Über John Constables "Lectures on Landscape"

Eine Darstellung der Entstehung der Vorträge, deren epochalen Kontext und deren Wirkung auf Constables Zeitgenossen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
30 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einführung

2 Zu den Vorträgen
2.1 Allgemeines
2.2 Gliederung der Vorträge

3 Constables Überlieferung der Geschichte der Landschaftsmalerei
3.1 Von der Antike bis zur Wiedergeburt der englischen Landschaftsmalerei
3.2 Constables „Grand Theorie“

4 Entstehung und Kritik der Vorträge
4.1 Die Entstehung der Vorträge
4.2 Constable und die zeitgenössische Kunstrezeption
4.3 Constables Taktik
4.4 Die Wirkung der Vorträge

5 Zusammenfassung

Bibliografie

1 Einführung

Diese Hausarbeit ist als Erweiterung des Referats zu betrachten, das ich am 30. Juni 2009 im Rahmen des Hauptseminars Constable gehalten habe. Ziel meiner Hausarbeit ist es, die Entstehung der Vorträge, deren epochalen Kontext und deren Wirkung auf Constables Zeitgenossen zu untersuchen. Ebenso war es mir wichtig, durch die von mir kommentierte Zusammenfassung der Vorträge im ersten Teil der Hausarbeit auf Constables realistisch-naturalistische Erzählperspektive der abendländischen Geschichte der Malerei hinzuweisen.

In meiner Recherche bemühte ich mich sowohl auf Quellenschriften (Leslie, Reynolds, Blake) als auch auf ältere und neuere Forschungsliteratur (Fry, Lambert u.a.) zurückzugreifen, um mir ein möglichst umfangreiches Bild von Constable als Künstler und Person zu verschaffen und seine Ideen über die Landschaftsmalerei und seine Zeit besser verstehen zu können. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit habe ich bewusst auf die Wirkung von Constables Vorträgen in der modernen Kunstrezeption verzichtet. In dieser Hausarbeit habe ich ebenso auf jegliche Abbildungen der von Constable erwähnten oder geschaffenen Kunstwerke verzichtet, aufgrund des rein literarischen Charakters meiner Untersuchungen, die allein auf den Inhalt der Vorlesungen und nicht auf dessen Widerspiegelung in Constables Malerei bezogen sind.

2 Zu den Vorträgen

2.1 Allgemeines

Am 17. Juli 1833 hielt John Constable eine Vorlesung zum Thema Landschaftsmalerei vor der Literary and Scientific Society of Hampstead. Dies war die erste von insgesamt fünf Vorlesungen, die Constable zwischen den Jahren 1833 und 1836 in Hampstead, Worcester und London hielt. Doch zwischen der ersten und der letzten Vorlesung (beide in Hampstead) lassen sich stilistische und inhaltliche Unterschiede feststellen: Während die erste noch aus losen Notizen vorgetragen wurde, die Constable erst später nach Anfragen von Freunden schriftlich zusammenfasste, war die letzte ein Ergebnis kontinuierlicher Recherche sowie mehrerer Überarbeitungen und Erweiterungen. Die Gesamtausgabe von Constables Vorträgen verdanken wir jedoch seinem engen Freund, selbst Maler und Schriftsteller, Charles Robert Leslie, der ein biografisches Werk über Constable verfasst hat. Das Buch enthält einen Briefwechsel zwischen ihm und Constable sowie seine Aufzeichnungen von fast allen Vorträgen Constables, deren Anordnung er im Großen und Ganzen an Constables mündliche Überlieferung angepasst hat.

Die Vorträge belegen den Gestaltungsprozess einer Theorie über die Landschaftsmalerei, die sich bei Constable im Laufe seines künstlerischen Schaffens entwickelte und die er in einer Typografie der Englischen Landschaft 1829 zum ersten Mal graphisch und schriftlich niederzulegen versuchte (Näheres zum Thema im Kap. 3.1.). Diese Idee entwickelte und erläuterte Constable in seinen Vorlesungen mit Hilfe von Kopien und Stichen berühmter Kunstwerke aus verschiedenen Epochen. Sie stammen meistens aus Constables eigener Sammlung, manche wurden sogar von Constable selbst angefertigt.

