Ousmane Sembènes filmische Auseinandersetzungen mit der afrikanischen Geschichte, Realität und Perspektive zur Entwicklung

Ceddo (SN 1977) & Moolaadé (SN, F, CM, BF, MA 2004)


Seminararbeit, 2008
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Handlung der Filme
2.1 Ceddo
2.1.1 Handlungsablauf
2.1.2 Hauptkonflikte in der Handlung
2.2 Moolaadé
2.2.1 Handlungsablauf
2.2.2 Hauptkonflikte in der Handlung

3 Bruch mit dem westlichen Filmstil
3.1 Das Bedürfnis nach einem afrikanischen Filmstil
3.2 Die Theatralität in Sembènes Filmstil

4 Rolle der Frauen
4.1 Prinzessin Dior in Ceddo
4.2 Aktive und passive Frauen in Moolaadé

5 Orale Übermittlung
5.1 Die Tradition der mündlichen Überlieferung und der Film
5.2 Die Tradition des Griot und Sembène
5.3 Verlust und Zurückgewinnung der Macht der Worte in Ceddo und Moolaadé

6 Afrikanische Geschichtsschreibung und Entwicklung
6.1 Verlorene historische Alternativen in Ceddo
6.2 Sembènes Mittel, um die breite Masse anzusprechen

7 Schlusswort

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ceddo (1977) und Moolaadé (2004) sind zwei der prägnantesten Filme des senegalesischen Regisseurs Ousmane Sembène (1923─2007). Sembène begann seine schaffende Karriere als Schriftsteller und wandte sich nach dem Besuch einer Filmhochschule in Moskau ab den 1960er-Jahren vorrangig dem Medium Film zu, da er sich von diesem erhoffte, es würde eine breitere Masse ansprechen[1]. Ceddo ist ein Film über afrikanische[2] Geschichte, Moolaadé setzt sich mit der aktuellen afrikanischen Realität auseinander. Obgleich der eine Film 27 Jahre vor dem anderen entstand und die Filme sich in Zeit, Thema und Sprache unterscheiden, haben die beiden Werke viele Gemeinsamkeiten. Denn beides sind Filme über Afrika aus der Sicht eines Afrikaners, beide geben einen Anstoß zu Entwicklung und Veränderung. Auch anzumerken ist, dass beide Filme jeweils Teil einer Trilogie sind, sie werden aber unabhängig von diesen diskutiert.

Diese Arbeit untersucht, durch welche Elemente es Sembène gelingt, sich in diesen beiden Filmen mit der afrikanischen Geschichte, Realität und Perspektive zur Entwicklung auseinanderzusetzen. Hierzu wird zuerst einmal auf die Handlung der Filme Ceddo und Moolaadé sowie die jeweiligen Hauptkonflikte eingegangen. Anschließend werden der in diesen Filmen vorliegende Filmstil und dessen Ursprung untersucht. Dann werden die verschiedenen Rollen der Frauen in beiden Filmen diskutiert und es wird aufgezeigt, welche Bedeutung diese für Sembène in der afrikanischen Gesellschaft einnehmen. Daraufhin wird die besondere Bedeutung der oralen Übermittlung in der afrikanischen Kultur hervorgehoben. Zu guter Letzt wird präsentiert, wie es Sembène so gelingt, sich mit der afrikanischen Geschichtsschreibung und Entwicklung auf seine ganz eigene Art auseinanderzusetzen.

Als Materialgrundlage für diese Arbeiten dienten, neben den beiden Filmen, Aufsätze und Artikel zu ihnen. Außerdem wurden auch schriftlich festgehaltene Interviews mit Sembène selbst verwendet sowie Texte über Sembène und zum afrikanischen Kino allgemein.

2 Handlung der Filme

2.1 Ceddo

2.1.1 Handlungsablauf

Die Handlung von Ceddo spielt zu einer nicht genau benannten Zeit im 17. oder 18. Jahrhundert in einem ebenfalls nicht benannten Dorf, gesprochen wird die senegalesische Sprache Wolof. Europäer und Araber kommen in das Dorf, um die Einheimischen zu missionieren oder auch zu versklaven.

Die Ceddo sind das gemeine Volk des Dorfes, das den Übertritt zu einer anderen Religion verweigert und seine traditionelle und kulturelle Identität verteidigt[3]. Sembène selbst äußerte sich in einem Interview bezüglich der Ceddo:

„Ceddo“ ce n’est pas une ethnie, c’est un état d’esprit. Autrefois, les ceddo étaient des gens qui se trouvaient hors de la religion musulmane. Ils étaient les derniers détenteurs du spiritualisme africain avant qu’il soit teinté d’islamisme ou de christianisme.[4]

Einige der Ceddo entführen als Druckmittel gegen den geplanten Übertritt zum Islam die Thronfolgerin des Dorfes, Prinzessin Dior. Es kommt zu einer ersten Verhandlung vorrangig zwischen dem Verlobten Diors, dem Cousin, der Anspruch auf ihre Hand erhebt, und dem Bruder Diors, der nach dem Islam der neue Thronfolger wäre. Der Bruder und der Verlobte Diors sterben anschließend nacheinander bei dem Versuch, sie zu retten. Vor den Augen der Ceddo findet eine weitere Verhandlung zwischen dem afrikanischen König, dem arabischen Imamen, der den Übertritt zum Islam fordert, dem europäischen Priester, der für das Christentum missioniert, und dem ebenfalls europäischen Sklavenhändler statt. Die Parteien gehen jedoch auseinander, ohne zu einer Einigung gekommen zu sein. Die Berater des Imamen schmieden daraufhin Pläne, um diesen den Platz des Königs einnehmen zu lassen, woraufhin der König über Nacht an einem Schlangenbiss stirbt. Während der Imam die Menschen des Dorfes zum Islam konvertiert, wird die Prinzessin aus den Händen ihrer Entführer befreit und diese werden umgebracht. Dior kehrt in das Dorf zurück, sieht den Imamen auf dem Thron ihres Vaters und erschießt ihn.

2.1.2 Hauptkonflikte in der Handlung

Philip Rosen zeigt in seiner Analyse von Ceddo vier zentrale Gegenüberstellungen in der Handlung des Films auf.[5] So steht die schwarzafrikanische Macht, der Kidnapper der Prinzessin Dior, gegenüber der fremdländischen Macht, des arabischen Imamen, des europäischen Priesters und nicht zuletzt des europäisches Sklavenhändlers. Ebenso liegt ein Konflikt zwischen der lokalen traditionellen Religion und dem Islam sowie dem wesentlich weniger einflussreiche Christentum vor. Des Weiteren gibt es zahlreiche politische Gegenüberstellungen innerhalb der Wolof, welche jedoch immer die Ceddo, die breite Masse des Volkes, das an seinen Traditionen festhalten will, auf der einen Seite sieht. Diesem gegenüber stehen einerseits die Mächtigen, wie der König oder die Prinzessin, andererseits die Kidnapper der Prinzessin und außerdem jene aus dem Volk, die bereits zum Islam übergetreten sind. Zu guter Letzt steht eine traditionelle matriarchale Hierarchie, die Prinzessin Dior als Thronfolgerin vorsieht, einer vom Islam eingeführten patriarchalen Hierarchie, die ihren Bruder zum Thronfolger machen würde, gegenüber.

2.2 Moolaadé

2.2.1 Handlungsablauf

Die Handlung von Moolaadé spielt in der heutigen Zeit, aber ebenfalls in einem nicht konkret benannten Dorf, und beschäftigt sich mit der Rolle der Frau in einer heute traditionellen afrikanischen Gesellschaft. Gesprochen wird in diesem Fall die Sprache Bambara aus Burkina Faso.

Sechs Mädchen fliehen vor ihrer Beschneidung und suchen Schutz bei Collé, einer Frau aus dem Dorf, die die Beschneidung ihrer eigenen Tochter erfolgreich verhindern konnte. Um die Mädchen zu schützen, spricht diese einen Moolaadé aus, einen Bann, der ihre Hütte zu einem beschützten Ort erklärt, in den nicht mit Gewalt eingedrungen werden darf. Eine Auseinandersetzung über Collés Verhalten bricht im Dorf aus und wird noch schlimmer, als zwei der Mädchen wenig später tot in einem Brunnen aufgefunden werden. Den Ehemann von Collé, Ciré, setzen die anderen Männer des Dorfes unter Druck, seine Frau im Zaum zu halten, was in einer öffentlichen Auspeitschung Collés gipfelt. Für die Eigenmächtigkeit der Frau machen die Männer schließlich die Verbreitung der modernen Medien verantwortlich, woraufhin es zu einer Verbrennung sämtlicher Radios kommt. Andere Frauen aus dem Dorf jedoch beschließen, dem Beispiel von Collé zu folgen, und verkünden den Männern, dass sie keine Beschneidungen mehr zulassen werden. Sie zwingen die Beschneiderinnen, ihre Messer niederzulegen, welche Collé auf den Haufen der brennenden Radios wirft. Diesmal weigert sich Ciré, seine Frau zu disziplinieren, und untersagt es auch den anderen Männern. Letztendlich erklärt sogar einer der jungen Männer, ein unbeschnittenes Mädchen, trotz des Verstoßes durch seinen Vater, heiraten zu wollen. Die Frauen feiern ihren Sieg und den restlichen Männern bleibt nichts weiter übrig, als dazusitzen und zuzugucken.

2.2.2 Hauptkonflikte in der Handlung

Auch in Moolaadé findet sich ein stark verzweigtes Netz an Gegenüberstellungen, insbesondere bezüglich des Kampfes um die Macht, vor. Einerseits ist es ein Konflikt von Tradition, in diesem Fall die Beschneidung, und Moderne, die die Männer für das Verhalten der Mädchen und Collés verantwortlich machen und folglich bekämpfen. Auch gegenüber stehen sich Kollektiv und Individuum, als die Männer aus dem Dorf den Ehemann Collés drängen, endlich etwas gegen das Verhalten seiner Frau zu unternehmen. Andererseits liegt in Moolaadé eine mehrfache Gegenüberstellung der Konstellation Mann gegen Frau vor:

Der Machtkampf zwischen Frau und Mann, Aufklärung und Tradition, Mitgefühl und Härte wird zum wortlosen Drama zweier Gesichter […] gefangen im kollektiven Zwang der Geschlechter, die sich im Halbkreis jeweils hinter Cisre und Collé geschart haben.[6]

[...]


[1] Vgl. Pfaff 1984, S. 181ff.

[2] In der vorliegenden Arbeit sei unter der Bezeichnung Afrika stets das subsaharische Afrika zu verstehen.

[3] Vgl. Petty 1996, S. 79.

[4] „‘ Ceddo‘ ist keine Ethnie, es ist eine geistige Verfassung. Früher waren die Ceddo Menschen, die sich außerhalb der muslimischen Religion befanden. Sie waren die letzten Inhaber der afrikanischen Spiritualität, bevor diese vom Islam oder Christentum verfärbt wurde.“Sembène nach Pfaff 1980, S. 56.

[5] Die folgenden Darlegungen zu den Hauptkonflikten in der Handlung von Ceddo stützen sich auf Rosen 2001, S. 271 ff.

[6] Lederle 2006, S. 30.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ousmane Sembènes filmische Auseinandersetzungen mit der afrikanischen Geschichte, Realität und Perspektive zur Entwicklung
Untertitel
Ceddo (SN 1977) & Moolaadé (SN, F, CM, BF, MA 2004)
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Seminar für Filmwissenschaft - Institut für Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Aufbaumodul Filmgeschichte und -analyse: Third Cinema
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V128009
ISBN (eBook)
9783640355600
ISBN (Buch)
9783640356003
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ousmane Sembene, Sembene, Ousmane, Third Cinema, Dritte Welt, Film, Kino, Afrika, Filmwissenschaft, Geschichte, Realität, Entwicklung, Perspektive
Arbeit zitieren
Theresa Hartig (Autor), 2008, Ousmane Sembènes filmische Auseinandersetzungen mit der afrikanischen Geschichte, Realität und Perspektive zur Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128009

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