"sîn hirte ist ein wolf worden under sînen schâfen" - Die Papstkritik in den Opferstockstrophen Walthers von der Vogelweide


Zwischenprüfungsarbeit, 2009

25 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Person Walthers

3. Politische Lyrik
3.1. Spruchdichtung
3.2. Politische Lyrik
3.3. Abhängigkeitsverhältnis zwischen Dichter und Mäzen
3.4. Begrenzungen der politischen Lyrik

4. Walthers politische Lyrik
4.1. Thematisierung
4.2. Ziele
4.3. Einsatz von sprachlichen und stilistischen Mitteln

5. Der Unmutston
5.1. Entstehung, Aufbau und Thematisierung
5.2. Antiklerikale Sprüche
5.2.1. Papstkritik
5.2.2. Gut und Ehre
5.2.3. Innozenz und Gerbreht
5.2.4. Erste Opferstockstrophe
5.2.5. Zweite Opferstockstrophe

6. Fazit

7. Literaturnachweis

1. Einleitung

Walthers Sangspruchdichtung gehört im Rahmen der politischen Propaganda und Agitation zu einer der bedeutsamsten der mittelhochdeutschen Lyrik. Als literarischer Zeitzeuge gibt Walther von der Vogelweide in seinen Dichtungen Aufschluss über geistige und politische Strömungen zwischen 1198 und 1230, aber auch über sein Leben als fahrender Sänger.

Nachdem er den hochhöfischen Minnesang vollendet und überwunden hatte, übernahm Walther eine Vorreiterrolle als Spruchdichter, um unter anderem politische Konflikte in Europa, aber speziell im Deutschen Reich aufzugreifen.

Um Walthers Dichtung zu verstehen, muss man die historischen Hintergründe erschließen, in denen höfische Dichtung im Mittelalter entstand. Kein Text steht für sich allein; das politische und gesellschaftliche Gefüge der jeweiligen Zeit beeinflusst jedes literarische Werk. Deshalb sollte bei einer Analyse immer beachtet werden, in welcher Zeit der Text entstanden ist. In welchem historischen und gesellschaftlichen Kontext sind die Sprüche zu verstehen? Welche Stellung nimmt Walther darin ein und wie sehen die Bedingungen des mittelalterlichen Literaturbetriebs aus?

Es müssen theologische, philosophische, historische und rechtsgeschichtliche Fragestellungen einbezogen werden, um die Sangsprüche in ihrem historisch-politischen Umfeld einordnen zu können und auf eine mögliche Beeinflussung durch Interessen der Auftraggeber zu untersuchen.[1]

Ich werde in der vorliegenden Hausarbeit die politische Sangspruchdichtung Walthers anhand der ersten vier Strophen des Unmutstons untersuchen. Speziell in den beiden Opferstockstrophen übt Walther Kritik an Papst Innozenz III. aus.

Zu Beginn werde ich erschließen, wie sich die politische Lyrik in Form von Sangspruchdichtung des Mittelalters definiert und inwieweit sich die historischen und gesellschaftlichen Ereignisse zu Walthers Zeit in seinen Werken widerspiegeln. Inwieweit werden im Unmutston politische Aussagen getroffen? Ist es Walthers persönliche Meinung oder die des Volkes, oder handelt es sich um Auftragsdichtung? Wer könnte der Auftraggeber gewesen sein und lässt sich das Publikum eingrenzen?

Um die Motive der Sangspruchdichtung besser nachvollziehen zu können, sind ebenso die damaligen Einschränkungen der politischen Dichter zu beachten und aufzuzeigen. Wie gelingt es ihm, sich für seine politischen Botschaften in seiner Sangspruchdichtung zu legitimieren? Walther, der aus einer "sozial inferioren und daher akut gefährdeten Position heraus neben den in Auftrag gegebenen Anliegen hin und wieder auch seine persönlichen Interessen zum Ausdruck bringen will, etwa indem er sich in Sprachgestus und Ausdrucksschärfe gegenüber seinen Dichterkonkurrenten zu profilieren bemüht und (s)einen Gönner für sich einzunehmen versucht"[2], wendet Strategien an, sich für seine polemisch-agitatorischen Äußerungen zu rechtfertigen, da er als fahrender Sänger kein politisches Mitspracherecht besaß.