2.2 Gliederung der Vorträge

Nach Leslies Wiedergabe soll die in London gehaltene Vortragsreihe eine chronologisch-thematische Gliederung gehabt haben, auf der Constable selbst bestanden haben soll.1 Beckett griff auf dieses Schema in seiner Ausgabe von 1970 zurück, vereinte jedoch Leslies Notizen aus allen drei Orten, nämlich Hampstead, Worcester und London, jeweils unter einem Thema. Demnach handeln die ersten drei Kapitel von der Entstehung der Landschaftsmalerei und sind jeweils in drei bis fünf Unterkapitel unterteilt. Im ersten Kapitel, dessen Titel „The Origin of Landscape“ lautet, gibt Constable die Geschichte der abendländischen Malerei von der Antike bis zum 17. Jahrhundert wieder, die er mit Tizians Petrus Martyr als Höhepunkt abschließt. Das zweite Kapitel handelt ausschließlich von der Entstehung und der Entwicklung der Landschaftsmalerei, mit Betonung auf die bolognesische und die franco-romanische Schulen. In der dritten Vorlesung kommt er auf die holländische und flämische Schulen zu sprechen, sowie deren Unterschiede. Doch Constables Überlieferung der Geschichte der Malerei ist keine objektive Überlieferung, sondern unterliegt seinen eigenen Vorstellungen und Meinungen. Er gliedert die ersten Vorträge in einer Weise, die seine große These in den letzten zwei Vorträgen belegt und unterstützt: „But I’m very desirous, if not too late, that my second and third lectures should follow without a break - the first stands best alone, as a good deal of it is necessarily introductory to the others. Therefore if they were - Tuesday, Thursday, Friday - I should like it…”2 So findet man bereits in der zweiten Vorlesung über die Entstehung der Landschaftsmalerei zwei Unterkapitel, in denen Constable jeweils den von ihm so genannten „Manierismus“ und die französische Schule (eigentlich den Rokoko-Stil) kritisiert. Die vierte Vorlesung nannte Constable „The Decline and Revival of Landscape“. In diesem Vortrag lobt er die englischen Denker und Künstler wie Gainsborough, Reynolds, Wilson, Cozens und Girtin, die die europäische Landschaftsmalerei in ihrer reinsten Form wiederbelebt hätten. Die letzte Vorlesung ist der Landschaftsmalerei als Gattung gewidmet und hat den verallgemeinernden Titel „On Landscape“. In diesem Kapitel legt Constable seine große Theorie zur Landschaftsmalerei und seine Begründungen detailliert dar.

3 Constables Überlieferung der Geschichte der Landschaftsmalerei

3.1 Von der Antike bis zur Wiedergeburt der englischen Landschaftsmalerei

In seiner Überlieferung der Entstehung und Entwicklung der Landschaftsmalerei erwähnt Constable einige Künstler, deren Werke, seiner Meinung nach, zu der Entwicklung der Landschaftsmalerei als unabhängige Gattung am meisten beigetragen haben. Die Merkmale, auf die Constable in diesen Werken Wert legt, spiegeln seine eigene Vorstellung von einer treuen Wiedergabe der Natur. Die Kommentare zu den Werken sowie zu ihren Meistern verraten seine Denkweise und sind der Schlüssel zum Verstehen seiner „Grand Theory“.

Constable beginnt mit der Erwähnung der antiken Kunst, die jedoch in dem „allgemeinen europäischen Unglück“,3 also im Mittelalter, verloren gegangen sei. In dieser dunklen Zeit sei die Wiedergabe der Natur in der Bildenden Kunst bis zur Lächerlichkeit unnatürlich gewesen.4 Er veranschaulichte die zaghaften Versuche der Wiedergabe einer Landschaft durch eine Kopie des Bayeux-Teppichs, auf dem die Eroberung Englands durch William unter anderem in Bildern von bäumefällenden Männern dargestellt ist. Dort repräsentieren einzelne Bäume einen ganzen Wald. Ebenso sei es mit den Messbüchern, in denen ein Garten durch eine einzige Blume oder einen Blumenstrauß dargestellt ist. Doch in den Versuchen einer historischen Darstellung größerer Maßstäbe, wie die Passion Christi oder das Kruzifix, sei die reale Wiedergabe der Natur und deren Phänomene unerlässlich geworden, denn der Künstler müsse den Boden darstellen, auf dem das Kreuz stehe, oder den Himmel, auf dem sich das Leid Christi reflektiere. Hier also, meint Constable, in diesen groben und mangelhaften Darstellungen, solle man den Ursprung der Landschaftsmalerei suchen5. Hier entsteht der Eindruck, dass Constable die Bedeutung und die Regeln der mittelalterlichen Kunst, trotz genauer Beobachtung, weniger verstanden zu haben scheint. Denn er geht hier nicht auf die Abstraktion oder den symbolischen Wert dieser Darstellung ein, sondern betrachtet sie lediglich als mangelhaft. Dennoch erwähnt er die pädagogische Bedeutung dieser Werke für die analphabete Bevölkerung des Mittelalters und betont deren geistige Ästhetik. Zwar seien nicht alle Maltechniken den mittelalterlichen Künstlern bekannt, aber sie wüssten „die heilige Wahrheit des Christentums“ mit großer Ehrlichkeit darzustellen und ihre Bilder wären gefüllt mit Natürlichkeit und Reinheit ihrer Gefühle.

Nun geht Constable zu der Geburt der Landschaftsmalerei in der frühen Renaissance über. Er erwähnt, dass ihre Anfänge bereits in den Fresken Cimabues und Giottos zu finden seien, die nach Berichten sehr beeindruckend sein sollen und eine große Darstellungskraft besäßen. Ebenso berichtet er seinem Publikum, dass die Landschaftsmalerei in ihren Anfängen nicht als eine separate Gattung bekannt war, sondern als eine Ergänzung in der Historischen Malerei. Doch gerade mit der Entwicklung der letzten und der Entdeckung der Perspektive kam es zum Durchbruch in der Landschaftsmalerei, der zu ihrer selbstständigen Weiterentwicklung führen sollte.

An dieser Stelle erwähnt Constable einige Künstler, die in dem frühen Stadium der Entwicklung der klassischen Malregeln eine große Rolle gespielt haben: Ghirlandaio, Barnardo und Paolo Uccello. Jedoch sei der erste Künstler, der die Landschaft in seinen Werken am besten darzustellen gewusst habe, Raffael. Constable lobt die elegante und detaillierte Weise, in der Raffael die kleinsten Details der pflanzlichen Welt in seinen frühen Werken wiedergab. Besonderes wäre ihm die Wiedergabe einer bestimmten Atmosphäre gelungen, die Constables in seine Theorie als einer der wichtigsten Aspekte der wahren Landschaftsmalerei mit einbezieht: „the serenity imparted to the picture by an exceedingly elegant landscape, aids the religious feeling which reigns over the whole.”6 Als Beispiel nennt er Rafaels Fresken im Vatikan.

Als nächstes kommt Constable auf die nördlichen Malschulen zu sprechen, von denen er eher ein negatives Bild entwirft: „In their hands dignity of subject never excluded meanness, and the wretched material introduced into their historical pictures could have led to nothing, or worse then nothing, impressive.”7 Dies läge an den vielen kleinen Details aus dem Alltag, die trotz ihrer Lächerlichkeit und mangelhafter Ästhetik in das Bild miteinbezogen würden. Die einzigen, die sich, nach Constable, über solche künstlerischen Sünden erhoben hätten, wenn auch nicht ganz auf sie verzichtet, seien Dürer und Lucas van der Leyden. Der Hintergrund der Fortuna, z.B., sei eine große Ausnahme in der nördlichen Kunst. Von Dürer und seiner Schule käme eine neue Generation von Künstlern, von denen Tizian der größte sei. Hiermit schafft Constable die Verbindung zum nächsten Thema: die venezianische Schule.

Erst in Venedig, im „Herzen der Farbe“, sei die Kunst der Nachahmung wirklich verstanden und von hier aus in ganz Europa verbreitet worden. Denn die Malerei sei von der Farbgebung mehr als von jedem anderen technischen Aspekt abhängig und gerade in Venedig sei die Farbe zur Perfektion gebracht worden. Hier kommt Constable auf einen der Kerngedanken seiner Theorie zu sprechen: den Intellekt bzw. die Wissenschaft und die Poesie der Malerei. Constable war der Meinung, dass man nicht behaupten könne, die Schönheit der „Farbe“ sei nicht intellektuell. Das heißt, die Poesie in den venezianischen Bildern müsste nicht durch Zufall oder Intuition, sondern durch das Verstehen erzeugt worden sein. Und der Künstler, der die Farbe und ihre Regeln am besten verstanden habe, sei Tizian. Constable widmet dem venezianischen Maler ein ganzes Kapitel, in dem er seine Malerei anhand eines seiner berühmtesten Werke, Die Ermordung des Petrus Martyr, genauer analysiert.

