Vermittlungstätigkeit als Aufgabe des Königs im Mittelalter


Magisterarbeit, 2008

95 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Konflikttheorie: Staat- Herrschaft- Königtum
1.) Die theoretische Position der mittelalterlichen Herrschaftsordnung
2.) Konflikte im Mittelalter
a.) Gruppenbindung in Konflikten
b.) Ursachen und Ablauf von Konflikten
c.) Ursachen und Ablauf von Konflikten
3.) Das Konfliktverhalten der Könige in Beziehung zu ihrer Herrschaftsposition im Reich
a.) Die Ottonen: Neuordnung und Versuch
der Verfestigung der königlichen Position
b.) Interregnum: Die Vormundschaftsregierung der Agnes
c.) Heinrich
d.) Friedrich Barbarossa: Zwischen Vermittlung und Schiedsspruch

II. Die gütlichen Beilegungsformen
1.) Fürsprache
a.) Anwendung der Fürsprache
b.) Die Fürsprache im Wandel der Herrschaftsauffassung
c.) Das Verhältnis von Fürsprache und Vermittlung
2.) Vermittlung
a.) Definition von Vermittlung
b.) Entstehung des mediator- Begriffs
c.) Aufgaben der Vermittlung
d.) Argumentationsweise des Vermittlers
e.) Verhandlung der rituellen Akte
f.) Fähigkeiten der Vermittler
3.) Schiedsgericht
a.) Erste Ansätze des Schiedsspruches
b.) Vom Vermittler zum Gesandten im Schiedsgremium
c.) Das Verfahren des Schiedsgerichts
d.) Das Verhältnis von Vermittlung und Schiedsgericht im Späten Mittelalter

III. Die Position des Friedensstifters
1.) Der König als Vermittler oder Schiedsrichter
a.) Der König als Vermittler in westfränkischen Konflikten
b.) Vermittlung des Königs im Reich
c.) Die fließenden Übergänge der Vermittlung und Schlichtung
2.) Bischöfe und Fürsten als Vermittler, Fürsprecher oder Gesandte
a.) Abhängige Vermittler
b.) Eigenständigere Positionen der Vermittler
3.) Der Papst als Friedensstifter in weltlichen Angelegenheiten
a.) Der Papst als Schlichter und Vermittler

Fazit

Literaturliste

Einleitung

Die Konfliktforschung ist ein Themenfeld, das Bild der Moderne vom Mittelalter entscheidend geprägt hat. Die negative Bezeichnung „finsteres“ Mittelalter spielt auf die anscheinend hemmungslose Gewaltbereitschaft an, die angeblich ein Charakteristikum dieser Zeit war. Selbst in relativ stabilen Herrschaften gab es keine Institutionen, die dauerhaft und wirksam den Frieden garantieren konnten. Es gab keine unparteiische Entscheidung von Rechtsstreitigkeiten oder eine gesicherte Durchsetzung von Urteilen.

Recht wurde zu dieser Zeit anders durchgesetzt. So nahm sich der Adel sein Recht häufig mit Waffen. Die Fehde war damit ein Rechtsmittel, das es im Fall eines Rechtsbruches dem Geschädigten erlaubte, sich selbst Recht zu verschaffen. Die Bindung an das Recht setzte der Fehde somit Grenzen. Fehden konnten nur im Rahmen der Christenheit als Gemeinschaft gleicher Rechtsvorstellungen und nur unter Adeligen durchgeführt werden.

Die Selbstverständlichkeit der Gewalt im mittelalterlichen Rechtsdenken zeigt sich auch daran, dass selbst vor Gericht lange Zeit ein Zweikampf mit Waffen gleichberechtigt neben dem Richterspruch stand.1

Gründe sind in der Ordnung der Gesellschaft zu finden. In dieser

Gesellschaftsform konnte keine Monopolisierung der Gewaltausübung durchgesetzt werden, da die Hoheitsrechte und somit die öffentliche Gewalt nach unten verteilt und zersplittert waren.2

Auch wenn es keine Zentralinstanz in der mittelalterlichen Gesellschaft gab, bedeutet das nicht, dass nicht trotzdem ausgleichsuchende

Verhandlungsgespräche als Mittel der Konfliktbewältigung in Frage kamen. Das Fehlen staatlicher Instanzen hat allerdings Folgen für die Form der Vergleichsverhandlungen und die Mittel, die benötigt wurden, um das Ergebnis durchzusetzen. Wenn Dritte einschreiten, um einen Konflikt gütlich zu lösen, würden bei einer Gesellschaft mit staatlichen Organisationen diese Organe wahrscheinlich mit der nötigen Autorität ausgestattet, damit man im Konfliktfall intervenieren könnte. Bei der mittelalterlichen Gesellschaft ist zwar eine

Herrschaftsordnung vorhanden, die Macht und der politische Einfluss des Herrschers sind allerdings Schwankungen unterworfen und stehen in engem Zusammenspiel mit dem Einfluss der adeligen Fürsten und der Kirche. Die Art der gütlichen Beilegung ist in dieser Gesellschaft ohne schriftliche Normen und institutionalisierter Gesetzgebung folglich einer permanenten Entwicklung unterworfen, die von der jeweiligen Machtposition der einzelnen Kontrahenten abhängig ist.

Für die Konfliktbeilegung ist in der mittelalterlichen Gesellschaft weiterhin zu beachten, dass die Instanzen der Beilegung vom Herrscher an hierarchisch geordnet sind. Der Herrscher befasst sich als Oberhaupt in der Regel selbst oder durch einen von ihm ernannten Vertreter mit dem Konflikt. Auf den verschiedenen Stufen der Hierarchie werden folglich auch andere Methoden der Beilegung angewendet. Diese Methoden können von Fürsprache über Vermittlung hin zur Schlichtung und einem Gerichtsurteil laufen.

Das Interesse der Forschung richtete sich im 19. und 20. Jahrhundert hauptsächlich auf das Königtum, das als Zentralgewalt für die Dominanz gegenüber den anderen Völkern im nachkarolingischen Europa verantwortlich war. Erst nach und nach löste man sich von solchen Vorstellungen und Begriffen wie „Personenverbandstaat“ (Th. Mayer). Sie verdeutlichten erstmals Kenntnis über vielfältige, politisch relevante Kräfte, die mit dem Königtum zusammenwirkten.3 Die Andersartigkeit des mittelalterlichen Verbundes im Vergleich zu heutiger Zeit wurde auch durch Diskussionen über den Stellenwert von Gesetzten und Normen in damaliger Zeit verdeutlicht. Der Schwerpunkt der Konfliktforschung lag somit in der Rechtshistorie. Der ältere rechtshistorische Zugang arbeitete mit einem selektiven Quellenzugriff. Als Problem stellte sich hierbei dar, dass es außer den karolingischen Kapitularien und dem Sachsenspiegel keine normativen Texte über mittelalterliche Gesetzgebung gab. Die Verhältnisse des 10. - 13. Jahrhunderts wurden so kaum untersucht.

