Kultur und Nation

Vom Mythos der deutschen Kulturnation zu einer integrativen Kulturpolitik


Magisterarbeit, 2009

110 Seiten, Note: 1,3

Paul Trachmann (Autor)


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

TEIL I DIE KULTURNATION ALS GEDACHTE ORDNUNG
A. Zur Genealogie des Nationenbegriffs
B. Westeuropäische Nationenbildung bis zur frühen Neuzeit
C. Die deutsche Kulturnation als transpolitische Idee
D. Kultur und deutscher Nationalismus

TEIL II DIE NATION ALS ZIVILGESELLSCHAFTLICHER VERTRAG
A. Über Multikulturalismus und deutsche Leitkultur
B. Kooperation in der offenen Gesellschaft
C. Die Zivilgesellschaft als Ort der Integration
D. Über die Bedeutung Sozialen Kapitals

TEIL III AKTIVIERENDE KULTURPOLITIK
A. Paradigmen deutscher Kulturpolitik
B. Aktivierende Kulturpolitik und ihre Handlungsfelder
B.I Kulturelle Bildung
B.II Kulturelle Infrastruktur
B.III Ordnungspolitik
C. Kooperativer Kulturföderalismus im geeinten Europa

NACHWORT

LITERATUR

EINLEITUNG

Nähert man sich dem Münchner Prinzregententheater, so fällt einem hoch über dem Eingang die Inschrift des Portikus ins Auge. In goldenen Lettern prangt dort der Wahlspruch des Theaters: DER DEUTSCHEN KUNST.[1] Der Besucher mag stutzen. „Was ist denn deutsche Kunst“, wird er sich fragen. Und warum ist das Haus gerade der deutschen und nicht etwa der Kunst schlechthin gewidmet?[2] Das Prinzregententheater stellt mit seiner Losung durchaus keinen Einzelfall dar. Viele Kulturinstitutionen in Deutschland tragen heute den Zusatz „deutsch“ oder „national“ im Namen: Die Neue Nationalgalerie in Berlin, das Mannheimer Nationaltheater, das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, die Deutsche Oper am Rhein – handelt es sich hier bloß um wohlklingende Titulierungen aus vergangenen Tagen? Oder sind diese Namen nicht vielmehr Ausdruck eines bestimmten, historisch gewachsenen Verständnisses von Nationalität?

Äußern sich deutsche Politiker zum Verhältnis von Kultur und Nation, so vertreten sie in vielen Fällen die Ansicht, das eine sei die Grundlage des anderen. Bundespräsident Horst Köhler nahm kürzlich anlässlich des Tages der Deutschen Einheit zu diesem Thema Stellung. Die Feierlichkeiten fanden im Jahr 2008 unter dem Motto „Kulturnation Deutschland“ statt. Der Bundespräsident betonte in seiner Festrede mehrfach die für die nationale Einheit konstitutive Bedeutung von Kultur.[3] Kultur biete „Orientierung, Maßstäbe für Qualität, sogar Trost.“ Sie sei ein Speicher an Erinnerungen, Erfahrungen und Gelerntem. Kultur sei das, was uns Deutsche gemeinsam bestimme. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ist der Überzeugung, Kunst und Kultur dokumentierten die Zusammengehörigkeit unserer Gesellschaft. Sie seien „das einigende Band für unser Deutschland“[4]: „Deshalb sprechen wir auch nicht umsonst von der Kulturnation Deutschland“, so die Kanzlerin. Ohne jedes Politikerwort gleich auf die Goldwaage legen zu wollen, drängt sich doch die Frage auf, was denn eigentlich mit dem Ausdruck Deutsche Kulturnation gemeint ist. Welches politische Denken liegt dieser Begrifflichkeit zu Grunde?

Streng genommen reicht die Begriffsgeschichte der Kulturnation gerade einmal hundert Jahre zurück. Der Berliner Historiker Friedrich Meinecke traf in seinem 1908 veröffentlichten Werk „Weltbürgertum und Nationalstaat“ die noch heute etablierte Unterscheidung zwischen „Kultur-“ und „Staatsnationen“. Während sich die deutsche Nation nach Meinecke auf „gemeinsam erlebten Kulturbesitz“ gründet, beruht die französische Nation „auf der vereinigenden Kraft einer gemeinsamen politischen Verfassung.“[5] Fasst man den Begriff Kulturnation weiter – als die Identifikation von politischer und kultureller Gemeinschaft – so finden sich Nachweise dieses politischen Denkens bereits im antiken Griechenland. Der Polis diente ein gemeinsamer Kult als konstitutives Element öffentlichen Zusammenlebens.[6] Platon begriff Kultur und Religion als Instrumente öffentlicher Erziehung.[7] In seinen Nomoi empfiehlt er, die Bürger sollten sich bei kollektiven Opfer-Ritualen untereinander bekannt machen und ihre Gemeinschaft festigen. Ihm zufolge gründete sich die Einheit der Polis auf religiöse und kulturelle Identität.

In welchem Zusammenhang stehen Nationalstaat und kulturelle Identität im heutigen Deutschland? Diese Frage ist vor dem Hintergrund zunehmender Migration eine höchst relevante. Ausgehend von Bassam Tibis im Jahr 1998 erschienenen Publikation „Europa ohne Identität. Die Krise der multikulturellen Gesellschaft“[8] hat sich hierzulande eine gesamtgesellschaftliche Debatte entfacht, die im Begriff Leitkultur ihren streitbaren Titel fand. Anfangs oszillierten die Beiträge zumeist zwischen Provokation und Hysterie. Jörg Schönbohm, brandenburgischer Innenminister und Verfechter deutschnationaler Leitkultur, polterte im Spiegel: "Wir dürfen nicht zulassen, dass die Basis dieser [deutschen, Anm. d. A.] Gemeinsamkeit von Ausländern zerstört wird.“[9] Kritiker verkürzten die Diskussion dagegen nicht selten auf die Frage nach der Korrektness des Begriffs Leitkultur. So warnte etwa die ehemalige Grünen-Chefin Claudia Roth im Deutschlandradio: "Wenn ich deutsche Leitkultur höre, Patriotismus und Vaterland - dann hat das etwas sehr, sehr Ausgrenzendes und nicht Integratives."[10] Zwar wurden in der Debatte mittlerweile auch sachlichere Ergebnisse erbracht,[11] selten wurde dabei allerdings ernsthaft die Frage gestellt, welche Ursachen denn dazu führten, dass gerade in der Tradition deutschen politischen Denkens Kultur und Nation üblicherweise als Einheit begriffen werden.[12]

Ziel des ersten Teils dieser Magisterarbeit wird sein, die Ideengeschichte der deutschen Kulturnation zu rekonstruieren und die Rolle der Kultur im deutschen Nationalismus zu verdeutlichen. Anhand des Begriffs der imagined community (Anderson) wird gezeigt werden, dass die Nation als gedachte Ordnung konventionellen Ursprungs ist. Dies äußert sich zum Beispiel in der Differenz des deutschen und französischen Nationenbegriffs. Ausgelöst durch die politischen Umbrüche des 18. Jahrhunderts schied sich im französischen politischen Denken das Demos vom vorpolitischen Ethnos (Francis). Die Verfassung wurde damit zur Grundlage demokratischer Nationalität. Die Bevölkerung deutscher Lande kompensierte ihr Defizit politischer Mitbestimmungsrechte und territorialer Geschlossenheit in einer – im Vergleich zu England oder Frankreich – späten kulturellen Einigung. War der Gedanke der deutschen Kulturnation bei Schiller und Novalis noch verbunden mit der Hoffnung auf eine bessere, menschlichere Zukunft, so vollzog sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine geistige Kehrtwende, nach der nunmehr die rückwärtsgewandte mythische Verklärung germanisch-deutscher Kulturwerte zum Leitmotiv der nationalen Einigung wurde. Anhand von Johann Gottlieb Fichtes Werk wird zu belegen sein, wie sich mit dem Einmarsch Napoleons die kulturelle Einigung vom universalistischen Projekt deutscher Romantiker innerhalb von kürzester Zeit zu einem chauvinistischen Kulturnationalismus verkehrte.