In der Analyse der vier Strophen möchte ich auf die Strategien eingehen, die Walther in seinen Sprüchen verwendet und diese zum Instrument schärfster politischer Aussagen machen. Es ist nötig, die Mittel zur Legitimation aufzuzeigen, die dem Dichter den Spagat zwischen propagandistischer Auftragsdichtung und künstlerischem Selbstverständnis gelingen lässt.

Ich werde mich in der Hausarbeit auf Schweikles Strophenreihenfolge beziehen und gegebenenfalls auf Lachmanns Ordnungsprinzip verweisen.

2. Die Person Walther

Forschungsergebnisse grenzen Walthers Lebzeiten auf 1170 bis 1230 ein. Seine Existenz kann aber nur durch seine Dichtung nachgewiesen werden. Es gibt neben seiner Lyrik lediglich ein Lebenszeugnis von ihm: eine Reiserechnung des Passauer Bischofs Wolfger von Erla aus dem Jahr 1203. Erst seit dem 19. Jahrhundert werden seine 800 Jahre alten Lieder und Sprüche in der wissenschaftlichen Forschung untersucht. In seiner dichterischen Wirkungszeit 1190 bis 1230 verfasste er 500 Strophen, darunter 140 Sprüche. Durch sie lässt sich anhand einer Wegskizze nachweisen, an welchen Fürsten-, König- und Kaiserhöfen sich Walther in Europa aufhielt. Es können aber nicht genaue Zeitpunkte abgesteckt, sondern nur Zeiträume eingegrenzt werden. Und auch nur die wenigsten Strophen lassen sich eindeutig klassifizieren und datieren. Seinen politischen Gedichte kann man oft ein genaues Datum und genaue Ortschaft der Handlung zuweisen, da sie von konkreten Ereignissen berichten.

Um 1200 fanden erstmals zeitgenössische politische Probleme Eingang in die Lyrik. Die adeligen und bürgerlichen Versdichtungen wurden dabei auf das künstlerische Niveau des Minnesangs angehoben und dort vereinigt. Walther begründete die höfische Form der Spruchdichtung (etablieren konnte er sie also nur am Hof). In seiner berufmäßigen Kunstausübung als Spruchsänger wirkte Walther durch seine Zeitkritik stilbildend, mit ihm beginnt die politische Dichtung in deutscher Sprache. Seine Spruchdichtung begann mit der sogenannten Hofwechselstrophe (II.1; L 19,29), die 1198 entstanden sein soll.[3]

Als fahrender Sänger gehörte Walther weder der weltlichen noch der geistlichen Führungsschicht an und da er seine dichterische Tätigkeit nicht als Nebenbeschäftigung, sondern als Existenzsicherung betrieb, war er auf einen Gönner angewiesen. Aber wie wurde Walther überhaupt zu einem fahrenden Berufsdichter?

1190 bis 1198 lebte und arbeitete er am Wiener Hof unter Herzog Friedrich dem Katholischen. Nach dessen Tod musste Walther den Hof verlassen und als fahrender Sänger bei verschiedenen Höfen die Gunst der Fürsten, Könige und Kaiser ersuchen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es sind Aufenthalte am Hofe des Staufers Phillips von Schwaben von 1200 bis 1203 zu verzeichnen, 1211 bis 1212 stand er vorübergehend im Dienst des Welfen Otto IV. Im Jahre 1212 wechselte er zurück auf die staufische Seite, wo er sich am Hofe Friedrichs II. zwischen 1213 und 1229 öfters aufhielt. Weitere Aufenthalte sind in Wien, Meißen, Bayern und am Hof des Thüringer Landgrafen nachgewiesen.

Seine Weltanschauung änderte und festigte sich in seiner Zeit als Wanderdichter und findet in den Sangspruchdichtungen ihren Ausdruck. Walther nutzte die Lyrik, um politische Informationen an die Öffentlichkeit zu transportieren und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Auseinandersetzung zwischen den Welfen, Staufern und der römischen Kurie.

1220 erhielt er von seinem Gönner Friedrich II. sein lang ersehntes Lehen, woraufhin er sein Wanderleben als "cantor"[4] formal aufgeben konnte.

3. Politische Sangspruchdichtung

3.1. Spruchdichtung

Die Gattungsbezeichnung geht auf Karl Simrock (1802 - 1876) zurück, der den Begriff Spruchdichtung im 19. Jahrhundert einführte als eine zusammenfassende Bezeichnung für mittelhochdeutsche Lieder und Gedichte, die sich thematisch und weitgehend formal vom Minnesang abgrenzen. Sie widmet sich in didaktischer Ausrichtung religiösen, politischen und ethisch-moralischen Themen sowie der Kritik an kirchlichen und weltlichen Zuständen. Fürstenpreis und -tadel, Totenklagen, Satire und Polemikerweitern das Repertoire der mittelhochdeutschen Sangspruchdichtung.[5]

Als eine Untergattung der mittelhochdeutschen Lyrik äußert sich die Sangspruchdichtung als realitätsbezogene Gebrauchslyrik, die vor einem Publikum, in Form von sangbaren Strophen und rezitativischen Vorträgen öffentlich inszeniert wurde. Der Redegestus der Spruchdichter ist zumeist implizit oder explizit appellativ. Es handelt sich also um eine "formal gesungene Lieddichtung in mittelhochdeutscher Sprache, inhaltlich Sangverslyrik, die nicht von den Themenbereichen Liebe/'Minne' thematisiert, sondern von Fragen der richtigen und falschen Lebensführung (Moral/Ethik), von der Problematik der Sängerexistenz, von Politik und Religion handelt."[6]

Teilweise vermischt sich Sangspruch jedoch mit Minnelyrik. Die literarisch-soziale Unterscheidung wird in den Sprüchen Walthers wie folgt aufgehoben: "Es kommt unter seiner Autorschaft zur Annäherung, Berührung und Mischung zwischen den Gattungen, im thematischen Bereich, wenn er in seine Minnelieder Gesellschaftskritik, in seine Sangspruchdichtung Minnelehre einbezieht, im formalen Bereich, wenn er in die Sangspruchdichtung das Prinzip mehrerer Töne und die moderne stollige Strophenform einführt und sie so auf das Niveau des Minnesangs hebt".[7]

Formal bilden die Strophen einer Dichtung den dôn, den ein einheitlicher Strophenbau und einheitlicher Rhythmus kennzeichnet. Die Strophen eines dôns können zwar thematisch zusammen passen, müssen aber nicht zwingend eine inhaltliche Geschlossenheit aufweisen.

Da sich die mittelalterliche, nicht-klerische Gesellschaft noch aus vielen Analphabeten zusammensetzte, bot sich besonders die Spruchdichtung durch ihre einprägsamen, kurzen Verse für politische Stellungnahmen an.

Die Sangspruchdichter nahmen die gesellschaftliche Position von Fahrenden niederer Herkunft ein, die ohne festen Wohnsitz und aus der Notwendigkeit des Broterwerbs umher zogen, immer auf der Suche nach einem milte -tätigen Gönner, unter dessen Auftrag er dichten konnte. Sangspruchdichtung ist also überwiegend Auftragskunst.

