gewachsen war. Um die Oberhand in seinem, bis zu diesem Zeitpunkt geschaffenen Einflussbereich auch auf längere Frist behalten zu können, war die Umwandlung und Neustrukturierung des republikanischen Bürgerheeres zu einer professionellen und gut ausgerüsteten Berufsarmee die notwendige und logische Konsequenz. Diese Wandlung wurde, verkürzt gesagt, an der Wende des 2. zum 1. Jhr. v. Chr. durch die Heeresreformen des Popularen Gaius Marius (*156 v.Chr. - †13.1.86 v.Chr) eingeleitet. Mit seinen Reformen schuf Marius den Unterbau für die kaiserzeitliche Armeeorganisation.[1] Dabei ist anzunehmen, dass Marius das römische Heer nicht ad hoc gänzlich ‚neu erfand’, sondern, dass die von ihm angestoßenen Reformen das Resümee einer sich bereits seit Jahrzehnten innerhalb der republikanischen Armee abzeichnenden Entwicklung waren.

Diverse antike Schriftquellen geben Aufschluss über die vielschichtige Geschichte und Entwicklung des römischen Heerwesens. Für die späte Republik sind hier einerseits der ‚ Bellum Iuguhrtum ’ des Sallust (*1.10.86 v.Chr. - †13.5.34 v.Chr) und ‚ De Bello Gallico ’ von Caesar (*13.7.100 v.Chr. - †15.3.44 v.Chr) zu nennen. Andererseits die ‚ Naturalis Historiae ’ des Plinius Secundus (*23/24 - †79 n.Chr.), der in Griechisch verfasste ‚ Bellum Iudaeicum ’ des Opportunisten Flavius Iosephus (*37/38 n.Chr. - †um 100), die ‚ Annales ’ des Tacitus (*55 n.Chr. - †nach 116 n.Chr.), sowie das ebenfalls in griechischer Sprache verfasste Geschichtswerk des Cassius Dio (*um 163 n.Chr. - †um 235 n.Chr.) für die Kaiserzeit. Besonders aber der Schriftsteller Flavius Vegetius (4. Jhr. n.Chr.) befasst sich in seinem Werk ‚ De re militari ’ ausgiebig mit der Materie der Anwerbung und Ausbildung von Rekruten für die römische Armee und ist somit nicht nur im Rahmen dieser Arbeit eine der antiken Hauptquellen für diesbezügliche Informationen.

II.b. Die Musterung

Den exemplarisch angeführten Berechnungen von Yann Le Bohec zu Folge benötigte das römische Imperium bei einer militärischen Gesamtstärke von 25 Legionen (die Zahl der Legionen schwankte während der gesamten römischen Kaiserzeit erheblich), zuzüglich der Marine und den Auxiliartruppen jährlich etwa 18.000 neue Rekruten, um die erlittenen Verluste und Abgänge zu ersetzen. Bei der Auffrischung der Truppen bediente sich der Staat erst der Freiwilligen, die bei Rekrutierungsstellen vorstellig wurden. Reichte deren Zahl nicht aus, um erlittenen Verluste zu kompensieren, Krisenzeiten eine Aufstockung der Kontingente notwendig machten oder sich schlechterdings nicht genügend, den Anforderungen entsprechende, Freiwillige meldeten, wurden Rekruten einberufen. Konnte die erforderliche Sollstärke auch durch die Einberufung von Rekruten nicht erreicht werden wurden zusätzlich Veteranen reaktiviert.[2]Die Überwachung der Rekrutierung von Freiwilligen oblag in Friedenszeiten gemeinhin den Statthaltern der einzelnen Provinzen, welche letztinstanzlich die Verantwortung dafür trugen.[3]In Kriesenzeiten hingegen konnten spezielle Beamte mit der Truppenaushebung (lat.: dilectus) beauftragt werden. Sie wurden als missi ad dilectum, legati ad dilectum, diletatores oder inquisitores bezeichnet.[4]

