Methoden zur Analyse der Aufführungspraxis des schlesischen Kunstdramas

Anhand von Beispielanalysen der Aufführungspraxis des Trauerspiels "Catharina von Georgien" von Andreas Gryphius


Seminararbeit, 2008
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Drama Catharina von Georgien

3 Methoden zur Analyse historischer Aufführungspraxen
3.1 Die textimmanente Analyse
3.2 Die außertextliche Analyse

4 Die textimmanente Analyse von Willi Flemming
4.1 Flemmings Argumente
4.2 Flemmings Analyse

5 Die außertextliche Analyse von Harald Zielske
5.1 Zielskes Argumente
5.2 Zielskes Analyse

6 Schlussfolgerungen

Bibliographie

1 Einleitung

Die Analyse der Aufführungspraxis des schlesischen Kunstdramas steht vor einem häufigen Problem der Theaterhistoriographie: Das ‚ Dokument ’ der Theaterwissenschaft, die Theateraufführung an sich, ist einen Moment nach ihrer Erschaffung schon wieder Vergangenheit und kann niemals auf dieselbe Weise rekonstruiert werden. Daher ist es eigentlich ein unmögliches Unternehmen, sich vorstellen zu wollen, wie eine Aufführung im 17. Jahrhundert ausgesehen hat und auch der Theaterhistoriograph Harald Zielske stellt fest: „Tatsächlich muß das gesamte szenische Erscheinungsbild des schlesischen Kunstdramas heute als unwiederbringlich verloren gelten“[1]. Dennoch gab es immer wieder Versuche, sich ein Bild der damaligen Aufführungspraxis zu erschaffen. Hierzu wurde entweder auf die Bühnenanweisungen im Dramentext oder auf bildliche Quellen, wie Skizzen, Gemälde und Kupferstiche zurückgegriffen.

Bildliche Quellen sind einerseits seltener und oft unpräziser als textliche, insbesondere um so weiter die Aufführungen in der Geschichte zurückliegen. Auch aus dem 17. Jahrhundert sind nur zu wenigen Dramen noch visuelle Quellen erhalten. Bezüglich des dramatischen Textes ist es andererseits fragwürdig, wie viel die Bühnenanweisungen tatsächlich über die Aufführungspraxis aussagen. Schließlich ist es unbekannt, ob diese annähernd oder überhaupt umgesetzt wurden.

In dieser Arbeit setze ich mich mit den Versuchen der Rekonstruktion der Aufführungspraxis des schlesischen Kunstdramas durch die Theaterhistoriographen Willi Flemming und Harald Zielske auseinander. Die beiden Theaterwissenschaftler untersuchten acht aus dem 17. Jahrhundert stammende Kupferstiche[2] des Trauerspiels Catharina von Georgien. Flemming ging hierbei textimmanent vor; er nutzte die Kupfer also nur zur Bestätigung der von ihm anhand des Dramentextes bereits getroffenen Mutmaßungen. Zielske sah die größere Bedeutung in den Kupferstichen selbst und verwendete diese als Ausgangspunkt für seine Hypothesen.

Nach einer kurzen Vorstellung des zentralen Dramas und der beiden Methoden der historischen Aufführungsanalyse wende ich mich zuerst Flemming und seiner Argumentation, anschließend Zielske und seinem Verfahren zu, bevor ich zu einer abschließenden Rekapitulation komme.

2 Zum Drama Catharina von Georgien

Zunächst einmal gebe ich im Folgenden einen Überblick über das auf den Kupferstichen dargestellte Drama, Catharina von Georgien von Andreas Gryphius (1616-1664). Das Drama wurde erstmals 1657 veröffentlicht; diverse Quellen belegen jedoch, dass zumindest eine frühere Version des Stückes bereits zuvor im Umlauf war und auch an verschiedenen Orten inszeniert wurde[3].

Die Handlung stellt den letzten Tag im Leben der Königin Catharina dar, welche sich in Gefangenschaft in Persien, dem Reich von Schach Abas, befindet.[4] Abas begehrt Catharina, die seine Liebe jedoch nicht erwidert. Also zwingt der Schach sie, sich zwischen der Ehe mit ihm und dem Tod zu entscheiden. Catharina lehnt seinen Heiratsantrag ab und Abas lässt sie zu foltern. Ihre Materung gipfelt in Catharinas Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Als Schach Abas versucht seine Entscheidung rückgängig zu machen, ist es schon zu spät.

3 Methoden zur Analyse historischer Aufführungspraxen

3.1 Die textimmanente Analyse

Eine Möglichkeit der Rekonstruktion der Aufführungspraxen vergangener Jahrhunderte stellt in der Theaterhistoriographie die textimmanente Aufführungsanalyse dar. Hierfür dienen die Schauplatz- und Dekorationsanweisungen in den Dramentexten selbst als Grundlage. Anhand der Vorgaben in den Dramen wird sich eine Vorstellung der Aufführungspraxis erschaffen. Im Weiteren wird auch auf Texte über konkrete Aufführungen zurückgegriffen, wie etwa Berichte oder Kritiken. Zuallerletzt werden, wenn überhaupt, bildliche Quellen zur Hilfe gezogen. Diese dienen bei der textimmanenten Analyse jedoch nicht als Ausgangspunkt, sondern lediglich als weitere Quellen zur Bestätigung der bereits feststehenden Thesen.

3.2 Die außertextliche Analyse

Eine andere Möglichkeit bietet die außertextliche historische Aufführungsanalyse. Im Zentrum der außertextlichen Analyse stehen bildliche Quellen, die allerdings oft ungenauer sind als textliche Überlieferungen. Durch visuelle Quellen können Historiographen anhand von beispielsweise Skizzen oder Kupferstichen versuchen zu rekonstruieren, wie das Bühnenbild tatsächlich aussah. Es ist nämlich unwahrscheinlich, dass dieses eins zu eins anhand der Anweisungen im Dramentext umgesetzt wurde. Der Nachteil wiederum ist, dass bei einer Zeichnung oder Radierung unklar bleibt, wieviel davon auf einer tatsächlichen Aufführung basiert und nicht etwa ebenfalls auf dem Dramentext oder sogar auf der Fantasie des Künstlers.

4 Die textimmanente Analyse von Willi Flemming

4.1 Flemmings Argumente

Flemmings Grundannahme ist die folgende: „Falls es richtig ist, daß die Bühne dem echten Drama immanent ist, so müssen sich Methoden finden lassen, um aus dem bloßen Text darauf zurückzuschließen“[5]. Dass die Bühnenanweisungen im dramatischen Text tatsächlich auf die Aufführungspraxis schließen lassen, führt Flemming darauf zurück, dass er es für undenkbar hält, „[d]aß ein Dramatiker, ohne an einen Bühne zu denken, schaffen könnte“[6].

Er versucht also anhand des Dramentextes nachzuvollziehen, für welche Bühnenart Gryphius seine Werke schrieb, was für Flemming somit zugleich dem faktischen Aufführungsort entspricht.[7] Der Historiograph schließt aus, dass der Autor an einen allgemeinen Ort für seine Werke gedacht hat, da er meint, Verse aus Gryphius’ Drama Leo Armenius (1650) als eindeutige Bühnenanweisungen anstatt der auch üblichen epischen Berichterstattung entlarven zu können. Aufgrund des Schreibstils äußert er: „Das ist keine epische Beschreibung, sondern der Telegrammstil der Bühne; das ist geschaut mit dem Auge des Theatralikers.“[8] Stattdessen, glaubt Flemming, hat der Dramatiker seine Stücke für einen konkreten Bühnenstil geschaffen.

In der Beschreibung eines Szenenanfanges, in welchem Personen in starren Positionen verharren, sowie besonders großer Requisiten, die hinter einem Vorhang aufgebaut werden müssen, sieht Flemming eindeutige Merkmale eines dramatischen Textes, der für die zweigeteilte Illusionsbühne mit einem Zwischenvorhang gedacht ist. Eine große Personenanzahl auf der Bühne, ein langes Auftreten (eine große Distanz, die eine Person bis zur Bühne zurückzulegen hat) und besonders komplizierte Effekte deutet er als weitere Hinweise für die Unterteilung in Vorder- und Hinterbühne. Folglich zieht Flemming den Schluss, dass Gryphius’ Werke für die Illusionsbühne gedacht waren. Weitere Eigenschaften dieser Bühne erschließt er aus den Bühnenanweisungen sowie der Anordnung der Szenen. Zwar gibt Flemming zu, dass sämtliche Annahmen dennoch Hypothesen bleiben, meint aber auch: „Die Spinnfäden härten sich zu stählerner Haltbarkeit, wenn diese Grundannahme eine lückenlose Gesetzlichkeit ergibt, das Lebensgesetz des theatralischen Werkes entdeckt“[9].

[...]


[1] Zielske, Harald: „Andreas Gryphius’ ‚Catharina von Georgien’ auf der Bühne. Zur Aufführung des schlesischen Kunstdramas“. In Maske und Kothurn, Heft 17 (1971), S. 2.

[2] Für Abbildungen der Kupferstiche siehe Zielske (siehe Anm. 1), S. 16 [Titelblatt] und Flemming, Willi: Andreas Gryphius und die Bühne. II. Teil. Halle: Verlag von Max Niemeyer 1921, Tafel I-IV [Blätter 1 bis 7].

[3] Vgl. Szyrocki, Marian: Andreas Gryphius. Sein Leben und Werk. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1964, S. 101.

[4] Die folgenden Darlegungen zum Inhalt des Dramas „Catharina von Georgien“ stützen sich auf Gryphius, Andreas: Catharina von Georgien. Stuttgart: Reclam 2006 [1657].

[5] Flemming (siehe Anm. 2), S. 128f..

[6] Flemming (siehe Anm. 2), S. 128.

[7] Die folgenden Darlegungen zu Flemmings Argumenten stützen sich auf Flemming (siehe Anm. 2), S. 127-135.

[8] Flemming (siehe Anm. 2), S. 128.

[9] Flemming (siehe Anm. 2), S. 135.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Methoden zur Analyse der Aufführungspraxis des schlesischen Kunstdramas
Untertitel
Anhand von Beispielanalysen der Aufführungspraxis des Trauerspiels "Catharina von Georgien" von Andreas Gryphius
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Opfer, Märtyrer, Heilige: Aufführungen des Leidens im barocken Trauerspiel
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V121560
ISBN (eBook)
9783640261239
ISBN (Buch)
9783640261437
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schlesisches Kunstdrama, Barock, barockes Theater, Theatergeschichte, Aufführungspraxis, Analyse, Methode, Gryphius, Catharina von Georgien, Harald Zielske, Willi Flemming, Willi Fläming
Arbeit zitieren
Theresa Hartig (Autor), 2008, Methoden zur Analyse der Aufführungspraxis des schlesischen Kunstdramas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121560

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