Hoimar von Ditfurth. Aspekte seines Denkens

Eine kritische Einführung in das Denken des Mediziners, Wissenschaftlers und Wissenschaftsjournalisten anlässlich seines 20. Todesjahres


Wissenschaftliche Studie, 2009
55 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Der epistemologische Aspekt

2. Der ontologische Aspekt

3. Der ethische und ökologische Aspekt

4. Der metaphysische Aspekt

5. Schlussbetrachtung

6. Veröffentlichungen

7. Literatur

Vorwort

„Am 15. Oktober 1921 hatte meine Mutter einen schweren Tag: Zu Beginn des Tages gab es mich noch nicht, am Ende des 15. aber war ich vorhanden, ein menschliches Individuum, dessen Existenz urkundlich bestätigt und mit den notwendigen bürgerlichen Identifikationsmerkmalen ausgestattet worden war.“[1]

So beginnt die 1989 erschienene Biographie „Innenansichten eines Artgenossen“ und so beginnt das Leben des Mediziners, Wissenschaftlers und Publizisten Hoimar von Ditfurth, der zu einer der großen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit werden sollte und eine ganze Generation von Lesern und Leserinnen mit seinen Büchern begeisterte und in ihrem Denken nachhaltig beeinflusste.

Nach dem Abitur am altsprachlichen Viktoria - Gymnasium in Potsdam („ein humanistisches Gymnasium strengster Observanz“) studierte er Medizin, Psychologie und Philosophie an den Universitäten Berlin und Hamburg, wo er im Juli 1946 zum Dr. med. promovierte. Von 1948 bis 1960 war Hoimar von Ditfurth an der Würzburger Universitätsklinik beschäftigt. Dort habilitierte er sich und wurde Privatdozent für Psychiatrie und Neurologie. 1967 ernannte ihn die Universität Würzburg und 1968 die Universität Heidelberg zum außerordentlichen Professor der Medizinischen Fakultät.

Auf Grund von Problemen mit dem Würzburger Klinikdirektor und da ihm andere Universitäten keine Perspektive bieten konnten, wechselte Ditfurth 1960 in die Industrie (zum Pharmakonzern C. F. Boehringer in Mannheim) – ein Entschluss, der ihn nach eigener Aussage große Überwindung kostete – und war dort bis 1969 Leiter des sogenannten „Psycholabors“ zur Entwicklung, bzw. klinischen Erprobung von Psychopharmaka.

In diese Zeit fiel auch seine Herausgeberschaft der Zeitschrift „n+m“ („Naturwissenschaft und Medizin“, von 1964 bis 1971), die ab 1972 unter dem Namen „Mannheimer Forum“ fortgeführt und von Ditfurth bis zu seinem Tode herausgegeben wurde.

1969 lehnte er das verlockende Angebot einer Führungsposition ab („es war der glücklichste Entschluss, den ich in meinem Leben, wenn auch unter Bangen, getroffen habe“) und begann – fast fünfzigjährig – seine zweite Karriere als Dozent, Wissenschaftsjournalist und Moderator einer wissenschaftlichen Sendung („Querschnitte“), die von 1971 bis 1983 im ZDF zu sehen war und ihn einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte.

1970 erschien sein erstes Buch „Kinder des Weltalls - Der Roman unserer Existenz“, das so erfolgreich war, dass er im Folgenden die finanzielle Unabhängigkeit hatte, ein Leben als freier Autor zu führen.

Die wesentlichen Aspekte seines Denkens, die in all seinen Büchern eine Rolle spielen, lassen sich auf vier große Bereiche reduzieren:

1. Die Frage nach den Bedingungen menschlicher Erkenntnis, 2. Die Entstehung des Lebens und eng damit verbunden die Entstehung psychischer bzw. geistiger Phänomene und ihr Verhältnis zur Materie, 3. die Frage nach den ethischen Grundlagen unseres Handelns und nicht zuletzt 4. die Frage nach dem Ziel der Evolution – sollte es ein solches überhaupt geben.

