Die Nationenverfassung mittelalterlicher Universitäten am Beispiel Leipzigs

Entwicklungsgeschichte und Problematik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
22 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärung und Begriffsgeschichte „Nation“

3. Die frühen deutschen Universitäten und ihre Nationenverfassung
3.1 Prag
3.1.1 Die Nationenverfassung von Prag
3.2 Leipzig
3.2.1 Die vier Nationen in Leipzig: Frequenz
3.2.2 Probleme der Leipziger Nationenverfassung

4. Warum gab es keine Nationenverfassung an anderen deutschen Universitäten?
4.1 Pro und Contra Nationenverfassung - Forschungsmeinungen

5. Reformation und ihre Auswirkungen an der Universität Leipzig

6. Schlusswort

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die ersten Universitäten in Europa sind im Mittelalter entstanden, als älteste Hochschule gilt Bologna. Zwar ist die moderne Definition von Universität zu dieser Zeit noch nicht anwendbar - vielmehr ist gerade Bologna aus mehreren kleinen Rechtsschulen zusammengewachsen - dennoch sind dies die Ursprünge unserer heutigen wissenschaftlichen Einrichtungen. Gerade diese Anfänge sind historisch sehr interessant, denn anders als heute waren im Mittelalter die Bildungsstätten spärlich gesät und die Magister (Professoren) und Scholare (Studenten) legten oftmals weite Wege zurück, wanderten gar von einer Universität zur anderen. Dies hatte aber zur Folge, dass die Universitätsangehörigen - denn die universitas magistrorum et scholarium, die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, bildete eine eigene Korporation - aus verschiedenen Teilen z.B. des Heiligen Römischen Reiches kamen und ihrer Herkunft nach in „nationes“ eingeteilt wurden. Diese Einteilung und ihre rechtliche Verankerung in der Universitätsverfassung soll Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Es gilt darzulegen, wie die Einteilung der Nationen aus den geschichtlichen Geschehnissen heraus Eingang in die Leipziger Gründung fand, wie sich diese Nationenverfassung rechtfertigte und weiter entwickelte, schließlich theoretisch eine überholte Einrichtung darstellte, aber aufgrund ihres Ursprungs und der besonders tiefen Verankerung in den Leipziger Statuten über vier Jahrhunderte Bestand hatte. Eine besondere Rolle sollen die damit verbundenen Probleme der geographischen Abgrenzung und des im Laufe der Jahre auftretenden ungleichen Mitgliederbestandes der Nationen spielen. Anhand einiger von Georg Erler Mitte des 19. Jahrhunderts editierter Quellen und Urkunden soll außerdem die bereits dargestellte Problematik der Leipziger Nationenverfassung unterlegt werden.

Die Arbeit beginnt mit einer Annäherung an das Thema durch einen begriffsgeschichtlichen Überblick und einen Definitions-, beziehungsweise Eingrenzungsversuch im zweiten Kapitel. Danach soll auf die Universitäten Prag und vor allem Leipzig im Hinblick auf deren Nationenverfassung und dadurch entstandene Probleme eingegangen werden. Anschließend ordnet die vorliegende Arbeit das Thema Nationenverfassung im vierten Kapitel „gesamtdeutsch“ ein und untersucht Forschungsmeinungen, um ein Für und Wider dieser Institution abzuwägen. Abschließend soll das Thema der Reformation Aufmerksamkeit erhalten, denn es nahm größeren Einfluss auf die Entwicklung der Leipziger Universitätsnationen.

Georg Erler und Friedrich Zarncke waren die Pioniere des 19. Jahrhunderts in der Erforschung der Leipziger Universitätsgeschichte und ihre Werke, wie auch Bruno Stübels Urkundenbuch der Universität Leipzig haben Eingang in die vorliegende Arbeit gefunden in Form von urkundlichen Quellen und Forschungsmeinungen. Eine äußerst gute Vorlage zu dieser Thematik hat Sabine Schumann geliefert, die sich bereits 1974 mit dem Thema der „nationes“ an den Universitäten Prag, Leipzig und Wien beschäftigt hat. Siegfried Hoyer bot zweifellos das meiste Material zur Universität Leipzig, das dem Thema dieser Arbeit entsprach und ist deshalb im Literaturverzeichnis mit drei verschiedenen Aufsätzen vermerkt. Ebenso hat der 1953 erschienene Aufsatz von Herbert Helbig viel Eingang in diese Arbeit gefunden. Pearl Kibre beschäftigte sich 1948 mit den nationes aller mittelalterlichen Universitäten, was sehr beeindruckend und in der Literatur viel zitiert ist, in diesem speziellen Fall für Leipzig aber nicht übermäßig ergiebig war. Am Rande wurden außerdem Überblickswerke über die Geschichte Sachsens von Czok und Groß konsultiert.

2. Begriffserklärung und Begriffsgeschichte „Nation“

Der Begriff Natio stand im Mittelalter anders als heute noch nicht für ein Volk, das innerhalb bestimmter Staatsgrenzen lebt. Natio wurde offensichtlich eher als Synonym für Fremde oder Menschen außerhalb der Stadtmauern gebraucht.1 In den frühen Universitäten wie Bologna und Paris existierte eine sogenannte Nationenverfassung, die festlegte, zu welcher Nation auswärtige Studenten gehören sollten. In Bologna wurden die Nationen dementsprechend als Vereinigungen fremder, auswärtiger Studenten angesehen, in Paris zählten außerdem alle Lehrer der Artistenfakultät dazu. Ihren Namen erhielten die Nationen meist von den benachbarten Gebieten, nach dessen Himmelsrichtungen die Universitätsstadt ausgerichtet war. Auch an anderen Universitäten gruppierten sich die Nationen nach diesem Vorbild, nebenbei gewann der Begriff in weiteren Bereichen der Feudalgesellschaft an Bedeutung: Beispielsweise wurden seit der Mitte des 13. Jahrhunderts die Vertreter auf den Kirchenkonzilen nach Nationen getrennt.2 Die frühen deutschen Universitäten Prag, Wien und Leipzig orientierten sich später ganz klar an den universitären Vorreitern Paris und Bologna und statuierten ebenfalls eine Nationenverfassung. Leipzig bildete in dieser Hinsicht zudem eine Ausnahme, da es die absoluteste Variante einer Nationenverfassung manifestierte, wie später noch dargelegt werden soll.3

Beim Begriff Universitätsnation angelangt, definiert die Enzyklopädie des Mittelalters Nationen also wie folgt: „Innere Teilung der mittelalterlichen Universitäten nach Herkunftsländern der Studenten und Lehrer. Erscheinen zum ersten Mal an der Pariser Universität, wo Engländer/Deutsche, Franzosen, Normannen und Pikarden (die auch Niederländer einschlossen) entsprechend eingeteilt wurden. Die Einrichtung der Nationen diente praktischen Angelegenheiten wie der Verteilung von Stipendien, Unterbringung und sozialen Zusammenkünften; sie waren fester Bestandteil der Universitätsstruktur, nahmen an der Wahl des Rektors teil. Einzelne Nationen gründeten im Laufe der Zeit Kollegien.“4

Die Mitglieder der Leipziger Nationen profitierten beispielsweise gleichmäßig von Pfründen5 und konnten ihre Rechte bei Berufungen und neben der Rektorwahl bei der Wahl der Mitglieder des Consiliums6 geltend machen.

Wahrscheinlich wohnten viele Scholare nach Nationen unterteilt auch in Bursen gemeinschaftlich zusammen. Helbig führt an, dass die großen Bursen zumindest nach den einzelnen Nationen benannt waren: Die Sachsenburse, die bayrische, die meißnische und die polnische Burse.7

3. Die frühen deutschen Universitäten und ihre Nationenverfassung

3.1 Prag

Prag war 1348 als erste Universität auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches entstanden und lag im Herzen des Imperiums Karls des IV., in Böhmen. Aber nicht nur böhmische Studenten zog es an die neu erstandene Universität, auch aus deutschen, schlesischen und polnischen Gebieten kamen Magister und Scholare, um sich die Gesamtheit der Wissenschaften anzueignen. In den folgenden Jahrzehnten entstanden weitere Universitäten in Polen und Ungarn wie Krakau (1364) und Pécs (1367). Andere Versuche der Universitätsgründung scheiterten vorerst oder brauchten an die 20 Jahre bis zur Funktionstüchtigkeit der Hochschule wie im Falle von Wien und Erfurt.8

3.1.1 Die Nationenverfassung von Prag

Die Verfassung der Universität Prag orientierte sich an der Aufteilung nach Nationen, wie es schon die frühen Universitäten Paris und Bologna praktiziert hatten. Es gab vier Nationen: Die Böhmische, die Sächsische, die Polnische und die Bayrische Nation. Konflikte zwischen den Nationen waren keine Seltenheit, was Kibre in der zahlenmäßigen Überlegenheit der drei deutschen Nationen begründet sieht.9 Zu Beginn des 15. Jahrhunderts spitzten sich diese Konflikte aber zu: Der böhmische König Wenzel IV. war mit den drei deutschen Universitätsnationen in Streit geraten, als es darum ging, Vertreter zum in Pisa geplanten Konzil zu senden, wo die „Papstfrage“10 endlich geklärt und ein neuer Papst gewählt werden sollte. Wenzel wollte sich durch das Konzil den Rücken stärken gegenüber seinem Rivalen Ruprecht von der Pfalz, der von den Kurfürsten 1400 an seiner Statt zum deutschen König gewählt worden war. Die Bayrische, Sächsische und Polnische Nation jedoch bewiesen ihre Solidarität zum römischen Papst Gregor XII. und lehnten es ab, am Konzil teilzunehmen. Aus diesen Zwistigkeiten resultierte Wenzels Änderung der Stimmrechte durch das Kuttenberger Dekret am 18. Januar 1409: Die Böhmische Nation besaß nun wesentlich mehr Stimmrechte, während sich die anderen Nationen ihrer Stimmen beraubt sahen. Es wird im Kuttenberger Dekret außerdem klar von einer Deutschen Nation - natio Theutonica - gesprochen, was die nationale Abgrenzung ersichtlich werden lässt, auch in einem moderneren Sinne.11 Hoyer führt aber an, dass es bereits vor dem Kuttenberger Dekret Streitigkeiten im Hintergrund gegeben hatte, die vor allem von den Bestrebungen nach nationaler Selbständigkeit der tschechischen Bevölkerung ausgegangen waren. Das Kuttenberger Dekret jedoch ließ die Situation eskalieren, die Folge war eine Abwanderung der drei deutschen Nationen aus Prag im Mai 1409.12 Die meisten dieser ausgezogenen Prager Studenten fanden sich einige Monate später wieder in Leipzig ein, wo noch im selben Jahr eine neue Universität gegründet wurde.

3.2 Leipzig

Das charakteristischste Merkmal der Verfassung der neu gegründeten Universität Leipzig war wiederum die Einteilung nach Nationen: Es gab eine Polnische, Mei nische, Bayrische und Sächsische Nation. Obwohl sich kaum Abweichungen zur alten Prager Verfassung aufweisen lassen - Schumann hält aufgrund einem Vergleich der in Zarnckes Statutenbüchern abgedruckten Quellentexte die Leipziger Statuten aus dem Jahre 1410 für eine absolute Kopie der Prager Statuten von 1368 - sticht die absolute Gleichberechtigung aller Nationen ins Auge; kleine Abweichungen beruhten lediglich auf Lese oder Schreibfehlern.13 Die Ereignisse in Prag hatten also ihre Spuren hinterlassen. Den deutschen Universitätsnationen waren ihre Rechte genommen worden, also wollten sie sie sich nun verbriefen lassen.

[...]


1 Kibre (1948), S. 3f.

2 Hoyer (1959), S. 14.

3 Siehe Kapitel 4.

4 Kibre, Pearl, in: Grabois (o. J.), Enzyklopädie des Mittelalters, S. 433.

5 Pfründe sind dotierte Plätze in den beiden gestifteten Kollegien. Hoyer (1959), S. 14.

6 Consilium: Großer Rat.

7 Vgl. Helbig (1953), S. 10.

8 Vgl. Hoyer (1959), S. 9.

9 Vgl. Kibre (1948), S. 170.

10 Im Jahre 1378 hatte eine Doppelwahl der Päpste in Rom und Avignon ein Schisma zwischen diesen beiden Vertretern der katholischen Kirche und somit zwischen ihren Anhängern und Monarchen des Abendlandes hervorgerufen. Der vorherrschende Wunsch nach erneuter einheitlicher Führung der Kirche führte zum Konzil von Pisa im Jahre 1409, wo Papst Alexander V. für diese Rolle auserkoren wurde, was allerdings dazu führte, dass es bis 1414 drei Päpste gab. Erst 1414 konnte der Konflikt auf dem Konstanzer Konzil beigelegt werden.

11 Vgl. Hoyer (1959), S.15.

12 Vgl. Hoyer (1984), S. 10.

13 Vgl. Schumann (1974), S. 210.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Nationenverfassung mittelalterlicher Universitäten am Beispiel Leipzigs
Untertitel
Entwicklungsgeschichte und Problematik
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar der Universität Leipzig)
Veranstaltung
Alma Mater Lipsensis 1409-1539
Note
2,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V145003
ISBN (eBook)
9783640546541
ISBN (Buch)
9783640545827
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Universitäten, Mittelalter, Wissenschaftsgeschichte, Universität Leipzig, Nationenverfassung
Arbeit zitieren
Tabea Rueß (Autor), 2007, Die Nationenverfassung mittelalterlicher Universitäten am Beispiel Leipzigs , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145003

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