Paul Cézanne: Stillleben mit Äpfeln und Orangen


Seminararbeit, 2004
45 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Bildbeschreibung - Bildgestaltung
1.1 Motiv(wahl)
1.2 Bewegungs-Komposition
1.3 Verzerrte Perspektive(n)?
1.4 Farbe
1.5 Emanzipation des Stilllebens
1.6 Zusammenfassung
2. Intention
2.1 Intention - malen was man sieht!
2.2 Die Wahrnehmung
2.3 Natur
3. Die Auswirkung(en) Cezannes
3.1 Einfluss des Impressionismus
3.2 Aufhebung der Gattungshierarchie
3.3 Cezanne und Matisse
3.4 Cezanne und der Kubismus
4. Cezanne - ein Vater der Moderne?

III. Fazit

V. Bildverzeichnis

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Das Thema dieser Hausarbeit befasst sich mit dem Spätwerk Paul Cezannes Stillleben mit Äpfeln und Orangen, das er 1895-1900 mit Öl auf einer 73 x 92 cm großen Leinwand gemalt hat und sich heute in Paris, im Musee d’Orsay befindet. Diese Stilllebendarstellung veranschaulicht sehr gut, welche Intention Cezanne mit seiner Malerei verfolgt hat. Aus diesem Grund wird dieses Werk einleitend genutzt, um die Aufgabe des Künstlers und dessen Ziel nach Auffassung Cezannes vorzustellen. Dabei wird ebenfalls die Cezanne’sche Art und Weise zu malen veranschaulicht, die einerseits der Weg gewesen ist, seinen künstlerischen Absichten näher zu kommen, und andererseits die Form gewesen ist, seine künstlerische Absicht(en) am besten zum Ausdruck zu bringen.

Deshalb beginnt diese Arbeit mit einer ausführlichen Bildbeschreibung (Kap. 1), wodurch bereits die Besonderheiten der Cezanne’schen Malweise z. T. sichtbar werden sowie auch Grundzüge seiner Intention. Auf die Intention - vor allem das Problem der Wahrnehmung - geht diese Arbeit im nächsten Schritt genauer ein (Kap. 2).

Das dritte Kapitel verdeutlicht einerseits, wie bzw. wodurch die Malweise Cezannes die bis dahin noch in den Akademien herrschende Gattungshierarchie abgelöst hat und welche (anderen) Auswirkung(en) die malerische Darstellung(en) dieses Künstlers sowohl auf seine Zeit (zum Beispiel Weiterentwicklung bzw. sogar Ablösung des Impressionismus) wie auch auf die spätere(n) Generationen (besonders Matisse und den Kubismus) gehabt hat. Andererseits wird in diesem Kapitel veranschaulicht, warum Cezanne heute neben Van Gogh und Gaugin als einer der Väter der Moderne bezeichnet wird (Kap. 3).

Dementsprechend liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit besonders auf der Erläuterung der visuellen Wahrnehmung eines Motivs nach Cezanne und deren künstlerische Umsetzung, wobei die Auswirkung(en) seiner Kunst ebenfalls vorgestellt werden.

In den Argumentationen stützt sich diese Arbeit hauptsächlich auf zwei Autoren: Gottfried Boehm und Maurice Morleau-Ponty. Außerdem bezieht sich diese Arbeit auf die Ansichten bzw. Aussagen unter anderem von Maurice Denis,

Friederike Kitschen, Dorothe Lehmann, und Meyer Schapiro und Richard Shiff. Zusätzlich werden Äußerungen bzw. Berichte unterschiedlicher Zeitgenossen des Malers zitiert, wie zum Beispiel Emile Bernard, Louis de Bail und Paul Serusier sowie Cezanne selbst.

II. Hauptteil

1. Bildbeschreibung - Bildgestaltung

1.1 Motiv(wahl)

Das Spätwerk Cezannes Stillleben mit Äpfeln und Orangen (Bild. 1) ist auf den ersten Blick sehr verwirrend.

