Ende des Ost-West-Konflikts

Zusammenbruch als Ergebnis von symbolischer, kommunikativer, oder instrumenteller Macht?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Drei Erklärungsfaktoren
2.1. Kommunikativ
2.2. Instrumentell
2.3. Symbolisch

3. Analysebefund

4. Schlussbetrachtungen

5. Bibliographie

1. Einleitung

„Die Umbrüche in Mittel- und Osteuropa 1989/90 gehören zu den Politischen Zäsuren des 20. Jahrhunderts. Für die internationale Politik bedeutete dieser epochale Einschnitt zunächst das Ende des weltumspannenden Ost-West- Konflikts.“[1] Diese Veränderungen sind als Prozess zu verstehen, dessen Ursachen in den verschiedenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten zu finden sind. Dabei stellt sich die Frage über die ausschlaggebenden Gründe für die Erosion und den Zusammenbruch des bipolaren Machtgefüges bzw. des Machtverlustes der Sowjetunion und des Machtgewinns der USA. „Die Rede vom Ende des Kalten Krieges beruht meist auf einer Interpretation des Ost-West-Konflikts als eine Machtkonkurrenz zwischen den Supermächten und somit auf einer Theorie der internationalen Politik, welche die Machtverteilung im internationalen System als zentral ansieht.“[2]

Ist die These zutreffend, dass die Korrelation zwischen wirtschaftlicher Stärke und militärischer Macht ausschlaggebend war? Waren es die globalen Veränderungen der Weltwirtschaft und die der Informationstechnologie? Sind es ideologische Gründe und haben Wertevorstellungen gesiegt? Oder war dieser Konflikt zu anachronistisch geworden und hat sich deshalb ‚aufgelöst’? Wäre es demzufolge möglich gewesen diesen Konflikt mit dem gewaltigen Wettrüsten schon früher zu beenden?

Aufgrund dieser Fragestellungen möchte ich deshalb im Folgendem das Ende des Ost-West-Konflikts unter der Beachtung von Macht und Gewalt untersuchen. Dabei möchte ich analysieren, ob der Zusammenbruch der Sowjetunion mit dem Einsatz von symbolischer, kommunikativer, oder instrumenteller Macht zu erklären ist. Diese Betrachtungen möchte ich isoliert vornehmen und verifizieren ob es hinsichtlich der Machtkonstellation einen oder mehrere Gründe gab, die für das Ende des Ost-West-Konflikts ursächlich waren. Außerdem möchte ich die Anwendbarkeit der Theorien von Niklas Luhmann, Herfried Münkler, den Kommentar von Gerhard Göhler und Rudolf Speth zu Pierre Bourdieus Theorie prüfen und Hannah Arendts Machtbegriff aufgreifen.

2. Drei Erklärungsfaktoren

Der erste der drei möglichen Erklärungsfaktoren benennt die Reformen in der Sowjetunion als ausschlaggebenden Grund für das Ende des Ost-West-Konfliktes. Durch die Machtkonstellation und aufgrund eingeschränkter Handlungsoptionen war die Führung in Moskau genötigt, zur Machterhaltung internationale Kooperationen einzugehen und durch Gespräche und Verhandlungen Reformen einzuleiten.

Der zweite Erklärungsfaktor sieht die Gründe in der Beendigung des Ost-West-Konfliktes ausschließlich in den unterschiedlichen ökonomischen und militärischen Möglichkeiten der beiden Supermächte.

Der dritte Faktor beschreibt als Ursache die unterschiedliche Vermittlung von Wertevorstellungen und die damit verbundene Glaubwürdigkeit der ungleichen Weltanschauungen.

2.1. Kommunikativ

Ausgehend von seiner Theorie sieht Niklas Luhmann Macht als ein Kommunikationsmedium. Beide Akteure in einer Machtkonstellation haben verschiedene Handlungsoptionen, wobei allerdings ein Akteur den Gegenüber in seinem Handeln beeinflussen möchte und mittels Kommunikation ihn in seiner Selektion steuert. „Macht erbringt ihre Übertragungsleistung dadurch, dass sie die Selektion von Handlungen (oder Unterlassungen) angesichts anderer Möglichkeiten zu beeinflussen vermag. Sie ist größere Macht, wenn sie sich auch gegenüber attraktiven Alternativen des Handelns oder Unterlassens durchzusetzen vermag.“[3]

Diese Machtkonstellation Luhmanns lässt sich bei dem Prozess zum Ende des Ost-West-Konflikts anwenden.