Der demokratische deutsche Nationalstaat – so die These des zweiten Teils – kann seine Legitimation heute weder in seiner Geschichte, noch in kollektiven Identitäten, sondern alleine im Zusammenschluss seiner Bürger erfahren. Das vertragsartige Übereinkommen der Bürgerschaft drückt sich demzufolge sowohl in der gemeinsamen Verfassung als vor allem auch in der Praxis zivilgesellschaftlichen Lebens aus. Der deutsche Staatsbürger sollte sich und seine Mitbürger als Glieder einer offenen Gesellschaft (Karl R. Popper) verstehen, die nicht auf vorpolitischer Identität, sondern auf reziproker Anerkennung menschlicher Rechte und Bereitschaft zur wechselseitigen Kooperation gründet. Voraussetzung zivilgesellschaftlicher Kooperation – und damit soll ein dritter Weg zwischen Leitkultur und Multikulturalismus beschritten werden – ist die allgemeine Verständigung über einen „dünnen“ normativen Konsens, der seine notwendige Zustimmung in der Alltagspraxis bürgerschaftlichen Lebens findet (Rawls, Nida-Rümelin).[13] Da der freiheitlich-demokratische Staat die notwendige „moralische Substanz“ der Gesellschaft nicht garantieren kann (Böckenförde), bedarf es Foren zivilgesellschaftlicher Kooperation, in denen sich Bürger über die Grenzen ihrer kulturellen, religiösen oder ethnischen Gemeinschaften hinweg über allgemein verbindliche Regeln des Zusammenlebens verständigen können. Zivilgesellschaftliche Kooperation zu fördern und zu erhalten – das ist demnach zentraler Auftrag des demokratischen Staates.

Welche kulturpolitischen Handlungsmöglichkeiten stehen dem demokratischen deutschen Nationalstaat zur Verfügung, um diesen Auftrag zu erfüllen? – Der Frage geht der dritte Teil dieser Arbeit nach. Zunächst sollen zur Klärung des Sachverhalts einige Grundparadigmen deutscher Kulturpolitik vorgestellt werden, um dann in geistiger Anknüpfung an die neue Kulturpolitik der 1970er Jahre eine genauere Vorstellung von aktivierender Kulturpolitik (Sievers, Scheytt) zu gewinnen. Kulturpolitik soll im Rahmen dieser politikwissenschaftlichen Arbeit in erster Linie als integrative Gesellschaftspolitik begriffen werden. Anhand der Aufgabenbereiche kulturelle Bildung, kulturelle Infrastruktur und Ordnungspolitik wird zu zeigen sein, dass gerade der Kulturpolitik wirksame Mittel zur Verfügung stehen, um die hier intendierte Stärkung zivilgesellschaftlicher Kooperation zu ermöglichen. Entsprechend des Titels dieser Arbeit soll zuletzt die Frage gestellt werden, welche Bedeutung gerade der bundesdeutschen, nationalen Kulturpolitik in einem heute zunehmend politisch integrierten Europa zukommt. Dabei sollen Wege aufgezeigt werden, die zum Ziele eines kooperativen europäischen Kulturföderalismus beschritten werden können.

Der Anspruch dieser Arbeit besteht nicht darin, vollkommen unbekannte Thesen zu präsentieren. Insbesondere die Themengebiete der ersten beiden Teile „Der Mythos der deutschen Kulturnation“ und „Der Nationalstaat als zivilgesellschaftlicher Vertrag“ wurden in zahlreichen Publikationen für sich genommen ausführlicher bearbeitet, als dies im Rahmen einer Magisterarbeit möglich gewesen wäre.[14] Auch das Konzept aktivierender Kulturpolitik ist keineswegs ein völlig neues, sondern orientiert sich an aktuellen Publikationen deutscher Kulturpolitiker.[15] Die Herausforderung der Arbeit bestand darin, das Verhältnis von Kultur und Nation nicht in disziplinärer Trennung ideengeschichtlich, demokratietheoretisch oder systemisch zu untersuchen, sondern unterschiedliche abstrakte Überlegungen zum Thema auf stringente Weise so darzustellen, dass sie sich in möglichst konkrete Handlungsziele deutscher Kulturpolitik übersetzen lassen. Ob dies gelungen ist, darf der Leser im Folgenden selbst beurteilen.

TEIL I DIE KULTURNATION ALS GEDACHTE ORDNUNG

Um heute begründete Aussagen über angemessenes politisches Handeln treffen zu können, bedarf es nicht nur der Reflexion aktueller politisch-sozialer Wirklichkeit, sondern ebenso sehr der kritischen Auseinandersetzung mit tradierten, weiterhin wirksamen politischen Ideen. Der folgende erste Teil dieser Arbeit soll eine pointierte Darstellung der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Gedankens der „deutschen Kulturnation“ leisten. Damit wird zur aktuellen Diskussion um eine Neudefinierung deutscher Nationalität hingeführt werden.

A. Zur Genealogie des Nationenbegriffs

Zunächst einige einleitende Worte zur Etymologie des Begriffes Nation. Die Geburtsgöttin natio stellte namentlich einen lateinischen Traditionsbegriff dar, der in der römischen Antike die Geburt als Unterscheidungsmerkmal von Gruppen bezeichnete.[16] Der Begriff stand in semantischer Nähe zu gens und populus, grenzte sich aber ab von civitas. Nationes wurden in der Antike unzivilisierte Völkerschaften genannt, die nicht als politische Verbände organisiert waren. Dem entspricht im Deutschen etwa der Begriff der Eingeborenen. Auch im Mittelalter verstand man unter Nation eine Völkerschaft, Abstammung oder ähnliches.[17] So wurden im Spätmittelalter an oberitalienischen Universitäten die Studenten nach Nationen eingeteilt. Die Nationalität der Studenten entsprach ihrer Herkunft, sie bildeten also eine Art Landsmannschaft.

Zu Beginn der Neuzeit änderte sich die Bedeutung des Begriffes. Martin Luther wandte sich 1520 an die „deutsche Nation, Bischoff und Fursten“ und forderte sie auf „das volck das yhm befohlen ist“ vor den Gelderhebungen des Papstes zu schützen.[18] Luther verstand unter der Nation den Verband geistlicher und weltlicher Fürstentümer. Die Nation galt dem frühneuzeitlichen Sprachgebrauch nach als Träger politischer Souveränität. Die Stände repräsentierten gegenüber dem König die Nation.[19] Bei Montesquieu heißt es im Geist der Gesetze: „la nation, c’est-à-dire les seigneurs et les évêques.“[20] Zunächst konkurrierte diese Definition noch mit dem klassischen Verständnis von der Nation als Abstammungsgemeinschaft. So heißt es bei Kant: „Diejenige Menge oder auch der Teil derselben, welcher sich durch gemeinschaftliche Abstammung für vereinigt zu einem bürgerlichen Ganzen erkennt, heißt Nation (gens).“[21] Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurde Nation aber sukzessive zu einem rein politischen Begriff, der sich länderspezifisch in eigener Weise differenzierte.

Der Soziologe Emerich Francis unterscheidet zwei begriffliche Verwendungen des Nationenbegriffs. Vor dem Hintergrund der politischen Umbrüche im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts entstand die Auffassung von der Nation als Staatsnation. Wollten in der vorrevolutionären, feudalen Zeit konservative Politiker den König zusammen mit dem Adel als Nation verstanden wissen, so schlossen ihre aufgeklärten politischen Gegenspieler eben jene begrifflich aus. Die Nation umfasste revolutionärem Verständnis nach sowohl das aufstrebende Bürgertum als auch das gemeine Volk.[22] Die mit der französischen Revolution erkämpfte Ausdehnung demokratischer Freiheiten und des Wahlrechts konsolidierten die demokratische Lesart des Begriffes.