Eine hell-leuchtende, weiß-graue und z. T. gelblich-blaue Fläche erfasst als erstes den Blick des Betrachters. Es ist ein weißlicher Stoff, der auf einem Tisch gefaltet ist und den Vordergrund des Bildes bestimmt. Auf diesem befinden sich rot­orange-gelbe Kugeln, die als Früchte - dem Bildtitel nach: als Äpfel und Orangen - zu definieren sind. Ein weißer Krug, der verziert ist mit Blumen bzw. anderen undefinierbaren, bunten, die Farben der Früchte aufgreifenden Ornamenten, eine weiße, ovale Obstschale mit Orangen sowie ein ebenfalls weißer, runder und scheinbar nach vorn kippender Teller, auf dem sich Äpfel befinden, sind zusätzlich zu den lose-verteilten Früchten auf der weiß-leuchtenden Tischdecke platziert.

Diese helle Stoffdecke, inklusive der sich darauf angeordneten Gegenstände, bildet einen Kontrast zu den dunkleren, schwer wirkenden und hauptsächlich in Blau-Tönen gehaltenen Stoffen, die in den Hintergrund gerückt sind, und die auch die reinen Gelb-, Orange- und Rot-Töne der Früchte sowie der Ornamente des Kruges enthalten bzw. wideraufgreifen. Dabei ist der linke Stoff eher mit warmen und eckigen Ornamenten verziert, wobei der rechtete mehr mit kälteren und gerundeten Mustern geschmückt ist. Fließend verlaufen die Stoffe dank ihrer Falten ineinander.

Das ganze Bild ist von den wild-drapierten, in sich tummelnden, zum Eigenleben erwachenden Stoffen ausgefühlt. Wie Berge eines Landschaftsbildes tummeln sich die blauen Stoffe im Hintergrund - ähnlich den Landschaftsbildern, die das Motiv Montagne Saint Victor darstellen (Bild.2). Von allen vier Bildrändern werden diese Stoffe überschnitten. Und nur die Bildecke rechts-oben ist mit einem braunen Ton ausgefühlt und somit nicht durch die Stoffe umhüllt, was einen Blick auf ein Fragment der Wand hinter der Stoffkomposition zulässt - ähnlich den früheren Stilllebendarstellungen Cezannes, in denen die Wand hinter der Motivkomposition, wie eine Fläche sichtbar bzw. erfassbar ist (Bild.3).

1.2 Bewegungs-Komposition

Der blaue Hintergrund-Stoff in der linken Bildhälfte ist, wie bereits erwähnt, dunkler als in der rechten (s. Kap.1.1). Auf Grund dieser Schattierung der blauen Stoffe entsteht eine runde Bewegung, die von der rechten-unteren Bildecke zum oberen Bildrand verläuft und am rechten Bildrand unten endet. Dadurch wird das Szenario auf der weißlichen Decke noch mehr in den Vordergrund gerückt, so dass es fast aus dem Bild heraus zu fallen bzw. herausgedrückt zu werden droht. Unterstützt wird dieser Effekt durch den schweren Faltenwurf des weißlichen Stoffes, der in einer kubus-ähnlichen Form leicht diagonal - widersprüchlich den Gesetzen der Schwerkraft - nach rechts-unten fällt, so dass er in diese Richtung auch die Früchte und das Geschirr mit sich zieht. Der einzelne Apfel, der genau in der Bildmitte platziert ist, scheint ebenfalls mit der Decke bzw. von der Decke abzurollen. Unterstützt wird dieser Fall bzw. Zug der weißlichen Decke noch zusätzlich durch den nach vorn-rechts scheinbar kippenden Apfel-Teller. Auf diese Weise entsteht eine dynamische Diagonale, die das komplette Arrangement auf der Tischdecke mit sich aus dem Bild hinaus zu ziehen droht.

Wird diese Linie (von unten-rechts nach oben-links) weiter verfolgt, so entdeckt der Betrachter eine Obstgruppe hinter dem Teller. Diese Früchte werden nach hinten hin immer kleiner und scheinen sich dadurch in dem dicken Stoff zu verlieren, was wiederum eine Tiefenwirkung erzeugt und somit ebenfalls ein Gegengewicht zu dem herunter fallenden Obst auf der herabrutschenden Decke. Ungewiss ist, ob die Obstschale und der Krug ebenfalls mit der Tischdecke abrutschen, denn es kann nicht definitiv bestimmt werden, ob sie tatsächlich auf dieser weiß-leuchtenden Decke stehen. An der Stelle nämlich, an der diese beiden Gegenstände den weißen Stoff berühren sollten, scheinen diese eher mit der Decke, auf Grund der fehlenden Konturen und dem gleichen Weiß-Ton, zu verschmelzen, so dass sie auch hinter und nicht nur auf der Decke stehen könnten. Stehen sie auf der Decke, so rutschen sie mit hinunter, stehen sie hinter der Decke, so bilden sie eine Gegenkraft zu dem Herabrutschen. Stehen sie auf der Decke, so gehören sie noch zum Vordergrund, stehen sie hinter, so gehören sie zum Hintergrund.

Eine weitere Gegenbewegung zu der dynamischen, herabrutschenden Diagonalen wird durch die Schräge der kaum sichtbaren Tischplatte, da sie durch die Fülle der Drapierungen fast vollkommen verdeckt wird, gebildet. Diese Bewegung vollzieht sich von rechts-oben nach links-unten. Eine Parallele verläuft zu dieser Tischoberkante. Diese wird aus den vor dem Krug in zwei Parallellinien angeordneten Früchten und dem Bildmittelpunkt-Apfel gebildet, wodurch die die Dynamik hemmende Gegenbewegung verstärkt wird. Diese beiden Parallelen nämlich verlaufen viel flacher zu den horizontalen Bildrändern als die bedrohende Diagonale, so dass sie das Herabrutschen der Tischkomposition stoppen. Zusätzlich wird das Hinabrutschen der Bildelemente durch den senkrechten Fuß der Obstschale, auf der sich die Orangen befinden, gebremst. Diese Senkrechte des Schalenfußes wird ebenfalls durch das fast senkrechte, unter der weißen Decke hervorblickende Tischbein und die zweite Falte der weißen Decke in der linken Bildhälfte, die senkrecht vom Tisch fällt, aufgenommen. Diese Falte ähnelt zwar auch einem Kegel, jedoch steht dieser nicht wie die große Deckenfalte kopfüber, sondern wird immer breiter, je näher er dem unteren Bildrand entgegen kommt, so dass das Gefühl der Stabilität verstärkt wird.

Diese Stabilität wird außerdem noch einerseits durch die Komposition des Stilllebens auf der weißlichen Decke, andererseits durch die Horizontale, an der sich der helle, weißliche Stoff mit den dunklen, blauen berührt, unterstützt. Die durch die Stoffe gebildete Horizontale lässt nämlich eine Horizontlinie (wie in einem Landschaftsbild) assoziieren und die Komposition der Früchte ist eine gezielte Dreieck-Tischkomposition. Beide vermitteln das Gefühl von Festigkeit und Ordnung. Die Basis der Dreieckkomposition bildet die bereits beschriebene Parallele zu der Tischplatte (s.o.). Die zweite Linie des Kompositionsdreiecks beginnt an dem äußersten Apfel in der rechten Bildhälfte, der auf der Tischecke liegt. Sie läuft über den Krug hindurch bis zu der obersten Orange auf der Obstschale, von wo aus die dritte Dreieckslinie entlang der Orange, die am meisten links auf der Schale liegt, und an den Äpfeln auf dem Teller entgegen der linken-unteren Bildecke verläuft. Abgesehen von dieser die Stabilität des Bildes unterstützende Tischkomposition wirken zusätzlich die Gegenstände auf der Decke, sowohl die Früchte, wie auch das Geschirr, wie Figuren auf einer Bühne, was wiederum ein Gefühl von Ordnung und Statik verleiht.

Eine solche zwiespältige Komposition, die einerseits bewegt und chaotisch und andererseits doch in sich ruhend und geordnet wirkt, ist ein wesentliches Merkmal der Malweise Cezannes, was sowohl in den früheren (Bild.4) als auch späteren (Bild.5, Bild.6) Werken des Künstlers beobachtbar ist. Besonders die bühnenhafte Anreihung der Gegenstände ist in den früheren Bildern Cezannes sichtbar (Bild.3, Bild.7).

