Sport als Mittel zur Integration von Jugendlichen

Am Praxisbeispiel „Integration durch Sport“ im Stadtteil Oberhausen, Augsburg


Diplomarbeit, 2009

73 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Theoretischer Teil- Einleitung
1. Das Phänomen Sport bei Jugendlichen
1.1 Sport als wesentlicher Bestandteil der Freizeit
1.1.1 KIM-Studie
1.1.2 JIM-Studie
1.2 Wie oft treiben Jugendliche Sport?
1.3 Beliebteste Sportaktivitäten der Jugend
1.4 Mit wem treiben Jugendliche Sport?
1.5 Wo treiben Jugendliche Sport?
2. Warum hat der Sport einen so hohen Stellenwert bei Jugendlichen?
2.1 Sportinteresse ergibt sich aus den Anforderungen des Jugendalters
2.2 Entwicklungs- und Sozialisationsprozess der Jugend
2.2.1 Entwicklung
2.2.2 Identität
2.2.3 Selbstkonzept
2.3 Herausforderungen durch den gesellschaftlichen und soziodemographischen Wandel
2.3.1 Gesellschaftlicher Wandel
2.3.2 Soziodemographischer Wandel
2.4 Bewältigungsmöglichkeiten dieser Herausforderungen
2.4.1 Netzwerke
2.4.2 Peergroup – Ankerpunkt im sozialen Netzwerk
2.4.3 Grenzerfahrungen und Experimentierbedürfnisse der Jugendlichen
3. Bedeutung des Sports im jugendlichen Alter
3.1 Sport als wichtige und einzige Stütze
3.2 Sport zur Bedürfnisbefriedigung
3.3 Sportgruppe als wichtiges Netzwerk
3.4 Erzieherischer Effekt des Sports
3.5 Der Sport als Förderer des Selbstkonzeptes
3.5.1 Quellen des Selbstkonzeptes
3.5.1.1 Bewegung als Selbsterfahrung und Reflexion
3.5.1.2 Bewegung als Gemeinschaftserlebnis und Sozialerfahrung
3.5.1.3 Bewegung als Sinnerfahrung
3.5.1.4 Bewegung als Welterfahrung
3.6 Gesellschaftliche Funktionen des Sports
3.7 Ästhetisch/Körperliche Aspekte
3.8 Grenzen des Sports
4. Sport als geeignetes Medium zur Integration
4.1 Integration
4.2 Sprache des Sports
4.3 Sport als Integrationsmedium
4.4 Basis für Integration
5. Bedeutung des Sports in der kommunalen Jugendarbeit
5.1 Bedeutung des Sports in der Jugendarbeit
5.2 Der gesetzliche Auftrag der Jugendarbeit
5.2.1 Schwerpunkte
5.2.2 Forderungen
5.2.3 Ziele der Jugendarbeit
5.3 Die Jugendarbeit
5.3.1 Offene Kinder- und Jugendarbeit
5.3.2 Streetwork
5.4 Handlungs- und Strukturmaximen der Jugendarbeit
5.4.1 Prävention
5.4.2 Dezentralisierung u Regionalisierung
5.4.3 Integration
5.4.4 Partizipation / Gemeinwesenorientierung
5.4.4.1 Freizeitorientierung
5.4.4.2 Kulturelle Aktivitäten
5.4.4.3 Erlebnisorientierung
5.5 Merkmale der Jugendarbeit
5.5.1 Unverbindlichkeit
5.5.2 Vielfältigkeit
6. Bedeutung des Sports im Verein
6.1 Integrationsauftrag der Vereine
6.2 Zielausrichtung der Vereine
6.3 Forderungen an die Vereine
7. Kooperation Jugendarbeit und Sportverein
7.1 Anpassung erforderlich
7.2 Perspektivwechsel
7.3 Bedürfnisorientiertheit, Offenheit
7.4 Lebensweltorientierung
7.5 Freiräume

II Praktischer Teil – Projekt „Erlebnis Sport“
1. Situation in Augsburg -Oberhausen-Nord
1.1 Einwohner
1.2 Daten zur Jugendhilfe gemäß dem Jugendhilfeplan der Stadt Augsburg (2007)
1.3 Der Stadtteil Oberhausen
2. Stadtteilressourcen in Oberhausen
2.1 Kindertagesstätten - Kindergärten
2.2 Schulen
2.3 Jugendhäuser und Freizeiteinrichtungen
2.4 Sportstätten und Vereine
2.5 Leitprojekte für Oberhausen
2.6 Bildungshaus Drei Auen
2.7 Lebenswelt Schule
3. Das Projekt „Erlebnis Sport“
3.1 Ausgangssituation
3.2 Sport als Chance
3.2.1 Ansätze
3.2.2 Zielgruppe
3.2.3 Ziele des Projekts
3.2.4 Durchführung/Praxis
3.3 Fazit

III. Reflexion
1. Selbstreflexion
2. Interviews
2.1 mit teilnehmenden Jugendlichen
2.1.1 Serdan
2.1.2 Mahmut
2.1.3 Andre`
2.1.4 Fathi
2.2 Ansprechpartnerin SJR Augsburg
2.3 Vertreterin der ortsansässigen Schule
2.4 Vertreter der Stadt Augsburg; "Fachstelle Integration und Interkulturelle Arbeit"
3. Schluss / Endfazit

IV. Quellenverzeichnis

V. Abbildungsverzeichnis

I Theoretischer Teil- Einleitung

1. Das Phänomen Sport bei Jugendlichen

Der Sport stellt heutzutage einen wesentlichen und zentralen Bestandteil in der Freizeitbeschäftigung der Bevölkerung dar. Unabhängig von Alter, Geschlecht, Gesundheitsstand, Beruf, Bildung, Sprache, Kultur oder Veranlagung trägt Sport kultur- und nationenübergreifend zur Erholung, Erhaltung und Förderung der Gesundheit, der körperlichen und seelisch-geistigen Entwicklung, zur Gemeinschaft und zum Vergnügen bei. Millionen Menschen sind landesweit in Vereinen tätig und für weitere Millionen ist der Sport prägend in ihrer Lebens- und Freizeitgestaltung verankert. Er ist Angebot an jeden Menschen, gehört dazu und ist kaum mehr wegzudenken. Der Sport schafft es, Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Nationalität, an sich zu binden und für viele zur wichtigsten Nebensache der Welt zu machen.

