Kann Waldenfels dem Phänomen der Leiblichkeit innerhalb seiner Philosophie gerecht werden?


Hausarbeit, 2007
20 Seiten, Note: 1,7
Anonym

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung :

Erster Teil: Das Rätsel des Leibes
1. Der Leib als eigentümlicher Unruheherd
1.1. Das Phänomen der Leiblichkeit
1.2. Leibliche Erfahrung: Selbstbezug, Selbstentzug und Fremdbezug
2. Selbstverdopplungen: Der Leib zwischen Natur und Kultur
2.1. Personalistische und naturalistische Einstellung: fungierender Leib und Körperding

2.2. Performative und Konstative Einstellung
3. Eigenleib und Fremdkörper
3.1. Selbstbezug im Fremdbezug: Der Leib als Umschlagstelle

Zweiter Teil: Wird Waldenfels dem Phänomen der Leiblichkeit gerecht?
1. Das Solipsismusproblem
2. Das Positionsverhältnis von Leib und Umwelt
2. 1. Benötigt der Leib kulturelle Zuschreibungen, um sich selbst zu konstituieren?

2.2. Fasst sich das leibliche Selbst durch einen Fremd- bezug im Selbstbezug oder stellt Plessners Philosophie eine Alternative zum Verhältnis zwischen Leib und Umwelt dar?

3. Abschlussbetrachtung

Literatur:

Einleitung

Bernhard Waldenfels hat sich innerhalb seiner Philosophie intensiv mit dem Phänomen der Leiblichkeit auseinandergesetzt. Der Leib ist so Waldenfels eine Umschlagstelle, an der Natur und Kultur, Eigenes und Fremdes miteinander verschränkt sind. Erst in der Beziehung auf einen Anderen oder etwas in Welt, kann ich mich selbst fassen.

Thema dieser Hausarbeit ist es zu fragen, ob Waldenfels dem Phänomen der Leiblichkeit gerecht werden kann.

Hierfür ist die Hausarbeit in zwei Teile unterteilt. Der erste Teil dient der Rekonstruktion der Problematik der Leiblichkeit in Waldenfels Philosophie. Grundlage bilden die Bücher Sinnesschwellen und Das leibliche Selbst. Im zweiten Teil werden diese Annahmen zum Verständnis des Leibes diskutiert. Dabei sind drei zentrale Fragestellungen von Bedeutung. (1.) Stellt der Solipsismus ein Problem für Waldenfels Philosophie dar? (2.) Konstituiert sich der Leib erst vor dem Hintergrund kultureller Zuschreibungen? und (3.) Stellt Helmut Plessner Philosophie eines wechselseitigen Verhältnis zwischen Leib und Umwelt eine Alternative zu Waldenfels Auffassung vom Leib dar?

Erster Teil: Das Rätsel des Leibes

1. Der Leib als eigentümlicher Unruheherd

Der Leib wird im Gegensatz zum bloßen Körper als lebendig und beseelt gedacht. Gabriel Marcel und Helmut Plessner führten die Differenz von Leib und Körper in ihre philosophischen Analysen ein, indem sie von einem Leib, der ich bin, und einem Körper, den ich habe, ausgingen. Diese Differenz zwischen „Leib sein“ und „Körper haben“ bedeutet eine abgründige Zweideutigkeit unserer Existenz, die nie völlig durch ein Ganzes zu versöhnen ist.1

Waldenfels beschreibt in seinem Buch Sinnesschwellen den eigenen Leib als einen eigentümlichen Unruheherd, der uns zugleich fremd ist, als natürlicher Leib zwischen Natur und Kultur balanciert und als lebendiger Leib, in sich zugleich die Möglichkeit zu Tod und Erstarrung trägt. Die Unruhe kann verschiedene Ursachen haben. Der zentrale Aspekt besteht jedoch so Waldenfels:

in der eigentümlichen Selbstbezüglichkeit des Leibes, worin Nähe und Ferne und Vertrautheit und Fremdheit sich begegnen.2

Zur Rekonstruktion der Problematik der Leiblichkeit bei Waldenfels werde ich zunächst vor dem Hintergrund einer Phänomenologie der Leiblichkeit, die Begriffe Selbstbezug, Selbstentzug und Fremdbezug skizzieren. Im Selbstbezug ist auch schon immer ein Moment des Selbstentzugs enthalten- wie der eigene Blick in den Spiegel oder das Echo der eigenen Stimme. Dieser Selbstentzug macht uns bewusst, dass es kein reines Selbst gibt, dem kein Fremdes beigemischt ist.

1.1. Das Phänomen der Leiblichkeit

Bereits Husserl räumte dem Phänomen der Leiblichkeit in seiner phänomenologischen Philosophie einen zentralen Stellenwert ein. Er betrachtet es als ein Grundphänomen, das an dem Sichzeigen aller anderen Phänomene beteiligt ist und sich selbst zugleich auf verschiedene Weise darstellt. Husserl schreibt in der V. Cartesianischen Meditation:

Wahrnehmend tätig erfahre ich (oder kann ich erfahren) alle Natur, darunter die eigene Leiblichkeit, die darin also auf sich selbst zurückbezogen ist.3

Er hat dabei die leibliche Doppelempfindung der Selbstberührung im Sinn, wo „ fungierendes Organ zum Objekt und Objekt zum fungierenden Organ werden muss“ und gleichzeitig denkt er an die praktische Behandlung der Natur, zu der auch die Selbstbehandlung des eigenen Leibes gehört. Die Eigenheit des Leibes rückt hier in den Mittelpunkt, da meine Erfahrung „ des Leibes“ (genitivius obiectivus) mit der Selbstbeziehung „des Leibes“ (genitivus subjectivus) auf diese Weise zusammengeht, dass weder eine reine Subjektbeziehung noch eine Objektbeziehung noch eine Synthese beider Erfahrungen dabei herausspringt. Die gängigen Schemata geraten bei der Betrachtung des Phänomens der Leiblichkeit durcheinander. Husserl schreibt an einer anderen Stelle dazu:

Derselbe Leib, der mir als Mittel aller Wahrnehmung dient, steht mir bei der Wahrnehmung seiner selbst im Wege und ist ein merkwürdig unvollkommen konstituiertes Ding.4

Der Leib erscheint gleichzeitig als dienendes Organ und als ein Hindernis. Er steht dem Selbst bei der Wahrnehmung seiner selbst im Weg. Wie in Rimbauds bekannten Ausspruch: „ Je es un autre“ ist das Ich nicht verschwunden, es wird ihm jedoch von einem anderem gleichsam das Wort aus dem Mund, den Blick aus den Augen genommen. Wer ist dieses X, das auf sich selbst bezogen ist? Es ist weder ohne das Ich, noch ist es selbst das Ich, es ist weder ein ichloser Körper noch ein leibloses Ich, das sich nicht bei der Wahrnehmung seiner selbst im Wege stehen würde. Es ist nicht die Seele, die sich den Leib zu Nutzen macht, um zu sehen. Es ist aber umgekehrt auch nicht das bloße Auge, das sieht, denn das was sieht ist ein gedankenfähiges Auge.5

1.2. Leibliche Erfahrung: Selbstbezug, Selbstentzug und Fremdbezug

Beim Selbstbezug wird der Versuch unternommen, den Leib von sich selbst aus zu denken. Die Besonderheit des Leibes liegt darin, dass er auf sich selbst bezogen ist. Der Schmerz ist ein Beispiel dafür, dass ich mich selbst empfinde, ebenso ist die Bewegung ein Beispiel dafür. Hier wird das Selbst noch vor der Unterscheidung in jemanden, der erfährt, und in etwas, das erfährt in Betracht gezogen. Man kann die Äußerung „ Jemand betrachtet etwas“ in die Bestandteile „ jemand“ und das Objekt „etwas“ aufgliedern. Eine Person erfährt etwas, nimmt etwas wahr oder hört etwas. Der Selbstbezug geschieht jedoch vor der Unterscheidung, in ein etwas, welches wahrgenommen wird, und jemand, der wahrnimmt. Genau dass hat die betreffende Person im Sinn, wenn sie sagt, dass sie sich im Spiegel wahrnimmt oder ihren Gesang auf ein Tonband aufnimmt. Denn es reicht nicht aus zu sagen: „Da ist jemand, der wahrnimmt.“, weil ich mich selber im Spiegel betrachte oder mich sprechen höre.6

Waldenfels hält den zweiten Gesichtspunkt für wichtig, jedoch weist er auch gleichzeitig auf die Gefahr hin, wenn der Leib auf ein affektives Subjekt beschränkt wird. Man würde dann das Cogito von Descartes auf eine affektive Ebene verlagern. Denn wenn man den Leib ausschließlich von sich aus betrachtet, so stünde er- cartesianisch gesagt- für ein sentio. Dem „ich denke“ würde ein „ich empfinde mich“ entsprechen. Jedoch ist beides nicht dasselbe, obwohl man auch bei Descartes denkend vollzogene Empfindungen findet. Denn wenn man das cogito in einen ursprünglichen Bereich des Selbstempfindens verlagern würde, so bliebe der Primat des Selbst ausschließlich von seiner Eigenheitssphäre umgeben.7

Der Selbstbezug hat auch gleichzeitig immer einen Moment des Selbstentzugs. Man stelle sich einen Spiegel vor: der Spiegel bedeutet nie, dass ich meinen Blick ganz erfasse, sondern, dass ich mich im Spiegel überrasche und mich darin als Anderen entdecke und so mich beständig selbst entziehe. Genauso verhält es sich, wenn ich mich bewege. Bewegungen entgleiten mir und haben stets etwas mit Fallen zu tun. Denn sie entziehen sich mir. Man stellt sich nur die Momente vor, in denen man träge und müde ist. Die Bewegung sich sozusagen verselbstständigt und etwas seiner Schwerkraft folgt. In all diesen Fällen bin ich als Selbst beteiligt, jedoch mir gleichzeitig auch entzogen. Das „ Sich- Selbst- Entziehen“ besagt auch, dass ich mir immer fremd bin, ob es beim Blick in den Spiegel ist, beim Hören der eigenen Stimme auf einem Tonband oder in der Beschwingtheit der eigenen Bewegung. Fremdheit wäre kein Überraschungseffekt, wie bei Descartes, bei dem ich an einem Tisch sitze, plötzlich Wesen vorbei gingen, die ähnliches wie ich tun und daher sich als meine Mitmenschen entpuppten. Vielmehr würde Fremdheit in mir als auch die Fremdheit der Anderen bedeuten, dass ich stets im Blickfeld der Anderen lebe. Die Anderen träten nicht zusätzlich in mein Blickfeld ein, sondern ich gehöre mir nie ganz selbst. Dies wird bei der Namensgebung deutlich, denn indem ich auf meinen Namen höre, ist ein Bezug auf Andere schon mitgegeben, der von reinem Selbst absieht.8

2. Selbstverdopplungen: Der Leib zwischen Natur und Kultur

Wenn der Leib aus einem Guss wäre und er wie angegossen säße, so stünde er außer Frage. Alle Fragen, die ihn überfallen würden, kämen von außen, sei es Krankheiten, Unfälle und der Tod. Doch die Doppelspiele, von denen wir leibliche Wesen immer wieder aus der Ruhe gebracht werden, drücken etwas Anderes aus. Denn die Unruhe sitzt im Inneren, und befällt uns auch nicht nur ab und zu von außen her.

Verdopplungen sind vergleichsweise harmlos solange ihnen etwas Allgemeines oder zumindest ein Selbst zugrunde liegt. Erst die Selbstverdopplung bei der das, was sich unterscheidet, von vorneherein, von dem durchsetzt ist, wovon es sich unterscheidet, wird zu einem radikalen Fall. Der Leib ist ein solch extremer Fall. Waldenfels schreibt dazu folgendes:

[...]


1 Vgl. Wadenfels, B., „ Das Fremde im Eigenen“, in: e- Journal Philosophie der Psychologie, S. 2, 2006

2 Vgl. Waldenfels, B., Sinnesschwellen, S.17

3 Husserl, E., V. Cartesianischen Meditation, Hua, Bd.1, S.128

4 Husserl, E., V. Cartesianischen Meditation, Hua, Bd.IV, S.159

5 Vgl. Waldenfels, B., Sinnesschwellen, S. 17ff.

6 Vgl. Waldenfels, Das leibliche Selbst, S. 43

7 Vgl. Waldenfels, Das leibliche Selbst, S.43

8 Vgl. Waldenfels, Das leibliche Selbst, S. 44

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Kann Waldenfels dem Phänomen der Leiblichkeit innerhalb seiner Philosophie gerecht werden?
Hochschule
Universität Potsdam  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Phänomenologie des Fremden
Note
1,7
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V133832
ISBN (Buch)
9783640407934
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kann, Waldenfels, Phänomen, Leiblichkeit, Philosophie
Arbeit zitieren
Anonym, 2007, Kann Waldenfels dem Phänomen der Leiblichkeit innerhalb seiner Philosophie gerecht werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133832

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