Es lässt sich demnach von einer grundlegenden Begriffsumdeutung sprechen. Erklärte noch Ludwig XIV: „Der König vertritt die ganze Nation; alle Macht ist in seinen Händen ... Die Nation bildet in Frankreich keine Körperschaft, sie wohnt ausschließlich in der Person des Königs“[23], so entwickelte sich in Vorwegnahme der veränderten politischen Wirklichkeit ein neues Begriffsverständnis. Die Nation wird seither französischer Denktradition nach als Staatsnation aufgefasst, in der die Gebietsbevölkerung im Staat den Ausdruck ihres kollektiven politischen Willens findet.[24] Ernest Renan beantwortet denn in seiner berühmten Rede „Qu’ est-ce qu’ une nation?“ gleich lautende Frage mit: „L’existence d’une nation est ... un plébiscite de tous les jours“[25] Die Nation stellt in diesem Sinne einen Vertragsschluss zwischen entscheidungsfähigen, freien und gleichen Individuen dar. Nicht die gemeinsame Abstammung stiftet nationale Identität, sondern die Zustimmung zu einem verfassungsmäßig normierten Gesellschaftsvertrag. Emerich Francis drückt dies in der begrifflichen Scheidung von Ethnos – als Abstammungsgemeinschaft – und Demos – als politischer Gemeinschaft – aus. Demzufolge bedarf zwar auch die republikanische Nation eines Volkes als politischem Souverän. Das Volk tritt hier aber als Demos, nicht als ethnische Abstammungsgemeinschaft in Erscheinung. Die republikanische Nation erfordert diesem aufgeklärten, republikanischen Denken nach keine ethnische Homogenität. Ergo ergibt sich die Außenabgrenzung des Nationalstaats unabhängig davon, ob außerhalb der Staatsgrenzen Menschen leben, mit denen die Mehrheit des Staatsvolks gemeinsame ethnische oder kulturelle Wurzeln verbindet.[26] Zwar soll hier keineswegs behauptet werden, dass nicht gewisse ethnische oder kulturelle Homogenitäten die Nationenbildung positiv beeinflussen können. Ebenso wenig soll die historische Tatsache geleugnet werden, dass auch das postrevolutionäre Frankreich Territorialkriege begonnen und kulturelle Assimilierung forciert hat. Dennoch gilt es festzuhalten, dass sich mit den geistigen Bewegungen der französischen Revolution eine ideengeschichtliche Entwicklung vollzog, in dem das Demos zur Grundlage von Nationalität wurde. Dieses aufgeklärte, jakobinische Verständnis grenzt sich sowohl vom klassisch römischen, als auch vom feudal-absolutistischen Denken ab.[27] Emerich Francis konstatiert dazu:

„Volk, Nation, Staat, Gesellschaft, dazu noch Vaterland und Bürgerschaft (citoyens) sind Denkkategorien, die mit ständig wechselnden Sinngehalten und nicht selten unter Vertauschung der Wortsymbole dem Bemühen dienen, eine aus den Wirren der Revolution neu erstehende politische Ordnung geistig zu bewältigen. Zugleich werden mit ihrer Hilfe neue Loyalitäten hergestellt, aber auch neue Herrschaftsverhältnisse gerechtfertigt und legitimiert. Erst allmählich tritt mit der relativen Konsolidierung der politischen Wirklichkeit auch eine gewisse Verfestigung der Denkkategorien und eine terminologische Präzisierung ein.“[28]

Francis prägte den korrespondierenden Begriff der Gedachten Ordnung.[29] Oder anders formuliert durch Benedict Anderson: Die Nation bleibt immer eine imagined Community.[30] Die Nation ist in diesem Sinne nicht als naturwüchsige Ordnung aufzufassen. Sie ist vielmehr über die Zeit hin veränderlich und an die realen Machtkonstellationen der geschichtlichen Entwicklung anpassungsfähig.[31] Als erstes Ergebnis soll darum festgehalten werden, dass die Nation nicht als statischer Begriff zu fassen ist.[32]

Die Vorstellung dessen, was Nation sein soll, hat direkte politische Konsequenzen. Ebenso hat die politische Wirklichkeit Konsequenzen für die Begriffsbildung. Diese engen Wechselwirkungen zu beleuchten soll Zielsetzung des ersten Teils der Arbeit sein. Im Folgenden wird daher nicht bloß eine Rekonstruktion des deutschen Nationalisierungsprozesses angestrebt, sondern vor allem auch eine Darstellung der Zusammenhänge zwischen eben jenem und den ideengeschichtlichen Bewegungen der Zeit. Mit Hilfe dieser Vorgehensweise soll aufgedeckt werden, warum gerade in Deutschland Nationalität in engem Zusammenhang mit kultureller Identität gedacht wird.

B. Westeuropäische Nationenbildung bis zur frühen Neuzeit

Dokumentierte das letzte Kapitel die Genealogie des Begriffes Nation, so wird nun der europäische Nationenbildungsprozess in Spätmittelalter und früher Neuzeit Thema sein. Exkurse zur englischen und französischen Nationalgeschichte sollen es ermöglichen, den gedanklichen Horizont der deutschen Nationenbildung zu erschließen. Europäische Nationenbildung reduziert sich freilich nicht auf Westeuropa. Süd- oder osteuropäische Staaten wie Polen, Tschechien, Russland oder Griechenland weisen völlig andere Nationalgeschichten auf als Frankreich oder England. Dadurch ergeben sich auch andere Vergleichsmöglichkeiten im Bezug auf die deutsche Nationalgeschichte. Der Leser mag sich also fragen warum hier – wie so häufig – die Nationalgeschichte Frankreichs und Englands als Maßstab der deutschen Nationenbildung herangezogen wird. Ziel dieses ersten, geistesgeschichtlichen Teils der Arbeit ist die Hinführung zur Diskussion um das heutige Verhältnis zwischen Kultur und Deutscher Nation. Für diese Auseinandersetzung wird es weniger von Belang sein, in welchem tatsächlichen historischen Verhältnis die deutsche Nationenbildung zu anderen europäischen Ländern stand. Höchst relevant erscheinen hingegen die gedanklichen Orientierungspunkte der deutschen Nationenbildung – und in dieser Hinsicht waren England und Frankreich von entscheidender Bedeutung.[33] Auch die Frage ob man einen „deutschen Sonderweg“ ging, oder ob Deutschland eine „verspätete Nation“ darstellt, ist hier nicht in erster Linie als historisches Faktum, sondern als kollektive Überzeugung von Interesse. Derartige Überzeugungen ergeben sich freilich nicht losgelöst von der historischen Wirklichkeit.

Gemessen an Frankreich und England – das sei schon an dieser Stelle gesagt – kamen die Deutschen spät dazu, sich selbst als Deutsche zu verstehen[34] Die Tatsache, dass es so etwas wie einen deutschen Stamm niemals gegeben hat, kann als Hauptursache dieser „Verspätung“ angesehen werden. Es gab vielmehr eine Fülle von Stammesherzogtümern, die im neunten Jahrhundert durch den Zerfall des Karolingischen Reichs aus den ostrheinischen Verwaltungsbezirken Karls des Großen hervorgegangen waren.

Mit der Kaiserkrönung Ottos I. trat im Jahr 962 das ottonische Königshaus in die Tradition Karls. Das Römische Reich wurde damit ostfränkisch fortgeführt. Da sich zur Bezeichnung der westlichen Nachbarn bereits der Begriff Franken eingebürgert hatte, etablierte sich im 11. Jahrhundert die Bezeichnung Regnum Teutonicum, Reich der Deutschen.[35] Trotz der vermehrten Verwendung des Begriffes teutonisch, blieb die Idee des Reiches stärker als die der deutschen Nation.[36] Die politischen Symbole jener Zeit, die Heilige Lanze, die Reichskrone, der Reichsthron Karls des Großen im Aachener Dom, richteten sich auf das Reich, nicht auf das Königtum.[37] Das Heilige Römische Reich aber war kein Vaterland, sondern ein politischer Flickenteppich in dem sich rivalisierende Dynastien, verschiedene Idiome und Traditionen verbanden. Diese innere Gegensätzlichkeit drückte sich sprachlich in dem seit dem 15. Jahrhundert gebräuchlichen Namens-Zusatz Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation aus. Hagen Schulze bemerkt dazu treffend, das Römische wolle ebenso wenig zum Deutschen passen, wie das Reich zur Nation. So widersprüchlich sich der Name des Reiches darstellt, so unkonturiert präsentiert sich auch das politische Zentrum. Schulze zitiert dazu folgende Anekdote:

„1782 berichtete der russische Gesandte im Reich, Graf Rumjantzeff, Kaiser Joseph II. habe ihn gefragt, weshalb er seine Residenz in Frankfurt gewählt habe; er, der Gesandte im Reich, habe zurückgefragt, welche Stadt denn der Kaiser für die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reichs halte. Die kaiserliche Antwort habe gelautet: Eigentliche Hauptstadt und wirkliche Mitte des Reichs sei selbstverständliche Rom. Der russische Gesandte vermutete einen kaiserlichen Scherz, aber eine bessere Antwort auf seine Frage bekam er nie.“

Aachen, Speyer, Goslar, Bamberg, Magdeburg und Frankfurt sind nur einige Städte, in denen Könige und Kaiser residiert oder gekrönt wurden und die wir heute als deutsch bezeichnen. Doch damit nicht genug der Uneinigkeit. Die Reformation mit dem folgenden Dreißigjährigen Krieg führte zu einer konfessionellen wie politischen Partikularisierung des Reiches.[38] Von deutscher Einigung kann – das wird im Folgenden noch genauer zu belegen sein – bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts weder in politischer noch in kultureller Hinsicht die Rede sein. Stellt man jene Situation der französischen gegenüber, zeigt sich die Divergenz europäischer Nationenbildung.