In seinen verschiedensten Formen steht der Sport immer mehr im Interesse der Öffentlichkeit und ist politisch und gesellschaftlich von so enormer Bedeutung, dass seine Förderung als hohe öffentliche Aufgabe angesehen wird.

Der Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen drückt es wie folgt aus: „Sporttreiben in der Gemeinschaft und im Verein vermittelt Toleranz, Streitanstand und Regelakzeptanz.“

Die einleitenden Worte eines Staatssekretärs im Ministerium für Kultus und Sport Baden Württemberg anlässlich einer Eröffnungsaktion der Württembergischen und Badischen Sportjugend (vgl. Kaiser 1994, 1995) treffen den Charakterzug des Sports auf den Punkt: „Der Sport ist zu einem wichtigen Faktor im gesellschaftlichen Leben geworden. Er ist wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung, des sozialen und emotionalen Lebens. Er vermittelt Erfahrungen und Fähigkeiten, die in der alltäglichen Lebensbewältigung eine wesentliche Rolle spielen und als ethische Fundamente unseres Gemeinwesens unverzichtbar sind.“

Auch in meiner Projektarbeit „Erlebnis Sport“ beim Stadtjugendring Augsburg, wird das unglaubliche Interesse der Kinder und Jugendlichen am Sport und die breite Palette der Möglichkeiten durch ihn sichtbar. Die Verankerung im Lebens- und Sozialraum, sowie die Unverbindlichkeit verleihen diesem Medium eine ungeheure Kraft, die jegliche Grenzen oder Barrieren zu überschreiten scheint.

Was genau suchen Jugendliche im „Phänomen“ Sport? Warum ist der Sport gerade für Kinder und Jugendlichen so wichtig und welchen Einfluss spielt er in der Entwicklung von Heranwachsenden? Verhilft er diesen überhaupt zu größerem Selbstvertrauen, mehr Sicherheit oder gar zu einer besseren und positiveren Selbsteinschätzung? Diesen Fragen versuche ich nachzugehen und in meinen weiteren Ausführungen darzustellen.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit verwende ich in meiner Ausarbeitung eingeschlechtliche Formulierungen. Selbstverständlich sind aber mit Ausnahme der eindeutigen Begriffe, wie Mann oder Frau, immer beide Geschlechter gemeint.

1.1 Sport als wesentlicher Bestandteil der Freizeit

Gerade für junge Menschen hat „Freizeit“ an Bedeutung gewonnen. Sie stellt ebenso einen Erlebnisraum dar, als auch einen „Ort der Auseinandersetzung und Bewältigung von existentiellen Lebensproblemen.“ (vgl. Deinet 2000, S.141). Der Sport, als Spaßfaktor Nummer 1, welcher zugleich ausgezeichnetes Lern- und Erlebnisfeld ist, bietet sich als optimale Ergänzung an. Im Bereich des freizeitlichen Sporttreibens können Kinder und Jugendliche gemeinschaftlich an Selbstständigkeit und Mitverantwortung herangeführt werden.

Der Freizeitsport genießt hohe Priorität in jedem Alter, unabhängig von Geschlecht oder sozialer Herkunft. Freizeitstätten rangieren zu neuen sozialen Netzen, Stützpunkten und Kontaktstellen. Diese wiederum ermöglichen erste Erfahrungen der Selbstentfaltung und Selbsterprobung. Soziale Handlungs-, Kommunikations- und Organisationsmuster können hier nach eigenen Vorstellungen und Interessen getestet werden.

„Viele Jugendliche suchen ein eigenes, nicht am bzw. gegen das Elternhaus definiertes jugendkulturelles Ambiente als Ausdruck ihrer soziokulturellen Eigenständigkeit.“ (vgl. Deinet 2000, S.142)

Deinet und Sturzenecker (2000) weisen in ihren Ausführungen auf den „ambivalenten Charakter“ von Freizeit hin. So dient Freizeit einerseits der Erholung und Entspannung von den Alltagsanstrengungen, andererseits bietet sie einen Freiraum, der für die verschiedensten Dinge, wie Geselligkeit, Weiterbildung, politisches oder soziales Engagement oder eben auch für sportliche Aktivitäten jeglicher Art genutzt werden kann. Inwieweit eine derartige Beschäftigung als Freizeit bezeichnet werden kann, ist individuell verschieden. Allerdings lässt sich tendenziell eher von Freizeit sprechen, wenn diese als ungezwungen, unverbindlich und selbstbestimmt empfunden wird.

1.1.1 KIM-Studie

Aktuelle Studien beweisen den hohen Stellenwert des Sports im Freizeitverhalten der Kinder und Jugendlichen.

Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (mpfs)[1] hat in seinen Langzeitstudien KIM und JIM (2008) die sich im permanenten Wandel befindlichen Rahmenbedingungen des Medienangebots und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Freizeitbeschäftigung der Heranwachsenden adäquat untersucht.

Im Rahmen der KIM-Studie werden jeweils rund 1.200 Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren mündlich-persönlich, sowie deren Mütter schriftlich, befragt. Die Studie widmet sich neben den Bereichen „Mediennutzung“ oder „Computer und Schule“, unter anderem auch dem Sektor „Freizeitaktivitäten“. Abbildung 1 zeigt nun die Verteilung der Freizeitaktivitäten in der Altersklasse der 6 bis 13-jährigen.

Abbildung 1: Liebste Freizeitaktivitäten geschlechterspezifisch KIM-Studie (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2008, S.9-11)[2]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 beweist, dass der Sport zur jugendspezifischen Altersnorm reift und eine enorme Faszination für Kinder und Jugendliche darstellt. Bereits in diesem jungen Alter zeigt sich allerdings der geschlechterspezifische Unterschied. Während sich der Sport bei den Jungen an dritter Stelle positioniert, verliert er bei den Mädchen an Bedeutung und rutscht auf die hinteren Ränge ab. Tiere, Fernsehen oder künstlerische Tätigkeiten werden bevorzugt, was auf den geschlechtsunterschiedlichen Entwicklungsprozess zurückzuführen ist.

1.1.2 JIM-Studie

Die JIM-Studie legt ihr Augenmerk nun auf die „ältere“ Altersspanne und führt im jährlichen Turnus eine Basisstudie zum Umgang von 12- bis 19-jährigen mit Medien und Informationen durch. Neben einer aktuellen Standortbestimmung sollen die Daten zur Erarbeitung von Strategien und als Ansatzpunkte für neue Konzepte in den Bereichen Bildung, Kultur und Arbeit dienen.

Die JIM-Studie ist als Langzeitprojekt angelegt. Allgemeine Entwicklungen und Trends werden kontinuierlich abgebildet und dokumentiert. Abbildung 2 zeigt nun die Positionierung des Sportes im Freizeitverhalten der Jugendlichen im Alter von 12 – 19 Jahren.

Abbildung 2: Non-mediale Freizeitaktivitäten geschlechtsspezifisch JIM-Studie (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2008, S.6)[3]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 beweist die steigende Bedeutung des Sportes mit zunehmendem Alter. Auch hier wird der Unterschied zwischen den Geschlechtern sichtbar.

Einen Überblick über das wandelnde Sportinteresse mit zunehmendem Alter liefert Abbildung 3.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Non-mediale Freizeitaktivitäten nach Alter JIM Studie (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2008, S.7)[4]

Die 14. Shell Jugend Studie (2002) bezeichnet die heutige Jugend als „das unbekannte Wesen“, welches sich ständig auf der Suche nach Neuem, nach Abenteuer, Unabhängigkeit und Spontaneität befindet. Eine unbegrenzte Interessensvielfalt führt zu einer Vielzahl an Freizeitaktivitäten. Laut Deinet (2000) besuchen nicht weniger als 81 % mindestens einmal in der Woche einen Verein, eine Gruppe oder sonstige Einrichtung, um ihren sportlichen Drang auszuleben. (Ledig 1992, S.45, Herzberg/Hössl 1996, S.371)

Betrachtet man einzelne Freizeitinhalte der Kinder und Jugendlichen, bestätigt durch die Studien KIM und JIM, drängen sich die Bereiche Medien, Sport und die Nutzung von Kulturangeboten absolut in den Vordergrund. Auch die Wiadstudie 2000[5] belegt, dass der Sport mittlerweile, neben seinen stärksten Konkurrenten wie Computer, Internet und Fernseher, an oberster Stelle steht. Sport- und Bewegungsaktivitäten spielen sowohl in ihrer Bedeutung, als auch im Zeitplan der Kinder und Jugendlichen eine wichtige Rolle. Bei näherem Hinsehen werden allerdings Unterschiede in Abhängigkeit von Geschlecht, Alter und Herkunft deutlich. In ihren Ausführungen weist die 15. Shell Jugendstudie (2006) beispielsweise darauf hin, dass die soziale Herkunft einen maßgeblichen Einfluss auf das Freizeitverhalten der Jugend hat. Laut Studie beschäftigen sich Jugendliche aus den oberen Sozialschichten besonders häufig mit Lesen, kreativen oder künstlerischen Aktivitäten und pflegen in ihrer Freizeit soziale Kontakte. Kinder und Jugendliche aus sozial eher benachteiligten Familien, insbesondere männliche Jugendliche aus der Unterschicht, bilden die Gruppe der Technikfreaks, die ihre Freizeit vorrangig mit Computerspielen und Fernsehen verbringen. (vgl. Wiad Studie 2000)[6]

Eine Freizeit mit sportlicher Aktivität bedeutet eine Erweiterung der Lebenszufriedenheit und Lebensqualität. Kinder und Jugendliche sollen sich im Sport und seinen vielfältigen Varianten an Sportangeboten zurechtfinden und die Möglichkeit bekommen, sich den ihrem „Naturell“ am ehesten zugewandten Sportangebot zu nähern und aktiv daran zu beteiligen. Im Optimalfall deckt der Sport die Bedürfnisse und Interessen der Heranwachsenden nach Bewegung, Gesundheit, Geselligkeit und Ausgleich ab und beteiligt diese bei der Ausgestaltung der Angebote in erheblichem Umfang (Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“). Für junge Menschen eröffnen sich dadurch umfangreiche Erlebnis- und Erfahrungsmöglichkeiten, die ihnen bei der Bewältigung ihrer Sozialisationsaufgaben helfen. Theorien über den Zusammenhang von Bewegung und Lernen werden in zahlreichen Studien bewiesen und bestätigen die positiven Auswirkungen von körperlicher Bewegung auf intellektuelle Leistungen. Wiemann (2006) betont in einem Artikel der ZEITonline: "Jugendliche, die angesichts schwacher schulischer Leistungen häufig Frustrationen und Enttäuschungen erleben (…), können bei interaktiven Bewegungsspielen ein Gefühl der Zugehörigkeit erfahren und ihr Selbstwertgefühl steigern" (vgl. Greis 2006).

Von Geburt an haben Menschen den unbedingten Drang, sich zu bewegen Allerdings wird dieser Bewegungsdrang im Laufe der Zeit durch Familie, Schule oder Beruf eingeschränkt oder geht letztendlich ganz verloren. Die Aufgabe des Sports ist nun, dieses fehlende Grundbedürfnis auszugleichen. Die heutige moderne Sportpalette bietet zahlreiche und diverse Aktivitäten an. Von Mountainbiken über Skifahren, bis hin zu den Klassikern Fußball, Basketball oder Handball, kann sich ein jeder aus der langen Liste der Sportarten bedienen.