Das elaborierte System, nach welchem Freiwillige seit dem frühen Prinzipat auf ihre Tauglichkeit für den Militärdienst untersucht wurden gliederte sich in zwei Stufen deren erste die Musterung (lat.: probatio) darstellte.[5]Vegetius zu Folge erfolgte die Musterung durch einen Offizier der mit der Überprüfung der für den Militärdienst erforderlichen Qualifikationen betraut war. Die Freiwilligen wurden in einer medizinischen Untersuchung sprichwörtlich auf Herz und Nieren geprüft. Aus Vegetius Werk geht hervor, dass eine gut physische Verfassung von wesentlicher Bedeutung war. Der verantwortliche Offizier sollte, ähnlich der Begutachtung von Nutztieren, deren körperliche Verfassung sich laut Vegetius an Hand ähnlicher Kriterien feststellen lässt, auf Körperhaltung und Körpersprache, Gliedmaßen, Gesicht und Augen achten. Der potentielle Rekrut sollte sich durch einen breiten, muskulösen Oberkörper, kräftige Arme und starke Hände auszeichnen.[6]

Was die Größe anbelangt, so behauptet Vegetius, dass die ideale Größe eines Soldaten in der ‚Vorzeit’ zwischen fünf und sechs römischen Fuß lag.[7] Welchen Zeitraum er damit ungefähr meint, geht aus seinen Ausführungen jedoch nicht hervor. Von Nero (*15.12.37 n.Chr. - † 09.06.68 n.Chr.) ist in diesem Zusammenhang allerdings bekannt, dass er während seiner Regierungszeit von 54 bis 68 n.Chr. eine Legion mit einem Mindestmaß von mindestens sechs römischen Fuß ausheben ließ; die Legio I Italica oder auch ’Phalanx Alexanders des Großen’. Die Legio I Italica ist hier insofern erwähnenswert, da anzunehmen ist, dass zu Neros Zeiten sechs römische Fuß nicht als Mindestmaß gegolten haben dürften, sondern wahrscheinlich eine außergewöhnliches Gardemaß darstellten. Gemäß dem Codex Theodosianus lag das erforderliche Mindestmaß um 367 n.Chr. bei fünf Fuß und sieben Fingerbreiten (lat.: digitus).[8]Die Überprüfung der Größe erfolgte durch das Anlehnen des Freiwilligen gegen einen auf das Mindestmaß genormten Pfosten.[9] Eine zu geringe Körpergröße bedeutet aber nicht zwangsweise den Ausschluss vom Krie]gsdienst. Laut Vegetius verfügte der rekrutierende Offizier im Rahmen der Vorgaben über einen gewissen Spielraum. Bei der Bewertung der Tauglichkeit sollte nicht allein die Körpergröße als ausschlaggebender Faktor berücksichtigt werden, sondern vielmehr der körperliche Zustand, da es zweckdienlicher erschien leistungsfähige denn groß gewachsene Freiwillige zu rekrutieren.[10]

Rekruten sollten nach Vegetius’ Meinung möglichst aus ländlich geprägten Regionen im Norden des Imperiums stammen. Freiwillige aus diesen Gebieten seien für den Kriegsdienst besser geeignet, da sie einerseits durch das kühlere Klima, andererseits durch die harte physische Arbeit, welche das Landleben in diesen Regionen mit sich bringe, widerstandsfähiger gegen Verletzungen seien.[11]Freiwillige aus der Stadt hingegen seien das urbane Leben mit seinen zahlreichen Annehmlichkeiten zu sehr gewöhnt, so dass sie sich nur schwerlich in das entbehrungsreiche und von Disziplin geprägte Leben der Armee eingliederten.[12]Aus einem ähnlichen Grunde seien auch: ’…Fischer, Vogelfänger, Zuckerbäcker, Leinweber, und überhaupt alle die sich mit Arbeiten beschäftigen, die auch von Frauenzimmern besorgt werden können und auch sollen, […] für das Kriegswesen nicht geeignet.’[13]Bewerber, deren berufliche Tätigkeit sich durch eine intensive physische Beanspruchung auszeichnete seien Letzteren vorzuziehen.

Auf die physische Verfassung eines Rekruten wurde bei der Bewertung seiner Tauglichkeit also besonders Wert gelegt. Dennoch scheint es Fälle gegeben zu haben, in denen Rekruten trotz einer körperlichen Beeinträchtigung für tauglich erklärt wurden. So berichtet Arrius Menander: ’ Qui cum uno testiculo natus est quive amisit, iure militabit secundum divi Traiani rescriptu. ’[14]Durch eine kaiserliche Weisung wurde den hiervon Betroffenen der Kriegsdienst, trotz der körperlichen Versehrtheit, ermöglicht.[15]

