Was bedeutet Männlichkeit heute?


Hausarbeit, 2007

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ein Mann - was ist das?
2.1 Die Biologie des Mannes
2.2 Die Verunsicherung der Männer
2.3 Die Schwierigkeiten der männlichen Identität
2.4 Die frühen Krisen der Männlichkeit
2.5 Veränderung des Männerbildes im 20. Jahrhundert

3 Die Sozialisation des Mannes
3.1 Werden geschlechtstypische Verhaltensweisen in der Familie eingeübt?
3.2 Wie man zu dem wird, was man werden soll

4 Die Chancen der neuen Männlichkeit
4.1 Das Ende der Hegemonialen Männlichkeit?
4.2 Frauen und Männer auf der Suche nach neuen Lebensformen
4.3 Der neue Mann

5 Reflexion

6 Literaturverzeichnis.

1 Einleitung

Die vorliegende Ausarbeitung ist im Rahmen des Seminars „Jungenarbeit mit so genannten benachteiligten Jungen“ entstanden und beschäftigt sich inhaltlich mit dem Themenschwerpunkt „Männlichkeit“ und der Fragestellung was Männlichkeit heute eigentlich bedeutet.

In Zeiten wo schon Bücher mit dem Titel „Anleitung zum Männlichkeit“ erscheinen, in dem zwei Autoren Stellung zur gesellschaftlichen Position von Männern und ihrer Männlichkeit beziehen, drängt sich einem doch der Eindruck auf, dass es eine allgemeine Verunsicherung gibt, was heute überhaupt noch Männlich ausmacht und wie der Mann des 21. Jahrhunderts sich in den verschiedenen Lebenssituationen überhaupt noch bewähren kann. Wie heißt es so schön im oben genannten Buch: „Der Mann hat seine Identität verloren. Die alten Bilder – Jäger, Cowboy, Ritter – hat er der Lächerlichkeit preisgegeben, neue hat er nicht entworfen“ (Lebert & Lebert, 2007, S. 18). Es scheint als ob der Mann von heute konturenlos dasteht und seine Identität erst einmal neu erschaffen muss. Doch Männlichkeitskrisen sind weit aus weniger neu als man denken mag und standen seit jeher im Zusammenhang mit einem sich wandelnden Männerbild. Im Rahmen der vorliegenden Ausarbeitung bemühen wir uns einen möglichst allumfassenden Überblick über die Entwicklung des Männerbildes vom 17. Jahrhundert bis heute zu geben sowie einen Erklärungsansatz über den sich vollzogenen Wandel des Männerbildes und über die zugrunde liegenden Faktoren.

Im zweiten Kapitel der Ausarbeitung geben wir zunächst einen Gesamtüberblick über die Entwicklung des Mannes. Zum einen gehen wir aus rein biologischer Sicht auf die Entwicklung des Mannes und die Schwierigkeiten der männlichen Identität ein und zum anderen geben wir einen geschichtlichen Überblick über die Wandlungen des Männerbildes vom 17. Jahrhundert bis heute, aufgrund von gesellschaftlichen und strukturellen Veränderungen. Im dritten Kapitel stellen wir aus der rollentheoretischen und lerntheoretischen Perspektive die Einflüsse der Sozialisation auf die Entwicklung von Männlichkeit und Weiblichkeit dar. Im vierten und letzten Kapitel gehen wir auf das gewandelte Männerbild und die Suche nach neuen Lebensformen für Männer und Frauen ein und entwerfen zu guter Letzt noch das Bild des zukünftigen Mannes.

2 Ein Mann - was ist das?

In diesem Kapitel der Ausarbeitung nähern wir uns dem Männerbild von verschiedenen Seiten an. Angefangen mit einem kleinen Abriss über die Biologie des Mannes, über die Schwierigkeiten der männlichen Identität bis hin zu einem geschichtlichen Überblick über die „Männliche Entwicklungsgeschichte“, um deutlich zu machen, woher die Männlichkeitskrisen kommen und was die eigentlichen Auslöser der Verunsicherung der männlichen Identität sind.

2.1 Die Biologie des Mannes

Der Vollständigkeit halber geben wir in einer relativ verkürzten Form einen kleinen Überblick über die scheinbar von der Natur vorgegebenen Anlagen und Unterschiede des männlichen (sowie weiblichen) Geschlechts. Wie wohl allgemein bekannt ist, wird das Geschlecht eines Kindes kurz nach der Empfängnis durch das 23. Paar der Chromosomen, nämlich ein XX für ein Mädchen und ein XY für einen Jungen, festgelegt (vgl. Badinter, 1993, S. 51).

Da ein Mensch bekanntlich mit nur einem, oder auch mehreren „X’en“ leben kann, aber nicht mit nur einem Y, ohne ein X, geht man in der Biologie davon aus, dass das Weibliche, das zu Grunde liegende Geschlecht ist, bzw. das Menschsein schlechthin verkörpert. Ohne X gibt es keinen Menschen. „Das embryonale Grundprogramm ist darauf angelegt, weibliche Wesen hervorzubringen“ (Susomo Ohno, o.J., zit. n. Badinter, 1993, S. 53). Das Y symbolisiert die Verschiedenheit, reicht aber noch lange nicht aus, um einen männlichen Säugling zu seiner männlichen Identität zu verhelfen (vgl. Badinter, 1993, S. 51). Dies geschieht, wie bereits erwähnt in einem aktiven Unterscheidungsprozess zu dem weiblichen Geschlecht.

Ohne hier weiter auf die biologischen Details einzugehen, wird an dieser Stelle nur erwähnt, dass das Y für die Produktion des Hormons Testosteron verantwortlich ist, welches wiederum ausschlaggebend ist für die Entwicklung männlicher Merkmale, einschließlich der primären Geschlechtsteile. Andersrum entwickeln sich bei einer Hemmung und starker Reduktion von Testosteron weibliche Merkmale (vgl. Badinter, 1993, S. 53).

Alfred Jost kam auf Grund von Experimenten an Kaninchen zu der Schlussfolgerung, dass das Männchen sich gegen die ursprüngliche Weiblichkeit des Embryos konstruiert und die Entwicklung des Mannes in jedem Augenblick ein Kampf sei (vgl. Badinter, 1993, S. 53).

Ein weiterer Nachteil für das männliche Geschlecht ist, dass es nicht so stabil und widerstandfähig ist, wie das weibliche. Männliche Embryonen und Föten, sowie männliche Säuglinge sterben häufiger, als weibliche und sind anfälliger für psychische und physische Beeinträchtigungen (vgl. Badinter, 1993, S. 49). Eine Frau lebt in Frankreich im Durchschnitt 8 Jahre länger als ein Mann. Auch bei psychischen Defiziten liegt der Mann vorne. In Frankreich sind nahezu zwei drittel der ambulanten jugendlichen Patienten männlich. Nach der Adoleszenz schwächt dieser Zustand ab und kehrt sich dann teilweise um (vgl. Badinter, 1993, S. 48 f.). Auch Perversionen, Fetischismus, Transvestismus und Transsexualismus tritt bei Männern wesentlich häufiger auf, als bei Frauen (vgl. Badinter, 1993, S. 50), „als hätte die Natur größere Schwierigkeiten, die Identität des Mannes zu bestimmen, als die der Frau. Die kleinste Schwäche der „Testikel“, die das Y- Chromosom bildet, führt dazu, dass das Geschlecht nicht mehr eindeutig zu bestimmen ist, es anormal oder feminisiert wird“ (Badinter, 1993, S. 53). Aus der biologischen Sicht kann man also zusammenfassend schließen, dass das männliche Geschlecht von Natur aus mehr Schwierigkeiten hat sich zu definieren und störungsanfälliger ist als das weibliche, grundlegende Geschlecht

2.2 Die Verunsicherung der Männer

Was ist das Wesen eines Mannes? Die häufig zu hörende Aufforderung „sei ein Mann!“ macht deutlich, dass es scheinbar nicht naturgegeben ist männlich zu sein, sondern einige Mühe und Anstrengung kostet und sich nicht von selbst versteht (vgl. Badinter, 1993, S.14). Nie war die Verunsicherung so groß und das Bedürfnis seine Männlichkeit zu beweisen ebenso. Heutzutage gibt es keine festen Bezugsgrößen mehr und der heutige Mann hat Schwierigkeiten sich zu definieren (vgl. Badinter, 1993, S. 15).

Die feministische Bewegung der 68’er hat die grundlegenden Prinzipien der Männlichkeit durcheinander gebracht, indem die Frauen in Männerbereichen Fuß gefasst haben und sich dem Manne nicht mehr untergeordnet haben (vgl. Badinter, 1993, S. 17). Seit dem Patriarchat hat sich der Mann immer über die Frau gestellt und sich als das begabtere, stärkere, intelligentere, schöpferischere Geschlecht ausgegeben und damit seine Vorherrschaft auf Macht begründet (vgl. Badinter, 1993, S. 17).

Die Frauen aber haben gezeigt, dass auch sie all diese männlichen Eigenschaften haben und so den Mann gezwungen, seine scheinbar „natürlich gegebene“ Machtposition zu überdenken.

2.3 Die Schwierigkeiten der männlichen Identität

Laut J. Money (vgl. Badinter, 1993, S.48) ist es ein weiter und schwieriger Weg von der Erzeugung eines XY- Chromosoms bis zu der Entwicklung eines erwachsenen Mannes. Die amerikanische Psychologin Ruth Hartley spricht davon, dass der kleine Junge sich ausschließlich negativ definiert, über all die Dinge, die er nicht tun darf, wenn er männlich sein soll (vgl. Badinter, 1993, S. 48). Er darf nicht weinen, er darf keine Röcke tragen, er darf nicht mit Puppen spielen usw.. Allerdings lösen sich diese straffen geschlechterspezifischen Vorgaben mehr und mehr auf. Ein Junge muss sich von Geburt an, eigentlich schon im Mutterleib, von dem weiblichen abgrenzen und sich differenzieren. Der Junge wird von einer Frau ausgetragen, großgezogen, von Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen geformt und muss permanent um seine männliche Identität kämpfen (vgl. Badinter, 1993, S. 48).

Nach Erik Erikson (vgl. Badinter, 1993, S.47) beinhaltet der Erwerb einer Identität die positive Relation des Einschließens, sowie die negative Relation des Ausschließens, was bedeutet, dass man sich selber nur in der Unterscheidung von seinen Mitmenschen definieren kann. Da die Mutter die primäre Person ist, mit der ein Säugling Kontakt hat, fällt die Definition mit dem eigenen Geschlecht den Mädchen leichter, da sie einfach nur passiv Mädchen sein können und nicht in die Abgrenzung gehen müssen. Die Jungs müssen aktiv etwas beisteuern, um ihre Verschiedenheit kund zu tun und sich abzugrenzen (vgl. Badinter, 1993, 47). Um dies tun zu können, benötigt der Junge allerdings eine männliche Bezugsperson, die ihm als Vorbild und Orientierung dient

2.4 Die frühen Krisen der Männlichkeit

Wie wir im Folgenden feststellen werden, ist die Krise der Männer nicht ganz so neu, wie viele vielleicht annehmen würden. Schon im17 Jahrhundert stellten die französischen „Préciosité“ (emanzipierte Frauen, aus dem Adel, oder der gehobenen Mittelschicht, die für die Umkehrung der Machtverhältnisse der Geschlechter kämpfen), das damalige Männerbild in Frage. Die plumpe Männlichkeit am Hof Heinrichs des IV und der Angehörigen der Fronde (1648-1652), wurde von diesen emanzipierten Frauen stark kritisiert und ist somit der erste Ausdruck des Feminismus (vgl. Badinter, 1993, S. 23). Im Gegensatz zum restlichen Europa hatten die französischen Adelsfrauen mehr Mitspracherecht und durften am Hofe kommen und gehen um mit aller Welt zu kommunizieren. Außerdem mussten sie nicht zwangsläufig die Mutterpflichten annehmen. Die „Préciosité“ verlangen Gleichberechtigung auf allen Ebenen und eine Ehe auf Probe, die jederzeit wieder aufgelöst werden kann. Sie bestehen auf die Liebe und das Gefühl und verlangen nach einem „Liebenden“ der sie bis zum Tod liebt. Sie plädieren auf eine Liebe ohne Trauschein und nicht, wie es damals Norm war, auf eine Ehe ohne Liebe. Allerdings fanden die Préciosité nur wenig Zuspruch auf der Männerseite. Doch die wenigen, die sich diesen Frauen unterwarfen, drückten dies in einer femininen Mode, langen Perücken, Federn, Parfums und Rouge aus. In ihrem Verhalten versuchten sie empfindsam, kultiviert und höflich zu sein und ihre Eifersucht zu unterdrücken. Unmerklich nahmen somit die Ansprüche der Préciosité Einfluss auf die vornehmen Gesellschaftskreise.

In England gab es zeitgleich ebenfalls feministische Bewegungen, die allerdings offener ausgetragen wurden und radikaler waren, was das Recht auf sexuelle Lusterfüllung und mehr Rechte in der Ehe anbelangte. Die Feministinnen wollten die Männer weiblicher und zarter. Verfasser von Schmähschriften kamen zu der Schlussfolgerung „die Sache sei gelaufen und die Umkehrung der Rollen habe begonnen“ (Badinter, 1993, S. 25).

Im Gegensatz zu der französischen Frauenbewegung löste in England die Verweiblichung der Männer eine Angst vor Homosexualität aus. Anhand dieser Beispiele können wir sehen, dass der Anstoß der männlichen Veränderung von den Frauen ausgegangen ist und auch heute noch ausgeht.

2.5 Veränderung des Männerbildes im 20. Jahrhundert

Die Krise der Männer, auf die wir nun zu sprechen kommen, betrifft Europa und Amerika. Diese Länder waren geprägt von wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen, die nicht zuletzt durch die Industrialisierung und Demokratisierung zustande kamen. Da das Leben der Männer sich veränderte, fanden feministische Forderungen wieder Gehör (vgl. Badinter, 1993, S.27).

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts dürfen Mädchen und Frauen, dank der republikanischen Ideologie, eine höhere Ausbildung absolvieren. Frauen dürfen an die Universitäten und werden Professorinnen, Anwältinnen und Journalistinnen und können sich aus diesen Positionen heraus mehr Gehör verschaffen (vgl. Batinter, 1993, S.27). Dadurch, dass sie nun selber ihren Lebensunterhalt bestreiten können, werden sie unabhängiger von dem Mann. Das führt zu neuen Ängsten bei den Männern. Barbay d’Aubrevilley drückt seine Angst folgendermaßen aus :“ Eines Tages werden Marie d’Agoult in der Akademie für Ethik und Politik, George Sand in der Akademie francaise, Rosa Bonheur in der Akademie der schönen Künste sitzen, und wir, die Männer, werden Marmelade kochen und Essiggurken einlegen“ (Maugue 1878, zit. n. Badinter, 1993, S. 28). Die Befürchtungen von Barbay d’Aurevilley sind bei vielen Männern heute wahr geworden. (Aber ist das schlimm?)

Zurück zum 20. Jahrhundert. Die Industrialisierung hat dazu geführt, dass der Mann mechanische, monotone Arbeiten ausführen muss, bei denen er seine traditionellen Fähigkeiten, die mit Kraft, Phantasie und Zielstrebigkeit zu tun haben, nicht mehr einsetzten kann. Der Mann kämpft nicht mehr gegen die Elemente, sondern verrichtet unmännliche sinnentleerte Aufgaben, die ihn nicht mehr in seinem Männlichkeitsbild unterstützen und ihm so seiner Identität ins Wanken bringt. (vgl. Badinter, 1993, S. 29). Im ersten Weltkrieg hatte der Mann noch mal die Möglichkeit sich als Held zu präsentieren und seine archaische Bestimmung, als Jäger und Beschützer zu beweisen. Doch während des Krieges haben sich die Frauen daran gewöhnt den Haushalt und das Familienleben allein zu meistern, sodass die Männer es nach Kriegsende schwerer haben als zuvor, sich als Familienoberhaupt zu präsentieren. Sie waren oft gezwungen eine Arbeitsstelle weit entfernt von zu Hause anzunehmen und wurden so zu „Sonntagsvätern“ (vgl. Badinter, 1993, S. 33). Das neue Männerbild definierte sich durch Erfolg und Geld. Die Frauen wollten sich nicht mehr mit ihrer Rolle als Hausfrau begnügen, gründeten Frauenvereinigungen, schickten ihre Töchter aufs College und arbeiteten außerhalb des Hauses. Viele Frauen forderten das Recht unverheiratet zu bleiben, weniger Kinder zu bekommen, sich ihrem Ehemann nicht unterzuordnen und forderten das Wahlrecht. Die Männer wiederum sahen in dem sich verändernden Frauenbild eine Schande für ihr Geschlecht und eine Gefährdung der Familie (vgl. Badinter, 1993, S. 33ff.). Die Zunahme der Scheidungen war eklatant. 1860 sind es 7000 Scheidungen, im Jahre 1914 bereits 100000 Scheidungen allein in Amerika.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Was bedeutet Männlichkeit heute?
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Veranstaltung
Jungenarbeit mit sogenannten benachteiligten Jungen
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V139390
ISBN (eBook)
9783640491766
ISBN (Buch)
9783640491834
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Männer, Männerbild, Jungenarbeit
Arbeit zitieren
Tessa Schleifenbaum (Autor:in), 2007, Was bedeutet Männlichkeit heute?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139390

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