Die aktuelle Darstellung von Menschen mit Behinderung in den Medien

Das inszenierte Bild von Menschen mit einer Behinderung in audiovisuellen Medien und dessen möglichen Auswirkungen auf die Gesellschaft


Examensarbeit, 2008
119 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1.0 Behinderung und Gesellschaft
1.1 Behinderung - Versuch einer Definition
1.1.1 Behinderung nach SGB
1.1.2 Die Behinderungsdefinition der Weltgesundheitsorganisation
1.1.3 Behinderung aus konstruktivistischer Sicht - Gesellschaftliche Konstruktion von Behinderung
1.1.4 Der Inklusionsgedanke
1.2 Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung
1.2.1 Einstellungen
1.2.2 Die Entstehung der sozialen Reaktion auf Menschen mit einer Behinderung
1.2.3 Stereotype und Vorurteile
1.2.4 Stigma

2.0 Medien
2.1 Definition des Begriffs der Medien und ihre Theorien
2.1.1 Auditive, audiovisuelle, Print- und Neue Medien
2.1.2 Individual-, Gruppen- und Massenkommunikation
2.1.3 Ein Einblick in generelle Medientheorien: MCLUHAN und BAUDRILLARD
2.2 Medien als »Instrumente der Wirklichkeitskonstruktion« - Konstruktivismus und
Medientheorie
2.3 Mediennutzung
2.4 Das Fernsehen, das Kino, und der Film
2.4.1 Gattungen und Genres des Films
2.5 Der Spielfilm und seine Funktionen
2.6 Die Filmanalyse
2.7 Der Vorwurf der Manipulation durch Medien
2.7.1 Was macht das Fernsehen mit den Menschen? Aktuelle Themen
2.7.1.1 Essstörungen durch Medieninhalte
2.7.1.2 Aggressives Verhalten durch Gewalt in den Medien
2.7.1.3 Politische Manipulation durch das Fernsehen
2.7.1.4 Die Werbung - Paradebeispiel der Manipulation?!
2.7.1.5 Das Stereotyp von Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung
2.8 Theorien der Medienwirkung
2.8.1 Katharsistheorie
2.8.2 Emotionale Medienwirkung
2.8.3 Die Priming Paradigmen
2.8.4 Sozial-kognitive Lerntheorie
2.8.5 Kultivierungsthese
2.9 Möglichkeiten der Veränderung von Einstellungen durch Medien

2.10 Die Schweigespirale
2.11 Sozialisation im Medienzeitalter
2.12 Funktionen der Medien
2.13 Stereotypen in Filmen

3.0 Versuch eines Zwischenfazits

4.0 Behinderung und Medien
4.1 Mediale Inklusion und Exklusion von Menschen mit Behinderungen
4.2 Zum aktuellen Forschungstand
4.2.1 Quantität der Darstellungen
4.2.2 Qualität der Darstellung
4.2.2.1 Verteilung nach Genres und Thematik der Filme
4.2.2.2 Rollen behinderter Akteure
4.2.2.3 Charakterisierung behinderter Akteure
4.2.2.4 Status behinderter Akteure
4.2.2.5 Sexuelle Beziehungen
4.3 Stereotypisierung von Behinderung in den Medien
4.4 Schlussfolgerungen aus den Theorien der Medienwirkung
4.4.1 Emotionale Medienwirkung
4.4.2 Die Priming Paradigmen
4.4.3 Sozial-kognitiven Lerntheorien
4.4.4 Kultivierungsthese
4.5 Schlussfolgerungen aus der Theorie der Schweigespirale
4.6 Schlussfolgerung aus der Mediensozialisation
4.7 Schlussfolgerung aus Filmanalyse
4.8 Aktuelle Beispiele für die Darstellungen von Menschen mit einer Behinderung in
Film und Fernsehen
4.8.1 Der Wandel von »Aktion Sorgenkind« zu »Aktion Mensch«
4.8.2 Vom Sorgenkind zum Freakstar - Christoph SCHLINGENSIEFS Antwort auf
»Deutschland sucht den Superstar«
4.8.3 Der Trickfilm »Findet Nemo« - oder »im Meer gibt es keine Sonderschulen«
4.8.4 »Klassenleben«
4.8.5 Lars VON TRIERS »Idioten«
4.8.6 Die Lindenstraße
4.9 Grundsätze für die Darstellung von Menschen mit einer Behinderung im Film

5.0 Fazit

6.0 Anhang
6.1 Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Woher haben wir eigentlich unsere Informationen über Indianer und wissen, wie sie früher gelebt haben oder auch heute noch leben, welche Kleidung sie trugen, wie ihre Behausungen aussahen, wie sie sich ernährten und wie ihr Charakter war, obwohl wir niemals mit einem gesprochen haben?

Wer oder was vermittelt uns ein Bild darüber, wie die Ureinwohner in Australien, die Aborigines, leben, auch wenn wir selbst noch nie in Australien waren und uns ein Bild von der Lebensweise gemacht haben?

Wieso können wir über bestimmte Personengruppen, wie zum Beispiel Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung, bezüglich vieler Eigenschaften der Personen Aussagen machen, auch wenn wir noch nie mit ihnen Kontakt hatten?

Meiner Meinung nach beziehen wir einen Großteil unserer Vorstellungen über bestimmte Menschengruppen durch die Medien. Insbesondere durch das Fernsehen. Gerade in solchen Wissensbereichen, wo es uns erschwert wird, uns ein objektives Bild von der Realität zu verschaffen, scheinen sie auf das Wissen der Menschen einen Einfluss zu haben.

Unser Wissen über Indianer könnten wir uns unter anderem durch Bücher, und Filme über Bücher von Karl MAY1 oder die Comic Serie Lucky Luke2 und ihre Verfilmung angeeignet haben. Das Wissen um die Lebensart der Aborigines könnte ebenso aus Medieninhalten über diese Menschen stammen, und auch das stereotype Bild des zickigen, tratschenden, frauenverstehenden »Standardschwulen« könnte auf ähnliche Weise in unsere Köpfe gelangt sein.

BARTMANN stellt in diesem Zusammenhang treffend fest, dass Medien mehr und mehr fester Bestandteil der Gesellschaft werden, welche in immer stärkerem Maße Erfahrungen in der Realität ersetzen (vgl. 2002, S. 262).

Doch was haben Indianer, Aborigines und homosexuelle Menschen mit dem Thema dieser Arbeit, den Menschen mit einer Behinderung, gemeinsam?

In der Regel besteht zu diesen Menschen wenig Kontakt: Die noch existierenden Indianer und die Aborigines leben weit entfernt, und die homosexuellen Menschen bleiben auch gerne unter sich, so dass ein persönlicher Kontakt nur in wenigen Fällen gegeben ist. Und in ähnlicher Weise trifft dies auch für Menschen mit einer Behinderung zu. Nach RADTKE könnte sich zwar jeder theoretisch "durch persönliche Wahrnehmung ein eigenes Urteil bilden, in der Praxis verhindern aber Berührungsängste und andere Umstände zumeist ein solche Überprüfung" (2003, S. 141).

Was ein Großteil der Menschen über Menschen mit einer Behinderung weiß, könnte ihnen also über die Medien vermittelt worden sein. Jemand der keinen Kontakt zu Menschen mit einer Behinderung hat, und auch über keine anderen Sozialkontakte verfügt, welche irgendwie in die Thematik einbezogen sind, wird sich größtenteils auf Informationen aus Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften und Radio3 verlassen müssen. Durch die vorzufindende Exklusion4 von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft ist diese Rezipientengruppe relativ groß, denn nach wie vor finden sich Menschen mit einer Behinderung häufig in Lebenssituationen vor, die sie isolieren und sie als etwas Besonderes erscheinen lassen: Sonderkindergärten, Sonderschulen, besondere Wohnheime, Werkstätten für Behinderte, etc.

Somit scheinen die Medien, insbesondere Film und Fernsehen, einen erheblichen Einfluss auf die soziale Zuschreibung »behindert« zu haben.

Bei BEZOLD wird diese Sichtweise bestätigt, in dem er diesbezüglich schreibt, dass auch Vorstellungen über das gesellschaftliche Konstrukt »Behinderung« auf diese Weise [durch die Medien] geprägt werden (vgl. 1999, S. 75f.). Auch BOSSE schließt sich dieser Meinung an, wenn er feststellt, dass für viele Bundesbürger die Massenmedien, die wichtigsten, wenn nicht sogar die einzigen Informationsquellen zu diesem Thema [Behinderung] darstellen (vgl. 2006, S. 24).

