Georg Büchner: „Woyzeck“

Debatten über die Zurechnungsfähigkeit des historischen Woyzeck und Georg Büchners Lösung im literarischen „Woyzeck“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

24 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Jurisprudenz im 19. Jahrhundert
2.1 Das Problem der Zurechnungsfähigkeit im Diskurs der Jahrhundertwende um 1800
2.2 Konkretisierung des Begriffes „Wahnsinn“

3. Der historische Fall Woyzeck

4. Die Gutachten
4.1 Johann Christian August Clarus
4.2 Carl Moritz Marc
4.3 Johann Christian August Heinroth
4.4 Johann Christian August Grohmann

5. Die Gutachten im Vergleich

6. Das Drama: Georg Büchners Woyzeck
6.1 Die Entstehung des Dramas
6.2 Das Problem der Zurechnungsfähigkeit im Drama
6.3. Das Drama – gelesen mit dem Hintergrund von Clarus, Marc, Heinroth und Grohmann

7. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Jahre um 1800 waren in der Jurisprudenz geprägt von zahlreichen Umbrüchen und Debatten. Konservative und moderne Ansichten trafen aufeinander und bewirkten einen regen Diskurs über zum Beispiel die Debatte der Zurechnungsfähigkeit von Tätern. Eines der populärsten und am heftigsten umstrittensten Urteile fällten die Richter im Jahr 1827 mit der Hinrichtung des wegen Mordes an seiner Geliebten angeklagten Johann Christian Woyzeck, der nach jahrelangen Untersuchungen für zurechnungsfähig erklärt wurde. Doch mit der Hinrichtung ebbten die Diskussionen um den benannten Fall nicht ab – im Gegenteil. Es entwickelte sich eine spektakuläre Diskussionsreihe verschiedener Psychologie- und Medizingrößen, wie Marc, Heinroth oder Grohmann in Form von Schriften und Gegenschriften.

Einige Jahre später nahm sich der Schriftsteller Georg Büchner des historischen Stoffes an und verfasste zum ersten Mal in der literarischen Tradition ein Werk mit dem Hintergrund der Debatte über die Zurechnungsfähigkeit.

In der folgenden Arbeit soll zunächst analysiert werden, aus welcher Tradition heraus, die Diskussionen über die Debatte entstanden und folglich wie die benannten Ärzte zu dem Fall Woyzeck argumentierten. Des Weiteren soll vergleichend gezeigt werden, in welchen Thesen sich die Ärzte grundlegend unterscheiden und in welchen sich ihre Argumente und Schlüsse annähern. Nachdem dann der historische Fall durchleuchtet wurde, wird das Augenmerk auf den literarischen Woyzeck gelenkt. Ich möchte herausfinden, ob Büchner eine Stellungnahme in Bezug auf die Zurechnungsfähigkeit Woyzecks in seinem Fragment vornahm und, wenn ja, wo sein Urteil einzuordnen wäre.

2. Jurisprudenz im 19. Jahrhundert

2.1 Das Problem der Zurechnungsfähigkeit im Diskurs der Jahrhundertwende um 1800

In den Jahren nach der Jahrhundertwende um 1800 galt das Problem der Zurechnungsfähigkeit in der Jurisprudenz zu dem zentralen und endlos diskutierten Thema dieser Zeit. Doch worin lagen die Ursachen für diese Debatten?

Im Laufe der öffentlichen Diskussionen über aufklärerische Reformen, eine Psychologisierung und Humanisierung der Strafjustiz, wurden Gerichtsmediziner und Juristen zunehmend sensibler gegenüber der Zurechnungsproblematik. Innerhalb von Justiz und Medizin prallten daher zusehends rechtsaufklärerische Tendenzen mit denen der neu aufkeimenden Restauration aufeinander. Die Vertreter der Restauration warnten, dass man in der Milderung von Strafen und im Eingehen auf die so genannte „Täterpersönlichkeit“ nicht zu weit gehen dürfe. Stattdessen habe man wieder das Wohl des Staates in den Vordergrund zu stellen. Denn Dank der Rechtsaufklärung des achtzehnten Jahrhunderts erlebte man in der gerichtlichen Medizin und Psychologie einen Übergang vom Tatstrafrecht zum Täterstrafrecht. Der Blick wurde somit zunehmend auf das einzelne Individuum und die psychologischen Hintergründe seiner Tat verlagert. Zunächst wurden dann die Kriterien für das Vorliegen von Zurechnungsfähigkeit neu bestimmt. Konkret benannte Ausnahmezustände, wie Krankheitsursachen aus der Kindheit oder klar definierte Krankheitszustände, wie Melancholie und Wahnsinn, blieben erhalten. Neu waren die Bemühungen um eine Rationalisierung des Strafrechts. Wegbereiter dieser Bewegung in Deutschland war Samuel Freiherr von Pufendorf mit seiner Imputationslehre. So kam es zu der Einführung des Prinzips der Willensfreiheit als entscheidendes Kriterium der Zurechnungsfähigkeit in den Gesetzbüchern. Diese Neuerung hatte jedoch weitläufige Folgen:

„Mag diese Entwicklung auch einen Fortschritt, eine entscheidende ’Rationalisierung’ des Strafrechts dargestellt haben, so hatte dies doch zum Preis, dass die vormals vergleichsweise klar umrissenen Bedingungen für das Vorliegen von Unzurechnungsfähigkeit verwischt und der Auslegung ein breiterer Spielraum überlassen wurde“[1]

Denn ein nicht unbedingt leicht greifbarer „moralischer Tatbestand“, also die Aufgehobenheit der Willensfreiheit, definiert nun in erster Linie die Ausschließung der strafrechtlichen Zurechnung. Somit kam es zu zahlreichen Verunsicherungen in der Strafjustiz und teilweise zweifelhaften und kontroversen Beurteilungen.

Bis zur Diskussion über die Zurechnungsfähigkeit und eine Psychologisierung der Strafjustiz, war es nicht selbstverständlich, dass Sachverständige zu Entscheidungen hinzugezogen wurden. Nun erhielt die Gerichtsmedizin einen erheblichen Kompetenzzuwachs. Des Weiteren wurde sie institutionalisiert, indem sie in Fragen zweifelhafter Zurechnung als Sachverständigeninstanz hinzu gezogen werden konnte.

2.2 Konkretisierung des Begriffes „Wahnsinn“

„Die sogenannte klassische traditionelle Psychopathologie hat im Grunde resignierend… zugestimmt, daß es bislang niemandem geglückt sei, aufzuzeigen, worin das Wesen des Wahns bestehe.“[2]

Erst im 19. Jahrhundert wurden diese Definierungen deutlicher. Im Zuge der Neuerungen in der Gerichtsmedizin kam es zu einer folgenreichen Erweiterung des Wahnsinnsbegriffes. Wurde im achtzehnten Jahrhundert der Wahnsinn noch durch das Vorliegen einer Wahnvorstellung definiert, so weitete man ihn während der Wende zum neunzehnten Jahrhundert aus zur „Manie ohne Delirium“[3]. Der französische Arzt Philippe Pinel, einer der Vertreter der modernen Psychiatrie, erkannte diese neue Krankheitsform der Manie ohne Delirium, neben den bisher bestehenden Formen der Melancholie, des Wahnsinns mit Delirium und des Idiotismus:

„…und [ich – Anm. d. Verf.] erstaunte nicht wenig, als ich mehrere Wahnsinnige sahe, welche nie die mindeste Verletzung des Verstandes zeigten, und die dennoch von einem Instinkt der Raserey beherrscht wurden, als wenn gleichsam nur die Willensvermögen verletzt wären“[4]

Auch Johann Christian Reil in seinen „Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen“ (1803) erkannte die Existenz einer ’Wuth ohne Verkehrtheit.’ Diese Wuth ohne Verkehrtheit äußere sich so, dass der Kranke zwar Grausamkeiten ausübt, jedoch ohne eine bestimmte Leidenschaft, Lust oder Unlust, fixen Ideen oder Täuschungen der Einbildungskraft.

Diese neuen Erkenntnisse waren von fundamentaler Bedeutung für das damalige psychiatrische Denken. Erstmals war der Wahnsinn nicht mehr Oberbegriff für ein Konglomerat an verschiedenen Seelenkrankheiten, sondern er stellte eine spezifische Krankheitsform dar.

3. Der historische Fall Woyzeck

Um sich mit der Frage der Zurechnungsfähigkeit im Fall Woyzeck auseinander setzen zu können, muss man den Täter und die Tat selbst näher untersuchen. Wer war Johann Christian Woyzeck?

Er wurde am 3. Januar 1780 in Leipzig geboren. Als Sohn eines Friseurs erlernte Woyzeck den Beruf des Perückenmachers. Da er es schwer hatte, Arbeit in diesem Beruf zu finden, übernahm er zusätzliche Dienste, wie Diener, Friseur oder Soldat. Woyzeck hatte ein Kind mit einem Fräulein Wienberg. Eine Heirat ergab sich allerdings nicht, weil sich Wienberg wegen Woyzecks ungesicherter Existenz einem anderen Mann zuwandte. Der enttäuschte Woyzeck nahm in Mecklenburg holländische Kriegsdienste an und diente in der napoleonischen Zeit verschiedenen Fahnen. Im Laufe seines Kriegsdienstes durchlief er mehrere Stationen in Deutschland, so zum Beispiel Dessau, Berlin, Breslau und Stralsund. Er wohnte in ärmlichen Behausungen, teilte sich die Quartiere mit anderen, die Woyzeck selbst als verstörten, halluzieniernden Menschen bezeichneten.

„Verarmt und arbeitslos kam Woyzeck am 1. Dezember 1818 nach Leipzig zurück, um hier sein unstetes Leben weiter zu führen.“[5] Er trank, arbeitete in Aushilfstätigkeiten, suchte als Stadtsoldat vergeblich nach einem Unterkommen und schloss sich schließlich, erwerbslos und unruhig, der fünf Jahre älteren Witwe Johanna Christiana Woost an. Das Verhältnis zu Woyzeck führte bald zum Streit, denn sie wurde ihm untreu und, aus Verzweiflung und Eifersucht, schlug Woyzeck die Frau und warf sie eine Treppe hinunter.

Zwei Wochen lang ernährte er sich danach in der Stadt von kleineren Diensten und Almosen. Er war fest entschlossen die Woostin zu heiraten, aber noch fehlten ihm Arbeit und fester Lohn. In der Stadt lauerte er ihr beim Tanz mit anderen Männern auf. Als sie das Versprechen einer Verabredung nicht einhielt, glaubte Woyzeck seine innere Stimme sprechen zu hören: „Stich die Woostin todt.“ Er wollte die Tat zunächst nicht ausführen und kaufte sich dennoch eine abgebrochene Degenklinge. Durch Zufall traf er am Abend des 21. Juni 1821 seine Geliebte, und hatte das Vorhaben zunächst vergessen. Als sie ihn dann aber im Hausflur abwies, packte ihn der Mordgedanke und im blinden Zorn stieß er zu und tötete sie mit tiefen Brustwunden. Zunächst wollte er sich selbst töten, er lief dann aber weg, wurde ergriffen, leugnete nichts und bekannte, sie habe um seinetwillen ihren Tod verdient.

Der danach beginnende Prozess zog sich über drei Jahre hin, da sehr schnell die Zurechnungsfähigkeit des Täters angezweifelt wurde. Ursula Walter erkennt in der Prozesschronik dieses Falls die Bedeutsamkeit für die Jurisprudenz: „Aber wichtig sind diese Ereignisse in ihrer Reihenfolge wohl, zeigen sie uns doch, wie man gerade in dieser Zeit anfing, sich Gedanken um derartige Fälle und ihre Folgen zu machen.“[6]

Nach einer langwierigen Quellendokumentation, zahlreichen Gutachten, wurde Johann Christian Woyzeck am 27. August 1824 auf dem Leipziger Marktplatz hingerichtet.

4. Die Gutachten

Schon während der Prozessjahre des Mörders Woyzeck beschäftigten sich zahlreiche Gerichtsmediziner und Ärzte mit dem Fall, der so viele Fragen offen ließ. Jedes einzelne Gutachten über die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten sollte beweisen, dass Woyzeck zurechnungsfähig beziehungsweise unzurechnungsfähig gewesen sei. Im Folgenden werden vier der verfassten Gutachten vorgestellt, wobei sich schon jetzt genaue Tendenzen erkennen lassen: die Tendenz derer, die einer konservativen Jurisprudenz und damit dem Tatstrafrecht folgen, und die Tendenz der anderen, die mit dem Hintergrund einer neuen und moderneren Urteilsfähigkeit argumentieren. Die folgenden vier Gutachten bauen chronologisch aufeinander auf und zeigen in ihrem Urteil dennoch unterschiedlichste Tendenzen. Zunächst das Gutachten des Arztes, der als einziger der vier Urteilenden den Angeklagten Woyzeck kannte, der Untersuchungen an ihm durchführen konnte, ihn persönlich befragen konnte und damit den tatsächlichen Menschen analysieren hat:

4.1 Johann Christian August Clarus

Der Mediziner Johann Christian August Clarus wird vom Gericht beauftragt ein Gutachten über den Mörder Woyzeck zu verfassen. Im September 1821 reicht er sein erstes Gutachten ein, indem er Woyzecks Biographie zusammenfasst, sowie seinen physischen und psychischen Zustand untersucht. Im Gutachten stellt er klar heraus, dass Woyzeck als Kind Würmer, Masern, Pocken und Krämpfe hatte und als Erwachsener öfter an Nasenbluten litt. Clarus stellt auch heraus, dass Woyzeck im Soldatendienst an mehreren Krankheiten zu leiden hatte. Der Zustand während der Untersuchung sei gut. Woyzeck esse viel, schlafe ruhig, habe einen gesunden Körperbau und zittere bei Aufregung. Hinsichtlich des psychischen Zustandes erklärt Clarus Woyzeck für manchmal ärgerlich und desperat. Jedoch führt er an, dass Woyzeck seine Umgebung oftmals nicht verarbeiten könne. Daher habe er des Öfteren falsche Aussagen gemacht. Diese führten zu falschem Handeln und daher wurde Woyzeck manchmal als verrückt tituliert. Clarus fällt sein Urteil dahingehend, dass Woyzeck nicht von Leidenschaften oder Phantasie beherrscht sein würde. Dass er des Weiteren seine Umwelt klar wahrnehme, nicht extrem reizbar sei und kein extrem auffälliges Temperament besäße. Dennoch sei er moralisch verwildert und die religiöse Empfindung zu schwach ausgeprägt. Clarus kommt zu dem ersten Urteil: Woyzeck ist zurechnungsfähig.

Augrund zahlreicher Schreiben aus der Bevölkerung mit der Bitte um genauere Beweise für die geistige Zerrüttung Woyzecks, muss Clarus 1823 erneut Stellung nehmen.

Der physische Zustand sei im Vergleich zum ersten Gutachten unverändert, nur das Zittern halte bei Aufregung länger an.

Clarus entnimmt den Akten, dass Woyzeck gewalttätig gegenüber Frauen war. Des Weiteren besitzt er eine Militärvergangenheit.

„Überdies habe er beunruhigende Träume von Freimaurern gehabt und sie mit seinen Begegnissen in Beziehung gebracht. … und er habe, als ihm ein Traum die Erkennungszeichen der Freimaurer offenbart, geglaubt, dass ihm diese Wissenschaft gefährlich werden könne, und daß er von den Freimaurern verfolgt werde.“[7]

[...]


[1] Reuchlein, Georg (1985): Das Problem der Zurechnungsfähigkeit bei E.T.A Hoffmann und Georg Büchner: Zum Verhältnis von Literatur, Psychiatrie und Justiz im frühen 19.Jahrhundert. Frankfurt a. M. (Verlag Peter Lang), Seite 12

[2] Glatzel, Johann (1990): Melancholie und Wahnsinn: Beiträge zur Psychopathologie und ihren Grenzgebieten. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Seite 62

[3] Reuchlein, Georg. Das Problem der Zurechnungsfähigkeit bei E.T.A Hoffmann und Georg Büchner, a.a.O., Seite 15

[4] Ebd., Seite 15ff.

[5] Ursula Walter (1988/89): Der Fall Woyzeck: Eine Quellen – Dokumentation. Leipzig (In: Georg Büchner Jahrbuch 7), Seite 352

[6] Ursula Walter: Der Fall Woyzeck: Eine Quellen – Dokumentation, a.a.O., Seite 353

[7] Clarus, Johann Christian August (28.2.1823): Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders Johann Woyzeck. In: Marburger Ausgabe, Seite 266

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Georg Büchner: „Woyzeck“
Untertitel
Debatten über die Zurechnungsfähigkeit des historischen Woyzeck und Georg Büchners Lösung im literarischen „Woyzeck“
Hochschule
Universität Bayreuth
Veranstaltung
Georg Büchner: Woyzeck
Note
2,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V122726
ISBN (eBook)
9783640279234
ISBN (Buch)
9783640283071
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg, Büchner, Woyzeck
Arbeit zitieren
Anja Menge (Autor), 2008, Georg Büchner: „Woyzeck“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122726

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