Von "Kohls Mädchen" zur "Mutti" der Nation

Angela Merkels Aufstieg zur Macht


Hausarbeit, 2010
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Theorie politischer Karrieren
2.1 Der Elitebegriff im zeitlichen Wandel
2.2 Die politische Elite Deutschlands

3 Soziodemographisches Profil deutscher Spitzenpolitiker
3.1 Alter
3.2 Geschlecht
3.3 Bildung
3.4 Konfessions- oder Religionszugehörigkeit

4 Der Karriereverlauf
4.1 Beruflicher Werdegang
4.2 Innerparteilicher Werdegang
4.3 Ehrenamtliche Tätigkeiten in der Kommunalpolitik
4.4 Wechsel in die Berufspolitik
4.5 Politische Spitzenposition

5 Typologien politischer Karrieren
5.1 „Standard-Karriere“, „Cross Over-Karriere“ und „Polit-Karriere“
5.2 „Konventionelle Karriere“

6 Angela Merkels Aufstieg zur Macht
6.1 Merkel entdeckt die Politik
6.2 Kohls „Mädchen“ wird CDU-Parteichefin
6.3 Der Weg ins Bundeskanzleramt

7 Fazit

8 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Von journalistischer Seite heißt es, Angela Merkel (CDU) habe „die steilste politische Karriere im Nachkriegsdeutschland“ gemacht (Roll 2005: 14). Ihr Aufstieg bis ins Bundeskanzleramt sei „Gegenstand der Märchenwelt“ (Klingst 2009: 1) und vielen politischen Beobachtern erscheint ihr politischer Werdegang ungewöhnlich. So schrieb der damalige Welt -Chefredakteur Roger Köppel unmittelbar nach ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin: „Deutschland bleibt nach dem Abgang Schröders ein Biotop ungewöhnlicher politischer Karrieren“ (Köppel 2005: 1). Diese Aussage impliziert, dass sich Merkels politische Laufbahn offenbar elementar von denen anderer deutscher Spitzenpolitiker unterscheidet und von einer gedachten Schablone abweicht. Aber ist ihre politische Karriere auch im wissenschaftlichen Sinne ungewöhnlich?

Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht deshalb die Frage, ob es sich bei Angela Merkels Karriere um ein atypisches Beispiel für die Rekrutierung politischer Eliten in Deutschland handelt oder nicht. Diese Fragestellung beinhaltet, dass es in einer Gesellschaft Eliten gibt, die Elitenstruktur pluralistisch ist und folglich eine Teilelite im politischen Sektor existiert. Die Erforschung von (politischen) Eliten ist notwendig, weil sie etwas über gesamtgesellschaftliche Verhältnisse aussagt. Und weil es in einer repräsentativen Demokratie maßgeblich auf die Repräsentanten ankommt, ist es für Sozialwissenschaftler interessant herauszufinden, wie und aus welchen gesellschaftlichen Bereichen sich die politische Elite Deutschlands rekrutiert. Die Analyse von Merkels Karriere ist in diesem Zusammenhang spannend, weil sie als Bundeskanzlerin mit der umfangreichsten Legitimation und Exekutivmacht im politischen System Deutschlands ausgestattet ist.

Politische Karrieren wurden erstmals systematisch von Herzog (1975) analysiert. Gruber (2009) knüpft an die Untersuchungsergebnisse Herzogs an, arbeitet jedoch im Gegensatz zu Herzog die Strukturmuster politischer Laufbahnen heraus und entwickelt vor diesem Hintergrund einen neuen Typus politischer Karrieren. Merkels Karriere wurde in jüngster Zeit hinreichend beschrieben. Hier sind insbesondere die Werke Langguths (2008; 2009) zu nennen.

Für die Beantwortung der Fragestellung muss zunächst geklärt werden, mit welcher Begrifflichkeit diese Arbeit operiert wird. Dazu ist es notwendig, den Elitebegriff konzeptionell fassbar zu machen und zu erläutern, wer und warum diese Person zur politischen Elite Deutschlands gehört (Kapitel 2). In Kapitel 3 wird das soziodemographische Profil deutscher Spitzenpolitiker untersucht. Um später Aussagen darüber treffen zu können, ob Merkels Karriere typisch oder atypisch ist, muss klar erkennbar sein, aus welchem gesellschaftlichen Bereich sich politische Eliten rekrutieren. Im anschließenden Kapitel 4 wird der Karriereverlauf der deutschen Spitzenpolitiker detailliert untersucht. Hierbei geht es vor allen Dingen um den beruflichen und innerparteilichen Werdegang sowie die Übernahme von kommunalpolitischen Ämtern, das Alter beim Wechsel in die Berufspolitik sowie das Erreichen von Spitzenpositionen. Im 5. Kapitel werden Typologien politischer Karrieren vorgestellt, um Merkels damit abschließend vergleichen zu können. Im 6. Kapitel wird ihre politische Laufbahn dargestellt, ehe sie 7. kritisch im Fazit mit den Untersuchungsergebnissen verglichen wird.

2 Zur Theorie politischer Karrieren

2.1 Der Elitebegriff im zeitlichen Wandel

Während die Wortherkunft des Elitebegriffs, lateinisch eligere (=auslesen, auswählen), klar definiert ist, sei „bis heute kein Konsens darüber gefunden, wer zu den Eliten einer Gesellschaft gehört und warum jemand Mitglied dieses Kreises wird“ (Kaina 2006: 42, Hervorhebung im Original). Laut Kaina (2006: 43) gebe es aufgrund zahlreicher Ambivalenzen keine „eindeutige Antwort auf die Frage, was Eliten sind“. Gerade weil der Elitebegriff so weit gefasst sei, benötige „der Terminus ‚Elite’ der Erläuterung, eines Zusatzes wie ‚Machtelite’, ‚Bildungselite’, ‚politische Elite’“ (Schäfers 2004: 6).

In der Wissenschaft ist der Begriff umstritten. Dafür ist der Ursprung der Elitenforschung eindeutig bestimmt. Durch die stark ansteigenden Bevölkerungszahlen und die Entstehung einer industriellen Arbeiterklasse habe das Bürgertum die herrschende Ordnung durch die revolutionären Bestrebungen der Massen in Gefahr gesehen (vgl. Hartmann 2008: 9).

Vor diesem Hintergrund entstanden die klassischen „machiavellistischen Elitetheorien“ von Mosca, Pareto und Michels, die als ideologischer Wegbereiter des Faschismus gelten und von einem „unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Masse und Elite“ ausgehen (Hartmann 2002: 10).

Mosca sieht die Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit als selbstverständlich an und formuliert diesen Gedanken folgendermaßen:

„Unter den beständigen Tatsachen und Tendenzen des Staatslebens liegt eine auf der Hand: In allen Gesellschaften, von den primitivsten im Aufgang der Zivilisation bis zu den fortgeschrittensten und mächtigsten, gibt es zwei Klassen, eine, die herrscht, und eine, die beherrscht wird. Die erste ist immer die weniger zahlreiche, sie versieht alle politischen Funktionen, monopolisiert die Macht und genießt deren Vorteile, während die zweite zahlreichere Klasse von der ersten befehligt und geleitet wird“ (Mosca 1950: 53).

Pareto unterscheidet – ähnlich wie Mosca – zwischen einer herrschenden Minderheit und beherrschten Mehrheit. Die Elite teilt er in eine regierende und eine nicht regierende Elite ein. Die Bevölkerung zerfalle folglich in eine zweigeteilte Elite und die Masse. Pareto nimmt an, dass es einen Kreislauf der Eliten gibt. Und zwar dahingehend, dass es besonders fähigen und begabten Individuen aus der beherrschten Klasse gelingen könne, zu den Eliten aufzuschließen. Wenn es die herrschende Minderheit nicht schaffe, ausreichend herrschaftsfähige Mitglieder zu rekrutieren, gebe es für die beherrschte Mehrheit die Möglichkeit der Revolution.

Auch wenn Pareto davon ausgeht, dass sich die Rekrutierung der Eliten ändere, bleibe der unüberbrückbare Gegensatz zwischen Elite und Masse (vgl. Hartmann 2008: 26; Gruber 2009: 23).

Michels, der dritte klassische Elitenforscher, hat die Organisationsstrukturen in modernen Parteien, insbesondere der SPD, analysiert und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass „das Wesen der Organisation einen tiefen oligarchischen Zug“ in sich trage (Michels 1908: 79). Jede Partei bzw. Organisation sei demnach ein „ausgezeichneter Nährboden zur Bildung von Oligarchien“ (Michels 1908: 83). Michels zufolge existiere ein „Gesetz der Oligarchie“.

Die klassischen Elitetheorien wurden in den 1950er Jahren, nach Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Missbrauch des Elitebegriffs im Nationalsozialismus, durch den Begriff der Funktionseliten vollständig abgelöst. Danach gebe es keine einzelne, geschlossene Elite mehr, sondern eine pluralistische Elitenstruktur mit konkurrierenden Teileliten, die sich von der restlichen Bevölkerung dahingehend unterscheiden würden, dass sie durch ihre Führungsposition in der Lage seien, gesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen (vgl. Hartmann 2008: 10).

Eng verbunden mit der funktionalistischen Elitendefinition, die in Deutschland besonders von Stammer geprägt wurde, ist der Begriff der sogenannten Leistungseliten, der von Dreitzel zu Beginn der 1960er Jahre herausgearbeitet wurde. Dreitzel (1962: 66) zufolge ist der Elitebegriff unmittelbar mit „einer Form der Selektion, die wesentlich auf persönlicher Leistung basiert“, verbunden. Aus diesem Verständnis heraus könne es auch keine reinen Werteliten geben, weil sich ihr „Wert soziologisch nur in ihrer sichtbaren Leistung, an ihrem Erfolg“ ablesen lasse (Dreitzel 1962: 67). Werteeliten seien die „jeweils Besten einer Gesellschaft, die in ihren persönlichen Eigenschaften und ihrem Lebensstil die höchsten Werte des Gemeinwesens in exemplarischer Weise verkörpern“ (Bürklin 1997: 16).

Dreitzel definiert Eliten wie folgt:

„Eine Elite bilden diejenigen Inhaber der Spitzenpositionen in einer Gruppe, Organisation oder Institution, die auf Grund einer sich wesentlich an dem (persönlichen) Leistungswissen orientierenden Auslese in diese Position gelangt sind, und die Kraft ihrer Positions-Rolle die Macht oder den Einfluß haben, über ihre Gruppenbelange hinaus zur Erhaltung oder Veränderung der Sozialstruktur und der sie tragenden Normen unmittelbar beizutragen oder die auf Grund ihres Prestiges eine Vorbildrolle spielen können, die über ihre Gruppe hinaus das Verhalten anderer normativ bestimmt“ (Dreitzel 1962: 71).

Dieser Vorstellung widerspricht Hartmann (2002: 151) in seinem Werk „Der Mythos von den Leistungseliten“ vehement: „Von einer Leistungsgesellschaft, wie sie Schluchter hier vorschwebt oder wie Dreitzel sie definiert, kann keine Rede sein.“ Hartmanns Kernthese ist, dass nicht die individuelle Leistung, sondern vielmehr die soziale Herkunft entscheidend für die Besetzung von Führungspositionen ist:

„Zwar spielt Leistung bei der Besetzung von Führungspositionen zweifellos eine gewichtige Rolle, von ihr unabhängige und ausschließlich mit der sozialen Herkunft zusammenhängende Persönlichkeitsmerkmale sind jedoch vor allem im zentralen Sektor Wirtschaft, aber auch in anderen Sektoren ausschlaggebend für den beruflichen Aufstieg“ (Hartmann 2002: 151).

Allerdings seien die Bedingungen für den Aufstieg in die Elite in den jeweiligen Sektoren Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft sehr unterschiedlich. Für eine Karriere in der Wirtschaft ist offenbar der richtige „Stallgeruch“ entscheidend: „Wer es bis in die Chefetage schaffen will, sollte von seiner Persönlichkeit her denjenigen ähneln, die bereits in solchen Positionen sitzen“ (Hartmann 2002: 119). Die politische Elite hingegen sei „sozial am durchlässigsten“ (Hartmann 2004: 17). Hier könnten auch angeblich Arbeiterkinder und Kinder aus der breiten Mittelschicht Karriere machen (vgl. Hartmann 2002: 141). Hartmann stellt zudem fest, dass die Bildungsexpansion in Deutschland seit den 1960er Jahren nicht zur sozialen Öffnung der Elitenrekrutierung geführt habe:

„Die Erwartungen der funktionalistischen Elitetheorie, die soziale Öffnung der deutschen Hochschulen werde zu einer sozialen Öffnung des Zugangs zu den Eliten führen, haben sich dementsprechend ebenfalls nicht erfüllt“ (Hartmann 2002: 151).

Dahrendorf, Dreitzel oder Hoffmann-Lange sahen die Ursache für die selektive Elitenrekrutierung in der Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem und erwarteten sich durch die Öffnung der deutschen Hochschulen eine positive Veränderung.

Nachdem nun ausführlich die Entstehung und Entwicklung des Elitebegriffs und der damit verbundenen Forschungsarbeiten dargestellt wurde, muss hier abschließend geklärt werden, mit welchem Elitebegriff im Folgenden operiert wird. Das moderne Eliteverständnis schließt an das der Funktionseliten an. Kaina beschreibt es folgendermaßen:

„Der moderne sozialwissenschaftliche Elitebegriff hingegen begreift alle Personen als Elite, die über gesamtgesellschaftliche Macht verfügen bzw. maßgeblichen Einfluss auf gesellschaftlich bedeutsame Entscheidungen ausüben“ (Kaina 2006: 47).

Bürklin zufolge sei die „nationale Elite durch den Personenkreis definiert, der die Führungsposition in den wichtigsten Institutionen und Organisationen einer Gesellschaft innehat“ (Bürklin 1997: 16). Er ersetzt den „unspezifischen Begriff der Funktionselite“ durch den Begriff der Positionselite.

Politische Eliten als Positionselite – auf dieses Verständnis stützt sich die vorliegende Arbeit. Denn: „Die Tatsache, ob jemand Spitzenpolitiker ist, oder nicht, wird anhand der politischen Position des Individuums bestimmt“ (Gruber 2009: 41).

2.2 Die politische Elite Deutschlands

Dass diese Analyse von einem positionalen Elitebegriff ausgeht, ist eindeutig. Weniger deutlich ist hingegen die Antwort auf die Frage, wer überhaupt zur politischen Elite Deutschlands gehört – und warum. Nach Grabow (2006: 21) sind politische Eliten jener Personenkreis, der „qua Amt oder Position gesamtgesellschaftlich verbindliche Entscheidungen trifft oder diese zumindest beeinflussen oder auch verhindern kann“.

Diese Definition muss präzisiert werden. Das ist notwendig, weil die Rekrutierung politischer Eliten eine der wichtigsten Funktionen des politischen Systems sei (vgl. von Beyme 1974: 9). Politische Eliten sind auch deshalb bedeutend, weil ihr Einfluss gegenüber anderen Teileliten wesentlich größer sei (vgl. Grabow 2006: 21). Um genauer zu bestimmen, wer letztlich zur politischen Elite Deutschlands gehört, muss zunächst eine Methode gefunden werden, anhand derer man diese Personen auswählt. Diese Arbeit orientiert sich an der „Positionsmethode zur Elitendefinition“, die bereits in den großen Elitenstudien aus Mannheim und Potsdam genutzt wurde (vgl. Gruber 2009: 63). Bei diesem Ansatz wird davon ausgegangen, dass die ausgewählten Personen nicht zwangsläufig die Mächtigsten seien, allerdings durch ihre verfassungsrechtliche Kompetenz die Möglichkeit hätten, ihre eigenen (politischen) Visionen gegenüber anderen durchzusetzen (vgl. von Beyme 1974: 16). Neben der Positionsmethode gibt es noch die Reputations- und Entscheidungsmethode, die allerdings wissenschaftlich umstritten seien (vgl. Gruber 2009: 63).

Die Potsdamer Elitenstudie von 1995 zählt im Sektor Politik 1.082 Elitepositionen. Dabei wurde zwischen Exekutive, Legislative und Parteien unterschieden. Der Bundespräsident nehme als Staatsoberhaupt eine Sonderrolle ein. In der Exekutive wurden in Bund und Ländern alle Bundes- und Landesminister sowie Parlamentarische Staatssekretäre aufgelistet. Kommunen blieben außen vor. In der Legislative wurden die Mitglieder der Bundestagspräsidiums, die Vorsitzenden der Bundestagsausschüsse (inkl. Stellvertreter) sowie der Geschäftsführer des Vermittlungsausschusses berücksichtigt. Darüber hinaus kommen der Wehrbeauftragte und Datenschutzbeauftragte sowie der Zivildienstaufbetragte der Bundesregierung dazu. Ebenso der Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen. Zudem sind die Mitglieder des Fraktionsvorstand (Vorsitzender, Stellvertreter, Parlamentarischer Geschäftsführer und Vorsitzender der parlamentarischen Arbeitskreise) zu nennen. Da die Parteien am Meinungs- und Willensbildungsprozess mitwirken, müssen die Bundes- und Landespräsidien, die durch ihre Vorsitzenden, Stellvertreter – und auf Bundesebene – Generalsekretäre, Bundesgeschäftsführer und Schatzmeister ebenso berücksichtigt werden. Außerdem zählt die Potsdamer Elitenstudie die Vorsitzenden und Geschäftsführer der parteinahen Stiftungen genauso zur politischen Elite wie die Spitzenvertreter von kommunalen Spitzenverbänden und die Spitzenpositionen in der Europäischen Union (vgl. Machatzke 1997: 39f.).

Gruber (2009: 66f.) teilt die Elitepositionen für seine Untersuchung anders ein. Er unterscheidet lediglich zwischen Exekutive und Legislative und sieht die Parteiorganisation nicht als eigenen Sektor an, weil Vorstandsmitglieder ein Amt in der Exekutive besäßen. Darüber hinaus würden die Vorsitzenden der Arbeitsgruppen- und kreise nicht berücksichtigt. Auf Landesebene nimmt Gruber lediglich die Vorsitzenden der Landtagsfraktion in seine Erhebung mit auf (vgl. Gruber 2009: 69). Gruber kommt insgesamt auf 369 Spitzenpolitiker sowie 136 Jungparlamentarier, die in seiner Studie als Kontrastgruppe zur erstgenannten dienen sollen (vgl. Gruber 2009: 70). An diesen unterschiedlichen Operationalisierungen lässt sich erkennen, dass sich offenbar keine allgemein gültige Aussage darüber treffen lässt, wer definitiv zur politischen Elite Deutschlands gehört und wer nicht.

3 Soziodemographisches Profil deutscher Spitzenpolitiker

3.1 Alter

Nachdem die exakten Begrifflichkeiten hinreichend geklärt wurden, soll nun dargestellt werden, wie sich die politische Elite Deutschlands rekrutiert. Um Aussagen darüber treffen zu können, müssen zunächst soziodemographische Merkmale deutscher Spitzenpolitiker untersucht werden. Hierbei orientiert sich die Arbeit primär an den Untersuchungsergebnissen Grubers, weil diese Studie über die aktuellsten Zahlen verfügt. Darin heißt es: „Deutsche Spitzenpolitiker weisen eine gewisse Seniorität auf“ (Gruber 2009: 80). Das Durchschnittsalter der von Gruber befragten Spitzenpolitiker beträgt knapp 53 Jahre. Die Mehrzahl der Führungskräfte ist danach zwischen 45 und 54 Jahren (41,5 %) und 55 und 64 Jahren (38,5 %) alt. Auffallend sei hierbei, dass Spitzenpolitiker von FDP, Grünen und Die Linke im Schnitt jünger als die der Volksparteien (Union und SPD) sind. Einen Unterschied gibt es auch zwischen Regierungs- und Legislativpolitikern. Exekutivpolitiker sind durchschnittlicher drei Jahre älter (vgl. Gruber 2009: 80f.).

3.2 Geschlecht

Unter den Führungskräften nehmen 27,1 Prozent der Frauen eine politische Spitzenposition ein. Diese Tatsache hat laut Gruber (2009: 82) zwei Gründe: Zum einen sind Frauen in politischen Parteien unterrepräsentiert. Das ist besonders bei der Union und FDP der Fall. So weist die CSU mit 18,8 Prozent den geringsten Frauenanteil auf, gefolgt von FDP (22,8 %) und CDU (25,4 %). In der SPD sind hingegen 30,9 Prozent Frauen Mitglied, bei den Grünen 37,4 Prozent und der Partei Die Linke 39,2 Prozent. Die Parteien links der Mitte haben demzufolge mehr weibliche Mitglieder.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Vertretung von Frauen in den Parlamenten. Einen niedrigen bis ganz niedrigen Frauenanteil weisen die Unionsparteien (CDU 18%, CSU 23%) sowie die FDP (6 %) auf. Bei der SPD liegt der weibliche Anteil an Führungskräften bei 33 Prozent, den Grünen 57 Prozent und Die Linke kommt auf 52 Prozent. Die Ursache sei die Frauen- und Geschlechterquoten der Parteien. Während die FDP beispielsweise auf eine solche Regelung verzichte, gebe es diese bei den Grünen oder Die Linke (vgl. Gruber 2009: 86). Offenbar haben Frauen bei den Grünen und Die Linke demnach bessere Karrierechancen als in der FDP oder Union. Nichtsdestotrotz zeigt sich ganz offensichtlich, dass es eine Spitzenkarriere in der Politik für Frauen wesentlich schwerer zu erreichen ist als für Männer. Ob der Frauenanteil von 27,1 Prozent in der politischen Elite auch ohne entsprechende Frauen- und Geschlechterquoten in der Form vorhanden wäre, lässt sich stark bezweifeln.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Von "Kohls Mädchen" zur "Mutti" der Nation
Untertitel
Angela Merkels Aufstieg zur Macht
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Die Rolle der Eliten im Politischen System der westlichen Demokratien
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V145946
ISBN (eBook)
9783640549702
ISBN (Buch)
9783640552993
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bundeskanzlerin, Karriere, Politische Elite, Elitenforschung, Angela Merkel, Spitzenpolitiker, Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Elite
Arbeit zitieren
Dennis Steffan (Autor), 2010, Von "Kohls Mädchen" zur "Mutti" der Nation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145946

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