Dass Menschen mit einer Behinderung in der Regel eine eher ablehnende Haltung gegenüber eingenommen wird ist kein Geheimnis. Das sich diese Einstellungen, die sich in den Haltungen ausdrücken, sich erst im Laufe der Entwicklung eines Menschen entfalten, ebenso wenig. Wenn jetzt aber kaum Kontakt zu dieser Bevölkerungsgruppe besteht, stellt sich die Frage, welches Bild von Menschen mit Behinderungen in den Medien dargestellt wird. Ist es ein Bild das die ablehnende Haltung der Bevölkerung widerspiegelt, bzw. sie mit erzeugt?

Da es kaum möglich ist, sich im Rahmen dieser Arbeit mit allen gängigen Medien zu beschäftigen, wird der Schwerpunkt der Ausführungen auf dem Medium Film liegen, da es das Medium ist, welches in Deutschland am weitesten verbreitet ist und im pädagogischen Bereich am häufigsten in Frage gestellt wird.

So zeigen Statistiken, dass in Deutschland 2006 jeder Bundesbürger ab 14 Jahren im Schnitt 227 Minuten pro Tag (die Zeit online 2007) fern sah. In fast jedem Wohnzimmer hat der Fernseher Einzug erhalten und ist zu einer der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen geworden. Bei einer so langen Zeitspanne die viele Menschen vor dem Fernseher verbringen, ist es quasi vorprogrammiert, dass diese Menschen sich auch mit Hilfe der Fernsehbilder eine eigene, neue Realität konstruieren.

Zu Beginn der Arbeit erweist es sich als notwendig einige Begriffe und Theorien zu erläutern. Deshalb soll im ersten Teil der Arbeit ein Überblick über das Themenfeld Behinderung erfolgen. Dabei werden verschiedene gängige Behinderungs-definitionen erläutert, und auch ein Einblick in die Einstellungsforschung und angrenzende Bereiche, insbesondere im Bezug zu Behinderung, gewährt.

Im zweiten Teil der Arbeit wird es vorrangig um die Medien gehen. Neben Definitionen, Medientheorien und einigen aktuellen Beispielen, die die Relevanz der Medien für unseren Alltag näher beleuchten sollen, kommen hierbei der Mediensozialisation und der Tatsache, dass Medien, insbesondere Filme, häufig mit stereotypen Menschendarstellungen arbeiten, eine große Bedeutung zu.

Auch die Möglichkeit der Veränderungen von Einstellungen durch Medien, und verschiedene Ansätze der Wirkungsforschung sollen angesprochen werden, um zu überprüfen, in wie weit die Medien einen Einfluss auf das Bild von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft haben können. Der Schwerpunkt wird hierbei auf dem Medium »Film« liegen. Jedoch sind einige Ausführungen allgemein gehalten, da sich in ihnen die »Massenmedien« nicht unterscheiden.

Anschließend wird es einen Anschnitt geben in dem ich versuchen werde die beiden Themenbereiche »Behinderung« und »Medien« zu verknüpfen. Schwierigkeiten werden sich diesbezüglich aus der Vielzahl an Medienangeboten und dem Mangel an themenspezifischer Literatur ergeben. So wird es unter anderem nötig sein, aus rein medientheoretischen Büchern Fakten abzuleiten und auf das Thema Behinderung zu übertragen, und sich auf ein einziges Medium - den Spielfilm - zu beschränken, wobei einige Ausführungen allerdings analog zu anderen Medien gesehen werden können.

Ein Hauptaspekt wird bei der Qualität der Darstellung von Menschen mit Behinderungen im Spielfilm liegen. Insbesondere soll festgestellt werden, ob Spielfilme bestimmte Stereotype besonders häufig darstellen, welche Rollen der Mensch mit einer Behinderung im Spielfilm vermehrt spielt, welche Berufe sie im Film einnehmen, wie ihre sexuellen Beziehung sind und ob bestimmte Charakter-eigenschaften bevorzugt inszeniert werden. Im Großen und Ganzen wird es hierbei darum gehen festzustellen, ob es bestimmte »Musterbehinderte« in den Medien gibt, wie diese »konstruiert« sind, und wie sich eine bestimmte stereotype Darstellung Auswirken könnte.

Doch nicht nur die Qualität der Darstellung von Menschen mit Behinderung in den Medien erscheint interessant, sondern auch in wie weit das Thema Behinderung in den Medien überhaupt Beachtung findet. Liefern sie uns ein eher aussonderndes Bild von Menschen mit Behinderung? Sind sie in einigen Medienbereichen unterrepräsentiert oder werden sogar gänzlich ausgeschlossen5 ? Oder spiegeln die Medien eine integrative bzw. inklusive Gesellschaft wieder? Im Rahmen dieser Arbeit wird es nicht möglich sein, sich ein umfassendes Bild von der aktuellen Situation zu machen, aber eventuell ist es möglich einige Tendenzen oder Beispiele von Exklusion - Integration - Inklusion in den Medien, insbesondere in den audiovisuellen, näher zu beleuchten.

Im letzten Teil wird es deshalb um die Darstellung einiger aktueller Tendenzen in den Medien gehen. Hierbei wird sich die Darstellung nicht nur auf den Film an sich beziehen, sondern es findet auch eine Ausweitung auf andere Medieninhalte statt, die im Fernsehen vertreten sind. Abschließend folgen Überlegungen, wie mithilfe der Medien die Situation von Menschen mit Behinderungen verbessert werden könnte.

Bei den folgenden Überlegungen kann und soll es sich aufgrund der Komplexität des Themas, und der nicht vollständig erforschten Themenbereiche nicht um den Versuch handeln, eine Art »Supertheorie« zu erschaffen. Vielmehr ist beabsichtigt, die Themenbereiche Behinderung und Medien zu verknüpfen, und diese nach aktuellen Entwicklungen, eventuellen Problembereichen und möglichen Lösungen zu »durchforsten«. Dabei kann ich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Aber angesichts der offenen Problemsituation denke ich einen Beitrag zur Sensibilisierung für das Thema » Die aktuelle Darstellung von Menschen mit einer Behinderung in den Medien « zu leisten. Einige Aussagen in dieser Arbeit sind nicht endgültig belegt6 worden. Dies ist in erster Linie mit der Komplexität der einzelnen Themenbereiche und somit auch mit der Verknüpfung dieser Themenbereiche zu begründen. Das soll nicht heißen, dass einzelne Argumente und Sachverhalte aus der Luft gegriffen werden, vielmehr scheint aber eine genaue Differenzierung im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich zu sein, da es sich in den meisten Fällen nicht um monokausale, messbare Zusammenhänge handelt, sondern eine Vielzahl von Faktoren in die entsprechenden Themenbereiche mit hinein wirken.

Zu guter letzt: Mir ist bewusst, dass Menschen Frauen und Männer sind. Dennoch möchte ich mich aufgrund einer besseren Lesbarkeit der Arbeit auf die maskuline Form beschränken.

1.0 Behinderung und Gesellschaft

In diesem Kapitel wird es darum gehen, die Personengruppe der Menschen mit einer Behinderung einzugrenzen. Dazu werde ich auf Grund der Definitionsvielfalt einige gängige Blickwinkel zum Thema »Behinderung« wiedergeben. Dieser Zugang zur Thematik erscheint mir deshalb geeignet, da er einerseits die Personengruppe, um die es in meiner Arbeit vorrangig geht näher eingrenzt, und zum anderen einen differenzierteren Standpunkt ermöglicht.

Es handelt sich dabei zum einen um die Definition nach SGB IX, des Weiteren um die Definition der Weltgesundheitsorganisation in ihrer alten und darauf aufbauend ihrer neuen Fassung, nachfolgend die konstruktivistische Sichtweise zum Thema Behinderung und letztendlich der Inklusionsgedanke.

Gerade der konstruktivistische Grundgedanke erscheint mir wichtig, da bei der Darstellung von Menschen mit Behinderung im Fernsehen der Inszenierung der Person durch die ausführenden Instanzen, wie Produzenten, Drehbuchautoren und Regisseuren, eine besondere Bedeutung zukommt. Die Filmemacher konstruieren durch ihre Beiträge das soziale Phänomen »Behinderung« mit, indem sie es einer bestimmten Person zuschreiben. Sie entscheiden was auf dem Fernseher unter dem Label »behindert« gesendet wird. Sie sind auch diejenigen, die eine Person so erscheinen lassen, dass sie sich »ihrer Behinderung entsprechend« verhält. Sie bestimmen, was »Behinderte« machen und was nicht.

