Das Phänomen der Willensschwäche in Hares präskriptivistischer Ethik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

18 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Grundzüge von Hares präskriptivistischer Ethik
1. Hares Auffassung von Moralurteilen
2. Die verschiedenen Verwendungsweisen von „sollen“

II. Kritik an Hares Theorie der Willensschwäche
1. Psychische Unfähigkeit
2. Die abgeschwächte Bedeutung von „sollen“
3. Stimmt der Willensschwach einem Moralurteil aufrichtig zu?

III. Stellt das Phänomen der Willensschwäche überhaupt einen Einwand gegen die Präskriptivität moralischer Urteile dar?

Bibliographie

Einleitung

Ein zentrales Motiv für die Auseinadersetzung des Oxforder Philosophen Richard Hare mit dem Thema der Willensschwäche liegt darin begründet, dass ein solches Handeln mit seiner präskriptivistischen Ethik unvereinbar ist. Denn wenn ein Moralurteil präskriptiv ist, dann scheint es unmöglich zu sein, dass jemand diesem aufrichtig zustimmt, und dennoch nicht entsprechend handelt. Und damit steht das Phänomen der Willensschwäche zur Präskriptivität moralischer Urteile im Widerspruch.

Thema dieser Hausarbeit ist es zu zeigen, dass und wie Hare dem Phänomen der Willensschwäche in seiner präskriptivistischen Ethik gerecht wird und zu fragen, ob dieses Phänomen überhaupt ein Einwand gegen die Präskriptivität moralischer Urteile darstellt.

Hierfür ist die Hausarbeit in drei Teile unterteilt. In einem ersten Teil werden Grundzüge von Hares präskriptivistischer Theorie, wie er sie in Freedom and Reason (FR) erläutert, dargestellt. Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Antworten Hares auf die folgenden drei zentralen Fragestellungen hinsichtlich der Willensschwäche:

1.) Ist der Willensschwache üblicherweise psychisch unfähig, anders zu handeln?
2.) Verwendet er „sollen“ nur in einem abgeschwächten Sinne?
3.) Stimmt der Willensschwache dem Moralurteil aufrichtig zu?

Abschließend wird in einem dritten Teil erörtert, ob das Phänomen der Willensschwäche überhaupt einen Einwand für die Präskriptivität moralischer Urteile darstellt.

I. Grundzüge von Hares präskriptivistischer Ethik

1. Hares Auffassung von Moralurteilen

Hares Ausführungen zum Thema der Willensschwäche lassen sich nur vor dem Hintergrund seiner ethischen Theorie verstehen. In diesem Zusammenhang kommt seiner Auffassung von Moralurteilen eine besondere Bedeutung zu. Die beiden wichtigsten Merkmale eines Moralurteils sind seine Universalisierbarkeit und Präskriptivität.

By calling a judgement universalizable I mean only that it logically commits the speaker to making a similar judgement about anything which is either exactly like the subject of the original judgement or like it in the relevant respects. The relevant respects are those which formed the grounds of the original judgement (…)[1]

Wenn ich also das Moralurteil

(1) Ich soll[2] X tun

fälle, fordere ich, dass ich und jeder andere in der relevant gleichen Situation, X tun soll.[3]

Ein Moralurteil ist insofern präskriptiv, als es die Eigenschaft besitzt, Verhalten zu leiten. D.h., die betreffende Person schreibt sich mit (1) selbst vor, X zu tun. Man kann anstatt dessen auch sagen: Wer dem Moralurteil (1) zustimmt, akzeptiert auch den an sich selbst gerichteten Befehl

(2) Lass mich X tun![4]

Die Zustimmung zu einem Moralurteil ist jedoch nur dann aufrichtig, wenn die betreffende Person auch tatsächlich in der jeweiligen Situation die gebotene Handlung, insofern sie psychisch und physisch dazu in der Lage ist, ausführt.

It is a tautology to say that we cannot sincerely assent to a command addressed to ourselves, and at the same time not perform it, if now is the occasion for performing it and it is in our (physical and psychological) power to do so (...)[5]

2. Die verschiedenen Verwendungsweisen von „sollen“

In Freedom and Reason unterscheidet Hare drei Verwendungsweisen von:

(1) Ich soll X tun.

Die Äußerung (1) kann gebraucht werden als:

(1.1) Ausdruck eines Moralurteils

(1.2) Ausdruck einer soziologischen Tatsache:

Indem ich X tue, erfülle ich einen allgemein akzeptierten Standard.

Gewöhnlicherweise handeln Menschen in meiner Situation gemäß X.

(1.3) Ausdruck einer psychologischen Tatsache

Ich habe das Gefühl, dass ich X tun soll. Wenn ich X unterlasse, habe ich ein schlechtes Gewissen und mache mir Vorwürfe.[6]

Hare ist der Auffassung, dass es in diesem Zusammenhang falsch ist von den unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes „ sollen“ zu sprechen. Anstatt dessen beschreibt er „sollen“ in Anlehnung an einen von Nowell-Smith geprägten Begriff[7] als „Januswort“.

Unter einem „ Januswort“ versteht man ein Wort, das über mehrere Bedeutungsaspekte verfügt, die gelegentlich auf Kosten des anderen hervorgehoben werden.

We cannot say that such a word is ambiguous; it is indeed an inseparable element in its meaning that it can shift in this way.[8]

Das Januswort „sollen“ hat Hares Theorie zufolge einen präskriptiven und einen deskriptiven Bedeutungsaspekt. Wie stark der jeweilige Aspekt betont wird, hängt von der entsprechenden Verwendungsweise ab. Wird „sollen“ in (1.1.) verwendet, so verfügt es sowohl über einen deskriptiven als auch universell präskriptiven Aspekt. Andererseits ist in (1.2.) und (1.3.) der universell präskriptive Anteil nicht mehr vorhanden.

That is to say, it is consistent with its meaning, as used in this context, not to be intended to serve as a guide to anybody’s actions.[9]

II. Kritik an Hares Theorie der Willensschwäche

1. Psychische Unfähigkeit

Laut Hare ist der typische Fall von Willensschwäche ein Fall von „soll, aber kann nicht“[10]

Our morality is formed of principles and ideals which we do not succeed in persuading ourselves to fulfil. And this inability to realize our ideals is well reflected in highly significant names given in both Greek and English to this condition: Greek calls it akrasia - literally `not being strong enough (sc. to control oneself`); English calls it `moral weakness` or `weakness of the will`.

Neben dem einzigen theoretischen Argument, der Verweis auf die wörtliche Übersetzung von akrasia, führt Hare noch zwei praktische Beispiele aus der Literatur an, die er für typische Fälle von Willensschwäche hält. Einmal zitiert er aus Ovids Metamorphosen Medeas Versuch ihrer Leidenschaft gegenüber Jason Einhalt zu gebieten[11] und als zweites Beispiel führt Hare die berühmte Stelle aus dem Römerbrief an, in welcher der Apostel Paulus über seine Unfähigkeit berichtet, den eigenen Grundsätzen zu folgen.[12]

Hare geht davon aus, dass es sich bei dem Unvermögen im Fall der Willensschwäche nicht um physische sondern um psychische Unfähigkeit handelt.

Doch bleiben wir zunächst bei der physischen Unfähigkeit. In FR werden dazu genau zwei Exempel genannt. Im ersten Exempel geht es um die Unmöglichkeit, ein an den Boden festgenageltes Gewehr aufzuheben[13] und im zweiten Exempel wird ein Schiffbrüchiger beschrieben, der bei einem Sturm an die französische Küste getrieben wird.[14] In beiden Fällen vermag ein Mensch aufgrund seiner körperlichen Beschaffenheit nicht, etwas zu tun oder zu vermeiden.

Zur psychischen Unfähigkeit führt Hare keine praktischen Beispiele an, sondern beschränkt sich auf die allgemeine Feststellung, dass Fälle von Willensschwäche psychische Unfähigkeit exemplifizieren.

It is often true that a man is physically in a position, and strong, knowledgeable, and skilful enough, &c., to do what he thinks he ought (…) [but] (…) in a deeper sense the man cannot do the act.[15]

Nach diesem Verständnis von psychischer Unfähigkeit kann ein Mensch die jeweilige Handlung, was seine Physis betrifft, vollziehen, jedoch aufgrund psychischer Gründe trotzdem nicht dazu in der Lage sein. Daher bezieht sich psychische Unfähigkeit auch nicht auf einem anderen Typ von Handlungen, wie sich z. B. ein 999- Eck anschaulich vorzustellen, sondern betrifft dieselbe Art von Handlungen wie die physische Unfähigkeit.

Doch immer noch nicht lässt sich eindeutig sagen, worin die psychische Unfähigkeit denn genau besteht und was sie kennzeichnet. Zur physischen Unfähigkeit gibt Hare an, dass ein Mensch nicht stark oder geschickt genug ist, die betreffende Handlung zu vollziehen oder zu unterlassen. Im Bezug auf die psychische Unfähigkeit bemerkt er ebenfalls, dass es verschiedene Arten von psychischer Unfähigkeit gibt, was er jedoch nicht weiter ausführt.[16] Das einzige, was er zur genaueren Charakterisierung der psychischen Unfähigkeit sagt, ist, dass bei ihrem Vorliegen ein Mensch sich nicht mehr zu dem bringen kann, wovon er glaubt, dass er es tun soll.[17]

Darüber hinaus erweist sich eine klare Abgrenzung der psychischen von der physischen Unfähigkeit als schwierig. Zwar gibt es eindeutige Fälle von physischer und psychischer Unfähigkeit, aber wie würde man z. B. den Fall eines Alkoholikers, Drogenabhängigen und starken Rauchers einordnen? Seine Unfähigkeit ist nicht nur psychischer Natur, sondern auch aufgrund seiner körperlichen Abhängigkeit vermag er nicht zu handeln. Und wie verhält es sich im Fall eines Zwangneurotikers? Für Hare stellen Fälle von „Zwangsneurose“ Paradebeispiele dar, in denen ein Mensch im tieferen Sinn nicht imstande ist, zu handeln. Bezeichnenderweise fügt er jedoch hinzu, dass die psychische Unfähigkeit der physischen in diesem Fall ziemlich nahe kommt.[18]

Was macht jedoch im Bezug auf Hare die psychische Unfähigkeit nun tatsächlich aus? Es scheint als erhielte man nicht mehr als eine zirkuläre Erklärung. Psychische Unfähigkeit lässt einen Menschen nicht so handeln, wie er glaubt, dass er handeln sollte; und der Grund, warum ein Mensch im Fall der Willensschwäche nicht seinen Geboten folgen kann, liegt darin, dass er psychisch nicht dazu in der Lage ist.[19]

In den beiden Stellen aus der Literatur, welche Hare als typische Beispiele für willensschwaches Handeln anführt, ist viel von Zwang und Unvermögen die Rede. Mit Sicherheit kann man jedoch nur sagen, dass Medea und Paulus lediglich von sich behaupten und glauben, sie seien zu keiner anderen Handlungsweise in der Lage.

In Hinblick darauf muss die Frage unterschieden werden, ob der typisch Willensschwache tatsächlich nicht die gebotene Handlung ausführen kann; und ob er glaubt, zu keiner anderen Handlungsweise fähig zu sein und ob er damit auch Recht hat? Diese Fragen sind nun empirischer Natur und fallen daher auch nicht mehr in den Bereich der Philosophie.

Wenn man es jedoch als Tatsache akzeptiert, dass Medea und Paulus tatsächlich zu keiner anderen Handlungsweise in der Lage sind und es auch zutreffend ist, ihr Unvermögen als psychische Unfähigkeit zu bezeichnen, so kann man dennoch fragen, ob es sich bei ihren Fällen überhaupt um Fälle von Willensschwäche und sogar um typische Fälle von Willensschwäche handelt?

Meiner Ansicht naqch kann man den zweiten Teil der Frage verneinen. Denn wenn man noch einen weiteren Fall von Willensschwäche hinzunimmt, indem jemand noch Autofahren muss, „schwach wird“ und einen zweiten Cognac trinkt, so besteht zwischen den Geisteszuständen beider Personen sicher ein großer Unterschied. Medea wird von leidenschaftlichen Emotionen übermannt, der durchschnittlich Willensschwache hingegen handelt aufgrund einer Laune entgegen seiner Prinzipien. Für Hare jedoch stellt der Zwangsneurotiker und nicht die Person, die aufgrund einer oberflächlichen Gemütsstimmung entgegen ihrer Gebote handelt, das Modellbeispiel eines willensschwach handelnden Menschen dar.[20]

Trifft die Annahme nun zu, dass eine Person, die willensschwach handelt, tatsächlich nicht in der Lage ist, die Handlung auszuführen? Hare verweist auf die wörtliche Bedeutung des griechischen Worts akrasia, was soviel wie Unvermögen des Handelnden zur Selbstkontrolle bedeutet, um seine These zu stützen.[21] Doch diese Bedeutung von akrasia beweist noch nicht, dass die Griechen, mit dem, was sie mit diesem Ausdruck benannten, auch Recht hatten. Am strukturell analogen Fall des griechischen Worts atomos lässt sich diese Überlegung verdeutlichen. Das griechische Wort atomos bedeutet unteilbar. Nun käme wohl niemand auf Idee, man könne keine Versuche zur Kernspaltung oder Untersuchungen zur Struktur von Atomen unternehmen, da man aufgrund der wörtlichen Bedeutung von atomos bereits schließen müsse , Atome seien unteilbar. Hares einziges theoretisches Argument, der Hinweis auf die Bedeutung des griechischen Worts akrasia, ist daher kein ausreichender Beweis für die These, dass die davon betroffene Person, unfähig ist, die entsprechende Handlung auszuführen.[22]

[...]


[1] Hare, Richard ; Freedom and Reason, (FR), Oxford University Press 1963, S. 139f.

[2] Ich schließe mich Spitzley`s Vorschlag an, „ought“ nicht mit „sollte“ zu übersetzen (vgl. Thomas Spitzley, Handeln wider besseres Wissen, Walter de Gryter Berlin, S. 127), wie es Hare im Vorwort zur deutschen Übersetzung ( vgl. Die Sprache der Moral“ Suhrkamp/M.1972) empfiehlt. Denn die Äußerung „ich sollte X tun“ könnte leicht auch als ein „ Ich sollte eigentlich X tun.“ verstanden werden, was Hare auf keinen Fall im Sinn hat.

[3] Vgl. Hare, FR, S. 71

[4] Vgl. Hare, FR, S. 79

[5] Hare, FR, S. 79

[6] Vgl. Hare, FR, S. 52f.

[7] Nowell- Smith definiert den Begriff wie folgt: Ein Januswort ist „a (...) a word (that) can not only do two ore more jobs at once but also is often, in absence of the counterevidence or express withdrawal, presumed to be doing two or more jobs at once. (P.H.Nowell-Smith, Ethics, Penguin Books, Harmondsworth 1954, S. 100)

[8] Hare, FR, S.75

[9] Hare, FR, S. 52f.

[10] Vgl. Hare, FR, S.68; vgl. FR, S.80

[11] Vgl. Ovid, Metamorphosen, übersetzt und herausgegeben von H.Breitenbach, Reclam, Stuttgart 1986, VII. V. 9-21

[12] Vgl. „Brief an die Römer“, VII. V.14-25, in: Die Bibel, Katholisches Bibelwerk und deutsche Bibelstiftung (Hg.), Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1982

[13] Vgl. FR, S.54

[14] Vgl. FR, S.59f.

[15] FR, S.82

[16] Vgl., FR, S. 82

[17] Vgl. FR, S.82

[18] Vgl. Hare, FR, S. 82

[19] Vgl. Thomas Spitzley, “Schwächen in Hares Theorie der Willensschwäche“ in: Zum moralischen Denken, Bd. 1, hrsg. von Chr. Fehige & G. Meggle,, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1995, S. 285f.

[20] Vgl. Spitzley, “Schwächen in Hares Theorie der Willensschwäche, S. 286f.

[21] Vgl. FR, S.77

[22] Vgl. Spitzley, “Schwächen in Hares Theorie der Willensschwäche”, S.287

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Phänomen der Willensschwäche in Hares präskriptivistischer Ethik
Hochschule
Universität Potsdam  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Willensschwäche
Note
1,0
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V145843
ISBN (eBook)
9783640563074
ISBN (Buch)
9783640563203
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine sehr gute kritische Auseinandersetzung mit Hare voll guter Ideen und in einer schön lesbaren Sprache!
Schlagworte
Phänomen, Willensschwäche, Hares, Ethik
Arbeit zitieren
Anonym, 2007, Das Phänomen der Willensschwäche in Hares präskriptivistischer Ethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145843

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