Als erste Handlungsalternative stellte sich der Sowjetunion zu Beginn der 80iger Jahre die Machtsteigerung unilateral zu erreichen. Durch die intensiven Rüstungsanstrengungen und die Ankündigung der USA ein satellitengestütztes Verteidigungssystem (SDI - strategic defense initiative) aufzubauen, war das atomare Gleichgewicht bzw. die beiderseitige Zweitschlagsfähigkeit gefährdet. „Jetzt wird Gorbatschow mit einer aus seiner Sicht geringen Wachstumsrate, niedriger Arbeitsmoral und - am bedenklichsten – einem qualitativen Sprung in der westlichen Hochtechnologieentwicklung – vor allem in den USA und Japan – konfrontiert, was die Sowjets von militärischer Parität zurück zur Unterlegenheit zu führen droht.“[4]

Das Handeln der USA zwang die Sowjetunion zu agieren. Allerdings war der Selektionsspielraum begrenzt, so dass nach Luhmanns Theorie die Machtsteigerung eher auf der Seite der USA zu finden ist. Außerdem beschreibt Luhmann Macht als Abwesenheit von Zwang, denn Zwang ist für ihn immer mit Machtverlust gleichzusetzen. „Macht verliert ihre Funktion, doppelte Kontingenz zu überbrücken, in dem Maße, als sie sich dem Charakter von Zwang annähert. Zwang bedeutet Verzicht auf die Vorteile symbolischer Generalisierung und Verzicht darauf, die Selektivität des Partners zu steuern.“[5] Die USA übten demnach keinen Zwang aus, sondern grenzten die Handlungsspielräume der Sowjetunion mittels Machtausübung ein.

Daher gab es Bestrebungen der Sowjetunion externe Machtsteigerungen und Ausweitung des Einflussgebietes durch die Verschärfung des Ost-West-Konflikts zu erreichen. Beispiele dafür sind die direkten oder indirekten militärischen Interventionen in Ländern der Dritten Welt. Außerdem sollten durch Kooperationen mit dem Westen, z.B. durch wirtschaftliche Zusammenarbeit, eine bessere Versorgung der

Bevölkerung erreicht werden, um so nachlassender Zustimmung zu begegnen und interne Machtstrukturen zu sichern.

Diese Versuche der Machtsteigerung scheiterten aber folglich an den begrenzten Handlungsoptionen und an der technologischen Überlegenheit der westlichen Staaten im wirtschaftlichem und militärischem Bereich. Zum Beispiel missglückte das militärische Engagement der Sowjetunion u.a. in Angola und die angestrebte wirtschaftliche Kooperation mit den westlichen Staaten konnte die Unterlegenheit des sowjetischen Systems nicht beenden. Aufgrund des Scheiterns der ersten Handlungsoption offenbarte sich dann die als Alternative von Michael Gorbatschow ab Mitte der 80iger Jahre betriebene Politik. Sein Ziel war es durch Kooperation interne Machtstrukturen zu reformieren, dadurch zu konsolidieren und ein neues wettbewerbsfähigeres sozialistisches System zu installieren. Außerdem sollten externe Machtstrukturen durch Verhandlungen, Rüstungskontrollen und Abrüstung stabilisiert werden, um so die technologische Überlegenheit der USA zu umgehen. „In diesem Trend zu kooperativen, norm- und regelgesteuerten Vernetzungen, [...] könnte die Chance liegen, Macht und die Fähigkeit zur Machtprojektion (z.B. durch militärische Interventionen) zugunsten gewaltloser Formen der Konfliktbehandlung zurückzudrängen.“[6]

Die US-Administration hingegen agierte aus einer Position der Stärke. „Auf Drängen Reagans wurden in diese umfassende kooperativ-integrative Regulierung des Ost-West-Konflikts auch die regionalen Konflikte in Afghanistan, Kambodscha, Äthiopien Angola und Nicaragua und sogar die Menschenrechts- und Auswanderungsfrage einbezogen. Im Unterschied zur ersten Détente wurde nunmehr die integrale Methode konsequent angewendet.“[7] Hier zeigt sich wieder die Anwendbarkeit der von Luhmann formulierte Theorie. Im Zusammenhang mit der entstandenen Machtkonstellation konnten die USA den Handlungsspielraum der Sowjetunion eingrenzen und die Selektion der Handlungsoptionen der Sowjetunion in eine bestimmte Richtung lenken.