Die Île de France, das Stammland der französischen Könige, stellt ein überschaubares Gebiet dar, das von der Hauptstadt Paris wirksam regiert werden konnte. König Phillipp II. nutzte während der Kreuzzüge des zwölften Jahrhunderts den Tod zahlreicher Ritter, um die territoriale Basis der Krone zu erweitern.[39] Es entwickelte sich eine moderne, zentralistische Staatsverwaltung mit einem umfassenden königlichen Beamtenapparat.[40] Die modernen inneren Strukturen halfen den folgenden französischen Königen sich in zahlreichen Kriegen bis 1453 ein Territorium anzueignen, das vom Norden über den Westen bis zum Süden nur durch den Atlantik, die Pyrenäen und das Mittelmeer begrenzt wurde. Einmal erstritten, blieb das Territorium, abgesehen von der Ostgrenze, bis zur Revolution unumkämpft. So blutig wie das Staatsgebiet einst erobert worden war, fand Frankreich auch zu seiner religiösen Homogenität. Brutale Kriege gegen die Albigenser und die Hugenotten führten im 13. bzw. 16. Jahrhundert zur nachhaltigen Katholisierung Frankreichs.[41] Doch damit nicht genug.

Die französischen Revolutionäre von 1789 übernahmen neben dem fest umrissenen Territorium, den modernen Staatsstrukturen und der kulturell homogenen Bevölkerung auch einen Staat, in dem die Stände und der Adel bereits weitestgehend entmachtet waren. Beginnend mit Karl VII. hatten die absolutistischen Könige vom 16. Jahrhundert an die Macht an sich gerissen.[42] Sowohl die Generalstände, als auch die Gerichte und die Adelsopposition waren mit der Herrschaft Ludwigs XIV. ausgeschaltet worden.[43] Das Pariser Herrscherhaus konnte somit ohne Kontrolle durch Zwischengewalten ungehindert bis in die entlegenden Provinzen des Territoriums regieren.[44] Mit der Beteiligung am spanischen Erbfolgekrieg hatte sich Ludwig XIV. dann aber finanziell übernommen. Er hinterließ seinen Erben eine desolate Finanzlage, die sich mit der französischen Unterstützung des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs unter Louis XV. verschärfte. Die wirtschaftliche Klemme, aber auch der wieder erstarkende Adel läuteten schließlich das Ende des Absolutismus ein. In toto lässt sich also von einem „wohlvorbereiteten“ Boden für den französischen Nationalstaat sprechen.[45]

Fragte Friedrich Schiller noch Ende des 18. Jahrhunderts: „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden ...“, so wussten die Franzosen ebenso wie die Engländer schon Jahrhunderte zuvor, wo ihr Land zu finden war.[46] In England hatte sich kurze Zeit nach der normannischen Eroberung von 1066 die königliche Autorität im ganzen Land durchgesetzt. Das Recht des Königs vereinte England und war wesentlicher Faktor für die Entwicklung eines kollektiven Bewusstseins über die Untertänigkeit gegenüber dem englischen Monarchen.[47] Nach Interpretation Hagen Schulzes hat zu diesem Gemeinschaftsgefühl neben dem vereinheitlichten Rechtssystem vor allem der Krieg mit Frankreich um das Festlandserbe der Krone beigetragen. Daraus resultierte ein besonderer Wille zur sprachlichen wie politisch-kulturellen Abgrenzung.[48] Dieses Verlangen wurde durch den Druck des „keltischen Gürtels“, also Irlands, Schottlands und Wales verstärkt. Die inseleigene Opposition rückte die periphere Lage Englands umso mehr in den Vordergrund. Als Wales durch den Unionsakt von 1563, beziehungsweise Schottland mit der Besteigung des englischen Throns durch Jakob I. fest mit dem Königreich verbunden wurde, nannte sich das Reich zwar fortan vereinigt, stand aber nicht desto weniger unter englischer Dominanz.[49]

Die Vormachtstellung Englands wurde vor allem in der sprachlichen Hegemonie deutlich. John Wyclif sorgte Ende des 14. Jahrhunderts für die erste englischsprachige Bibelübersetzung. Mittels der neu aufkommenden Druckpressen wurde die englische Bibel schon bald landesweit zugänglich. Hinzu kamen religiöse Schriften, die bei der Bevölkerung für die protestantischen Reformen Heinrichs VIII. warben. So wurde zum Beispiel ab 1548 sonntäglich in allen Kirchen des Königreichs, eingeschlossen der im nicht-englischsprachigen Wales liegenden Gemeinden, das Common Prayerbook gelesen.

Ebenso wie in der kirchlichen spiegelte sich die Vorrangstellung der englischen Sprache auch in der Blüte der profanen Literatur jener Tage. Obgleich englisch dichtende Literaten wie Shakespeare jenseits des Ärmelkanals zu Lebzeiten praktisch unbekannt waren, war man stolz auf England und seine Sprache.[50] So bekannte der Pädagoge Richard Mulcaster 1582: „Ich liebe Rom, doch mehr noch London; ich ziehe England selbst Italien vor; ich ehre Latein, aber verehre Englisch.“[51]

Der amerikanische Politikwissenschaftler Benedict Anderson begreift die Koalition zwischen Protestantismus und Druckmarkt in Verbindung mit der Durchsetzung des kirchlichen und amtlichen Gebrauchs der Landessprache als maßgebliche Ursachen für das Entstehen des englischen Nationalbewusstseins.[52] Als sich Heinrich VIII. 1529 vom römischen Papst lossagte, selbst zum Hirten der englischen Kirche wurde und schon bald das Lateinische zugunsten des Englischen aufgab, waren Druckmaschinen die entscheidenden Waffen im „Kampf um die Köpfe der Menschen.“[53] Der Anglikanismus befand sich gegenüber dem Katholizismus in der Offensive. Englische Schriftstücke erreichten bereits eine breite Leserschaft. Rom hingegen verteidigte mittels des Index Liborum Prohibiturum in defensiver Weise das in der englischen Bevölkerung unbeliebte und wenig verbreitete Latein. Die europäischen Konfessionskonflikte waren also auch ein Streit um die Bedeutung des Lateinischen.[54] Der florierende englischsprachige Druckmarkt trug jedenfalls zur feudal intendierten, politisch-religiösen Mobilisierung entscheidend bei. Anderson fasst die Bedeutung des Buchdrucks für Entstehung des Nationalbewusstseins folgendermaßen zusammen:

„Menschen, die die verschiedensten französischen, englischen und spanischen Idiome gebrauchten und darum nur schwer oder gar nicht miteinander reden konnten, vermochten sich nun mit Hilfe von Buchdruck und Papier zu verständigen. In diesem Prozeß wurden sie allmählich der Hunderttausende(n), ja Millionen Menschen in ihrem eigenen Sprachbereich gewahr – und gleichzeitig der Tatsache, dass ausschließlich jene Hunderttausende oder Millionen dazu gehörten. Diese Mit-Leser, mit denen sie über den Buchdruck verbunden waren, bildeten in ihrer besonderen, diesseitigen und „ersichtlichen“ Unsichtbarkeit den Beginn der national vorgestellten Gemeinschaft.“[55]

Anderson macht deutlich, dass der Buchdruck keineswegs ein bloß englisches oder französisches Phänomen war, sondern Auswirkungen auf sämtliche europäischen Sprachgemeinschaften hatte, insofern denn dort Bücher gelesen wurden.