Besonders wenn der Betrachter diese scheinbar ruhig wirkenden Bildbeispiele vor Augen hat, wird ihm sowohl der geordnete Chaos und die überladene Fülle der Stoffe als auch der Erfindungsreichtum des Bildes Stillleben mit Äpfel und Orangen deutlich.

1.3 Verzerrte Perspektive(n)?

Ein Aspekt, der die gerade beschreiben Stabilität des Bildes außer Kraft setzt, ist die ständig schwankende Einteilung des Vordergrund und Hintergrund: Einerseits wird dank der Dreieck-Tischkomposition, der Bildhorizontalen (zwischen dem hellen und dunklen Stoffen) und der Obstgruppe hinter dem Teller das Bild eindeutig in Vordergrund und Hintergrund eingeteilt. Besonders, da die Früchte, die nicht auf der weißlichen Decke liegen und sich hinter dem Apfelteller befinden, eine Tiefenwirkung verursachen (s. Kap. 1.2) und infolgedessen nicht mehr zum Vordergrund gehören, sondern eher einen Verbindungspunkt zum Hintergrund herstellen. Andererseits springt der Blick des Betrachters ununterbrochen zwischen dem Vordergrund und Hintergrund. Dieses wird vor allem durch die Berührungsstellen zwischen der Tischdecke, der Obstschale und dem Krug, die ihren Standpunkt zwischen dem Vordergrund und Hintergrund abwechselnd verändern (s. Kap. 1.2), erzeugt. Nur der dunkle, drapierte Stoff scheint definitiv den Hintergrund zu bestimmen - wie auch Berge in der Landschaft diese Funktion übernehmen (s. Kap. 1.1). - Dabei erinnert die Berührungslinie zwischen dem hellen und dunkleren Stoff zusätzlich an eine Horizontlinie (s. Kap. 1.2), wodurch dem Bild doch (noch) ein ruhender Pol verleihen wird.

Ein anderer Aspekt durch welchen dieser Kippeffekt zwischen dem Vorder- und Hintergrund entsteht, ist die Darstellung der Gegenstände in unterschiedlichen Perspektiven. Die Obstschale und der Krug scheinen eher flächig als dreidimensional dargestellt zu sein und der bereits mehrmals erwähnte, scheinbar kippende Teller kippt gar nicht, sondern ist in eine Schrägstellung gesetzt. Dieser Effekt wird dank eines Holzklotzes, der unter den Teller geschoben wird und noch unter der Decke zu erblickenden ist, erreicht. Dadurch wird eine Darstellung einer größeren Aufsicht als bei den anderen Bildelementen ermöglicht. Demzufolge entsteht bei dem Betrachter der Eindruck, er sehe die unterschiedlichen Bildelemente in unterschiedlichen Ansichten auf ein Mal.

Dieses Verfahren, d.h. mehrere Ansichten bzw. Perspektiven auf ein Mal darzustellen, ist ebenfalls typisch für die Darstellungen Cezannes. Oft stellt er die vorhandenen Gegenstände in verschiedenen Perspektiven da, so dass mehrere Ansichten auf einen Blick ermöglicht werden (Bild.8, Bild.9).

Ulrike Becks-Malorny schreibt in ihrer 1995 publizierten Monografie P. Cezanne, Wegbereiter der Moderne, dass Cezanne in seinen Bildkompositionen jeglichen „Eindruck von Künstlichkeit“ bzw. „einer perfekten Illusion“ vermeiden will und deshalb sich zum Beispiel Holzklötze oder Bücher bedient, mit derer Hilfe er die Gegenstände in „Schrägstellung“ versetzt.1 Möglicherweise ist (gerade) aus diesem Grund der Holzpflock auf dem Bild zu sehen - damit der Betrachter weiß, dass es keine Illusion ist, die er dort auf dem Bild sieht, sondern die Wirklichkeit. - Denn im Grunde genommen ist „die erlebte Perspektive, nicht diejenige unserer Wahrnehmung.“ Es ist eher „die geometrische oder photographische Perspektive: In der Wahrnehmung erscheinen die nahen Gegenstände kleiner, die fernen größer als auf einer Photographie (...) Zu behaupten, ein von der Seite betrachteter Kreis sähe wie eine Ellipse aus, heißt der wirklichen Wahrnehmung das Schema dessen zu substituieren, was wir sehen müssten, wenn wir eine Kamera wären: In Wirklichkeit sehen wir eine Form, die um die Ellipse herum oszilliert, ohne eine Ellipse zu sein“2, stellt Maurice Morleau-Ponty in seinem Aufsatz „Der Zweifel Cezannes“ fest.

Folglich ist es, nach Becks-Malorny Auffassung, Cezanne möglich dank dieser „verzerrten Perspektiven, Tiefenräumlichkeit zu suggerieren“ und „gleichzeitig die Zweidimensionalität der Bildfläche zu betonen.“ Dadurch gelingt es Cezanne ebenfalls „eine völlig neue Art gegenständlicher Darstellung im Raum [zu erreichen] (...) Das Stillleben neu auf der Basis der Zweidimensionalität zu erfinden und ihm Raumtiefe zu verschaffen, allein durch künstlerische Mittel.“3 Dieses gelingt Cezanne vor allem, da er den Raum als „das Substrat, aus dem die Dinge entstehen, in dem sie aber auch Zusammenhang erfahren“4 betrachtet. Für Cezanne ist der Raum „der Bereich, in dem Ding und Nicht-Ding ihre schwebende, zugleich aber auch dauerhafte Identität beweisen. Cezannes irritationsloser Blick auf das Motiv deutet es nicht als ein Stück sichtbarer Außenwelt, sondern als einen anschaulichen Inbegriff der erscheinenden Dinge, der gewählte Ausschnitt erweist sich als eine Totalität“5 (s. Kap. 2.1), wie es Gottfried Boehm in seiner 1988 erschienenen Monografie P. Cezanne, Montagne Sainte-Victoire, trefflich formuliert.

1.4 Farbe

Die Zweidimensionalität, die Tiefenwirkung und der Kippeffekt sind jedoch nicht nur in der perspektivischen Deformation und kompositorischen Darstellung begründet. Auch dank der perfekt aufeinander abgestimmten Farben entsteht einerseits ein Wechselspiel zwischen der 2-D und 3-D Wahrnehmung und somit das Gefühl einer verzerrten Perspektive. Andererseits besteht auf der Bildfläche ein perfekt aufeinander abgestimmter, harmonischer Farb-Übergang der Bildmotive.

„Wie macht er das nur?“ hat sich Renoir gefragt. „Er kann keine zwei Farbtupfen auf die Leinwand setzen, ohne dass daraus etwas sehr Gutes wird.“6 Kein Pinselstrich ist unüberlegt auf die Leinwand gesetzt, was manchmal stunden dauern konnte, denn „jeder Pinselstrich musste eine Unendlichkeit von Bedingungen erfühlen.“ Er musste „die Luft, das Licht, den Gegenstand, die Ebene, den Charakter, die Zeichnung, den Stil enthalten“, wie es Emil Bernard berichtet.7

Dabei geht es Cezanne nicht um das Schaffen „schöner Werke“, sondern in erster Linie um das Erlangen immer neuer Einsichten durch das Malen selbst, was sich besonders darin äußert, dass er nicht selten seine „Bilder nach getaner Arbeit vor seinen Motiven liegen gelassen, dort [einfach] vergessen“ hat.8 Somit wundert es auch nicht, dass sich Cezanne für seine Bild-Kompositionen auch Zeit genommen hat, wie es Louis Le Bail bei einem Besuch im Atelier des Künstlers beobachtet hat: „Das weiße Tuch kaum, mit angeborenem Empfinden, auf dem Tisch drapiert, da legte er sich die Pfirsiche zurecht, indem er die Farbtöne schroff gegeneinander setzte und die Komplementärfarben zum Schweigen brachte, die grünen Töne gegen die roten, die gelben gegen die blauen, und indem er die

Früchte so drehte, neigte und ausbalancierte, wie er es haben wollte, wobei er dafür Ein- oder Zwei-Sous-Stücke zu Hilfe nahm. Er tat das mit größter Sorgfalt und viel Behutsamkeit, man spürte, dass es für ihn eine Augenweide war.“9

Üppige, warme Töne bestimmen auch in dem Bild Stillleben mit Äpfeln und Orangen die Farbe der Früchte, wogegen das Blau der Hintergrund-Stoffe kontrastiert und die leuchtende Decke mit ihrem weißen Geschirr Licht ins Bild bringt. Eine lebendige Farb-Harmonie beherrscht diese Leinwand. Denn, Cezanne „entwickelt die Komposition aus einzelnen über die Leinwand verteilten Farbtupfern, aus denen sich allmählich Form und Volumen eines Gegenstandes aufbauen“10 wobei anzumerken ist, dass für Cezanne Formen, Volumen sind.11 Diese Farb-Harmonie entsteht vor allem durch die „koloristische Logik“ der Farben und nicht nur dank ihrer Anordnung auf der Leinwand-Fläche. Damit ist „eine Folge benachbarter, nach Farbe und Helligkeit ähnlicher, wenn auch klar unterschiedlicher Töne“ gemeint, d.h. dass sich die „kolonistische Logik“ aus den Primär- und Sekundärfarben herausbildet, wobei die Primärfarben das Fundament bilden, da sie „eigenständig“ sind und sich „wechselseitig nicht herleiten lassen.“ Jedoch „als bildliche Valeurs treten sie in Beziehung, wirken sie sich aus. Cezanne befreundet sie, indem er den drei primären Energien jene zugestellt, die sich vermittels wechselseitiger Mischung aus ihnen ergeben“: d.h., Violett (gebildet aus: Blau-Rot), Grün (gebildet aus: Gelb-Blau) und Orange, das zu hellem Braun getrübt wird (gebildet aus: Rot-Gelb). „Damit entsteht eine Folge von Nachbarschaften, innerhalb derer schon die bloße Farbstellung Nähe und Ferne, Wärme und Kälte oder Licht und Schatten veranschaulichen kann“, wie es Gottfried Boehm in seiner Monografie vermittelt.12

Dieser gestalterische Vorgang ist ein mühsames „Modulieren“ mit Farben. Dabei geht Cezanne zwar von der Farbe des Gegenstands aus, zum Beispiel dem Rot­Gelb eines Apfels, bindet diese jedoch „zugleich in ein bildinternes Gefüge ein, das eigenen Kontrast- und Harmoniegesetzen folgt. So löst er die Farben von der unmittelbaren Gegensandsbeschreibung und stellt ihren Eigenwert heraus.“13 Zugleich bedient er sich eines Farbauftrags, der „in parallel nebeneinander liegenden Strichen“ verläuft und „der immer unabhängiger von den Gegenstandsformen und -grenzen die Bildoberfläche bedeckt.“

[...]


1 Becks-Malorny.1995, S. 55.

2 Merleau-Ponty. 1994, S. 45.

3 Becks-Malorny.1995, S. 55.

4 Boehm. 1988, S. 89.

5 Ebd.

6 Zitiert nach: Denis. 1998, S.50.

7 Zitiert nach: Morleau-Ponty. 1994, S. 43.

8 Boehm. 1988, S. 10.

9 Zitiert nach: Becks-Malorny. 1995, S. 56.

10 Becks-Malorny. 1995, S. 57.

11 Denis. 1998, S. 59.

12 19 Boehm. 1988, S. 87-89.

13 Kitschen. 2000, S.106.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Paul Cézanne: Stillleben mit Äpfeln und Orangen
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Französische Malerei
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
45
Katalognummer
V146840
ISBN (eBook)
9783640577606
ISBN (Buch)
9783640577972
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
paul cezanne, äpfel und orangen, stillleben mit äpfeln und orangen, französiche malerei, vater der moderne, väter der moderne, cezanne, wahrnehmung, kunst der moderne, klassische moderne, kunstgeschichte, malerei
Arbeit zitieren
Agnieszka Studzinska (Autor), 2004, Paul Cézanne: Stillleben mit Äpfeln und Orangen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146840

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