Adoleszente Entwicklungsprozesse von türkischen Jungen mit Migrationshintergrund


Examensarbeit, 2008

68 Seiten, Note: 12


Leseprobe

1
Inhalt
I.
Einleitung ... 2
1.1
Vorwort ... 2
1.2
Einführung ... 3
II.
Adoleszenz des türkischen Mannes ... 6
2.1
Begriffsdefinition ,,Was ist Adoleszenz?" ... 6
2.2
Adoleszente Ablösungprozesse von türkischen Jungen ... 7
2.3
,,Wo gehöre ich hin?" ­ Entwicklung der Identität ­ ... 10
III.
Aufwachsen der türkischen Jungen im Freundeskreis ... 15
3.1
Komplikationen von deutsch-türkischen Freundschaften ... 15
3.2
Der Einfluss der Peer-group auf die türkischen Jungen ... 18
3.3
Einstellung der türkischen Jungen zur Homosexualität ... 19
IV.
Schulische Ausbildung... 21
4.1
Schulbildung der türkischen Jungen ... 21
4.2
Die schulischen Leistungen und Schwierigkeiten der türkischen Jungen
... 24
4.3
Sprachbewegungen: ,,Mischmasch"- Sprache bei türkischen Jungen 27
V.
Die Familie und die Doppelmoral der ,,Ehre" ... 31
5.1
Die Erziehung in der türkischen Familie ... 31
5.2
Rollenbilder und Kommunikationsverhalten innerhalb der Familie .. 33
5.3
Erziehungsziele der türkischen Familien ... 35
5.4
Unterschiede zwischen Jungenerziehung und Mädchenerziehung in
türkischen Familien ... 42
5.5
Militärdienst in der Türkei ... 45
5.6
Die Heirat bzw. Zwangsehe bei türkischen Jungen/Männern ... 48
5.7
Die Vaterschaft der türkischen Jungen ... 52
5.8
Gewalt in der Familie ... 53
VI.
Gewalt und Kriminalität der türkischen Jungen ... 56
6.1
Die politische Sicht auf die Kriminalität von ausländischen
Jugendlichen ... 56
6.2
Erklärungsansätze für kriminelles Verhalten der türkischen Jungen . 59
VII.
Einfluss der Religion auf die Adoleszenz der türkischen Jungen ... 62
7.1
Die Rolle des Islams im Leben der türkischen Jungen ... 62
7.2
Unterscheidung verschiedener Glaubensrichtungen im Islam ... 64
VIII.
Schlussbetrachtung ... 67

2
I. Einleitung
1.1
Vorwort
Eine Veranstaltung mit dem Thema ,,Migration türkischer Familien ­ Heraus-
forderung für Schule" wurde im WS 2007/08 und nachfolgend im SS 2008 an
der Universität Kassel von Herrn Uzerli angeboten. Dieses Thema sagte mir
sehr zu, doch konnte ich den Termin zu den Abendstunden nicht wahrnehmen
und habe mich dann entschieden, mich anderweitig mit einer ähnlichen Thema-
tik auseinanderzusetzen.
Als in der Bundesrepublik Deutschland sozialisierte Deutsch-Türkin, so wie ich
mich bezeichnen würde, wird man mit dem Thema Migration sehr oft konfron-
tiert. Meine Studienauswahl in die Richtung Deutsch und Französisch auf Lehr-
amt für Haupt- und Realschulen gab mir erneut den Anreiz, mehr über die ado-
leszenten Entwicklungsprozesse von türkischen Jugendlichen (speziell männli-
chen Jugendlichen) herauszufinden und in der Literatur zu erforschen. Dies
konnte ich am besten und tiefgehendsten durch die vorliegende Examensarbeit
verwirklichen.
Ich habe entschieden, mich nur mit den türkischen Jungen im Jugendalter zu
beschäftigen, da die türkischen Mädchen in der deutschen Gesellschaft eher in
den Hintergrund gerückt sind und keine besonderen Auffälligkeiten zeigen und
seltener in Konflikte geraten bzw. nicht sehr umfangreich in der Literatur beach-
tet werden. Ich selber habe eine liberale Erziehung dank meiner Eltern genießen
können und kann mich so distanziert von Subjektivität mit dieser Thematik aus-
einandersetzen.