Das Besondere an diesem Werk sei nicht die Hauptfigur, meint Constable, sondern der Hintergrund, der als Grundlage für alle Arten von Landschaften betrachtet werden könne, auf die jede europäische Schule im Laufe des nächsten Jahrhunderts zurückgegriffen habe. Das Bild sei weder reine Historien- noch Landschaftsmalerei, sondern enthalte beide gleichermaßen in sich. Zudem habe Tizian beide Gattungen so zu kombinieren gewusst, dass sie einander ergänzen. Die detailreiche Landschaft sei nicht mehr als Ornament dargestellt, sondern spiegelte das Geschehen und die Atmosphäre wider. Der niedrige Horizont trüge zu der Monumentalität der Figuren und der Komposition bei. Die naturtreue Wiedergabe sei jedoch nicht nur der Landschaft zugeschrieben, sondern auch den Figuren und der Situation. Doch Constable beschreibt äußerst detailliert ein Bild, das er im Original nie gesehen hat und er gibt zu, dass ihm der Gesamteindruck dieses Werks nur durch Berichte bekannt geworden ist.8 Dennoch bleibt es im Wesentlichen unklar, auf welche Kopien genau er in seinen Vorlesungen Bezug nimmt. In den Notizen von der Vorlesung an der Royal Academy berichtet Leslie von einer alten Druckgraphik und mehreren Kopien der angeblich originalen Skizzen Tizians, die er zu dem Bild angefertigt hat und die Constable seinem Publikum als Beweismaterial präsentierte. Eine von ihnen soll, nach Leslies Bericht, aus der Sammlung von Sir Thomas Lawrence gewesen sein. In der Hampstead Vorlesung schließt Constable in seiner Beschreibung zum Bild auch Farbangaben ein, denen es jedoch schwierig ist, eine plausible Farbkopie zuzuordnen.9 Die Vielfalt der Reproduktionen und Druckgrafiken des berühmten Werkes konnten jedoch sicherlich, trotz kleiner Abweichungen, Constable einen Gesamteindruck vermitteln.

Von nun an, meint Constable, konnte sich die Landschaftsmalerei als eigenständige Gattung weiterentwickeln. Die Bolognesische Schule, gegründet von dem flämischen Maler Denis Calvaert, entwickelte sich parallel doch unabhängig zu der venezianischen und brachte eine weitere Generation von großen Künstlern wie Francesco Albani, Domenichino, Guido Reni und die Brüder Agostino und Annibale Carracci. Obwohl sie alle Historienmaler waren, so Constable, konnte sich die Landschaftsmalerei unter ihren Pinseln ungestört weiterentwickeln. Die Landschaften in Domenichinos Bildern z.B.seien trotz des „Stempels der Komposition“ von höchster Qualität.

[...]


1 Siehe Zitat und Anm. 2 weiter unten.

2 Beckett, R. B. (Hrsg.): John Constables Discourses. Suffolk, 1970. S. 31.

3 „General wreck of Europe“, Beckett, S. 41.

4 The artist was compelled to give some imitation, however ridiculously unnatural, of the trees and of

5 “Here, then, however rude and imperfect, we are to look for the origin of landscape“, Beckett, S.41.

6 Beckett, S. 44.

7 Beckett, S. 44.

8 „The noble conception of this great work is equalled, I am told, by its breadth and its tone…“ Constable, Vortrag in Hampstead, Juni 1833. In: Leslie, Charles R., Mayne, Jonathan (Hrsg.): Memoirs of the life of John Constable. London, 1951. S. 294.

9 Beckett, S. 50.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Über John Constables "Lectures on Landscape"
Untertitel
Eine Darstellung der Entstehung der Vorträge, deren epochalen Kontext und deren Wirkung auf Constables Zeitgenossen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Kunsthistorisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar "Constable"
Note
1.7
Autor
Jahr
2010
Seiten
30
Katalognummer
V146626
ISBN (eBook)
9783640576074
ISBN (Buch)
9783640575923
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John Constable, Englische Landschaftsmalerei, Lectures on Landscape, Kunstgeschichte, Malerei, Kunst
Arbeit zitieren
Irina Jabotinsky (Autor), 2010, Über John Constables "Lectures on Landscape", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146626

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