Die Neueröffnungen der Universitäten Leipzig, Dresden, Jena und Halle nach dem 2. Weltkrieg im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Universitäten
2.1 Die Universität Leipzig
2.2 Die Friedrich-Schiller-Universität Jena
2.3 Die Technische Hochschule Dresden
2.4 Die Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg

3. Die amerikanische Besatzung

4. Entnazifizierung
4.1 Universität Leipzig
4.2 Friedrich-Schiller-Universität Jena
4.3 Technische Hochschule Dresden
4.4 Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg

5. Sowjetische Besatzung
5.1 Universität Leipzig
5.2 Friedrich-Schiller-Universität Jena
5.3 Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg

6. Erste Schritte zur Wiedereröffnung
6.1 Universität Leipzig
6.2 Friedrich-Schiller-Universität Jena
6.3 Technische Hochschule Dresden
6.4 Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg

7. Die Wiedereröffnung
7.1 Friedrich-Schiller-Universität Jena
7.2 Karl-Marx-Universität Leipzig
7.3 Technische Hochschule Dresden
7.4 Martin-Luther-Universität Halle

8. Schlusswort

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren in weiten Teilen Deutschlands eine Vielzahl der universitären Gebäude bei Bombenangriffen zerstört worden. Besonders schwer getroffen hatte es die gro en universitären Zentren wie Berlin, Leipzig und Dresden, wohingegen in kleineren Städten wie Jena, Halle und Rostock viele Universitätsgebäude unzerstört blieben, Greifswald wurde der Roten Armee sogar unzerstört übergeben. Die meisten Hochschulen wurden während des Krieges, jedoch spätestens unter der Besatzung der Alliierten geschlossen. Wie lang war der Weg zur Wiedereröffnung der Universitäten und wie wurde er von den einzelnen Hochschulen und ihren Mitgliedern beschritten? Dies möchte ich für die Universitäten Leipzig, Dresden, Halle und Jena untersuchen und dabei einen Forschungsschwerpunkt auf die Universität Leipzig legen, an der ich momentan selbst studiere, denn aus diesem Grund ist dort die Quellenlage und der Literaturbestand am Ergiebigsten. Ich möchte dennoch einen Vergleich zwischen den vier Hochschulen anstreben, bei dem es mir besonders darauf ankommt, die Wieder- beziehungsweise Neueröffnungen unter historiographischen Gesichtspunkten zu untersuchen und Parallelen zu ziehen, eventuell aber auch gro e Unterschiede bei den Vorgehensweisen der jeweiligen Verantwortlichen aufzuzeigen. Themengebiete werden die Trümmerbeseitigung, sowie das komplexe und weitreichende Problem der Entnazifizierung und die damit verbundenen Schwierigkeiten beim Aufbau eines neuen und unbelasteten Lehrkörpers sein. Es gilt au erdem zu untersuchen, inwieweit die Neuanfänge mit besatzungsspezifischen Vorgehensweisen zusammenhängen und warum sich beispielsweise eine Wiederaufnahme des Lehrbetriebs in Dresden besonders lange hinauszögerte.

Der „Mythos Jena“ kann außerdem als Symbol für den anwachsenden Ost-West-Konflikt gesehen werden. Die sowjetische Besatzungsmacht handelte die Stadt Jena in Anlehnung an den amerikanischen „Mythos Heidelberg“ als hochrangiges kulturelles Erbe, was durchschimmern lässt, dass durchaus ein Kampf mit den Westalliierten um kulturelles Prestige bestand. Verglichen mit westdeutschen Universitäten zogen sich die Neueröffnungen im ostdeutschen Teil wesentlich länger hin: Die Universität Köln wurde von der britischen Militärregierung bereits am 24. Oktober 1945 wiedereröffnet, am 26. November wurde mit den Vorlesungen begonnen, die Universität Heidelberg nahm den Lehrbetrieb ab dem 15. August stufenweise wieder auf. Abgesehen von der Ausnahme Jena, deren Wiedereröffnung noch im Oktober 1945 gelang, wurden die anderen ostdeutschen Hochschulen erst im Laufe des Jahres 1946 wiedereröffnet.