Darüber hinaus ist es immer eines seiner großen Anliegen gewesen, den Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft – die für ihn lediglich die Fortsetzung der Philosophie mit anderen Mitteln war – zu fördern. Dass er selbst ein gläubiger Mensch war, daraus hat er nie einen Hehl gemacht. Doch hat er es bis zuletzt vermieden, Gott als einen personalen Gott aufzufassen, da für ihn „das Reden von einem persönlichen Gott eine unzulässige Konkretisierung des Gottesbegriffs darstellt.“[2]

Sein Gott war ein philosophischer Gott, eine transzendente Ebene, oder, wie er es in einem frühen Interview ausdrückte, „irgendeine transzendente Instanz“, die ihren „Daumenabdruck“ auf allem Sein hinterlassen hat.[3]

Was Hoimar von Ditfurth vor vielen anderen seiner Zunft auszeichnete und noch immer auszeichnet, ist sein breit gefächertes Wissen und seine vielfältigen Interessen, die auf den ersten Blick so unterschiedliche Bereiche wie Naturwissenschaft, Theologie, Philosophie oder Literatur umfassen, seine Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte auch für den Laien verständlich darzustellen, seine leidenschaftliche Sprache – mit einem gelegentlichen Hang zum Pathos – und nicht zuletzt ein für einen Wissenschaftler beinahe mystisches Grundgefühl, das alle seine Bücher unterschwellig bestimmt und auf einen Menschen schließen lässt, der weiß, dass allem Sein ein tiefes Geheimnis inne wohnt.

Seit den frühen 80er Jahren und besonders gegen Ende seines Lebens wurde Hoimar von Ditfurth immer mehr zum Mahner und Kritiker einer Gesellschaft, die militärisch hochgerüstet dem ökologischen Untergang entgegengeht.[4]

Er wäre heute, zwanzig Jahre nach seinem Tod am 1. November 1989, mit seinen Thesen aktueller denn je.

„Zur Verzweiflung jedoch gibt es keinen Grund. Sie wäre nur angebracht, wenn das absolute Nichts auf uns wartete. Das aber ist nicht der Fall.“[5]

1. Der epistemologische Aspekt

Seit Beginn der Philosophie ist die Suche nach Erkenntnis eines ihrer zentralen Themen. Doch früh ahnte man, dass nur die Götter über wahres Wissen („episteme“) verfügen und die Menschen lediglich Meinungen („doxa“) haben und spätestens seit Karl Popper müssen wir uns damit abfinden, dass all unser Wissen nur Vermutungswissen ist und „unsere Situation […] immer die eines schwarzen Mannes [ist], der in einem schwarzen Keller nach einem schwarzen Hut sucht, der vielleicht gar nicht dort ist.“[6]

Der Begriff Erkenntnistheorie ist dagegen relativ neu und findet sich als eigenständiges Teilgebiet der Philosophie erst seit circa 1830. Die spekulativen Philosophien (Hegel, Schelling) waren zu dieser Zeit an ihr Ende gekommen und die aufstrebenden Naturwissenschaften pochten auf ihr Recht zur Erklärung der Welt. So ist es kein Wunder, dass in der Folge viele Philosophen zugleich auch Naturwissenschaftler waren und umgekehrt.

Die Aufgaben der klassischen Erkenntnistheorie, die heute immer mehr zur Wissenschaftstheorie geworden ist, lassen sich bestimmen als die „Untersuchung der Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis .[7]

Die „evolutionäre Erkenntnistheorie“ (EE), um die es im folgenden gehen soll, und die bis zu einem gewissen Grade auch von Hoimar von Ditfurth vertreten wurde, geht auf die Theorien von Konrad Lorenz, Karl Popper, Gerhard Vollmer und Rupert Riedl zurück. Sie gehen „von der naturalistischen These aus, dass Erkennen eine Gehirnfunktion, Funktion einer biochemischen Maschine und als solche zugleich ein Ergebnis der biologischen Evolution ist.“[8]

Nicht zuletzt gründet diese Theorie auch auf einer kritischen Auseinandersetzung mit Immanuel Kants Philosophie des transzendentalen Idealismus.

Der Königsberger Philosoph versuchte in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ (1. Auflage 1781) eine Synthese von Empirismus und Rationalismus.

Der Streit dieser beiden philosophischen Richtungen ist nicht zuletzt ein Streit um Existenz oder Nichtexistenz angeborener Ideen bzw. angeborener Denkstrukturen.

Wenn aber gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn es könnte wohl sein, daß selbst unsere Erfahrungserkenntnis ein Zusammengesetztes aus dem sei, was wir durch Eindrücke empfangen, und dem, was unser eigenes Erkenntnisvermögen (durch sinnliche Eindrücke bloß veranlaßt) aus sich selbst hergibt, welchen Zusatz wir von jenem Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange Übung uns darauf aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat.[9]

Kant geht demnach davon aus, dass wir über angeborene Strukturen verfügen, über ein Wissen vor aller Erfahrung („a priori“), das erst die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung, also erfahrungskonstitutiv ist. Als diese apriorischen Strukturen betrachtet Kant den Raum, die Zeit sowie die zwölf Kategorien. Auf die Frage, woher diese apriorischen Strukturen kommen, kann Kants Philosophie naturgemäß keine Antwort geben, weil diese Frage die Existenz des apriorischen Wissens bereits voraussetzt.

Wie aber diese eigentümliche Eigenschaft unserer Sinnlichkeit selbst oder die unseres Verstandes und der ihm und allem Denken zum Grunde liegenden notwendigen Apperzeption möglich sei, läßt sich nicht weiter auflösen und beantworten, weil wir ihrer zu aller Beantwortung und zu allem Denken der Gegenstände immer wieder nötig haben.[10]

Kant musste also davon ausgehen, dass die Frage nach der Herkunft unseres angeborenen Wissens für alle Zeit unbeantwortbar bleiben wird. Er stand demnach zum einem vor dem Problem, wie wir zu unserem apriorischen Wissen kommen und zum andern, wie es möglich ist, dass Erkenntnis - und Realkategorien aufeinander passen.

Wollte man im mindesten daran zweifeln, daß beide [die Anschauungsformen von Raum und Zeit, E.L.] gar keine den Dingen an sich selbst, sondern nur bloße ihrem Verhältnisse zur Sinnlichkeit anhängende Bestimmungen sind, so möchte ich gerne wissen, wie man es möglich finden kann, a priori und also vor aller Bekanntschaft mit den Dingen, ehe sie nämlich uns gegeben sind, zu wissen, wie ihre Anschauung beschaffen sein müsse, welches doch hier der Fall mit Raum und Zeit ist.[11]

Eine solche und zwar notwendige Übereinstimmung der Prinzipien möglicher Erfahrung mit den Gesetzen der Möglichkeit der Natur kann nur aus zweierlei Ursachen stattfinden: entweder diese Gesetze werden von der Natur vermittelst der Erfahrung entlehnt, oder umgekehrt, die Natur wird von den Gesetzen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt abgeleitet und ist mit der bloßen allgemeinen Gesetzmäßigkeit der letzteren völlig einerlei.[12]

Konrad Lorenz begründet diese Problematik damit, dass Kant – da die Evolutionstheorie noch nicht existierte – nicht wissen konnte, dass auch „der Bau des `perceiving apparatus ´ [des Erkenntnisapparates, E.L.] etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben könnte.“[13]

Im Anschluss an diese Fragestellungen veröffentlicht Konrad Lorenz 1941 in den „Blättern für deutsche Philosophie“ in Heft 15 auf den Seiten 94 bis 125 seinen bahnbrechenden Aufsatz „Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie .“ Lorenz vertritt hier die These – und wird damit zum eigentlichen Begründer der evolutionären Erkenntnistheorie – dass es sich beim Kantschen Apriori (das er ontogenetisch deutet) in Wahrheit um ein phylogenetisches Aposteriori handelt, das heißt um ein Wissen, das im Laufe der Evolution von der Art erworben wurde.

Wenn man nun die angeborenen Reaktionsweisen von untermenschlichen Organismen kennt, so liegt die Hypothese ungemein nahe, daß das „Apriorische“ auf stammesgeschichtlich gewordenen, erblichen Differenzierungen des Zentralnervensystems beruht, die eben gattungsmäßig erworben sind und die erblichen Dispositionen, in gewissen Formen zu denken, bestimmen.[14]

Kant wird hier sozusagen rückwirkend zum Empiriker gemacht und dabei die fundamentale Tatsache ignoriert, dass Wahrnehmungswissen überhaupt nur möglich ist, wenn das erkennende Subjekt bereits über ein, wie auch immer geartetes, Vorwissen verfügt. Das heißt, jede Erkenntnis beginnt mit einem „Quentchen Metaphysik“ (Rupert Riedl). Das ist natürlich insofern ein sinnloser Satz, da es ein „Quentchen Metaphysik“ nicht geben kann. Metaphysik ist immer sofort die ganze Metaphysik. Popper hat die Problematik allerdings klar erkannt, wenn er schreibt:

[D]aß das KANTsche, angeborene, apriorische Wissen ursprünglich Wahrnehmungswissen war, das uns angeboren ist, weil es uns von unseren Urahnen vererbt wurde, heißt, die ungeheuer wichtige KANTsche Grundeinsicht zu ignorieren, daß Wahrnehmungswissen ohne apriorisches Wissen unmöglich ist. In der Tat dürfen wir nicht einmal versuchen, das KANTsche apriorische Wissen durch Wahrnehmungswissen zu erklären. Es war KANTs bedeutendste Leistung zu zeigen, daß alles Wahrnehmungswissen ein apriorisches Wissen voraussetzt.[15]

Ditfurth, der maßgeblich von der erkenntnistheoretischen Position Konrad Lorenz´ beeinflusst war, wenn er auch nicht sein ontologisches Konzept übernahm, hat diesen Ansatz leider in sein eigenes Denken integriert, ohne ihn weiter zu hinterfragen.

[...] daß auch die von Kant herausgearbeiteten, a priori in unserem Denken verankerten Anschauungen und Strukturen in Wirklichkeit „a posteriori“, nämlich durch konkrete Erfahrung mit der Welt, erworben wurden. [...] Das Apriori der Philosophen hat sich aus der Perspektive der Evolutionsforscher als ein Aposteriori der Stammesgeschichte erwiesen.[16]

Während Kant noch der Meinung war, dass wir über das „Ding an sich“ nie etwas werden sagen können, da unsere Erkenntnisstrukturen nichts mit den realen Strukturen gemeinsam haben, nimmt die evolutionäre Erkenntnistheorie und mit ihr Ditfurth die Position des „hypothetischen Realismus“ ein.

Dieser geht zum einen davon aus, das eine außersubjektive Realität existiert und behauptet zum anderen, dass sich unser Erkenntnisapparat – oder Weltbildapparat, wie es Konrad Lorenz nannte – in Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickelt hat und somit eine „partielle Isomorphie“ (Vollmer) zwischen Realität und Erkenntnis besteht. Unser Erkenntnisapparat hat sich dabei unter „mesokosmischen“ (Vollmer) Bedingungen herausgebildet, so dass es unmöglich ist, uns Sachverhalte vorzustellen, die außerhalb dieser Bedingungen existieren, wie beispielsweise quantenphysikalische oder relativistische Effekte. So ist Gerhard Vollmer der Meinung, dass unser Erkenntnisapparat „jedenfalls nicht gänzlich „danebenliegen“[kann]; die Strukturen der Wahrnehmung, der Erfahrung, des Schließens, der wissenschaftlichen Erkenntnis können nicht völlig beliebig, zufällig oder restlos falsch sein, sondern müssen denen der Realität einigermaßen entsprechen.“[17] Konrad Lorenz hatte ja bereits die gleiche Auffassung vertreten.

Das reale Verhältnis zwischen dem An sich der Dinge und der speziellen `apriorischen´ Form ihrer Erscheinung ist unserer Meinung nach dadurch gegeben, daß diese Form in der Jahrzentausende währenden Entwicklungsgeschichte der Menschheit in der Auseinandersetzung mit den täglich begegnenden Gesetzlichkeiten des An sich Seienden a l s e i n e A n p a s s u n g a n d i e s e entstanden ist, die unserem Denken angeborenermaßen eine der Realität der Außenwelt weitgehend e n t - s p r e c h e n d e Strukturierung verliehen hat.[18]

Obwohl dieser Standpunkt insofern nicht überzeugend ist, da immer nur Wahrnehmung mit Wahrnehmung und niemals Wahrnehmung mit realer Welt verglichen werden kann, schließt sich Ditfurth auch dieser Auffassung an.

Jede Anpassung aber bildet einen Teil der realen Welt ab. [...] Und deshalb ist die in unserem Erkenntnisvermögen steckende Kausalkategorie in Wahrheit nichts anderes als ein Abbild der in der realen Welt tatsächlich herrschenden Ordnung. Sobald wir das Faktum der Evolution zur Kenntnis nehmen und uns selbst, unsere Art, in den Evolutionsprozeß einbeziehen, lösen sich alle Rätsel auf. Das Problem, vor dem selbst ein Kant hatte kapitulieren müssen, existiert nicht mehr.[19]

Er scheint aber im Gegensatz zu anderen Vertretern der evolutionären Erkenntnistheorie, allen voran Gerhard Vollmer, der sehr selbstbewusst mit der Frage umgeht, „wieviel“ der Welt wir erkennen können, skeptischer zu sein im Hinblick auf Quantität und Qualität unserer Erkenntnis.

Wir haben, erstens, angenommen, daß es außerhalb des Erlebens eine reale Außenwelt tatsächlich gibt. Wir stellten, zweitens, fest, daß das, was wir erleben, nicht ohne weiteres als reale Eigenschaft dieser Außenwelt anzusehen ist. Und schließlich hat sich auch bereits gezeigt, daß es allem Anschein nach reale Eigenschaften dieser von uns vorausgesetzten Außenwelt gibt, die wir [...] gar nicht wahrnehmen können.[20]

Denn es ist zwar richtig, daß sich Naturwissenschaft um den Gewinn objektiver Wahrheit bemüht. Zu den Wahrheiten, die sie dabei bis heute an den Tag gebracht hat, gehört aber eben auch der aufsehenerregende Beweis, daß der Umfang der realen Welt den Horizont der uns auf unserem augenblicklichen Entwicklungsniveau zu Gebote stehenden Erkenntnis quantitativ und qualitativ um unvorstellbare Dimensionen überschreiten muß.[21]

[...] daß die Welt, in der wir uns vorfinden, nicht so geschlossen sein kann, wie sie sich unserem Erleben präsentiert. Daß es sich bei ihr nur um einen relativ winzigen Ausschnitt aus einer – durchaus noch diesseitigen! – sehr viel größeren Wirklichkeit handeln kann, die den Horizont des uns Erfahrbaren, Denkbaren und Vorstellbaren prinzipiell überschreitet.[22]

Auch in einem seiner letzten, größeren Interviews mit Gero von Böhm im Jahre 1987 äußert er sich auf die Frage, wie nahe er der Realität gekommen ist, in ähnlicher Weise.

Man kann der Wirklichkeit nicht nahe kommen. Man kann nur verhindern – und das halte ich für das einzig wirklich Erreichbare und für etwas, was viel, viel wichtiger ist als die meisten Menschen glauben – man kann sich Klarheit darüber verschaffen, wie wenig real ist, was wir im allgemeinen aus Gewohnheit die tägliche Realität nennen; wie wenig mit Wahrheit zu tun hat, was wir für wahr halten.[23]

Diese Auffassung Ditfurths, dass unsere erfahrbare Wirklichkeit noch von vielen, vielleicht unendlich vielen ontologischen Ebenen überlagert wird, deren Existenz für uns noch im transzendenten Bereich liegen, im Laufe der Evolution aber durchaus zu subjektiv erfahrbarer Wirklichkeit werden können, hat natürlich auch Kritik auf sich gezogen. Ein Beispiel ist der Teilhard de Chardin - Experte Günther Schiwy, der Ditfurth vorwirft, das menschliche Bewusstsein lediglich als etwas graduell vom tierischen Bewusstsein verschiedenes aufzufassen, während Schiwy der Meinung ist, „dass der Mensch heute schon zu der ihn auszeichnenden, absoluten Transzendenz fähig ist“[24] und die „prinzipielle Erreichbarkeit aller Dinge für den Menschen […] gegeben [ist] durch die radikale Offenheit seines geistigen Bewußtseins […].“[25]

Diese schrittweise Entwicklung des menschlichen Bewusstseins führt Ditfurth allerdings direkt zur Frage nach Transzendenz überhaupt und seinem Begriff der „weltimmanenten Transzendenz“. Im Kapitel „Der metaphysische Aspekt“ wird diese Seite seines Denkens noch ausführlicher beleuchtet werden.

2. Der ontologische Aspekt

In der Geschichte der Philosophie bis heute lassen sich zwei grundsätzliche ontologische Ansätze ausmachen, die gerade bei Erklärungen der Leib - Seele bzw. Gehirn - Geist - Problematik eine fundamentale Rolle spielen: Monismus und Dualismus.