In Deutschland existierte zur Zeit der Reformation eine Vielzahl von unterschiedlichen Dialekten, denen erst mittels des Buchdruckes eine gemeinsam zugängliche, schriftlich fixierte Hochsprache zueigen wurde. Das am meisten gelesene Buch war die Bibel. Martin Luthers Übersetzung ins Deutsche markiert den Durchbruch zur Konsolidierung der deutschen Sprachgemeinschaft. Luthers Wittenberger Thesen waren – einmal übersetzt und veröffentlicht – bereits nach „vierzehn Tagen in allen Teilen des Landes bekannt.“[56] Ein Drittel aller deutschsprachigen Bücher, die zwischen 1518 und 1525 erschienen, sind Luther zuzuschreiben.[57]

Benedict Andersons These, das aufkommende Nationalbewusstsein stehe unmittelbar im Zusammenhang mit der „Degradierung der heiligen Sprache selbst“ und dem Verlust der staatsübergreifenden religiösen Homogenität, lässt sich für Deutschland ganz anders nachvollziehen als in England oder Frankreich. Beide westeuropäischen Staaten vollzogen ihre Nationalisierung vor dem Hintergrund einer über Jahrhunderte gewachsenen politischen und territorialen Einheit. Das Heilige Römische Reich hingegen war ein fragiles Gebilde, ohne festes Zentrum, ohne klare Grenzen und in vielerlei Hinsicht divergent. Luthers Wirken im Bezug auf die Herausbildung der deutschen Nation ist differenziert zu bewerten. Einerseits hatte zwar Luthers Bibelübersetzung ebenso wie sein sonstiges Werk in sprachlicher Hinsicht einigende Wirkung, andererseits wurde aber die territoriale Spaltung dadurch vorangetrieben, dass sich die Reformation nur in Teilen des Reichs durchsetzte. Der landesstaatliche Grundsatz „cuius regio, eius religio“ (jeder Landesherr bestimme die Konfession), drückt die konfessionelle Verwerfung aus.[58] Der Dreißigjährige Krieg führte darüber hinaus zu einer weiteren politischen Zersplitterung des Reiches. Die staatliche Macht lag nach Ende des Krieges mit dem Westfälischen Frieden bei mehr als dreihundert Territorialstaaten und ungefähr eineinhalbtausend freien Reichsrittertümern.[59] Das Reich war zu einem rein rechtlichen Institut der Konfliktregelung geworden. Zwar existierte das Deutsche weiter als Sprache und wurde von einzelnen Sprachgesellschaften gepflegt, der Prozess nationaler Einigung begann aber erst viel später mit dem Aufstieg eines neuen Bürgertums.

C. Die deutsche Kulturnation als transpolitische Idee

In Preußen und anderen norddeutschen Staaten entstand im 18. Jahrhundert eine gesellschaftliche Schicht, die sich in verschiedener Hinsicht nicht in das traditionelle Ständesystem jener Zeit einfügte. Zur Herausbildung der neuen Bürgerlichen Gesellschaft führten sowohl die preußischen Verwaltungs- und Heeresreformen als auch der insgesamt steigende Bildungsgrad.[60] Bemerkenswerter Weise war es nicht in erster Linie das angestammte preußische Bürgertum, das sich als neue Bildungselite etablierte. Charakteristikum des Bildungsbürgertums war vielmehr ein meist gehobener Beruf, der nicht dank Herkunft, sondern aufgrund von Befähigung ausgeübt wurde.[61] So fanden zum Beispiel viele französischstämmige Hugenotten – die ihre fremde Herkunft durch ein überdurchschnittliches Bildungsniveau kompensierten – Arbeit in der preußischen Verwaltung und machten einen nicht zu vernachlässigenden Teil des neuen Bürgertums aus.[62] Ebenso wie andere staatliche Angestellte wurden sie häufig an Orte berufen, mit denen sie persönlich zunächst wenig verband. Die Verwaltungsreform und die daraus resultierenden Versetzungen hatten bei vielen Staatsdienern die Folge, dass man sich zwar gegenüber dem Staat loyal, dem lokalen Bürgertum gegenüber aber distanziert zeigte. Die Abgrenzung gegenüber der hergebrachten, ständischen Ordnung zeigte sich weniger in einem veränderten politischen Verhalten als vielmehr in einem Wandel der Wertorientierung. An Stelle des bürgerlichen Erwerbstrebens traten bei vielen Professoren, Lehrern, Notaren, Verlegern, Buchhändlern oder Ärzten die Aneignung humanistischer Bildung und die Verständigung über universelle Werte.[63] Hans-Ulrich Wehler charakterisiert die moralische Ausrichtung der neuen „Bürgerlichen Gesellschaft“ entsprechend als „universalistischen Wertekanon, dessen auf die gesamte Menschheit zielende Realisierung angestrebt werden sollte.“[64]

Das neue Bürgertum als Träger humanistischer Ideale war kein rein preußisches Phänomen. Die Bürgerliche Gesellschaft sah sich in ihrem Glauben an moralische Prinzipien verbunden mit Intellektuellen anderer deutscher Staaten. Man wusste sich geeint im fortschreitenden Kampf um eine bessere, humanere Zukunft.[65] Diese gemeinsame Vision nährte sich aus den schwierigen Lebensverhältnissen jener Zeit. Wiederkehrende Epidemien, Kriege, offene Demütigung und Armut prägten nicht nur das öffentliche Straßenbild, sondern häufig genug auch das tagtägliche Leben des Bürgertums. Stets die bessere Zukunft und die Veredelung des Menschen in Blick, schloss man sich also in Vereinen zusammen. Auf diese Weise verfestigte sich nicht nur der moralische Konsens der Vereinsgenossen, sondern ebenso ihre Vorstellung von einem gemeinsamen Vaterland. Genauso wie der Verein stellte auch die Nation eine Instanz zwischen Menschheitsuniversalismus und lokalen Besonderheiten dar. Beide schienen im Gegensatz zu den ständisch geprägten Kleinstaaten geeignete Foren, um die geteilte Vision eines menschlicheren Lebens zu verwirklichen.

Als Mittel der Verständigung etablierten sich eine Vielzahl neuer Journale und Schriftenreihen, die über die Grenzen der deutschen Kleinstaaterei hinaus auf Leserschaft stießen. Oft wirkten die Leser gleichzeitig auch als Gelegenheitsschriftsteller.[66] Mittels der Zeitschriften fühlte man sich mit einer Vielzahl von Menschen verbunden, die individuell zwar unbekannt, als Masse aber kulturell auf irgendeine Weise verbunden schienen. So etablierte sich eine Literatur, die nicht bloß deutsch sprachig war, sondern durch die bewusste Wahl der Sprache von einer gesamtdeutschen kulturellen Einigung zeugte. Obschon an deutschen Fürstenhöfen weiterhin französisch gesprochen wurde und deutsche Literatur selbst im ausgehenden 18. Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit war, stieg die Zahl deutschsprachiger Buchtitel rasant an. Es entstand so etwas wie eine vage Einheit ästhetischen Urteilens. Trotz dieser Entwicklungen sollte man sich über den Umfang der neuen, national gesinnten Bildungsschicht keine Illusionen machen. Nach Schätzung des Berliner Buchhändlers Friedrich Nicolai beteiligten sich 1770 etwa 20.000 Menschen am nationalen Diskurs.[67] Von einer kulturell homogenen deutschen Nation kann also bis zur Wende ins 19. Jahrhundert keine Rede sein. Der Nürnberger Arzt, Philosoph und Kant-Schüler Johann Benjamin Erhardt kam in einem Agenten-Bericht an das französische Außenministerium gar zu dem lapidaren Schluss: „Die Deutschen sind keine Nation. Die Verschiedenheit ihrer Gesetze, ihrer Regierungsformen, der Religion und der verschiedenen Grade der Aufklärung in verschiedenen Ländern lässt bis jetzt von den Deutschen als Nation nichts anderes erwarten.“[68]

Mit den politischen Ereignissen im französischen Nachbarland kam es aber auch in Deutschland zu einem Vorschub des nationalen Bewusstseins. Fand die französische Revolution von 1789 in Deutschland zwar politisch keine Entsprechung, so wurde sie doch von der deutschen Kulturwelt mit zum Teil euphorischen Reaktionen begrüßt. Der Dichter Friedrich Schlegel schrieb 1796 überschwänglich an seinen Bruder: „Ich werde erst glücklich sein, wenn ich in der Politik schwelgen kann.“[69] Friedrich Hölderlin bat seine Schwester 1792 schriftlich, sie möge im ersten Koalitionskrieg „für die Franzosen, die Verfechter der menschlichen Rechte“ beten.[70] Die demokratischen Errungenschaften der „Grande Nation“ wirkten ansteckend. Mit bewunderndem Blick gen Westen begannen sich mehr und mehr Intellektuelle zu fragen, was Deutschland eigentlich bedeutet. Sollte Deutschland sich bloß verspätetet als Nation finden, oder war ihm nicht vielmehr ein Sonderweg beschieden? Novalis beantwortete jene Fragen auf eine Weise, wie sie für die romantischen Kulturschaffenden insgesamt als repräsentativ gelten darf:

„Deutschland geht einen langsamen aber sichern Gang vor den übrigen europäischen Ländern voraus. Während diese durch Krieg, Spekulation und Parteigeist beschäftigt sind, bildet sich der Deutsche mit allem Fleiß zum Genossen einer höheren Kultur, und dieser Vorschritt muß ihm ein großes Übergewicht über die anderen im Laufe der Zeit geben.“[71]

Novalis’ Äußerung vereint zwei Elemente die den Gedanken von der Deutschen Kulturnation kennzeichnen: Während sich andere Nationen politisch einigen, findet Deutschland seine Identität in der Kultur. Im Übrigen geschieht der Prozess deutscher Einigung nicht bloß, sondern ist Ausdruck eines sinnvollen Ganges der Geschichte. Ähnlich wie Schiller begreift Novalis die deutsche Kulturnation als erwähltes Subjekt der Weltgeschichte. Mit diesem Winkelzug erscheint sogar die Verspätung der deutschen Nationenbildung sinnvoll. Novalis dazu: „Jedes Volk / Hat seinen Tag in der Geschichte, doch / Der Tag des Deutschen ist die Ernte der / Ganzen Zeit.“[72] Ohne seine gewisse Neigung zur deutschen Überheblichkeit leugnen zu wollen, wäre es doch ebenso unangebracht, den jungen Hardenberg als Chauvinisten verurteilen zu wollen. Ebenso wie die humanistischen Bildungsbürger waren auch die deutschen Romantiker Universalisten. Novalis’ politische Vision richtete sich keineswegs auf ein deutsch dominiertes Europa, sondern auf ein Reich, das „weltliches und überirdisches vereint“.[73] Als Fortsetzung des Heiligen Römischen Reichs erträumte sich Novalis eine wiederhergestellte Vorherrschaft der katholischen Kirche, die über jede Nation erhaben Himmel und Erde verbinden sollte. Auch Johann Gottfried Herder kann nur zu Unrecht an den Beginn einer Reihe deutschen Größenwahnsinn gesetzt werden.[74] Zwar schwadroniert auch er vom erstarkenden Deutschen „Volksgeist“, doch ein Blick in das „Slawenkapitel“ der „Philosophie der Geschichte der Menschheit“ genügt, um Herder vom voreiligen Verdacht des Chauvinismus freizusprechen.[75]

Taugt der Humanist Herder wenig als Vordenker aggressiven deutschen Nationalismus, so steht er doch am Beginn einer eigens deutschen Auffassung von Nationalität. Kennzeichnend für das deutsche Nationenverständnis ist die Verknüpfung von nationaler und kultureller Identität. In seinem 1908 veröffentlichten Werk „Weltbürgertum und Nationalstaat“ traf der Historiker Friedrich Meinecke die noch heute etablierte Unterscheidung zwischen „Kultur-“ und „Staatsnationen“. Nach Meineckes These können Nationen „trotz aller sogleich zu machenden Vorbehalte [eingeteilt werden, Anm. d. A.] in solche, die vorzugsweise auf irgendwelchem gemeinsam erlebten Kulturbesitz beruhen, und solchen, die vorzugsweise auf der vereinigenden Kraft einer gemeinsamen politischen Verfassung beruhen.“[76] Meinecke orientiert sich dabei typischer Weise an der französischen und deutschen Geistesgeschichte. Während sich die Nation französischer Auffassung nach auf einen vertragsartigen Zusammenschluss freier und gleicher Individuen stützt,[77] stellt die Nation dem deutschen Verständnis nach eine kulturell identitäre Schicksalsgemeinschaft dar. Herders Suche nach den „unverfälschten Äußerungen der Volksseele“ kann in diesem Sinne als frühe Initiative gelten, deutsche Kultur aufzufinden, festzuhalten und zu kanonisieren. Für Herder steht der Mensch nicht alleine, sondern ist als Individuum eingebettet in eine Gemeinschaft, einer Art größerem Individuum.[78] Kulturelle Äußerungen sind somit notwendig bezogen auf ein Kollektiv. In der Volksdichtung lässt sich nach Herder das „Lebensprinzip“ eines jeden Volkes erkennen.

„Ihre Gesänge“, so schreibt er „ sind das Archiv des Volkes, der Schatz ihrer Wissenschaft und Religion, ihrer Theogonien und Kosmogonien, der Taten ihrer Väter und der Begebenheit ihrer Geschichte, Ausdruck ihres Herzen, Bild ihres häuslichen Lebens in Freud und Leid, beim Brautbett und Grabe.“ „Wie die Naturgeschichte Kräuter und Tiere beschreibt, so schildern sich hier die Völker selbst.“[79]

Herauszustellen ist insbesondere Herders Vorstellung von Völkern als einheitlichen Individuen. Herder sieht Völker als menschengleiche Geschöpfe Gottes. Ausgestattet mit besonderen natürlichen Bedingungen kommt ihnen ein jeweils eigener Auftrag zu.[80] Für Herder, aber auch für Schiller oder Novalis wird das Volk so zum integralen Bestandteil des göttlichen Schöpfungsplanes. Der göttliche Wille verfügt über Schicksal eines jeden Volkes.

Die Betonung vorpolitischer, teils transzendenter Grundlagen menschlicher Gemeinschaften ist nicht ohne die geistesgeschichtliche Entwicklung des westlichen Nachbarlandes zu verstehen. Mit der anbrechenden deutschen Romantik tritt dem vernünftigen, aufgeklärten, der Provenienz nach französischen Verständnis von Nationalität ein konträrer Ansatz gegenüber, der sich den „natürlichen Grundlagen“ des Volkstums, also Sprache, Abstammung, Überlieferung und Umwelt zuwendet. Der Soziologe Eugen Lemberg deutet die Abwendung vom vernunftorientierten, aufgeklärten politischen Denken als Resultat des deutschen „Minderwertigkeitsgefühls dem fortschrittlicheren westlichen Nachbarvolk gegenüber“.[81] Schien sowohl das wirtschaftlich prosperierende England als auch Frankreich rationalem Denken nach in jeder Hinsicht fortschrittlicher, wertvoller, ja überlegen, so waren es in Deutschland zu jener Zeit Christoph Martin Wieland, Johann Wolfgang Goethe, Schiller und Herder selbst, die der deutschen Literatur europaweit zu ungeahntem Ruhm verhalfen.[82]

[...]


[1] Dabei umfasst Spielplan des Hauses nicht nur deutsche, sondern ebenso viele Werke außerdeutscher Provenienz. Bereits 1901 – also noch im Jahr der Eröffnung – wurden im Prinzregententheater Stücke Shakespeares aufgeführt. Zur Geschichte des Hauses vergleiche Artikel der NZZ vom 16.08.2001 zum 100jährigen Jubiläum. Internetquelle:

http://www.nzz.ch/2001/08/16/fe/article7JAZR.html (aufgerufen am 12.03.09).

[2] Das Theater war ein Geschenk des Prinzregenten Luitpold an die „deutsche Nation vom Bayernvolke“ und ursprünglich als Wagner- und Festspielbühne konzipiert. Diese Tatsache ergibt durchaus eine plausible Erklärung für den ursprünglichen Sinn der Inschrift. Allerdings bleibt offen, aus welchem Grund diese seit der Renovierung in den 1990er Jahren nun wieder in goldenem Glanz erstrahlt. Vgl. Schaul 1987, S. 42ff.

[3] Siehe Rede des Bundespräsidenten vom 03.10.08. Internetquelle:

http://www.bundespraesident.de/Reden-und-Interviews-,11057.649657/Wo-wir-uns-finden-Rede-von-Bun.htm?global.back=/-%2C11057%2C1/Reden-und-Interviews.htm%3Flink%3Dbpr_liste (aufgerufen am 01.12.08.)

[4] Rede vom 28.10.08 anlässlich der Festveranstaltung zum zehnjährigen Jubiläum des Amtes des „Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.“ Siehe Internetquelle: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2008/10/2008-10-28-merkel-10-jahre-bkm.html (aufgerufen am 02.12.08).