1.1 Behinderung - Versuch einer Definition

How disability is defined is of crucial importance. The presuppositions informing particular definitions can be offensive and provide the basis of stereotyping and stigmatisation.7

Minderheiten als solche gibt es nicht. Die Verwendung dieses Begriffs für bestimmte Bevölkerungsgruppen ist immer das Ergebnis eines gesellschaftlichen Konstruktions-prozess (vgl. PFETSCH; WEIß 2000, S. 119). Das heißt, es wird immer von einer bestimmten Bevölkerungsgruppe festgelegt, wer zu einer Minderheit gehört und wer nicht.

"Auf der einen Seite steht die »core group« der jeweiligen Gesellschaft. Sie bestimmt weitgehend die Kriterien der Inklusion bzw. der Exklusion. Auf der anderen Seite finden wir Bevölkerungsgruppen, die den Kriterien der Inklusion nicht entsprechen und deshalb den Status der Minderheiten erhalten" (edb.).

Zu einer dieser Minderheiten, welche ein erhöhtes Exklusionsrisiko in der Lebensgeschichte haben, lassen sich auch Menschen mit einer Behinderung zählen.

Dabei liegt es immer im Auge des Betrachters, wer der entsprechenden Gruppe zugeordnet wird und wer nicht (vgl. BOSSE 2006, S. 41). Wer ein Mensch mit einer Behinderung ist und wer nicht.

Der Versuch einer begrifflichen Definition des Phänomens »Behinderung« ist einer starken Dynamik unterworfen und wird kontrovers diskutiert. Er unterlag und unterliegt noch immer ständigen Veränderungen und ist je nach dahinter stehenden Theorien, Konzepten und Denkweisen mit verschiedenen Deutungsinhalten belegt, welche unterschiedliche Perspektiven widerspiegeln. RATH stellt diesbezüglich treffend fest: ein "breiter Konsens besteht darüber, dass es eine allgemein anerkannte Definition von Behinderung nicht gibt" (1985, S. 25). Folglich lässt sich zum heutigen Zeitpunkt eine Vielzahl von variierenden Begriffsbestimmungen feststellen, wobei für die Definition des Begriffs »Behinderung« die Zielsetzungen, die mit der Definition intendiert sind, entscheidend sind. So benötigt der Gesetzgeber eine Definition, um die Anerkennung als Mensch mit einer Behinderung zu regeln und um die Ansprüche gegenüber dem Staat bzw. dem Sozialversicherungsvertreter zu bemessen. Unter dem pädagogischem Aspekt stehen eher die Möglichkeiten der pädagogischen Einflussnahme und die Förderung im Vordergrund. Eine medizinische Definition betont die Abgrenzung der Behinderung von der Krankheit um den Erfordernissen der medizinischen Rehabilitation Rechnung zu tragen (vgl. TRÖSTER 1990, S. 13).

In Deutschland werden demnach bestimmte Menschen als »behinderte Menschen«, »Menschen mit Behinderung«, »Menschen mit einer Beeinträchtigung«, Menschen mit Assistenzbedarf« oder als »Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf« bezeichnet. Jedoch sind auch diese Bezeichnungen nicht immer mit den gleichen Inhalten belegt. Ein und derselbe Begriff kann auch von verschiedenen Instanzen ganz unterschiedlich definiert werden. Des Weiteren erscheint es als wichtig, wie Menschen mit einer Behinderung im Alltag sprachlich repräsentiert werden, denn wie der Linguist B. L. WHORF schon 1956 feststellte, beeinflusst die Sprache unser Denken und kann sich somit negativ auf das Verständnis von »Behinderung« auswirken8.

Mittlerweile ist man sich weitestgehend einig darüber, dass es sich bei dem Begriff »Behinderung« nicht um eine individuelle medizinische Kategorie handelt, sondern vielmehr um eine soziale.

"Der im gängigen Sprachgebrauch verankerte Terminus "Behinderung" ist gesellschaftlich zweckgerichtet: Zum einen sind damit soziale Rollenerwartungen an die Betroffenen sowie Etikettierung verknüpft; zum anderen ist der Begriff zur Verständigung notwendig, um Rehabilitationsmaßnahmen und den Nachteilausgleich zu organisieren" (BERGEEST 2002, S. 15).

1.1.1 Behinderung nach SGB IX

Nach deutschem Recht sind Menschen behindert, "[...] wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist". (SGB IX § 2 Absatz 1; Satz 1; 2001)

Anhand dieser Definition wird deutlich, dass mit »Behinderung« nicht der als anhaltend und altersuntypisch diagnostizierte körperliche, geistige oder seelische Zustand eines Menschen bezeichnet wird, sondern vielmehr die beeinträchtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft, die sich durch externe Einflüsse in Folge dieses Zustandes einstellen kann (vgl. FELKENDORFF 2003, S. 31).

Der Behinderungsbegriff des SGB IX ist auf der Grundlage der »International Classification of Functioning, Disability and Health«9 der Weltgesundheits-organisation10 entstanden. In dieser wird "Behinderung (disability) als ein mögliches Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen »conditions« oder »problems« eines Menschen sowie externer Faktoren gesehen" (ebd.).

Sobald die Teilhabe eines Menschen erkennbar eingeschränkt ist liegt demnach eine Behinderung vor. "Der Mensch hat die Behinderung nicht, er erfährt sie." (ebd.)

1.1.2 Die Behinderungsdefinition der Weltgesundheitsorganisation

Die WHO entwickelte 1980 ein Klassifikationsschema von Krankheiten und Behinderung: Die »International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps«11. In dieser erfolgt eine Beschreibung der Behinderung auf 3 Ebenen (WHO 1980, S. 27ff.; CLOERKES 2001, S. 4), welche miteinander in einer Folgebeziehung stehen:

1. Impairment (Schädigung): Störung auf der organischen Ebene (menschlicher Organismus allgemein).
2. Disability (Behinderung): Störung auf der personalen Ebene (Bedeutung für einen konkreten Menschen).
3. Handicap (Benachteiligung): Mögliche Konsequenzen auf der sozialen Ebene (Nachteile, durch die die Übernahme von solchen Rollen eingeschränkt oder verhindert wird, die für die betreffende Person in Bezug auf Alter, Geschlecht, soziale und kulturelle Aktivitäten als angemessen gelten)

(CLOERKES 2001, S. 4)

Die Entstehung von Behinderung wird demnach in einer kausalen Abfolge beschrieben (vgl. WHO 1980, 11f.):

"Zunächst muss eine Gesundheitsschädigung (impairment) vorliegen, die eine länger andauernde Funktionseinschränkung (disability), z.B. der Mobilität, des Denkens oder des Verhaltens, bedingt. Die eigentliche Behinderung entsteht aus einer daraus hervorgehenden sozialen Beeinträchtigung (handicap)" (LINDEMANN 1999, S. 105).

1997 hat die WHO eine neue Klassifikation, die ICIDH-212 entwickelt. In deutscher Übersetzung liegt sie seit 2005 unter dem Titel "Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit"13 vor. Unterschieden werden hier die Teilklassifikationen Körperfunktionen und Körperstrukturen, Aktivitäten und (gesellschaftliche) Teilhabe sowie personenbezogene Faktoren.

Diese, im Mai 2001 entgültig verabschiedete Klassifikation, ersetzt die eher defizitorientierten Begriffe »disability« und »handicap«, die den Ursprung der Abweichung auf das Individuum projizieren, durch »activity limitation« und »participation restriction«. Also durch Begriffe, die der Beschreibung der Fähigkeiten und Möglichkeiten dienen.

Während in der ersten Version14 eine tendenziell individuumzentrierte und defektorientierte Sichtweise vorherrscht, betont hingegen die zweite Fassung den gesellschaftlichen Kontext in dem Behinderung geschieht. "Diese Überarbeitung stellt den Versuch dar, das Entstehen von Benachteiligung als interaktiven sozialen Prozess zu beschreiben" (LINDEMANN 1999, S. 139). Auch der wichtige Aspekt der Einstellung gegenüber Behinderten wird jetzt gesehen (vgl. CLOERKES 2001, S. 5).

Nach LINDMEIER ist ein grundlegender Unterschied zur ersten Fassung, dass in der ICF die Einheiten der Klassifikationen keine Personen sind, sondern Situationen. Die ICF klassifiziert also keine Personen, sondern es werden gesundheitliche Situationen beschrieben (2007, S. 165). Eine Beschreibung erfolgt stets im Zusammenhang mit Kontextfaktoren, welche in umwelt- und personenbezogene Faktoren unterteilt sind.