1.2 Wie oft treiben Jugendliche Sport?

Das Ifak Institut entwickelte eine Statistik (Statista.org 2009), welche die Häufigkeit des Sporttreibens der Jugendlichen im Altern von 14 bis 19 Jahren in Deutschland belegt. Der Statistik zur Folge betreiben 65% der Befragten in ihrer Freizeit regelmäßig Sport. „Gelegentlich“, sagen knappe 20%. Eine Gegenüberstellung zwischen männlichen und weiblichen Jugendlichen in dieser Altersspanne zeigt, dass im Gegensatz zu der Art (siehe I. 1.1), kein großer Unterschied in der Häufigkeit des Sporttreibens zwischen den Geschlechtern besteht. Nur knappe 4% weniger weibliche Jugendliche ab 14 Jahren treiben „regelmäßig“ Sport.

1.3 Beliebteste Sportaktivitäten der Jugend

Abbildung 4: Top Ten der beliebtesten Sportaktivitäten außerhalb des Vereins differenziert nach Geschlecht ; nach Brettschneider und Kleine (2002, S.15)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Grafik der „Top Ten“ - Sportaktivitäten (Abbildung 4) spiegelt deutlich die momentane Entwicklung und die sportliche Interessensvielfalt der heutigen Jugend wieder.

Vor allem bei den männlichen Heranwachsenden stehen die eher körperbetonten und wettkampforientierten Sportarten wie Fußball oder Basketball an erster Stelle. Jungen wollen durch den Sport vor allem ihre körperlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten erproben und sich anhand eines möglichen Wettkampfes mit anderen messen. Über den Sport lernen sie, ihre Kräfte „richtig“ einzusetzen, sich gewissen Regeln und Normen zu unterwerfen und erfahren respektvollen Umgang sowie Akzeptanz untereinander. Den Gegensatz dazu stellen die weiblichen Jugendlichen dar, die eher auf „ruhigere“ und weniger wettkampforientierte Sportarten aus sind. Mit zunehmendem Alter ist bei den Mädchen auch ein Rückgang von sportlicher Aktivität zu beobachten. Der Sport bildet hier eine wichtige Plattform für gemeinsame Unternehmungen. Gerade in diesem Alter gewinnen Körper und Aussehen vor allem bei weiblichen Jugendlichen an Bedeutung. Eine Motivation zur sportlichen Betätigung kann die Einstellung und Wahrnehmung zum eigenen Körper bewusster werden lassen und den oftmals geringen Selbstwert stärken.

In der Entwicklungsphase erleben die Jugendlichen eine Diskrepanz zwischen ihrer körperlichen Reife und der sozialen Entwicklung. Im Sport können sie Vertrauen in ihre körperliche Leistungsfähigkeit gewinnen, was zur positiven Selbsteinschätzung und größerem Selbstvertrauen führt, die Potentiale des Sports voll ausschöpft und ihn als geeignetes Medium darstellt.

1.4 Mit wem treiben Jugendliche Sport?

Geht man der Frage nach, mit wem Jugendliche heutzutage ihrer sportlichen Tätigkeit nachgehen, zeigt sich bei Jungen und Mädchen gleichermaßen die enorme Wichtigkeit der Peergroup. Auch der beste Freund oder die beste Freundin sind von entscheidender Bedeutung. Das alleinige Sporttreiben oder Sport mit Geschwistern ist eher bei den Mädchen angesagt.

Abbildung 5: Regelmäßige Sportpartner nach Tietjens (2001, S.126)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.5 Wo treiben Jugendliche Sport?

Um den hohen Stellenwert des Sports im jugendlichen Alter zu erkennen, genügt ein Blick auf die regelmäßig besuchten Orte, an denen die Heranwachsenden ihren Sport ausüben.

Abbildung 6: Regelmäßige Sportorte nach Kurz und Tietjens (2000, S.394)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6 verdeutlicht, dass neben den Sportvereinen und der Jugendarbeit mit ihren kommunalen Einrichtungen, auch Orte ohne sportspezifische Exklusivität, sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Heranwachsenden hoch im Kurs stehen. Kommerzielle Anbieter oder auch der Schulsport werden weniger aufgesucht.

2. Warum hat der Sport einen so hohen Stellenwert bei Jugendlichen?

Was genau macht den Sport vor allem für Jugendliche so interessant und attraktiv? Was suchen die Menschen im Sport?

Abbildung 7: Sinnhaftigkeit aus der Unterteilung des Sports nach Digel und Burk (2001)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Digel und Burk differenzieren in Abbildung 7 den Sinn des Sportes nach der Intensität der Ausübung. Mitglieder einer organisierten Einrichtung, wie die eines Vereins, suchen im Sport Wettkampf und Spannung, während für die so genannten „Freizeit- oder Hobbysportler“ wohl eher der Spaß und die Freude im Vordergrund stehen.

Der Bielefelder Sportpädagoge Kurz (1986) beantwortet die berechtigte Frage nach dem Sinn im Sport prägnant mit den Begriffen „Spannung, Abenteuer, Geschwindigkeit, Expressivität, Improvisation“. Er führt weiter aus, dass vor allem Jugendliche nach einem Sport suchen, der „kaum im Rahmen einer Sportart zu halten ist“. Die sich bietende Vielfältigkeit des Sports, der Spaßfaktor, die Herausforderung, die Geselligkeit und nicht zu vergessen der gesundheits- und attraktivitätsbezogene Aspekt, gekoppelt mit dem Erlernen von Sozialkompetenzen und der Förderung von Kommunikation und Solidarität sind genügend Argumente, um den Sport ins Rampenlicht zu katapultieren. Ebenso betont Kurz die „Differenzierung des Sports nach Lebenssituationen“, indem der Sport viele Beweggründe zugleich anspricht und ein Angebot entsteht, welches gesellig, spannend, belebend und fordernd zugleich ist (vgl. Kurz und Brinkhoff 1996; S. 40).

2.1 Sportinteresse ergibt sich aus den Anforderungen des Jugendalters

Wie bereits im vorherigen Abschnitt 1. kurz erwähnt, befinden sich Jugendliche im pubertierenden Alter in einer Phase der Diskrepanz zwischen körperlicher Reife und sozialer Entwicklung. Ständig sehen sie sich Situationen gegenüber, die verunsichernd und zugleich herausfordernd auf sie einwirken. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und der eigenen Persönlichkeit, die in dieser Zeit durchaus mit erheblichen Veränderungen „belastet“ wird, ist zu beobachten. Die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale (Bartwuchs, Stimmlage...), der geschlechtsspezifischen Körperformen (Muskelwachstum, breites Becken, Fettgewebe, breite Schultern) und das Wachstum der Extremitäten verändern zunächst die Körperproportionen und tragen dadurch zu einem allgemeinen Unsicherheitsgefühl der Pubertierenden bei. Die Jugendphase ist eine „kritische Periode“, in welcher neben der körperlichen Veränderung auch ein kognitiver Entwicklungsschub mit einigen Folgen einsetzt. Diese Vorgänge muss der Heranwachsende in Auseinandersetzung mit seiner Umwelt psychisch verkraften und verarbeiten (vgl. Nagl 2000, S.61). Die Aufgabe, nun selbst Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, die Suche nach der eigenen Persönlichkeit, oder auch die Eingliederung in die „Erwachsenenwelt“ ist mit zahlreichen Konflikten verbunden.

Allein die Auflistung dieser Tatsachen lässt erkennen, dass vor allem Jugendliche auf Rückhalt angewiesen sind, um die komplexen Veränderungen bewältigen zu können. Ob er nun als Ausgleich zum psychischen Stress durch Schule oder Ausbildung, als „Auspowerprogramm“ bei sonstigen Schwierigkeiten oder Ärgernissen, zum Treffpunkt für Freunde, oder zum Aufbau der motorischen und physischen Fertigkeiten gesehen wird, kann der Sport auf unterschiedlichste Art und Weise fungieren und den Jugendlichen die nötige Hilfestellung und Unterstützung bieten.

2.2 Entwicklungs- und Sozialisationsprozess der Jugend

2.2.1 Entwicklung

Zunächst einmal bedarf es der Klärung des Begriffes „Entwicklung“ bzw. dem daraus abgeleiteten „Entwicklungsprozess“. Entwicklung vollzieht sich als ganzheitlicher und lebenslanger Prozess im Leben des Menschen. Erikson definiert diesen Prozess als „wechselseitige Regulation“ (mutual regulation) (vgl. Schraml 1999). Er beschreibt es als eine Reaktion der Umwelt auf physisches und psychisches Verhalten des Kindes oder des Jugendlichen, wie auch die umgekehrte Reaktion; die Anpassung des Heranwachsenden an die Umwelt. Hieraus ergibt sich ein Kreislauf, dessen Ende bzw. Beginn unabsehbar, jedoch unwillkürlich miteinander verbunden sind. Der Mensch sieht sich im jugendlichen Alter kulturellen und gesellschaftlichen Erwartungen, Aufgaben, Anforderungen und auch Problemstellungen gegenübergestellt, die es zu bewältigen gilt.

Neben körperlichen Veränderungen und der Übernahme der jeweiligen Geschlechterrolle, erfolgt die langsame Abnabelung vom Elternhaus, sowie die Suche, das Finden und die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Die Gruppe der Gleichaltrigen (Peer-Group) erlangt immer größere Bedeutung und die Selbstfindungsphase erfordert ein ständiges Ausloten und Abtasten von Grenzen und Unbekanntem. Eine weitere Entwicklungsaufgabe besteht zudem im Erstreben und Erreichen von sozial verantwortlichem Verhalten.

Die sensibelste Phase der Entwicklung ist die Adoleszenz. Hier kommen die zwei Grundbemühungen des Heranwachsenden am besten zur Geltung. Diese bestehen einerseits aus der Bemühung, sich selbst zu erkennen und andererseits aus dem Bestreben, sich selbst zu gestalten und an sich zu arbeiten (vgl. Oerter & Montada 2002, S.292). Das in der Kindheit erworbene Selbstbild gerät zu diesem Zeitpunkt ins Wanken und wird ständig neu durchdacht und „überarbeitet“, bis letztendlich eine eigene Identität Gestalt annimmt.

2.2.2 Identität

Hurrelmann (1997, zitiert in Dörlöchter), beschreibt zu diesem Thema folgendes: „Identität wird (…) nicht als ein für allemal gelungener, feststehender und verlässlicher Besitz eines Menschen verstanden, sondern als ein Zustand des Selbsterlebens, der ständig neuen Interpretations- und Aushandlungsprozessen mit der äußeren Umwelt und der eigenen inneren Natur unterliegt“ (Dörlöchter 1997, S.275).

Erikson (zitiert in Hurrelmann 2008, S.147) definiert Identität als „eine lebendige und lebenslange Kraft, als einen Prozess und als einen Zustand, in welchen der Mensch sich selbst und seine kulturelle und soziale Welt mehr oder weniger geordnet in Wort und Tat, Bild und Geste zur Darstellung bringt.“ Des Weiteren betont er, dass sowohl die Gruppenidentität, als auch die persönliche Identität die grundlegenden Existenzweisen des Menschen ausmachen. Aufgrund der sozialen Einbindung und der daraus resultierenden Erfahrung von Gruppenidentität bildet der Mensch zugleich seine eigene und persönliche Identität aus. Allerdings ist eine ausgewogene Mischung aus Anregung zur Selbstbewältigung und Verantwortungsübernahme einschließlich Einhaltung von gesellschaftlichen Regeln und Normen nötig, um den Prozess der Identitätsentwicklung zu fördern. Persönlichkeitsentwicklung ist demzufolge ein lebenslanger, aktiver und dynamischer Prozess, der zu keiner Zeit „stillsteht“ oder wirklich „abgeschlossen“ ist.

Der Sport als Integrationsmedium vereint all diese grundlegenden Erfahrungsprozesse, indem er über kollektive Spielformen die Bildung sozialer Kontakte und Erfahrungen herstellt und dadurch zugleich die Persönlichkeit eines Heranwachsenden formt. Allerdings muss bedacht werden, dass nur durch die Einhaltung bestimmter „Spielregeln“ ein positiver Entwicklungsprozess gewährleistet wird.

Schon vor Jahrzehnten stellte Erikson ein hohes Maß an Identitätsdiffusion unter Jugendliche fest. Heute wird die soziale Identitätssicherung als dringlichstes Problem im Jugendalter gesehen. Die Beantwortung der Fragen „Wer bin ich?“ und „Wie will ich sein?“ ist unter dem schnellen Wechsel von Werten, Orientierungen, Moden und Lebensstilen immer schwieriger (Nagl 2000, S.66). Eine wirkliche Identitätsfindung zum Ende der Jugendzeit gibt es nicht, vielmehr hat sich der Prozess des Suchens auf das ganze Leben ausgedehnt.

2.2.3 Selbstkonzept

Eng verbunden mit der Entwicklung einer eigenen Identität, ist die Bildung eines Selbstkonzeptes. Laut Hartmann-Tews (Schmidt, Hartmann-Tews und Brettschneider 2003, S.219ff) stellt das Selbstkonzept das selbstreflektierende Bild einer Person dar, welches durch Beurteilungen und Zuschreibungen von Anderen, von der Umwelt oder dem Umfeld geprägt wird. Das Beziehungsverhältnis bzw. die Abhängigkeit zwischen der Persönlichkeits- und der Gesellschaftsentwicklung findet in dieser Phase ihren absoluten Höhepunkt und ist von einzigartiger Dichte. Die Heranwachsenden stehen vor der kaum zu überschaubaren Aufgabe, ihren eigenen Weg in dem Wirrwarr aus den verschiedenen Lebensbereichen, wie Familie, Schule, Freunde, Berufsausbildung, Freizeit, Medien, Konsum, Partnerschaft, Recht und Religion zu finden (vgl. Hurrelmann 2005). Dass ein wachsender Anteil der Jugendlichen mit dieser Situation überfordert zu sein scheint, ist nur allzu verständlich. Sie verfügen weder über die personalen, noch über die sozialen Ressourcen, um dem Belastungsdruck standzuhalten und diesen erfolgreich meistern zu können. Marsh (1990) vertritt ähnliche Auffassung, und beschreibt den Begriff des Selbstkonzeptes ganz kurz und prägnant mit dem „Bild von sich selbst“ (vgl. Letzian 2007, S.7) . Gemeint sind damit die Wahrnehmungen und Vorstellungen des Heranwachsenden von den eigenen Fähigkeiten, Handlungen und Fertigkeiten, als auch die Erfahrungen, die er im sozialen Umfeld macht. Dieser „Lernprozess“ hat wiederum Auswirkung auf Handlungen und Entscheidungen, welche dann weiteren Einfluss auf die Biografie und die persönliche Entwicklung des jungen Menschen haben.

Um nun die schwierigen und zahlreichen Entwicklungsaufgaben bewältigen zu können und das Spannungsverhältnis von Individuations- und Integrationsanforderungen abzuarbeiten, sind neben den individuellen Bewältigungsfähigkeiten („personale Ressourcen“) auch soziale Unterstützungen durch die wichtigsten Bezugsgruppen („soziale Ressourcen“) notwendig. Hier tritt nun der Sport in Erscheinung und offenbart seine Vielfältigkeit und Unterstützungsleistung. Denn wie und ob Kinder und Jugendliche mit den an sie gestellten Erwartungen und Forderungen auskommen und umgehen können, hängt entscheidend auch vom Ausmaß der Hilfestellung durch ihre soziale Umwelt ab. Diese Hilfen können materieller Art sein, sollten allerdings insofern eingegrenzt werden, als dass eine Stärkung der Selbstorganisation noch möglich bleibt. Spielräume für andere und von der Erwartung abweichende Lösungswege sollten akzeptiert und erlaubt werden. Letztendlich können eigene Erfahrungen nur durch eigenes Handeln gemacht und individuelle Muster erprobt werden. Allerdings dient es nicht dem Zwecke der Identitätsfindung und Integration, wenn Kinder und Jugendliche sich selbst überlassen und in einen weiteren „Pool“ geworfen werden, in dem sie sich wieder zahlreichen neuen und unsicheren Situationen gegenübersehen.

Eine fachkundige und qualifizierte Betreuung ist deshalb unbedingt notwenig und sinnvoll, um die positiven Charakterzüge des Sports voll auszuschöpfen.

Zwischenmenschliche Erfahrungen und das gemeinsame Sporterleben steigern die Akzeptanz und Achtung untereinander. In Familie, Schule, Beruf, Freundeskreis, anderen wichtigen Bezugsgruppen oder im Sport müssen möglichst flexible, aber dennoch eindeutige „Mindeststandards“ und Regeln vereinbart werden, um die Gestaltung der sozialen Beziehung zu definieren. Die Jugendlichen erhalten durch den Sport quasi einen Übungsraum, der ihnen eine einmalige Gelegenheit bietet, ihre Grenzen zu testen und die nötigen Erfahrungen zu sammeln.

2.3 Herausforderungen durch den gesellschaftlichen und soziodemographischen Wandel

„Das Lebensumfeld der Kinder und Jugendlichen ist heute geprägt durch bewegungs“lose“ Konsumattraktionen in Wechselwirkung mit der Nutzung modernster Technologien (Fernsehen, Multimedia, PC), zunehmender Verplanung der Lebenszeit und Mangel an Bewegungsraum (…)“ (Fessler, Seibel und Strittmacher 2004, S.11).

2.3.1 Gesellschaftlicher Wandel

Junge Heranwachsende müssen sich heutzutage mit einer Vielzahl von Veränderungen in der sozialen, wie auch ökologischen Umwelt auseinandersetzen. Das Netz aus sozialen Erwartungen und Verpflichtungen wird zunehmend komplexer (vgl. Hurrelmann 2005, S.22). Im Gegensatz zu früheren Generationen vollziehen sich Veränderungen in einer wesentlich höheren Geschwindigkeit und Dichte.

Im Folgenden will ich einige gesellschaftliche Veränderungen aufführen:

- psycho-soziale Belastungen (Familien-, Schul-, Freizeitstress)
- ganztägige Betreuung; abseits vom Elternhaus
- körperliche und motorische Entwicklungsdefizite
- Orientierungslosigkeit und Aggressivität des Jugendkonsummarktes
- früherer Beginn des Alkohol- und Tabakkonsums
- Medikamentenmissbrauch und der Konsum illegaler harter Drogen
- Soziale Desintegration (Auflösung sozialer Bindungen)
- Delinquenz und zunehmende Gewalt unter Kindern und Jugendlichen
- Überzogener, unreflektierter Medienkonsum
- Ausbreitung von ethnischen Konflikten
- Normative Desorientierungen

Allgemein ist zu beobachten, dass die jüngere Generation der 10 und 11jährigen immer stärker in die Angebote und Räume der älteren Jugendlichen drängen und sich die traditionelle Adoleszenzphase biographisch gewissermaßen „vorverlagert“. Schon in der Altersgruppe der 9 – 14jährigen finden sich Verhaltensweisen von Ablösung und demonstrativer Abgrenzung. Am Beispiel Alkohol lässt sich diese „Vorverschiebung“ ziemlich deutlich erkennen. „Kinder“ machen sehr früh erste Erfahrungen mit alkoholischen Getränken. Parallel dazu ist festzustellen, dass die Zahl der älteren Jugendlichen steigt, die nach dem Ende der Schul- oder Ausbildungszeit keinen Übergang in eine selbständige „Erwachsenenrolle“ finden. Im Umgang mit den Jugendlichen stellt sich für den Sozialarbeiter dann die Frage, ob er „noch einem Kind oder schon einem Erwachsenen“ gegenübersteht, da eine ständig wechselnde Fassade des Heranwachsenden nicht selten ist.

Auch die geplante und teilweise schon praktizierte ganztägige Betreuung führt zu grundlegenden Veränderungen im Lebensalltag von Kindern und Jugendlichen. In Folge dessen verlagern sich die Angebote der Jugendarbeit vermehrt auf die Abende, da deren „Klientel“ vor- und nachmittags versorgt ist.

Durch diese Vielzahl von einschneidenden Veränderungen ergeben sich für die Heranwachsenden nicht nur neue Chancen, sondern vielmehr auch Risiken und Verantwortungen, die sie noch gar nicht in der Lage sind zu tragen. Eng damit verbunden sind verständlicherweise auch neue physische, psychische und soziale Belastungsformen, die ihre noch ausbaufähigen Kapazitäten überfordern und dementsprechend die Entwicklung zu einem Angstprozess werden lassen. Das hat zur Folge, dass immer mehr Kinder und Jugendliche mit sozialen und psychischen Problemen zu kämpfen haben (vgl. Fessler, Seibel & Strittmatter 1998, S.11), welche durchaus prägend für den weitern Lebensweg sein können.

2.3.2 Soziodemographischer Wandel

Die Bedeutung der Familie wird aufgrund des „soziodemographischen Wandels“ angezweifelt. Trotz aller Diskussionen ist es allerdings die Herkunftsfamilie, welche die Persönlichkeitsentwicklung eines Jugendlichen immer noch am meisten beeinflusst (Nagl 2000, S.78). Die 15. Shell Jugend-Studie (2006) bestätigt, dass „der Rückhalt im privat-familiären Bereich Spannungen entschärft.“ In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit bietet die Familie Sicherheit, sozialen Rückhalt und emotionale Unterstützung. Doch so wichtig die Familie für die Entwicklung der Jugendlichen bleibt, so sehr ist sie doch auf die Ergänzung durch die übrigen Erziehungsinstitutionen angewiesen.

2.4 Bewältigungsmöglichkeiten dieser Herausforderungen

Jugendliche in der Identitätsentwicklung befinden sich auf der ständigen Suche nach Orientierung, Stabilität und Struktur. Es bedarf einer Kombination aus Freiheit, Anregung zur Selbständigkeit und gleichzeitiger klarer Struktursetzung, welche so gewählt werden sollte, dass sich der Jugendliche weder eingegrenzt, noch durch zu große Handlungsspielräume verwirrt fühlt. Speziell die für die Aufgaben von Erziehung und Sozialisation wichtigen Instanzen und Einrichtungen, wie Schulen, Ausbildungsstätten, Jugendhäuser, Freizeitstätten, Beratungsstellen und Einrichtungen der Jugendhilfe, sind aufgefordert, diese Ziele zu verfolgen.

Wie Jugendliche nun mit diesen auf sie geradezu einstürzenden Anforderungen zurechtkommen, hängt von den Hilfestellungen der sozialen Umwelt ab. Diese Unterstützungen sollen so eingesetzt werden, dass sie den Jugendlichen noch „Platz“ zur Selbstorganisation bieten. Räume müssen geschaffen und gleichzeitig Grenzen („Haltepunkte“) gesetzt werden. Weiterführend müssen diverse Lösungsmuster und Wege akzeptiert und probeweises Handeln erlaubt werden.

Dieser Balanceakt zwischen dem Gewähren von eigenen Lösungswegen und dem notwendigen Festlegen von Regeln und Umgangsformen, stellt für viele soziale Beziehungsnetze eine große Herausforderung dar. Optimal und förderlich für die Entwicklung der Identität ist eine ausgewogene Mischung zwischen der Anregung zur Selbständigkeit und der Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln. Die Unterstützung durch die unmittelbare Umwelt spielt eine entscheidende Rolle und entfaltet ihre volle Wirksamkeit, wenn sie sich mit ihren verschiedensten Formen und Arten von Hilfe (emotional, instrumentell, sozial) zu einem Unterstützungsnetzwerk verbindet, welches auf die vielfältigsten Situationen die angemessenen Antworten bereithält.

2.4.1 Netzwerke

Heranwachsende brauchen Organisationen, Einrichtungen und Menschen, die ihnen Glauben, Respekt, Mut und Verantwortung geben. Gleichzeitig müssen diese aber auch Struktur, Sicherheit und Verlässlichkeit bieten, sowie Achtung, Toleranz und kooperatives Verhalten vorleben. Kinder und Jugendliche müssen lernen, persönliche und soziale Verantwortung zu übernehmen, um sich gewissen Anforderungen und Herausforderungen stellen zu können.

Schulen, Ausbildungsstätten, Medien und vor allem auch der Freundeskreis, zählen neben der Familie zu den wichtigsten „Sozialisationsinstanzen“. Diese Unterstützer und Vermittler beeinflussen den Sozialisationsprozess des Heranwachsenden auf bewusste oder oftmals auch unbewusste Art und Weise.

Je größer die Anzahl und Vielfältigkeit der Menschen ist, mit denen Jugendliche interagieren - „Ressourcen-Pool“ (Hurrelmann 2008, S.63) -, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie emotionale, informative und praktische Unterstützung erhalten, um eine bestimme Aufgabe zu meistern oder einen Lerneffekt zu erzielen. Eine Stärkung der sozialen Ressourcen und somit ein Aufbau eines Sozialen Netzwerkes ist deshalb von immenser Bedeutung. Unter sozialem Netzwerk versteht man die Gesamtheit von sozialen Kontakten und emotional bedeutsamen Beziehungen einer Person, welches bei Kindern und Jugendlichen aus vielen Teilnetzwerken, z.B. Familie, Schule, Freundeskreis, Sportverein usw. besteht (vgl. Sygusch 2007, S.75). Dieses soziale Netzwerk stellt sozusagen die Basis für soziale Integration dar und sorgt für die notwendige soziale Unterstützung.

Als günstigen Aufbau eines Unterstützungsnetzwerkes beschreibt Hurrelmann (2008) die „systemübergreifende“ Verknüpfung der Kontakte von Repräsentanten verschiedener Unterstützungskreise.

Ein für das Jugendalter idealtypisches soziales Netzwerk ist in folgender Abbildung 8 dargestellt.

Abbildung 8: Idealtypisches Soziales Netzwerk nach Hurrelmann (2002, S.203)

Informelle Unterstützungssysteme Formelle Unterstützungssysteme

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch die Querverbindungen in Abbildung 9 werden die zahlreichen Verknüpfungen der unterschiedlichen Unterstützungskontakte sichtbar.

Viele Ressourcen bergen ein Gefühl von Sicherheit. Dieses Gefühl ist für Jugendliche in ihrer schwankenden und stets unsicheren und beunruhigenden Phase von großer Bedeutung. Innerhalb dieses eigens aufgebauten Netzwerkes übernimmt der Heranwachsende bestimmte Aufgaben, Verantwortungen und Funktionen und trägt somit seinen Teil zur Funktion des großen und ganzen Netzwerks bei. Es entstehen Kontakte und Beziehungen, die für den Jugendlichen von emotionaler Bedeutung sind und zu einem sozialen Rückhalt werden (können). Diese soziale Unterstützung umfasst auch die gemeinsame Bewältigung bei auftretenden Problemen. Durch einen „großen Ressourcen-Pool“ stellt man sich neuen Herausforderungen und Aufgaben leichter, was wiederum Auswirkung auf das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl hat.

2.4.2 Peergroup – Ankerpunkt im sozialen Netzwerk

Einen hohen Stellenwert und enorme Wichtigkeit in dieser Phase der Identitätssuche erhält die Gruppe der Gleichaltrigen. Die Peergroup bietet bei der Bewältigung von diversen anstehenden Entwicklungsaufgaben ein hohes Maß an Solidarität und wirkt dadurch stark auf die Alltags- und Wertorientierung, Freizeitbeschäftigung und den Lebensstil der Gleichaltrigen ein. „Die Gruppenzugehörigkeit steuert die Identität“ (Jugendhilfeplan Augsburg 2006, S.33). Auch um das Grundbedürfnis nach sozialer Anerkennung zu befriedigen, wenden sich Jugendliche in dieser Phase ihrer Clique zu. Sie stellt auf der Suche nach dem individuellen Lebensmuster eine Art Verbindung zwischen der Intimität, Sicherheit und Geborgenheit der Familie und der offenen, komplexen Gesellschaft dar. Sozialisationsschwächen der Familie werden kompensiert, der Ablösungsprozess mit dieser gefördert und Sicherheit, sowie Überbrückungshilfen zur Identitätsfindung gegeben. Für die Ausbildung und Ausübung bestimmter Verhaltensweisen und die Übernahme von diversen Rollen (z.B. Konsumenten-, Geschlechterrollen) wird die Peergroup zu einem Erfahrungsraum, wie sie dem Jugendlichen in vergleichbarer Art und Weise kaum zur Verfügung stehen (vgl. Nagl 2000,S. 88).

[...]


[1] http://www.mpfs.de/ vom 10.02.2009; 11:07 Uhr

[2] Quelle: www.mpfs.de / KIM-Studie 2008, Angaben in Prozent; Basis: Gesamt (n=1.206)

[3] JIM-Studie 2008, Angaben in Prozent; Basis: alle Befragten (n=1.208)

[4] JIM-Studie 2008, Angaben in Prozent Basis: alle Befragten (n=1.208)

[5] Quelle: http://www.sportunterricht.de/lksport/wiadstudie01.html; 27.01.09; 11:28

[6]

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Sport als Mittel zur Integration von Jugendlichen
Untertitel
Am Praxisbeispiel „Integration durch Sport“ im Stadtteil Oberhausen, Augsburg
Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten
Autor
Jahr
2009
Seiten
73
Katalognummer
V136655
ISBN (eBook)
9783640438679
Dateigröße
1109 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Mittel, Integration, Jugendlichen, Praxisbeispiel, Sport“, Stadtteil, Oberhausen, Augsburg
Arbeit zitieren
Carolin Graf (Autor), 2009, Sport als Mittel zur Integration von Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136655

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