[5] Vgl. Meinecke 1919, S. 3ff.

[6] Vgl. Michael Bordt 2006, S. 151.

[7] Vgl. etwa Platon: Nomoi Lg. 738.

[8] Tibi, Bassam: Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft, München, 1998. Zur Chronologie der Debatte vgl. Internetquelle 3sat: http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/11772/index.html (aufgerufen am 10.03.09).

[9] Siehe Spiegel-Interview vom 20.11.2004. Internetquelle:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,328781,00.html

(aufgerufen am 10.03.09).

[10] Vgl. Internetquelle: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/imgespraech/433029/ (aufgerufen am 10.03.09).

[11] Vgl.: Lammert, Norbert (Hg.): Verfassung, Patriotismus, Leitkultur, Was unsere Gesellschaft zusammenhält, Hamburg, 2006. Nida-Rümelin, Julian: Humanismus als Leitkultur, München, 2006. Pautz, Hartwig: Die deutsche Leitkultur, Eine Identitätsdebatte, Stuttgart, 2005.

[12] Zur „deutschen Kulturnation“ gibt es durchaus Literatur. Etwa Wolf Lepenies: Kultur und Politik, Deutsche Geschichten, München, 2006. Allerdings stehen Publikationen wie diese nur in indirektem Zusammenhang mit der aktuellen politischen Debatte. Nicht wenige Historiker, Philosophen und Politikwissenschaftler weigern sich, aus ihren Überlegungen konkrete politische Handlungsziele abzuleiten. Eben das soll hier aber versucht werden.

[13] Das zeitgenössische politische Denken bietet zur Frage nach den moralischen Grundlagen moderner Gesellschaften zwei Grundpositionen. Es kann stark vereinfacht zwischen Vertretern des modernen Liberalismus – die zumeist in der Tradition von John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit stehen (Dworkin, Nagel, Ackerman u. a.) – und so genannten „Kommunitaristen“ (MacIntyre, Walzer, Taylor u. a.) unterschieden werden, deren Denkströmung durch Michael Sandels Liberalism and the Limits of Justice begründet wurde. Während Rawls von den Prämissen eines methodologischen Individualismus ausgeht, aber einen dünnen normativen overlapping consensus als moralische Grundlage moderner Gesellschaften voraussetzt, fordern Kommunitaristen wie MacIntyre oder Bellah gemeinsame Vorstellungen einer „guten Ordung“ oder eines „guten Lebens“. Im Folgenden soll hier vor allem der Argumentation Rawls gefolgt werden. Literatur zur Liberalismus-Kommunitarismus-Debatte: Rawls, John: A theory of justice, Oxford, 1972. Sandel, Michael: Liberalism an the limits of justice, Cambridge, 1982. Honneth, Axel: Kommunitarismus, Eine Debatte über die moralischen Grundlagen moderner Gesellschaften, Frankfurt/New York, 1993. Reese-Schäfer, Walter: Kommunitarismus, Frankfurt/New York, 2001.

[14] Eine gründliche Untersuchung zur europäischen Nationenbildung bietet – neben dem bereits erwähnten Friedrich Meinecke – beispielsweise der Historiker Hagen Schulze in seinem Werk: Staat und Nation in der europäischen Geschichte, München, 2004. Poetischer und mehr auf die Verbindung zwischen deutscher Romantik und Nationenbildung geht zum Beispiel Rüdiger Safranski in seiner neuesten Publikation auf das Thema ein: Romantik, Eine deutsche Affäre, München, 2007.

Zur Demokratietheorie des zweitens Teils vergleiche insbesondere: Habermas, Jürgen: Faktizität und Geltung, Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt am Main, 1992. Und: Nida-Rümelin, Julian: Demokratie als Kooperation, Frankfurt am Main, 1999.

[15] Vgl. etwa Scheytt, Oliver: Kulturstaat Deutschland, Plädoyer für eine aktivierende Kulturpolitik, Bielefeld, 2008. Schwenke, Olaf: Europa eine Seele geben ... Kulturpolitik auf dem Weg zu einer europäischen Bürgergesellschaft, in: Wagner/Sievers 2000, S. 303-314. Norbert Sievers: Fördern, ohne zu fordern, Begründungen aktivierender Kulturpolitik, in: Wagner, Sievers 2000, S. 131-157.

[16] Vgl. dazu Hagen Schulze 2004, S. 112. Vgl. außerdem: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 6, S. 406-414.

[17] Ders., a. a. O.

[18] Martin Luther: An den christlichen Adel deutscher Nation, zitiert in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 6, S. 407.

[19] Vgl. Habermas 1992, S. 635.

[20] Montesquieu, De l’esprit des lois XXVIII, 9.

[21] Kant, Anthropologie, Akademie-Ausgabe 7, S. 311. Zitiert in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 6, S. 407.

[22] Vgl. Francis 1965, S. 75ff.

[23] Louis XIV: Œuvres, 1806 Bd. I und II: Mémoires historiques et instructions de Loix XIV pour le Dauphin, son fils. Zitiert nach Francis 1965, S. 76.

[24] Ders., S. 77.

[25] Siehe deutsche Übersetzung: Renan „Was ist eine Nation“ vom 11. März 1882 an der Sorbonne. Herausgegeben von Sabine Groenewold, Hamburg, 1996. Renan stellt allerdings noch eine zweite Bedingung. Es muss ihm zufolge eine gemeinsame geschichtliche Erinnerung, im Sinne von gemeinsamen Erlebnissen geben.

[26] Vgl. Lepsius 1990, S. 243.

[27] Vgl. Kallscheuer/Leggewie 1994, S. 123.

[28] Siehe: Francis 1965, S. 76

[29] Vgl. dazu Francis 1957, S. 100: „Das Leitbild der gedachten Ordnung, das aus den in sozialer Wechselbeziehung zueinander stehenden Einzelmenschen, sofern sie im Einklang mit ihm handeln, ein O-Gebilde (Ordnungsgebilde, Anm. d. A.) macht, ist ein postulierter Begriff, der nicht der unmittelbaren Anschauung entnommen ist.“

[30] Vgl. Anderson, Benedict: Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, London, 1983. Bzw. die deutsche Ausgabe: Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation, Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt/New York, 1988.

[31] Vgl. Lepsius 1990, S. 233.

[32] Ohne den Gedanken unnötig mit poststrukturalistischem Ballast zu beschweren, sei hier auf Nietzsches „Genealogie der Moral“ hingewiesen. Auch Michel Foucault führt in seinem Aufsatz „Nietzsche, die Genealogie, die Historie“ eben jenen Gedanken aus: „Das große Spiel der Geschichte gehört dem, der sich der Regeln bemächtigt, der seinen Nutzen aus ihnen zieht, der sich verkleidet, um sie in ihren Widersinn zu verkehren und sie gegen ihre Schöpfer zu wenden; es gehört dem, der in den komplexen Mechanismus eindringt und ihn so umfunktioniert, dass die Herrscher von ihren eigenen Regeln beherrscht werden.“ Foucault in: Guzzoni 1979, S. 113.

[33] Eugen Lemberg spricht bezogen auf den Nationalisierungsprozess mittel- und osteuropäischer Völker von einem „Minderwertigkeitsgefühl dem fortschrittlicheren westlichen Nachbarvolk (Frankreich, Anm. d. Autors) gegenüber.“ Siehe: Lemberg 1950, S. 201. Wie im kommenden Kapitel herausgestellt werden wird, war es nicht nur ein Minderwertigkeitsgefühl, sondern später auch der zwanghafte Drang zur Abwertung der westlichen Nachbarn, der die Bildung der deutschen Nation geprägt hat. Insgesamt hat sich Deutschland jedenfalls deutlich stärker in Richtung Westen als nach Osten hin orientiert. Diese gedankliche Ausrichtung lässt die hier vorgenommene Beschränkung auf die westeuropäische Nationalgeschichte legitim erscheinen.

[34] Vgl. Schulze 2004, S. 113. Prägend für diese Diskussion war vor allem Plessner, Helmuth: Die verspätete Nation, Stuttgart, 1959. Die Bezeichnung Deutschlands als „verspätete Nation“ erscheint vor allem deshalb plausibel, da sich die Deutschen des 18. und 19. Jahrhunderts eben selbst als „verspätete“ Nation sahen. Vgl. dazu das folgende Kapitel dieser Arbeit.