Laut CLOERKES zeigen sich bei der alten genauso wie bei der neuen WHO Definition Schwachstellen, weil als Ausgangspunkt für eine Behinderung "die Schädigung als eine objektivierbare Abweichung von der Norm" (2001, S. 5) gesehen wird. Wodurch sich folglich die Frage aufdrängt, woran die Normabweichung zu bemessen sei. CLOERKES stellt weiterhin fest, dass es genauso denkbar wäre, "dass Behinderung das Ergebnis eines sozialen Bewertungs-oder Abwertungsprozesses darstellt, selbst ohne objektiv vorhandenen Grund, der dann schließlich bei den Betroffenen Schädigungen oder Funktionsstörungen hervorrufen oder verstärken kann" (ebd.) und führt Lernbehinderung als typisches Beispiel für die Bedeutung des Bewertungsprozesses an.

Dementsprechend schlägt CLOERKES eine neue Definition von Behinderung und Behinderte vor, welche eine interaktionistische Sichtweise widerspiegelt:

- "Eine Behinderung ist eine dauerhafte und sichtbare Abweichung im körperlichen, geistigen oder seelischen Bereich, der allgemein ein entschieden negativer Wert zugeschrieben wird
- Dauerhaftigkeit unterscheidet Behinderung von Krankheit
- Sichtbarkeit ist im weitesten Sinne das Wissen anderer Menschen um die Abweichung
- Ein Mensch ist behindert, wenn erstens eine unerwünschte Abweichung von wie auch immer definierten Erwartungen vorliegt und wenn zweitens deshalb die soziale Reaktion auf ihn negativ ist" (CLOERKES 1988, S. 87).

In dieser Definition wird deutlich, dass von Behinderung erst dann gesprochen werden kann, wenn eine Andersartigkeit von einer bestimmten Kultur als negativ bewertet wird. Ausgangspunkt für eine Behinderung ist demnach eine unerwünschte Abweichung von den jeweiligen Normen und Erwartungen und in Folge dessen negative Reaktionen auf den Menschen.

Des Weiteren stellt CLOERKES fest, dass eine Behinderung immer einen relativen Charakter hat. Sie ist nichts Absolutes - nicht der Defekt oder die Schädigung ist ausschlaggebend, sondern die Folgen für das einzelne Individuum (ebd.).

Auch BLEIDICK schließt sich dieser Meinung an in dem er formuliert: "Die Tatbestände Behindertsein und Behinderung sind sozial vermittelt: Soziale Normen, Konventionen und Standards bestimmen darüber, wer behindert ist (1992, S. 19). "Inwieweit Behinderung existent wird, hängt mit davon ab, wie das soziale Umfeld auf Defekte, Mängel, Schädigung und Behinderung reagiert und wie der davon Betroffene selbst mit seinem Behindertsein fertig wird" (ebd., S. 20).

Doch wie auch immer verschiedene wissenschaftliche Disziplinen und Gesetzgeber den Begriff der Behinderung definieren und differenzieren, es bleibt laut BERGEEST eine "Identitätszuschreibung" damit verbunden (2002, S. 16). "Der Blick wird auf unerwünschte, sozial diskreditierende Eigenschaften des Menschen verengt und damit eine Stigmatisierung festgeschrieben" (ebd., S. 16)

1.1.3 Behinderung aus konstruktivistischer Sicht - Gesellschaftliche Konstruktion von Behinderung

Was ich meine (...) ist, dass ein Phänomen in dem speziellen Betrachtungsrahmen des betreffenden Beobachters gesehen wird. Vieles von dem, was sie sehen, wenn sie mich anschauen, (...) ist eine Projektion ihres eigenen Bewusstseins. In einem anderen Betrachtungssystem würde ich ganz anders erscheinen. (...) Es gibt so viele Anschauungen, wie es empfindende Kreaturen gibt.15

"Die Grundannahme konstruktivistischer Theorien liegt darin, dass die Wahrnehmung keine Gegebenheiten einer von uns unabhängigen Realität abbildet, wie sie an sich sind, sondern dass wir lediglich Modelle entwerfen, deren Objektivität oder Wahrheit nicht überprüft werden kann. Es wird davon ausgegangen, dass das einzelne Subjekt sein gesamtes Erleben aufgrund interner Kriterien konstruiert" (LINDEMANN 1999, S. 1)

Im Gegensatz zum medizinischen Modell, in welchem die Behinderung als eine individuelle Störung der Person angesehen wird, sieht das konstruktivistische Modell die Behinderung als gesellschaftlich konstruiert an. Es hinterfragt den angenommenen kausalen Zusammenhang von Schädigung und Behinderung des medizinischen Modells. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass Menschen mit ähnlichen medizinischen Ausgangslagen verschiedene Arten von Behinderung erfahren, welche, je nach soziokulturellen Vorstellungen und Normen, Einfluss auf die Lebenssituation der Personen haben. Aufgrund einer vorliegenden Schädigung kann nicht anhand eines einfachen linearen Ursache- Wirkung Modells auf bestimmte Auswirkungen auf die Entwicklung und das Verhalten einer Person geschlossen werden. Es ist nicht möglich Aussagen darüber zu machen, wie sie sich weiter entwickeln wird, oder welche Fähigkeiten sie später besitzen, oder, vielleicht noch schlimmer, nicht besitzen wird. Aus einer prinzipiellen Gleichheit der physischen Vorraussetzungen resultiert also keine Gleichheit des Verhaltens von Personen. Jedoch wird bei Menschen mit einer diagnostizierten Behinderung oder Schädigung häufig eine solche Kausalität angenommen (vgl. LINDEMANN 1999, S. 114ff.). Man erwartet, dass sich prognostizierte Abweichungen von der Norm zeigen, was dann wiederum zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen führen kann.

"Die Prophezeiung des Ereignisses führt zum Ereignis der Prophezeiung" (WATZLAWICK1991, S. 55).

Die Ursache für eine Behinderung ist demnach nicht in der Person selbst zu suchen, sondern ist das Resultat gesellschaftlicher Prozesse.

Nach konstruktivistischer Sichtweise geht es bei der Zuschreibung von Behinderung in erster Linie um eine Schuldzuweisung. Diese legt fest, bei wem die Ursache dafür zu finden ist, dass Wahrnehmungen, Verhaltensweisen, Entwicklungswege oder auch individuelle Möglichkeiten zur Teilhabe an der Gesellschaft von der Norm abweichen (vgl. LINDEMANN 1999, S. 114).

Eine gängige zusammenfassende Definition des Begriffs Behinderung aus konstruktivistischer Sicht liefert OSBAHR:

"Behinderung ist zusammenfassend zu verstehen als Prozess intersubjektiver Wirklichkeitskonstruktion, in welchem beteiligte Individuen im sozialen Austausch Unterscheidungen vornehmen und diese als Problemkonstellation bezeichnen" (2000, S. 86).

Entscheidend für diese Definition ist die Bezeichnung von Unterscheidung als Problemkonstellation, da die Schädigung einer Person aus konstruktivistischem Verständnis nicht automatisch eine Behinderung zur Folge hat. In der Regel fallen diese Besonderheiten16 auf, da sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung betreffen. Als Behinderung wahrgenommen werden sie aber erst, wenn intersubjektive Bedingungen oder Umweltbedingungen nicht stimmen.

Es ist demnach nicht die Verschiedenheit einer Person, die zu ihrer Benachteiligung führt, sondern der Umgang mit der Verschiedenheit, der als Behinderung begriffen werden kann.

Ausgehend von diesem Modell muss sich also nicht der einzelnen Mensch ändern (oder durch Therapie und sonderpädagogische Sonderbehandlung geändert werden) um eine gleichberechtigte Teilhabe am sozialen Leben zu erreichen, sondern die

Gesellschaft in der er lebt. Das Ziel der Pädagogik besteht somit nicht darin, den Menschen der aufgrund seiner Behinderung von anderen Menschen getrennt ist, über besondere Maßnahmen in die Gesellschaft zu integrieren, sondern einer Aussonderung aufgrund solcher Zuschreibungen entgegenzuwirken (vgl. LINDEMANN 1999, S. 134).