3
1.2
Einführung
Über das negative Image des typisch türkischen Jungen wird fast täglich in den
Medien berichtet. Oft wird der türkische Junge in einem Atemzug mit Gewalt
und Bandenkriminalität erwähnt und aufgezeigt. Die türkischen Jugendlichen
werden als die Verlierer in der deutschen Gesellschaft dargestellt, da sie oft oh-
ne Arbeit und ohne Schulabschluss perspektivlos dastehen. Um Pauschalisie-
rung zu vermeiden, beziehe ich mich vorwiegend auf die türkischen Jungen aus
sozial schwachen Familien und leistungsschwachen Schülern in der Bundesre-
publik Deutschland. Türkische Jugendliche, die in der Türkei sozialisiert sind
fallen nicht in diese Kategorie und werden daher nur am Rande thematisiert.
Empirische Studien
1
berichten von gravierenden sprachlichen Defiziten in der
Landessprache Deutsch und auch in der eigenen Muttersprache Türkisch, wel-
che eines der größten Probleme dieser Jugendlichen ist.
Warum die türkischen Jungen kriminell und verhaltensauffällig werden und
welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, gilt es zu untersuchen. Wie kommt es
zu dem Bild des patriarchalischen türkischen Macho-Mannes? Um die Thematik
,,Adoleszente Entwicklungsprozesse türkischer Jungen mit Migrationshinter-
grund" einzuleiten, werde ich vorab eine Begriffsdefinition zur Adoleszenz vor-
stellen.
Danach werde ich auf die adoleszenten Ablösungsprozesse der türkischen Jun-
gen in der BRD (Kapitel 2.2) eingehen und die meist aufkommende Frage in der
Adoleszenz ,,Wo gehöre ich hin?" ­ Entwicklung der Identität (Kapitel 2.3) er-
arbeiten. Das Aufwachsen der türkischen Jungen im Freundeskreis (Kapitel III)
und die schulische Ausbildung (Kapitel IV) sind die folgenden Themenbereiche
meiner Examensarbeit.
Hier wird es um die Prozesse innerhalb der Peer-group und innerhalb der Schule
gehen. Die Familie und die Doppelmoral der ,,Ehre" (Kapitel V) ist ein weiterer
1
Vgl. z.B. Cabadag, Tuncer (2001): Zur Genese einer Diasporavarietät des Türkeitürkischen
[Elektronische Ressource] : Studie zum Gebrauch der Flexionsendungen zur Tempus- und
Modus-Markierung bei Jugendlichen türkischer Herkunft. Bielefeld Universität: Dissertation,
S. 34 f.

4
wichtiger Aspekt, den ich untersuchen werde. Die Familie gilt bei den meisten
Jugendlichen als primärer Bezugspunkt wenn es um die Erziehung geht, so auch
bei den türkischen Jugendlichen, daher ist der Erziehungsstil und die innerfami-
liäre Harmonie ein wichtiger Bestandteil bei der Charakter- und Identitätsbil-
dung vieler Jugendlicher.
Die Ablösungsprozesse von der Familie beginnen erst in der Adoleszenz. Bis
dahin sind die Jugendlichen im Allgemeinen durch die Familie geprägt und hin-
terfragen die Standpunkte der Eltern nicht und müssen sich eher fügen, da sie
keine andere Möglichkeit haben. Mit Eintritt des Jugendalters wollen sich die
Jugendlichen von den Eltern und der Familie entfernen und erleben bis zum
vollständigen Abschluss des Jugendalters Höhen und Tiefen und sind gerade in
dieser kritischen Phase sehr sensibel und verhaltensauffällig.
Die türkischen Jugendlichen erleben diese Phase besonders intensiv, da sie sich
nicht nur an eine Gesellschaft anpassen müssen, sondern durch ihre bikulturelle
Identität nicht sofort einordnen können. Durch die Werte und Normen der eige-
nen Familie geprägt, müssen sie sich auch in einer ihr fremden Kultur beweisen
und zurechtfinden. Die Traditionen der Familie können kaum umgangen wer-
den, so werden auch immer wieder Jungen Opfer der Familie.
Wie die meisten türkischen Mädchen werden auch Jungen zur Heirat gezwun-
gen. Meist werden sie im jungen Alter angehalten zu heiraten, da die Familie
sich der Verantwortung entziehen möchte oder sich eine Schwiegertochter zur
Haushaltsverrichtung wünscht.
Diese und viele andere Faktoren führen dazu, dass die Jugendlichen mit Migra-
tionshintergrund oft in Gewaltdelikte verwickelt sind und kriminell werden.
Aktuelle Studien und die Gründe dieser Ausschreitungen werden nachfolgend
behandelt.
Nicht zuletzt spielt auch der islamische Glauben eine große Rolle im Leben der
türkischen Jungen. Man kann nicht alle diese aufgeführten Aspekte auf die ge-
samten in der BRD lebenden türkischen Familien übertragen, da es dafür viel zu