3.2. Politische Lyrik

Die politische Lyrik ist ihrerseits als subliterarische Gattung der Sangspruchdichtung anzusehen. "Unter 'politischer Lyrik' sollte man Texte subsumieren, die sich zum einen mit konkreten politischen Personen und Geschehnissen befassen (...), zum anderen von der Gesellschaft und der Welt in allgemeiner, abstrakter Form handeln (d.h. vom Zustand der Moral berichten, Lebensmaximen formulieren, Lehren weitergeben, Anklagen erheben)."[8]

Sie spiegelt also eine politische Situation wider, von der sowohl das Individuum als auch das Gemeinwesen und dessen Gesellschaftsstruktur betroffen ist. Jedoch hat jede Situation, in der der Mensch handelt und sich selbst und die Welt reflektiert, einen historisch-politischen Aspekt. Jedes soziale Handeln von politisch Handlungsberechtigten und Machtträgern war im mittelalterlichen Personenverbandsstaat politisch, da es die Ehre des Handelnden steigerte und damit seinen Status in der Gesellschaftsordnung sicherte.

Politische Lyrik möchte in einem bestimmten Raum, zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Kontext wirken. Sie engagiert sich, um die Zustände und Verhältnisse in der Gesellschaft zu verändern, in gesellschaftliche Entwicklungen einzugreifen. Der Dichter übernimmt diese Aufgabe, in dem er bestimmte, aktuelle Ereignisse, Probleme, Personen und Orte der weltlichen und geistlichen Macht in seinen Aussagen aufgreift und vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse thematisiert. Die Dichtung ist also dann politisch, "wenn sie in politische Belange 'willensbildend einzuwirken' sucht".[9]

[...]


[1] Vgl. Hohmann, Stefan: Friedenskonzepte. Die Thematik des Friedens in der deutschsprachigen politischen Lyrik des Mittelalters. Köln u.a.: Böhlau 1992, S. 8

[2] Hofmeister, Wernfried: Sprichwortartige Mikrotexte als literarische Medien, dargestellt an der hochdeutschen politischen Lyrik des Mittelalters. Bochum: Brockmeyer 1995, S. 497

[3] Vgl. Schweikle, Günther: Walther von der Vogelweide. Werke. Band 1: Spruchlyrik. Stuttgart: Reclam 1994, S. 344

[4] urkundliche Erwähnung in den Reisekosten des Passauer Bischofs Wolfger von Erla für den 12. November 1203 - “Walthero cantori de Vogelweide pro pellicio V solidos longos", in: Heinz, Friedrich: Alte Passauer in der deutschen Literaturgeschichte, S. 11

[5] Vgl. Schweikle, Günther & Irmgard: Metzler-Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen. 2., überarb. Aufl., Stuttgart: Metzler 1990, S. 440

[6] Müller, Ulrich: Walthers Sangspruchdichtung, in: Brunner, Horst: Walter von der Vogelweide. Epoche, Werk, Wirkung. München 1996, S. 137

[7] Hahn, Gerhard: Einleitung, in: Brunner, Horst: Walther von der Vogelweide, S. 16

[8] Bein, Thomas: Walther von der Vogelweide. Beiträge zu Produktion, Edition und Rezeption. Frankfurt am Main: Peter Lang 2002, S. 172

[9] Hohmann: Friedenskonzepte, S. 4

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
"sîn hirte ist ein wolf worden under sînen schâfen" - Die Papstkritik in den Opferstockstrophen Walthers von der Vogelweide
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Ältere deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Walther von der Vogelweide: Politische Lyrik
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V132115
ISBN (eBook)
9783640378463
ISBN (Buch)
9783640378869
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Walther von der Vogelweide, Politische Lyrik, Opferstockstrophen, Papstkritik, Innozenz III., Spruchdichtung, Unmutston, Innozenz und Gerbreht, Gut und Ehre, Erste Opferstockstrophe, Zweite Opferstockstrophe, Mittelhochdeutsche Lyrik, Sangspruchdichtung, Auftragsdichtung, Literatur um 1200, Berufsdichter, dôn, milte, Mäzenatentum, Propaganda, Agitation, Welfen, Staufer
Arbeit zitieren
Solveig Höchst (Autor), 2009, "sîn hirte ist ein wolf worden under sînen schâfen" - Die Papstkritik in den Opferstockstrophen Walthers von der Vogelweide, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132115

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