Wie erklärt E.P. Thompson die Durchsetzung kapitalistischer Verhaltens-Normen und worin unterscheidet sich seine Sichtweise von der Max Webers in der "Protestantischen Ethik"?


Essay, 2008
9 Seiten, Note: 1,0
Carolin Strohm (Autor)

Leseprobe

Seit dem Aufkommen des kapitalistischen Wirtschaftssystems befassen sich vor allem Soziologen und Historiker mit dem „Charakter“ des Kapitalismus. Der Soziologe Max Weber hat mit dem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ im Jahre 1905 die bis heute bedeutendste Abhandlung in der Soziologie über das Wesen und die Triebkräfte des Kapitalismus in Hinblick auf die innerweltliche Askese des Protestantismus verfasst. Ein weiterer Autor zahlreicher soziologischer Schriften und Werke1 ist der Historiker Edward P. Thompson, welcher sich 1973 in seiner Schrift „Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalis- mus“ mit den kapitalistischen Merkmalen des Zeitverständnisses und damit einhergehend mit der Arbeitsmoral auseinandersetzt. Anhand dieser beiden Texte sollen nun die kapitalistischen Verhaltensnormen, sowie deren Durchsetzung, erfasst und die verschiedenen Sichtweisen der beiden Autoren verglichen werden.

Thompsons Schrift erschien in dem Buch „Gesellschaft in der industriellen Revolution“2. Der Titel weist schon darauf hin, dass sich der Autor vor allem mit den Arbeitsverhältnissen zur Zeit des Übergangs zur Industrialisierung beschäftigt. Die Uhr beeinflusste als eine neue aufkommende Erfindung indirekt die Arbeitsmoral, indem nun die Zeit eine wesentliche Rolle in der Wirtschaft und damit auch in der Gesellschaft spielte. Das Hauptaugenmerk Thompsons liegt auf dem Wandel des Zeitverständnisses in der Gesellschaft und welche Auswirkungen dies auf die Arbeitsweise in den verschiedensten Bereichen und Wirtschafts- zweigen hatte. Da er der Meinung ist, dass das Zeitempfinden die Arbeitsweise in der industriellen Produktion prägte und die Arbeitsmoral, im Gegensatz zu rückständigeren Wirtschaften, veränderte, sieht er unter anderem dieses Zusammenspiel von Zeit und Arbeit als neuen kapitalistischen Wert an.

Die Uhr wurde im 17. Jahrhundert populär und wurde gleichzeitig zu einem neuen Symbol für Zeit. Auf die Frage, inwieweit diese Erfindung an sich das Zeitverständnis beeinflusste, will Thompson nicht eingehen und lässt sie offen, da sie auch unbedeutend für seine eigentliche Fragestellung ist. Er möchte klären, welche Auswirkungen die Zeit auf die Gesellschaft und besonders auf den Arbeiter hatte. Seine Argumente dazu sollen nun näher beleuchtet werden, da sie für die Erklärung der Durchsetzung kapitalistischer Verhaltensnormen eine nicht unwichtige Rolle spielen.

Die industrielle Revolution brachte nicht nur Veränderungen in der Produktionsweise und im

Handel mit sich, sondern drang selbst in gesellschaftliche Bereiche ein. Thompson konzentriert sich dabei besonders auf den Wandel der inneren Einstellung zur Zeit und die daraus resultierende Umstrukturierung der Arbeitsgewohnheiten. Dabei betrachtet er zunächst die Zeitmessung und Arbeitsteilung in der vor- und frühindustriellen Zeit. Man richtete sich nach einer „tätigkeitsorientierten Zeitdefinition“3 und einer „aufgabenbezogenen Zeitein- teilung“4, das heißt Vorgänge und Aufgaben bestimmten den Arbeitszyklus und anhand dieses Rhythmus wurde die Zeit gemessen. Oftmals beschrieb man mit Hilfe einfacher Vorgänge einen Zeitabschnitt, wie z.B. das Kochen bestimmter Gerichte oder nahm dies als Vergleich zu anderen Abläufen, die eine ähnliche Zeit benötigten. Die genaue Uhrzeit war für Arbeiter in niedrigeren Berufen, z.B. den Bauern, unwichtig. Sie brauchten sie nicht, denn sie richteten ihre Tätigkeit nicht danach. Es gab somit keine Organisation von Zeit und Arbeit, sowie von deren Verwaltung, wie es in der heutigen kapitalistischen Wirtschaft kennzeichnend ist. Thompson bezeichnet es im gesamten Text als einen „natürlichen“ Rhythmus den diese Menschen, abhängig von ihrer Tätigkeit, an den Tag legten. Ein Fischer orientiert sich z.B. am Meer und den Gezeiten, also an seinen Aufgaben, nicht an der Zeit. Wenn er sie erledigt hat, hat er seine Arbeit beendet und kann sich einer neuen Aufgabe widmen. Diese Zeiteinteilung ist für ihn logischer und eher nachzuvollziehen, da er sich der Notwendigkeit der Tätigkeit bewusst ist und diese aus bestimmten Gründen bewältigt haben muss. Er arbeitet nicht um das Zeitlimit auszufüllen, wie es in modernen Berufen oft der Fall ist. Ein wichtiges Merkmal hierbei ist ebenfalls das, für kapitalistische Arbeitsnormen untypische, Ineinandergreifen und Zusammenkommen von Arbeit und privaten Leben, welche im heutigen Kapitalismus meist getrennt sind. Es entstehen keine Konflikte, was man wann erledigt, denn die Arbeit, die man verrichtet, dient oft direkt dem eigenen (Über)-Leben. Für einen, nach kapitalistischen Werten handelnden, Arbeiter erscheint diese Lebensweise verschwenderisch. Sie sind der Meinung, wenn man die Zeit, die man zur Verfügung hat, besser einteilt und plant, könne man noch effizienter und produktiver arbeiten und würde nicht zuviel mit unnützen Tätigkeiten vergeuden. Diese Argumente fanden in industriellen Gewerben mit dem Aufkommen der Industrialisierung immer mehr Anklang. Sie sollten aber auch alte Wirtschaftszweige teilweise einnehmen. Die neue Zeiteinteilung wird von

Thompson als kapitalistische Verhaltensnorm vorgestellt. Sie wird das gesellschaftliche Leben grundsätzlich verändern und, davon gingen die Kapitalisten aus, die Zeitdisziplin fördern. Thompson betont, das es nicht bedeuten soll, dass vorher bei einfachen Landarbeitern oder in nicht-industriellen Bereichen keine Arbeitsdisziplin und Arbeitsteilung vorhanden war. Nur drang es da noch nicht in dem Maße in viele Lebensbereiche ein und prägte derart die Lebensweise. Die Arbeit sollte nun in Zeit und nicht an der Aufgabe bemessen werden. Eine genaue Einteilung fand statt, wie die Zeit genutzt werden sollte. Es wurde eine klare Trennung von Arbeitszeit und „Freizeit“ eingeführt, wobei die Arbeitszeit vorrangig dem Arbeitgeber dient, der darauf achtet, dass sie produktiv genutzt wird. Die Zeit wird damit zum bestimmenden Element, die das Leben der Arbeiter kontrolliert, für einen Zweck eingesetzt wird und damit einen Wert bekommt, der mit Geld ausgedrückt werden kann. Daher kommt ein Spruch auf, der das aufkommende, industrielle und kapitalistische Wesen gut zum Ausdruck bringt: „Zeit ist Geld“.

Die Uhr vergegenständlichte die Zeit und verbreitete sich bereits im 14. Jahrhundert auf Märkten und Städten. Man erkennt schon, dass sie hauptsächlich bei Händlern Verwendung fand, was erste Anzeichen für die Wichtigkeit der Uhr und der Zeit bei der späteren kapitalistischen Wirtschaft sind. Die Uhr bestimmte den Ablauf des Arbeiters. So erklang die Kirchenglocke, um das Zeichen zum rechtzeitigen Niederlegen und zum Erwachen zu geben, damit man pünklich mit der Arbeit beginnen konnte. Doch diente sie nicht nur ihrem Zweck, zumal sie im 17. Jahrhundert selten die genaue Uhrzeit anzeigte. Vor allem als Statussymbol wurde sie von der oberen Schicht getragen, um damit Prestige auszudrücken. Ende des 18. Jahrhunderts wächst die Bedeutung der Uhr derart, dass sie nicht nur der Oberschicht vorbehalten sein sollte. Thompson gibt an, dass sie mit Beginn der industriellen Revolution der „Nützlichkeit“ diente und nicht mehr nur dem „Luxus“, da eine „größere Synchronisierung der Arbeit verlangt“ wurde.5 Dies ist nur möglich, wenn alle Menschen, die mit einem bestimmten Wirtschaftsbereich verbunden sind, sei es als Arbeiter oder Aufseher, eine synchrone Zeiteinteilung und die selbe Uhrzeit besitzen. Hier wird wieder deutlich, wie die Uhr im kapitalistischen Zeitalter das industrielle Leben lenkt. Umso wichtiger wurde die ansteigende Bedeutung der Zeit und gleichzeitig der Besitz eines Zeitmessgerätes, das sich selbst einfache Arbeiter leisteten, wenn sie Geld übrig hatten.

[...]


1 hauptsächlich über britische radikale Bewegungen und die englische Arbeiterklasse

2 Rudolf Braun u.a. (Hg.): Gesellschaft in der industriellen Revolution, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1973

3 E.P.Thompson: Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus, in: Rudolf Braun u.a. (Hg.): Gesellschaft in der industriellen Revolution, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1973, S. 340

4 Thompson, Anm. 3, S. 342

5 Thompson, Anm. 3, S. 345

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Wie erklärt E.P. Thompson die Durchsetzung kapitalistischer Verhaltens-Normen und worin unterscheidet sich seine Sichtweise von der Max Webers in der "Protestantischen Ethik"?
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie und Sozialpsychologie)
Veranstaltung
Lektürekurs zur Einführung in die Soziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
9
Katalognummer
V146185
ISBN (eBook)
9783640549894
ISBN (Buch)
9783640552894
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
E.P. Thompson, Max Weber, Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, kapitalistische Verhaltensnormen, Soziologie
Arbeit zitieren
Carolin Strohm (Autor), 2008, Wie erklärt E.P. Thompson die Durchsetzung kapitalistischer Verhaltens-Normen und worin unterscheidet sich seine Sichtweise von der Max Webers in der "Protestantischen Ethik"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146185

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