Tiere als Lehrmeister

Neue Lernchancen durch die 'Tiergestützte Pädagogik'


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2009
10 Seiten

Leseprobe

Tiere als Lehrmeister

Zunehmend werden schuleigene Tiere für pädagogische Zwecke angeschafft.

Was kann durch sie gelernt werden?

Vor rund 10 Jahren war der Besitz eines Tamagotchis, einem aus Japan importieren Elektronikkükens, bei vielen Kindern (und Erwachsenen) ‚in‘. Nicht selten wurde es (zum Leidwesen vieler Lehrkräfte) mit in die Schule gebracht, wo das virtuelle Geschöpf, früher oder später, die volle Zuwendung seines Besitzers einforderte: Es musste zuverlässig ‚gefüttert‘ und ‚gepflegt‘ werden und es durfte natürlich auf keinen Fall ‚sterben‘. Fragte man damals Mädchen und Jungen, nach den Gründen, weshalb sie ein Tamagotchi besaßen, so erhielt man u.a. folgende Antworten:

- „Es ist wie ein echtes Tier. Man kann es füttern, groß oder wieder klein werden lassen.“
- „Man will für etwas Verantwortung übernehmen.“
- „Es ist modern und lustig, und man kann sich die Langeweile damit vertreiben.“[1]

Auch im Jahr 2007, so ein Ergebnis der World Vision Kinderstudie, sind Produkte der High-Tech-Welt für Acht- bis Elfjährige ihr aller größter Herzenswunsch. Auf Platz 2 ihrer Wunschliste finden sich weitere materielle Dinge, wie etwa Sportartikel. Doch auf dem 3. Platz des Wunschzettels ist das (‚echte‘) Haustier zu finden! Dieser Wunsch rangiert sogar vor Wünschen wie „Zufriedenheit/Gesundheit“ (Platz 6), „Schulerfolg“ (Platz 8), oder dem Wunsch nach der „Lösung von familiären Problemen“ (Platz 10) (vgl. Hurrelmann 2007, S. 202).

Die Disposition des Menschen, einen Bezug zu Tieren aufbauen zu können, sich emotional davon angesprochen zu fühlen und sich fürsorglich (insbesondere um Jung-) Tiere kümmern zu wollen, ist Teil seiner Entwicklungsgeschichte (vgl. Olbrich 2003, S. 68ff) und, so MEVES/ILLIES (1981, S. 36), eine „[…] normale Konsequenz der menschlichen Liebes- und Bindungsfähigkeit“.[2] Es dürfte daher vermutlich auch in Zukunft schwierig sein, das Tier von einem der ‚Top-3-Plätze’der Wunschlisten von Kindern zu verdrängen.

Im selben Jahr (2007) zählte man „23 Millionen Haustiere (ohne Zierfische und Reptilien)“[3], in deutschen Haushalten. Ein Grund für ihre Haltung mag darin zu sehen sein, dass immerhin über 80 Prozent der Deutschen die Meinung vertreten, dass Heimtiere für die Entwicklung von Kindern förderlich sind, wie eine Umfrage des Markforschungsinstituts TCV im Jahr 2009 ergab. Dabei wird Tieren oftmals eine Rolle als Miterzieher für Heranwachsende zugeschrieben, da sie ihren jungen Besitzern Zuverlässigkeit, Rücksichtnahme, Verzicht, Einfühlungsvermögen, Respekt etc. abverlangen. Pollack (2009, S. 89) vertritt gleichfalls die Ansicht, dass die Haltung von Haustieren „[…] ein ernstzunehmender und positiver Erziehungsfaktor für die gesamte Entwicklung des Kindes“ ist. In vergleichbarer Weise äußert sich v. Hentig (1993, S. 242), wenn er schreibt: „Die Tiere sind erstens ein anschauliches Lernobjekt […], zweitens ein Gegenstand buchstäblich unerbittlicher Verantwortung […], drittens ein Partner, Tröster, etwas Geliebtes, das mich wiederliebt.“

Die permanent steigende Zahl an Medienberichten über die positive Wirkung von Tieren auf den Menschen, sei es im physischen, psychischen oder sozialen Bereich, dürfte mit dafür verantwortlich sein, dass immer mehr Lehrkräfte sich mit dem Gedanken tragen, in Zukunft auch Tiere an der Schule halten zu wollen, um für alle Schülerinnen und Schüler entsprechende Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. „Es gibt bestimmt viele Gründe, keine Tiere in der Schule zu wollen, aber ich denke, die andere Seite überwiegt", so äußerte sich die Schulleiterin einer im sozialen Brennpunkt gelegenen Grund- und Hauptschule. Dort tummeln sich mittlerweile Kaninchen, Meerschweinchen und andere Kleintiere. Das Tierhaus[4] sowie das dazugehörende Freigehege gestaltete man bewusst als Wohlfühlort für Mensch und Tier.

Diese Um- und Ausgestaltung einer Schule zu einem Lebensraum für Menschen mit Tieren ist, als generationenübergreifendes Projekt von Erwachsenen (Pädagogen, Eltern, externen Fachkräften etc.) und Kindern unterschiedlicher Jahrgangsstufen, eine Aufgabe, an der sich selbst die Jüngsten aktiv beteiligen können. Partizipation vermittelt Kindern und Jugendlichen die Erfahrung gebraucht zu werden und fördert darüber hinaus die Identifikation mit der Schule (vgl. Otterstedt 2007, S. 359).

[...]


[1] Strunz, I.: Überlegungen zum Erscheinungsbild von Natur und seine Auswirkungen auf den Naturbegriff bei Kindern und Jugendlichen. Darin: Befragung von Fünftklässlern an einer Münchner Hauptschule. LMU München, 1998 (unveröffentlicht).

[2] Beetz (2003) sieht ebenfalls in der menschlichen Bindungsfähigkeit einen Erklärungsansatz für den Aufbau von Mensch-Tier-Beziehungen.

[3] Petrich-Hornetz, A. (2009): Heimtiere in Deutschland sind ein Milliardengeschäft. Das Haustier als Wirtschaftsmacht. Verfügbar unter:

http://www. Wirtschaftswetter.de/ausgabe91/ wirtschaftsmachthaustier.html

[4] Davon zu unterscheiden ist der Schulzoo, wie etwa von v. Hentig (1993, S. 241) oder von Vernooij/SchneiderR (2008, S. 163f) beschrieben. Zwar sind die intendierten Ziele weitgehend identisch, doch unterscheiden sich Tierhaus und Schulzoo hinsichtlich ihrer Größe/Fläche und in Bezug auf die dort vorzufindende Vielfalt/Anzahl an Tieren.

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Details

Titel
Tiere als Lehrmeister
Untertitel
Neue Lernchancen durch die 'Tiergestützte Pädagogik'
Autor
Jahr
2009
Seiten
10
Katalognummer
V138193
ISBN (eBook)
9783640465934
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tiere, Lehrmeister, Neue, Lernchancen, Tiergestützte, Pädagogik
Arbeit zitieren
Dr.phil. Dipl.-Päd. Inge Angelika Strunz (Autor), 2009, Tiere als Lehrmeister, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138193

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