Das Alter steht in engem Zusammenhang mit der physischen Verfassung eines Freiwilligen. Vegetius erörtert auch dieses Kriterium ausführlich in einem gesonderten Kapitel. Seinen Ausführungen ist dabei zu entnehmen, dass das ideale Eintrittsalter zum Militärdienst in den Legionen der Beginn der Pubertät sei. Die begründe sich Vegetius darin, dass der Körper in dieser Phase noch im Wachstum sei, noch nicht an Altersverschleiß leide und das Kriegshandwerk dank der jugendlichen Auffassungsgabe rasch zu erlernen sei. Cassius Dio gibt in einer seiner Schriften das 35. Lebensjahr als obere Altersgrenze für den Kriegsdienst an.[16] Ebenso wie der Geschichtsschreiber Titus Livius (*um 59 v.Chr. - †17n.Chr.).[17] Allerdings ist, unter Berücksichtigung der im betreffenden Abschnitt von Livius geschilderten Begleitumstände der Aushebung fraglich, in wie fern die von ihm genannte Altersgrenze auch in Friedenszeiten gegolten hat. Livius berichtet: ‚ Sogar Freigelassene hatten auf die Fahnen geschworen, wenn sie Kinder und das dienstfähige Alter hatten. ’[18]

Die Ergebnisse einer Analyse der Laufbahnen von fünfhundert Legionären zeigen jedoch, dass die Angaben des Vegetius, am unteren Ende der Altersskala als auch die des Cassius Dio und die des Livius am oberen Ende der Skala, größtenteils der Realität entsprachen. Die Auswertung der Laufbahnen ergab, dass alle Legionäre zwischen dem 13. und 36. Lebensjahr der Armee beitraten, dreiviertel von ihnen zwischen dem 18. und 23. Lebensjahr.[19]

Dass laut Livius selbst Freigelassene rekrutiert wurden unterstreicht die Dringlichkeit der beschriebenen Aushebung umso mehr. Freigelassenen oder gar Sklaven war der Dienst in den Legionen, wie eine Korrespondenz zwischen Plinius dem Jüngeren (*61/ 62 n.Chr. - †um 113 n.Chr.) und Kaiser Traian (*53 n.Chr. - †117 n.Chr.) belegt, ansonsten nicht erlaubt. Der betreffende Briefwechsel gewährt einen Einblick in die rechtliche Stellung der Unfreien und besonders der Sklaven: Zwei Sklaven hatten unerkannt und entgegen der Vorschriften versucht dem Militär beizutreten. Sie hatten bereits die Musterung und auch die Grundausbildung abgeschlossen, als ihre rechtliche Stellung bekannt wurde. Plinius, der zu diesem Zeitpunkt mit dem Amt des Statthalters der Provinz Bithynien betraut war (um 111 n.Chr.), wendet sich nun in dieser Angelegenheit Rat suchend an Kaiser Traian: „ Semporius Caelianus (whose merit I must always mention with esteem) having discovered two slaves among the recruits has sent them to me. But I deferred passing sentence till I had conferred with you, the glorious founder, and firm support of military discipline, concerning the punishment proper to be inflicted upon them. My principal doubt is, that though they have taken the military oath, they are not yet entered into any particular legion. I beg therefore, Sir, you would let me know what method I shall pursue, especially as it is an affair in wich example is concerned.”.[20]

Den Zeilen des Plinius ist deutlich zu entnehmen, dass die freie Geburt ein bedeutsames Kriterium für die Zulassung zum Militärdienst darstellte. Ohne einen solchen Nachweis, oder konnte die freie Geburt auch nur nicht zweifelsfrei belegt werden, blieb der Dienst in einer römischen Legion zumindest in Friedenszeit verwehrt.[21]Ausschließlich in Krisen- oder Kriegzeiten, wenn eine Verstärkung der Truppen unbedingt erforderlich war, der Bedarf an Soldaten aber nicht mehr in ausreichendem Maße durch Freiwillige, Einberufene oder Veteranen gedeckt werden konnte, ging das römische Militär vereinzelt dazu über Unfreie zu rekrutieren.[22]Die auf diese Wiese rekrutierten Soldaten leisteten ihren Dienst jedoch gemeinhin nicht in den regulären Einheiten ab, sondern in gesonderten Hilfstruppen (lat.: cohors voluntariorum).[23]Die Rekrutierung von Unfreien und deren Dienst im römischen Heer stellte demnach etwas Exzeptionelles dar, da sich in Krisenzeiten auch gewöhnlich Freiwillige in ausreichendem Maße fanden.

