Die Bedeutung des Anarchismus für Joseph Conrads Roman The Secret Agent


Seminararbeit, 2002
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1 Michaelis – der Bewährungsapostel
2.2 Karl Yundt
2.3 Alexander Ossipon
2.4 Der Professor

3. Der Anarchismus und das Buch
3.1 Was ist Anarchismus?
3.2 Die Bedeutung des Anarchismus in Conrads The Secret Agent

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vorlage für Joseph Conrads Buch The Secret Agent war der misslungene Anschlag auf die Sternwarte von Greenwich im Jahre 1894. Der Attentäter, der damals selbst das einzige Opfer der eigenen Bombe wurde, hieß Martial Bourdin und war als Anarchist bekannt. Conrad nahm diesen Vorfall zum Vorbild, veränderte die Personen, Umstände und auch die Zeit.

Die politische Ideologie aber veränderte er nicht. Der Anarchismus spielt in seinem Buch eine große Rolle: Der Anschlag wird von einem scheinbaren Anarchisten geplant, von Adolf Verloc, der für die Polizei auf der einen und für eine ausländische Macht (vermutlich Russland) auf der anderen Seite die Anarchisten Londons bespitzelt. Explizit genannt werden im Buch vier davon: Karl Yundt, Michaelis, Alexander Ossipon und der Professor.

Schaut man im Roman jedoch etwas unter die anarchistische Oberfläche, also quasi hinter die Kulissen, wird der Anarchismus zur Nebensache. Im Folgenden soll gezeigt werden, welche Rolle der Anarchismus für die Geschichte Conrads spielt, auf welcher Ebene und inwiefern er für das eigentliche Thema des Buches wichtig ist. Außerdem wird Conrads persönliches Verhältnis zum Anarchismus und seine persönlichen Lebensumstände während der Entstehung des Romans kurz angerissen. Um die Darstellung des Anarchismus genauer zu analysieren, habe ich zuerst eine Charakterisierung der vier oben genannten Anarchisten des Buches vorgenommen, die sehr eng am Text bleibt und noch wenig Raum für Interpretationen bietet. Dies geschieht erst im zweiten Teil, wenn die vier Charaktere und ihr Verhalten in Verbindung mit der Handlung neu interpretiert werden. Das Ziel dabei ist, zuerst das Verhältnis des Buches (und damit auch des Autors) zum Anarchismus darzustellen und dann, eine Ebene tiefer, die gesellschaftliche Entsprechung hervorzuheben.

2.1 Michaelis – der Bewährungsapostel

Michaelis hat seinen Spitznamen seiner Zeit im Gefängnis und der dadurch eingetretenen Veränderung zu verdanken. Er saß 15 Jahre wegen eines Mordes, an dem er nur peripher beteiligt war. Als junger Schlosser hatte er damals bei einem Überfall versucht, Schlösser zu knacken und den Mord noch nicht einmal mitbekommen. Er ist also quasi ein armer Unschuldiger. Die Veränderung während seiner Gefängniszeit war schon rein äußerlich gravierend: Damals „young and slim“[1], heute so unbeschreiblich fett, dass man ihn sogar in einem Kurbad aufgefordert hatte, das Land zu verlassen[2]. Die Beschreibung ist alles andere als appetitlich: „[...] with an enourmous stomach and distended cheeks of pale, semi-transparent complexion, as though for fifteen years the servants of an outraged society had made a point of stuffing him with fattening foods in a damp and lightless cellar“[3]. Für Hauptinspektor Heat, der ihm wider besseres Wissen den Anschlag in die Schuhe schieben will[4], stellt er das perfekte Opfer dar. Verwunderlich ist, dass ihn die harte, eigentlich ungerechte Strafe und auch die Tatsache, dass sie wegen seines Aussehens gewissermaßen auch nach der Haft noch andauert, nicht wütend gemacht oder mit Hass erfüllt haben. Er ist ruhig, sanft, ein „indomitable optimist“[5]. Wie der Professor dem Leser im letzten Kapitel mitteilt, träumt Michaelis von einer Welt, die als großes, freundliches Krankenhaus mit Gärten und Blumen konzipiert ist, in dem die Starken die Schwachen pflegen[6]. Innerlich gesehen, ist er während seiner Haft tief religiös geworden. Seine Religion ist die Ökonomie: „History is dominated and determined by the tool and the production - by the force of economic conditions“[7], lautet sein Credo. Sein „Glaubensbekenntnis“ vertritt er mit Leidenschaft, allerdings hat er dabei ein großes Handicap: Da er im Gefängnis in der Regel nur zu sich selbst gesprochen hat, bringt ihn heute der kleinste Einwurf seiner Mitmenschen völlig aus dem Konzept. „[...] the mere fact of a haring another voice disconcerted him painfully, confusing his thoughts at once“[8]. Nach seiner Haft von der Presse als eine Art Märtyrer gefeiert, fristet er sein Leben auf dem Land, wo er in absoluter Einsamkeit seine Memoiren schreibt, für die ihm ein Verlag ein Angebot gemacht hat, und ernährt sich von Milch und Karotten. Finanziert wird sein Leben von einer Gönnerin, der Lady Patroness, deren Mutterinstinkte er wohl geweckt hat. In Conrads Geschichte spielt er eine eher untergeordnete Rolle.

2.2 Karl Yundt

Karl Yundts Portrait ist ebenso düster wie das der anderen Anarchisten. Er ist alt, kahl, geht mühsam am Stock, leidet an Gicht und wenn er lacht, verzieht sich sein Mund zu einer „faint black grimace“[9], weil er keine Zähne mehr hat. Den Erzähler erinnert er an einen „moribund murderer“[10]. Dabei ist Karl Yundt gar kein Mörder. Er wäre nur gerne einer; in Wirklichkeit jedoch hat er – obwohl im Buch „all but moribund veteran of dynamite wars“[11] genannt – „never in his life raised personally as much as his little finger against the social edifice“[12]. Der Professor nennt ihn daher „a posturing shadow“[13]. Er würde vermutlich auch nicht wirklich selbst töten wollen, sondern eher andere dazu anstiften. Gemeinsam mit Michaelis und Alexander Ossipon ist er beim Internationalen Roten Komitee für literarische Propaganda zuständig, er appelliert an die niederen Instinkte im Menschen: „With a more subtle intention, he took the part of an insolent and venomous evoker of sinister impulses which lurk in the blind envy and exasperated vanity of ignorance, in the suffering of righteous anger, pity and revolt.“[14]. Es wird nicht erwähnt, welchen Erfolg Yundt damit erzielt hat, er selbst aber sagt, er habe nie auch nur drei Leute zusammenbekommen, Vernichter, die eisern entschlossen, bedenkenlos in der Wahl ihrer Mittel und ohne Mitleid mit irgendeinem Lebewesen gewesen wären, sie selbst eingeschlossen.[15] Er verabscheut die soziale Ungerechtigkeit und den dahinter stehenden Kapitalismus, die bestehende Gesellschaft nennte er kannibalisch: „They

are nourishing their greed on the quivering flesh and the warm blood of the people“[16].

[...]


[1] The Secret Agent, S. 92

[2] SA, S. 42f

[3] SA, S. 42

[4] SA, S. 98ff

[5] SA, S. 44

[6] SA S. 244

[7] SA, S. 42

[8] SA, S. 45

[9] SA, S. 42

[10] ebd.

[11] SA, S. 47

[12] SA, S. 47f

[13] SA, S. 64

[14] SA, S. 48

[15] SA, S. 43f

[16] SA, S. 50

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des Anarchismus für Joseph Conrads Roman The Secret Agent
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Anglistisches Institut)
Veranstaltung
The Image of London in Henry James s The Princess Casamassima and Joseph Conrad s The Secret Agent
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V13044
ISBN (eBook)
9783638187978
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit präsentiert und analysiert die Charaktere der Anarchisten in Conrads Roman und stellt im Anschluss dar, inwieweit der Anarchismus für die Geschichte relevant ist und wie konsequent er dargestellt wird. Dazu gehört auch der Einbezug von Conrads Lebensgeschichte und politischer Ausrichtung.
Schlagworte
Anarchismus, Charakterisierung, Analyse der Bedeutung des Anarchismus für den Roman, Joseph Conrad, The Secret Agent
Arbeit zitieren
Katrin Kleinbrahm (Autor), 2002, Die Bedeutung des Anarchismus für Joseph Conrads Roman The Secret Agent, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13044

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