Eine zweite Quellenbasis für den rechtshistorischen Ansatz war die Arbeit über die Tätigkeit der Hofgerichte, denen einige Forscher gerade im Falle von Konflikten der Führungsschicht eine zentrale Rolle zusprechen.4 Die neueren Arbeiten unterscheiden sich in Methodik und Fragestellung von den älteren Arbeiten. Ihre hauptsächliche Quellenbasis ist die Historiographie. Aus verschiedensten Quellen und Berichten wurden Normen und Regeln von Konfliktabläufen und Techniken zur Beilegung abstrahiert, um ein Modell von solchen Abläufen zu entwickeln. Dieses Modell ist nicht statisch, sondern kann mit jedem neuen Bericht überprüft, differenziert oder falsifiziert werden. Die Historiographie zeichnet ein anderes Bild als die mittelalterlichen Rechtstexte. Aus der historiographischen Sicht war die gütliche Beilegung von Konflikten vorherrschend. Für diese sorgten Vermittler (mediatores), die in Verhandlungen mit den Parteien einen gütlichen Ausgleich (compositio) aushandeln und durch Genugtuung (satisfactio) den Konfliktgrund aus der Welt schaffen sollten. Die Vorstaatlichkeit des Mittelalters wird besonders darin deutlich, dass auch der König den Weisungen solcher Vermittler unterworfen war. Das Institut des Vermittlers sollte deshalb besonders in Konflikten der Führungsschicht untersucht werden, um Verfassungsgeschichte zu vervollständigen.5

Die Vermittler rückten zudem erst in den Blick der Forschung, nachdem vermehrt auf Kommunikation und Symbolische Handlungen im Mittelalter eingegangen wurde.

Deshalb ist eines der Hauptwerke, das die Hintergründe des politischen

Verhaltens der Zeit erklärt, das Werk „Spielregeln der Politik im Mittelalter“ von Gerd Althoff. In diesem Ansatz wird der Einsatz von Gewalt unter Adeligen und dem König als gegeben angenommen und lediglich versucht den Sinn und Zweck des Einsatzes und die sozialen und politischen Normen herauszuarbeiten. Genauer mit dem Thema der Vermittlung und Schlichtung hat sich Hermann Kamp beschäftigt, der sowohl mit seiner Habilitation „Friedensstifter und

Vermittler im Mittelalter“ und dem zuvor erschienenen Aufsatz „Vermittler in den Konflikten des Hohen Mittelalters“ genauer auf das Thema der Friedensstiftung eingeht.

Schwierigkeiten der Forschung ergeben sich beim Thema der Vermittlung vor allem deshalb, weil sich das Wirken der Vermittler meist in vertraulicher Sphäre abspielte. Es ist deshalb selten genaueres über die Tätigkeit der Vermittler zu erfahren. Für die Zeitgenossen war nicht wichtig wie, sondern das der Frieden hergestellt wurde. In den erzählenden Quellen wird die Vermittlertätigkeit meist beiläufig und ohne Details erwähnt.

Auch in der internationalen Mediävistik ist Vermittlung durchaus ein Begriff.

Einige Mediävisten erforschten, dass auch in Frankreich im 10. und 11.

Jahrhundert vornehmlich Konflikte um Eigentums-, Grenz- und Nutzungsfragen, die unter Laien und/oder Klöstern ausgetragen wurden, durch Vermittlung gütlich beigelegt wurden. Die Ergebnisse sind trotz kleiner Abweichungen vergleichbar. Es lässt sich feststellen, dass das Institut des Vermittlers in unterschiedlichen Regionen, ebenso wie in unterschiedlichen sozialen Schichten und Konflikttypen auftritt.6

In dieser Arbeit soll die Vermutung überprüft werden, dass der König je nach Stärke seiner Position zu verschiedenen Methoden greifen musste, um Streitigkeiten beizulegen. Zudem soll geklärt werden, in welcher Weise sich der König auf die Beilegungsversuche der Großen einlassen musste und was dies über seine Stellung im Reich aussagte.

Der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit besteht darin, zu klären, inwiefern die Machtposition des Königs an der Beilegung von Streitigkeiten in der mittelalterlichen Gesellschaft abzulesen ist und welche Beilegungsformen dem König als Dritte Partei oder auch als Betroffener zur Verfügung standen. Der Schwerpunkt der Auswertung soll hierbei auf der Vermittlung als gütliche Beilegungsform liegen.

Zunächst soll ein zeitlich und räumlich eingegrenzter Untersuchungsrahmen festlegt werden. Dieser soll schwerpunktmäßig das Hochmittelalter umfassen. Da viele Praktiken, auf denen die Vermittlungstätigkeit beruht, aus fränkischer Zeit stammen, ist aber eine isolierte Betrachtung des Hochmittelalters nicht möglich. Ebenso muss die Weiterentwicklung bis in das 14. Jahrhundert verfolgt werden, da sich die Folgen der Institutionalisierung bemerkbar machten. Eine Begrenzung auf politische Konflikte ist sinnvoll, da hier eine ausreichende Kontinuität feststellbar ist, um die Brüche und Entwicklungen der Vermittlungspraxis zu erfassen und mit der Entwicklung des Königtums zu vergleichen. Dies wird möglich, da es sich bei dieser Art der Konflikte meist um Auseinandersetzungen um Herrschaftsrechte, Besitz und Einfluss sowie um Recht, Ehre und Ansehen geht. Beschränkt wird nicht auf Konflikttypen sondern auf Akteure, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung Herrschaft ausüben.7 Es soll herausgestellt werden, welche Bedeutung die Vermittlung im politischen Raum für die jeweiligen Akteure hatte.

Diese Arbeit soll im ersten Kapitel die Funktionsweisen mittelalterlicher

Herrschaft aufzeigen und einen ersten Eindruck über die Konfliktführung der jeweiligen Herrschergeschlechter vermitteln. Im zweiten Kapitel sollen die

Möglichkeiten zur gütlichen Beilegung aufgezeigt und an Quellenbeispielen verdeutlicht werden. Wie die herrschaftstragenden Personengruppen diese

Positionen bei der Konfliktbeilegung ausfüllen, was ihre Möglichkeiten und Ziele waren, soll im dritten Kapitel gezeigt werden.

