Relevanz der Entwicklung von Affektregulation und Theory of Mind für den Therapeuten


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2009
5 Seiten

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Relevanz der Entwicklung von Affektregulation und Theory of Mind für den Therapeuten

Zusammenfassung

Der Autor versucht anhand der Konzepte von Affektregulation, Spiegelneurone und Theory of Mind zu zeigen, wie diese sich nach gegenwärtiger Auffassung entwickeln und welche Relevanz dies für die Tätigkeit des Psychiaters oder Psychotherapeuten hat. Frühe notwendige eigene Erfahrungen in der affektiven Zustandsregulation und spätere daraus folgende sekundäre Repräsentationen haben einen entscheidenden Einfluss auf das Ausmaß der Fähigkeiten, die wichtig sind, therapeutische Prozesse zu begleiten und zu steuern.

Einleitung

Betrachten wir die Schwierigkeit der Psychotherapie an sich, das heißt überhaupt die Problematik des Arzt/Therapeuten-Patienten-Kontaktes in der psychiatrisch, psychotherapeutischen Behandlung, so ist allseits bekannt, dass es einer großen Kompetenz des Therapeuten bedarf, nicht in Verstrickungen mit den Patienten zu geraten. Diese Kompetenz zeichnet sich durch das hineinfühlen in die Welt des Patienten aus und erfordert u.a. das gefühlsmäßige mitschwingen, gleichfalls aber auch das distanzieren und neubewerten der vom Patienten geäußerten Gedanken und Inhalte. Die Fähigkeit, dies zu tun wird uns erst bewusst, wenn wir uns vorstellen, dass schwer erkrankte Personen wie zum Beispiel schizophren Erkrankte oder Borderline Patienten die Rolle eines Therapeuten annehmen würden. Hier wird sogleich deutlich, dass dies nicht gelingen kann, diese Menschen werden im akuten Krankheitszustand die vorher genannten Fähigkeiten nicht aufbringen können, um andere Menschen in therapeutischer Weise zu unterstützen.

Die vor allem für psychotherapeutische Prozesse für erforderlich gesehene Selbsterfahrung dient nicht etwa nur dazu, das Innerste besser kennen zu lernen, also eigene Schwächen und Erfahrungen zu erkennen, sondern vor allem die Fähigkeit zu erlangen, eigene Gefühlszustände erfolgreich zu regulieren und in einem Gleichgewicht zu halten. In der therapeutischen Situation ermöglicht dies, verbal oder nonverbale transportierte Inhalte vom Patienten adäquat aufzunehmen zu verarbeiten und wieder zurückzugeben. Defizite in der Affektregulation sowie im planerisch, antizipatorischen Denken sind charakteristischerweise bei psychischen Erkrankungen mehr oder weniger stark vorhanden. Ich möchte in einem kurzen Exkurs darstellen, wie diese emotionalen und kognitiven Fähigkeiten, die grundsätzlich bei allen Menschen vorhanden sind, in der normalen kindlichen Entwicklung erlernt werden.

Die Bedeutung der visuellen Wahrnehmung

Schore (2007) beschreibt, dass es bereits durch verschiedene Studien nachgewiesen worden sei, dass nach der Geburt während des ganzen ersten Lebensjahres visuelle Erfahrungen eine herausragende Rolle in der sozialen und emotionalen Entwicklung des Kindes spielen. Insbesondere sei der emotionale Gesichtsausdruck der Mutter der mit Abstand wirksamste visuelle Stimulus in der Umgebung des Säuglings und das intensive Interesse des Kindes an ihrem Gesicht, besonders an ihren Augen, führt zu ausgeprägtem Suchverhalten, welches in intensive Perioden gegenseitigen Anschauens mündet. Der Blickkontakt stelle die intensivste Form interpersonaler Kommunikation dar und das wahrnehmen von Gesichtsausdrücken sei ein bedeutungsvoller Pfad in der nonverbalen Kommunikation. Im Alter von zwei bis drei Monaten, in einer Zeit der wachsenden Myelinisierung der visuellen Areale des orbitofrontalen Kortex des Säuglings, werde das Auge der Mutter, insbesondere ihre Pupillen, zum Fokus der Aufmerksamkeit des Kindes. Studien von Hess (1975) belegen, dass sich die Augen einer Frau (und eines Mannes mit Kindern) als Reaktion auf das Bild eines Kindes weiten: Eine Reaktion, die mit positiven Emotionen der Freude und des Interesses einhergeht. Die Pupillen dienen somit als ein interpersonales nonverbales Kommunikationsmittel, und diese schnellen Kommunikationen ereignen sich auf unbewussten Ebenen. Von Emde (1991) wurde dargelegt, dass der Säugling biologisch dazu ausgestattet ist, sich in eine visuelle Erregung einzulassen, um sein Gehirn zu stimulieren. Psychobiologische Studien zeigen, dass durch den Blickkontakt mit der Mutter das Niveau an endogenen Opiaten im sich entwickelnden Gehirn des Kindes stark ansteigt. Der wechselseitige Blickkontakt zwischen Mutter und Kind verstärkt sich im zweiten und dritten Viertel des ersten Lebensjahres und da er sich innerhalb von Sekundenbruchteilen ereignet, ist er kaum wahrzunehmen (Stern 1977, zit. n. Schore 2007). Das affektive Spiegeln ist u.a. durch synchrone schnelle Bewegungen und schnelle Wechsel des affektiven Ausdrucks innerhalb der Dyade gekennzeichnet (Beebe und Lachmann 1988, zit. n. Schore 2007). Die Synchronisation zwischen Mutter und Kind scheint also eine biologische Determinante der kindlichen Entwicklung zu sein. Je mehr die Mutter in dem Prozess der Abstimmung auf den Säugling ihr Aktivitätsniveau während der Perioden des sozialen Miteinanders an das des Säuglings angleicht, je mehr sie ihm erlaubt, sich in Perioden der Zurücknahme zu erholen und je mehr sie auf die kindlichen Signale für die Wiederaufnahme des Interaktionsaustausches achtet, um so synchronisierter werden ihrer beider Interaktionen sein. Diese Spiegelsequenzen erzeugen innerhalb der Dyade weitaus mehr als nur offensichtliche mimische Veränderungen (Schore 2007): Sie repräsentieren die Übertragung des inneren Erlebens. Im synchronisierten Blickkontakt konstruieren sich wechselseitige Regulationssysteme, die beidseits Erregungen regulieren. Um in diese Kommunikation einzutreten, muss sich die Mutter psychobiologisch nicht so sehr auf das offene gezeigte Verhalten des Kindes, als vielmehr auf die Widerspiegelung seines inneren Zustandes einstimmen. Falls aber Bezugspersonen nicht sensitiv eingestimmt sind, kann es Momente von mangelnder Abstimmung und Brüche in der Bindungsbeziehung geben. Fortwährende negative Zustände sind für den Säugling schädlig, d.h. er kann sie nicht lange aushalten. Zwar besitzt er eine gewisse Fähigkeit, negative Affektzustände niedriger Intensität zu modulieren, jedoch werden diese Zustände bei andauern unerträglich. Elterlicher Teilhabe an der Zustandsregulierung ist wichtig, um es dem Kind zu ermöglichen, nach einem negativen Affektzustand von übererregter Verzweiflung oder starkem Spannungsabfall wieder einen positiven Affekt herzustellen. Das heißt, dass es von der Kompetenz der Fürsorgeperson abhängt, wie die eigenen, insbesondere die negativen Affekte überwacht und reguliert werden. Möglicherweise ist es diese entscheidende vor allem durch Blickkontakt geprägte aller früheste Kommunikation mit der Mutter oder Bezugsperson, die es uns ermöglicht, besonders intensiv mimisch oder gestisch in der Therapeut-Patient Dyade wahrzunehmen. Aufgrund seines nicht willkürlichen Charakters aber, können affektive Impulse in der Wahrnehmung vom Therapeuten zunächst nicht willentlich gefiltert werden. Man vergleiche hierzu die Mimik-Studien von Merten in der psychotherapeutischen Situation (Merten 2001).

Spiegelneurone und Affektspiegelung

Nun möchte ich die so genannten Spiegelneurone erwähnen. Diese wurden zunächst an Affen entdeckt und man stellte fest, dass die Beobachtung einer Handlung, die durch einen anderen vollzogen wird, dieses im Beobachtenden, in diesem Fall dem Affen, ein eigenes neurobiologisches Programm aktivierte und zwar genau das Programm, dass die beobachtete Handlung bei ihm selbst zur Ausführung bringen könnte (Bauer 2005). Dies ermöglichen Nervenzellen, die im eigenen Körper ein bestimmtes Programm realisieren und immer aktiv

werden, wenn man beobachtet oder auf andere Weise miterlebt, wie ein anderes Individuum eine bestimmte Handlung in die Tat umsetzt. Dies kann soweit gehen, dass lediglich durch das beobachten Handlungs-imanente physiologische Reaktionen im Beobachter auftreten. Man geht davon aus, dass die Spiegelneurone in unterschiedlichen Hirnregionen Handlungsabläufe, die damit verbundenen Emotionen und Körperempfindungen spiegeln können. Hieran sind beteiligt die prämotorische Rinde im Frontallappen, die inferiore Parietalregion im Parietallappen, das STS, so genannte optische Interpretationssystem im Temporallappen und die Sehrinde im Okzipitallappen (Bauer 2005).

Kehren wir zurück zur Affektregulation. In der frühen Phase symbiotischer Abhängigkeit übernimmt die Mutter in ihrer Funktion als Hilfs-Ich des Kindes diese Zustandsregulierung und Kontrolle, die nach und nach vom Säugling durch diese Interaktionen internalisiert wird. In der Weise hat die Mutterkindbeziehung wohl ihre Hauptfunktion in der homöostatischen Affektregulierung der frühen Umwelteinflüsse. Schließlich werden beim menschlichen Säugling erst allmählich mentale Repräsentationsstrukturen diese regulierende Funktion übernehmen. Gergely (2002) beschreibt sehr einleuchtend, wie diese Entwicklung funktioniert: Man stelle sich eine emphatische Mutter vor, die versucht, einen frustrierten, wütenden oder ängstlichen Säugling zu beruhigen. Wenn sie sensibel auf das Kind eingestimmt ist, wird sie neben sanftem physischem Kontakt auch mimisch und sprachlich kurz die negativen Gefühle spiegeln, die der Säugling ausdrückt. Es mag paradox erscheinen, dass diese Affektspiegelung tatsächlich zur Emotionsregulierung beitragen soll und nicht etwa den negativen Zustand des Säuglings verstärkt, denn normalerweise ist der Anblick einer ängstlichen oder zornigen Mutter für den Säugling sehr belastend. Bei der Affektspiegelung lassen sich aber drei Merkmale unterscheiden, die so glaubt Gergely, die Zuschreibung der negativen Emotion zur Mutter blockieren. Das eine ist die so genannte Markiertheit: Das empathische Affekt spiegeln ist erstens auffallend, nämlich „markiert“ im Unterschied zu dem entsprechenden realistischen emotionalen Ausdruck der Mutter. Markiertheit wird in der Regel durch die Übertreibung des realistischen Gefühlsausdrucks erreicht, etwa im markierten als-ob Ausdruckspiel. Dem Säugling wird signalisiert, „das ist nicht echt, die Mutter ist nicht wirklich böse oder ängstlich.“ Punkt 2 ist die Nichtsequenzialität. Markiertes Affekt spiegeln sei nicht sequenziell, das heißt die Folgen des Verhaltens, welches normalerweise mit einem realistischen negativen Gefühlsausdruck assoziiert ist („Mutter brüllt mich an, legt mich hin lässt mich allein, schlägt mich“) treten beim markierten Affekt spiegeln nicht ein. Durch die Markiertheit und nicht sequenziellem Affekt erkenne der Säugling zwar den Ausdruck, doch seine Zuschreibung zur Mutter werde gehemmt und von der Mutter abgekoppelt. Drittens die Kontingenzbezogenheit. Da das markierte Affekt spiegeln sehr starke Kontingenz (Übereinstimmung, Gleichschwingung) mit dem mimischen und lautlichen Gefühlsausdruck des Säuglings aufweist (zeitlich, im Raum und Intensität ähnlich) wird der Säugling dank seines Mechanismus zur Kontingenzentdeckung (-ihm gefällt zunächst alles was nahezu perfekt auf ihn abgestimmt ist und entdeckt die Kontrollierbarkeit eigener Aktionen) automatisch ein hohes Niveau kausaler Kontrolle über den gespiegelten Ausdruck erkennen. Man schließt daraus, dass der zunächst hilflose Säugling aufgrund der Wahrnehmung kausaler Kontrolle über den Affekt spiegelnden Ausdruck der Mutter ein Gefühl von Effektivität und Instrumentalität erlebt. Durch das kontinuierliche mütterliche Affekt spiegeln können langsam eigene mentale Repräsentationen aufgebaut werden. Später kann der Säugling, der durch Internalisierung der markierten mütterlichen Affektspiegelung die sekundären Repräsentationen primärer Gefühlszustände bereits etabliert hat, negative Zustände selbst regulieren, indem er affektive Impulse ohne Vermittlung der Mutter externalisiert. Dies lässt sich beim Einsatz des als-ob Spiels zur Affektregulierung beobachten.

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Details

Titel
Relevanz der Entwicklung von Affektregulation und Theory of Mind für den Therapeuten
Autor
Jahr
2009
Seiten
5
Katalognummer
V125571
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Relevanz, Entwicklung, Affektregulation, Theory, Mind, Therapeuten
Arbeit zitieren
Dr. Volker Haude (Autor), 2009, Relevanz der Entwicklung von Affektregulation und Theory of Mind für den Therapeuten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125571

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