Der Grund hierfür liegt wohl in der Durchführung der Entnazifizierungsmaßnahmen, denn die sowjetische Besatzungsmacht tat dies verglichen mit den West-Alliierten am konsequentesten und stie dabei augenscheinlich auf grö ere Bereitschaft zur Zusammenarbeit bei der Bevölkerung. So beklagte sich der amerikanische Geheimoffizier in Heidelberg über die „mangelnde Kooperationsbereitschaft zur Aufklärung der Vergangenheit in Heidelberg“ und sieht in Leipzig ein positives Beispiel. Er empfiehlt im Februar 1946 sogar die Schlie ung der Universität.1

Als Literatur dienten mir Publikationen über die Geschichte der verschiedenen Universitäten, die meist sehr ausführlich und hilfreich waren, aber auch Literatur über die sowjetische Besatzungszone und die sowjetische Besatzungs- und Hochschulpolitik, die mir einen groben Überblick über die ostdeutsche Zone verschafft hat, für meine Arbeit aber eine untergeordnete Rolle spielte, da die meisten Informationen auch in den universitären Publikationen vorhanden waren. Bei den Universitäten Leipzig und Jena habe ich zudem Chroniken und Publikationen gefunden, die noch in der DDR veröffentlich wurden. Daraus konnte ich weniger wissenschaftliche Objektivität ziehen, als vielmehr einen Eindruck davon bekommen, wie die sozialistische Geschichtsschreibung Bezug nahm auf die Westalliierten oder wie sie sich vom „Hitler-Faschismus“ abgrenzte. Aus den Webseiten der Universitäten habe ich schlie lich teilweise geschichtliche Daten entnehmen können.

2. Die Universitäten

2.1 Die Universität Leipzig

Leipzig war während des Zweiten Weltkriegs stark beschädigt worden. Zwei Drittel der Universitätsgebäude waren zerstört, außerdem hatten viele Studenten, Hochschullehrer und Mitarbeiter im Krieg ihren Tod gefunden. Viele jüdische Gelehrte waren aus Leipzig vertrieben worden, die Wissenschaft hatte sich dem nationalsozialistischen Regime unterordnen müssen und ihre Forschung somit von internationalen Entwicklungen isoliert. Der Glanz der Alma mater Lipsiensis war nahezu erloschen. Neben dem Verlust von Kunstschätzen, Büchern, Apparaturen und Gebäuden waren aber vor allem die hinterlassenen „geistigen Trümmer“ zu beklagen: Die Ideologie des Hitlerregimes und die Kriegsjahre hatten in den Köpfen der Menschen Orientierungslosigkeit und eine ideologisierte Weltanschauung hinterlassen.2

Bereits am 1. Mai 1945 erhielt die Universität Leipzig die Erlaubnis, die Wahl eines neuen Rektors durchzuführen. Mit dem Einverständnis der Militärregierung wurde so am 16. Mai der Archäologe Bernhard Schweitzer zum neuen Rektor der Universität Leipzig gewählt, Prorektor wurde der Physiker Friedrich Hund. Schweitzer sollte sein Amt jedoch noch vor der Wiedereröffnung der Universität wegen Differenzen mit der nachfolgenden sowjetischen Besatzungsmacht wieder verlieren. Während seiner Amtszeit wurden 15 Hochschullehrer entlassen.3

2.2 Die Friedrich-Schiller-Universität Jena

Thüringen zählte mit Weimar und Jena zu den kultur- und bildungsintensivsten Regionen Deutschlands, die europäischen Ruf genossen. Aber viele ihrer Bauten und Bildungsstätten lagen nach Kriegsende in Trümmern, denn insbesondere die Luftangriffe vom 19. März 1945 hatten die Universitätsgebäude in Schutt und Asche sinken lassen.4 Au erdem war das Ansehen der Region aufgrund ihrer Konzentrationslager sehr fragwürdig geworden, denn gerade hier hatten die Nationalsozialisten ein dichtes Netz von Häftlings- und Zwangsarbeiterlagern, Rüstungsbetrieben und Produktionsstätten modernster Kriegstechnik aufgebaut.5 „Gemessen an ihrer Tradition und Reputation war die Jenaer Universität keineswegs nur eine unter vielen Hochschulen, die 1945 ihre NS-Vergangenheit überwinden und einen Neubeginn suchen mussten. Sie gehörte zu den älteren und bekanntesten deutschen Universitäten und geno als Zentrum klassischer deutscher Philosophie mit enger Bindung an Weimar Weltruf.“6