I. Konflikttheorie: Staat- Herrschaft- Königtum

Um die Quellen zur Konfliktbeilegung und zur Vermittlung von und bei Königen einordnen zu können, sollen im folgenden einige begriffliche Definitionen und Bedeutungszusammenhänge skizziert werden. Die Position des Herrschers im mittelalterlichen Gefüge spielt hierbei eine besondere Rolle, damit seine Macht und Stellung genauer eingeschätzt und beurteilt werden kann.

I.1. Die theoretische Position der mittelalterlichen Herrschaftsordnung

Wichtig für das Verständnis des mittelalterlichen politischen Systems sind die

Funktionsweisen, Rahmenbedingungen und Spielregeln der mittelalterlichen

Gesellschafts- und Herrschaftsordnung. Diese funktionieren anders als im modernen Staat. Im Mittelalter existierte kein Gewaltmonopol und kein

Primatsanspruch auf staatliche Verbandsbildung, keine Trennung von öffentlichen und privaten Belangen und nur eine rudimentäre Bürokratie. Mittelalterliche Herrschaftsgebilde besaßen eine hierarchische Spitze in Form des Königtums, bildete allerdings keine Institutionen aus. Die Großen agierten zu dieser Zeit als Helfer.8 Sie leisteten dem König consilium et auxilium und besetzten auf Grund ihres Standes im frühen und hohen Mittelalter wichtige Positionen für das Funktionieren des Systems.9

Das Verhalten in Konflikten sowie die Formen mit denen sie geführt und beigelegt wurden, lassen die Möglichkeiten und Grenzen von königlicher

Herrschaft erkennen. Bei Konflikten wird das Spannungsfeld deutlich, indem

Gruppenbindung und Gruppeninteressen wirksam waren. Soziales und politisches Handeln fand vor allem auf zwei Feldern statt: der Entscheidungsfindung und der Konfliktaustragung.

Das galt auch für die Herrschaftsordnung des Mittelalters, einer durch

Mündlichkeit geprägten Kultur. Das soziale und politische Leben dieser mündlichen Kultur basiert auf Ordnungen, die durch die Erwartungshaltung ihrer Angehörigen stabilisiert wurde. Gleichzeitig bildeten sich durch die fehlende Schriftlichkeit keine normativen Vorstellungen heraus. Das konstitutive Element waren (Rechts) Gewohnheiten.10 Diese wurden nicht durch monopole Gewalten, sondern durch Konsens der Mitglieder gebildet. Die Ordnung wurde letztlich durch formalisierte bzw. ritualisierte Verhaltensweisen zum Ausdruck gebracht. Auf der Basis des Konsensprinzips bestand ein regelrechter Zwang zur Ordnung. Die soziale Kontrolle der konsensualen Ordnung bewirkte, dass wer sich nicht an die Regeln der Ordnung hielt, ausgeschlossen wurde. Der funktionale Sinn dieser konsensual gebildeten Ordnung bestand darin, die willkürlichen Handlungen Einzelner einzudämmen.11

Das Verhältnis der herrschenden Gruppierungen im internen Verhältnis und zueinander war durch hierarchische Strukturen gekennzeichnet. Die

Binnengliederung fand nach Kriterien der Vornehmheit und der besonderen Huld statt, der sich die Großen beim Herrscher erfreuten.

Bei den Geistlichen spielten Rang und Alter ihrer Kirche sowie ihr

Ordinationsalter eine Rolle. Diese Gliederung war zu allen Zeiten nur in Maßen veränderbar. Um diese kleinsten Veränderungen wurde jedoch gestritten, denn vom Platz in der gebildeten Rangordnung hingen politische Einflussmöglichkeiten ab. Die Einflussnahme auf diese Rangordnung lag auch im Interesse des Königs, um so dienstbereiten Adeligen Aufstiegschancen zu ermöglichen. Die hochgestellten Großen arbeiteten allerdings auf eine Konsolidierung hin. Sie wollten ihren Rang nicht vom König gefährden lassen. In der Geschichte führte dies vermehrt zu Konflikten.12

Der Rang der Adeligen verlangte Repräsentation, da der Rang erst dann Geltung erlangte, wenn er gezeigt, demonstriert und schließlich akzeptiert wurde. Die Rangordnung konstituierte sich deshalb in der Konsensbildung über den im demonstrativen Akt beanspruchten Rang.13

Das Lehnswesen mit der Verpflichtung des Lehnmannes zu auxilium in Form von Heeresfolge und consilium bei politischer Willensbildung, war für die Großen eine Ausdrucksform ihres Ranges und wurde als Recht wie auch als Plicht wahrgenommen. Eine Vernachlässigung dieser Pflicht kam einer Rechtsverletzung gleich.14

Die Beratung war ein wichtiger Teil des mittelalterlichen Machtgefüges und konkretisierte sich in vertraulichen Vorabklärungen. Der König hatte Vertraute und Günstlinge in seiner Umgebung, an die man sich wenden konnte, um sein Anliegen dem König vorzutragen. Auch der König sondierte die Meinungen seiner Ratgeber verdeckt und vertraulich.

Nach erfolgten Vorklärungen wurde in großer Runde öffentlich beraten. Diese öffentliche Beratung glich einer Inszenierung, da die schon vorab geklärten Entscheidungen nun öffentlich überlegt wurden. Diese öffentliche Demonstration bewirkte die Verbindlichkeit der Entscheidung für alle an der Entscheidung beteiligten.15

Das Vorgehen bei der Beratung erinnert stark an die Tätigkeit der Vermittlung, die auch durch vertrauliche Vorabsprachen vereinbart und anschließend in einer öffentlichen Inszenierung verbindlich gemacht wird. Dies hängt damit zusammen, dass sich solche Beratungs- und Vermittlungstätigkeiten im schriftlosen Bereich abspielten. Erst ab dem 12. Jahrhundert sind schriftliche Zeugnisse bekannt, die die Verbindlichkeit auf schriftliche Art festlegen.

Für die Herrschertätigkeit war der Rat der Fürsten etwas, dem sich kein Herrscher entziehen konnte, ohne sich dem Vorwurf der Tyrannei auszusetzen. In manchen Fällen war eine Beratung allerdings nicht möglich, da Konflikte ein persönliches Zusammenkommen nicht zuließen. Für solche Situationen wurden Vermittlungs- und Schlichtungsaktionen vereinbart. Diese differenzierten Verfahren blieben auf Dauer nicht ohne Auswirkung auf die Verteilung der Machtverhältnisse.

