Zur Darstellung und Rolle von Ehe und Familie in Tolstojs Roman „Anna Karenina“


Hausarbeit, 2006
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Über den Autor und zur Inhaltsangabe des Romanes
2.1 Über den Autor
2.2 Zur Inhaltsangabe des Romanes

3. Das Familienleben im Roman
3.1 Die Familie Oblonskijs
3.2 Die Familie Karenins
3.3 Die Familie Ščerbackijs

4. Annas Ehebruch und die Ehe von Levin und Kitty
4.1 Annas Ehebruch als Vergehen an ihrer Familie
4.2 Die Ehe von Levin und Kitty – das Idealbild einer glücklichen Familie?
4.3 Tolstois Auffassung von Ehe und Familie

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lev Tolstoj beschreibt in „Anna Karenina“ drei ineinander verflochtene Schicksale der Familien Oblonskij, Karenin und der Familie Ščerbackij-Levin. Im Mittelpunkt des Romanes steht die tragische Liebesbeziehung bzw. illegitime Verbindung von Anna Karenina, die der gesunden Liebe bzw. der legitimen und glücklichen Ehe Levins gegenübersteht.[1]

In dem Roman geht es nicht nur allein um die Ehe und den Ehebruch der Titelheldin, sondern um die traditionellen Werte der Familie im 19. Jahrhundert. Während Tolstoj in „Vojna i mir“ die „Idee der Nation“ vertritt, stellt er in „Anna Karenina“ die „Idee der Familie“ in den Vordergrund.[2]

Gegenstand dieser Arbeit ist die Darstellung von Ehe und Familie in dem Werk „Anna Karenina“. Zunächst erfolgt eine kurze biographische Darstellung von Tolstojs Leben. Im Weiteren werden der Inhalt des Romanes kurz vorgestellt und die für den Roman wichtigen drei Familiengeschichten herausgearbeitet und gezeigt. Anschließend wird auf Anna Kareninas Ehebruch und damit zugleich auf ihre Abwendung von der Familie eingegangen. Im Kontrast dazu wird die glückliche Ehe zwischen Levin und Kitty dargestellt. Im letzen Abschnitt der vorliegenden Arbeit erfolgt eine Beschreibung von Tolstojs Idealbild der Ehe und Familie.

2. Über den Autor und zur Inhaltsangabe des Romanes

2. 1 Über den Autor

Der russische Schriftsteller Lev Tolstoj wurde am 28. August 1828 in Jasnaja Poljana geboren.[3] Er stammte aus einer alten und wohlhabenden Adelsfamilie. Tolstoj verlor früh die Eltern. Deshalb wuchs er ab 1841 zusammen mit seinen Geschwistern bei seiner Tante in Kasan auf.[4] Dort studierte er an der Universität orientalische Sprachen und Jura. Da er an der Hochschule keinen Erfolg hatte, musste er das Studium abbrechen.[5]

1847 zog er nach Jasnaja Poljana mit der Absicht seinen Leibeigenen aus einer miserablen Lage zu verhelfen.[6] Seine Bemühungen sind jedoch erfolglos geblieben. Seitdem reiste Tolstoj zwischen Moskau und Jasnaja Poljana. 1851 trat er zusammen mit seinem Bruder in die Armee ein.[7]

Seine literarische Laufbahn begann mit der ersten Erzählung „Kindheit“, welche autobiographischen Züge aufweist, die 1852 in der Zeitschrift „Sovremennik“ veröffentlicht wurde.[8] Tolstojs „Kindheit“ folgten weitere Werke, die sein Ansehen als Schriftsteller positiv beeinflussen. Ab 1857 unternahm er einige Reisen durch Westeuropa. 1859 eröffnete er eine Schule für Bauernkinder auf seinem Landgut und begann mit seiner pädagogischen Tätigkeit.[9] 1862 heiratete Tolstoj die Arzttochter Sophia Behrs, mit der er lange glückliche Ehejahre verband. Genau in dieser Zeitspanne entstanden die zwei Romane „Vojna i mir“ und „Anna Karenina“.

Drei Jahre nach der Fertigstellung von „Vojna i mir“ beabsichtigte Tolstoj einen weiteren Roman über die Petrinische Epoche zu schreiben, der aber unvollendet blieb.[10] Denn Tolstoj brach die bereits in Angriff genommene Arbeit ab und widmete sich lieber seinem neuen Roman „Anna Karenina“. Die Entstehungszeit dieses Romans liegt zwischen 1873 und 1877. Die ersten Teile des Werkes erschienen 1875 in der Zeitschrift „Russkij vestnik“.[11]

2. 2 Zur Inhaltsangabe des Romans

Die Handlung findet in den zwei großen Städten Moskau und Petersburg statt. Während Petersburg als Stadt des feierlichen Dinners und der glanzvollen Bälle dargestellt wird, wird demgegenüber Moskau als eine altrussische Stadt mit starken traditionellen Werten präsentiert.