Ebenso wie es Unfreien und Sklaven nicht erlaubt war, war es auch Personen ohne römisches Bürgerrecht, Ehebrechern, vormaligen Deserteuren oder Verbannten nicht erlaubt Dienst in den Legionen zu leisten.[24]

Um ihre freie Geburt und das römische Bürgerrecht nachweisen zu können und somit ihre einwandfreie Reputation zu unterstreichen, ließen sich potentiellen Rekruten zu diesem Zweck Referenzschreiben (lat.: epistula commendaticia) von Vertrauenspersonen ihrer Wahl ausstellen. Meist handelte es sich bei den Ausstellenden um Personen aus dem näheren Umfeld des Freiwilligen, die gewissen politischen oder anderweitigen Einfluss besaßen, den sie im Sinne des Rekruten geltend machen konnten. Aus dem 2. Jhr. n.Chr. ist ein solches Referenzschreiben des Freiwilligen Theon erhalten geblieben: „ To Julius Domitius, tribunus militum legionis , from Aurelius, his beneficarius . I have once previously recommended my friend Theon to you, and now again ,Sir, I ask you to look upon him as if he were me, as he is a man worthy of your regard. He has left his own family, property, and buisness, and followed me, and through he has relieved me from worry. I therefore request an introduction for him to you. He can tell you about our business. Whatever he has said, he has done. I have a high regard for the man [...] May I wish you and your people, Sir, every happiness and success for many years to come. Look upon this letter, Sir, and imagine that I am talking with you.”[25]

Den an den musternden Offizier adressierten höflichen, aber auch mit subtilem Nachdruck versehenen Zeilen des Bürgens (lat.: beneficarius) ist zu entnehmen, dass Theon bereits zum wiederholten Male versuchte aufgenommen zu werden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist also davon auszugehen, dass ein solches Referenzschreiben letztendlich nur unterstützende Funktion bei der Bewertung der Tauglichkeit eines Rekruten besaß und etwaige andere Defizite praktisch nicht zu neutralisieren vermochte.[26]

Erfüllte der Freiwillige nach seiner Musterung jedoch alle der zuvor genannten relevanten Kriterien in ausreichendem Maße, wurde er für tauglich befunden (lat.: probatus). Der Freiwillige stieg damit zum Rekruten (lat.: tiro) auf und wurde von diesem Zeitpunkt an als ein solcher in den Akten der zuständigen Militärverwaltung geführt.[27]

In der für jeden neuen Rekruten angelegten Akte wurden verschiedene persönliche und für den Militärdienst relevante Informationen vermerkt. Neben dem Datum der Tauglichkeitserklärung und dem Namen des hierfür verantwortlichen Offiziers enthielt eine solche Akte außerdem den vollständigen Name des Rekruten, Angaben zu dessen Alter, Charakter und Gesundheitszustand, sowie zu Identifikationszwecken einen Vermerk über unverkennbare individuelle Körpermerkmale (lat.: incosimi) wie z.B. Narben.[28]Parallel zur Erstellung der Akte erfolgte die Zuweisung eines jeden probaten Freiwilligen zu einer Einheit, bei der er nachfolgend die Grundausbildung zu absolvieren hatte. Dem Rekruten wurde von seiner Rekrutierungsstelle zusätzlich ein Schreiben mit seinen persönlichen Angaben ausgestellt und ihm zur Vorlage bei seiner zugewiesenen, zukünftigen Einheit mitgegeben. Mitunter waren die Einheiten denen die Rekruten zugewiesen wurden in entfernten Regionen des römischen Imperiums stationiert, so dass häufig größere Distanzen zwischen dem Ort der Musterung und dem zugewiesenen Militärposten überwunden werden mussten. Die dabei anfallenden Reisekosten fielen auf die Rekruten zurück, welche diese vom zuvor erhaltenen Antrittsgeld (lat.: viaticum) finanzierten.[29] Traf der Rekrut bei seiner neuen Einheit ein, wurde seine Ankunft vom Dienst habenden Offizier in den Tagesbefehlen (lat.: acta diurna) vermerkt.

Rekruten besaßen einen rechtlichen Sonderstatus. Einerseits galten sie nach absolvierter Musterung nicht mehr als Zivilisten, andrerseits, da die Grundausbildung noch nicht mit Erfolg absolviert worden war, auch noch nicht als Soldaten.[30] Wichtig war die rechtliche Stellung für die disziplinarische Maßregelung der in militärischen Angelegenheiten noch unerfahrenen Rekruten. Gemeinhin wurden Rekruten bei eventuellen Vergehen gegen die Dienstvorschriften weniger hart bestraft als voll ausgebildete oder altgediente Soldaten.[31] So wurde unter Anderem das erstmalige unerlaubte Entfernen eines Rekruten von der Truppe oder das Verkaufen der Ausrüstung nicht geahndet. Bei einem erneuten Verstoß gegen die Dienstvorschriften, erfolgte jedoch eine Sanktionierung nach Vorschrift, da nun davon ausgegangen wurde, dass der Rekrut mit den Direktiven des Militärs vertraut war.[32]

II.c. Exkurs: Die Grundausbildung

Vegetius widmet einen Teil seines hier bereits mehrfach zu Rate gezogenen Werkes der Beschreibung der militärischen Grundausbildung in der römischen Armee im 4. Jhr. n. Chr.. Seine sachlich gefassten, anschaulichen Ausführungen geben, bis zu einem gewissen Grad, Aufschluss über die gängige Ausbildungspraxis seiner Epoche und die dabei vermittelten Inhalte: „ Alles hat seine Zeit zum lernen, und Waffenübung ist nicht so leicht, als sie scheint, zu lernen, sie mag für einen Fußgänger [Fußsoldaten] , Pfeilschützen oder Reiter seyn. Alle Bewegungen des Leibes und seiner Glieder, das Stehen bleiben an Ort und Stelle, das Schwenken ohne die Reihen zu verwirren, die Wurfpfeile mit Kraft und treffend zu schleudern, Gräben zu ziehen, Pallisaden geregelt zu setzen, mit dem Schilde sich zu schützen, dagegen sein Hiebe und Stiche mit Erfolge anzubringen, das will, das muß gelernt und stets geübt auch werden, will man, daß der Neuling zum Soldaten werde, und so den ihm gegenüber stehenden Feind nicht fürchte, wohl gar auf dem Schlachtfelde sich gerne sehe. “[33]

Einerseits ist den Zeilen zu entnehmen, dass die Grundausbildung recht komplex strukturiert war und nicht ausschließlich das Erlernen der Grundlagen des militärischen Handwerkes zum Ziel hatte. Vielmehr erfolgte wohl bereits in dieser Phase eine militärfachspezifische Ausbildung der Rekruten, welche sich je nach Truppengattung unterschied und dabei die jeweils unterschiedlichen Anforderungen und Einsatzmöglichkeiten berücksichtigte. Andererseits ist der angeführten Textstelle zu entnehmen, dass es dabei aber auch unweigerlich notwendig war den Rekruten in ausreichendem Maße Zeit zu gewähren, damit die einzelnen Elemente der Ausbildung zu Genüge verinnerlicht werden konnten.

Vegetius zu Folge erstreckte sich die Grundausbildung gewöhnlich über einen Zeitraum von mindestens vier Monaten, in denen der Umgang mit verschiedenen Offensiv- und Defensivwaffen, wie auch das Einhalten taktischer Formationen während eines Gefechtes erlernt und durch Übungsmärsche mit Gepäck oder Schwimmen die Kondition verbessert werden sollte.[34] Der Schulung und der körperlichen Abhärtung dienten wohl auch die verschiedenen von Rekruten zu Übungszwecken vollbrachten Schanz- und Bauarbeiten. Zwei aus der ehemaligen Provinz Cyreneica im Nordwesten der heutigen Türkei stammende Meilensteine sind ein epigraphisches Zeugnis solcher Tätigkeiten. Den Inschriften: ‚VIAM [TRAIAN] FECIT PER TIRONES LECTOS EX PROVINCIA CYRENSI’[35]ist zu entnehmen, dass die betreffende Straße zweifelsohne durch Rekruten der römischen Armee, oder zumindest unter derer aktiver Beteiligung, angelegt wurde.

Die Errichtung von Feldlagern durch Rekruten erscheint im Hinblick auf die Ergebnisse archäologischer Untersuchungen in den Kastellen Haltwhistle in Nordengland, Llandrindod in Wales und dem südlich von Xanten gelegenen Alpen – Veen (s. Abb. 2) ebenfalls wahrscheinlich.[36]Die Entwicklung der Rekruten wurde während der gesamten Zeit ihrer Ausbildung von dem jeweils zuständigen Ausbilder (lat.: campidoctor) überwacht. Er überprüfte die Leistungsfähigkeit durch regelmäßige Übungseinheiten und vermerkte dabei Fort- oder auch Rückschritte in der persönlichen Akte eines jeden Rekruten. Auf diese Weise konnte die Entwicklung des Einzelnen nachvollzogen und beurteilt werden, ob der betreffende Rekrut am Ende der Grundausbildung tatsächlich für den Kriegsdienst geeignet war.[37] Dabei erhöhte ein differenziertes Sanktionierungssystem zudem den Leistungsdruck unter den Rekruten. Während das System einerseits zufrieden stellende Leistungen verschiedenartig belohnte, strafte es andererseits unzureichende Leistungen u.a. durch die Reduzierung der persönlichen Getreideration ab.[38]

[...]


[1] Junckelmann, Marcus: Die Legionen des Augustus. 1 1989 Mainz.S.86.

[2] Le Bohec, Yann.: Die römische Armee. 1 1989 Paris.S.77.

[3] Le Bohec, Yann.: Die römische Armee. 1 1989 Paris.S.76.

[4] Le Bohec, Yann.: Die römische Armee. 1 1989 Paris.S.77.

[5] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh.S.3.

[6] Vegetius: De re militari. I,6.

[7] nach Kinne, Andreas: Tabellen und Tafeln zur Grabungstechnik - ein Hilfsmittel für die archäologische Geländearbeit. 4 2006 Dresden.S.8. 1 röm. Fuß = 29,6 cm

[8] nach Kinne, Andreas: Tabellen und Tafeln zur Grabungstechnik - ein Hilfsmittel für die archäologische Geländearbeit. 4 2006 Dresden.S.8. 1 röm. digitus = 1,85 cm

[9] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh.S.6.

[10] Vegetius: De re militari. I,6.

[11] Vegetius: De re militari. I,2.

[12] Vegetius: De re militari. I,3.

[13] Vegetius: De re militari. I,7.

[14] Arrius Menander: On Military Affairs. I, 49, 16, 4

[15] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh.S.7.

[16] Cassius Dio: LV,23,1

[17] Livius: Ab urbe contita. XXII, 11,8

[18] Livius: Ab urbe contita. XXII, 11,8

[19] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh.S.7.

[20] Plinius: Epistulae. X.29

[21] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh.S.9f.

[22] Arrius Menander: On Military Affairs: I, 49,16,4,10

[23]

[24] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh.S.9f.

[25] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh.S.12.

[26] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh.S.11.

[27] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh.S.12.

[28] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh. S17f.

[29] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh.S.19f.

[30] Le Bohec, Yann: Die römische Armee. 1 1989 Paris.S.80.

[31] Arrius Menander: 49,16,4,15.

[32] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh.S.16f.

[33] Vegetius: De re militari. I.4.; Übersetzung derselben Textstelle nach Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 1 1989 Edinburgh.S.15,Z.: ‘ A recruit must have time to learn everything. For the art of weapons – whether you wish to train a cavalaryman , foot-archer or infantry man – must not seem small or light, to teach them the whole range of arms – drill and movements, not to desert their posts, to keep their ranks, to throw their weapons with great force and accuracy, to dig ditches, to plant a palisade with skill, to handle their shield and deflect the oncoming weapons of the enemy by holding it at an angle, to avoid a blow with skill and deliver one with bravery. ’

[34] Vegetius: De re militari. I,9 - I,14; I,18; I,19; I,27; II,23; III,4.

[35] Merlin, Alfred (Hrsg.): L’Annee Epigraphique – Revue des Publications Épigraphique. Paris 21968: Bd. 13, Jhrg. 1951 – 1955; 1951, 210. und Merlin, Alfred (Hrsg.); L’Annee Epigraphique – Revue des Publications Épigraphique. Paris 21968. Bd. 14, 1956 – 1960 Bd. 14, Jhrg. 1956 – 1960; 1957, 133.

[36] Davies, Roy W.: Service In The Roman Army. 11989 Edinburgh.S.16. und Johnson, Anne: Römische Kastelle des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. in Britannien und den germanischen Provinzen des Römerreiches. Mainz 11987. S.57.

[37] Vegetius:De re militari. I,6;I,8; I,13 und II,5.

[38] Vegetius:De re militari. I,13.

35 von 35 Seiten

Details

Titel
Das römische Heer der Kaiserzeit
Untertitel
Rekrutierungswesen und Auszeichnungen
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Klasssiche Archäologie)
Veranstaltung
Die Legionen Roms
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
35
Katalognummer
V117293
Dateigröße
10464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heer, Kaiserzeit, Legionen, Roms
Arbeit zitieren
Jens Wegmann (Autor), 2008, Das römische Heer der Kaiserzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117293

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