Der König war der oberste Schlichter und Vermittler, der diese Aufgabe bei fehlender Präsenz an seine Großen übergab. Diese übernahmen die Aufgabe auch, wenn der König selbst Streitpartei war. In der Vermittlungstätigkeit manifestierte sich im Mittelalter ganz wesentlich eine Arbeit für das Gemeinwohl. Vermittlung garantierte, dass Konflikte nicht eskalierten, sondern nach Regeln abliefen und friedlich beigelegt werden konnten. Der quantitative Sprung von der Beratung mit dem König zur Beratung und Entscheidung ohne den König, aber mit Verbindlichkeit für ihn, ist nicht zu übersehen.16

Der Zusammenhang zwischen Beratung und Vermittlung und ihrer Bedeutung für das mittelalterliche Staatswesen wird von Gerd Althoff in folgendem Zitat dargestellt:

„Im Vermittlungs- und Schichtungswesen manifestieren sich Charakteristika vormoderner Staatlichkeit in besonderer Weise. Personen gewinnen Autorität auf Grund zeitliche begrenzter Funktionen, die dem allgemeinen Interesse, der Vermeidung, bzw. Beilegung von Konflikten verpflichtet sind. Dies sind frühe Formen des Staatsdienstes, die in einem Differenzierungsprozess aus der Pflicht zur Beratung erwuchsen.“17

Konflikte in der mittelalterlichen Gesellschaft können mehrere Ursachen haben. Roberts unterscheidet zwischen Konflikten, die zum einen aus Interessenkollisionen entstanden, zum anderen aus Normverletzungen resultierten, sowie Interessenkollisionen aus Konkurrenz um politische Führungs- und Amtpositionen. Der Konflikt besteht darin, ohne irgendeine soziale Norm zu verletzten, ein bestimmtes Handlungsziel zu verfolgen, das auch andere Mitglieder erreichen möchten. Ein Konflikt kann auch ohne Normbrüche, wie Körperverletzung entstehen.18

Deshalb waren Rangverletzungen ein Hauptaspekt auf den sich Konflikte im Mittelalter zurückführen lassen, da die Zeitgenossen sie als Störung ihrer auf Konsens beruhenden Ordnung begriffen. Es ging hierbei meist um materielle Interessen oder Machtpositionen, die einen wesentlichen Bestandteil des Ranges bildeten.19

Auch ist zu beachten, dass es ein Widerstandsrecht der Großen gab, das diese zu allen Zeiten für sich beanspruchten und das die Beseitigung des ungerechten Königs (rex iniquus) vorsah.20

Die Stellung des Königs wurde wesentlich durch Bedingungen und Spielregeln für die Austragung von Konflikten bestimmt. Seine herausgehobene sakrale Autorität prädestinierte den König zur Übernahme vermittelnder Aktivität bei Konflikten, da die Friedenswahrung eine der königlichen Pflichten war. Der König konnte als Mitglied des Hochadels, durchaus selbst Konfliktpartei werden, wenn er zu exzessiv den Ausbau der eigenen Rang- und Herrschaftsposition betrieb, der ihn in Konkurrenz zu seinen Standesgenossen brachte. Bei diesen Rangstreitigkeiten mussten Große die Vermittlung übernehmen.21 Grundsätzlich wird deutlich, dass sich spezifische Formen entwickelten mit denen Könige derartige Konflikte führten. Diese unterschieden sich in den Jahrhunderten erheblich, sodass es massive Unterschiede bei den Karolingern, Ottonen, Saliern und Staufern gab. Deshalb sagt Konfliktführung einiges über die Charakteristika der Königsherrschaft der jeweiligen Zeit aus.22 Dies wird an der Anwendung des Strafkanons für Aufständische deutlich. Prinzipiell war es das Recht des Königs Aufständische zu bestrafen. Die Art der Strafe war bei den verschiedenen Herrschergeschlechtern sehr unterschiedlich und reichte von der Zerstörung der Burgen zu unbegrenzter Haft und sogar bis hin zur Todesstrafe. Prinzipiell war dieser Strafkanon in Form eines Gerichts- oder Strafverfahrens anzuwenden. In der Zeit der Ottonen veränderte sich die Strafgewalt des Königs und wurde durch eine absehbare Milderung mehr zu einer symbolischen Geste. Die Abmilderung war im Prozess das Ergebnis einer bedingungslosen Unterwerfung und von der Fürsprache hochgestellter königlicher Getreuer abhängig. Ein Beispiel hierfür ist die Unterwerfung Eberhard von Franken unter Otto den Großen im Jahre 938 auf Intervention Friedrich von Mainz. Eberhard wurde nach kurzer Verbannung huldvoll (clementer) wieder in frühere Würden eingesetzt.23 Kamp verweist darauf, dass die Entwicklung zu längeren Haftzeiten und umfangreicheren Konfiskationen im Umgang mit den Unterworfenen in salischer Zeit nicht überbewertet werden darf, da sich die nachsichtige Behandlung in der ottonischen Zeit aus dem familiären Charakter der zentralen Konflikte erklären lässt. Die Vorgehensweise des Königs war, egal ob in ottonischer, salischer oder staufischer Zeit weitgehend situationsabhängig.24

Ein interessanter Aspekt ist, dass die Gegner des Königs aus der Führungsschicht und seiner Familie auf Schonung hoffen konnten, auch wenn in Auseinandersetzungen Blut geflossen war. Sie mussten sich allerdings zur bedingungslosen Unterwerfung bereit erklären. Althoff deutet diese Praxis nicht als eine Beschränkung königlicher Herrschaft, da der sich Unterwerfende einen erheblichen Teil seiner Ehre und seines Ranges in die Konfliktbeilegung einbrachte. Durch die bedingungslose Unterwerfung war die herrscherliche Machtvollkommenheit herausgestellt. Althoff erkennt in dieser Art der Konfliktbeilegung eine Ambivalenz, die dem König einerseits Anwendung des harten Strafkanons versagt, ihm aber gleichzeitig eine Demonstration seiner Machtfülle und Herrschertugenden erlaubt. Die Herrschertugenden Milde und Barm- herzigkeit haben die Zeitgenossen beeindruckt und förderten die Legitimation als sakraler König.25

Der politische Prozess wurde als Herrschaftsinstrument von den Saliern zur Behauptung und Festigung ihrer Autorität eingesetzt. Neben den oben schon erwähnten Aspekten der personalen Bindung und Schonung der Beklagten, war die Prozessführung auf die Wiederherstellung des status quo ante angelegt. Demgegenüber ziehen die Gerichtsverfahren der salischen Epoche (Adalbero von Kärnten, Otto von Nordheim etc.) auf die Durchsetzung der königlichen Strafgewalt.26 Die Untersuchung Adelheid Krahs ergab, „dass bei jeweils gleichem Delikt kein normiertes Verhalten der Könige und Kaiser festgestellt werden konnte.“27 Diese Freiheit ermöglicht dem König erhebliche Einflussnahme, was den Prozess zum Mittel der Durchsetzung königlicher Amts- und Disziplinargewalt machte.28

I.2.) Konflikte im Mittelalter

I.2.a.) Gruppenbindung in Konflikten

Simon Roberts hat eine theoretische Position entwickelt, aus welchen Gründen Dritte in einen Konflikt eintreten. Entweder wurden sie als Vermittler oder Schlichter heranzitiert oder griffen von selbst in den Konflikt ein. Noch viel selbstverständlicher wurden Dritte in Konflikte gezogen, weil eine Partei sich von ihnen Unterstützung und Beistand versprach. Im Konfliktfall versuchten die Parteien deshalb Anhänger um sich zu scharren. Sie wandten sich in der Regel meist an die Personen, die ihrer Meinung nach dazu verpflichtet waren ihnen beizustehen. Diese Personengruppen waren meist nahe Verwandte, oder Personen, die man selbst in irgendeiner Form unterstützt hatte.29

So fanden die Gegner der Könige Unterstützung bei ihren Vasallen, Verwandten und Freunden. Es wurden nicht nur herrschaftliche Bindungen aktiviert und genutzt sondern gleichermaßen auch die verwandtschaftlichen und freundschaftlich/ genossenschaftlichen. Diese Bindungen erwiesen sich in Konflikten häufig stärker als die Bindung an den Herrscher. Der Einsatz eines Großen für seine Familie und Freunde war in der Hierarchie der Loyalität häufig über die zum König gestellt.30 Gleichzeitig sind den Königsgegnern keine umstürzlerische Absichten zu unterstellen, da der Thronsturz fast nie das Ziel des Aufstands war.31 Fehdeführung war in erster Linie auf Schaden an den Sachgütern des Feindes ausgelegt. Die Hauptschadensarten waren Raub, Brand und Plünderung, was die abhängigen Bauern und Hörigen zu den Leidtragenden der Konflikte machte. Die körperliche Vernichtung war selten das Ziel und musste in sogenannten Todfehden zuvor angekündigt werden. Meist wurden die Gegner lediglich gefangen genommen und gegen Lösegeld freigelassen.32

Ein gutes Beispiel, um die Gruppenbindung in Konflikten deutlich zu machen, ist eine Quelle von Thietmar von Merseburg. Dieser berichtet über eine rebellio seines Vetters des Markgrafen Heinrich von Schweinfurt gegen Heinrich II.33 Nachdem der König ihn bei der Vergabe des Herzogtum Bayerns übergangen hatte, obwohl dies eine Bedingung zur Unterstützung Heinrichs bei der Königswahl war, „zog (Markgraf Heinrich) sich allmählich vom König zurück.“34 Dies ist als erstes deutliches Zeichen für die Trübung der Beziehung zu sehen. Ein weiterer Vorfall brachte den schwelenden Konflikt zur Eskalation: König Heinrich verweigerte Herzog Boleslaw von Polen ein gefordertes Lehen. Als dessen Krieger von einem Haufen Bewaffneter überfallen und ausgeplündert wurden, vermutete Markgraf Heinrich, der sich freundschaftlich mit Herzog Boleslaw verbunden hatte, den König als Anstifter.35 Der Konflikt brach an unterschiedlicher Interessenvertretung zwischen Adel und König aus und stellt das Problem der Königsherrschaft im 10. Jahrhundert dar, die in einem Balanceakt die unterschiedlichen Ansprüche der Reichskräfte ausgleichen musste.

Die Austragungsform dieses Konflikts war neuartig. Der König zog nicht vor

Gericht, sondern bot seine familiares auf und verwüstete die Güter des Heinrich von Schweinfurt.36 Die Vasallen des Markgrafen unterstützen diesen in der Auseinandersetzung ebenso wie andere Personen, die mit den Aufständischen verwandtschaftlich oder freundschaftlich verbunden waren. Die Unterstützung umfasste die direkte Teilnahme, etwa von Heinrichs Vetter Ernst, Graf Siegfried von Nordheim und dem Bruder des Königs Bruno. Eine weitere Form der Unterstützung war die Übernahme von Verhandlungsführung mit dem König und die Vertretung der Interessen der Aufständischen.37 Die Gruppenbindung riss folglich im Konfliktfall nicht ab, sondern sicherte den Aufständischen Unterstützung und Hilfe. Ohne die Freunde und Verwandten wäre der Aufstand nicht möglich gewesen. Zudem verbesserten sie die Möglichkeiten eines Ausgleichs mit dem König.38

Gruppenbindung hatte damit im weiteren Sinne eine Auswirkung auf die allgemeine Akzeptanz von Gerichtsurteilen. Die Folgen eines Gerichtsurteils oder der darauffolgenden Ächtung beraubten die Betroffenen nämlich nicht ihrer Unterstützung. Selbst nach einer gerichtlichen Verurteilung lässt sich beobachten, dass Freunde und Vasallen den Verurteilten weiter unterstützen, als ob für sie das Urteil irrelevant sei.39 Dies untergrub die Wirkung von Urteilen.

I.2.b.) Ursachen und Ablauf von Konflikten

Konflikte brachen schon dann aus, wenn die Ehre oder der Rang durch königliche Handlungen verletzt wurden. Das war zum Beispiel der Fall, wenn ein König ein Amt oder Lehen anders vergab als erwartet oder er Leistungen nicht würdigte.40 So war die Tötung eines Vasallen ein massiver Angriff auf die Ehre seines Herren, auf die reagiert werden musste, wenn dieser nicht Prestige einbüßen wollte. Die Ursache für die Tübinger Fehde war laut Quellenaussage, dass Pfalzgraf Hugo von Tübingen in einer Grafschaft, die er von Welf VI. zum Lehen bekommen hatte, Dienstmänner von Welf töten ließ.41

Weitere Ursachen für Konflikte waren besonders in den Jahren 937 bis 954 in der königlichen Familie Auseinandersetzungen um Erb- und Herrschaftsansprüche, deren rebellierende Mitglieder Unterstützung bei Adeligen fanden, die sich auch in ihrer Ehre verletzt sahen und daher ihr Widerstandsrecht ausübten.42 Hier wird ein weiteres konfliktauslösendes Potential deutlich. Das Prinzip der Individualsukzession wurde durchgesetzt. Dies schloss jüngere Mitglieder der Dynastie von der Thronfolge aus.43 Die erstarkte Herzogsgewalt ließ folglich eine Trennung nach karolingischer Tradition nicht mehr zu. Die Herzogtümer selbst stellten allerdings eine Möglichkeit dar, die jüngeren Mitglieder der Familie in gewissem Umfang an der Königsherrschaft teilhaben zu lassen. Dies führte zur Vergabe von Herzogtümern an Familienmitglieder durch Otto I., der seinen Bruder Heinrich mit der bayrischen Herzogswürde ausstattete. Maßnahmen dieser Art dienten folglich der Konsolidierung der Herrschaft, riefen aber gleichzeitig neue Konflikte hervor.44

Konflikte zwischen den Herrschaftstragenden Kräften König, Adel und Episkopat verliefen grundsätzlich nach einem skizzierten Muster gütlich ritualisierter Einigung, was dem Prinzip der Sühne (satisfactio) verpflichtet war. Rangeinbußen wurden so durch die eigene Erniedrigung vor dem Gegner wiedergutgemacht. Bei Konflikten vollzogen die Kontrahenten deshalb zunächst kontrollierte Schritte, die genügend Ansätze zum Einlenken und zur Friedensstiftung boten.45 Vor einem nächsten Schritt erhielt so der Gegner stets die Gelegenheit einzugreifen. Zunächst wurde eine Trübung der Beziehung dadurch ausgedrückt, dass man Traurigkeit zur Schau stellte und sich in einem zweiten Schritt von seinem Gegner abwandte und die Kommunikation unterband.46 Wurde auf diese Signale nicht reagiert, folgte erst dann der Griff zu den Waffen, wobei auch hier Regeln zu beachten waren. Das Beispiel der Tübinger Fehde zeigt, dass Welf VI. als Reaktion auf den Vorfall eine Klage (queromonia) direkt an seinen Kontrahenten Hugo von Tübingen schickte.47 Die Klage ging an kein Gericht, sondern sollte seinem Gegner signalisieren, dass dieser mit der Eröffnung einer Fehde zu rechnen hatte, falls er sich zu keiner Genugtuung bereit fände. Pfalzgraf Hugo von Tübingen gab auf die Klage eine gewisse Genugtuung. Er gab eine demütige, unterwürfige Antwort (humile responsum). Dies veranlasste Welf VI. dazu von der Fehde abzulassen, ohne den Fall als erledigt anzusehen. Welf VI. ging kurze Zeit später nach Italien. Sein Sohn Welf VII. erneuerte die Klage und ermahnte den Grafen erneut zur Genugtuung. Hugo reagierte diesmal mit einer trotzigen Antwort (responsio contumax). Dies war für Welf VII. das Signal die Fehde zu eröffnen.48

Diese rituellen Akte zu Beginn von Konflikten schaffen in Form von demütigem Verhalten Spielraum für Verhandlungen, während eine drohende, abwertende Handlung das Signal war Gewalt anzuwenden. Das Geschehen eskalierte folglich nicht blindwütig, sondern kannte gewisse Spielregeln und Gewohnheiten. Das rituelle Verhalten hatte die Funktion der Öffentlichkeit und dem Gegner klar zu machen, dass man zum Waffengang bereit war.49

Die symbolische Handlung ist hier klar ein Teil der mittelalterlichen Ordnung und muss in ihrem Kontext interpretiert werden. Die symbolische Zurschaustellung veröffentlichte zuvor geheim abgesprochene Entscheidungen und sandte so Botschaften an die Umgebung. Durch diese Art der Zurschaustellung der getrübten Beziehungen konnte auf eventuelle Kränkungen reagiert werden, bevor es zur Eskalation kam. Ebenso wurde positives Verhalten als ungetrübte Beziehung aufgefasst. Die öffentliche Ordnung, um einen neuzeitlichen Begriff zu nutzten, wurde so gewahrt.

I.2.c.) Beilegung von Konflikten

Es bildeten sich Wege zur Beilegung von Konflikten aus, wie der Gang vor

Gericht oder die direkte Verhandlung der Streitparteien.50 Es gab weitere Formen der Friedensstiftung, die weniger stark formalisiert waren. Es traten zuweilen Personen, auf die ihre Autorität, die sie ihrem Amt oder ihrer sozialen Stellung verdankten, in die Waagschale warfen, um gewalttätige Konflikte oder gerichtliche Verfahren zu beenden.

Die Konfliktparteien übertrugen auch teilweise Dritten den Auftrag, eine gütliche Einigung herbeizuführen. Diese Praktiken blieben zwar randständig, besaßen aber Verwandtschaft zur Schlichtung.51

Die Beilegung von Konflikten erwies sich somit als elementare Funktionsweise von Herrschaft und Lebensordnung im Mittelalter. Sie diente der Wiederherstellung einer Rangordnung, die auf Konsens beruhte. Erfolgte eine Beilegung des Konflikts, wurde diese häufig in einem öffentlichen Akt ritualisiert, der die Wiederherstellung der Ordnung versinnbildlichte und dadurch zur Einhaltung ermahnte. Übliche Formen der Beilegung waren der Friedenseid oder die scheinbar bedingungslose Unterwerfung eines der Kontrahenten. Der sich Unterwerfende ging faktisch meist „straffrei“ aus, der Sache und ihm widerfuhren kaum Nachteile.

Im Hochmittelalter fixierte man die Beilegung von Konflikten nicht schriftlich, sondern machte sie durch öffentliche Handlungen verbindlich. Diese Praxis lösten im späteren Mittelalter Beurkundungen ab. So wurde nach der Schlacht von Worringen 1289 durch eine Beurkundung zwischen dem Kölner Erzbischof Siegfried von Westburg und dem Grafen Adolf von Berg und seinen Helfern folgendes fixiert:

(...) Wir, Siegfried, durch die Gnade Gottes Erzbischof der heiligen Kölner Kirche, tun allen kund, die diese Urkunde lesen werden, dass wir in Bezug auf alle Streitigkeiten und die Zwietracht, die zwischen Uns einerseits so wie den edelen Herren, den Brüdern Graf von Berg und Heinrich von Berg, den Herren (...) andererseits ausgebrochen waren, eine freundschaftliche Vereinbarung und Regelung wie folgt getroffen haben: Wir, der Erzbischof, unsere Nachfolger und die Kölner Kirche bestätigen jetzt und für die Zukunft dem Grafen, seinem Bruder und ihren legitimen Erben volle Erbansprüche, jegliches Recht, jegliche Begünstigung , jegliches früher erhaltene Zugeständnis und Gewohnheitsrecht, richterliche und landesherrliche Gewalt, so wie sie (...) dies alles bis zur Stunde besessen haben und besitzen werden (...) Ferner werden wir dem Grafen für die Schäden, die ihm und seinen Leuten unverdienter- maßen von uns und unseren Leuten angetan worden sind 12000 Kölner Mark zahlen (...) Ferner sei jeglichem Zwist, jeglichem Groll und jeglicher Feindschaft zwischen uns, dem Erzbischof sowie dem Grafen von Berg und Heinrich von Berg (..) verursacht sowohl durch die Gefallenen der Schlacht, die Gefangenen und Vertriebenen durch Brand, Schadentum und Raub, als auch durch Zerstörung von Burgen, Städten und Dörfern, insbesondere durch meine Inhaftierung (...) von jetzt und hier an aufrichtig, einfach und freiwillig abgesagt. (Es folgt die Beurkundung der Beeidigung und Besiegelung des Aktes durch beide Parteien).52

Fixiert wird der zukünftige Frieden zwischen den Streitparteien und eine

Entschädigungssumme, die vom Bischof an den Grafen gezahlt werden muss. Zudem verpflichten sich beide Parteien, den Konflikt als beigelegt anzusehen.

I.3.) Das Konfliktverhalten der Könige in Beziehung zu ihrer Herrschaftsposition im Reich

Die Auflehnung oder Verschwörung gegen den König in der Karolingerzeit wurde mit Klosterhaft, Blendung oder Tod bestraft. Gegner wurden systematisch ausgeschaltet und physisch vernichtet. Als Beispiele lassen sich der buckelige Pippin, Bernhard von Italien oder die Verschwörung des Langobarden Hrodgaud nennen. Die Milde des Königs bestand in diesen Fällen darin Todesurteile in Blendung umzuwandeln.53 Frühere Würden wurden, anders als in der Zeit der Ottonen nicht wiedererlangt.54 Der König scheint in dieser Zeit bei Konflikten grundsätzlich keine Sonderstellung einzunehmen.

Clausdieter Schott vertritt die These, dass diese Sühnemittler die Selbsthilfe einer Gesellschaft ohne ausgeprägte Zentralgewalt mit richterlicher Funktion waren.55 Die Folge wäre, dass Vermittler mit der Verbreitung des Gerichtswesens ihre Aufgabe verlieren. Im Mittelalter ist dies auf Grund der besonderen Beschaffenheit der Gerichte anders. Die Adeligen lassen sich in Ehrfragen nicht auf Gerichtsurteile ein. Hermann Kamp verweist allerdings darauf, dass Herrscher bis ins Hohe Mittelalter versucht haben, die Konflikte ihrer Getreuen außergerichtlich zu lösen. Familienfehden beizulegen kann also als Ausdruck einer etablierten Form der herrscherlichen Friedensstiftung gesehen werden. Ein autoritärer Charakter ist hierbei deutlich zu erkennen.56

I.3.a.) Die Ottonen: Neuordnung und Versuch der Verfestigung der königlichen Position

Die Versuche der Karolinger, eine hierarchischere Ausrichtung auf den König durch zusetzten, sind zwar als Normvorstellungen geblieben, wurden aber trotz Versuchen - wie allgemeine Treueeide, Verbote von coniurationes und mehr - nicht umgesetzt.57

Allerdings war der König im 10. und 11. Jahrhundert, anders als bei den

Karolingern in ein Netzwerk von Regeln eingebunden. Diese Regeln verhinderten unkontrollierte Eskalation. Sie sahen eine fast institutionalisierte Rolle von Intercessoren vor und kannten die ritualisierte Wiederherstellung des status quo ante.58

Die Veränderung versucht Gerd Althoff zu erklären, indem er den Prestigeverlust des karolingischen und das fehlende Prestige des ottonischen Geschlechts zu Beginn der Herrschaft dafür verantwortlich macht, dass neue Formen des Zusammenwirkens zwischen König und Großen nötig wurden. Die Veränderung diente schließlich der Konsolidierung im Inneren und einer Abwehr der äußeren Feinde.59

Diese Konsolidierung wurde von Heinrich I. betrieben, indem er Bündnisse zwischen den Fürsten arrangierte und sich selbst in diese Bündnisse einbinden ließ. Er betrieb eine erfolgreiche Politik der Freundschaftsbindung, die zur Konsequenz hatte, dass der König einige königliche Machtbefugnisse zurück stellen musste. Diese Prinzipien der Freundschaftspolitik beeinflussten das politische Leben im 10. und 11. Jahrhundert und führten zu bestimmten Verhaltensweisen in Konflikten. Es entwickelte sich die Milde als königliche Herrschertugend, deren Nachweis für die Legitimierung des sakralen Herrschers von Bedeutung war.60 Je mehr ein Herrscher der sakralen Legitimierung bedurfte, desto eher hielt er sich an die vorgegebenen Normen. Zusammen mit bestimmten Formen aus der Freundschaftspolitik wurden so die Handlungsspielräume des Königs im politischen Kräftefeld wie die herrscherliche Machtausübung, die Formen des Widerstandes, die Art der Rituale und Konflikte bestimmt.61 Otto der Große brach mit dieser Politik, stellte sich in die karolingische Tradition und unterstrich seinen herrscherlichen Vorrang. Dieser Bruch der Kontinuität führte zu schweren Krisen des Reiches.

Die Großen erreichten, dass Otto I. die Anwendung der herrscherlichen

Strafgewalt gegen sie verwehrt blieb. Diese Schwerpunktsetzung Gerd Althoffs mit der Betonung der personalen Elemente der Herrschaft wird von Egon Boshof um eine pragmatische und machtpolitische Implikation ergänzt.

[...]


1 Vgl. Offergeld, Peter/ Schulz, Dieter: Krieg und Frieden. Friedensordnungen und Konflikte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Paderborn 1994. S. 17.

2 Vgl. Offergeld, Peter/ Schulz, Dieter: Krieg und Frieden. S.18

3 Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Friede und Fehde. Darmstadt 1997. S.5.

4 Stellvertretend für diese Perspektive ein Verweis auf die Arbeiten von Heinrich Mitteis über „Politische Prozesse des frühen Mittelalters in Deutschland und Frankreich, Heidelberg 1927“, die Arbeit von Adelheit Krah über „Absetzungsverfahren als Spiegelbild der Königsmacht. Untersuchungen zum Kräfteverhältnis zwischen Königtum und Adel im Karolingerreich und seinen Nachfolgestaaten, Ahlen 1987“ Und jünger von Friedrich Battenberg über „Herrschaft und Verfahren. Politisch Prozesse im mittelalterlichen Römisch- Deutschen Reich. Darmstadt 1995“.

5 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.8

6 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.9.

7 Kamp, Herman: Friedensstifter und Vermittler im Mittelalter. Darmstadt 2001. S. 8.

8 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.127.

9 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.128.