5
facettenreiche Entwicklungen und Unterschiede innerhalb der Ansichten und
Normvorstellung der türkischen Familien gibt.
Trotzdem gibt es leider immer noch sehr viele Fälle, die beweisen, dass eine
gelingende Integration und Erziehung der türkischen Jugendlichen nur durchge-
setzt werden kann, wenn Verstehensprozesse folgen und gezielt an diesen Punk-
ten auf allen Ebenen gearbeitet und gefördert wird.

6
II. Adoleszenz des türkischen Mannes
2.1
Begriffsdefinition ,,Was ist Adoleszenz?"
Adoleszenz (lat. adolescere ,,heranwachsen") kann auch umschrieben werden
mit den Begriffen Pubertät, Reifezeit, Geschlechtsreife, Mann- oder Frauwer-
dung. In der Wissenschaft wird diese Phase vorzugsweise mit dem Wort
,,Adoleszenz" beschrieben. Jedes Individuum erlebt diesen Übergang unter-
schiedlich. Um jedoch einen theoretischen Rahmen für die Adoleszenz in der
Migration zu bilden, wird der Begriff Adoleszenz vorab wissenschaftlich erläu-
tert. Es verschiedene Auffassungen zu der Zeitspanne der Adoleszenz innerhalb
der Länder und Kulturen.
Wann genau die Adoleszenz beginnt und aufhört ist also auf internationaler
Ebene nicht festgesetzt. Soziologisch betrachtet meint die Adoleszenz das Über-
gangsstadium von abhängiger Kindheit ins selbstverantwortliche Erwachsen-
sein. Juristisch gesehen beginnt die sexuelle Reife eines Jugendlichen mit 14
Jahren.
2
Der Jugendliche ist ab diesem Alter strafverantwortlich und gerichtlich
mündig. Aus psychologischer Sicht meint Adoleszenz eine Zeit der Anpassung
zwischen Kindheit und Erwachsensein.
Die Adoleszenz geht einher mit verschiedenen Veränderungsprozessen psychi-
scher und physischer Art und bildet die zentrale Entwicklungsphase von Jungen
und Mädchen.
3
Der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter vollzieht sich in dieser
Phase je nach Persönlichkeit und Familienhintergrund normal oder krisenhaft. In
der Adoleszenz entwickeln sich die meisten Mädchen biologisch gesehen fort-
schrittlicher als ihre gleichaltrigen männlichen Mitschüler.
4
Die Identitätsfindung als Frau oder Mann bildet den Mittelpunkt der Adoleszenz
und läuft bei den Jugendlichen insbesondere mit Migrationshintergrund in viel-
fältiger Weise nicht ganz unproblematisch ab.
5
2
King, Vera; Koller, Hans-Christoph (2006): Adoleszenz-Migration-Bildung. Berlin: Springer
Verlag, S. 17 ff.
3
Vgl. Riegel, Christine (2007): Jugend, Zugehörigkeit und Migration: Subjektpositionierung
im Kontext von Jugendkulturen, Ethnizitäts-und Geschlechterkonstruktion. Wiesbaden: VS
Verlag für Sozialwissenschaften, S. 129.
4
Vgl. Muuss, Rolf E. (1971): Adoleszenz: eine Einführung in die Theorien zur Psychologie des
Jugendalters. Stuttgart: Klett Verlag, S. 8.
5
Vgl. Riegel, Christine (2007), S. 129 ff.

