Zur Darstellung des Umbruchs der Psychiatrie um 1900 in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz"


Hausarbeit, 2009
18 Seiten, Note: 1,3
Anne Gißke (Autor)

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Paradigmenwechsel in Psychologie und Psychiatrie
2.1. Die Ausgangssituation Anfang des 19. Jahrhunderts
2.2. Die Neuorientierung um

3. Der Doktor Döblin
3.1. Die Arbeit als Nervenarzt
3.2. Döblins Einstellung zur Psychoanalyse

4. Die Darstellung des Umbruchs in „Berlin Alexanderplatz“
4.1. Das Neunte Buch
4.2. Die alte Generation
4.1.1 Definition Katatoner Stupor
4.1.2 Darstellung im Roman
4.3. Die Darstellung der jungen Generation

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Alfred Döblins Durchbruch mit seinem Roman „Berlin Alexanderplatz“ zeigte viel Resonanz nach der Rezeption. Etliche Wissenschaftler beschäftigten sich mit der Montagetechnik, die er anwendet, andere wiederum untersuchten die Großstadtthematik. Ein Zusammenhang zwischen seiner Arbeit als Nervenarzt und dem Roman wurde jedoch selten zum Thema gemacht.

Jedoch zeigt folgendes Zitat von Döblin, dass diese beiden Arbeitsfelder sich gegenseitig durchliefen und sich somit in gewissem Maße auch wechselseitig bedingten: „Darum läuft bei mir auch im strengen Sinne Medizin und literarische Arbeit nicht nebeneinander […]“[1].

In der vorliegenden Hausarbeit soll jedoch ein eher einseitiger Einfluss der praktizierten Medizin auf das literarische Schaffen im Vordergrund stehen. Diese Eingrenzung ist von Nöten, da der Arzt Alfred Döblin in einer besonderen Zeit lernte und praktizierte.

Daher beschäftigt sich das erste Kapitel dieser Hausarbeit mit der Zeit von circa 1800 bis kurz nach der Jahrhundertwende. Zunächst soll die Ausgangssituation um die Psychologie aufgezeigt werden, um darauf aufbauend die Entstehung der deutschen Psychiatrie und ihre Probleme charakterisieren zu können- aus diesen ergeben sich unterschiedliche Positionen, die das 19. Jahrhundert prägten.

Im zweiten Schritt werden die medizinische Bildung sowie die Arbeit Döblins auf der Grundlage der Auseinandersetzungen im Umbruch analysiert, um eine etwaige Einstellung des Autors herauszuarbeiten.

Auf der Basis der Überlegungen zu Zeit und Autor soll der Roman „Berlin Alexanderplatz“ einer Analyse unterzogen werden, die sich vornehmlich mit dem neunten Buch beschäftigt, das den Aufenthalt Franz Biberkopfs in der Irrenanstalt Berlin- Buch thematisiert. Hierbei tritt ein Streitgespräch zwischen den Ärzten in den Vordergrund, das auf die Darstellung möglicher Positionen der Psychologie und der Psychiatrie hin untersucht wird.

2. Der Paradigmenwechsel in Psychologie und Psychiatrie

2.1. Die Ausgangssituation Anfang des 19. Jahrhunderts

Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts befand sich das Denken um die Unterbringung von Geisteskranken, zu dieser Zeit noch ‚Wahnsinnige‘ genannt, in einem Umbruch, aus dem heraus die Psychiatrie erwuchs. Die wichtigste Rolle in diesem Prozess spielte wohl Phillipe Pinel, der sich als einer der Ersten dafür einsetzte, dass Strafgefangene und Wahnsinnige nicht mehr zusammen in einer Einrichtung untergebracht sein sollten. Dies stellte für die Betroffenen einen wichtigen Schritt dar, nicht zuletzt weil sie unter teils unmenschlichen Bedingungen leben mussten. So ist es für unser heutiges Verständnis erschreckend zu wissen, dass Kranke für Menschenausstellungen herhalten mussten oder an einer Leine befestigt ihren Alltag fristeten.[2]

Es kann demnach mit Recht behauptet werden, dass das Wissen um derartige Erkrankungen dem Menschen in diesem Fall noch nicht zugänglich war, was sich jedoch grundlegend ändern sollte.

Je mehr sich Ärzte und Forscher mit den Fragen um geistige Störungen beschäftigten, desto mehr musste zugegeben werden, dass die Grenze zwischen Wahnsinn und Normalität eher schwimmend verlief. Dies brachte die Schwierigkeit mit sich, dass dieser Wahnsinn nicht so leicht erkennbar war, wie dies vorher angenommen wurde, als die Linie noch straff gezogen wurde. Durch das vermeintlich sonderbare Verhalten, dass diese Menschen an den Tag legten, wurde angenommen, dass derartige Krankheiten den Charakterzug eines Mangels an Freiheit tragen würden. So ist die Rede davon, dass die „[…] Unfähigkeit zur Selbstbestimmung also der allgemeine Charakter aller psychischen Krankheiten ist.“[3]

Solche und ähnliche Auffassungen sorgten dafür, dass die Beobachtung von Geisteskranken zunehmend interessanter wurde, nicht zuletzt, da die Beobachtung des Menschen zumeist mit Wissenserzeugung einhergeht. Trotz dieser Bemühungen konnte sich das neue Gebiet der Psychiatrie in der Medizin zunächst nicht vollends rechtfertigen, da noch zu viele Fragen ungeklärt waren. Dieses Problem wurde durch verschiedene Forscher umgegangen, indem sie dieses Wissensgebiet einfach eigenständig auf diesen Stand erhoben. Die anscheinende Verbindung zur Psychologie konnte erst später herausgearbeitet werden, da es im 19. Jahrhundert enorm viele unterschiedliche Auffassungen gab, welche zumeist die Psychologie und die Psychiatrie als unvereinbare Teile der Medizin beurteilten.

Bis in die Jahre um 1830 war der maßgebende psychologische Diskurs naturphilosophisch- idealistisch geprägt[4], das heißt mit den Worten Pinels, dass der Wahnsinn „[…] im Allgemeinen als Wirkung organischer Verletzung des Gehirns und folglich für unheilbar angesehen […]“[5] wurde. Erst nach 1830 fanden sich neue Denkweisen, die nun durchaus auch seelische Verletzungen als mögliche Ursachen in Betracht zogen und somit eine Heilung denkbar machten.

Ein wichtiger Paradigmenwechsel, der sich schon vor 1900 vollzog, entstand durch die Verbreitung des Buches ‚Lehrbuch der Psychologie‘ von Johann Friedrich Herbart.[6] Wichtig war sein Ansatz insofern, als dass er die Psychologie wie auch Psychiatrie als Wissenschaften im eigentlichen Sinn verstand. Die Heranführung der Inhalte beider Gebiete an eine wissenschaftliche Arbeitsweise führte zu Vergleichbarkeit und somit zur Möglichkeit einer empirischen Überprüfung von Ergebnissen. Dies geschah vornehmlich anhand von Experimenten und deren mathematischer Auswertung, soll heißen dass

„[…] Experimente und Statistik grundsätzliche Prinzipien im Sinne von Ordnung, Gesetz und Vorhersagbarkeit schaffen sollen […]“[7]. Diese Forderung brachte jedoch wieder neue Probleme mit sich, da immer noch unterschiedliche Meinungen über die Ursache von geistigen Störungen herrschten. So hätte es sich als schwierig erwiesen, Statistiken aufzustellen, wenn davon ausgegangen würde, dass psychische Krankheiten seelisch bedingt wären. In dem Kontext der Überprüfbarkeit sei noch die daraus entstandene Psychophysik durch Gustav Theodor Fechtner erwähnt, die sich an einer Übertragung der physikalischen Gesetzmäßigkeiten auf die menschliche Psyche versuchte. So sah Fechtner einen messbaren Zusammenhang zwischen der menschlichen Reizempfindung und der darauf folgenden Sinneswahrnehmung.

Neben den aufgezeigten verschiedenen Richtungen des 19. Jahrhunderts gab es selbstverständlich noch wesentlich mehr Beispiele, an dieser Stelle seien zum Beispiel die Charakterkunde oder auch die Gedächtnispsychologie erwähnt.

Auf dieser Grundlage bildeten sich jedoch zwei maßgebliche Denkweisen heraus, die im folgenden kurz vorgestellt werden sollen, da sie im dritten Punkt wieder eine Rolle spielen werden und die Voraussetzungen für den Umbruch waren, der sich anschloss. Es handelte sich dabei zum einen um die Gruppe der Psychiker und zum anderen um die Somatiker- auch Organiker genannt.

Da die Psychiker der Meinung waren, dass die Störungen des Geistes auf eine Sünde des betreffenden Menschen zurückzuführen sei, stellten sie demnach die körperlose Seele in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Anhänger dieser Auffassung wie Johann Christian August Heinroth und Carl Wilhelm Ideler nahmen dabei den Standpunkt einer philosophischen und religiösen Perspektive ein. Bereits in diesen Ideen stand demnach die erkrankte Seele im Mittelpunkt.

Dem gegenüber fanden sich unter anderem Friedrich Nasse und Maximilian Jacobi als Somatiker ein. Da sie auch als Organiker bekannt waren, erklärt sich nahezu von selbst, dass sie einen kranken Körper in Betracht zogen. Geisteskrankheiten sollten ihrer Meinung nach von einem organischen Standpunkt aus gesehen werden, da die Seele aufgrund ihrer Immaterialität und ihres

„[…] gott- ähnlichen Charakters […]“[8] nicht erkranken könnte.

Ab dem Jahr 1840 entstand durch Wilhelm Griesinger ein weiterer neuer neurophysiologischer Ansatz, der naturwissenschaftlich- materialistisch geprägt war. Dieser verlieh der enormen Vielfältigkeit von Theorien eine gewisse Stabilität und war somit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorherrschend. Der inhaltliche Schwerpunkt wurde durch die Gleichsetzung der Psychiatrie mit der Neuropathologie geschaffen.[9] Dies wurde so gedacht, dass die „ […] Seele im Sinne jener Summe aller Gehirnzustände als Symptom und Funktion des Gehirns […]“[10] fungierte. Trotz dessen wurde die Grundlage der psychischen Erkrankungen noch immer in der Abweichung physiologischer Gegebenheiten verortet. Den wichtigsten Ausgangspunkt bildete dabei Griesingers Werk „Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, für Aerzte und Studirende (sic.)“.[11]

Im Mittelpunkt der Bestrebungen stand auch weiterhin, herauszufinden wo die

Grenze zwischen gesunden und erkrankten Menschen zu verorten war. Hierbei

vertritt der Forscher die Meinung, dass der psychisch gesunde Zustand in engem

Zusammenhang mit dem steht, was Normen und Werte als wünschenswert

festlegten. Bis zur Jahrhundertwende hat diese Theorie als eine der wichtigsten

Bestand.

[...]


[1] Ingrid Maaß: Regression und Individuation. Alfred Döblins Naturphilosophie und spate Romane vor dem Hintergrund einer Affinität zu Freuds Metapsychologie, Frankfurt am Main 1997 S. 36.

[2] Wolfgang Schäffner: Die Ordnung des Wahns. Zur Poetologie psychiatrischen Wissens bei Alfred Döblin, München 1995 S. 89.

[3] Ebenda., S. 25

[4] Vgl. Olaf Schwarz: Das Wirkliche und das Wahre. Probleme der Wahrnehmung in Literatur und Psychologie um 1900, Kiel 2001 S. 51.

[5] Schäffner: Die Ordnung des Wahns, S. 258

[6] Vgl. Schwarz: Das Wirkliche und das Wahre, S. 51

[7] Ebenda., S. 51

[8] Schwarz: Das Wirkliche und das Wahre, S. 76

[9] Ebenda., S. 78

[10] Ebenda., S. 80

[11] Schwarz: Das Wirkliche und das Wahre, S. 79

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zur Darstellung des Umbruchs der Psychiatrie um 1900 in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz"
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V138438
ISBN (eBook)
9783640475667
ISBN (Buch)
9783640475605
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Umbruch der Psychiatrie, Psychiatrie 1900, Alfred Döblin, Berlin, Alexanderplatz
Arbeit zitieren
Anne Gißke (Autor), 2009, Zur Darstellung des Umbruchs der Psychiatrie um 1900 in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138438

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