10 Vgl. Suchan, Monika: Königsherrschaft im Streit. Konfliktaustragung in der Regierungszeit Heinrich IV. zwischen Gewalt, Gespräch und Schriftlichkeit. Stuttgart 1997. S. 21.

11 Vgl. Suchan, Monika: Königsherrschaft im Streit. S.22.

12 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.129.

13 Vgl. Suchan, Monika: Königsherrschaft im Streit. S. 24f.

14 Vgl. Althoff, Gerd: Colloquium familiare - colloquium secretum - colloquium publicum. Beratung im politischen Leben des Frühmittelalters. In: FMSt 24. 1990.S. 145- 167. S.150ff.

15 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.130f.

16 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.132.

17 Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.133.

18 Vgl. Roberts, Simon: Ordnung und Konflikt. Eine Einführung in die Rechtsethnologie. Stuttgart 1981. S.53f.

19 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S 23.

20 Siehe Kern, Fritz: Gottesgnadentum und Widerstandsrecht im frühen Mittelalter. Zur Entwicklungsgeschichte der Monarchie, hrsg. von Rudolf Buchner. Darmstadt 1954.

21 Vgl. Suchan, Monika: Königsherrschaft im Streit. S 29.

22 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S 24.

23 Widukind von Corvey, Sachsengeschichte II, 13, S.78. Ebenso die Unterwerfung seines Bruders Heinrich auf Intervention der Mutter Mathilde. Anschließend erhielt Heinrich das Herzogtum Bayern. Widukind von Corvey, Sachsengeschichte II, 36, S.95.

24 Vgl. Kamp, Herman: Friedensstifter und Vermittler im Mittelalter. S.171f.

25 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.36f.

26 Vgl. Boshof, Egon: Königtum und Königsherrschaft. S.98.

27 Krah, Adelheid: Absetzungsverfahren als Spiegelbild von Königsmacht. Untersuchungen zum Kräfteverhältnis zwischen Königtum und Adel im Karolingerreich und seinen Nachfolgestaaten. Aalen 1987. S. 377.

28 Vgl. Boshof, Egon: Königtum und Königsherrschaft. S.99.

29 Vgl. Roberts, Simon: Ordnung und Konflikt. S.78.

30 Vgl. Keller, Hagen: Grundlagen ottonischer Königsherrschaft. In: Reich und Kirche vor dem Investiturstreit. Vorträge beim wissenschaftlichen Kolloquium aus Anlass des achtzigsten Geburtstags von Gerd Tellenbach. Hrsg. von Karl Schmid. Sigmaringen 1985. S.17- 34. S.23.

31 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S. 23. Siehe Fußnote 7: Eine Ausnahme scheint der Aufstand gegen Otto den Großen im Jahre 939 zu sein, bei dem sein Bruder Heinrich sowie die Herzöge Eberhard von Franken und Giselbert von Lothringen genannt sind. Ebenso Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.62.

32 Vgl. Offergeld, Peter/ Schulz, Dieter: Krieg und Frieden. S. 17.

33 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronik V,32, hrsg. von Robert Holzmann ( MGH SSrG NS 9), Berlin 1955. Übersetzt nach FSGA 9, Darmstadt 1957. S. 256ff.

34 Thietmar von Merseburg, Chronik V, 14, S. 23.

35 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronik V, 18, S. 241f.

36 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronik V, 32, S.256.

37 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronik V, 32, S. 256ff und 38, 263ff.

38 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.28.

39 Ebd.

40 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.24.

41 Vgl. Historia Welforum,neu hrsg. und übers. und erl. von Erich König (Schwäbische Chroniken der Stauferzeit1), Stuttgart, Berlin 1938. cap.30, S.60.

42 Vgl. Leyser, Karl J.: Herrschaft und Konflikt. S.20ff.

43 Vgl. Leyser, Karl J.: Herrschaft und Konflikt. S.30ff.

44 Vgl. Boshof, Egon: Königtum und Königsherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert. München 1997. S.94f.

45 Vgl. Suchan, Monika: Königsherrschaft im Streit. S.28.

46 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronik II, 5, S.42ff. Die trista Luidolfs, des Sohn Ottos wird als Vorstufe eines Konfliktes mit dem König gewertet.

47 Vgl. Historia Welforum, cap 30, S.60.

48 Vgl. Historia Welforum, cap 30, S.60.

49 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S 66f.

50 Vgl. Kamp, Herman: Friedensstifter und Vermittler im Mittelalter. S 29f.

51 Vgl. Kamp, Herman: Friedensstifter und Vermittler im Mittelalter. S.38.

52 Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins oder des Erzstifts Köln, der

Fürstentümer Jülich und Berg, Geldern, Mörs, Kleve und Mark, und der Reichsstifte Elten, Essen und Werden. Hrsg. von Theodor Joseph Lacomblet, Düsseldorf 1840. Bd.2. Nr. 865.

53 Vgl. Annales Bertiniani, ad 873, S. 122

54 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S. 37f.

55 Vgl. Clausdieter Schott, Traditionelle Formen der Konfliktlösung in der Lex Burgundionum. In: La Giustizia nell’alto medioevo (secoli V- VIII) Bd 2. Spoleto 1995. S. 933- 961. S. 944 ff.

56 Vgl. Kamp, Herman: Friedensstifter und Vermittler im Mittelalter. S. 45.

57 Vgl. Kellner, Otto: Das Majestätsverbrechen im deutschen Reich bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, Phil. Diss. Halle 1911. S.30ff.

58 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S.53.

59 Althoff verweist auf Tellenbach, der den Prestigeverlust im Laufe des 9. Jahrhunderts beschreibt. Tellenbach, Gerd: Die geistigen politischen Grundlagen der karolingischen Thronfolge. In: FMSt 13 (1979), S. 184-302. Kapitel VIII,2 „Vom consensus omnium zur dissensio inexpiabilis“ S. 288ff.

60 Vgl. Leyser, Karl J.: Herrschaft und Konflikt. König und Adel im ottonischen Sachsen. S.75ff., Vgl. Keller, Hagen: Grundlagen ottonischer Königsherrschaft. S.31ff.

61 Vgl. Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. S. 56.

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Vermittlungstätigkeit als Aufgabe des Königs im Mittelalter
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
95
Katalognummer
V141306
ISBN (eBook)
9783640506422
ISBN (Buch)
9783640506637
Dateigröße
858 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vermittlungstätigkeit, Mittelalter, Herrschaftspraxis der Könige
Arbeit zitieren
Katharina Remke (Autor), 2008, Vermittlungstätigkeit als Aufgabe des Königs im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141306

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Vermittlungstätigkeit als Aufgabe des Königs im Mittelalter



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden