Darstellung von Gewalt in Bernhard von Clairvauxs Traktat "Ad Milites Templi. De Laude Novae Militiae"


Hausarbeit, 2007
23 Seiten, Note: 1
Adam Seitz (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Person: Bernhard von Clairvaux

3. Zur Schrift: Ad milites templi. De laude novae militiae
3.1 Historischer Kontext der Entstehung
3.2 Gewaltdarstellung im Text
3.2.1 Beschreibung der Gewaltdarstellung
3.2.2 Bewertung der Gewaltdarstellung

4. Schluss

1. Einleitung

"Wohl keine Gestalt des Mittelalters hat in ähnlicher Weise und Intensität wie Bernhard aktives und kontemplatives Leben miteinander verbunden, keine war mit vergleichbarem Einfluß zugleich als Politiker und Diplomat auf verschiedenen Ebenen wie als Denker, Prediger und Schriftsteller tätig".1

Diese gewagte, stark von der christlichen Hagiographie geprägte Einschätzung muss keinesfalls geteilt werden um festzustellen, dass Bernhard von Clairvaux eine außergewöhnliche Rolle in dem an Veränderungen und Umbrüchen reichen 12. Jahrhundert gespielt hat. Untrennbar verbunden ist sein Name mit dem zweiten Kreuzzug, in dem mit den Templern zum ersten Mal eine Ritterschaft auf den Plan getreten war, die sich zugleich als christlicher Orden begriff – die Tempelritter waren Krieger und Mönche zugleich.

Einen wesentlichen Beitrag zu dem Erfolg und dem relativ starken Zulauf, den der Templerorden zu Beginn des zweiten Kreuzzuges erfuhr, leistete Bernhard mit der vorliegenden 'Lobrede auf das neue Rittertum'. Selten sind die Kreuzzüge je positiver bewertet worden als hier2; nie zuvor wurde von Christen so aggressiv zur Gewalt gegen Andersgläubige aufgerufen.

Neben der Untersuchung der vorliegenden Quelle bezüglich der Darstellung von Gewalt richtet sich der Fokus dieser Arbeit vor allem auf die Frage, auf welche Art und Weise die Gewalt in einem christlichen Kontext gerechtfertigt werden konnte und wie sie bewertet wurde. Zu beachten ist dabei zunächst, dass Bernhards Schrift keinen beschreibenden Charakter hat, ihr also kein reales Ereignis zugrunde lag, sondern, dass es sich um einen Aufruf zur Gewalt handelt. Dem entsprechend sind die Gewaltdarstellungen nicht detaillierter, sondern eher allgemeiner und abstrakter Art.

Aus Gründen, die unten noch erläutert werden, beschränkt sich die Untersuchung der Schrift auf die ersten vier Kapitel. Dabei spielt allein physische Gewalt eine Rolle; psychische und strukturelle Gewalt bleiben ausgeblendet, auch wenn gerade die vorliegende Quelle in dieser Hinsicht wohl sehr interessante Einsichten liefern könnte. Dazu ist hier aber kein Platz.

Zu Beginn dieser Arbeit steht eine Auseinandersetzung mit der Person Bernhard von Clairvaux. Hierfür war es nötig, auf Beschreibungen und Urteile zurück zu greifen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Das hat vor allem damit zu tun, dass es sich bei Bernhard um eine im katholischen Sinne 'heilige' Figur handelt, was zu dem Ergebnis führt, dass die Auseinandersetzung mit seiner Person selbst in jüngster Zeit oft erschreckend unkritische und hagiographische Züge aufweist. Dem gegenüber steht oft eine 'moderne' Herangehensweise, die Gefahr zu laufen scheint, den zeitlichen Kontext und die hochmittelalterliche Vorstellungswelt aus dem Auge zu verlieren und zu 'modern' zu urteilen. In dieser Arbeit ist es hoffentlich gelungen, beide Pole gegenüber zu stellen und gleichzeitig den Spielraum für historische Interpretationen zu belassen.

2. Zur Person: Bernhard von Clairvaux

Es soll kein Versuch unternommen werden, das Leben Bernhards umfangreich darzustellen. Neben den grundsätzlichen Angaben zu seiner Herkunft und seinem Wirken sind hier allein Facetten relevant, die mit der bereits erläuterten Fragestellung in direktem Zusammenhang stehen. Andere Fragen, die Bernhards Einfluss auf seine Zeit und die Nachwelt betreffen, bleiben weitgehend ausgeblendet.

In der Bernhard-Forschung besteht das Problem, dass zwar auf relativ umfangreiche schriftliche Überlieferungen zurückgegriffen, direkte oder einfache Rückschlüsse auf die Person aber nur selten gezogen werden können. Wie erwähnt scheinen nach Bernhards Tod verfasste hagiographische Schriften wie die vita prima nach wie vor zu unreflektiert in die heutige Forschung mit einzufließen.3 Dabei werden zum Beispiel die Tatsachen vernachlässigt, dass die vita prima von mehreren Personen verfasst und mehrmals "dem neuen politischen Klima an der Kurie in Rom"4 angepasst wurde, sowie zuallererst den Zweck hatte, eine Kanonisation Bernhards zu bewirken.5 Selbst wenn aber den von Bernhard verfassten Schriften Vorrang eingeräumt wird, kommt es zu dem Problem, dass diese oft nicht in der originalen Fassung überliefert sind.6 Elementar wichtig ist es, die historische Figur Bernhard von der 'heiligen' Figur der christlich-katholischen Betrachtung strikt zu trennen und "jeden einzelnen Beleg kritisch auf seine Aussagekraft hin zu untersuchen"7.

Bernhard wurde 1091 bei Dijon in einer adeligen Familie geboren. Schon früh wurde ihm eine Ausbildung bei den Kanonikern von St. Vorles de Châtillon zuteil, die ihn direkt auf ein klerikales Leben vorbereiten sollte. Wahrscheinlich erwarb er hier sowohl seine hervorragenden Latein- wie auch seine umfangreichen Bibelkenntnisse. Im Alter von 22 Jahren soll Bernhard sich für den Eintritt in das Kloster Cîteaux entschieden haben. Im Zusammenhang dieser Entscheidung wird zum ersten Mal ein Charakterzug Bernhards beschrieben, der in allen Darstellungen als wesentlich hervorgehoben wird: sein Charisma. Angeblich hat er sich nicht nur selbst zum Eintritt ins Kloster entschieden, sondern auch eine Reihe seiner Verwandten und Begleiter davon überzeugt, sich ihm anzuschließen. Generell soll "sein publikumswirksam inszeniertes Vorgehen"8 großen Einfluss auf die Menschen seiner Zeit gehabt haben. Allerdings wird auch an dieser Stelle auf die "Perpetuierung des Charismas Bernhards von Clairvaux im Zisterzienserorden"9 hingewiesen, die zunächst wesentlich durch die Bemühungen des Ordens um seine Kanonisation bestimmt war und vielfach bis in die heutige Zeit reflektionslos fortgeschrieben worden ist.

Bereits 1115 gründete Bernhard das Kloster Clairvaux und wurde dessen Abt, der er bis zu seinem Tod 1153 auch blieb. Die Gründung selbst glich einem "Familienunternehmen"10: Die überwiegende Mehrheit seiner Mitstreiter entstammte seiner Familie. Selbst der zur Verfügung gestellte Grund war der eines Familienmitglieds. Der heutige Name Clairvaux leitet sich aus der ursprünglichen Benennung als 'helles Tal' ab.11 Die Anfangszeit, also vor allem der Bau des Klosters zuerst als Holzkonstruktion, wird in den Quellen als sehr hart beschrieben. Die rasch wachsende Zahl der Klosterinsassen sowie reiche Spenden scheinen aber eine schnelle Konsolidierung schon in den kommenden Jahren bewirkt zu haben.

Obwohl Bernhard zeitweise großen Einfluss auf die Politik seiner Zeit ausübte und ihm eine Vielzahl an hohen Ämtern (z.B. mehrmals die Bischofswürde) angetragen worden sind, hatte er nie Ambitionen, Clairvaux zu verlassen. Ebenso verzichtete er offenbar zeitlebens auf die ansonsten für seine Stellung üblichen Pfründe. Andererseits war das Kloster Clairvaux mit bis zu 700 Bewohnern zeitweise geradezu überfüllt, somit konnte Bernhard auch ohne institutionelle Erhebung auf einen relativ großen Stamm an 'Personal' zurückgreifen: etwa in Form von Schreibern, Beratern oder Verwaltern. Zudem brachte die substituive Wirtschaftsweise der Zisterzienser auch in Clairvaux eine relative wirtschaftliche Autarkie des Klosters mit sich12, was die Notwendigkeit für Pfründe beträchtlich verringerte. Der in der Literatur oft so dargestellte 'edle Verzicht' auf höhere Ämter und Pfründe erscheint so in einem etwas anderen Licht, auch wenn Bernhards anscheinend überwiegend asketische Lebensweise damit nicht grundsätzlich in Zweifel gezogen werden soll.

Askese und Verzicht scheinen Grundpfeiler im Denken Bernhards gewesen zu sein; er war "beseelt von einem missionarischen Eifer in Fragen der Askese, der keine Rücksicht selbst auf die eigene Gesundheit zuließ"13. Eine direkte Auswirkung waren gesundheitliche Konsequenzen in Form eines chronischen und schmerzhaften Magenleidens, das auf mangelnde bzw. einseitige Ernährung zurückzuführen war und Bernhard zeitlebens verfolgt haben soll. Es ist nicht unplausibel anzunehmen, dass diese chronischen Schmerzen die Entwicklung von Bernhards Denken entscheidend beeinflusst haben. Der Gedanke ist zwar spekulativ, sollte aber für die Betrachtung der hier relevanten Quelle trotzdem präsent gehalten werden.

Bernhard wurde im Alter, so ein Teil der Forschung, zur "geistliche[n] Führergestalt der westlichen Welt".14 Er sei zugleich "Vaterabt, [...] gelehrter Briefschreiber und Theologe und kirchlicher Berater"15 sowie "der geborene Dichter und Schriftsteller"16 gewesen. All diese Zuschreibungen lassen sich, sollten sie wahr sein, mit Charisma allein nur schwer erklären; nicht nur deswegen bestehen an dieser Stelle auch Zweifel. Nach eingehender Betrachtung der Entwicklungen des 12. Jahrhunderts, so andere Stimmen, "zeigt sich Bernhards Führungsrolle darin weniger maßgebend als in Anlehnung an sein kultisches Bild lange angenommen wurde".17 Wie dem auch sei, die Strahlkraft seines gesellschaftlichen und politischen Wirkens kann ihm keinesfalls gänzlich abgesprochen werden – auch wenn die von einer allgemein experimentierfreudigen religiösen Grundstimmung geprägte Zeit und die besondere Beliebtheit des (später so genannten) Zisterzienserordens die außergewöhnliche Entwicklung von Clairvaux sicher massiv beeinflusst haben, unabhängig von der Person Bernhards.18

Die Filiation des Klosters von Clairvaux war jedenfalls kurz vor seinem Tod auf knapp 70 Konvente angewachsen. Zudem zeugen Bernhards Einmischungen in die Politik von einem ausgeprägten Machtbewusstsein und seine politischen Erfolge von nicht geringem Einfluss. Die wichtige Frage, "ob er so viele Klöster gründen konnte, weil ihm erst seine außermonastischen, politischen Aktivitäten dies erlaubten, oder ob er dieses Engagement suchte, um die Expansion vorantreiben zu können"19, bleibt vorerst unbeantwortet.

Unbestritten scheinen seine außerordentlichen rhetorischen Fähigkeiten und die Begabung, lateinische Prosa höchster Qualität zu verfassen.20 Auch die vorliegende Quelle ist ein Beispiel für einen "hohen Grad an Formvollendung und literarischer Gestaltung".21 Unabhängig davon, wie groß Bernhards Einfluss auf die Menschen seiner Zeit und die Nachwelt allgemein gewesen sein mag, ist die Beherrschung von Sprache und Rhetorik auf höchstem Niveau sicher eine Voraussetzung dafür Menschen so für eine Sache zu begeistern, wie es Bernhard im Hinblick auf den Aufbau des 'neuen Rittertums' und zum zweiten Kreuzzug offensichtlich geglückt ist. Dazu kam seine sichere Beherrschung der 'heiligen Schrift', die sich auch dadurch ausdrückte, dass er seine Gedanken oft wörtlich in biblischen Wendungen artikulierte – deutlich zu sehen in dem vorliegenden Text zum Lob der Tempelritter.

Die angebliche Wundertätigkeiten Bernhards sind mit Sicherheit ins Reich der Fabel zu verweisen und ein Konstrukt von Hagiographen. Es scheint bereits zu Lebzeiten Legenden über Wundertätigkeiten Bernhards gegeben zu haben; selbst in seinem eigenen Orden regte sich hörbares Unbehagen aufgrund der Tatsache, dass er "die fast magische Mirakelgläubigkeit der Massen"22 für seine politischen Zwecke ausgenutzt haben soll. Zudem standen seine politischen Aktivitäten und sein Sendungsbedürfnis sowieso in direktem Gegensatz zur kontemplativen Ausrichtung seines Ordens. Aber "wo andere Erklärungen zu versagen drohten, wurde die besondere Begnadung und Auserwähltheit zur Verteidigung für Bernhards Handeln".23 So wurde, grob umrissen, Bernhards 'Inneres' in der vita prima als rein und heilig dargestellt. Sein 'Äußeres' hingegen, so die Hagiographen, spiegelte das 'Innere' wider und sei deshalb, völlig unabhängig von Bernhards Taten, frei von jeglichem Irrtum.24

Seine Fähigkeiten scheint Bernhard nicht nur in der vorliegenden Quelle dazu missbraucht zu haben, gegen Menschen anderer religiöser Ausrichtung oder auch gegen Menschen aus anderen sozialen Schichten zu agitieren. So stellt selbst die wohlwollende Forschung fest, dass er "keineswegs ein prinzipiell friedlicher Mensch"25 war. Grundsätzlich fällte er seine Urteile "in der apriorischen Annahme, das Recht auf seiner Seite zu haben", und zwar "nach stereotypen Urteilsnormen der Zeit".26 Bernhard war lebenslang mit "Sünden und deren Zurechtweisung [...] befaßt"27 – besonders im Hinblick auf seine Auseinandersetzung mit 'Heiden', wie die vorliegende Quelle zeigt, ein nicht zu unterschätzender Punkt. Das geschickte strategische Vorgehen, seine Wirkungsmacht mit seiner Funktion als Werkzeug Gottes und nicht mit eigenen Fähigkeiten zu begründen, gab ihm nicht nur großes Selbstbewusstsein, sondern machte ihn gegenüber Kritik auch nahezu unverwundbar: Sein "Rückzug [...] hinter die höchste Autorität"28 führte dazu, dass ein Angriff auf Bernhard schnell zu einem Angriff auf den 'Allmächtigen' umgedeutet werden konnte. Dass unter diesen Umständen nur wenige Zeitgenossen in der Lage bzw. Willens waren, Bernhard zu widersprechen, liegt auf der Hand.

[...]


1 Köpf 2000, S. 414.

2 Auffahrt 2005, S. 257.

3 Bredero 1996, S. 16-21.

4 Goez 2005, S. 193.

5 Evans 2000, S. 5.

6 Köpf 2000, S. 415.

7 Ebd.

8 Goez 2005, S. 178.

9 Goez 2005, S. 173.

10 Dinzelbacher 1998, S. 31.

11 Ebd.

12 Winkler 1990, S. 15f.

13 Lohmer 2000, S. 16.

14 Winkler 1990, S. 19.

15 Knoch 2003, S. 279.

16 Winkler 1992, S. 34.

17 Bredero 1996, S. 22.

18 Evans 2000, S. 7f.

19 Goez 2005, S. 174.

20 Lohmer 2000, S. 20.

21 Winkler 1990, S. 16.

22 Goez 2005, S. 180.

23 Goez 2005, S. 197.

24 Evans 2000, S. 6.

25 Dinzelbacher 1998, S. 116.

26 Bredero 1996, S. 26.

27 Rauch 1996, S. 236.

28 Goez 2005, S. 181.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Darstellung von Gewalt in Bernhard von Clairvauxs Traktat "Ad Milites Templi. De Laude Novae Militiae"
Hochschule
Universität Hamburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar "Gewalt im frühen Mittelalter"
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V127856
ISBN (eBook)
9783640341092
ISBN (Buch)
9783640338795
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit wurde im Mai 2007 im Rahmen eines Hauptseminars an der Uni Hamburg verfasst und mit der Note 1 versehen.
Schlagworte
templi, laude, novae, militiae
Arbeit zitieren
Adam Seitz (Autor), 2007, Darstellung von Gewalt in Bernhard von Clairvauxs Traktat "Ad Milites Templi. De Laude Novae Militiae", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127856

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