7
2.2
Adoleszente Ablösungprozesse von türkischen Jungen
Die Herauslösung aus den alten Mustern der Kindheit und die Hinterfragung
bestimmter Meilensteine in der Familie und Umgebung sind Prozesse, die in der
Phase der Adoleszenz bewältigt werden müssen. Das Stattfinden dieser Hinter-
fragung der elterlichen Wert- und Normvorstellungen bezeichnet man als Ablö-
sungsprozess der Jugendlichen. Die Ablösung wird auch als eine ,,schöpferische
Phase" definiert, die einen Übergang von der Kindheit ins Erwachsensein mar-
kiert.
6
Es gibt in diesem Rahmen auch Jugendliche, die sich dieser Ablösung
unbewusst zu entziehen versuchen, indem sie regressiv auf kindlichen Verhal-
tensmustern verharren und Themen wie Sexualität, Neuerung, Ausbruch und
Identitätsentwicklung vermeiden.
7
Die Adoleszenz wird dabei passiv erlebt. Doch diese passive Haltung kommt
nur sehr selten vor und kann nach einiger Zeit auch in einen normalen Verlauf
der Adoleszenz umschwenken. Die Ablösungsprozesse müssen aber nicht
zwangsläufig den Vorstellungen der Eltern widersprechen. Gerade bei der Er-
ziehung türkischer Jungen sind diese Prozesse auch darauf ausgerichtet, Aner-
kennung durch die Familie ­ besonders Anerkennung durch den Vater ­ zu be-
kommen und sich hieraus in eine Autonomie zu begeben, die die meisten Eltern
von ihren männlichen Kindern erwarten.
Der Entwicklungsprozess in der Adoleszenz findet aber vorwiegend nicht inner-
halb der Familie, sondern primär in der Schul- oder Berufsausbildung statt und
bietet den Jugendlichen Raum sich zu entfalten und neue Bewältigungsmuster
kennen zu lernen. Dies findet erfahrungsgemäß in Begleitung vielfältiger meist
psychisch krisenhafter Ambivalenzen statt. Das heißt, dass diese Prozesse nicht
unbedingt linear verlaufen und am Ende an kein bestimmtes Alter gebunden
sind.
8
,,Der Zusammenhang von Adoleszenz und Migration verweist daher auf beson-
dere Anforderungen in der Adoleszenz, es handelt sich hierbei um eine verdop-
6
Vgl. Sauter, Sven (2000): Wir sind ,,Frankfurter Türken": Adoleszente Ablösungsprozesse in
der deutschen Einwanderungsgesellschaft. Frankfurt a. M. : Brandes & Apsel, S. 281.
7
Vgl. Sauter, Sven (2000), S. 289.
8
Vgl. Riegel, Christine (2007), S. 130.

8
pelte Transformation".
9
Das bedeutet, dass der Adoleszenz von Jugendlichen
mit Migrationshintergrund eine doppelte Belastung in diesem Entwicklungssta-
dium zukommt. Um diese Jugendlichengruppe in die deutsche Gesellschaft zu
integrieren und zukünftig für die Gesellschaft zu gewinnen, bedarf es einer Ko-
operation von Lehrern, Pädagogen und Psychologen.
Es wird auch darüber diskutiert, muslimische ErzieherInnen in Kindertagesstät-
ten oder Kindergärten einzustellen. Das Problem hierbei wird von einem Refe-
renten im Diakonischen Werk der EKD dargestellt:
,,Der Islam ist sehr heterogen, es gibt mehrere miteinander konkurrierende Rich-
tungen, die man mit der Einstellung einer Person nicht abdecken kann."
10
Im Kapitel 7.2 wird diese Thematik gesondert aufgefasst. Es gäbe einfachere
Wege sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen. Beispielsweise könne man
die Eltern oder muslimische Berater einbeziehen. Ob muslimische Berater er-
folgreicher in Problemlösungen sind, bleibt jedoch zu bezweifeln, da es keine
empirischen Studien hierüber gibt.
Die Ablösungsprozesse von den Eltern während des Heranwachsens vollziehen
sich für die türkischen Jungen mit traditionellen türkischen Familienwerten sehr
schwer. Dieser Prozess ist hier durch eine besondere Ausformung geprägt.
11
Welche Wege den Ablösungsprozessen der türkischen Jungen vorangehen und
von welchen Lebensentwürfen sie geprägt sind wird im Folgenden erläutert. In
der Adoleszenzphase spielt Selbstfindung und die Verortung der eigenen Her-
kunft und Identität ebenfalls eine große Rolle.
War diese Selbstfindung in der Kindheit kein Konfliktpotenzial, so wird es in
der Phase des Erwachsenwerdens ein ebenso großes und wichtiges Zentralthe-
ma. Die Bewegungen der türkischen Jungen in diese Richtung bedeuten für sie
eine Distanzierung und Stückweit einen Gewinn eigener Autonomie, die ihnen
bis dahin verwehrt worden war.
12
9
Vgl. Riegel, Christine (2007, S. 131.
10
http://www.diakonie.de/4075_DEU_HTML.htm [Stand 20.10-2008]
11
Vgl. Sauter, Sven (2000), S. 279.
12
Vgl. Sauter, Sven (2000), S. 280.

9
Es stellt sich in diesem Kontext die Frage, ob es für diesen Prozess der Ablö-
sung gewisse Strategien oder Bewältigungsmuster gibt, an die sich alle türki-
schen Jungen unbewusst halten bzw. ob es Antriebsmotoren gibt, die den Ablö-
sungsprozess ankurbelt und beginnen lässt. Diese Frage lässt sich mit einem ja
beantworten, denn die Jugendlichen aus Migrantenfamilien sind ihren Altersge-
nossen in puncto Konfliktbearbeitungskompetenzen in schwierigen und ambiva-
lenten Situationen größtenteils voraus, da sie sich von Anfang an ihrer zweispal-
tigen Lage bewusst waren und versucht haben, individuelle und kreative Wege
aus diesem Zwiespalt zu finden.
13
Daher haben sie Wege aus den ambivalenten Konstellationen entwickelt, um
sich in dieser Gesellschaft behaupten zu können. Die Adoleszenzentwicklung
führt bei den türkischen Jungen über verschiedene Phasen. Die erste Phase wird
als ,,krisenhafte Negationsphase" bezeichnet und findet normalerweise im Alter
zwischen 15 bis16 statt. Die elterlichen Werte und Normen werden ignoriert und
die gesellschaftlichen Erwartungen negiert.
Die Schule wird kaum ernst genommen und auch die kriminellen Handlungen
werden als normal empfunden und nicht weiter bedacht.
14
An die Negationspha-
se folgt etwa mit 19 bis 20 Jahren die ,,Reorientierungsphase". Diese Phase ist
dadurch ausgezeichnet, dass sich die Jugendlichen wieder umorientieren wollen,
da sie sich mit Hilfe des sozialen Umfelds zum Beispiel bewusst werden, dass
eine Ausbildung wichtig ist.
15
Doch in dieser Phase ist eine Umorientierung fast schon kaum durchführbar.
Auch wenn eine Ausbildung laut den elterlichen Ratschlägen ,,wichtig für Tür-
ken" ist, fühlen sich die türkischen Jungen eingeengt von den Vorstellungen der
Eltern und der Auferlegung von Pflichten (Respekt, Ehrerweisung, Befolgen der
Ratschläge und Wertvorstellungen).
Ein türkischer Jugendlicher äußert sich wie folgt zu dieser Auseinandersetzung:
,,Unsere Eltern wollen nur dass wir arbeiten gehen und nach Hause kommen,
schlafen, arbeiten gehen so wollen unsere Eltern das" (Erkan).
16
13
Vgl. Sauter, Sven (2000), S. 281.
14
Vgl. Nohl, Arndt-Michael (1996): Jugend in der Migration: türkische Banden und Cliquen
in empirischer Analyse. Baltmannsweiler : Schneider-Verlag Hohengehren, S. 124.
15
Leyer, M. Emanuela (1991): Migration, Kulturkonflikt und Krankheit. Opladen: Westdeut-
scher Verlag, S. 101.
16
Vgl. Nohl, Arndt-Michael (1996), S. 122.

10
In dieser Phase wird zumeist auch sichtbar, dass die türkischen Jungen sich vom
kriminellen Handeln entfernen wollen und sich mit der elterlichen Weltsicht
anfreunden. Ein jahrelanges Kämpfen endet somit bei den meisten türkischen
Jungen in einer Art Unterwerfung, auch wenn sie sich dies letztendlich nicht
eingestehen.
2.3
,,Wo gehöre ich hin?" ­ Entwicklung der Identität ­
Türkische Jungen suchen sich gerade in dem Adoleszenzstadium gleichaltrige
Jungen, mit denen sie sich zusammentun können. Fast immer sind diese Jugend-
lichen ebenfalls türkischer Abstammung oder andere ausländische Jugendliche
mit derselben Gesinnung. Zu Hause bekommen sie in dieser kritischen Phase
des Heranwachsens erfahrungsgemäß keinerlei Unterstützung.
17
Die Familienstruktur der türkischen Familien ist auf Autorität und starken Res-
pekt ausgerichtet. In dieser Struktur können sich die Jugendlichen kaum eigen-
ständig bewegen und verspüren daher den Drang, sich außerhalb der elterlichen
Erziehung zu entfalten.
Die Auseinandersetzung mit den Eltern bedeutet für die meisten türkischen Jun-
gen einen ernormen Stress, da die Eltern sich oft weigern, die deutschen Gesell-
schaftsnormen anzuerkennen oder gar zugeben wollen, dass sie überhaupt in
,,ihrer Welt" der Auffassung existieren. Aus diesem Dilemma befreien sich die
türkischen Jungen also auf dem Wege der Distanzierung.
18
Die Suche nach einer Identität und Selbstfindung kann von vielen außenstehen-
den Personen unterstützt werden. Institutionen wie Schulen, Vereine oder kultu-
relle Einrichtungen sind die Orte an denen sich die Jugendlichen länger aufhal-
ten. Türkische Jungen finden Anschluss in Fußballvereinen oder religiösen Ein-
richtungen, wo sie Gleichgesinnte treffen und sich austauschen können.
Die Ausbildung der Identität beginnt mit der Hinterfragung innerhalb bestimm-
ter Gruppen.
Sie versuchen sich dort einzuordnen und sich bestimmte Bilder und Vorstellun-
gen von ihrer Position in der deutschen Gesellschaft zu machen. Ihre bikulturel-
17
Atabay, I. (1995): Die Identitätsentwicklung türkischer Migrantenjugendlicher in Deutsch
land. In: Koch, E./ Özek, M. Pfeiffer, W.M (Hrsg.): Psychologie und Pathologie der Migra-
tion - Deutsch-türkische Perspektiven, S. 160-193.
18
Vgl. Sauter, Sven (2000), S. 294.

11
le Identität wird in der Literatur in der Regel als ,,krisenhaft", ,,problematisch"
und ,,ambivalent" beschrieben.
Die Bikulturalität wird als ,,Identitätsbruch" und als ein ,,Hin- und Herpendeln"
zwischen zwei Kulturen bezeichnet.
19
Doch nicht nur die Betrachtungsweise
von Außenstehenden belastet die türkischen Jugendlichen, sondern auch ihre
elterliche Erziehung.
Die Eltern verlangen einerseits von ihren Söhnen, dass sie sich nach den türki-
schen Traditionen und Werten richten, andererseits können sie genauso wenig
ihre Traditionen in Deutschland fortführen, da es keine Möglichkeiten auf Ent-
faltungsebenen gibt, diese in Deutschland zu praktizieren. Hier ist beispielswei-
se zu nennen, dass die Frau in Deutschland arbeiten kann und sich freier bewe-
gen kann oder auf die türkischen Feiertage, an denen in der Türkei nicht gear-
beitet wird.
Dieser doppelte Druck führt dazu, dass die türkischen Jungen resignieren und in
ihrer Identitätsbildung gestört werden. Trotzdem ist die Identität aus diesem
Grund nicht sofort geschädigt oder ein Leben lang defizitär und kann aber auch
nicht als statisch bezeichnet werden.
Der Begriff, den Deleuze hierfür einführte ist ,,fluid".
20
Das heißt, dass sich die
Entwicklung in verschiedenen Bereichen entfaltet und nicht immer normal ver-
läuft.
Während der Urlaubsaufenthalte in der Türkei bekommen die türkischen Ju-
gendlichen zu spüren, dass sie nicht als Türken, sondern als ,,Almanci" angese-
hen werden. Das Wort wird meist abschätzig für aus Deutschland eingereiste
Türken gebraucht.
21
In Deutschland zeichnet sich die Lage auch nicht besonders anders aus.
Immer häufiger gibt es Konflikte mit Menschen, die sie als ,,Ausländer" oder
umgangssprachlich als ,,Kanaken" bezeichnen. Geprägt durch diese Erfahrun-
gen fühlen sie sich also entfremdet und drücken ihre Gefühle meist mit dem Satz
,,Hier sind wir Ausländer und in der Heimat sind wir auch fremd" aus.
19
Vgl. Attia, Iman (2000): Alltag und Lebenswelten von Migrantenjugendlichen.
Frankfurt/M.: IKO Verlag für Interkulturelle Kommunikation, S. 20.
20
Vgl. Sauter, Sven (2000), S. 174.
21
Vgl. Sauter, Sven (2000), S. 174 f.

12
Begleitet mit der Frage: ,,Wo gehören wir eigentlich hin?" befindet sich der
Großteil türkischer Jungen in einer Identitätskrise. Die Ergebnisse einer Befra-
gung zur sozialen Identität türkischstämmiger Jungen fielen in dieser Thematik
unterschiedlich aus:
56 % der Befragten fühlten sich zu der türkischen Identität hingezogen.
30 % gaben an sich sowohl türkisch als auch deutsch (bikulturell) zu fühlen.
1 % fühlte sich deutsch.
11,8 % aller Befragten bekannten sich zu keiner der drei Kategorien.
Sie gaben an kurdisch-türkischer, arabisch-türkischer oder türkisch-albanischer
Abstammung zu sein.
22
Diese Jugendlichen erfahren meist keine typisch türkische Erziehung, da es Ab-
stufungen innerhalb der verschiedenen Völker der Türkei gibt. Kurdische Ju-
gendliche besitzen überwiegend die türkische Nationalität, bekennen sich aber
nicht zu ihr auf Grund des Kurdenkonflikts in der Türkei, auf welchen an dieser
Stelle nicht weiter eingegangen werden kann.
Diese Gruppe von Jugendlichen fällt in eine andere Kategorie und muss geson-
dert betrachtet werden. Die meisten Jugendlichen fühlen sich türkisch, da sie
sich zu der Türkei enger verbunden fühlen. 30 % der Jugendlichen haben sich
nicht auf eine Identität festlegen wollen, da sie der Meinung waren, von der tür-
kischen Kultur sowie von der deutschen Kultur geprägt zu sein.
Nur 1 % der türkischen Jungen gab an sich ,,deutsch" zu fühlen Diese Jugendli-
chen haben sich schon früh von den türkischen Wertvorstellung abgewandt und
können sich auch nicht mehr mit der Türkei identifizieren.
23
Mit einer Selbsteinstufung werden die türkischen Jugendlichen immer wieder
konfrontiert. Schon die Frage ,,Aus welchem Land kommst du?" irritiert die
meisten Jugendlichen und bringt sie in Erklärungsnot. Es gibt wie überall auf
der Welt auch verschiedene Lebensentwürfe der türkischen Jungen, die nicht
identisch sein können.
Viele türkische Jugendliche sind in Deutschland aufgewachsen, hier zu Schule
gegangen und besitzen sogar einen deutschen Pass. Andere sind erst inmitten
der Adoleszenzphase nach Deutschland gekommen und mussten sich komplett
umgewöhnen bzw. zuerst die Sprache erlernen. Wieder andere haben ihre Kind-
22
Vgl. Sauter, Sven (2000), S. 174.
23
Vgl. Attia, Iman (2000), S. 17.

13
heit in Deutschland verbracht, wurden dann in die Türkei geschickt, damit sie
ihre türkischen Sprachkenntnisse verbessern und die türkische patriotische Nati-
onalität vertiefen. Meist werden diese Jugendlichen dann wieder nach Deutsch-
land geholt, um ihre Schulausbildung zu beenden.
All diese Lebensentwürfe zeigen, dass nicht alle türkischen Jungen wissen-
schaftlich gleich behandelt werden können.
Die Identitätsfrage wird also immer wieder aufgeworfen und verfestigt sich erst
im Laufe des Lebens der türkischen Jungen. Die Hinwendung zu einer Identität
kann aber auch wechselhaft sein. Innerhalb des sozialen Milieus verhalten sich
die türkischen Jugendlichen entsprechend der Gruppenidentität. Wenn sie bei-
spielsweise mit ihren deutschen Freunden unterwegs sind, wird die türkische
Identität verdrängt, um keine Komplikationen innerhalb der Gruppe zu verursa-
chen. Diese Einstellung ist aber nicht bei allen türkischen Jungen vorzufinden.
Diese Jugendlichen vermeiden dann bewusst den Kontakt zu deutschen Jungen,
um keine Konflikte hervorzurufen. Die türkischen Jugendlichen greifen immer
wieder zu den Identitätskonstellationen zurück, in denen sie sich wohl fühlen.
Wenn sie also eine liberale Erziehung, frei von türkischen Normvorstellungen,
genossen haben, identifizieren sie sich eher mit der deutschen Gesellschaft als
mit der türkischen Gesellschaft.
Da dieser Zustand aber äußerst selten vorkommt, tendiert der überwiegende Teil
der türkischen Jungen zu der türkischen Identität, auch wenn sie sich deutsch
artikulieren und auch deutsch handeln und denken.
24
Diejenigen türkischen Jun-
gen die sich bikulturell fühlen, d. h. also sich zur deutschen und auch zur türki-
schen Gesellschaft hingezogen fühlen, haben meist eine ausgeglichene Einstel-
lung zu der Identitätsfrage, da sie keinen Drang haben sich einer Gruppe zuzu-
ordnen.
Die Identität dieser Jugendlichen besteht aus Elementen zweier Kulturen, näm-
lich die der deutschen und die der türkischen Kultur.
25
Das Aufwachsen in und
mit zwei Kulturen ist ein natürlicher Vorgang bei der Erziehung der türkischen
Jugendlichen. Sie kennen es nicht anders und fühlen sich in der Regel im Vorteil
gegenüber Jugendlichen mit nur einer Identitätstendenz.
24
Vgl. Attia, Iman (2000), S. 19.
25
Vgl. Attia, Iman (2000), S. 20.

14
Die bikulturelle Erziehung bringt darüber hinaus auch eine positive Einstellung
zu anderen Kulturen und Mentalitäten mit.
Die Jugendlichen sind offener und können sich mit mehreren Kulturen identifi-
zieren und vergleichen. Die Kreativität und Anpassungsfähigkeit ist im Ver-
gleich zu Jugendlichen mit nur einer Zugehörigkeit höher und flexibler.
26
Bikul-
turalität gehört nun mal zur Identitätsentwicklung der türkischen Jungen dazu.
Sicher hat sie ihre Vor- und Nachteile, zeigt ihre Auswirkungen dennoch indivi-
duell, daher kann man in diesem Punkt keine Verallgemeinerung auf die gesam-
ten türkischen Jugendlichen ziehen.
26
Vgl. Attia, Iman (2000), S. 20.
Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Adoleszente Entwicklungsprozesse von türkischen Jungen mit Migrationshintergrund
Hochschule
Universität Kassel
Note
12
Autor
Jahr
2008
Seiten
68
Katalognummer
V130250
ISBN (eBook)
9783668744523
Dateigröße
897 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
adoleszente, entwicklungsprozesse, jungen, migrationshintergrund
Arbeit zitieren
Tugba Akpinarli (Autor), 2008, Adoleszente Entwicklungsprozesse von türkischen Jungen mit Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130250

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