Anna Karenina ist eine junge, attraktive und reizende Frau, die mit dem gefühlskalten Staatsbeamten Aleksej Karenin verheiratet ist, der zwanzig Jahre älter ist als sie. Sie führt ein geordnetes und anständiges Leben im glänzenden Kreis der Petersburger Gesellschaft und ist ihrem Mann treu. Während Aleksej Karenin die meiste Zeit mit seiner Arbeit verbringt, ist Anna entweder mit ihrem Sohn Sereža allein oder besucht die „vornehmen Damen“ mit denen sie sich über belanglose und oberflächliche Dinge unterhält.

Eines Tages reist Anna auf den Wunsch ihres Bruders Stiva Oblonskij von Petersburg nach Moskau, um ihren Bruder in Angelegenheit seiner zerstörten Ehe zu unterstützen. Auf dieser Reise lernt sie einen jungen Offizier, den Grafen Vronskij kennen, in den sie sich verliebt.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Am Anfang wird diese Beziehung sowohl vor der Gesellschaft als auch vor der Familie geheim gehalten. Auf die Dauer schafft es Anna nicht diese Affäre vor ihrem Ehemann zu verheimlichen. Ihr Gatte, der zum ersten Mal mit den Gefühlen seiner Frau konfrontiert wird, beginnt zu begreifen, dass sie ihn nicht nur einmalig körperlich betrogen hat, sondern auch psychisch d.h. sich in Vronskij verliebt hat. Aleksej versucht seine Frau zu überzeugen, sich von dem Geliebten zu trennen und das Leben genauso weiter zu führen, als ob nichts gewesen sei. Da Anna es aber nicht ertragen kann, mit ihrem Ehemann weiterhin zusammen zu leben, verlässt sie nicht nur ihn sondern auch ihren Sohn, den sie über Alles liebt. Besonders die Trennung mit ihrem Sohn fällt ihr schwer.

Die öffentliche Schau des Ehebruchs hat zur Folge, dass jeder Kontakt mit ihr in der Gesellschaft gezielt vermieden wird. Während Vronskij in den Kreisen der höheren Gesellschaft weiterhin problemlos verkehren kann, bleibt diese Sphäre für Anna verschlossen. Trotz der gesellschaftlichen Kritik versuchen Anna und Vronskij ein neues Leben aufzubauen und eine Familie zu gründen. Die beiden bekommen eine Tochter, fahren ins Ausland, und versuchen wie eine richtige Familie zu leben, jedoch scheitert dieser Versuch. Selbst die Tochter hilft Anna nicht ihren Sohn zu ersetzen und zu vergessen.

Da sie auf Dauer mit ihrer neuen Lebenssituation zu Recht kommt, greift sie nach Morphium. Die Sehnsucht nach ihrem Sohn, die gesellschaftliche Verachtung sowie krankhafte Eifersucht treiben Anna soweit, dass sie immer gereizter wird was dazu führt, dass sie immer häufiger mit Vronskij streitet. Der Gedanke daran, dass Vronskij sie vielleicht nicht mehr lieben könne, treibt sie soweit, dass sie versucht ihn mit allen möglichen Mitteln an sich zu binden. Vronskij hingegen versucht vor Annas Eifersuchtsanfällen zu fliehen und sich von ihr zu entfernen, je stärker er von ihr unter Druck gesetzt wird. Die Spannungen in der Beziehung versetzen Anna in eine ruhelose Melancholie, so dass sie am Ende mit dem Gedanken, sich an Vronskij zu rächen, Selbstmord begeht indem sie sich unter einen vorbeifahrenden Zug wirft.

3. Das Familienleben im Roman

3. 1 Die Familie Oblonskijs

Der Roman beginnt mit folgendem Satz von Tolstoj: Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему. Все смешалось в доме Облонских“.[12] Hiermit wird das Hauptthema des Romans, nämlich das der Familie angedeutet. Tolstoj beginnt mit der Beschreibung der angespannten familiären Situation im Hause Oblonskij.

Stiva Oblonskij, der in der Gesellschaft sehr beliebt, aber auch als ein leichtsinniger Mensch dargestellt wird, bereut seinen Ehebruch nicht. Ihn ärgert vielmehr seine Unfähigkeit, die Affäre vor seiner Ehefrau nicht verheimlichen zu können. Er hat Mitleid mit seiner Frau, aber gleichzeitig erwartet er, dass sie ihm einfach verzeiht. Der Grund, warum seine Frau ihm ohne Weiteres vergeben sollte, wird in der folgenden Passage mehr als deutlich:

Ему даже казалось, что она, истощенная, состарившаяся, уже некрасивая женщина и ничем не замечательная, простая, только добрая мать семейства, по чувству справедливости должна быть снисходительна.[13]

Sein Seitensprung lässt sich zwar nicht rechtfertigen, trotzdem versucht er auf seine persönlichen Gründe für den Ehebruch hinzuweisen. Er findet seine frühzeitig gealterte Frau nicht mehr attraktiv, respektiert sie dennoch, weil sie die „gute“ Mutter und Hausfrau ist. Dass ihm das Familienleben bzw. Eheleben keine Freude bereitet, wird an folgende Stelle im Roman hingewiesen.

[…]семейная жизнь доставляла мало удовольствия Степану Аркадьичу и принуждала его лгать и притворяться, что было так противно его натуре“.[14]

Daher sucht er seine Befriedigung außerhalb des Hauses. Er ist stets in einer „kleinen“ Affäre verwickelt. Für seinen ausschweifenden Lebensstil spricht die Tatsache, dass er kaum noch zu Hause ist und sich wenig um die materielle Sicherheit seiner Familie kümmert.

Seine Ehefrau Dolly hingegen ist die Stütze der Familie und versucht die Familie aufrechtzuerhalten. Alle Sorgen im Haushalt nimmt sie auf sich. Auch in Fragen der Kindererziehung ist sie auf sich allein gestellt.

Nachdem sie von der Affäre ihres Ehemannes erfährt, ist sie tief verletzt und möchte sich an ihrem Mann rächen, indem sie droht, ihn zu verlassen. Allerdings wird sie ihre Androhung nicht in die Tat umsetzen können, weil sie ihn einerseits nach wie vor liebt:

Она все еще говорила, что уедет от него, но чувствовала, что это невозможно; это было невозможно потому, что она не могла отвыкнуть считать его своим мужем и любить его.[15]

Andererseits denkt sie an die Familie, besonders an die Kinder

Я помню про детей и поэтому все в мире сделала бы, чтобы спасти их; но я сама не знаю, чем я спасу их: тем ли, что увезу от отца, или тем, что оставлю с развратным отцом, — да, с развратным отцом...“.[16]

Ihr ist bewusst, dass die Kinder in diesem Fall am meisten zu leiden haben. Tatsächlich bekommen die Kinder den Streit zwischen ihren Eltern zu spüren

Девочка знала, что между отцом и матерью была ссора, и что мать не могла быть весела, и что отец должен знать это, и что он притворяется, спрашивая об этом так легко. И она покраснела за отца.[17]

An den Folgen des Ehebruchs hat nicht nur allein die betrogene Ehefrau zu leiden, sondern mit ihr die ganze Lebensgemeinschaft. Der Zusammenhalt der Familie als eine soziale Einheit ist gefährdet.[18]

Dolly fällt es schwer ihrem Ehemann zu verzeihen. Trotzdem bleibt sie bei ihm und versucht, sich weiterhin um die Kindern und den Haushalt zu kümmern, sowie ein Minimum an ehelichen Bindungen zu erhalten.[19] Sie akzeptiert den Zustand ihrer Ehe, die nur noch formal besteht.

3. 2 Die Familie Karenins

Auch die Ehe der Familie Karenin hat nur noch „formalen“ Charakter. Zu Beginn des Romanes scheint in der Ehebeziehung von Anna und Aleksej Karenin alles normal zu funktionieren. Aleksej Karenin genießt seine Stellung in der Gesellschaft, hat einen gesicherten Beamtenposten, konzentriert sich auf seine dienstliche Karriere und hat einen fest geregelten Tagesablauf, so dass er scheinbar mit seinem Leben zufrieden ist

[...]


[1] Zelinsky, Bodo: Lev Tolstoj: Anna Karenina. In: Zelinsky, Bodo: Der russische Roman. Böhlau

Verlag, Köln, 2007, S. 238

[2] Ebd., S. 242

[3] Lavrin, Janko: Lev Tolstoj. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, 1996. S. 7

[4] Ebd., S.11

[5] Ebd., S.12

[6] Vgl., Janko, Lev Tolstoj, S.16

[7] Ebd., S.16

[8] Ebd., S.23

[9] Braun, Maximilian: Tolstoj . Eine literarische Biographie. Göttingen, 1978. S. 112

[10] Vgl., Zelinsky, Der russische Roman. S. 224

[11] Ebd., S. 227

[12] Толстой Л.Н.: Анна Каренина. Ромaн. Изд-во Эксмо, Москва, 2005. S. 5

[13] Ebd., S. 7

[14] Ebd., S.11

[15] Vgl., Толстой, Анна Каренина, S.14

[16] Ebd., S.16

[17] Ebd., S.16

[18] Vgl., Zelinsky, Der russische Roman, S. 242

[19] Vgl., Braun, Tolstoj, S. 270

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zur Darstellung und Rolle von Ehe und Familie in Tolstojs Roman „Anna Karenina“
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Seminar für Slavistik / Lotman-Institut)
Veranstaltung
PS: Lev Tolstoj: Die großen Romane und ihre Verfilmungen
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V123434
ISBN (eBook)
9783640286416
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Rolle, Familie, Tolstojs, Roman, Karenina“, Tolstoj, Romane, Verfilmungen
Arbeit zitieren
Eliza Kikvadze (Autor), 2006, Zur Darstellung und Rolle von Ehe und Familie in Tolstojs Roman „Anna Karenina“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123434

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