[35] Schulze 2004, S. 113.

[36] Das lateinische teutonicus war als Übersetzung des aus dem Bayerischen verbreiteten Begriffs thiutisk, deutsch gedacht. Während allerdings thiutisk schlicht Volkssprache bedeutete, bezieht sich teutonicus auf die germanischen Teutonen, die 102 v. Chr. von den Römern unter Marius geschlagen wurden. Es handelt sich also eigentlich um eine Falschübersetzung. Vgl. Ders., S. 116.

[37] Vgl. Heinrich Koller in: Schieder 1987, S. 389: „Für Deutschland blieben nämlich vorerst Kaiser und Reich dominierend, und wenn deren Verfall auch unaufhörlich bejammert wurde, so dürfen die Schwächen des Reichsoberhaupts nicht überbewertet werden ...“.

[38] Vgl. Ernst Walter Zeeden in: Engel 1971, S. 571ff.

[39] Vgl. Robert Folz in: Schieder 1987, S. 712-722. Vgl. außerdem: Jansen/Borggräfe 2007, S. 122.

[40] Vgl. Ders., a. a. O.

[41] Zu den französischen Religionskriegen vgl. André Bourde in: Schieder 1987, S. 772-780.

[42] Zur Geschichte Frankreichs im ausgehenden 16. Jahrhundert und dem „Verrat der Stände“ siehe: Ders., S. 780.

[43] Vgl. Jansen/Borggräfe 2007, S. 123.

[44] Das königliche Selbstbewusstsein Ludwigs XIV. und seiner Nachfolger lässt sich etwa daran ablesen, dass sie Kranken zur Heilung ihre Hände auflegten. Dieses Procedere wurde bis zum Ende des Ancien régime angewandt. Vgl. Anderson 1988, S. 29.

[45] So Friedrich Meinecke 1919, S. 27.

[46] Zitiert in: Schulze 2004, S. 129.

[47] So Hagen Schulze, der dieses englische Gemeinschaftsgefühl bereits für das frühe 13. Jahrhundert behauptet. Vgl. Ders., S. 128.

[48] Ein Zeugnis dafür war die Etablierung des Mittelenglischen als Gerichtssprache (1362). Vgl. Anderson 1988, S. 48. Im Folgenden wird die Wirkung von Freund-Feind-Konstellationen auch als Kennzeichen Deutscher Identitätsbildung herausgestellt werden. Vgl. dazu: Lutz Hoffmann: Die Konstitution des Volkes durch seine Feinde, in: Benz 1993, S. 13-37.

[49] Hagen Schulze 2004, S. 128.

[50] Vgl. Anderson 1988, S. 27.

[51] Schulze 2004, S. 131.

[52] Anderson 1988, S. 47.

[53] Ders., S. 46.

[54] Anderson dazu: „ Der Untergang des Lateinischen war, mit einem Wort, nur der Ausdruck eines umfassenderen Prozesses, in dem die heiligen Gemeinschaften mit ihren alten heiligen Sprachen allmählich fragmentiert, pluralisiert und territorialisiert wurden.“ Siehe Anderson 1988, S. 27. Der Kampf um die Köpfe ging seinerzeit so weit, dass der französische König Franz I. 1535 den Druck jeglicher Bücher unter Androhung des Galgens verbot. Diese Maßnahme wurde allerdings nicht lange aufrechterhalten. Nach 1575 überwogen auch in Frankreich die französischen Ausgaben gegenüber den lateinischen. Ders., S. 47.

[55] Ders., S. 51.

[56] Ders., S. 46.

[57] Ders., a. a. O.

[58] Siehe Schulze 2004, S. 144.

[59] Ders., a. a. O.

[60] Vgl. Giesen/Junge/Kritschgau 1994, S. 351. Einen tieferen Einblick in die Thematik bietet folgenden Publikation: Lundgreen, Peter (Hg.): Sozial- und Kulturgeschichte des Bürgertums, Eine Bilanz des Bielefelder Sonderforschungsbereichs (1986-1997), Göttingen, 2000.

[61] Als Ausweis von Befähigung galt in aller Regel akademische Bildung. So gab es in jener Zeit zwischen Kiel und Graz, Königsberg und Freiburg mehr als vierzig Universitäten. Vgl. Schulze 2004, S. 146.

[62] Vgl. Giesen/Junge/Kritschgau 1994, S. 351.

[63] Ders., a. a. O.

[64] Siehe: Wehler 2000, S. 87.

[65] Vgl. Norbert Elias 1989, S. 174.

[66] Vgl. Giesen/Junge/Kritschgau 1994, S. 352f.

[67] Siehe: Schulze 2004, S. 147.

[68] Siehe Johann Benjamin Erhardt „Über das Recht des Volks zu einer Revolution und andere Schriften, hrsg. Von H. G. Haasis, München, 1970, S. 101-107, zitiert in: Kallscheuer/Leggewie 1994, S 144. Selbst Herder, den man später zum Propheten des deutschen „Volkesgeistes“ erklärte, sprach Ende des 18. Jahrhunderts noch von „mehreren Völkern“, aus denen „Deutschland von jeher bestand“. Zitiert in Hoffmann 1993, S. 16.

[69] Vgl. Safranski 2007, S. 172.

[70] Friedrich Hölderlin, Briefe, in: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. III, hrsg. Von J. Schmidt, Frankfurt a.M. 1992, S. 93. Zitiert in: Kallscheuer/Leggewie 1994, S. 147.

[71] Novalis in: Werke, Bd. II, herausgegeben von Hans-Joachim Mähl, München, 1978, S. 738f. Zitiert in: Vgl. Safranski 2007, S. 176

[72] Ders., S. 174

[73] Ders., a. a. O.

[74] So Hans Dahmen: Die nationale Idee von Herder bis Hitler, Köln, 1934. Vgl. aber auch die gegenteilige Einschätzung von Bernhard Becker: Herder-Rezeption in Deutschland, Eine ideologiekritische Untersuchung, St. Ingbert, 1987, S. 86ff.

[75] Er preist in seinen „Ideen zur Philosophie einer Geschichte der Menschheit“ die friedfertige, junge, edle „Nation“ der Slawen, die vom kriegerischen Europa in Ketten gehalten wird: „Kein Volk ist ein von Gott einzig auserwähltes Volk der Erde ... So darf sich auch kein Volk Europa vom anderen abschließen, und töricht sagen: bei mir allein, bei mir wohnt alle Weisheit.“ So Herder: Journal meiner Reise im Jahr 1769, zitiert in: Safranski 2007, S. 27. Vgl. außerdem Kallscheuer/Leggewie 1994, S. 131.

[76] Vgl. Meinecke 1919, S. 3.

[77] Siehe dazu die oben dargelegte Scheidung von „Ethnos und Demos“, wie sie von Emerich Francis in seinem gleichnamigen Werk festgehalten wurde.

[78] Vgl. Safranski 2007, S. 26.

[79] Herder (ohne Primärquellenangabe) zitiert in Lemberg 1950, S. 196.

[80] Ders., S. 198.

[81] Siehe Lemberg in seiner „Geschichte des Nationalismus in Europa“. Lemberg 1950, S. 201. Das Minderwertigkeitsgefühl erstreckte sich auch auf die wirtschaftliche Rückständigkeit Deutschlands Frankreich und England gegenüber.

[82] Berühmt geworden ist diesbezüglich Madame de Staels Bericht von Deutschland als „Land der Dichter und Denker“: De l' Allemagne, o. O., 1813.

Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Kultur und Nation
Untertitel
Vom Mythos der deutschen Kulturnation zu einer integrativen Kulturpolitik
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
110
Katalognummer
V134533
ISBN (eBook)
9783640417537
ISBN (Buch)
9783640412747
Dateigröße
781 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturpolitik, Kulturnation, Zivilgesellschaft, Schiller, Novalis, Rousseau, Hobbes, Rawls, Buchanan, Böckenförde, Habermas, Leitkulturdebatte, Sozialdemokratie, Europäische Identität, Staatsbürgerschaft, Kommunitarismus, Liberalismus, Deutschland, Föderalismus, Föderalismusreform, Kulturföderalismus, Magisterarbeit, München, Fichte, Herder, Nation, Citoyen, Anderson, Nationbuilding
Arbeit zitieren
Paul Trachmann (Autor), 2009, Kultur und Nation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134533

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