Die antiken Philosophen Aristoteles und Platon stehen bereits paradigmatisch für jeweils einen dieser Ansätze. Für Aristoteles besteht jedes Einzelding aus Stoff („hyle“) und Form („morphe“). Stoff, Form und das aus beidem bestehende Einzelding nennt Aristoteles Substanz („ousia“). Nach seiner Auffassung ist „der lebende Körper […] Substanz, und zwar […] Substanz als das aus Stoff und Form zusammengesetzte. Aber der lebende Körper ist nicht die Seele. [S]ie ist die Form des Lebewesens – das, was dafür verantwortlich ist, dass dieses Wesen lebendig ist.“[26] Die Seele kann demnach nicht unabhängig vom Körper existieren, „die Wesenheit nicht als etwas von den konkreten Seienden getrenntes aufgefaßt“[27] werden. Damit kann Aristoteles als Vertreter der monistischen Theorie gesehen werden.

Bei seinem Lehrer Platon stellt sich das Problem völlig anders dar. „Für ihn ist die Seele zwar das Prinzip des Lebens, aber darüber hinaus ein vom Körper verschiedenes Wesen, das das eigentliche Selbst des Menschen ausmacht, das von ganz anderer Natur ist als der Körper und das sich beim Tode vom Körper lösen kann, um dann ohne ihn weiterzuexistieren.“[28] Damit ist Platon ein klarer Vertreter der dualistischen Theorie. Diese beiden gegensätzlichen Theorien trugen so bereits im fünften bzw. vierten vorchristlichen Jahrhundert den Keim für den „Universalienstreit“ in sich, in dessen Verlauf sich Nominalisten und Realisten unversöhnlich gegenüber standen.

[...]


[1] Ditfurth: Innenansichten eines Artgenossen. S. 8

[2] Ditfurth: Innenansichten eines Artgenossen. S. 418

[3] Interview mit Heinrich Kalbfuß

[4] Vgl. Ditfurth: So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen

[5] Ebd. S. 366

[6] Popper: Die erkenntnistheoretische Position der evolutionären Erkenntnistheorie. In: Die evolutionäre Erkenntnistheorie. S. 35

[7] Gabriel: Grundprobleme der Erkenntnistheorie. S. 10

[8] Metzler Lexikon Philosophie. S. 154

[9] Kant: Kritik der reinen Vernunft. S. 45

[10] Kant: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik. §36/S. 91

[11] Kant: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik. §11/S. 42

[12] Ebd. §36/S. 92

[13] Lorenz: Die Rückseite des Spiegels. S. 19

[14] Lorenz: Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie. S. 95

[15] Popper: Die erkenntnistheoretische Position der Evolutionären Erkenntnistheorie. In: Die evolutionäre Erkenntnistheorie. S. 29

[16] Ditfurth: So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. S. 305

[17] Vollmer: Evolutionäre Erkenntnistheorie. S. 119

[18] Lorenz: Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie. S. 98

[19] Ditfurth: Wir sind nicht nur von dieser Welt. S. 179

[20] Ebd. S. 155

[21] Ditfurth: Wir sind nicht nur von dieser Welt. S. 189

[22] Ditfurth: Evolutionäres Weltbild und theologische Verkündigung. In: Unbegreifliche Realität. S. 258

[23] Ditfurth im Interview mit Gero von Boehm.

[24] Schiwy: Kommentar zu „Evolution und Transzendenz“. In: Die evolutionäre Erkenntnistheorie. S. 270

[25] Ebd. S. 271

[26] Beckermann: Das Leib-Seele-Problem. S. 14

[27] Röd: Der Weg der Philosophie I. S. 157

[28] Beckermann: Das Leib-Seele-Problem. S. 11

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Hoimar von Ditfurth. Aspekte seines Denkens
Untertitel
Eine kritische Einführung in das Denken des Mediziners, Wissenschaftlers und Wissenschaftsjournalisten anlässlich seines 20. Todesjahres
Autor
Jahr
2009
Seiten
55
Katalognummer
V122249
ISBN (eBook)
9783640267088
ISBN (Buch)
9783640267071
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hoimar, Ditfurth, Aspekte, Denkens, Eckart, Löhr, Erkenntnistheorie, evolutionäre, teilhard, lorenz, konrad, vollmer, riedl, rupert, Querschnitte, charles, darwin, wissenschaftsjournalismus, boeringer, mannheim, staufen, mannheimer, forum
Arbeit zitieren
Eckart Löhr (Autor), 2009, Hoimar von Ditfurth. Aspekte seines Denkens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122249

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