2.2. Instrumentell

Diesem Erklärungsmodell benennt die wirtschaftliche, technologische und militärische Überlegenheit der USA als ursächlich für das Ende des Ost-West-Konfliktes. „Das sowjetische System war insgesamt nicht in der Lage, den modernen Anforderungen im industriell-technischen Sektor sowie im Bereich der Information gerecht zu werden.“[8]

Die Verschiebung des Kräfteverhältnisses zugunsten der USA beinhaltete auch ein Zuwachs an Macht. Dazu zählen das Humankapital, natürliche Ressourcen und nicht zuletzt das produktivere, flexiblere und international vernetzte Wirtschaftssystem. Das System der Planwirtschaft offenbarte bei zunehmend veränderten Rahmenbedingungen des Weltwirtschaftssystems, seine Inflexibilität und Unterlegenheit. „Die sowjetische ökonomische Rückständigkeit und ihre wachsende technologische Unterlegenheit können nicht aufgefangen werden, wenn Moskau sich nicht an dieser Entwicklung beteiligt. Aber um diese Revolution optimal nutzen zu können, sind Dezentralisation, individuelle Initiative, und weitreichende Computerisierung notwendig. Unklar bleibt heute jedoch, ob Moskau sowohl diese technische Revolution steuern als auch zugleich das Regime aufrechterhalten kann.“[9]

Die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft und die damit verbundene Versorgungslage der Bevölkerung, war teilweise so schlecht, dass sich die Sowjetunion nicht vollständig selbst mit Nahrungsmitteln versorgen konnte und zeitweise von Getreidelieferungen aus den USA abhängig war. Nur im militärischen Bereich wurden teilweise Höchstleistungen erzielt, die jedoch unter Einbeziehung von betriebs- und volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht effizient waren. „Der verlorene Wettlauf auf dem Gebiet fortschrittlicher Technologien mit dem Westen und Japan verminderte die Militärmacht der Sowjets,versetzte sie immer weniger in die Lage, mit den hochtechnisierten Waffensystemen anderer Länder Schritt zu halten.“[10]

[...]


[1] Lemke, Christiane: Internationale Beziehungen, München, 2000, S. 142.

[2] Rittberger, Volker; Zürn, Michael: Transformation der Konflikte in den Ost-West-Beziehungen, in: PVS, Heft 3, Opladen, 1991, S. 401.

[3] Luhmann, Niklas: Macht, Stuttgart, 2003, S. 8-9.

[4] Burt, Richard: Wechselseitige Perzeptionen: Sowjetunion und USA, in: Heisenberg, Wolfgang; Lutz, Dieter (Hrsg.), Sicherheitspolitik kontrovers, Baden-Baden, 1987, S. 111.

[5] Luhmann, Niklas: Macht, Stuttgart, 2003, S. 9.

[6] Beck, Harald; Efinger, Manfred: Stand und Perspektiven der Regimeforschung in der Disziplin der Internationalen Beziehungen, in: PVS, Heft 3, Opladen, 1991, S. 667.

[7] Knapp, Manfred; Krell, Gert: Einführung in die internationale Politik, München, 1996, S. 259.

[8] Hubel, Helmut: Das Ende des Ost-West-Konfliktes, in: Ost-West-Beziehungen, Band 2, Hrsg.: Schmidt, Gustav, Bochum, 1993, S.10.

[9] Burt, Richard: Wechselseitige Perzeptionen: Sowjetunion und USA, in: Heisenberg, Wolfgang; Lutz, Dieter (Hrsg.), Sicherheitspolitik kontrovers, Baden-Baden, 1987, S. 116.

[10] Kennedy, Paul: In Vorbereitung auf das 21.Jahrhundert, Frankfurt/Main, 1993, S. 311.

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Details

Titel
Ende des Ost-West-Konflikts
Untertitel
Zusammenbruch als Ergebnis von symbolischer, kommunikativer, oder instrumenteller Macht?
Hochschule
Technische Universität Dresden
Veranstaltung
Macht und Gewalt
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V132110
ISBN (eBook)
9783640381531
ISBN (Buch)
9783640381685
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ende, Ost-West-Konflikts, Zusammenbruch, Ergebnis, Macht
Arbeit zitieren
MA Sven Sochorik (Autor), 2005, Ende des Ost-West-Konflikts , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132110

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