Ein weiterer Vertreter dieser Ansicht ist der mittlerweile verstorbene italienische Kinderarzt MILANI-COMPARETTI. Er kritisiert die Bemühungen der Integration bzw. der Rehabilitation, weil dieser Ansatz von falschen Vorraussetzungen ausgeht. Vorraussetzung für eine Integration ist eine vorherige Sonderbehandlung und damit verbunden eine Aussonderung und Isolation von Menschen. Er ist der Ansicht, dass es nicht darum gehen könne, Menschen von ihren »Defekten« zu befreien und sie an die »Normalität« anzupassen, sondern dass von vornherein die Notwendigkeit einer Integration verhindert werden müsste.

Dieser Weg der Umkehr von der Integration zur Nicht-Aussonderung und von der Behebung von Mängeln zur Förderung von Fähigkeiten lässt sich auch in der Inklusiven Pädagogik wieder finden.

1.1.4 Der Inklusionsgedanke

Da wurde mir klar, dass entweder ich verrückt war oder die Welt. Und ich tippte auf die Welt. Und natürlich hatte ich Recht.17

Der Inklusionsbegriff ist ein Begriff der in der Behindertenarbeit für Nicht-Aussonderung und (unmittelbare) gesellschaftliche Zugehörigkeit steht (vgl. THEUNISSEN 2007, S. 171). Es handelt sich bei Inklusion um einen soziologischen Begriff, welcher nicht mit dem Begriff der Integration gleichzusetzen ist.

In den letzten Jahren eher im angloamerikanischen Raum eine Rolle spielend, stößt der Gedanke auch in Deutschland zunehmend auf Interesse. Im Unterschied zur Integration setzt Inklusion Lebenswelten voraus, "in denen alle Menschen, mit oder ohne Behinderung, willkommen sind und die so ausgestattet sein sollten, dass jeder darin, mit oder ohne Unterstützung, sich zurecht finden, kommunizieren und interagieren, kurz sich wohlfühlen kann" (HINZ 2002, zit. nach THEUNISSEN 2007, S. 171).

Die Inklusion beschreibt den Tatbestand, dass auf alle Menschen die gleichen Rechte uneingeschränkt anzuwenden sind und die dafür notwendigen Bedingungen von der Gesellschaft bereitzustellen bzw. die Gesellschaft entsprechend zu verändern ist.

Der Gegenbegriff ist die Exklusion, welcher die Nicht-Zugehörigkeit zu bestimmten Gesellschaftsbereichen beschreibt. Dabei ist das Gegensatzpaar Inklusion - Exklusion erstmal völlig wertfrei, "da es in einer individualisierten Gesellschaft für niemanden möglich ist, an allen Systemen teilzuhaben" (BOSSE 2006, S. 54).

Beschränken tut sich der Inklusionsgedanke dabei nicht nur auf die Nichtaussonderung von Menschen mit einer Behinderung, sondern auf sämtliche aussondernde Dimensionen. Sei es aufgrund der sexuellen Orientierung, kultureller Hintergründe, Geschlechterrollen, Familienstrukturen, religiöser Überzeugungen, etc. (vgl. HINZ 2004 zit. nach BOBAN/HINZ 2007, S. 172).

Diese Vorstellung geht, wie im oberen Teil bereits angesprochen, weit über den Integrationsgedanken hinaus, weil dieser davon ausgeht, dass jemand erst wieder in die Gesellschaft hineingeholt werden müsse. Es muss folglich vorher eine Aussonderung stattgefunden haben, damit Integration möglich wird. Deutlich wird dies auch an der häufigen Forderung nach »Integration in die Gesellschaft«. Hierbei werden Gesellschaft einerseits und »behinderte Bürger« andererseits auseinanderdefiniert. Es wird davon ausgegangen, dass es sich um zwei Personengruppen handelt (vgl. RADTKE 2003, S. 9): Die Gesellschaft auf der einen Seite, und die »Noch-Nicht-Gesellschaft« der Menschen mit Behinderung auf der anderen.

Inklusion bedeutet im Gegensatz dazu, dass es gar nicht erst zu einer Ausgrenzung kommen sollte. Sie strebt keine Anpassung der Individuen an die gesellschaftlichen Vorgaben an, sondern das momentan bestehende gesellschaftliche Strukturen so verändert werden müssen, dass die Unterschiedlichkeit von Menschen als Normalzustand akzeptiert wird, oder besser noch, gewünscht wird. Dass also Menschen ohne, genauso wie Menschen mit einer Behinderung, von Grund auf Teil der Gesellschaft sind.

BUROW macht in seinem Buch18 deutlich, dass durch den Zusammenschluss von Persönlichkeiten mit stark unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten, sich so genannte »Kreative Felder« bilden können, die besondere Leistungen hervorbringen, weil sie ihr Potential erst aus der Verschiedenheit der Gruppe, aus der Vielfalt der einzelnen Mitglieder, heraus entfalten.

Auch der Ansatz des Diversity Management19 geht in diese Richtung. Eigentlich aus dem Bereich der Unternehmensführung kommend, vertritt dieses Konzept die Ansicht, dass die Heterogenität der Beschäftigten in einem Unternehmen beachtet werden sollte, da sie sich zum Vorteil aller Nutzen lasse.

Somit toleriert das Diversity Management nicht nur die individuelle Verschiedenheit der Mitarbeiter, sondern hebt diese im Sinne positiver Wertschätzung besonders hervor. Als Ziele des Diversity Management lassen sich zum einen die Schaffung einer positiven Gesamtatmosphäre im Unternehmen, zum anderen die Verhinderung der Diskriminierung von Minderheiten, nennen.

Sinnvoll erscheint eine Ausweitung des Diversity Management von den Unternehmen auf die gesamte Gesellschaft. Denn auch außerhalb von Unternehmen erscheint es als überaus vorteilhaft aus der Verschiedenheit der Individuen zu profitieren.

Denkt man an dieser Stelle konsequent weiter, sind auch so genannte Sondereinrichtungen für - auf Grund ihrer Besonderheit - ausgegrenzte Menschen, nicht akzeptabel (vgl. WACKER 2004, S. 48). Folglich müsste es zu einer »Entinstitutionalisierung« kommen. Es müssen nicht die Menschen passend gemacht werden, sondern die Bedingungen - die Behinderung schaffen und die Entfaltung des Potentials welches erst aus der Verschiedenheit entsteht verhindern - müssten verändert werden.

1.2 Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung

Gesellschaftlich vorherrschende Einstellungen gegenüber Menschen mit einer Behinderung werden in den folgenden Punkten aufgezeigt.

Dafür soll zuerst einmal geklärt werden was Einstellungen sind und wie sie entstehen. Ziel ist es, einen Überblick über die Einstellungsforschung zu geben, um im Weiteren eventuelle Einflüsse der Medien auf Einstellungen darzustellen.

1.2.1 Einstellungen

Einstellungen werden als gelernte Tendenzen definiert, auf bestimmte Zielreize - Menschen, Ideen, Situationen oder Gegenstände - mit positiven oder negativen Bewertungen zu reagieren, mit denen wiederum bestimmte Gefühle und Überzeugungen zusammenhängen (vgl. ZIMBARDO; GERRIG 1999, S. 215).

Diese gelernten Tendenzen sind relativ stabile, durch Sozialisation geprägte Systeme von Gefühlen, Wahrnehmungen und Vorstellungen eines Menschen (vgl. DUPUIS; KERKHOFF 1992, S. 154f.).

Bei dem Aspekt der Einstellung sollte man sich vergegenwärtigen, dass Einstellungen, weder bei den Mitmenschen, noch bei uns selbst, direkt zu erfassen sind. Sie müssen erschlossen werden.

Andererseits wird das menschliche Verhalten durch Einstellungen bestimmt.

Allerdings stimmen Verhalten und Einstellung nicht immer überein, da bestimmte Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft nicht erwünscht sind und deshalb unterdrückt werden. "Denken und Handeln stimmen also nicht immer überein" (BOSSE 2006, S. 60). Oder wie William FAULKNER es sagte: "Manche Menschen sind nur deshalb so freundlich, weil sie es nicht wagen, anders zu sein."20

Bei den Einstellungen unterscheidet man überwiegend drei Komponenten von Verhalten21, zu denen eine Einstellung disponiert: Eine affektiv e, eine kognitive und eine konative Komponente (vgl. BRACKEN 1976, S. 9).

Der am leichtesten zugängliche Bestandteil einer Einstellung ist die kognitive Komponente. Sie bezieht sich darauf, dass das Einstellungsobjekt in ganz spezifischer Weise wahrgenommen wird und zeigt sich in den Vorstellungen, Überzeugungen und bewertenden Urteilen des Individuums gegenüber einem Einstellungsobjekt.

Eine weitere Komponente der Einstellung ist die affektive, welche den emotionalen Aspekt umschreibt, also die (positiven und negativen) Gefühle und subjektiven Bewertungen des Individuums gegenüber einem Einstellungsobjekt.

Reagiert zum Beispiel ein Mensch auf dieser Ebene, so ist diese Reaktion in der Regel vor allem für ihn schlüssig und kann von Außenstehenden nicht immer nachvollzogen werden. Geleitet von subjektiven Empfindungen bewertet er seinen Interaktionspartner eher positiv oder negativ. Sowohl die Bewertung von, als auch die Reaktion auf eine Gegebenheit kann sich sehr von der einer anderen Person in identischer Situation unterscheiden.

Die dritte Komponente stellt die konative dar. Sie bezieht sich auf die Verhaltensintensionen oder Handlungstendenzen des Individuums gegenüber einem Einstellungsobjekt (vgl. CLOERKES 2001, S. 76).

Im Bezug zum Thema Behinderung ist als Kern einer sozialen Einstellung die affektive Komponente die wichtigste (ebd.). Sie ist auch im Bezug auf das Fernsehen die wichtigste Komponente, da die meisten Fernsehformate besonders die Emotionen des Rezipienten erreichen wollen.

Erlernt werden Einstellungen hauptsächlich im Sozialisationsprozess. In der frühen Kindheit "werden bestimmte Verhaltensweisen, moralische Gesinnungen, emotionale Wertungen und Reaktionsmuster von der direkten Umwelt, vor allem von den Eltern, aber auch von den Freunden und den Massenmedien, übernommen" (BARTMANN 2002, S. 25).

Für den Erwerb von Einstellungen gegenüber sozialen Objekten ist demnach der Einfluss von massenmedial vermittelten Informationen zu berücksichtigen. Besonders wirksam ist dieser Einfluss, wenn zu dem Einstellungsobjekt kein direkter Kontakt besteht, und somit die Medien die einzige Informationsquelle darstellen. Verstärkt wird ihre Wirkung wenn die Informationsquelle als kompetent und glaubwürdig erscheint (vgl. TRÖSTER 1990, S. 117).

In dieser Zeit lernt das Kind also, was richtig und was falsch ist, wer gut und wer böse ist. Verstärkt werden diese Vorstellungen der Kinder unter anderem durch die Massenmedien (vgl. CLOERKES 2001, S. 85; HUNZIKER 1988, S. 24). Sobald die

Informationen im Widerspruch zu bereits vorhandenen Einstellungen stehen, reduziert sich ihre Wirkung, wobei allerdings bei entsprechenden Studien häufig die Langzeitwirkung von jahrelangem Medienkonsum vernachlässigt wurde (vgl. HUNZIKER 1988, S. 24).

Ein weiteres nicht unerhebliches Problem stellt die Tatsache dar, dass Einstellungen nicht ohne weiteres gemessen werden können. Sie sind für den Beobachter nicht sichtbar und können nur aus dem Verhalten gefolgert werden. Auch ist es nicht möglich, eine Einstellung auf einen bestimmten Sachverhalt zurückzuführen, und z.B. ausschließlich die Medien oder das Elternhaus für eine sich in der Person befindliche Einstellung verantwortlich zu machen. Dafür gibt es zu viele Beeinflussungsgrößen für die Herausbildung einer Einstellung - keinen monokausalen Zusammenhang.

1.2.2 Die Entstehung der sozialen Reaktion auf Menschen mit einer Behinderung

Werte und Normen regeln in einer Gesellschaft das Zusammenleben. Dabei sind Werte und Normen in gewisser Weise das, was sich hinter den Einstellungen eines Individuums verbirgt und sich in frühen Lebensjahren während des Sozialisationsprozesses zu entwickeln beginnt. Je nach dem kulturellen Hintergrund können diese »gesellschaftlichen Übereinkünfte« verschieden sein.

In unserer Gesellschaft sind unter anderem Werte wie Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Intelligenz, körperliche Integrität, und ästhetisches, jugendliches Äußeres von großer Bedeutung.

Wie die vorherrschenden negativen Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung entstehen, ist nach BOSSE bisher nur fragmentarisch geklärt. Hier konnte außer der Art der Behinderung kaum ein eindeutiger Bestimmungsgrund für die Entstehung von Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung empirisch belegt werden (vgl. 2006, S. 62).

Bei der Entwicklung der soziokulturellen Werte und Normen und insbesondere auch für das Erlernen der sozialen Reaktion auf Menschen mit einer Behinderung sind laut CLOERKES im Wesentlichen drei Aspekte von Bedeutung (vgl. 2001, S. 84f.).

1. Über die Sozialisationsinhalte wird die kulturelle und soziale Wirklichkeit vermittelt und damit auch Einstellungen und Werthaltungen gegenüber Menschen mit Behinderungen" (CLOERKES 2001, S.85). Verknüpfungen von körperlicher, geistiger oder seelischer Abweichung werden mit Eigenschaften wie "böse" und "schlecht" verknüpft. Nach CLOERKES geschieht dies durch Märchen und Kindergeschichten, über Inhalte von Literatur, über die Massenmedien und die Alltagskommunikation (vgl. ebd.). Gerade bei Kindern entwickeln sich auf diese Art schnell Assoziationen wie: behindert - anders - böse - arm - schwach - usw.

2. Neben den Sozialisationsinhalten sind auch die Sozialisationspraktiken von besonderer Bedeutung. "Hier finden die hohe gesellschaftliche Bewertung von Gesundheit und Normalität und die entsprechende Abwertung von allem, was mit Krankheit zu tun hat, ihre Umsetzung in soziales handeln" (ebd.)

3. Letztendlich werden die Vorstellungen, dass Menschen mit einer Behinderung als von der Norm abweichend gelten, in der weiteren Entwicklung eines Individuums kontinuierlich verstärkt. "man denke nur an die Bösewicht-Funktion von behinderten und mißgestalteten Personen in der Literatur, auf der Bühne, in Kino und Fernsehen [...]" (ebd.). Zur Darstellung von Idealmenschen trägt auch die Werbung einen Teil bei. In ihr sind größtenteils Menschen mit den weiter oben genannten Werten vertreten.

Doch das Verhalten ist in der Regel nicht ausschließlich durch die Einstellung gegenüber einem Menschen mit Behinderung bestimmt. Vielmehr wird es von einer Menge weiterer Einstellungen beeinflusst. BOSSE führt an, dass eine Frau, die einen Beruf ausübt, ihre Kinder großzieht, gerne ins Theater geht, fröhlich, schüchtern und querschnittsgelähmt ist, in diesem Sinne in erster Linie als Körperbehinderte gesehen, und einer entsprechenden Kategorie oder sozialen Rolle zugeordnet wird

(vgl. 2006, S. 63). "Aufgrund einzelner mehr oder weniger überprüfter Informationen über diese Person wird sie pauschal beurteilt" (ebd.).

Ein Merkmal wird somit auf die Person als Ganzes übertragen. "Die Behinderung eines Menschen wird zum »master status«" (HOHMEIER 1975, S. 8).

Die eine Eigenschaft unter vielen wird zu einem Haupturteil: der oder die Behinderte.

Dieser »master status«, diese Stereotypisierung und Vereinfachung wird der Person in keiner Weise gerecht. Häufig ist dies bei Personen gegeben, zu denen kein oder nur wenig Kontakt besteht, was auch wie bereits erwähnt auf Menschen mit einer Behinderung oft zutrifft. "In dieser Situation bilden die Medien die wichtigste und oft einzige Informationsquelle über das Leben und die Möglichkeiten von Menschen mit einer Behinderung" (RADTKE 2003, S. 7).

Des Weiteren wird die Reaktion auf Beeinflussungsversuche und die Vertretung von Einstellungen von drei Prozessen bedingt:

- Willfährigkeit oder Zweckkonformismus (compliance)
- Identifikation (identification) und
- Internalisierung (internalization)

Der Prozess der Willfährigkeit oder des Zweckkonformismus besagt, dass eine Meinung ohne eigentliche innere Akzeptierung angenommen wird, da der Betroffene sich erhofft, von den anderen Gruppenmitgliedern mit einer günstigen Reaktion bedacht zu werden. Er gibt nach um eine Belohnung zu erreichen oder um Sanktionen zu entgehen. Sobald der Druck der Gruppe nachlässt, kehrt er zu seiner ursprünglichen Meinung zurück.

Der Prozess der Identifikation meint, dass die Einstellung einer Gruppe übernommen wird, weil die Beziehung zu dieser Gruppe Befriedigung bringt und dem Selbstbild entgegenkommt. Diese normative soziale Beeinflussung entstammt Gruppen, mit denen sich das Individuum aufs engste identifiziert (z.B. Familie). Sie stellen die frühesten urmächtigsten Quellen dar, welche die Einstellungen beeinflussen und bilden die Basis für die Ausbildung von Normen, Ansichten und Wertvorstellungen. Von dem Prozess der Internalisierung spricht man, wenn eine Einstellung deshalb akzeptiert wird bzw. ein Individuum sich selbst überreden lässt, weil die Argumente zur Überredung in das individuelle Wertsystem passen und echte Befriedigung vermitteln (vgl. MANN 1994, S. 191).

1.2.3 Stereotype und Vorurteile

Es ist schwieriger, eine vorgefaßte Meinung zu zertrümmern als ein Atom.22

Ein Fakt in der Kognitionsforschung ist, dass die differenzierte Vielfalt dessen, was das Individuum an Eindrücken bekommt, in dieser Form durch das menschliche Gehirn nicht vollständig zu verarbeiten ist. Daher muss eine Selektion, Vereinfachung und Kategoriebildung stattfinden (vgl. BOSSE 2006, S.60).

Ein Vorurteil liegt vor, wenn jemand trotz schlüssiger Gegenargumente seine Meinung nicht ändert. Es ist also eine "vorgefaßte Meinung über ein Individuum oder eine Gruppe, die sich der Veränderung auch angesichts neuer Informationen widersetzen" (GIDDENS 1995, S. 793). Grundsätzlich können sie negativ oder positiv besetzt sein, obwohl der Begriff im Alltag eher negativ behaftet ist.

So verfügt jede Gesellschaft über ein Repertoire nicht hinterfragter Einstellungen, Meinungen und Normen.

Der Begriff des Stereotyps ist mit dem des Vorurteils in gewisser Weise gleichzusetzen. LIPPMANN benutzte ihn erstmals 1922 in einer Studie im Sinne von »pictures in your head« (vgl. BOSSE 2006, S. 61).

"Stereotype sind nicht angeboren, sondern erlerntes Ergebnis eines Sozialisationsprozesses" (ebd.). Sie entwickeln sich und festigen sich in diesem.

Zwei Funktionen lassen sich dem Stereotyp zuordnen. Zum einen die Reduzierung des Aufwands bei der Erkenntnis der Welt, zum anderen eine Verteidigung der sozialen Position (vgl. ebd.).

Die Massenmedien haben an der Bildung von Stereotypen einen entscheidenden Anteil. Der Knackpunkt diesbezüglich ist, dass die Medien, allen voran das Fernsehen, die Menschen unterstützen Stereotype zu entwickeln. Das besondere und in Gewisserweise auch relativ neue daran ist, dass der Rezipient mit Hilfe von

Stereotypen Einstellungen zu Personen und Sachverhalten entwickelt, ohne dass er unmittelbaren Kontakt zu ihnen hat.

Lippmann schrieb zu dieser Besonderheit: "We are told about the world, before we see it. We imagine things before we experience them" (LIPPMANN 1949, S. 89 zit. nach BOSSE 2006, S. 61)

1.2.4 Stigma

Das Stigma bildet einen Sonderfall des sozialen Vorurteils und soll im Folgenden näher betrachtet werden.

Der Begriff »Stigma« stammt aus dem Griechischen und heißt übersetzt „Punkt, Fleck, Mal“. Den Fachausdruck Stigma als negatives Merkmal hat GOFFMAN (1963/ dt. 1967) in die sozialwissenschaftliche Diskussion eingeführt „Die Griechen“, so GOFFMAN „schufen den Begriff Stigma als Verweis auf körperliche Zeichen, die dazu bestimmt waren, etwas Ungewöhnliches oder Schlechtes über den moralischen Zustand des Zeichenträgers zu offenbaren“ (2001, S. 9).

Wird eine Person, die ein Attribut besitzt, das eine extensiv diskreditierende Wirkung hat, zu einem befleckten, beeinträchtigten Individuum herabgemindert, so nennt GOFFMAN ein solches Attribut ein Stigma. „Manchmal wird es auch ein Fehler genannt, eine Unzulänglichkeit, ein Handicap“ (GOFFMAN 2001, S. 10f.).

Für ein Stigma ist also charakteristisch, dass zum einen ein vorhandenes Merkmal in bestimmter Weise negativ definiert wird, und dass zum anderen über das Kennzeichen weitere negative Eigenschaften zugeschrieben werden. So kann es zu einer Übertragung von einem Merkmal auf die ganze Person kommen. Das Stigma kann für den Status einer Person in der Gesellschaft und den Umgang anderer Menschen mit dieser Person bestimmend sein. Die Gesellschaft schafft die Mittel zur Kategorisierung von Personen und dem kompletten Satz von Attributen, die man für die Mitglieder dieser Kategorie als gewöhnlich und natürlich empfindet (vgl. GOFFMAN 2001, S. 9). Jeder Mensch hat bestimmte - bewusste oder unbewusste - Vorstellungen davon, wie sich Individuen verhalten, wie sie leben, wie sie sein sollten:

„Wenn ein Fremder uns vor Augen tritt, dürfte uns der erste Anblick befähigen, seine Kategorie und seine Eigenschaften, seine soziale Identität zu antizipieren. Wir stützen uns auf diese Antizipationen, die wir haben, indem wir sie in normative Erwartungen umwandeln, in rechtmäßig gestellte Anforderungen“ (GOFFMAN 2001, S. 10).

2.0 Medien

Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung.23

In diesem zweiten Teil der Arbeit erfolgt ein Überblick über die Medien. Zum einen sollen dabei verschiedene Einteilungsmöglichkeiten der Medien dargestellt und zum anderen einige grundlegende Medientheorien erläutert werden. Um die Relevanz des Mediums Film - welches auch in diesem Teil näher betrachtet wird - für diese Arbeit zu verdeutlichen, wird sich ein Punkt mit der Mediennutzung in Deutschland beschäftigen. Anschließend wird noch ein Blick auf Theorien der Medienwirkung geworfen, und einige aktuelle Themen, die derzeit in Bezug auf die Medienwirkung präsent sind, diskutiert.

Weitere Themen mit denen sich dieser Abschnitt beschäftigt, sind die Möglichkeit der Veränderung von Einstellungen durch die Medien und die Tatsache, dass die Medien in der heutigen Zeit zu einer wichtigen Sozialisationsinstanz geworden sind.

Abschließend folgen noch Überlegungen zum Verhältnis von Medien zur Wirklichkeit, und zu der Gegebenheit, dass Medien, insbesondere der Film, in weiten Teilen auf stereotypen Darstellungen von Menschen beruhen.

2.1 Definition des Begriffs der Medien und ihre Theorien

Der Begriff Medium ist ein unterschiedlich definierter Begriff, der je nach Kontext und Wissenschaftsdisziplin mit einer mehr oder weniger anderen Bedeutung besetzt ist. Im Allgemeinen lässt sich Medium als »vermittelndes Element« definieren.

In älteren Kommunikations- und Medientheorien wurden Medien entweder als neutrale technische Infrastrukturen bzw. Kanäle betrachtet oder wie bei Marshall MCLUHAN als kommunikations- und kulturdeterminierende Techniken (vgl. BECK 2006, S. 165). Damit ist der Medienbegriff jedoch noch sehr weit gefasst. Häufig ist in der Literatur eine Dreiteilung der Medien beschrieben. Eine solche Einteilung schlägt

23 Friedrich NIETZSCHE: Also sprach Zarathustra auch Harry PROSS vor. Er unterscheidet zwischen primären, sekundären, und tertiären Medien:

1. Als primäre Medien bezeichnet PROSS die Medien des menschlichen Elementarkontaktes: Sprache, Mimik, Gestik, Körperhaltung usw. Weder Sender noch Empfänger benötigen ein Gerät.
2. Sekundäre Medien erfordern nur auf der Seite der Produzenten technische Geräte, aber nicht beim Empfänger (Rauchzeichen, Flaggensignale, Schrift-und Druckmedien).
3. Tertiäre Medien sind folgerichtig diejenigen, die auf beiden Seiten des Kommunikationsprozesses technische Mittel erfordern. Dazu gehören alle Medien, die wir als ›technische‹ Medien verstehen, von der Schallplatte, dem Telefon bis zu Film, Fernsehen und Radio (vgl. PÜRER 2003, S. 63f.; HICKETHIER 2007, S. 7).

Siegfried J. SCHMIDT hat 1994 vorgeschlagen, zwischen folgenden Medienbegriffen zu unterscheiden:

1. Konventionalisierte Kommunikationsmittel wie die Schrift;

2. Medienangebote als Resultate der Verwendung von Kommunikationsmitteln (z.B. Texte);
3. Techniken, die zur Erstellung von Medienangeboten verwendet werden;
4. Institutionen bzw. Organisationen, die zur Erstellung von Medienangeboten erforderlich sind (z.B. Verlage), einschließlich aller damit verbundener ökonomischer, politischer, rechtlicher und sozialer Aspekte (S. 613).

2.1.1 Auditive, audiovisuelle, Print- und Neue Medien

Eine weitere Einteilung der Medien findet in der Unterteilung zwischen auditiven (Hörfunk, CD), audiovisuellen (Film, Fernsehen, Video), und Printmedien (Buch, Zeitung, Zeitschrift) statt. Hinzu kommen die meist multimedialen interaktiven »Neuen Medien«.

»Neue Medien«, ist nach dem Brockhaus, ein Sammelbegriff für Kommunikationsmittel zur Individual- und Massenkommunikation, die durch die Entwicklung neuer Technologien entstanden, z.B. digitaler Hörfunk und digitales Fernsehen, interaktives Fernsehen, Fax, E-Mail, Videokonferenz sowie das Internet. Häufig wird bei den »Neuen Medien« der interaktive Charakter hervorgehoben, wobei die traditionellen durch die »Neuen Medien« nicht ersetzt werden, sondern sie nebeneinander existieren.

2.1.2 Individual-, Gruppen- und Massenkommunikation

Die Medien werden auch danach unterschieden, in welcher Form der Kommunikation sie zum Einsatz kommen: Im Rahmen einer Individual-, Gruppen- oder Massenkommunikation.

Nach dieser Begriffbestimmung bezeichnet man ein E-Mail oder das Telefon als Individualkommunikation. Als Beispiel für eine Gruppenkommunikation wäre das Theater oder eine Ausstellung zu nennen. Massenkommunikation beruht letztendlich auf den so genannten Massenmedien.

Als Massenkommunikation kann eine Form öffentlicher, indirekter und einseitiger Kommunikation verstanden werden, die sich technischer Verbreitungsmittel bedient und sich an ein disperses Publikum wendet (vgl. MALETZKE 1963, S. 32).

Es ist allerdings zu beachten, dass durch das Internet die Grenzen zwischen der Individual-, Gruppen- und Massenkommunikation nicht mehr scharf voneinander zu trennen sind. So können zum Beispiel E-Mails sowohl als Medien der Individual- aber auch als Medien der Gruppen- und Massenkommunikation dienen.

Eine Bestimmung von Massenmedien aus systemtheoretischer Sicht wird von Niklas LUHMANN vorgenommen

„Mit dem Begriff der Massenmedien sollen im Folgenden alle Einrichtungen der Gesellschaft erfasst werden, die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen. Vor allem ist an Bücher, Zeitschriften, Zeitungen zu denken, die durch die Druckpresse hergestellt werden; aber auch an photographische oder elektronische Kopierverfahren jeder Art, sofern sie Produkte in großer Zahl mit noch unbestimmten Adressaten erzeugen. Auch die Verbreitung der Kommunikation über Funk fällt unter den Begriff, sofern sie allgemein zugänglich ist und nicht nur der telephonischen Verbindung einzelner Teilnehmer dient. Die Massenproduktion von Manuskripten nach Diktat wie in mittelalterlichen Schreibwerkstätten soll nicht genügen und ebenso wenig die öffentliche Zugänglichkeit des Raums, in dem die Kommunikation stattfindet – also nicht: Vorträge, Theateraufführungen, Ausstellungen, Konzerte, wohl aber eine Verbreitung solcher Aufführungen über Filme oder Disketten (...) Entscheidend ist auf alle Fälle: dass keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfänger stattfinden kann. Interaktion wird durch Zwischenschaltung von Technik ausgeschlossen, und das hat weit reichende Konsequenzen, die uns den Begriff der Massenmedien definieren“ (LUHMANN 1996, S. 14).

Für LUHMANNS Begriffsbestimmung ist wie bei MALETZKE das disperse Publikum von besonderer Bedeutung. Damit möchte er verdeutlichen, dass zwischen den verschiedenen Rezipienten von Massenmedien eine räumliche, und zum Teil auch zeitliche Trennung besteht. Darüber hinaus ist ein disperses Publikum dadurch gekennzeichnet, dass es inhomogen und unstrukturiert ist. Es weist „keine Rollenspezialisierung auf und hat keine Sitte und Tradition, keine Verhaltensregeln und Riten und keine Institutionen“ (MALETZKE 1963, S. 30).

Der in dieser Arbeit verwendete Medienbegriff orientiert sich einerseits an den tertiären Medien nach PROSS. Also an den technisch vermittelten Medien, welche sich durch ihre charakteristischen Eigenschaften in der gesellschaftlichen Konstitution, den Produktionsweisen, Vermittlungswegen und Wahrnehmungs-dispositionen der Zuschauer sowie in der sinnlichen Ansprache des Zuschauers" von den anderen unterscheiden (vgl. HICKETHIER 2007, S. 8). Des Weiteren sollen, wenn von Medien die Rede ist, ist erster Linie die audiovisuellen gemeint sein, die zum Zweck der Massenkommunikation (also Massenmedien) hergestellt werden.

[...]


1 deutscher Schriftsteller 1842−1912; Seine Bücher dienten als Vorlage für bekannte Westernfilme wie "der Schatz im Silbersee, Winnetou I-III)

2 Lucky Luke ist der Titel einer von Morris (Maurice de Bévère) gezeichneten, erstmals 1946 erschienenen belgischen Comic-Serie um den gleichnamigen einsamen Cowboy. Lucky Luke ist mit mehr als 30 Millionen verkauften Alben in Deutschland die zweiterfolgreichste Comic-Serie nach Asterix.

3 die so genannten »traditionellen Medien«

4 Exklusion, wörtlich Ausschluss (aus dem lat. exclusio), sinngemäß auch Ausgrenzung, beschreibt die Tatsache, dass jemand von etwas ausgeschlossen (exkludiert) wird. Eine gewisse Abwertung bis hin zur Diskriminierung derer, die ausgeschlossen werden, kann damit einhergehen. Der Gegenbegriff ist die Inklusion.

5 Popstars, Deutschland sucht den Superstar, Big Brother, Nachrichtensprecher, oder auch als einfache Statisten in Serien und Spielfilmen

6 aber auch nicht widerlegt!

7 L. BARTON,. in CAMILLERI, J.M., 1998

8 Ein Beispiel für eine sprachliche Bezeichnung die sich eher negativ auf das Bild von Menschen mit einer Behinderung auswirkt ist der Begriff »handicap«, denn: "handicap" is "with cap in hand" referring to the practice of public begging that historically people with one or more disabilities resorted to in order to survive. (Quelle: http://www.etymologie.info/~e/_n/in-plan02.htmlStand 25.0.5.08)

9 ICF

10 WHO

11 ICIDH-1

12 International Classification of Functioning, Disability and Health

13 ICF

14 ICIDH-1

15 Philip K. DICK : Joe von der Milchstraße, 48 Frankfurt 1984

16 z.B. eine reduzierte Fähigkeit, sich mit Sprache auszudrücken

17 Jack KEROUAC

18 O. A. BUROW: Die Individualisierungsfalle. Kreativität gibt es nur im Plural. Stuttgart 1999.

19 Vielfaltsmanagement

20 Unbekannte Herkunft des Zitats

21 Die sogenannte Drei-Komponenten-Theorie

22 Albert EINSTEIN

23 Friedrich NIETZSCHE: Also sprach Zarathustra

Ende der Leseprobe aus 119 Seiten

Details

Titel
Die aktuelle Darstellung von Menschen mit Behinderung in den Medien
Untertitel
Das inszenierte Bild von Menschen mit einer Behinderung in audiovisuellen Medien und dessen möglichen Auswirkungen auf die Gesellschaft
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
119
Katalognummer
V130776
ISBN (eBook)
9783640388387
ISBN (Buch)
9783640625123
Dateigröße
1285 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Menschen, Behinderung, Medien, Bild, Auswirkungen, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Christian Heuer (Autor), 2008, Die aktuelle Darstellung von Menschen mit Behinderung in den Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130776

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