Der Lehrbetrieb an der Jenaer Universität wurde während des „Totalen Krieges“ aufrechterhalten und die Universität wurde nicht geschlossen. Während der Luftangriffe 1945 musste der Lehrbetrieb aber schlie lich eingestellt werden. Der Rektor Astel beging am 4. April 1945 Selbstmord, als die amerikanischen Truppen heranrückten, andere begannen, Akten und belastendes Material zu vernichten und so ihre eigene Vergangenheit für die Nachwelt zu tilgen. Es wurde nun versucht, die Universität auf den Einmarsch der Amerikaner vorzubereiten und der Altphilologe Friedrich Zucker wurde beauftragt, das Rektorenamt zu übernehmen. Er war politisch unbelastet, bereits 1928/29 schon einmal Rektor gewesen und sprach zudem Englisch. Zucker war einer der wenigen Rektoren, der in der SBZ schon vor der sowjetischen Besatzung im Amt war und auch der einzige, der in seinem Amt blieb. Der bisherige Prorektor Rüdiger v. Volkmann sträubte sich noch einige Zeit gegen seinen Rücktritt, was darlegt, wie schwer es der Universität später fallen würde, sich von den „nationalsozialistischen Altlasten“ zu lösen.7

Aktiven Widerstand gegen das Regime scheint es an der Universität Jena nicht gegeben zu haben: „Ihre Professoren und Studenten waren in vielfältiger Weise in das nationalsozialistische Diktatur- und Gesellschaftssystem, in den von ihm ausgelösten Krieg, in Wehrmachtsaufträge oder - wie Teile der Medizinischen Fakultät - in KZ-Praktiken, euthanasie- und rassepolitische Verbrechen eingebunden“.8

2.3 Die Technische Hochschule Dresden

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren in Dresden 33% der Wohnungen zerstört, au erdem hatten städtearchitektonische Juwelen wie die Frauenkirche und andere Kunstwerke Beschädigungen erlitten. Die Bombardierungen am 13., 14. und 15. Februar hatten gro e Schäden hinterlassen. Dennoch sollte der Lehrbetrieb an der TH noch während des Krieges am 17. April wieder aufgenommen werden, aber am 16. April verursachten weitere Bombeneinschläge die ma geblichen Zerstörungen an der universitären Gebäuden.9 Das Hauptgebäude am Bismarckplatz war völlig zerstört, somit auch die Räume der Verwaltung, des Rektorats mit Sekretariat und Rentamt, der Abteilung für Hochbau, Volkswirtschaftslehre, Kulturwissenschaften, das Physikalische Institut und die Hauptbibliothek. Schwer getroffen hatte es die Maschinenbau-Abteilung. Das elektrotechnische Institut war praktisch vollkommen zerstört. Der Zeunerbau war zu 50 % beschädigt, das Maschinenlaboratorium ausgebrannt.10

Heizmaterial und Wohnungen fehlten an allen Orten und die beiden Nachkriegswinter 1946 und 1947 brachten besonders starke Kälte nach Deutschland. Die Beseitigung der Trümmer stellte die Bevölkerung vor eine harte Aufgabe ohne ausreichende Nahrung und Wärme. Es ist ein Trugbild, dass die Lehrer an der TH Dresden ab Mai 1945 nur vom Wunsch beseelt waren, die Hochschule so schnell wie möglich wiederzueröffnen. In erster Linie waren sie mit persönlichen und familiären Problemen beschäftigt, die die katastrophale Ernährungslage und Angst vor Krankheiten betrafen. Denn wer krank wurde, hatte oft nur geringe Überlebenschancen; der Mangel an Nahrung und Medikamenten traf vor allem Kinder und ältere Menschen. Nichtsdestotrotz begannen Dozenten und Mitarbeiter der Hochschule direkt nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen mit kleinen Wiederaufbaumaßnahmen und Aufräumarbeiten.11

Am 26. Juli 1945 wurde Professor Enno Heidebroek einstimmig zum Rektor der Hochschule gewählt und vom Präsidenten der Landesverwaltung und späteren Ministerpräsidenten Sachsens, Rudolf Friedrichs, am 17. August rückwirkend zum 26. Juli bestätigt.12 Jedoch erst am 18. Oktober 1946 konnte in Dresden der Lehrbetrieb wieder aufgenommen werden, wohingegen Leipzig bereits im Frühjahr 1946 eine Wiedereröffnung gelang. Die Gründe dafür lagen weniger bei den Trümmerlandschaften, die der Krieg hinterlassen hatte, sondern

vielmehr an der gezielten Ausräumung der Dresdner Institute durch die sowjetische Besatzungsmacht.13 Zeitweise wurde damit gerechnet, dass einige Institute nahezu völlig nach Russland abtransportiert würden. Beispielsweise das Institut für Metallurgie und Werkstoffkunde erlitt einen Verlust von 90% seiner Geräte und Maschinen, während es durch die Bombardierungen im Krieg nur wenige Schäden genommen hatte.14 15

2.4 Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

In Halle waren die Kriegsschäden verglichen mit anderen Universitäten gering. Lediglich die Frauenklinik war zerstört, das Melanchthomeanum und das Robertinum beschädigt. Nur Greifswald befand sich unter den ostdeutschen Universitäten in einer besseren Situation, denn es wurde den sowjetischen Behörden unzerstört übergeben.16

Am 12. Juli 1945 wurde der neue Rektor Otto Ei feldt, Professor für Altes Testament und semitische Religionsgeschichte, in sein Amt eingeführt. Eigentlich hätte die Universität während des Sommersemesters wiedereröffnet werden sollen, aber aus ungeklärten Gründen wurde die Genehmigung von Pjotr Solotuchin, dem Chef der Abteilung Volksbildung der Sowjetischen Militäradministration für Deutschland (SMAD), wieder zurückgezogen. Er bemängelte das Fehlen von Programmen und Prospekten und forderte eine Überprüfung der Studenten. Diese dürften weder „faschistische Kräfte“ sein, noch aus solchen Elternhäusern stammen. Innerhalb von drei Wochen sollte ein Beschluss der Provinzialregierung über die Demokratisierung der Universität herbeigeführt werden. Dies bedeutete eine Entnazifizierung des Lehrkörpers und eine Säuberung der Bibliotheken von nationalsozialistischer Literatur. Zudem verlangte er die Erstellung eines Vorlesungsverzeichnisses mit Inhaltsangaben über die zu lehrenden Themen.17

[...]


1 Pfetsch, Frank R., in: Buselmeier/ Harth/ Jansen (Hrsg.), S. 367.

2 Vgl. Krause, S. 312.

3 Vgl. ebd., S. 310, siehe auch Kapitel 6.1 zur näheren Erläuterung der Differenzen.

4 Vgl. Pester, S. 123.

5 Vgl. John/ Wahl/ Arnold (Hrsg.), S.51.

6 Ebd., S. 51f.

7 Vgl. ebd., S.55.

8 Ebd., S. 53.

9 Vgl. Pommerin, S.195.

10 Vgl. ebd., S. 220.

11 Vgl. ebd., S. 217f.

12 Vgl. ebd., S. 219.

13 Auch in Leipzig wurden Gerätschaften und Literatur Richtung Osten abtransportiert, wenngleich nicht im selben Maße.

14 Vgl. Pommerin, S. 222.

15 Die Universität Wittenberg wurde im Jahre 1502 vom sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen in Wittenberg gegründet. 1694 fand die Eröffnung der Universität Halle durch den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. statt. Als Ergebnis von territorialen Festlegungen des Wiener Kongresses wurden die Universitäten Wittenberg und Halle 1817 vereinigt und der Lehrbetrieb in Wittenberg eingestellt.

16 Vgl. www.uni-greifswald.de.

17 Vgl. Berg/ Hartwich (Hrsg.), S. 101.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Neueröffnungen der Universitäten Leipzig, Dresden, Jena und Halle nach dem 2. Weltkrieg im Vergleich
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar der Universität Leipzig)
Veranstaltung
Die Universität Leipzig 1945-1969 zwischen wissenschaftlicher Autonomie und sozialistischer Hochschulpolitik
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V144999
ISBN (eBook)
9783640546534
ISBN (Buch)
9783640545803
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DDR, Universität Leipzig, 2. Weltkrieg, Universität Halle, Universität Jena, Besatzung
Arbeit zitieren
Tabea Rueß (Autor), 2006, Die Neueröffnungen der Universitäten Leipzig, Dresden, Jena und Halle nach dem 2. Weltkrieg im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144999

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Neueröffnungen der Universitäten Leipzig, Dresden, Jena und Halle nach dem 2. Weltkrieg im Vergleich


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden